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Montag, 13. Juli 2026

"Der" deutsche Nachkriegsroman

Wenn das eigene Leben zum "Roman" wird, kann dann ein Roman nicht auch einmal zum Leben werden?

Abb. 1: Eine Studien-Zeichnung des italienischen Malers Pietro da Cortona (1596-1669)

Der Beginn des 7. Kapitels auf Seite 87 las sich so:

Ein Wunder war geschehen. Über dem Hofe in der Röth lag ein neuer, nie gehörter Klang.
Novè sang!
Professor Klaar richtete sich erstaunt von seinem Lager auf. ... An diesem Morgen, einem ganz gewöhnlichen Morgen, zwischen Kühemelken und Schweinefüttern, sozusagen mitten hinein in die unterschiedlichen Geräusche eines landwirtschaftlichen Betriebes erklang "Solveig's Lied", gesungen von einer Magd, keiner gewöhnlichen Magd allerdings; vielmehr von einem Mädchen, das, wie er selbst, vom bitteren Schicksal dieser Zeit wahrhaftig nicht verschont worden war. Und doch - dieses Mädchen sang, sang so unbekümmert, so selbstverständlich, wie sich die Knospen der Sonne auftaten, wie die ersten grünen Halme aus dem Acker brachen ... 
Unwirsch schob er die Aspirintabletten zur Seite ...

"Solveig's Lied"? Aus Peer Gynt von Henrik Ibsen? Vertont von Edvard Grieg? Der Leser fragt sich vielleicht: Wie klang das eigentlich noch mal (Yt)? Und wie lautete eigentlich noch einmal der Text (... "Der Winter mag scheiden")?

Warum ergreifen uns Romane so? Oder genauer: Warum ergreifen uns manche Romane so stark? Etwa weil sie schildern, was es - sowieso - "nur im Roman" gibt? 

Nein, darauf kann es doch eigentlich nicht beruhen.

Die Zeit ist aus den Fugen!

Die Zeit nach 1945 war die Hochzeit des Existentialismus. Er wurde - und wird immer noch und weiterhin - propagiert. Wenn man die Zeit vor 1945 ebenfalls mit einem Schlagwort kennzeichnen möchte, so würde wohl gesagt werden können, daß sie beherrscht war - sozusagen - von Idealismus. Zumindest kann das für Deutschland gesagt werden. Mit all dem ist nicht gemeint, was Politiker "reden". Damit ist gemeint, was Menschen in ihrem Lebensalltag leben - zumindest auch leben. Damit ist gemeint, welche Bücher gelesen werden. Damit gemeint, was in Schulen und in Ferienfreizeiten der Jugend als "Ideal" gelehrt und vorgelebt wird. 

Dem Zusammenbruch aller "idealistischen" "Illusionen" in der deutschen Nachkriegsliteratur, in der "Trümmerliteratur" (Wiki), in der "Kahlschlagliteratur" - "nomen es omen", im Geist der "Ohne mich"-Haltung nach all den erschütternden Erfahrungen der Jahre 1939 bis 1947, all dem etwas entgegen stellen, das - dennoch - "Bestand" hat, das "trägt", einen Roman schreiben, dessen Inhalte es eben nicht nur "im Roman" gibt, sondern der das Leben selbst ist, dies mag sich als Aufgabe gestellt haben der österreichische Schriftsteller Karl Springenschmid (1897-1981) (Metapedia, Wiki, Salzburg-Wiki).

Hat er diese Aufgabe gelöst?

... Nachdem er die Aspirintabletten zur Seite geschoben hatte?

Abb. 2: Blick vom Hausruck nach Süden zum Hochgebirge des Salzkammergutes (GMaps) (hier vom Botanischen Garten Frankenburg)

Ja. Als Leser steht man völlig "verdattert" vor dieser Lösung. Man fragt sich: Wie schafft er das?

Reichte es, auf "Solveigs Lied" zu hören?

