Montag, 13. Juli 2026

"Der" deutsche Nachkriegsroman

Wenn das eigene Leben zum "Roman" wird, kann dann ein Roman nicht auch einmal zum Leben werden?

Abb. 1: Eine Studien-Zeichnung des italienischen Malers Pietro da Cortona (1596-1669)

Der Beginn des 7. Kapitels auf Seite 87 las sich so:

Ein Wunder war geschehen. Über dem Hofe in der Röth lag ein neuer, nie gehörter Klang.
Novè sang!
Professor Klaar richtete sich erstaunt von seinem Lager auf. ... An diesem Morgen, einem ganz gewöhnlichen Morgen, zwischen Kühemelken und Schweinefüttern, sozusagen mitten hinein in die unterschiedlichen Geräusche eines landwirtschaftlichen Betriebes erklang "Solveig's Lied", gesungen von einer Magd, keiner gewöhnlichen Magd allerdings; vielmehr von einem Mädchen, das, wie er selbst, vom bitteren Schicksal dieser Zeit wahrhaftig nicht verschont worden war. Und doch - dieses Mädchen sang, sang so unbekümmert, so selbstverständlich, wie sich die Knospen der Sonne auftaten, wie die ersten grünen Halme aus dem Acker brachen ... 
Unwirsch schob er die Aspirintabletten zur Seite ...

"Solveig's Lied"? Aus Peer Gynt von Henrik Ibsen? Vertont von Edvard Grieg? Der Leser fragt sich vielleicht: Wie klang das eigentlich noch mal (Yt)? Und wie lautete eigentlich noch einmal der Text (... "Der Winter mag scheiden")?

Warum ergreifen uns Romane so? Oder genauer: Warum ergreifen uns manche Romane so stark? Etwa weil sie schildern, was es - sowieso - "nur im Roman" gibt? 

Nein, darauf kann es doch eigentlich nicht beruhen.

Die Zeit ist aus den Fugen!

Die Zeit nach 1945 war die Hochzeit des Existentialismus. Er wurde - und wird immer noch und weiterhin - propagiert. Wenn man die Zeit vor 1945 ebenfalls mit einem Schlagwort kennzeichnen möchte, so würde wohl gesagt werden können, daß sie beherrscht war - sozusagen - von Idealismus. Zumindest kann das für Deutschland gesagt werden. Mit all dem ist nicht gemeint, was Politiker "reden". Damit ist gemeint, was Menschen in ihrem Lebensalltag leben - zumindest auch leben. Damit ist gemeint, welche Bücher gelesen werden. Damit gemeint, was in Schulen und in Ferienfreizeiten der Jugend als "Ideal" gelehrt und vorgelebt wird. 

Dem Zusammenbruch aller "idealistischen" "Illusionen" in der deutschen Nachkriegsliteratur, in der "Trümmerliteratur" (Wiki), in der "Kahlschlagliteratur" - "nomen es omen", im Geist der "Ohne mich"-Haltung nach all den erschütternden Erfahrungen der Jahre 1939 bis 1947, all dem etwas entgegen stellen, das - dennoch - "Bestand" hat, das "trägt", einen Roman schreiben, dessen Inhalte es eben nicht nur "im Roman" gibt, sondern der das Leben selbst ist, dies mag sich als Aufgabe gestellt haben der österreichische Schriftsteller Karl Springenschmid (1897-1981) (MetapediaWiki, Salzburg-Wiki).

Hat er diese Aufgabe gelöst?

... Nachdem er die Aspirintabletten zur Seite geschoben hatte? - ... Unwirsch?

Abb. 2: Blick vom Hausruck nach Süden zum Hochgebirge des Salzkammergutes (GMaps) (hier vom Botanischen Garten Frankenburg)

Ja, er hat diese Aufgabe gelöst. Als Leser steht man völlig "verdattert" vor dieser Lösung. Und man fragt sich: Wie schafft er das?

Reichte es, auf "Solveigs Lied" zu hören? - Und wenn es wirklich so einfach war - - - ?

