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Donnerstag, 12. November 2020

"Wenn junge Eltern sterben" - Eine Dokumentation

Eine Fernseh-Dokumentation, in der der Tod - unser aller Tod - einmal seine Würde zurück erhält

 

Vorschaubild zur Dokumentation

Sogar im "Mainstream"-Fernsehen ist diese Dokumentation gelaufen. Selten genug geschieht das.


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  1. Renate Werner: Das will ich dir noch sagen - Wenn junge Eltern sterben. WDR Doku, 09.07.2019, https://youtu.be/hRaNu4DdCco.

Samstag, 29. Februar 2020

Pablo Picasso - "Die Frau mit der Krähe" (1904)

Eine Bildbetrachtung

"Blaue Periode" - dies ist die Bezeichnung für jene Phase im Leben des Malers Pablo Picasso (1881-1973), in der seine großen Frühwerke entstanden. Die Gemälde dieser Frühphase gelten als bedeutend, nicht zu ersetzen.

Abb. 1: Pablo Picasso - Frau mit Krähe - 1904

Diese Werke sind zwischen dem 20. und 24. Lebensjahr geschaffen worden. Der Autor dieser Zeilen hat viele Jahre - aufgrund familiärer Zusammenhänge - eine große Reproduktion des Gemäldes "Frau mit der Krähe" von Pablo Picasso in der Wohnung hängen gehabt (Abb. 1). Immer einmal wieder fiel der Blick auf dieses Gemälde. Viele Jahre hat er das Gemälde als eine Art Fremdkörper in der Wohnung empfunden.

Irgendwann raffte er sich auf und begann, sich Gedanken um die "Symbolik" dieses Gemäldes zu machen.*) Es kam heraus: Das Gemälde "Femme à la corneille", "Frau mit Krähe" entstand 1904. Es markiert den vielleicht tiefsten Punkt jener Depression, von der die "Blaue Periode" bei Pablo Picasso hervorgerufen worden sein wird. Eine blasse Frau. Sie streichelt eine Krähe.

Auch Anflüge von Haß glaubt man in dem Gesicht der Frau zu lesen. Aber was sonst noch? Sieht man dieses Gemälde im Zusammenhang mit allen anderen Gemälden aus der Blauen Periode, tritt der Eindruck wieder zurück, daß auf diesem Gesicht Haß oder gar Bosheit die dominanten Anteile sein könnten (1). In dem vielleicht vorausgegangenen Gemälde "Frau mit Helmfrisur" ("Femme au chignon", 1904) (Abb. 2) findet sich ein ähnlich kaltes, ausdrucksloses, desillusioniertes Frauengesicht (Wiki).


Abb. 2: Pablo Picasso - Frau mit Helmfrisur - 1904

Es gibt eine Liste der Arbeiten von Pablo Picasso zwischen den Jahren 1901 und 1910 (Wiki). Sie bietet einen Überblick. In der Blauen Periode entstanden Gemälde wie: "Melancholische Frau", "Sitzende Frau", "Die Suppe", "Mutterschaft", "Der alte Gitarrenspieler" (Wiki) (Abb. 3) oder "Die Tragödie" (Abb. 4). Es ist zu erfahren (Wiki):
Diese Arbeiten (...) gehören heute zu seinen bekanntesten, obwohl er in der Zeit ihrer Entstehung Schwierigkeiten hatte, sie zu verkaufen.

Das Gemälde "Das Leben" (1903)


Ausgangspunkt dieser langen Reihe von Gemälden der "Blauen Periode" war nun das Gemälde "Das Leben" von 1903 (Abb. 5). "Hört auf zu gebären, das Leben ist voller Leid" scheint der darauf abgebildete Freund Picasso's zu der darauf abgebildeten Mutter Picasso's (der Frau mit dem Kind im Arm) zu sagen.

Es kann eine sehr konkrete Vorgeschichte zu diesem Gemälde berichtet werden. Bis 1900 lebte Pablo Picasso in Barcelona. 1901 besuchte er - auf Anregung seines eben genannten Freundes, Carlos Casagemas (1881-1901) (Wiki) - und mit diesem zusammen das erste mal Paris. Casagemas war ebenfalls Maler. Dort in Paris lernten sie die ebenfalls auf dem Gemälde abgebildete Tänzerin des Moulin Rouge, Germaine Pichot, kennen. In dem Wikipedia-Artikel zu ihr findet sich etwas wieder von dem - im Grunde recht komplizierten und dramatischen - Geschehen, das den Hintergrund zu diesem Gemälde gibt (Wiki):
Germaine Pichot (...) heiratete einen Mann namens Florentin. Unter diesem Namen lernte sie Picasso in Paris kennen, als er im Jahr 1900 mit seinem Freund Carles Casagemas dort eintraf. Während Picasso eine Affäre mit Germaines Freundin oder Verwandter Louise Lenoir, die unter dem Namen Odette bekannt war, begann, verliebte sich Casagemas in Germaine, mußte aber feststellen, daß er impotent war. Nach einer Reise nach Spanien, die er zusammen mit Picasso angetreten hatte, kehrte Casagemas 1901 ohne diesen nach Paris zurück. Bei einer Feier im Restaurant L'Hippodrome am 17. Februar 1901 gab Casagemas einen Schuß auf Germaine ab, der diese aber nicht, wie wohl beabsichtigt, tötete.
In der Annahme, er habe sie getötet, richtete er danach seine Waffe auf sich und rief "So, und jetzt ich". Auf Wikipedia heißt es:
Danach richtete Casagemas die Waffe auf sich selbst und brachte sich eine Kopfverletzung bei, an der er wenig später starb.
Nach dem Tod seines Freundes ist auf den Bildern von Picasso dann eben mehrere Jahre so viel Trauer zu sehen.
Abb. 3: Pablo Picasso - Der alte Gitarrenspieler - 1903/04