Noch heute ist das Leid, das 1945 zu tragen, zu verarbeiten war, völlig unverarbeitet. Noch heute stehen wir - als Volk, als Kulturraum, als Nation - genau dort, wo unsere Vorfahren im Jahr 1945 gestanden sind. Dem Wesen und der Sache nach hat sich seit 1945 nichts geändert: Vorherrschender Existentialismus, Materialismus, Zynismus, Desillusionierung, flüchten in seichte Oberflächlichkeit oder tiefste Verbitterung auf der einen Seite - und auf der anderen Seite: eine kleine, sehr kleine Minderheit, die - demgegenüber, sozusagen - danach strebt, "das Herz auf dem rechten Fleck" zu behalten, die danach strebt, daß Idealismus, Ideale, Werte, Anständigkeit, Redlichkeit, Liebe, Liebe zur Heimat, Liebe zum heimatlichen Boden keine leeren Worte bleiben. Sondern daß sie gelebt sind, daß sie "authentisch" bleiben.

Mit jedem Jahr wird die innere Not jener, die sich um Letzteres bemühen, größer. 

Dabei: Sie war doch schon im Jahr 1945 .... gar nicht zu begreifen - - -

Vom Hausruck und von Linz in Oberösterreich über Mattersburg, Budapest nach Temeschwar, nach Kikinda und zurück (GMaps) - diesen Weg läßt der Schriftsteller Springenschmid seine Romanfigur "Novè" gehen. Er läßt sie gehen einen schweren Weg. Einen Weg, der von tiefem Leid geweiht ist. Ungefähr im Jahr 1949. An diesem Weg liegt das Massengrab, in dem ihre Eltern und tausende anderer Banater Schwaben verscharrt liegen. An diesem Weg liegen Stätten des Grauens und der Verwüstung. An diesem Weg trifft sie auf Menschen, die durch den Kommunismus verändert wurden. Und sie trifft auf solche, die unverändert geblieben sind. Der Weg läßt sie Schwerstes erleben. Und den Roman bewegt die Frage: Wird die Romanfigur durch dieses Erleben verändert? Oder bleibt sie - im tiefsten Innern - diejenige, die sie war? Findet sie ins Leben zurück? Ist es die Liebe, die ihr Leben trägt - weiterhin, trotz allem? Der Roman zeichnet dabei - - - ein "Mädchenschicksal zwischen Ost und West".

Immer wieder und immer wieder erneut legt man den Roman zutiefst erschüttert beiseite.

Höchste Werte - aber nicht auf Propaganda-Plakaten vor sich her getragen, sondern in stiller, ehrlicher, unmittelbarer Trauer - oder Freude - nach innen gelebt. Ohne zu beachten, ja, ohne überhaupt nur zu fragen, was "all die anderen" denken, reden, tun. Sich selbst der Maßstab sein. Sich über jene - wenigen - freuen, die noch "ein Herz haben". Mit jenen nachsichtig sein, denen das Herz - aus welchen Gründen auch immer - unter Verbitterung oder Oberflächlichkeit - zeitweise - verschüttet ist.

Wer diesen schweren Weg gegangen ist - mit der Romanfigur "Novè" - ist derjenige in der Lage, sich in ein "besseres" Verhältnis zu stellen zu der orientierungslos gewordenen Zeit von heute? Hat er einen Standpunkt gefunden, der trägt? Man legt den Roman so erschüttert weg, daß man eigentlich nur noch in diesem Roman weiter leben möchte. Weil man sich nur dort - in diesem Roman - "echt" fühlt. Weil das eigene Leben gegenüber diesem Roman sich so unendlich schal, hohl anfühlt, so außerhalb alles "Eigentlichen" stehend.

Abb. 3: Blick vom Hausruck nach Süden - Frankenburg am Hausruck, Aussichtsturm (Fotograf: Thomas Ledl, 2017) (Wiki) 

Ist dieser Roman nicht wie eine moderne "Bibel" oder besser: wie ein "heiliges Buch"? Da in ihm so durch und durch heilige Wege begangen werden, da sich in ihm so durch und durch Gehaltvolles ausspricht - ? Ohne alle Aufdringlichkeit?

Wer möchte, könnte in dem Roman einen vergleichsweise seichten Mädchenroman sehen. Er könnte einen Roman darin sehen, der mit viel Oberflächlichkeit dahin plätschert. Die schweren, tragischen Inhalte drängen sich dem Leser nicht auf. Sie sind - wenn man so sagen will - fast "versteckt". Hat man sie aber einmal entdeckt, lassen sie einen nicht mehr los. Sie schütteln einen durch und durch. Sie drehen das Inwendige nach außen.