Noch heute ist das Leid, das 1945 zu tragen, zu verarbeiten war, völlig unverarbeitet. Noch heute stehen wir - als Volk, als Kulturraum, als Nation - genau dort, wo unsere Vorfahren im Jahr 1945 gestanden sind. Dem Wesen und der Sache nach hat sich seit 1945 nichts geändert: Vorherrschender Existentialismus, Materialismus, Zynismus, Desillusionierung, flüchten in seichte Oberflächlichkeit oder tiefste Verbitterung auf der einen Seite - und auf der anderen Seite: eine kleine, sehr kleine Minderheit, die - demgegenüber, sozusagen - danach strebt, "das Herz auf dem rechten Fleck" zu behalten, die danach strebt, daß Idealismus, Ideale, Werte, Anständigkeit, Redlichkeit, Liebe, Liebe zur Heimat, Liebe zum heimatlichen Boden keine leeren Worte bleiben. Sondern daß sie gelebt sind, daß sie "authentisch" bleiben. Weiterhin.

Mit jedem Jahr wird die innere Not jener, die sich um Letzteres bemühen, größer. 

Dabei: Sie war doch schon im Jahr 1945 .... gar nicht zu begreifen - - -

Vom Hausruck und Linz in Oberösterreich über Mattersburg, Budapest nach Temeschwar, nach Kikinda und zurück (GMaps) - diesen Weg läßt der Schriftsteller Springenschmid seine Romanfigur "Novè" gehen. Er läßt sie gehen einen schweren Weg. Einen Weg, der von tiefem Leid geweiht ist. Ungefähr im Jahr 1949. An diesem Weg liegt das Massengrab, in dem ihre Eltern und tausende anderer Banater Schwaben verscharrt liegen. An diesem Weg liegen Stätten des Grauens und der Verwüstung. An diesem Weg trifft sie auf Menschen, die durch den Kommunismus verändert wurden. Und sie trifft auf solche, die unverändert geblieben sind. Der Weg läßt sie Schwerstes erleben. Und den Roman bewegt die Frage: Wird die Romanfigur durch dieses Erleben verändert? Oder bleibt sie - im tiefsten Innern - diejenige, die sie war? Findet sie ins Leben zurück? Weil ihr Leben - - - in der Liebe wurzelt? Der Roman zeichnet dabei - - - ein "Mädchenschicksal zwischen Ost und West".

Immer wieder und immer wieder erneut legt man den Roman zutiefst erschüttert beiseite.

Höchste Werte - aber nicht auf Propaganda-Plakaten vor sich her getragen, sondern in stiller, ehrlicher, unmittelbarer Trauer - oder Freude - nach innen gelebt. Ohne zu beachten, ja, ohne überhaupt nur zu fragen, was "all die anderen" denken, reden, tun. Sich selbst der Maßstab sein. Sich über jene - wenigen - freuen, die noch "ein Herz haben". Mit jenen nachsichtig sein, denen das Herz - aus welchen Gründen auch immer - unter Verbitterung oder Oberflächlichkeit - zeitweise - verschüttet ist.

Wer diesen schweren Weg gegangen ist - mit der Romanfigur "Novè" - ist derjenige in der Lage, sich in ein "besseres" Verhältnis zu stellen zu der Orientierungslosigkeit von heute? Hat er einen Standpunkt gefunden, der trägt? Man legt den Roman so erschüttert weg, daß man eigentlich nur noch in diesem Roman weiter leben möchte. Weil man sich nur dort - in diesem Roman - "echt" fühlt. Weil das eigene Leben gegenüber diesem Roman sich so unendlich schal, hohl anfühlt, so außerhalb alles "Eigentlichen" stehend.

Abb. 3: Blick vom Hausruck nach Süden - Frankenburg am Hausruck, Aussichtsturm (Fotograf: Thomas Ledl, 2017) (Wiki) 

Ist dieser Roman nicht wie eine moderne "Bibel" oder besser: wie ein "heiliges Buch"? Da in ihm so durch und durch heilige Wege begangen werden, da sich in ihm so durch und durch Gehaltvolles ausspricht - ? Ohne alle Aufdringlichkeit?

Wer möchte, könnte in dem Roman einen vergleichsweise seichten Mädchenroman sehen. Er könnte einen Roman darin sehen, der mit viel Oberflächlichkeit dahin plätschert. Die schweren, tragischen Inhalte drängen sich dem Leser nicht auf. Sie sind - wenn man so sagen will - fast "versteckt". Hat man sie aber einmal entdeckt, lassen sie einen nicht mehr los. Sie schütteln einen durch und durch. Sie drehen das Inwendige nach außen.