Im äußeren Leben ging es bei Picasso - bei großer materieller Armut - folgendermaßen weiter (Wiki):
Nach seiner Rückkehr nach Paris im Mai 1901 brach Picasso mit Odette und fing eine Beziehung mit Germaine an.
Und weiter:
"La Vie" war ursprünglich anders angelegt als es sich heute präsentiert: Der junge Mann auf dem Gemälde war zunächst ein Selbstporträt Picassos, ehe dieser das Bild änderte und dem Mann die Züge Casagemas' und der zunächststehenden jungen Frau die Germaines gab.
Die Entstehungsgeschichte des Gemäldes "Das Leben" von 1903 ist also von einem dramatischeren Geschehen bestimmt, als man es ohne dieses Hintergrundwissen ahnen würde. Die sich hier andeutenden wechselnden Liebesverhältnisse, die man auch in manchen Biographien der etwa zeitgleich lebenden expressionistischen Maler des deutschen Sprachraumes findet - etwa in Dresden rund um die "Brücke", mündeten in jener Zeit bei Picasso auch in verschiedene, erhalten gebliebene kleinere Werke. So soll Picasso in dieser Zeit auch das Gemälde "La Doleur" (1902) gemalt haben.

Picasso selbst hat zu dem Gemälde "Das Leben" nie eine Deutung gegeben. In der Kunstwissenschaft gehen die Ansichten über seine Deutung weit auseinander. Es heißt, daß es dem Betrachter - womöglich mehr oder weniger bewußt - weite Deutungsspielräume offen gelassen hätte. Daß ja auch für Picasso selbst die Aussage des Gemäldes nicht von Anfang an feststand, ist ja schon seiner angedeuteten Entstehungsgeschichte zu entnehmen: Er wollte eigentlich sich selbst malen. Aber der Gedanke an den Freund drängte sich in den Vordergrund und ist dann verarbeitet worden.

Abb. 4: Pablo Picasso - Die Tragödie - 1903
Auffallend ist vor allem die zugleich ein junges Leben grüßende wie abwehrende Geste des Mannes gegenüber der Frau mit dem Kind. Sie ist eine Geste des Zwiespalts. Einerseits grüßt sie das Leben, andererseits scheinen Blick und Körperhaltung eben zu sagen: Ach, hättest du mich nie geboren.

Die Blaue Periode wird auf die Jahre 1901 bis 1904 datiert. Ab 1904 begann sich sein Mal-Stil zu ändern. Auf die Blaue Periode folgte die Rosa Periode (1904 bis 1906) (Wiki). In dieser nimmt die Melancholie des Künstlers - wie die Farbe Rosa schon für sich selbst aussagt - etwas unbeschwertere Züge an. Und ab 1907 wurde die Malweise von Picasso zunehmend abstrakter.

Es wird gesagt werden dürfen: Ohne die Bilder der Blauen Periode wäre Picasso nicht jener Picasso geworden, als der er in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Sie ist sicherlich ein grundlegendes Lebens- und Kunststadium gewesen, sonst würden die hierbei entstandenen Werke heute nicht als so bedeutend empfunden werden.

Aber als die ausdrucksstärksten Bilder der "Blauen Periode" darf man die Gemälde "Frau mit der Krähe" und "Frau mit Helmfrisur" empfinden.

Abb. 5: Pablo Picasso - Das Leben - 1903

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*) Eine frühere Fassung des vorliegenden Blogartikels hier:  DVHS 04/2017. (Der vorliegende Blogartikel stellt eine Neufassung des älteren dar. Also dasselbe Thema in neuer "Variation".)

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  1. Mit diesem Gemälde befaßte sich 1982 auch das französische Fernsehen anläßlich seiner Versteigerung (Yt).
  2. Reyes Jiménez de Garnica, Malén Gual (Hrsg.): Journey through the Blue. La Vie. (Catalogue of the exhibition celebrated at Museu Picasso, Barcelona, october 10th 2013 to january 19th 2014). Institut de Cultura de Barcelona: Museu Picasso, Barcelona 2013
  3. Museu Picasso zur Ausstellung, bcn.cat, abgerufen am 05. April 2017

Freitag, 7. April 2017

"Hört auf zu gebären, das Leben ist voller Leid"

Picassos "Blaue Periode"

/Dieser Blogartikel hat zwischenzeitlich 
eine - vielleicht noch gültigere -
 Neufassung erfahren: DVHS 2/2020./

"Hört auf zu gebären, das Leben ist voller Leid." Picasso's Gemälde "Das Leben" aus dem Jahr 1903 scheint diese Aussage zu haben: "Hört auf zu gebären, das Leben ist voller Leid." Es scheint dies der darauf abgebildete Freund Picasso's zu der gleichfalls darauf abgebildeten Mutter Picasso's (der Frau mit dem Kind im Arm) zu sagen.  