Ein Roman kann wie Musik sein: leichte, fröhliche, heitere Töne --- und zwischendurch klingen dunkle, drohende, erschütternde Akkorde auf - aus tiefer Tiefe. Kontrabässe und Chelli steigen aus dem Dunkel, markieren das Dunkle, das Drohende, Abgründige. Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit der Geigen und Flöten blickt erschreckt auf all das Drohende, bleibt aber doch in der Leichtigkeit, die ihnen eigen ist. Es mag aber auch sein, daß die Musik zeitweise fast ganz abbricht. Weil so viel Grauen gar nicht mehr in Musik gefaßt werden kann. Und in Worte schon gar nicht.

Der Roman spielt zu Anfang und am Ende im Hausruck, einem langgestreckten Höhenzug nördlich vom Salzkammergut zwischen Salzburg, Passau und Linz. Man blickt von dort über hügelige Bauernlandschaft auf das ferne Gebirge des Salzkammergutes (Abb. 2 und 3). Karl Springenschmid kannte diesen Hausruck sehr gut. Denn er beschreibt ihn auch in seinem autobiographischen Roman "Der Waldgänger" als verborgenen Weg all jener Menschen, die im Jahr 1945 auf der Flucht oder auf dem Weg in ihre Heimat waren und die dabei möglichst wenig mit den neuen Besatzungsmächten in Berührung kommen wollten. Ihnen fühlte er sich verbunden. Der Roman spielt zwischen Eberschwang und Pattingham (GMaps).

Abb. 4: Danielle Darrieux, eine französische Schauspielerin - der die Novè des Romans ähneln soll (S. 269)  

Der Roman spielt beim "Bauern in der Röth". Man könnte denken, daß das angespielt ist auf die Gemeinde Rödt (Wiki), neun Kilometer südlich von Ried im Innkreis. 

Erwähnt werden im Roman ansonsten die Ortschaften: Riegerting, Waldzell, Pattingham, Pramet, Eberschwang, Baumbach, Ried im Innkreis und Haag am Hausruck (GMaps). Auch Marienkirchen (S. 85). Diese Ortschaften sind gegenüber den anderen Inhalten des Romans so "nebensächlich", man liest so leicht darüber hinweg, daß man sie im Roman erst konzentriert suchen muß, um sich klar zu machen, wo dieser Roman eigentlich spielt. Spielt er nicht - eigentlich - "über" Raum und Zeit, spielt er nicht eigentlich jenseits von Raum und Zeit?

Fünf Kilometer nördlich von Rödt liegt "Schachen". Im Roman ist von einem "Schacha" die Rede. Beide können aber kaum identisch sein, denn zu dem "Schacha" des Romans kommt man nach langen Wegen durch den Wald und es hat Ausblick nach Süden, zum Gebirge zu. Dieses Schacha ist nicht leicht zu finden. Fürs erste tippen wir auf eine der Waldinseln bei Oberedt  bei Frankenburg am Hausruck, von wo man vielleicht einen ähnlichen Ausblick nach Süden hat wie etwa in den Abbildung 2 und 3.

Man kann es auch so sagen: Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, das Schicksal nacherlebbar zu machen, das Tausende, Millionen erlebt und erlitten hatten, und es neu vor sie hinzustellen und sie es diesmal - wenigstens im Roman - "bestehen" zu lassen. Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, "leicht" an dieses Schicksal zu rühren, zu erschüttern - aber ohne die Gegenwart selbst dabei aus den Augen zu verlieren oder gar ins Abseits des Lebens zu geraten. Sondern vielmehr umgekehrt die Menschen fest ins Leben hinein zu stellen.

Als die "Trümmerliteratur" zur allein selig machenden Literatur erklärt wurde in Deutschland, lag darin schon beschlossen, was spätestens im Jahr 2015 mit so großer Macht - und scheinbar "plötzlich" - sichtbar werden sollte: nämlich daß ein Volk, das Herzvolk Europas, nicht mehr leben will. Daß es sich nicht mehr zum Leben aufraffen will. Daß ihm die Simulation eines Aufraffens - in Form von "Politik" - ausreicht. Alles das lag schon in dem Umstand, daß den Menschen Trümmerliteratur "genug" war. Daß sie nach anderem - scheinbar - nicht mehr fragten. 

