Einer Leserzuschrift entnehmen wir die folgende Auszüge
Da gibt es ja dieses Buch "Selbstschöpfung" von Seiten einer deutschen Philosophin aus dem Jahr 1927. Beim Lesen eines solchen Buches können einem ja schon mancherlei Gedanken kommen.
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| Abb. 1: Die verdammte Seele (aus: Das Jüngste Gericht von Michelangelo, um 1540) |
Etwa wenn man in dem Kapitel "Bildgleichnisse für Wandel und Schöpfung" liest. Man mag ja gerne von sich behaupten wollen, daß man - entsprechend des dort behandelten Bildgleichnisses - irgendwo auf der Mitte geboren worden sei zwischen Gipfel und Talsohle, vielleicht ein Stück oberhalb dieser Mitte. Und das wäre ja dann - nach nüchterner Zeitskala - etwa Mitte der 1960er Jahre gewesen.
Mit dem Eintritt in die zweite Schulklasse (dieser war in meinem Fall mit einem Schulwechsel verbunden), mag ja dann tatsächlich eine Art seelengesetzlich vorgegebener seelischer Abstieg recht deutlich bemerkbar geworden sein im Rückblick.
Denn: Was war man doch vorher für ein gottdurchflutetes Kind. In meinem Fall kann ich mir das nur an wenigen Erinnerungen deutlich machen. Etwa bezüglich der Frage, welche große Bedeutung Freundschaft für mich hatte, mit welcher "Tiefe" und Innigkeit ich sie erlebte. Und zwar ganz selbstverständlich und zutiefst "von Herzen bewegt" sozusagen. Es gibt da etwa eine Erinnerung: Als ich fünf Jahre alt war, zogen meine Eltern aus dem Harz-Dorf weg, in dem ich bis dahin aufgewachsen war. Der Abschied von meinem dortigen besten Freund, dem Sohn von einem Aussiedlerhof, wurde in aller Tiefe erlebt. In sozusagen großem, heiligen Ernst nahmen wir voneinander Abschied. Denn die Endgültigkeit des Geschehens war uns voll bewußt. Ich weiß noch genau den Ort: die hohe Mauer vor unserer Garagen-Ausfahrt.
Ach ja, ohne Zweifel waren wir als Kinder alle besser als wir es heute sind. Und es mag wirklich viel Sinn machen, sich da hinein zu sinnen. Sehen wir doch fast überall, wie edel und gottinnig Kinder sein können. Und so mag es auch durchaus nur wenig Sinn machen, sich bezüglich der eigenen Kindheit nicht gar zu viel zu verkleinern, um den Unterschied zu heute nicht gar zu kraß erleben zu müssen ...
Nun also weiter. Zwei Jahre später, ein erneuter Orts- und damit Schulwechsel bei meinem Eintritt in die zweite Schulklasse. Dieser mag manches beschleunigt haben in Bezug auf seelischen Abstieg. Anfangs spielten wir Jungen noch so warmherzig und freudig mit bei dem Dornröschen-Spiel der Mädchen auf dem Pausenhof ...
Aber wie lange wohl noch?
Vermutlich rutscht man als Jugendlicher in diesen Zeiten sowieso - so oder so - mit den Jahren deutlicher unter die Talsohle (des Bildgleichnisses) als die meisten bereit sein werden, sich das bewußt zu machen.
Die Tatsache, daß ich mir mit etwa 13 Jahren ein (Haflinger-)Fohlen nicht nur wünschen konnte, sondern auch erhielt, hielt mich ab dann wohl doch einigermaßen in meiner Mitte. Ein Pferd kann ein so guter Freund sein. Vermutlich war mir das damals in der Deutlichkeit gar nicht bewußt. Aber es hat sicherlich manches dazu beigetragen, daß ich mich daran gewöhnen konnte, "anders" zu sein als fast alle meine Schulkameraden, als zuletzt auch mein bester Freund und stattdessen meiner eigenen, inneren Ausrichtung zu folgen. Auch wenn ich damit eher für mich bleiben würde.
Schon ab etwa dem 12. Lebensjahr war ich immer einmal wieder in Mädchen verliebt. Ich warb um sie und es gab immer wieder eines, das "mehr" wollte als nur "Verliebtheit" und Wohlgefallen daran, in Hochstimmung miteinander zu sein, gerne miteinander zu tanzen und einander nahe zu sein. Aber ich hatte gewissermaßen "Angst" davor. Ich hatte Sorge, etwas zu verlieren dabei - ohne zu gewinnen. Ich konnte darüber aber nicht völlig offen mit Mädchen reden. Ich hoffte sozusagen, sie würden es von selbst verstehen. Da habe ich mich gewiß nicht immer ehrenhaft und verständnisvoll genug verhalten.
Gewiß nicht.
Aber dann traf ich ein Mädchen, bei dem alles anders war.
Alles. Aus dem Nachhinein kann ich es vielleicht so ausdrücken: Während ich bei allen Mädchen sonst immer das Gefühl hatte, sie würden das Göttliche wie durch eine Milchglasscheibe hindurch sehen und ich würde ihnen diesbezüglich - bestenfalls - mehr geben können als sie hatten und als sie mir geben könnten - traf ich mit einem mal auf ein Mädchen, bei dem war es gewiß!, gewiß! andersherum. Und das nahm - so hatte ich das Gefühl - niemand wahr außer mir (vielleicht abgesehen von ihrer jüngsten Schwester).
