Donnerstag, 9. März 2006

„Ultra-Darwinist“ Richard Dawkins beginnt, über Zielstrebigkeit in der Evolution nachzudenken

Richard Dawkins behandelt den britischen Paläontologen Simon Conway Morris vorurteilsfrei 

Vorbemerkung: Der folgende Aufsatz erschien erstmals im Jahr 2006. Wir halten ihn für Wert, dass er auch digital zugänglich bleibt und stellen ihn deshalb hier ein. Die aktuellsten Entwicklungen auf diesem Themengebiet sind an anderer Stelle erörtert (s. I. Bading: Ist die biologische Evolution zu Ende? Ausgangsbedingungen, Ablauf und Ende der biologischen Evolution - Sind sie "bedingt" durch ein Ziel?, Auf: Studium generale, 2016).

Richard Dawkins, der bekannte Evolutionsbiologe, der auch als „der bedeutendste meinungsbildende Intellektuelle Großbritanniens“ bezeichnet wird, ist Inhaber des Lehrstuhls für das „Öffentliche Verständlichmachen von Wissenschaft“ an der Universität Oxford, Bestseller-Autor – angefangen mit dem inzwischen schon zum Klassiker der Wissenschaftsgeschichte gewordenen „Das egoistische Gen“ aus dem Jahr 1975 und bekennender Atheist. Richard Dawkins bringt, und das soll in dem folgenden Aufsatz zur Darstellung kommen, neue starke Argumente zugunsten eines Paradigmenwechsels in der Biologie. Damit werden aufs Neue deutliche Hinweise gegeben auf sich derzeit anbahnende Entwicklungen in den biologischen Wissenschaften hin zu philosophisch offeneren und fruchtbareren Fragestellungen und Forschungsansätzen, als sie dort weithin in den letzten Jahrzehnten vorherrschend waren.

Machteliten nehmen Einfluß auf die philosophische Deutung naturwissenschaftlicher Befunde


Erschienen 2004
Um die Tragweite der Geschehnisse verständlich zu machen, muß einleitend erläutert werden, daß noch bis vor wenigen Jahren die Schriften des Paläontologen Stephen Jay Gould (1941-2002) das naturwissenschaftliche Welt- und Menschenbild hinsichtlich Evolution auch in der Öffentlichkeit sehr weitgehend prägten (1-2). - Von Seiten der Evolutionsbiologie ist in diesem Zusammenhang die These aufgestellt worden, daß viele im 20. Jahrhundert in der Wissenschaft vorherrschenden (oft inzwischen schon gestürzte oder stark ins Wanken geratene) Paradigmen dadurch bestimmt gewesen sind, daß sie von einflußreichen Wissenschaftlern jüdischer Herkunft propagiert wurden und jüdischen gruppenevolutionären Zielen dienten (3). In diese Argumentation mit einbezogen wurde an zentraler Stelle auch die Person Stephen Jay Gould, der aus dem einflußreichen New Yorker jüdisch-marxistischen intellektuellen Umfeld der Nachkriegszeit hervorging, und dessen Popularität durch diesen Umstand sicherlich mitbedingt gewesen sein könnte.

Inzwischen wird ihm jedoch von verschiedenen Seiten und in zum Teil ganz unterschiedlichen evolutionsbiologischen Diskussionszusammenhängen „intellektuelle Unredlichkeit“ vorgeworfen (3). Auf diese Zusammenhänge kann an dieser Stelle nur in dieser Kürze hingewiesen, nicht weiter eingegangen werden (siehe auch: 4). Aber man darf wohl vermuten, daß in dem Bereich jüdisch-intellektueller, ideologischer „Verschiebebahnhöfe“ (insofern sie existieren) inzwischen unter anderem die Person Steven Pinker’s Teile der früheren Rolle Stephen Jay Gould’s übernommen hat und nun schon in vielen Fragen sehr viel wirklichkeitsnähere Positionen als Gould vertritt (insbesondere derzeit bezüglich angeborener, seelischer Unterschiede zwischen den Rassen und Völkern [5]). - Die Charakteristika nun des von Gould propagierten Weltbildes bezüglich Evolution können im wesentlichen kurz in zwei Punkten zusammen gefaßt werden:

1. Religion und Naturwissenschaft haben sich gegenseitig nichts zu sagen und können beide friedlich und unbeeinflußt voneinander nebeneinander sich fortentwickeln. Jeder Bereich macht für sich ganz andere und nur für diesen Bereich selbst gültige Aussagen. Dazu sei erläutert: S. J. Gould war Christ, wurde aber um dieser seiner philosophisch einschläfernden Haltung auch unter Atheisten gern zur Kenntnis genommen.