Abb. 5: Soltur im serbischen Banat - Das Heimatdorf von Novè (GMaps) heute (Serbisch "Banatsko Veliko Selo")

"Politik" beendet seit 2015 nur, was die Herzen schon in vielen Jahrzehnten zuvor entschieden hatten. Und was sie jeden Tag neu entscheiden.

Denn wir - wir heute - sind die Totengräber Deutschlands.

Der eigentlich repräsentative Roman der deutschen Nachkriegsliteratur, der möchte, daß die Deutschen als Volk lebendig bleiben, heißt "Novè". Er erschien im Jahr 1951. Er ist eingerahmt von zwei weiteren Romanen desselben Autors, nämlich von dem Roman "Das unerreichbare Herz" aus dem Jahr 1949 und von dem Roman "Das goldene Medaillon" aus dem Jahr 1953. Alle drei Romane behandeln Frauen- bzw. Mädchenschicksale.

"Novè" ist der Nachkriegsroman der Deutschen.

Denn man muß verstehen, auf wie vielen Trümmern von Leid unser Jahrhundert und das deutsche Schicksal - seither - errichtet ist. Diese Trümmer von Leid werden durch den Existentialismus nicht adressiert. 

Und man muß verstehen, daß derjenige, der nicht wirklich froh ist, auch die unergründlichen Berge von Leid nicht ermessen kann, denen alle Fröhlichkeit und Leichtigkeit leicht zu erliegen drohen.

Hat nicht Deutschland also tatsächlich einen "Roman" erlebt, der noch viel zu wenig erzählt worden ist? Aber warum ist er viel zu wenig erzählt worden? Weil das, was Deutschland erlebt hat, nicht "als Roman" erlebt werden konnte?

Abb. 6: "Novè - Mädchenschicksal zwischen Ost und West"

- - - In Teilen ist das gewiß so. Aber in anderen Teilen auch nicht.

Der Roman ist übrigens gewidmet "Dem Gedenken der Mädchen von Cernje". Was es damit auf sich hat, muß - wenn überhaupt - noch einmal in ganz anderen Zusammenhängen aufgegriffen werden (s. Hrastovac).

Man kann allerdings die Frage auch anders stellen: Warum mutet die Weltgeschichte den Menschen so außerordentlich Schweres zu? Was ist damit "beabsichtigt"? Welchen Sinn hat das?

Diese Frage wird man nur beantworten können, wenn man nach und nach an diesem schweren Leid wächst, um ihm schließlich auch wirklich "gewachsen" zu sein. Nicht jeder wird dazu bereit sein. Millionen von Menschen waren es bislang nicht. Aber die Antwort wird für den, der dazu bereit ist, vielleicht irgendwann tatsächlich lauten: Ja, die Weltgeschichte hat einen Sinn. Dieser Sinn mag allerdings Äonen-weit entfernt sein von jenem Unsinn, der sich heute so trampelig und dummbröselig in den Vordergrund drängt und der welche Art von "Fortschritt" auch immer angeblich repräsentieren will.

Samstag, 29. Februar 2020

Wege zur Versteinerung

Eine Buchveröffentlichung des Jahres 1987

Abb. 1: Titelseite: Baldachin im Schrein des Creglinger Marienaltars von Tilman Riemenschneider

In diesem Beitrag soll einfach einmal eine Folge der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" aus dem Mai 1988 vorgestellt (und dokumentiert) werden. Die Beiträge haben - wie man sehen kann - alle überzeitlichen Gehalt und dürften noch heute als so wesentlich und frisch empfunden werden können wie sie es damals konnten.

Abb. 2: Eine Doppelseite aus "Die Eigenart der germanischen Kunst"

Dies mag insbesondere auch gelten für den letzten, kurzen Aufsatz, nach dem auch der vorliegende Blogbeitrag benannt ist: "Wege zur Versteinerung". Aber zuvor sei der übrige Inhalt des Mai-Heftes mit jeweils einer fotografischen Wiedergabe kurz vorgestellt: Der erste Aufsatz lautet "Die Eigenart der germanischen Kunst" (Teil 1). Er stammt von Renate Bretnütz (S. 1-10).

Abb. 3: Erste Doppelseite des Aufsatzes "Aus Dostojewkis Vorstellung ...."

Der zweite Aufsatz lautet "Aus Dostojewskis Vorstellung vom Wesen und vom Sinn der menschlichen Seele" (Teil 1). Er stammt von Gertraud Hagner-Freymark (S. 10-18).

