Sonntag, 9. April 2017

Gedanken sammeln

Wir sind ein verkommenes, degeneriertes, verhunztes Volk. Jeder von uns hat daran teil. Wir sind seelische Krüppel. Seelisches Elend vereinsamt oder schafft "Gemeinsamkeit" auf seelisch niedrigem Niveau. Was uns fehlt, sind Ideale. Wer von uns würde sich noch als einen in tieferem Sinne idealistischen Menschen bezeichnen? Wir sind nicht nur verdummt worden, nein, schlimmer noch, dieses Volk hat sich seine Ideale nehmen lassen, seine Visionen, seine Verheißungen. Mit lächerlich kaltem, jämmerlichen Zeug hat es sich anstelle dessen abspeisen lassen.

Ein entscheidender Umbruch kam im Jahr 1945. Andere Umbrüche sind die bekannten Einschnitte (1914, 1918 und 1933).

Auch der Umbruch von der Antike zum Mittelalter ist benennbar, die Ausbreitung von Religionen, die erst die Grundlage geschaffen haben, um vormals offene Gesellschaften in geschlossene umzuwandeln.

Das Schlimmste heute ist: wir können nicht mehr an Zukunft glauben, daran, daß unser Volk ein Wiederauferstehen hat. Das liegt daran, daß keine Verankerung erkennbar ist oder wird, bzw. womöglich ständig neu zersetzt und zerstört wird, wo immer sie nur erkennbar wird, eine Verankerung, an die angekettet eine Wiederauferstehung möglich wird. Diese Wiederauferstehung muss ohne satanistische Eliten, Geheimdienste und verborgene Thinktanks vonstatten gehen, sie erst muss die echt-offene Gesellschaft schaffen, anstelle all der bisherigen angeblich offenen Gesellschaften, die aber tatsächlich nur eine Simulation derselben waren, ein schöner Schein.

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Distanziert sein - und doch nicht ohne großes, sehr, sehr großes Wohlwollen dem Leben gegenüber:
Paul Cézanne - Die Kartenspieler - 1895 

Es erfordert viel Entsagung, viel Trauer, viel Insich-Gekehrtheit, viel Aufopferungsbereitschaft - kein seelischer Krüppel zu sein. Es erfordert, auch im physischen Erschöpfungszustand, im Zustand der Müdigkeit, des Alles-egal-Seins "besonnen" zu bleiben, in sich zu bleiben. Es erfordert, sich nicht den Kräften der Seichtheit, der Oberflächlichkeit anheim zu geben, sich nicht fallen zu lassen.

Viele Ansätze sind erkennbar, viel gutes Wollen. Im dumpfen Innern ist ein Wollen, ein Wollen des Meidens der Seichtheit, der Oberflächlichkeit, der bisherigen erkennbar. Es ist nicht "Dummheit", das Wollen, es ist ein Sehnen, das zur Höhe führt. Und auch im Aufschwung, im ersten Erstarken darf nicht gleich wieder dem "Frieden-Wollen", dem Glücksstreben Platz gegeben werden. Dann lieber das Gefühl der Leere aushalten.

Reichtum ergibt sich nicht durch voreiliges Hinüberschwenken, Hinübertaumeln zum Glück. Man bestärke sich darin, Entbehrungen auszuhalten. Irgendwann muss man doch alt genug dafür sein. So besonders lang ist ein menschliches Leben ja nun wirklich nicht.

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Es gibt Menschen, denen fallen schon von ihrer Natur her moralische Anstrengungen schwer. Eine angeborene ausgeprägtere Neigung zum sich Gehenlassen in Trägheit und Gemütlichkeit gibt es bei manchem Menschentypus geradezu angeborenermaßen. Sie tritt um so deutlicher hervor, um so älter diese Menschen werden. Wird diese Schwäche zusätzlich noch ergänzt durch eine Erziehung in der Kindheit, in der Verwöhnung des Kindes sehr im Vordergrund stand, kann dies sehr leicht dazu führen, daß solche Menschen - insbesondere im Alter - nur noch in Ruhe gelassen werden wollen von Menschen, die energischer, stärker im Wollen und in der Tatkraft, im Durchsetzen des von ihnen erkannten Guten sind. Tritt dann noch als dritte Eigenschaft großer Beharrungswille, mangelnde Veränderungsbereitschaft hinzu, dann fühlen sich diese am wohlsten, wenn sie von solchen eben genannten veränderungswilligen Tat-Menschen ganz in Ruhe gelassen werden und wenn diese nicht ihre eigenen Tat- und Veränderungs-Normen auf sie selbst anwenden. Sind zwei Menschen von so unterschiedlichem Typus miteinander verheiratet, kann das auf die Dauer zu schweren Spannungen führen. Denn der eine strebt nach Tatkraft und Unabhängigkeit, Klarheit im Urteil über alle Dinge, auch im Bereich des Menschlichen. Der andere möchte gerne nicht gar zu viel über sich selbst und andere wissen, möchte gerne das meiste eher im Verborgenen lassen.

