Zwei Romane von Karl Springenschmid aus den Jahren 1958 und 1959
Dieser Roman müßte eigentlich "Regina" heißen. Denn "Das Kuckuckskind" ist ein Titel, der so gar nicht zum Ergriffensein passen will, den dieser Romans auslöst (1). Die Hauptperson ist Regina, ein zunächst zweijähriges, verlassenes Kind - später ein feines Mädchen.
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Abb. 1: Portrait der Giovanna Tornabuoni, gemalt von Domenico Ghirlandaio (1448–1494) (Wiki) |
Es wächst zusammen mit drei anderen Kindern in einer Familie heran. Es wird dabei immer in dem Glauben gehalten, es wäre ebenso ein Teil der Familie wie ihre anderen drei Geschwister auch.
Das Heranwachsen vom Kleinkindalter bis zur Studentin wird geschildert, und zwar aus der Sicht ihres älteren Bruders! Und dieser hat einen liebevollen Blick auf diese ganze Geschichte.
Diese kostbare Frucht, die zugleich süß und voll Schmerz ist. Es handelt sich um eine anrührende Geschichte.
Erschütterungen bleiben nicht aus.
Ob der Roman "Das Kuckuckskind" genannt worden ist, weil er ein "Roman für junge Mädchen" ist? Sei dem wie ihm wolle - diesen Roman liest man in jeder späteren Altersstufe gern. Etwa vergleichbar einem Erich Kästner, dessen beste Kindergeschichten auch jede Altersstufe packen.
Signorina N. N.
"Signorina N. N." ist unseres Erachtens noch deutlich gehaltvoller. Aber dennoch handelt es sich um keinen Roman wie "Novè", keinen Roman wie "Das unerreichbare Herz", keinen Roman wie "Das goldene Medaillon" (3-5). Diese letztgenannten drei Romane waren aus den unmittelbaren Erschütterungen der Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg heraus geschrieben worden. Persönliche Lebensschicksale erheben sich in ihnen ohne Umwege - sozusagen auf direktem Weg - zu Schicksalen eines ganzen Volkes.
So verhält es sich bei dem Roman "Signorina N. N." nicht. Dennoch ergreift und erschüttert der Roman ebenso. Weil das persönliche Lebensschicksal, das hier im Mittelpunkt steht, eben so ergreifend und erschütternd ist.
Im Mittelpunkt steht das Lebensschicksal des 18-jährigen Waisenkindes Nina. Da die Umstände seiner Herkunft zu heikel waren, gab es keinen Familienname, der ihm von Seiten der Behörden hätte zugesprochen werden wollen. Und so ist ihm der Familienname "Nessuno" gegeben worden, zu Deutsch: "Niemand".
Wenn man sich in diesem Roman erst einmal fest gelesen hat, kommt man nicht zur Ruhe. Man kommt nicht eher zur Ruhe, bis man man ihn zu Ende gelesen hat, so packend ist er. Man muß lesen, lesen, lesen. Verständlich, daß dieser Roman deshalb auch ins Schwedische, Holländische und Englische übersetzt worden ist (s. Laserer, S. 143).
Bei Springenschmid stellt man immer wieder fest, daß seine Romane "wirklicher" wirken als alle Wirklichkeit. So ist etwa in seiner Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" (6) anhand weniger Anhaltspunkte in der Wirklichkeit im Großen und Ganzen eine Geschichte "konstruiert" worden, die immerhin tatsächlich hätte wahr sein können. Auf unergründbare Weise wirkt sie in einem gewissen Sinne fast "wahrer" als alle Wirklichkeit, aus der die wenigen, verstreuten Anhaltspunkte genommen worden waren. Wie mag das diesem Herrn Springenschmid gelingen? Das eben ist Kunst, so möchte man sagen.
Im Roman "Signorina N. N." geht es bezüglich der "Wahrheit" offenbar noch "doller" zu. So behauptet der Autor zu Anfang, die erzählte Geschichte habe sich erst im letzten Jahr in Florenz zugetragen (also 1959), sie habe dort in allen Zeitungen gestanden und er habe sich schließlich zu dem Mädchen Nina durchgefragt und habe sich von ihm ihre ganze Geschichte erzählen lassen. Das wirkt alles so "echt", so "glaubhaft", daß man als Leser im ersten Augenblick wirklich glaubt, daß alles so gewesen sein müsse. Nur den Namen des anfangs unbekannten Vaters des Waisenkindes habe er geändert, so heißt es zu Anfang.
Aber mit Hilfe des Internets müßte man das ja überprüfen können, ob sich auch nur irgendetwas dergleichen im Jahr 1959 in Florenz zugetragen hätte und dort in den Zeitungen gestanden wäre. Wir finden: nichts. Der Autor hat uns auch eine Rahmenerzählung geliefert, die vollständig erfunden ist. Wir sind empört! Wie können der Leser - oder "junge Mädchen", für die dieser Roman geschrieben worden ist - so an der Nase herum geführt werden! Eine solche Vorgehensweise müßte glattweg verboten werden! Unerhört!
Das einzige, was sich wirklich historisch verifizieren läßt, ist jene Florentinerin Giovanna Tornabuoni (1468-1488) (Wiki) aus der Renaissance-Zeit, auf die sich er Roman an einer oder zwei Stellen bezieht. Gemalt ist diese von dem Florentinischen Maler Domenico Ghirlandaio (1448-1494) (s. Abb. 1).
Damit müssen wir uns genügen!
Und merkwürdig genug, daß ausgerechnet im Jahr 1959 auch noch ein ausgesprochen oberflächlicher, geradezu lächerlich oberflächlicher italienischer Schlager mit dem Titel "Nessuno" heraus gekommen ist (Wiki) (Yt1959). Man ist ja fast dazu verleitet anzunehmen, Springenschmid sei dieser Schlager im Kopf herum gegangen, habe aber zu diesem Schlager ein ganz anderes, viel tiefergehendes Kontrastbild zeichnen wollen? Alles ist denkbar.
Ein guter Romanautor hat den Leser in der Hand. Er ist in seinen Händen weich wie wachs. Er kann alles aus ihm machen. Wohl ihm, wenn er Gutes aus ihm macht, aus dem Leser oder der Leserin!
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- Springenschmid, Karl: Das Kuckuckskind. Roman für junge Mädchen. Hoch-Verlag, Düsseldorf 1958
- Springenschmid, Karl: Signorina N. N.. Roman für junge Mädchen. Hoch-Verlag, Düsseldorf 1960
- Springenschmid, Karl: Novè. Mädchenschicksal zwischen Ost und West. 1951
- Springenschmid, Karl: Das unerreichbare Herz. 1949
- Springenschmid, Karl: Das goldene Medaillon. 1953
- Springenschmid, Karl: Das wiedergefundene Antlitz. 1944