Abb. 4: Erste Doppelseite von "Nachtrag zu Gesichte, Kultur und Weltanschauung der Goten"

Der dritte Aufsatz lautet "Nachtrag zu Geschichte, Kultur und Weltanschauung der Goten", wobei kein Verfasser genannt ist (S. 18-23).

Abb. 5: Aufsatz "Wege zur Versteinerung"
Und der vierte Aufsatz ist entnommen der Zeitschrift "Die Neue Ärztliche" (10.12.1987) und stammt von Brigitta Mazanec. Er trägt den Titel "Waldorf-Erziehung - Wege zur Versteinerung". Auszug:
Die Waldorf-Erziehung stellt die Kinder in ein Ghetto - und führt zu Problemen, die mittlerweile mit dem Stichwort "Waldorf-Syndrom" bezeichnet werden: die Unfähigkeit der Schüler, ihre eigenen Wünsche, Ängste, Konflikte wahrzunehmen und auszudrücken, und die Schwierigkeiten, den Bruch zwischen dem beschützten Leben der schulischen Unter- und Mittelstufe und der gesellschaftlichen Realität zu verarbeiten. (...)

Eltern, die sich mit dem Gedanken tragen, dem gewiß nicht befriedigenden öffentlichen Schulsystem die Waldorfschule als Alternative vorzuziehen, sei Charlotte Rudolphs nüchterne und kritische Bilanz dringend empfohlen.
Die Autorin des Buches war selbst "Waldorf-Schülerin". Daß das hier besprochene Buch auch heute noch als aktuell empfunden wird, ist Leser-Rezensionen bis 2018 zu entnehmen (Amazon). Eine solche von 2008 lautet: 
Lebenslegastheniker?
Die Waldorfschule gibt Schutz und das Gefühl der Aufgehobenheit, und nicht nur darin gleicht sie einer Glasglocke. Sie ist auch ein Ort mit verinnerlichten Verbotsregistern und unsichtbaren, seelischen Gittern - basierend auf der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners, die Kinder wie Eltern auf Lebenszeit umfängt. Die Autorin berichtet aus eigener langjähriger Erfahrung und zieht eine ernüchternde, aufklärende und kritische Bilanz über einen Erziehungsstil, der - nach Ansicht nicht weniger - Kinder zu "Lebens-Legasthenikern" machen kann ...

Donnerstag, 12. August 2010

"Servus Heiner"

Erinnerungen an den Jugendfreund und Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl

Eine Kostbarkeit im Schatz der deutschen Literatur, und zwar der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - das und nichts weniger ist das Büchlein "Servus Heiner" von Karl Springenschmid (1897-1981) (Metapedia, Wiki, Salzburg-Wiki) (1).

Abb. 1: Karl Heinrich Waggerl - Selbstportrait
(aus seinem Nachlaß) (Herkunft: Wiki)

Es ist im Jahr 1979 erschienen, sechs Jahre nach dem Tod jenes Schriftstellers Karl Heinrich Waggerl (1897-1973)(Wiki), der Gegenstand dieses Büchleins ist (1). 

Es besteht nur aus hundert schmalformatigen Seiten. Selten findet man jedoch auf so wenigen Seiten so viel ausgesprochen an Liebe und Freundschaft, an Liebe zum Leben insgesamt trotz all der "Ungeratenheiten", die mit ihm einher gehen.

Anhand der Erinnerungen an die lebenslange Freundschaft mit dem gleichaltrigen Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl entwirft der Autor ein fast allgemeingültiges Bild einer ganzen Generation. Nämlich jener, der diese beiden, einstmals so jungen Schriftsteller angehört haben. Es ist jene Generation, die mit 17 Jahren, mit blutjungen 17 Jahren als Kriegsfreiwillige in den Ersten Weltkrieg gezogen ist. Von dieser Kriegserfahrung ist diese Generation ihr Leben lang geprägt geblieben. 

Und zugleich geht es auch immer um diesen ausgesprochen "eigenen" und besonderen Menschen, nämlich Karl Heinrich Waggerl. Es geht um die auf ein fast 70-jähriges Leben verteilten gemeinsamen Erlebnisse mit diesem Freund Heiner.