Abb. 1: Pablo Picasso - Das Leben - 1903

Wie es wohl zu diesem Bild gekommen ist? Bis 1900 lebte Pablo Picasso (1881-1973) in Barcelona. 1901 besuchte er - auf Anregung seines eben genannten Freundes, Carlos Casagemas (1881-1901) (Wiki) - und mit diesem zusammen das erste mal Paris. Casagemas war ebenfalls Maler. Dort in Paris lernten sie die ebenfalls auf dem Gemälde abgebildete Tänzerin des Moulin Rouge, Germaine Pichot, kennen. In dem Wikipedia-Artikel zu ihr findet sich etwas wieder von dem - im Grunde recht komplizierten und dramatischen - Geschehen, das den Hintergrund zu diesem Gemälde gibt (Wiki):
Germaine Pichot (...) heiratete einen Mann namens Florentin. Unter diesem Namen lernte sie Picasso in Paris kennen, als er im Jahr 1900 mit seinem Freund Carles Casagemas dort eintraf. Während Picasso eine Affäre mit Germaines Freundin oder Verwandter Louise Lenoir, die unter dem Namen Odette bekannt war, begann, verliebte sich Casagemas in Germaine, mußte aber feststellen, daß er impotent war. Nach einer Reise nach Spanien, die er zusammen mit Picasso angetreten hatte, kehrte Casagemas 1901 ohne diesen nach Paris zurück. Bei einer Feier im Restaurant L'Hippodrome am 17. Februar 1901 gab Casagemas einen Schuß auf Germaine ab, der diese aber nicht, wie wohl beabsichtigt, tötete.
In der Annahme, er habe sie getötet, richtete er danach seine Waffe auf sich und rief "So, und jetzt ich". Auf Wikipedia heißt es:
Danach richtete Casagemas die Waffe auf sich selbst und brachte sich eine Kopfverletzung bei, an der er wenig später starb.
Nach dem Tod seines Freundes ist auf den Bildern von Picasso mehrere Jahre viel Trauer zu sehen. 

Abb. 2: Pablo Picasso - Die Tragödie - 1903

Im äußeren Leben ging es bei Picasso - bei großer materieller Armut - folgendermaßen weiter (Wiki):
Nach seiner Rückkehr nach Paris im Mai 1901 brach Picasso mit Odette und fing eine Beziehung mit Germaine an.
Und weiter:
"La Vie" war ursprünglich anders angelegt als es sich heute präsentiert: Der junge Mann auf dem Gemälde war zunächst ein Selbstporträt Picassos, ehe dieser das Bild änderte und dem Mann die Züge Casagemas' und der zunächststehenden jungen Frau die Germaines gab.
Die Entstehungsgeschichte dieses Gemäldes ist also von einem dramatischeren Geschehen bestimmt, als man es ihm auf den ersten Blick ansehen würde. Die sich hier andeutenden wechselnden Liebesverhältnisse, die man auch in manchen Biographien der etwa zeitgleich lebenden expressionistischen Maler des deutschen Sprachraumes findet - etwa in Dresden rund um die "Brücke", mündeten in jener Zeit bei Picasso auch in verschiedene, erhalten gebliebene kleinere Werke. So soll Picasso in dieser Zeit auch das Gemälde "La Doleur" (1902) gemalt haben.

Abb. 3: Pablo Picasso - Der alte Gitarrenspieler - 1903/04

In den kleineren Werken spiegelt sich aber natürlich weniger jener Gehalt wieder, der in seinen bedeutendsten Werken enthalten ist, nämlich der Umstand, daß der Tod seines Freundes - und sicherlich auch die eigenen Liebeserfahrungen - bei Picasso eine mehrere Jahre anhaltende Traurigkeit auslösten. Sie werden zusammenfassend als die Bilder der "Blauen Periode" bezeichnet (Wiki):
Diese Arbeiten (...) gehören heute zu seinen bekanntesten, obwohl er in der Zeit ihrer Entstehung Schwierigkeiten hatte, sie zu verkaufen.
Zu dem Gemälde "Das Leben" aus dem Jahr 1903 hat Picasso selbst nie eine Deutung gegeben. Die Ansichten in der Kunstwissenschaft über seine Deutung gehen weit auseinander. Es heißt, daß es dem Betrachter - womöglich mehr oder weniger bewußt - weite Deutungsspielräume offen gelassen hätte. Daß ja auch für Picasso selbst die Aussage des Gemäldes nicht von Anfang an feststand, ist ja schon seiner angedeuteten Entstehungsgeschichte zu entnehmen: Er wollte eigentlich sich selbst malen. Aber der Gedanke an den Freund drängte sich in den Vordergrund und mußte verarbeitet werden.

Auffallend scheint vor allem die abwehrende Geste des Mannes gegenüber der Frau mit dem Kind zu sein. Es ist nahe liegend, daß sie aussagen soll: Ach, hättest du mich nie geboren.

Es gibt eine Liste der Arbeiten von Picasso zwischen 1901 und 1910 (Wiki), sie bietet einen Überblick. Die Blaue Periode wird auf die Jahre 1901 bis 1904 datiert. Ab 1904 begann sich sein Mal-Stil zu ändern. Und ab 1907 wurde er zunehmend abstrakter.

Abb. 3: Pablo Picasso - Frau mit Krähe - 1904

In der Blauen Periode entstanden etwa "Melancholische Frau", "Sitzende Frau", "Die Suppe", "Mutterschaft", "Die Tragödie", "Der alte Gitarrenspieler" (Wiki).

1904 entstand auch das Gemälde "Frau mit einer Krähe" (Femme à la corneille), das vielleicht den tiefsten Punkt der Depression von Picasso bezeichnet: Eine sehr, sehr blasse Frau, ihre Gesichtsfarbe ist im Grunde kahl-weiß. Und sie streichelt eine Krähe. Man wird eine Krähe von ihrem Wesen her eher als das Gegenteil eines zugewandten, lebensnahen "Streicheltieres" empfinden. Diese Geste mag die tiefe Entfremdung gegenüber allem Leben zum Ausdruck bringen.

Man ist auch geneigt, im Gesicht der Frau Haß zu lesen. Sieht man dieses Gemälde aber im Zusammenhang mit allen anderen Gemälden aus der Blauen Periode, tritt der Eindruck wieder zurück, daß auf diesem Gesicht Haß oder gar Bosheit die dominanten Anteile sein könnten (3). In dem vielleicht vorausgegangenen Gemälde "Frau mit Helmfrisur" ("Femme au chignon", 1904) findet sich ein ähnlich kaltes, ausdrucksloses, desillusioniertes Frauengesicht (Wiki).