Der deutsche Hirnphysiologe und viel gelesene Sachbuchautor Hoimar von Ditfurth hat sich in seinem Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ schon sehr frühzeitig (1981) gegen eine solche geistig sehr bequeme und philosophisch einschläfernde Haltung wie derjenigen von Gould gewandt.

2. Die Aussagen unter 1. wurden von Gould präzisiert, bzw. gerechtfertigt durch die zweite wesentliche Aussage über Evolution: Aus den Tatsachen der Evolution kann der Mensch keine Schlußfolgerungen ziehen hinsichtlich einem der Evolution innewohnenden „Sinn“. Es ist dies also geradezu das paßgenau entgegengesetzte Spiegelbild zu den Ausgangspunkten der Philosophie von Mathilde Ludendorff, in der die wesentlichsten Anregungen aus der Naturwissenschaft bezogen worden waren.

In ganz ähnlicher Weise deutete der bekannte atheistische Kosmologe Steven Weinberg den Menschen als einen „Zigeuner“ am Rande eines sinnleeren Universums. Ebenso Stephen Jay Gould. Man sieht hier, wie mit philosophischen Deutungen und vorherrschenden Paradigmen aus der Naturwissenschaft heraus versucht wird, die Menschen weltanschaulich zu beeinflussen in Richtung eines monotheistischen oder atheistischen Weltbildes, das sich durch die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft möglichst wenig beeinflussen oder gar infrage stellen läßt. Solche philosophischen Deutungen liegen ganz offensichtlich im Interesse herrschender Machteliten.


Stephen Jay Gould, ein naturwissenschaftlicher Propagandist für ein atheistisches und monotheistisches Weltbild mit größtmöglicher Naturferne



Stephen Jay Gould deutete den Menschen und alle übrigen biologischen Arten als sinnlose Zufallsprodukte (wenn nicht „Abfallprodukte“) der Evolution. Merkwürdigerweise wurde diesen Standpunkten von Gould aus den Reihen derjenigen, die gegensätzliche Standpunkte vertreten, nach Kenntnis des Autors dieser Zeilen über viele lange Jahre hinweg zumindest im deutschsprachigen Raum so gut wie nie widersprochen. (Von dem schon erwähnten Hoimar von Ditfurth abgesehen.) Und das, obwohl die Bücher Gould's im Gegensatz zu den Büchern der Autoren vieler anderer Bücher in fast jeder Bahnhofsbuchhandlung zu kaufen sind, auch heute noch.

Deutsche Übersetzung 2008
Gould verneinte sogar die Möglichkeit, daß es erlaubt wäre, davon zu sprechen, in der Evolution habe es eine „Richtung“ der Entwicklung hin zu komplexeren, „höheren“ Lebewesen gegeben. Es ist noch gegenwärtig entsprechend dieser Denkweise sehr populär unter Wissenschaftlern, an Stelle des Menschen zum Beispiel die Bakterien (oder eine beliebige andere Organismen-Art) als „die Krone der Schöpfung“ anzusprechen. Auch Richard Dawkins versucht in seinem hier zu erörternden Werk [6], zumindest „rhetorisch“ an vielen Stellen an dieser Sichtweise festzuhalten.

Gould verwendete außerdem zur Kennzeichnung des Ganges der Evolution das Bild eines Betrunkenen, der sinnlos von einer Straßenseite zur anderen torkeln würde und irgendwann zwangsläufig in der Gosse landen würde. (1, 2) So die Bilder, mit denen Gould der Öffentlichkeit erläutern wollte, was die Evolution über den Sinn des Menschenlebens überhaupt nur aussgen könnte, nämlich im Grunde genommen: gar nichts. Das ist eine sehr bequeme geistige Haltung für alle Menschen, die keinen tieferen - über atheistische, agnostische oder monotheistische Deutungen hinausgehenden - Sinn des Menschenlebens anerkennen wollen, sondern rücksichtslos gegenüber etwaigen metaphysischen Werten sich als Ellenbogen-Menschen in einer Ellenbogen-Gesellschaft "durchschlagen" wollen.