Einer Generation gehörten diese beide an, die in den frühen 1920er Jahren mit leidenschaftlichem Herzen nach neuen Formen im künstlerischen Ausdruck suchte. Einer Generation, die nach neuen Formen des Lebens und Zusammenlebens überhaupt suchte. Zeit seines Lebens blieb Waggerl Sucher. Er blieb künstlerisch interessiert auf vielen Gebieten. Erst nach seinem Tod wurde zum Beispiel bekannt, daß er in den 1920er Jahren auch mit eigenen, sehenswerten Versuchen an den Entwicklungen der modernen Fotographie Anteil genommen hat (s. 2, sowie: Abb. 1).

Abb. 2: Heirat 1919 mit 22 Jahren (Fenst.)

In den frühen 1930er Jahren versuchte man aus dem "Fronterlebnis" dieser Generation noch politisches Kapital zu schlagen. Oder man versuchte, mit "desillusionierenden" auflagenstarken "Antikriegs-Romanen" dieses Kapitalschlagen zu unterlaufen. Karl Springenschmid schreibt seine Erinnerungen an Waggerl nun aber in den 1970er Jahren aus der abgeklärten Sicht der Erfahrung auch noch eines zweiten Weltkrieges heraus nieder. Eines Krieges, den man erstaunlicherweise "auch noch" überlebt hatte, wo doch das Überstehen des ersten schon als ein so überaus prekäres, zutiefst verstörendes Geschehen erlebt worden war.

Die Biographien und Lebenseinstellungen der beiden Freunde Springenschmid und Waggerl haben schon nach der Erfahrung des ersten Weltkrieges sehr unterschiedliche Ausprägungen erfahren. Trotz lebenslanger äußerer räumlicher und trotz auch der beruflichen Nähe, da sie beide Schriftsteller wurden und im Land Salzburg lebten.

Karl Heinrich Waggerl nach 1945

Waggerl war, wie Springenschmid sagt, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich "in". Außer Herbert von Karajan konnte damals niemand die Säle so füllen wie Karl Heinrich Waggerl, wenn er aus seinen Büchern vorlas. Springenschmid sagt, Waggerl habe in jener Zeit nur noch die Erwartungen bedient, die die größere Öffentlichkeit an ihn als Dichter-Persönlichkeit gehegt hätte. Wie ein Schauspieler, der sich selbst "spielt", während er selbst sich innerlich schon längst wieder weiter entwickelt hätte und darum immer sparsamer in der Mitteilung auf dem Gebiet der Kunst geworden wäre.

Springenschmid versucht also seinen Freund gegen die vielen - keineswegs unbegründeten - Kritiken, die Waggerl gerade auch nach 1945 aufgrund seiner großen Popularität auf sich gezogen hat, in Schutz zu nehmen. Es gibt unzählige Ton- und Filmaufnahmen von und mit Karl Heinrich Waggerl aus dieser Zeit, insbesondere von seinen alljährlichen Lesungen in der Adventszeit in Salzburg. Er war wohl in den 1950er und 1960er Jahren als "altersweiser" Mann eine ähnlich "legendäre" Figur geworden, als ruhender Pol in einer sich rasch verändernden Zeit empfunden worden, wie der in jenen Jahren ähnlich allgegenwärtige, immer gut gelaunte Luis Trenker. (Mit letzterem war Springenschmid übrigens auch befreundet.) Es fällt wohl heute schon schwer, die Begeisterung der damaligen Generation für einen Waggerl in ihrem ganzen Umfang nachvollziehen.

Im Internet kann man sich die damals berühmte und populäre Vorlese-"Stimme" Waggerls anhören (z.B. Yt 1, 2; hier auch mit Bild: Yt*)). Sie wirkt auf heutige Ohren vielleicht ebenso ein wenig unecht "altersweise" wie etwa der alte Heinz Rühmann zu gleicher Zeit in Deutschland. Er kam ja ebenfalls insbesondere zu Weihnachten immer wieder zu Wort, als Deutschland in besonders aufgesetzte Fernseh-Rührseligkeit versank. 

Abb. 3: Karl Heinrich Waggerl, 1930er Jahre (Fenst.)

Anhand solcher Beispiele wird deutlich, daß mit dem Jahr 1945 vieles im kulturellen Bereich seine Ursprünglichkeit, Authentizität, Echtheit verlor, daß vieles nur noch hohl weiter gelebt wurde, was zuvor noch echt und ursprünglich war. Das wird man als ein typisches Kennzeichen jener 1950er und 1960er Jahre bezeichnen können.