Abb. 4: Pablo Picasso  
Frau mit Helmfrisur
1904
Auf die Blaue Periode folgte die Rosa Periode (1904 bis 1906) (Wiki). In dieser nimmt die Melancholie des Künstlers - wie die Farbe Rosa schon für sich selbst aussagt - etwas unbeschwertere Züge an. Aber es wird sicher gesagt werden dürfen: Ohne die Blaue Periode wäre Picasso nicht jener Picasso geworden, als der er in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Sie ist sicherlich ein grundlegendes Lebens- und Kunststadium gewesen, sonst würden die in dieser Lebensphase entstandenen Werke nicht heute noch als so bedeutend empfunden werden.

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  1. Reyes Jiménez de Garnica, Malén Gual (Hrsg.): Journey through the Blue. La Vie. (Catalogue of the exhibition celebrated at Museu Picasso, Barcelona, october 10th 2013 to january 19th 2014). Institut de Cultura de Barcelona: Museu Picasso, Barcelona 2013
  2. Museu Picasso zur Ausstellung, bcn.cat, abgerufen am 05. April 2017
  3. Mit diesem Gemälde befaßte sich 1982 auch das französische Fernsehen anlässlich seiner Versteigerung (Yt).

Sonntag, 13. März 2016

Alkestis - Eine Dichtung von Rainer Maria Rilke

Die Dichtung "Alkestis" des deutschen Dichters Rainer Maria Rilke (1875-1926) beschreibt, wie das Göttliche in Form des Todes mitten in eine trunkene Hochzeitsgesellschaft einbricht. Und wie nur wenige vor ihm bestehen, bzw. nur eine: Alkestis.

Abb. 1: Rainer Maria Rilke im Palais Biron, Paris 1908 - als Sekretär Rodins aufgenommen von Harry Graf Kessler (pdf)

Alkestis

Da plötzlich war der Bote unter ihnen,
hineingeworfen in das Überkochen
des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.
Sie fühlten nicht, die Trinkenden, des Gottes
heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit
so an sich hielt wie einen nassen Mantel
und ihrer einer schien, der oder jener,
wie er so durchging. Aber plötzlich sah
mitten im Sprechen einer von den Gästen
den jungen Hausherrn oben an dem Tische
wie in die Höh gerissen, nicht mehr liegend,
und überall und mit dem ganzen Wesen
ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.
Und gleich darauf, als klärte sich die Mischung,
war Stille; nur mit einem Satz am Boden
von trübem Lärm und einem Niederschlag
fallenden Lallens, schon verdorben riechend
nach dumpfem umgestandenen Gelächter.
Und da erkannten sie den schlanken Gott,
und wie er dastand, innerlich voll Sendung
und unerbittlich, – wußten sie es beinah.
Und doch, als es gesagt war, war es mehr
als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.
Admet muß sterben. Wann? In dieser Stunde.
Der aber brach die Schale seines Schreckens
in Stücken ab und streckte seine Hände
heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.
Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,
um Monate, um Wochen, um paar Tage,
ach, Tage nicht, um Nächte, nur um Eine,
um Eine Nacht, um diese nur: um die.
Der Gott verneinte, und da schrie er auf
und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie
wie seine Mutter aufschrie beim Gebären.
Und die trat zu ihm, eine alte Frau,
und auch der Vater kam, der alte Vater,
und beide standen, alt, veraltet, ratlos,
beim Schreienden, der plötzlich, wie noch nie
so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:
Vater,
liegt dir denn viel daran an diesem Rest,
an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?
Geh, gieß ihn weg. Und du, du alte Frau,
Matrone,
was tust du denn noch hier: du hast geboren.
Und beide hielt er sie wie Opfertiere
in Einem Griff. Auf einmal ließ er los
und stieß die Alten fort, voll Einfall, strahlend
und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!
Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.
Aber in seinem Antlitz stand das Andere,
das er nicht sagte, namenlos erwartend,
wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,
erglühend hinhielt übern wirren Tisch.
Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,
sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,
du aber, du, in deiner ganzen Schönheit –
Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.
Er blieb zurück, und das, was kam, war sie,
ein wenig kleiner fast als er sie kannte
und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.
Die andern alle sind nur ihre Gasse,
durch die sie kommt und kommt –: (gleich wird sie da sein
in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).
Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.
Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,
und alle hörens gleichsam erst im Gotte:
Ersatz kann keiner für ihn sein. Ich bins.
Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende
wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem
was ich hier war? Das ists ja, daß ich sterbe.
Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,
daß jenes Lager, das da drinnen wartet,
zur Unterwelt gehört? Ich nahm ja Abschied.
Abschied über Abschied.
Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,
damit das Alles, unter Dem begraben
der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflöst –.
So führ mich hin: ich sterbe ja für ihn.
Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,
so trat der Gott fast wie zu einer Toten
und war auf einmal weit von ihrem Gatten,
dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,
die hundert Leben dieser Erde zuwarf.
Der stürzte taumelnd zu den beiden hin
und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen
schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen
verweint sich drängten. Aber einmal sah
er noch des Mädchens Antlitz, das sich wandte
mit einem Lächeln, hell wie eine Hoffnung,
die beinah ein Versprechen war: erwachsen
zurückzukommen aus dem tiefen Tode
zu ihm, dem Lebenden –
Da schlug er jäh
die Hände vors Gesicht, wie er so kniete,
um nichts zu sehen mehr nach diesem Lächeln.
                                                Rainer Maria Rilke
(>)





Abb. 2: Emil Orlik - Rainer Maria Rilke

Donnerstag, 31. Mai 2007

Er ist souverän gestorben - Charles Lindbergh

Am 26. August 1974 in Maui, Hawai

Charles Lindbergh, der berühmte Erst-Überflieger des Atlantischen Ozeans, souverän ist er gestorben. Eher durch Zufall kann man an eine Biographie über diesen Amerikaner geraten (1). Ein aufregendes Leben (1902-1974): Abbruch des Studiums, Kunst-, Post- und Militärflieger, schließlich die bis zu jenem Zeitpunkt in der Geschichte nie dagewesene Popularität eines einzelnen, ganz bescheidenen, jungen Menschen aufgrund der einsamen Atlantik-Überquerung im Jahr 1927.