Gould sagte, für philosophische Sinndeutungen des Lebens müsse man andere Geistesbereiche befragen, zum Beispiel die - nach seiner Ansicht - durch einen tiefen Graben von der Naturwissenschaft getrennte Geisteswissenschaft, wohl am besten: die (christliche) Religion. Man könnte der These nachgehen, ob diese Haltung des Stephen Jay Gould nicht den tiefsten Grad von Natur- und damit letztlich Gottentfremdung repräsentiert, den die Menschheit in ihrer Geschichte jemals als bewußtere philosophische Haltung eingenommen hat.

Wenn solchen Haltungen gegenüber aus der Naturwissenschaft selbst heraus nun differenziertere Standpunkte angemeldet werden, könnte das bemerkenswert sein.

„Zu arg bramarbasierende Orthodoxie“


In dem Buch „Ancestors Tale“ von Richard Dawkins (6), dem so gut wie alle Rezensionen in begeisterter Weise bescheinigen, den legendären Erfolgsweg seiner bisherigen Werke fortzusetzen, heißt es nun zu solchen eben genannten wissenschaftlich-philosophischen Deutungen: „Ich habe mich schon lange gefragt, ob die einschüchternde, bramarbasierende Orthodoxie des Prinzips Zufall“ (in der Evolution) „nicht gar zu arg betrieben worden ist.“ (6, S. 609)

Offenbar hat sich auch bei Dawkins diese Kehrtwende schon vor einigen Jahren vorbereitet, als er eine Rezension zu dem 1996 erschienen Buch von Stephen Jay Gould „Full House“ schrieb. (Der deutsche Titel jenes Buches von Gould lautete wieder so kennzeichnend: „Illusion Fortschritt – Die vielfältigen Wege der Evolution“.) Und daran knüpft Dawkins nun in „Ancestors Tale“ an und schreibt (6, S. 609):
„Meine Rezension von Stephen Jay Gould’s Buch ‚Full House‘ verteidigte den unpopulären Gedanken des Fortschrittes in der Evolution: nicht den des Fortschrittes in Richtung Menschheit – Darwin bewahre! – aber den Fortschritt in Richtungen, die zumindest ausreichend voraussagbar sind, um dieses Wort rechtfertigen zu können. Wie ich im folgenden zeigen werde, wird durch den kumulativen Aufbau von komplexen Anpassungen wie zum Beispiel denen der Augen“ (im Verlauf der Evolution) „sehr deutlich eine Version von Fortschritt nahegelegt – besonders, wenn er in Gedanken verbunden wird mit einigen der wundervollsten Produkte konvergenter Evolution.“ 
– Und damit kommt Dawkins auf jenes Prinzip zu sprechen, das insbesondere dazu führen könnte, daß sich derzeit und künftig ein Paradigmenwechsel in der Biologie vollzieht: konvergente Evolution.