Springenschmids Waggerl

Aber um wie viel wertvoller und kostbarer sind demgegenüber heute vielleicht die so ganz bescheiden daherkommenden Erinnerungen Springenschmids an Waggerl. Springenschmid zeichnet ein Bild seines Freundes Waggerl, das den Leser Waggerl gegenüber sehr eingenommen sein läßt, obwohl Springenschmid die genannte äußere Seite Waggerls in keiner Weise verschweigt. Er verschweigt es keinesfalls, daß er - nach 1945 - die Erwartungen anderer bediente, anstatt einfach er selbst zu sein. Springenschmid hat seinem Freund deshalb auch bitterböse Briefe geschrieben, die er in seinem Buch auch anführt.

All das kann man als eine hohe Kunst, auch Lebenskunst Springenschmids ansehen: Trotz des Trennenden die große Gemeinsamkeit zwischen beiden ins Licht zu heben. Und es spricht daraus vor allem eine sehr große Liebe zu diesem seinem alten Freund Heiner, die, wie man den dem Buch beigefügten Handzeichnungen Waggerls von seinem Freund "Springs" aus den 1920er Jahren glaubt entnehmen zu können, eine gegenseitige gewesen sein muß. Wenn es auch oft genug im Leben der beiden zu so grundsätzlichen Spannungen gekommen ist, daß eine Fortsetzung dieser Freundschaft infrage stand.

Da wird der junge Waggerl gezeichnet, wie er - noch im Lehrerseminar vor 1914 - unter seinen Mitschülern als ein begeisterter Leser von Otto Weininger galt. Da wird erzählt, wie ablehnend und mißtrauisch Waggerl anfangs dem Medium Buch gegenüber stand und einer Tätigkeit wie der des Buchschreibens, mit der von beiden Springenschmid als erster begonnen hatte.

Aber eines Tages sah Springenschmid dann plötzlich zu seiner großen Überraschung im Schaufenster der Buchhandlung ein Buch seines Freundes Waggerl stehen. Auch einige Erinnerungen aus der Zeit des Dritten Reiches gibt Springenschmid, in denen er mehrmals seinen Freund wegen unbedachter Äußerungen gegenüber der Salzburger Parteiprominenz in Schutz nehmen mußte.

Aber mit der Nennung solcher einzelner Inhalte ist wenig gesagt. Insgesamt handelt es sich um ein aufwühlendes Büchlein.

Was für eine Zeit. Und was für ein Leben.


 
/ erschien zuerst 2010 auf GA-j!, 
leicht überarbeitet hier eingestellt am 2.6.2017
erneut überarbeitet 28.7.22, 26.1.23 /

 

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*) Wenn man ihn in dieser Filmaufnahme sieht oder auch im Selbstportrait (Abb. 1), verstärkt sich der Eindruck eines gewissen komischen Selbstmitleides, das der Zuschauer tatsächlich nicht ganz ernst nehmen kann, obwohl es womöglich ernster gemeint ist als es aussieht. Womöglich erweckte Waggerl damit mitunter den Eindruck einer Verwandtschaft mit Karl Valentin (1882-1948). In diese Richtung deuten auch einige Lebensszenen, die Springenschmid schildert. Um das besser verstehen zu können, möchte man gern noch mehr Filmaufnahmen mit Waggerl sehen.

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  1. Springenschmid, Karl: Servus Heiner. Rudolf Schneider Verlag, München 1979
  2. Fenster (1930er Jahre). In: Starl, Tim: Kritik der Fotografie. 2010; siehe http://www.kritik-der-fotografie.at/12-Fenster.htm; entnommen aus: Frauenmantel. Edition Fotohof im Otto Müller Verlag, Salzburg, 1993, S. 34
  3. “Was du sagst, verweht im Wind. Nur was Du tust, schlägt Wurzeln” - Karl Heinrich Waggerl. TV Dokumentation 45 Minuten im ORF III am 27.12.2014, https://www.youtube.com/watch?v=wQZC2qga0io
  4. Karl Heinrich Waggerl Museum in Wagrain. Von: Österreich Bürgerreporter U.H.F. Sültz Lünen. 2011, https://www.youtube.com/watch?v=hpGXQVZiX1o