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Wer bereit ist, sich auf menschliche Stärke einzulassen, der ist auch bereit, sich auf menschliche Schwäche einzulassen, sie zumindest zu tolerieren. Wer aber die Stärke nicht sehen möchte, dem ist es auch schwer möglich, Schwäche zu ertragen.

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An das Göttliche muss man sich gewöhnen, so wie man sich vom Göttlichen entwöhnen kann. Das nimmt Zeit in Anspruch.

Es gilt, ein gottwacher Mensch zu werden. Das wird man nicht über Nacht. Reifeprozesse erfordern ihre Zeit, dürfen aber auch nicht unterbrochen und gestört werden.

Ein ernster Wille ist schon Voraussetzung. Mit Leichtsinn und Leichtfertigkeit sind solche Reifeprozesse allein nicht in Gang zu bringen oder zu halten.

Wenn auch der Frohsinn und der Humor große, oftmals sogar wesentliche bis wesentlichste Helfer sein können. Alles kommt darauf an, daß sie echt, nicht erkünstelt sind.

Es ist eine schwere Bergtour. Die Erinnerung daran, daß wahrhaftig nicht viel Zeit bleibt in diesem Leben, solche Reifeprozesse Wirklichkeit werden zu lassen, kann ein Helfer sein. Und sie ist es sehr oft.

Solche Reifeprozesse bedeuten sehr oft Vereinsamung. Denn allzu oft erkennt man, daß sie nicht vereinbar sind damit, sich allzu eng und intensiv mit Mitmenschen einzulassen.

Enttäuschungen sind unausweichlich. Enttäuschungen über sich selbst, tiefe, ebenso wie Enttäuschungen über die Mitwelt. Denn der Mensch ist ja andererseits keineswegs darauf ausgelegt, als Einsiedler zu leben.

In heutiger Zeit sich einerseits für Kulturerhaltung einzusetzen, zum anderen zu wissen, daß das Überleben von Kultur bedroht ist durch mangelnde Zahl an Nachkommen, bedeutet, daß einem das Gründen einer Familie ein heiliges Anliegen sein muss, heiliger noch als zu anderen Zeiten, als ein solches Gründen eigentlich selbstverständlich war.

Die Erfahrung zeigt, daß dies die gefährlichste Klippe im Leben ist für die seelische Weiterentwicklung - oder doch sein kann.

Wünschenswert und enorm hilfreich ist es, einen gottwachen Menschen als Ehepartner zu finden. Aber selbst wenn man einen solchen findet, ja, um so gottwacher und begabter er ist, um so mehr, um so mehr können sich zugleich auch die Klippen mehren. Gegenseitige Beeinflussungen, Verletzungen wie gemeinsame seelische Aufflüge wirken sich unter gottwachen Menschen viel einschneidender aus als sonst unter Menschen.

Und dann erst beginnt die große Kunst der Lebensgestaltung. Das Segeln auf dem offenen, freien Meer. Nur frische Seeluft um einen, ziehende Möwen, Sonne. Oh, weise Wahl wird dann - geradezu von Tag zu Tag - notwendiger denn je. Jeder Sturm, jeder Orkan kann das Schiff auf die Klippen werfen.

Und hiermit ist der schnelle seelische Wandel gemeint - der Absturz ins Bodenlose, der Aufflug in Höhen und Weiten, unbegrenzt.

Auch eine ernste, verantwortungsvolle Aufgabe, die das Überleben der Gruppe sichert, kann Helfer sein im Aufstieg. Das Hinwenden zu den göttlichen Wünschen, das ernste Leben und Erleben von Elternliebe und Gottesstolz, unbekümmert um die Art, wie solche wesentlichen Eigenschaften von der Mitwelt erlebt und gelebt werden, unbekümmert um das eigene Sehnen nach Glück, Lust und Zufriedenheit.

Helfer im Aufstieg.

Musik kann hilfreich sein, Gemeinschaftserleben, Jahresfeste, der Not sich ausliefern, in der sich unsere Kultur, unser Volk heute befinden, dem Wahrheitswillen gerecht werden, der in uns lebt.

Dem Wahrheitswillen gerecht werden, der in uns lebt - - -

Ein reicher seelischer Aufschwung ist möglich.

Es sei noch daran erinnert, daß einige Menschen eine bessere Voraussetzung für seelischen Aufstieg mit bringen als andere.

Eine ausgeglichene, von Extremen möglichst fern gehaltene Kindheit kann sehr hilfreich sein. Hilfreich kann sein, in der Jugend nicht unter zu negative Einflüsse zu geraten.

Sehr hilfreich kann sein, unter günstigen menschlichen Einflüssen zu stehen oder diese aufzusuchen.

Heute ist der Dreck turmhoch über uns geschichtet, daß er schon wieder eine Hilfe ist. Denn man muss sich bei ihm nicht mehr viele Gedanken machen, ob man ihn richtig einschätzt oder nicht. Denn Dreck bleibt immer Dreck.

Zwar ist es nicht schön, nur von Unrat umgeben zu sein. Aber zu erkennen, daß es so ist, kann ja auch eine Art Erleuchtung sein. Zumindest eine Art.

Friedrich Hölderlin: "Wer auf sein Elend tritt, steht höher."

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