„Er geht ganz schön herausfordernd und mutig zu Werke“: Simon Conway Morris


Dawkins schreibt weiter (6, 609):
„Konvergente Evolution inspirierte auch den Cambridger Paläontologen Simon Conway Morris, dessen provokatives Buch ‚Life’s Solution: Inevitable Humans in a Lonely Universe’ exakt den gegenteiligen Standpunkt zu Gould’s Prinzip Zufälligkeit zur Darstellung bringt. Conway Morris meint seinen Untertitel in einem Sinne ernst, der von Buchstäblichkeit nicht weit entfernt ist. Er glaubt in der Tat, daß wenn die Evolution noch einmal ablaufen würde, das Ergebnis ein zweites Auftreten des Menschen bringen würde: oder etwas, das ihm extrem nahe stehen würde. Und für eine so unpopuläre These geht er ziemlich herausfordernd und mutig zu Werke. Die beiden Zeugen, die er immer wieder anruft, heißen Konvergenz und Zwang. Konvergenz haben wir wieder und wieder in diesem Buch“ (gemeint ist also das vorliegende von Dawkins selbst unter dem Titel „Ancestors Tale“) „angetroffen, auch in diesem (abschließenden) Kapitel. Ähnliche Probleme rufen ähnliche Lösungen hervor, nicht nur zwei- oder dreimal, sondern in vielen Fällen dutzende male.“ 
Dazu muß wenigstens kurz erläutert werden, was Dawkins dazu in früheren Kapiteln geschrieben hatte. Im Kapitel 14 hatte er beispielsweise all die Konvergenzen (Parallelevolutionen) von Säugetieren in Australien (Beuteltiere) gegenüber denen der übrigen Weltteile behandelt. (6, S. 234 – 237) Ein Kapitel später hatte er die „Säugetier-ähnlichen Reptilien“ behandelt, die vor (!) den Dinosauriern evoluiert waren. (6, S. 254 – 260) (Ein spannendes Thema ganz für sich.) In diesem letzten, abschließenden Kapitel, aus dem allein zitiert wird im vorliegenden Aufsatz, hatte Dawkins eine weitere bunte, rein willkürliche Auswahl von Beispielen für evolutionäre Konvergenzen (Parallelevolutionen) angeführt:
„Wie jeder beliebige Zoologe, so kann auch ich mein Wissen über das Tierreich durchgehen und ich komme zu Abschätzungen bezüglich solcher Fragen wie: ‚Wieviele male ist die Eigenschaft X unabhängig voneinander evolutiert?‘ Es wäre ein gutes Forschungsprojekt, diese Zählungen einmal systematischer zu betreiben.“ (6, S. 604)
Er nennt noch einmal die Parallelevolution von Känguruh und Antilope (in Australien und Afrika) (6, S. 600), dann natürlich die vielen Parallelevolutionen des Auges (6, S. 602f), dann die Parallelevolutionen der Eigenschaft Echo-Ortung (6, S. 603f), der Eigenschaft Besitz eines Giftstachels, der Eigenschaft „Geräuschproduktion für soziale Zwecke“, der Eigenschaft Elektro-Ortung, der Eigenschaft aktives Fliegen, der Eigenschaft Fallschirm- und der Eigenschaft gleitendes Fliegen und der Eigenschaft Rückstoßantrieb (6, S. 605). Und er schreibt dazu:
„Wenn ich mir all diese Experimente der Natur anschaue, dann bin ich insbesondere davon beeindruckt, wie ähnlich das ist, was herauskommt, wenn man der Evolution erlaubt, ein zweites mal abzulaufen“ (also zum Beispiel eben auf verschiedenen Kontinenten oder in verschiedenen Erdepochen oder auch gleichzeitig in verschiedenen Zweigen des Arten-Stammbaums). (6, S. 600)
„Die Arten wären nicht exakt dieselben wie wir sie heute sehen oder die parallelen, die in Australien oder Südamerika evoluieren oder die Äquivalenten zu den Dinosauriern bei den Säugetieren oder die Säugetierähnlichen bei den Reptilien. Aber es würde ein ähnliches Spektrum von Typen geben, die auf ähnliche Weise leben würden.“ (6, S. 601)

„Conway Morris ruft noch einen zweiten Zeugen an: Zwang!“


All das hatte er schon behandelt, bevor er dann auf das neueste Buch von Simon Conway Morris (7) zu sprechen kommt. Und nun schreibt Dawkins weiter:
„Ich dachte schon, ich selbst würde ziemlich weit gehen in meiner Begeisterung für konvergente Evolution. Aber meinen Meister habe ich gefunden in Simon Conway Morris, der eine überwältigende Anzahl von Beispielen anführt. Viele davon sind mir selbst noch niemals begegnet.“ (6, S. 609)
Und nun wird Dawkins noch etwas grundsätzlicher, wenn er weiter schreibt:
„Aber während ich Konvergenz gewöhnlich durch Anrufung ähnlicher Selektionsdrücke erkläre, fügt Conway Morris dem zusätzlich noch die Aussage seines zweiten Zeugen hinzu: Zwang. Die Materialien des Lebens und die Prozesse der embryonalen Entwicklung erlauben nur einen begrenzten Bereich von Lösungen für ein bestimmtes Problem. (…) Es wird deutlich, wie ein befähigter Anwalt diese beiden Zeugen zur Verteidigung eines wagemutigen Denkansatzes benutzen kann, nämlich, daß ein neuerlicher Ablauf der Evolution höchstwahrscheinlich wieder hinauslaufen würde auf einen Zweibeiner mit großem Gehirn, mit zwei sehr vielseitigen Händen, mit vorwärts-fokussierenden Kameraaugen und anderen, ganz bestimmten menschlichen Eigenschaften.“ (6, S. 610)
Dawkins weiter:
„Unglücklicherweise ist dies auf diesem Planeten erst einmal geschehen. Aber ich nehme an, daß es ein erstes mal geben muß“. (6, S. 610)
Das soll wohl heißen: Wenn Evolution überhaupt in einem Umfang stattfindet, wie sie auf unserer Erde stattgefunden hat, dann muß auch mindestens einmal irgend etwas dem Menschen sehr ähnliches dabei herauskommen. Im Original heißt der letzte Teilsatz: „… but I suppose there has to be a first time“. „… has to be …“, das heißt ja eigentlich nichts anderes als: Zwang. Wir kommen also zu der Schlußfolgerung: Dawkins stimmt Conway Morris’ „buchstäblich“ gemeinter These zu: „Unvermeidlich Menschen …“