Hatte ich all die Jahre immer auf ein solches Mädchen gewartet - unbewußt? Ich weiß es nicht. Fast will es mir scheinen. Ich weiß heute nur, daß ein solches Verhalten wohl auch viel mit der Fähigkeit zu "Belohnungsaufschub" zu tun haben wird, die mir vielleicht mehr als anderen angeboren ist.
Es war das - dann - für mich wieder und wieder ein erschütterndes Geschehen: ihr nahe zu sein, von ihr verstoßen zu werden, ihr wieder nahe zu kommen, von ihr wieder verstoßen zu werden. Ich nahm das alles hin. Ich hatte das Gefühl: Ich hatte das alles verdient. Ihre Nähe war eine "Gnade" für mich. Und was immer auch geschah: ich hatte es verdient. Ich sah so Großes in ihr. Und ich wollte so Großem gerecht werden, wollte so Großem angemessen sein. Aber ich war nie gut genug für sie. Sie machte es mir deutlich. Und auch ich war zutiefst davon überzeugt. Denn es war die Wahrheit.
Und ich glaube auch heute noch, daß es die Wahrheit war. Was für ein großes Geschehen ist es, auf einen solchen Menschen zu treffen.
Sie hat mich so oft in die tiefsten Abgründe und Trauer "verstoßen".
Aber ich wuchs daran, Schritt für Schritt.
Denn: Ich hatte einen Freund, einen so weisen, älteren, väterlichen Freund. Er redete mir gut zu. Immer wieder und wieder. Er half mir. Er riet mir nie, von diesem Mädchen zu lassen. (Das taten gewiß alle sonst, die von uns wußten, sogar irgendwann der von mir hoch geschätzte Vater dieses Mädchens). Erst ganz zum Schluß, erst nach sechs Jahren herrlichster Höhen und tiefster Tiefen riet auch dieser väterliche Freund mir, von ihr zu lassen - und starb.
Gott im Himmel - noch heute bin ich mit diesen Dingen nicht fertig.
Ich war dreißig Jahre alt, hatte im Leben schon so viel erlebt, war auf das Leben vorbereitet wie vielleicht wenige - und stand ihm doch trotzdem noch so außerordentlich unbeholfen gegenüber.
Die Folgejahre? Ich konnte mich einfach nicht darein finden, mich mit "weniger" zufrieden zu geben, was "Mädchen", was "Frauen" betrifft, als ich erlebt hatte. Ich "konnte" es nicht. Bei einer Gelegenheit wandte ich mich von einem Mädchen ab, weil sie nicht so schnell mit der Leidenschaftlichkeit zurück lieben wollte wie ich ihr Liebe entgegen brachte. Mich empörte das - und ich wandte mich ab. Dabei hätte ich mit geduldigerem Werben vielleicht doch einen Menschen gewonnen, dem ich noch heute mit viel Verehrung und Hochachtung gegenüber stand. Wie viel Irrsinn ist doch in der Welt.
Und so war für mich irgendwann der Punkt erreicht, wo ich mit aller Gewalt nur noch heiraten und Familie gründen wollte. Und sei es über alle Konventionen, über alle Werte hinweg.
Ich hatte mich in den sechs Jahren meiner großen Liebe daran gewöhnt, außerhalb aller Konventionen und Werte zu leben - warum sollte ich mich jetzt daran gewöhnen?
Aber mußte es wirklich ausgerechnet eine Asiatin sein, mit der ich mich zusammen tat? Mußte es das? Wollte ich den Zwiespalt der unvollkommenen Menschenseele endlich beenden? Damit? Einfach nur noch "Da-Sein", "Lieben" (wie alle anderen), "glücklich sein" (wie alle anderen). Was für ein furchtbares Geschehen. Es war furchtbar für meine eigene Seele, zutiefst furchtbar. Denn es handelte sich um einen so beherzten Absprung in den tiefsten Schacht hinunter wie er wohl nur selten unternommen wird.
Tief fallen kann ja eigentlich nur, wer zuvor eine gewisse Fallhöhe erreicht hat.
Hatte ich bis dahin auf alle Menschen hinabgeschaut als "Nicht-Meinesgleichen", schaute ich nun plötzlich - als ich einmal wieder die Oper besuchte - zu ihnen "hinauf", so wie das Asiaten wohl ganz allgemein - eher unbewußt - tun gegenüber Europäern (schon aufgrund der unterschiedlichen Körpergröße).
Wie irre. Wie so vollkommen irre. Ich wollte - unbewußt - alles in mir abtöten, was vorher Gültigkeit hatte für mich. Und ich redete mir ein, "der Abweg wäre nur klein". Vollkommen irre. Wer dem Göttlichen nahe kommt, kann leicht irre werden. Zumal heute. Auch ich blieb davon nicht verschont.
Und auch Michelangelo wird schon gewußt haben, was er malte, als er die verdammte Seele malte.