Ein Roman kann wie Musik sein: leichte, fröhliche, heitere Töne --- und zwischendurch klingen dunkle, drohende, erschütternde Akkorde auf - aus tiefer Tiefe. Kontrabässe und Chelli steigen aus dem Dunkel, markieren das Dunkle, das Drohende, Abgründige. Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit der Geigen und Flöten blickt erschreckt auf all das Drohende, bleibt aber doch in der Leichtigkeit, die ihnen eigen ist. Es mag aber auch sein, daß die Musik zeitweise fast ganz abbricht. Weil so viel Grauen gar nicht mehr in Musik gefaßt werden kann. Und in Worte schon gar nicht.

Der Roman spielt zu Anfang und am Ende im Hausruck, einem langgestreckten Höhenzug nördlich vom Salzkammergut zwischen Salzburg, Passau und Linz. Man blickt von dort über hügelige Bauernlandschaft auf das ferne Gebirge des Salzkammergutes (Abb. 2 und 3). Karl Springenschmid kannte diesen Hausruck sehr gut. Denn er beschreibt ihn auch in seinem autobiographischen Roman "Der Waldgänger" als verborgenen Weg all jener Menschen, die im Jahr 1945 auf der Flucht oder auf dem Weg in ihre Heimat waren und die dabei möglichst wenig mit den neuen Besatzungsmächten in Berührung kommen wollten. Ihnen fühlte er sich verbunden. Der Roman spielt zwischen Eberschwang und Pattingham (GMaps).

Abb. 4: Die französische Schauspielerin Danielle Darrieux - der die Novè des Romans ähneln soll (S. 269)  

Der Roman spielt beim "Bauern in der Röth". Man könnte denken, daß das angespielt ist auf die Gemeinde Rödt (Wiki), neun Kilometer südlich von Ried im Innkreis. Fünf Kilometer nördlich von Rödt liegt "Schachen". Im Roman ist von einem "Schacha" die Rede. Beide können aber kaum identisch sein, denn zu dem "Schacha" des Romans kommt man nach langen Wegen durch den Wald und es hat Ausblick nach Süden, zum Gebirge zu. Vielleicht dachte Springenschmid bei dem Schacha im Roman an eine Waldinseln bei Oberedt, von wo man vielleicht einen ähnlichen Ausblick nach Süden hat wie in den Abbildung 2 und 3 zu sehen.

Erwähnt werden im Roman die Ortschaften: Riegerting, Waldzell, Pattingham, Rödt, Pramet, Schachen, Eberschwang, Baumbach, Ried im Innkreis und Haag am Hausruck (GMaps). Diese Ortschaften sind gegenüber den anderen Inhalten des Romans so "nebensächlich", man liest so leicht darüber hinweg, daß man sie im Roman erst konzentriert suchen muß, um sich klar zu machen, wo dieser Roman eigentlich spielt. Spielt er nicht - eigentlich - "über" Raum und Zeit, spielt er nicht eigentlich jenseits von Raum und Zeit?

Man kann es auch so sagen: Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, das Schicksal nacherlebbar zu machen, das Tausende, Millionen erlebt und erlitten hatten, und es neu vor sie hinzustellen und sie es diesmal - wenigstens im Roman - "bestehen" zu lassen. Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, "leicht" an dieses Schicksal zu rühren, zu erschüttern - aber ohne die Gegenwart selbst dabei aus den Augen zu verlieren oder gar ins Abseits des Lebens zu geraten. Sondern vielmehr umgekehrt die Menschen fest ins Leben hinein zu stellen.

Als die "Trümmerliteratur" zur allein selig machenden Literatur erklärt wurde in Deutschland, lag darin schon beschlossen, was spätestens im Jahr 2015 mit so großer Macht - und scheinbar "plötzlich" - sichtbar werden sollte: nämlich daß ein Volk, das Herzvolk Europas, nicht mehr leben will. Daß es sich nicht mehr zum Leben aufraffen will. Daß ihm die Simulation eines Aufraffens - in Form von "Politik" - ausreicht. Alles das lag schon in dem Umstand, daß den Menschen Trümmerliteratur "genug" war. Daß sie nach anderem - scheinbar - nicht mehr fragten. 