„Viele, die sich religiös nennen, werden mit mir übereinstimmen.“


Und nun schreibt Dawkins ergänzend und erläuternd weiter:
„Ich gebe zu, daß ich beeindruckt war von Conway Morris’ Parallelfällen für die Voraussagbarkeit der Evolution bei Insekten.“ „Conway Morris geht seine Liste durch und zeigt, daß jede Eigenschaft mehr als einmal in unterschiedlichen Bereichen des Tierreiches evoluiert ist, in einigen Fällen viele male, einschließlich vieler unabhängiger Ereignisse der Evolution der Insekten selbst. Wenn es die Natur so einfach findet, die Komponenten des Insekten-Seins unabhängig voneinander zu evoluieren, ist es gar nicht unplausibel, daß die ganze Kollektion ein zweites mal evoluieren würde. Ich fühle mich durch Conway Morris’ Denkansatz dazu herausgefordert, daß wir damit aufhören sollten, konvergente Evolution als ein abwechslungsreiches Raritätenkabinett anzusehen, das bemerkt und bestaunt wird, wenn man gerade einmal irgendwo darauf stößt. Vielleicht sollten wir dahin kommen, konvergente Evolution als eine Norm anzusehen, der gegenüber Ausnahmen Anlaß zu Überraschung geben.“
- Müßte eine solche Sichtweise dann nicht als ein Paradigmenwechsel bezeichnet werden? Dawkins ist natürlich noch nicht voll überzeugt und schreibt weiter:
„Zum Beispiel echte syntaktische Sprache scheint einzigartig bei einer einzigen Art vorzukommen, unserer eigenen. Vielleicht - und ich werde darauf zurückkommen - ist dies eine Sache, die ein nochmals evoluierender Zweibeiner mit Großhirn nicht aufweisen würde?“ (6, S. 610f)
Soweit also zu sicherlich sehr neuartigen und möglicherweise sehr wesentlichen Aussagen von Richard Dawkins. Natürlich wären hier noch mancherlei Details – zumal auch noch aufscheinende Widersprüche in Dawkins eigener Darstellung – auf ihre Stimmigkeit hin zu überprüfen. Aber lassen wir das Bild, wie es hier in groben Zügen skizziert ist, erst einmal so auf uns wirken und werfen wir abschließend den Blick noch auf eine allgemeinere Schlußfolgerung.

