Sonntag, 1. Juli 1990

Gedenken an Friedrich Hölderlin

(20. März 1770 - 7. Juni 1843)
Wir gedenken des deutschen Dichters Friedrich Hölderlin anläßlich des 220. Jahrestages seines Geburtstages. Hölderlins zu gedenken heißt, sich zugleich die neue Lebens- und Gottschau ins Bewußtsein zu rufen, die er voraussah und zu verkünden suchte. Hölderlin verstehen heißt, die Notwendigkeit seiner glühenden Forderung zu fühlen, daß "alles von Grund aus anders" werde. "A Deo principium" hieß Hölderlins Losung; "alles im Tiefsten vom Göttlichen her bestimmt", so sollten auch wir von einer späteren und fortgeführten gedanklichen Grundlage her unser Wollen umreißen.
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O selige Natur! Ich weiß nicht, wie mir geschiehet, wenn ich mein Auge erhebe vor deiner Schöne ... und mir ist, als löste der Schmerz der Einsamkeit sich auf ins Leben der Gottheit.
Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.
Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden ...
(Hyperion)
Die selige Einigkeit, das Sein, im einzigen Sinne des Wortes, ist für uns verloren, und wir mussten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten.
(Entwurf einer Vorrede zu Hyperion)
Der Mensch sucht also .... seine Bestimmung zu erreichen, welche darin besteht, daß er sich als Einheit in Göttlichem ... enthalten, so wie umgekehrt, das Göttliche, ... in sich, als Einheit enthalten erkenne. ... dies ist allein in schöner heiliger, göttlicher Empfindung möglich, ...
(Über die Verfahrensweise des poetischen Geistes)
                                                                                                            Hölderlin 
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                         Gesang des Deutschen


O heilig Herz der Völker, o Vaterland!

Allduldend, gleich der schweigenden Mutter Erd',

Und allverkannt, wenn schon aus deiner

Tiefe die Fremden ihr Bestes haben!


Sie erndten den Gedanken, den Geist von dir,

Sie pflüken gern die Traube, doch höhnen sie

Dich, ungestalte Rebe! daß du

Schwankend den Boden und wild umirrest.


Du Land des hohen ernsteren Genius!

Du Land der Liebe! bin ich der deine schon,

Oft zürnt' ich weinend, daß du immer

Blöde die eigene Seele läugnest.


Doch magst du manches Schöne nicht bergen mir;

Oft stand ich überschauend das holde Grün,

Den weiten Garten hoch in deinen

Lüften auf hellem Gebirg' und sah dich.


An deinen Strömen gieng ich und dachte dich,

Indeß die Töne schüchtern die Nachtigall

Auf schwanker Weide sang, und still auf

Dämmerndem Grunde die Welle weilte.


Und an den Ufern sah ich die Städte blühn,

Die Edlen, wo der Fleiß in der Werkstatt schweigt,

Die Wissenschaft, wo deine Sonne

Milde dem Künstler zum Ernste leuchtet.


Kennst du Minervas Kinder? sie wählten sich

Den Oelbaum früh zum Lieblinge; kennst du sie?

Noch lebt, noch waltet der Athener

Seele, die sinnende, still bei Menschen,


Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr

Am alten Strome grünt und der dürftge Mann

Die Heldenasche pflügt, und scheu der

Vogel der Nacht auf der Säule trauert.


O heilger Wald! o Attika! traf Er doch

Mit seinem furchtbarn Strale dich auch, so bald,

Und eilten sie, die dich belebt, die

Flammen entbunden zum Aether über?


Doch, wie der Frühling, wandelt der Genius

Von Land zu Land. Und wir? ist denn Einer auch

Von unsern Jünglingen, der nicht ein

Ahnden, ein Räthsel der Brust, verschwiege?


Den deutschen Frauen danket! sie haben uns

Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,

Und täglich sühnt der holde klare

Friede das böse Gewirre wieder.


Wo sind jezt Dichter, denen der Gott es gab,

Wie unsern Alten, freudig und fromm zu seyn,

Wo Weise, wie die unsre sind? die

Kalten und Kühnen, die Unbestechbarn!


Nun! sei gegrüßt in deinem Adel, mein Vaterland,

Mit neuem Nahmen, reifeste Frucht der Zeit!

Du lezte und du erste aller

Musen, Urania, sei gegrüßt mir!


Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig Werk,

Das von dir zeuge, sinnest ein neu Gebild,

Das einzig, wie du selber, das aus

Liebe geboren und gut, wie du, sei –


Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,

Daß wir uns alle finden am höchsten Fest? –

Doch wie erräth der Sohn, was du den

Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?


                                                        Hölderlin



(Urania = Muse der Geschichte)
(digitale Version von --> hier)


Dieses Gedenken ist entnommen den ersten drei Seiten der Folge 68 der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" vom Juli 1990. Hier erfolgte - als Hinführung - ein erstes Gedenken an Friedrich Hölderlin. Die Bedeutung dieses Philosophen und Dichters für die Kultur- und Philosophie-Geschichte der Menschheit wurde in vielen späteren Ausgaben dieser Zeitschrift nach und nach dann immer grundlegender herausgestellt (1-5). Das soll hier auf dem Blog ebenfalls nach und nach dokumentiert - und ggfs. weitergeführt - werden. 

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"... Der Boden ist grüner geworden, offner das Feld ..."
(Fotograf: Benjamin Gimmel)
Schon in der Folge davor - vom Mai 1990 - war ein Aufsatz mit dem Titel "'Äther' oder 'Quantenvakuum'"? - Der Ätherbegriff in Naturwissenschaft und Philosophie" erschienen (1). Auch ihm war schon ein Auszug aus Hölderlins "Hyperion" beigestellt gewesen:
Der Boden ist grüner geworden, offner das Feld. Unendlich steht, mit der freudigen Kornblume gemischt, der goldene Weizen da, und licht und heiter steigen tausend hoffnungsvolle Gipfel aus der Tiefe des Hains. Zart und groß durchirret den Raum jede Linie der Fernen; wie Stufen gehn die Berge bis zur Sonne unaufhörlich hinter einander hinauf. Der ganze Himmel ist rein. Das weiße Licht ist nur über den Aether gehaucht, und, wie ein silbern Wölkchen, wallt der schüchterne Mond am hellen Tage vorüber.
(Hyperion)                                                                                                     Hölderlin

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  1. Leupold, Hermin: "Äther" oder "Quantenvakuum"? - Der Ätherbegriff in Naturwissenschaft und Philosophie. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 67, Mai 1990, S. 1-14
  2. Leupold, Hermin: Gedenken an Friedrich Hölderlin. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 68, Juli 1990, S. 1-3, http://fuerkultur.blogspot.com/1990/07/gedenken-friedrich-holderlin.html
  3. Schäfler, Wilhelm: Friedrich Hölderlin. Versuch zur Erfassung seines Werkes. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 69, September 1990, S. 21-24, http://fuerkultur.blogspot.de/1990/09/friedrich-holderlin.html
  4. Leupold, Hermin: Antworten auf Grundfragen zur menschlichen und kosmischen Existenz. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 71, Januar 1991, S. 1-4
  5. Leupold, Hermin (posthum): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution des Weltalls und des Bewußtseins. Die Deutsche Volkshochschule, 23845 Bühnsdorf, 2001