Dann seine Ehe mit der Schriftstellerin Anne Morrow Lindbergh. Die Entführung und Ermordung ihres ersten Baby's, die weiteren sechs Kinder. Das geradezu zwanghafte, ständige "Unterwegs-Sein" von Charles Lindbergh in der ganzen Welt. Die Kontakte zu führenden Persönlichkeiten in den Bereichen der Wissenschaft, der Technik, der Politik, nicht nur in England, in Frankreich, in Rußland, sondern auch im nationalsozialistischen Deutschland. Schließlich der führende Kopf des Widerstandes gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg (1939-1941), der "America First"-Bewegung. Viele halten ihn für einen geeigneten Präsidentschafts-Kandidaten. Danach, seit dem Kriegseintritt der USA ist Charles Lindbergh vom Liebling zum Feind der Nation geworden. Bis heute wird er dargestellt als "Defaitist, als "Nazi", als "Antisemit".

Schließlich dennoch - und ohne alle öffentliche Anteilnahme - aktiver Militärflieger im Krieg gegen Japan. Im Alter noch einmal - zusammen mit seinen Kindern - aktive Teilnahme an der Umweltschutzbewegung. Alle diese "Stationen meines Lebens" (so der deutsche Titel seiner Lebenserinnerungen) sind aufregend genug. Leben genug für einen in seiner Jugend äußerlich so schlacksig daher kommenden, jungenhaft wirkenden Amerikaner. Für einen Amerikaner, der vom Typ her äußerlich zumeist eher als "easy-going" wirkt.

Was aber auch immer sonst an seinem Leben bestaunens- oder beklagenswert sein mag - sein Tod war außerordentlich souverän (1, S. 504-516). Am 24. Juli 1974 sagen die Ärzte dem krebskranken Lindbergh in einem Krankenhaus in New York, nachdem eine Chemotherapie nicht durchgeschlagen ist, daß sie ihm "keine Hoffnung auf Genesung" mehr machen können (1):

Sie wollten die Chemotherapie intensivieren, gaben ihm aber nur noch ein paar Wochen. Lindbergh, der den Tod noch weit von sich wies, stellte alle möglichen medizinischen Fragen. "Es ist als ob das Feuer der Krankheit in ihm wütet und ihn verschlingt," versicherte Anne (...) (seine Frau). "Er hatte immer ein feuriges Wesen, und so paßt es irgendwie zu ihm."

Seine Kinder versammeln sich um ihn, kommen aus aller Welt angereist. Auch der jüngste Sohn kommt. Mit diesem hatte der Vater bis dahin über viele Jahre hinweg in erbittertem Streit gelebt. Lindbergh trifft seine letzte Absprachen über die unveröffentlichten Lebenserinnerungen ("Autobiography of Values"). Er geht noch einmal sein Testament durch. Er setzt überall zwischen die Namen seiner Kinder nun auch noch den Namen seines jüngsten Sohnes.

Zu Hause sterben

Ein wenig später erschreckte er alle Anwesenden mit einer unerwarteten Forderung. "Ich will heim", sagte er zu Anne, "nach Maui."

Er will nicht im Krankenhaus sterben, sondern auf Hawaii. Dies war einer seiner letzten Wohnorte im Leben. Alle Ärzte raten ab. Alles wird immer wieder neu erwogen. Alles zögert. Schließlich wird der Hausarzt in Hawaii Dr. Milton Howell angerufen und Lindbergh erklärt ihm (1):

"Milton, ich habe hier elf Ärzte ... und sie sagen, sie können mir nicht mehr helfen. Ich habe noch acht bis zehn Tage, und ich will zum Sterben nach Hause. Lieber lebe ich noch zwei Tage in Maui als zwei Monate in diesem Krankenhaus in New York."
Obwohl alle die Köpfe schütteln, besorgt sind, ob er überhaupt noch den Flug überlebt, setzt er es durch (1):
Die Ärzte warfen dem Patienten vor, er wolle nichts mehr von der Medizin wissen. Lindbergh erwiderte, die Medizin habe getan, was sie tun konnte, das Problem sei nun nicht mehr medizinischer, sondern philosophischer Natur.
In erster Reaktion muß der Leser geradezu schmunzeln über was da in New Yorker Krankenhäusern im Jahr 1974 so alles "debattiert" worden ist. Dies gilt auch für vieles weitere, was nun folgt. Aber nach und nach stärker wird spürbar, daß hinter all dem viel mehr steckt. Viel, viel mehr steckt. Es klingt schon in diesem schlichten Satz an, daß und wie ernst Charles Lindbergh über den Tod an sich denkt. Daß es Lindbergh tatsächlich ernst ist, wird auch an kleineren Details erkennbar (1):
Ein junger Arzt untersuchte Lindbergh flüchtig - nach der Landung in Honolulu - und sagte fröhlich, er werde im Handumdrehen wieder gesund sein. Obwohl der junge Mann es gut gemeint hatte, ärgerte sich Lindbergh über seine törichte Bemerkung und schimpfte ihn aus.
Zu Milton Howell sagte er schließlich zur Begrüßung (1):
"Ich weiß, daß ich sterben muß ... Ich weiß, daß ich nur noch wenig Zeit habe. Ich will nichts Unnötiges. Ich will keine großen Worte." Er bat Howell, ihm dabei zu helfen, seinen Tod "konstruktiv zu gestalten".
Lindbergh's ganze Familie ist schließlich in dem Landhaus über dem Meer auf Hawaii versammelt. Es ist alles geheim. Denn den Wahnsinn der Weltpresse, den hatte Lindbergh in seinem Leben genügend kennengelernt, vor ihm war er schon früh nach England geflohen - nach der Ermordung seines ersten Kindes. Aufgrund des Tagebuches seines Sohnes Jon wird berichtet (1):
Lindbergh begann diese Reise wie alle anderen mit Checklisten. Meist widmete er morgens, wenn er sich relativ stark fühlte, alle Kraft den letzten Vorbereitungen und gab genau an, wie er jeden Schritt seines Abschieds ausgeführt haben wollte. "Dermaßen detailliert," schrieb Jon in ein Tagebuch, "daß wir anderen alle entsetzt sind. Wie spricht man über solche Dinge mit jemandem, der einem so nahesteht, und der sterben muß. Es mag ganz vernünftig sein, aber man muß sich erst daran gewöhnen ... Er betrachtet den Tod als ein letztes Abenteuer und stürzt sich mit aller Kraft auf seine Vorbereitung."

"Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer ..."

Jedes Detail wird durchgegangen. Das Grab, dessen Ort er sich schon früher ausgesucht hatte, soll jetzt schon ausgehoben werden. Dies tun seine Söhne. Die Entwässerung des Grabes wird sachlich erörtert. Das Holz des Sarges - "sägerauh", "einheimisch", "zolldicke Bretter" - soll ohne alle Schnörkel sein. Lindbergh legt Wert auf die Auskleidung des Sarges mit "biologisch abbaubaren Materialien". Noch nicht einmal eine metallene Gürtelschnalle will er an seiner Hose haben. Alle Einzelheit des Grabsteines und seiner Inschrift werden festgelegt. Ein Psalm aus der Bibel soll darauf stehen (1):

"Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer ..."
(Die nicht eingemeißelte Fortsetzung dieser Zeilen lautet: "... so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.") (1):
Als nächstes wandten sie ihre Aufmerksamkeit der Begräbniszeremonie zu. Lindbergh wollte vor der Beerdigung einen kurzen Gottesdienst, am Grab ein Gebet und ein geistliches Lied, und einen oder zwei Tage später einen nur wenig längeren Gedenkgottesdienst. Er verbat sich jegliche Lobreden. Statt dessen wollte er mehrere Textstellen der unterschiedlichsten Denker vorlesen lassen als sichtbares Zeichen seiner Überzeugung, daß keine Kultur oder Religion ein Monopol auf die Wahrheit habe. Anne legte ihm eine Reihe von Texten vor, aus denen er Jesajas, Bernhard von Clairvaux, Gandhi, Augustinus, die Mundaka-Upanischaden und ein Navajo-Gebet auswählte. Anne schlug ihrem Mann auch mehrere Lieder vor. Als sie ihm eins vorsang, das sie für geeignet hielt, schüttelte Charles den Kopf und sagte, das sei nicht gut. "Aber die Melodie ist von Bach", erwiderte Anne, "etwas Besseres gibt es nicht." - "Die Musik ist in Ordnung", erwiderte Charles, "aber die Worte sind kitschig." Anne überlegte, was sich da machen ließ, aber er löste das Problem: "Wir nehmen einfach hawaiische Lieder," sagte er, "da versteht keiner, was es heißt."
 Lindbergh bittet auch den Arzt, die Familie vor der Weltpresse zu vertreten (1):
"Dann hätte ich gern, daß sie ihre Fragen beantworten. Ich wünsche mir, daß dabei eine gewisse Würde bewahrt bleibt, was Sie gewiß gut können."

"Der Tod ist gleich hier, neben dir."

Auch an seinen Sohn Land hatte er eine Bitte (1):

Stundenlang saß zumindest ein Familienmitglied bei Lindbergh, wenn er zwischen seinen Nickerchen oder am Abend seinen Erinnerungen nach hing - an seine Mutter, an "Brother", an die frühen Tage der Luftfahrt, an den Krieg. Auch "America First" war ihm noch gegenwärtig, und eines Tages sagte er zu Land: "Laß nicht zu, daß deine Mutter mich großartig verteidigt." Jeden Abend mußte man ihm berichten, wie weit sein Grab war. Eines abends fragte Anne Charles im Kreise der Söhne, ob er beschreiben wolle, wie er sich fühle, denn, so sagte sie, "du erlebst jetzt etwas, was wir alle einmal durchmachen müssen". Er antwortete, er habe bisher nicht erkannt, daß "der Tod ständig so nahe ist - er ist gleich hier, neben dir", und er fühle sich dabei völlig "entspannt""Für euch, die ihr zuschaut, ist es schwerer als für mich", fügte er hinzu.
Am 25. August war das Grab fertig. Als Lindbergh am Abend ein Ventil für seine bereitliegende Sauerstoffmaske verstellen wollte,
damit er mehr Luft bekam, fiel sein Arm herab und er versank ins Koma. Anne, Land und eine Krankenschwester blieben die ganze Nacht hindurch bei ihm, und seine Frau hielt seine Hand. Am nächsten Morgen, Montag, den 26. August, schien Lindbergh friedlich da zu liegen. Nach einem zeitigen Frühstück gingen Anne und Land ins Schlafzimmer; da atmete er kaum noch. (...) Mehr als zehn Minuten saßen sie da, und es wurde immer stiller im Zimmer. "Und dann", erinnerte sich Land, "ging er einfach."