Im Gegensatz zu Stephen Jay Gould appelliert der „Ultra-Atheist“ Richard Dawkins in den abschließenden Worten seines Buches, das er ja schon im Titel auffälligerweise eine „Wallfahrt“ genannt hatte, an jene, „die sich selbst religiös“ nennen:
„Wenn ich nun die ganze Wallfahrt“ (also den ganzen Weg der Evolution wie er ihn in seinem Buch „Ancestors Tale“ dargestellt hatte) „überdenke, dann reagiere ich darauf in erster Linie mit Staunen.“ (6, S. 628) „Ich nehme an, daß viele von jenen“ (die sich selbst religiös nennen) „mit mir übereinstimmen werden. Nichts wäre naheliegender gewesen, als daß das Universum leblos und schlicht geblieben wäre - nur Physik und Chemie, bloß der sich ausbreitende Dunst jener kosmischen Explosion, die Zeit und Raum hervorgebracht hat. Die Tatsache, daß dies nicht passiert ist - die Tatsache, daß Leben aus so ziemlich nichts evoluiert ist, einige 10 Milliarden Jahre nachdem das Universum selbst buchstäblich aus nichts evoluiert ist, ist eine so überwältigende Tatsache, daß ich verrückt wäre, wenn ich mit Worten versuchen würde, derselben gerecht zu werden.“ (6, S. 628)
Dawkins spricht von „Ehrfurcht vor dem Leben selbst“ und sagt:
„Das Leben auf diesem Planeten ist staunenswert und tief befriedigend für alle, deren Sinne nicht stumpfsinnig geworden sind.“ „Wallfahrt impliziert Frömmigkeit und Ehrfurcht. Ich hatte hier keine Gelegenheit, meine Ungeduld mit traditioneller Frömmigkeit zu erwähnen und meine Verachtung für eine Ehrfurcht, deren Objekt irgend etwas Übernatürliches ist. Aber ich mache kein Geheimnis daraus.“ „Mein Widerspruch gegen übernatürliche Glaubensinhalte rührt exakt daher, daß es diesen auf miserabelste Weise mißlingt, der sublimen Herrlichkeit der realen Welt gerecht zu werden. Ich nehme an, daß viele, die sich selbst religiös nennen, mit mir übereinstimmen werden.“ (6, S. 629)


Dawkins spricht religiöse Nichtchristen an


Mit diesen Sätzen hat Dawkins also religiöse Nichtchristen angesprochen, ob sie sich selbst nun schon so nennen oder noch nicht. – Dieser Aufsatz, der den Zweck hatte, diese, so kann wohl gesagt werden, Kehrtwende im evolutionären Denken des Evolutionsbiologen Richard Dawkins aufzuzeigen, kann eigentlich nur als Einleitung verstanden werden, als Einleitung dazu, das Buch „Inevitable Humans in a Lonely Universe“ („Unvermeidlich Menschen in einem einsamen Universum“) (7) selbst in die Hand zu nehmen, das, wie aufgezeigt, dieser Kehrtwende überhaupt erst das Fundament gibt. Dies ist um so besser möglich, als es seit dem Frühjahr 2008 endlich in deutscher Übersetzung erhältlich ist. Eine Tatsache, die nur außerordentlich begrüßt werden kann.

Hermin Leupold - Die Evolution
aus der Sicht der Naturwissenschaft
und der Philosophie (1989-1996)
Dieses Buch, das schon im Titel deutliche Ähnlichkeit mit zwei Zentralaussagen der Philosophie Mathilde Ludendorffs aufweist – nämlich: 1. „Der Mensch, das einzige Bewußtsein Gottes!“ (8) und 2. den Gedanken der Zielstrebigkeit der Evolution: „Im Anfang war der Wille Gottes zur Bewußtheit.“ (9) - dieses Buch verdient ob seines Inhaltes wahrscheinlich eine ganze Reihe von weiteren Aufsätzen, um mit all den vielen überraschenden, neu aufzeigbaren Wundern der Evolution bekannt zu machen. Wahrscheinlich wird es künftig als eine Art selbstverständliches Lehrbuch für angehende Biologiestudenten in unseren Wissenskanon eingehen und als solches viele aktualisierte Neuauflagen erleben.

Vor zwei Jahren schon schrieben wir: Eine Übersetzung dieses Buches ins Deutsche ist der deutschen Verlegerschaft wohl sicherlich nur aller dringlichst ans Herz zu legen (es ist schon im Jahr 2003 erschienen). Schließlich hat sie ja bisher auch alle wichtigeren Bücher von Stephen Jay Gould und Richard Dawkins jeweils sehr schnell in deutscher Sprache herausgebracht. Das Buch von Simon Conway Morris könnte, so mag hier vermutet werden, zu einem Klassiker der Wissenschaftsgeschichte werden. Es markiert möglicherweise eine bedeutende Trendwende in der menschlichen Geistesgeschichte. Wenn schon sonst bisher nur wenige außer Richard Dawkins darauf aufmerksam geworden sein sollten, so hat dies doch auf jeden Fall die katholische Kirche begriffen. (10-12)