Abb. 5: Soltur im serbischen Banat - Das Heimatdorf von Novè (GMaps) heute (Serbisch "Banatsko Veliko Selo")

"Politik" beendet seit 2015 nur, was die Herzen schon in vielen Jahrzehnten zuvor entschieden hatten. Und was sie jeden Tag neu entscheiden.

Denn wir - wir heute - sind die Totengräber Deutschlands.

Der eigentlich repräsentative Roman der deutschen Nachkriegsliteratur, der möchte, daß die Deutschen als Volk lebendig bleiben, heißt "Novè". Er erschien im Jahr 1951. Er ist eingerahmt von zwei weiteren Romanen desselben Autors, nämlich von dem Roman "Das unerreichbare Herz" aus dem Jahr 1949 und von dem Roman "Das goldene Medaillon" aus dem Jahr 1953. Alle drei Romane behandeln Frauen- bzw. Mädchenschicksale.

"Novè" ist der Nachkriegsroman der Deutschen.

Denn man muß verstehen, auf wie vielen Trümmern von Leid unser Jahrhundert und das deutsche Schicksal - seither - errichtet ist. Diese Trümmer von Leid werden durch den Existentialismus nicht adressiert. 

Und man muß verstehen, daß derjenige, der nicht wirklich froh ist, auch die unergründlichen Berge von Leid nicht ermessen kann, denen alle Fröhlichkeit und Leichtigkeit zu erliegen drohen.

Hat nicht Deutschland also tatsächlich einen "Roman" erlebt, der noch viel zu wenig erzählt worden ist? Aber warum ist er viel zu wenig erzählt worden? Weil das, was Deutschland erlebt hat, nicht "als Roman" erlebt werden konnte?

Abb. 6: "Novè - Mädchenschicksal zwischen Ost und West"

- - - In Teilen ist das gewiß so. Aber in anderen Teilen auch nicht.

Im übrigen: Der Roman ist gewidmet "Dem Gedenken der Mädchen von Cernje". Was es damit auf sich hat, muß - wenn überhaupt - noch einmal in ganz anderen Zusammenhängen aufgegriffen werden (s. Hrastovac).

Aber man kann die Frage auch anders stellen: Warum mutet die Weltgeschichte den Menschen so Schweres zu? Was ist damit "beabsichtigt"? Welchen Sinn hat das?

***

Anhang

Der Weg von Novè führt von Szeged und Kiszombor in Ungarn über Tschanad in Rumänien nach Hatzfeld, von dort nach Lenauheim und von dort nach Temeschwar (GMaps). Hatzfeld liegt nur wenige Kilometer von Soltur entfernt, allerdings jenseits der serbisch-rumänischen Grenze. Temeschwar (Wiki) ist das kulturelle Zentrum des Banats. Es war bis 1880 eine mehrheitlich von Deutschen bewohnte Stadt. Deshalb wird seine Innenstadt auch heute noch als "Klein-Wien" bezeichnet, da sie an das alte Wien erinnert. Wie in Wien gibt es auch in Temeschwar zahlreiche Palais aus dieser Zeit. 
1910 lebten dann fast ebenso viele Ungarn wie Deutsche in Temeschwar. Ab 1941 waren die Rumänen die größte Sprachgruppe in Temeschwar. Die 33.000 Deutschen von 1930 gingen bis 1977 auf 28.000 zurück und bis 1992 auf 13.000. Heute leben nur dort noch 2000 Deutsche.
Von Temeschwar ist im Roman sonst eigentlich nicht die Rede. Aber ein Teil der Handlung spielt in einer "Villa Prochaska" in Temeschwar (S. 176ff). Eine solche Villa ist in Temeschwar auch vorhanden (Heritage). Die Fassade dieser Villa könnte zu der Villa des Romans passen. Allerdings liegt die Villa im Roman abseits in einem großen Park, während die wirkliche Villa Prochaska inmitten der Stadt - und umgeben von weiteren Stadtvillen des einstigen wohlhabenden deutschen Bürgertums - liegt (GMaps). Ursprünglich war die Villa Prochaska erbaut worden von einer Mühlenbesitzerfamilie Prochaska (Wiki). Auch sie waren Banater Schwaben. Das wird im Roman gar nicht erwähnt.
Der Autor spricht außerdem von einer Zuckerrübenfabrik in Hatzfeld. Eine solche hat es nach der KI in Großbetschkerek gegeben, aber nicht in Hatzfeld.