Stillschweigend verließen alle den Raum und ließen Anne mit Charles allein. Sie küßte ihn ein letztes Mal. Gern wäre sie noch länger mit ihm allein geblieben. - - - Seine Lebenserinnerungen "Stationen meines Lebens" erschienen 1978. Sie endeten mit den Worten:

"Nach meinem Tod kehren die Moleküle, aus denen ich bestanden habe, zur Erde und zum Himmel zurück. Sie kamen von den Sternen. Ich stamme von den Sternen."
_______________________________________________
  1. Berg, A. Scott: Charles Lindbergh. Karl Blessing Verlag, München 1999

Dienstag, 9. Mai 1995

Rede für eine Verstorbene

Traueranzeige:
Wir trauern um unsere liebe Mutter Ingeborg Sch., 22.10.1911-4.5.1996. Nach einem langen erfüllten Leben ist sie unerwartet von uns gegangen. Ihre große Sorge galt ihrer großen Familie und unserem Volk. 

Rede für eine Verstorbene


Musik: Langsamer Satz, Es-Dur aus der g-moll Sonate für Flöte von Johann Sebastian Bach (Yt)
Einst

Und wenn ich selber längst gestorben bin,
Wird meine Erde wieder blühend stehen,
Und Saat und Sichel, Schnee und Sommerpracht
Und weißer Tag und blaue Mitternacht
Wird über die geliebte Scholle gehen.

Und werden Tage ganz wie heute sein:
Die Gärten voll vom Dufte der Syringen,
Und weiße Wolken, die im Blauen ziehn,
Und junge Felder seidnes Ährengrün,
Und drüberhin ein endlos Lärchensingen!

Und werden Kinder lachen vor dem Tor
Und an den Hecken grüne Zweige brechen,
Und werden Mädchen wandern Arm in Arm
Und durch den Sommerabend still und warm
Mit leisen Lippen von der Liebe sprechen!

Und wird wie heut' der junge Erdentag
Von keinem Gestern wissen mehr noch sagen,
Und wird wie heut' doch jeder Sommerwind
Aus tausend Tagen, die vergessen sind,
Geheime Süße auf den Flügeln tragen!

                                  Lulu von Strauß und Torney

Musik: Langsamer Satz, h-moll, aus der D-Dur-Sonate von Händel (Yt)

Abb. 1: Ingeborg Sch., 1986
Unsere liebe Inge, unsere liebe Mutter ist nun auf ewig entschlummert.

Vor nur zwei Wochen kam Mutter nach der glatt und glücklich verlaufenen Hüftoperation weitgehend schmerzfrei zu uns zurück. Sie hoffte, nach einem baldigen weiteren Aufenthalt in der Wiederherstellungs-Klinik bald wieder mit Freund Artur in der schönen Hegaulandschaft wandern zu können.

Obwohl nach den anstrengenden Operationen öfters müde, wirkte Mutter durch die kurze Haartracht verjüngt. War es dies oder die Reife der Lebensbahn, Mutters Antlitz hatte irgendwie noch feinere und fraulichere Züge gewonnen. Sonst war sie so wie immer, las gern, erzählte viel und dies meistens mit dem halb überlegenen und halb verlegenen Lächeln, das nur ihr so eigen war.

- Ja, wie schnell, ja, eigentlich innerhalb von nur drei bis vier Tagen hat sich alles geändert ...

Obwohl wir ja alle wegen der anderen schweren Krankheit große Sorge um Mutter haben mußten, schien jede ernste Veränderung so fern ...

Ja - trotz alledem - wir müssen Mutters Tod nun tragen.

Es bleibt uns heute nur, all die schönen und auch ernsten Erlebnisse, die wir mit Mutter teilen konnten, uns zu bewahren. Das Kleine, Zufällige wird mehr und mehr absinken. Und das Wesentliche allen gemeinsamen Tuns und Erlebens, das können wir bewahren und für unser weiteres Leben fruchtbar machen.

Das ist es sicherlich, was Inge wünschen würde, für sich selbst nichts, aber alles für die hohen, bleibenden Werte!

In diesem Sinne wollen wir heute einen Rückblick auf ihre nun abgeschlossene Lebensbahn werfen. Nur weniges kann an dieser Stelle gesagt werden, aber vieles mehr wird sicherlich in diesen Tagen und später in den Gesprächen aufgeweckt werden.

Im Jahr 1911 wurde Inge als die Älteste von fünf Schwestern in Pleß in Ostoberschlesien geboren. Die Laufbahn führte in so viele Gegenden deutscher Sprache und Kultur, vom schönen Wien, wo sie die Kindheit im Elternhaus verlebte, über viele Haltepunkte im Lande Salzburg, in Hessen und schießlich hierher zum Bodensee.

Wie ja auch Helga schon sagte, Höhepunkte der Jugendzeit waren die Überlandfahrten mit dem Wandervogel, von denen eine auch zum schönen Bodensee geführt hatte. Diese Fahrten und der Geist der Gruppe war für das ganze Leben prägend; sie weckten eine lebenslange Liebe zur Landschaft, zur Natur und zu unserer gemeinsamen Kultur. Wie gern und ausführlich hat Mutter uns - sozusagen noch gestern - davon erzählt!

Mutter erhält eine Ausbildung als Krankenschwester und hat auch in diesem Beruf gearbeitet. Aber wie gern hätte sie mehr gelernt, ein Studium begonnen! Doch die wirtschaftlich karge Zeit und das entscheidende Wort des Vaters stand dem Studium entgegen.

Aber immer war Mutter geistig breit interessiert und las und lernte immer.