Aber ständig erscheinen auch in der Wissenschaft neue Beiträge zur Thematik (13 – 15). - Es fragt sich, wann die von Dawkins so prononciert angesprochenen religiösen Nichtchristen reagieren (15) und den Alleinvertretungsanspruch für „Religion“ den „alten Männern in Rom“ (in Wien, New York und sonstwo) aus den Händen winden. Es ist ganz und gar nicht unplausibel, von einem solchen Ereignis den Aufgang einer neuen Kulturepoche der Menschheit zu erwarten, wenn man bedenkt, daß eine umfassende Philosophie bereit steht (8, 9), an die sich das weiterentwickelnde naturwissenschaftliche Weltbild, wie immer klarer wird, nahtlos anfügt, sie bestätigt und ihre Erkenntnisse noch weiter vertieft, erläutert und befruchtet (16).

Erich Meinecke

(In leicht gekürzter Version erstmals erschienen 
in der Zeitschrift „Mensch und Maß“, 
Folge 5, 9.3.2006, S. 211 – 218)

_____________________________________________________
  1. Wikipedia: Stephen Jay Gould (1941 - 2002).
  2. Gould, Stephen Jay: Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur. Deutscher Taschenbuch-Verlag (engl: Wonderful Life: The Burgess Shale and the Nature of History, 1989)
  3. MacDonald, Kevin: The Culture of Critique. An Evolutionary Analysis of Jewish Involvement in Twentieth-Century Intellectual and Political Movements. 1st Books Library/USA 2002 (1998), S. 30 – 49
  4. Meinecke, Erich: Eine Internet-Reise. Amerikanische Wissenschaftler verweigern die Verdammung eines Kollegen, der vor Gericht für David Irving aussagte. In: Mensch und Maß, Folge 6, 23.3.2000, S. 253 – 260
  5. Pinker, Steven: Groups of people may differ genetically in their average talents and temperaments. Auf: www.edge.org/q2006/q06_3.htm#nisbett
  6. Dawkins, Richard: The Ancestor's Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Life. Phoenix Paperback, London 2005 [Erstauflage 2004]
  7. Conway Morris, Simon: Life's Solution. Inevitable Humans in a Lonely Universe. Cambridge University Press, Cambridge 2003, 2005 (Seit April 2008 auch in deutscher Übersetzung erhältlich unter dem Titel "Jenseits der Zufalls".)
  8. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitswillens [1921] Verlag Hohe Warte, Pähl 1959 (Erstauflage: 1921)
  9. Ludendorff, Mathilde: Schöpfungsgeschichte. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (Erstauflage: 1923)
  10. Schönborn, Christoph Kardinal: Finding Design in Nature. The New York Times, July 8, 2005 www.kath.net/detail.php?id=10966 Oder: http://stephanscom.at/edw/reden/articles/2005/07/08/a8795/ (dort auch deutsch)
  11. Schönborn, Christoph Kardinal: Creation and Evolution. To the Debate as It Stands. First Catechetical Lecture, Vienna, October 2nd, 2005 www.kath.net/detail.php?id=12028 (dort auch deutsch)
  12. Oder: http://stephanscom.at/edw/katechesen/articles/2005/10/14/a9347/ (Alle zwei Wochen erscheint seither eine neue Katechese.)
  13. Martin, L.D.; Meehan, T.J.: Extinction may not be forever. In: Naturwissenschaften, 92. Jg., 2005, S. 1 – 19
  14. Gonzales, G.; Richards, J.W.: The Privileged Planet. How our Place in Cosmos is designed for Discovery. Regenery Publishing, Washington D.C. 2004
  15. Viele Wissenschaftsnachrichten, Rezensionen und Diskussionsbeiträge zu naturwissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Evolutionsdeutungen findet man hier: Siehe z.B. die Nachrichten Nr. 1578, 3263, 3280, 3281, 3295, 3387, 3476, 3482, 3490, 3507, 3509, 3510, 3522, 3531, 3638 (naturwissenschaftlich), 2953, 2970, 2979, 3225, 3226, 3227, 3306, 3443, 3508, 3550, 3620 (theologisch), 2378, 3284, 3296, 3614 (philosophisch).
  16. Leupold, Hermin (posthum): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution des Weltalls und des Bewußtseins. Die Deutsche Volkshochschule, 23845 Bühnsdorf, 2001