Nun kommt ein entscheidendes Ereignis. Inge lernt auf einer Bergwanderung einen Künstler und vor allem Maler kennen! Er ist zwar schon 19 Jahre älter und war schon einmal verheiratet. Aber von vornherein verbindet eine gemeinsame Weltanschauung, schon auf den ersten Blick an einem Abzeichen erkannt. Hinzu kommt die gemeinsame Liebe zur Natur, zu den Bergen und zur bildenden Kunst. Nun waren die Heiratsgesetze in Österreich zu jener Zeit konfessionell so einschränkend, daß ein aus einer früheren katholischen Ehe Geschiedener nicht mehr heiraten konnte. So können die beiden erst drei Jahre später die Ehe schließen, als durch den Anschluß Österreichs an das Reich im Jahre 1938 eine freiere Gesetzgebung dies erlaubte.

- Die beiden stellten ihr Leben unter eine neue und eigene Lebens- und Gottauffassung, fern von den herkömmlichen christlichen Religionen.

Nach der Eheschließung 1938 entstand in Tamsweg und dann in Zell am See im Land Salzburg schnell eine große Familie: innerhalb von etwas weniger als 10 Jahren wurden 7 Kinder geboren: 3 Mädchen und 4 Jungen.

Aber nur 12 Jahre des erfüllten Zusammenseins waren geschenkt: Wilhelm Sch. starb unerwartet im Jahre 1950, im Alter von 58 Jahren.

Wir Jüngeren bedauern alle es sehr, daß wir ihn nicht selbst näher kennen gelernt haben. Die Bilder, die er malte, sind ein Spiegel seines Wesens.

Und nun muß ich von der Haltung und Leistung Mutters berichten, die nur zu bewundern und mit Erschütterung zu erfahren ist.

Beim Tod des Vaters war der Jüngste drei und der Älteste zwölf Jahre alt.

Mutter ist es gelungen, allein und trotz sehr bedrängter wirtschaftlicher Lage die sieben Kinder zu gesunden, bescheidenen und tüchtigen Menschen heranzuziehen, die alle eine gute Berufsausbildung erhielten, und von denen zwei sogar ein Hochschulstudium durchlaufen konnten.

Was aber vor allem anrührt, ist, daß Mutter über Jahrzehnte hin immer nur die Gebende war. Immer in allen Lebenslagen mußte sie da sein, alle Fragen allein beantworten, alle Probleme allein meistern, ohne klärende Rücksprache. Immer nur gefordert - aber eigentlich nie selbst von anderen seelisch beschenkt, wie es eine Zweisamkeit ja tun kann.

So wurde Mutter zu dem nach außen etwas herben, aber immer selbstlosen, tatfreudigen Menschen, der aller Naturschönheit und allem Guten aufgeschlossen und von unbestechlicher Wahrheitsliebe geleitet war.

Mutters Tatkraft und Einsatzwille war mit der Betreuung und Erziehung der eigenen sieben Kinder noch nicht erfüllt - sie fühlte sich auch der größeren Lebensgemeinschaft, unserem Volk zutiefst verbunden und verpflichtet - nicht in Worten, nein, im Tun und Wirken!

So half sie tatkräftig bei der Errichtung, Ausstattung (z.B. mit selbstgenähten Vorhängen und Bildern von Vaters Hand) und Betreuung eines Jugendheims im Salzburger Bergland mit. Sie kochte auch für die dort und anderswo abgehaltenen Ferienlager für unsere Jugend.

Und auch später, nachdem die Kinder ihre eigenen, selbständigen Ausbildungs-, Berufs- und Familienwege gingen, war Mutter immer bereit, die Töchter oder Schwiegertöchter zu entlasten, die Kinder vorübergehend zu betreuen.

Aber nun konnte sich die ununterbrochene Verpflichtung endlich mehr und mehr auflockern. Über eine geraume Zeit hinweg, erst im Hessenlande bei ihren Töchtern und dann im Hegau konnte jetzt das eigene Lesen, Lernen und Erleben in den Vordergrund treten. Immer wieder gab es eine kleinere Reise zu Vorträgen und Tagungen. Eine beeindruckend reiche Büchersammlung erzählt von Mutters immerwährendem Wissensdrang.

In diese letzten Jahre fällt auch die gute Freundschaft mit Artur. Gleicher Lebensausblick, stiller und wohltuender Austausch von Gedanken und Herzenswärme waren noch einmal geschenkt!

- So hat sich die Lebensbahn Inge Sch.s in reichem Schaffen und Erleben vollendet. Von diesem ausgefüllten Leben zeugen hier viele Kinder, Enkel und sogar Urenkel.

Im Angesicht dieses erfüllten Lebens sollte die Naturgesetzlichkeit des Todes uns nicht mit Gram und Enttäuschung erfüllen. Viel angemessener ist doch eine tieferlebte heilige Trauer, die zwar eine nah verwandte liebe Seele unwiderruflich schwinden, aber doch die Möglichkeit sieht, sie in der Erinnerung und in gleichem Wollen und verwandten Tun in uns lebendig werden zu lassen.

So können wir das Andenken an unsere liebe Tote am ehesten dadurch in uns wachhalten, daß wir uns ihr Vorbild der Liebe zur Wahrheit, zur Schönheit und das der hieraus erwachsenen Tat- und Gestaltungskraft, Selbstlosigkeit und Anspruchslosigkeit zu eigen machen und diesem Vorbild auf unsere eigene Weise zu entsprechen versuchen, bis auch uns der Mantel der Natur im eigenen Vergehen einhüllt, und die nach uns Kommenden alles weiterführen und weitergeben werden.

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Musik: Thema des langsamen Satzes aus Apassionata von Ludwig van Beethoven (Yt)



Abb. 2: Morgenstimmung an einem märkischen See