Mittwoch, 11. Juni 2008

Die Evolution weist Zielgerichtetheit auf - Die Vielfalt der evolutionären Konvergenzen drängt uns diesen Gedanken auf

Rezension des Buches "Life's Solution" von Simon Conway Morris (2003)

Vielen Biologen und Geisteswissenschaftlern fällt noch heute nur Teilhard de Chardin ein, wenn es darum geht, Autoren zu nennen, die die Zielgerichtetheit der Evolution vertreten haben oder vertreten. Sie sollten ihr Wissen möglichst bald aktualisieren und sich mit dem neuen Buch von Simon Conway Morris (1) gründlich auseinandersetzen. Die deutsche Übersetzung erleichtert das dankenswerterweise inzwischen sehr. Denn Teilhard de Chardin hat seine These nicht besonders "fachwissenschaftlich" und anhand von fachwissenschaftlicher Forschungsliteratur vertreten. Ganz im Gegensatz zu: Simon Conway Morris!

Abb. 1: Afrikanischer Strauß (links), Eogruidae (rechts) - Zwei konvergent evoluierte Laufvögel
(Erläuterung siehe unten*))
Grafik von: Falconfly (Wiki)
Die Kernthese des neuen Buches von Simon Conway Morris kommt im originalen englischen Untertitel am deutlichsten zum Ausdruck: "Inevitable humans in a lonely universe" - "Unvermeidlich Menschen in einem einsamen Universum". Warum wurde es für die deutsche Ausgabe nicht wörtlich übersetzt? Dann wüsste auch der deutsche Leser gleich besser, worum es eigentlich geht. Das Überraschende schon an diesem kurzen Untertitel ist, dass in ihm - ohne dass sich Simon Conway Morris dessen bewusst gewesen sein wird - die Grundthese der philosophischen Deutung der Evolution durch die Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) in knappster Form zusammen gefasst wird.

Es gibt viele Menschen, die alles, was über Naturwissenschaft hinausgeht, leicht zu Kreationismus erklären. Ihnen gegenüber muss betont werden, dass es sich bei dem Buch von Conway Morris zunächst einmal mehr um das Erschließen philosophischer denn um das Erschließen rein naturwissenschaftlicher Erkenntnispotentiale handelt. 

Das Buch kann aber auch aus rein naturwissenschaftlicher Sicht auf viele neu zu erschließende, rein naturwissenschaftliche Erkenntnispotentiale aufmerksam machen. Beiderlei Arten von Erkenntnispotentialen liegen in der Fülle der evolutionärer Konvergenzen, die Simon Conway Morris erstmals auf allen Ebenen des biologischen Seins - von den Molekülen bis zu arbeitsteiligen Tier- und Menschen-Gesellschaften - vor dem Leser ausbreitet. Und zwar in jener Fülle, in der sie bis zum Jahr 2003 erforscht worden sind. Das ist ein ganz anderer Stand als - etwa - der Stand von 1960.

Das Buch ist darum zweierlei. Es ist zum einen ein philosophisches Buch nur allein mit naturwissenschaftlichen Tatsachen geschrieben. Möglicherweise ein Novum in der menschlichen Geistesgeschichte. Denn es geschah dies entlang einer unglaublich reichhaltigen, aktuellen naturwissenschaftlichen Forschungsliteratur (siehe allein hundert Seiten Literatur-Angaben). Zum anderen kann es aber auch als ein rein naturwissenschaftliches Buch gelesen werden. Weil es erstmals den Blick umfassender auf die schlichte biologische Tatsache des vielfältigen Vorkommens evolutionärer Konvergenzen lenkt, und damit auf die Frage nach ihren biologischen Ursachen und nach ihren Erkenntnispotentialen bezüglich der evolutionären Entstehungsbedingungen, bzw. -ursachen der jeweils hier konvergent evoluierten Eigenschaften.


Statt "getrennter Magisteria" - Naturwissenschaft und Philosophie vom Feinsten


Conway Morris zählt allerdings die evolutionäre Konvergenzen nur auf. Er wirft sie dem Leser fast "ungeordnet" vor die Füße. Das heißt, er gibt selbst noch keinen umfassenden Vorschlag zu einer naturwissenschaftlichen Theorie evolutionärer Konvergenzen. Das dürfte sich als einer der berechtigten Haupteinwände gegen dieses Buch herausstellen. Aber das Verdienst von Conway Morris bleibt dennoch ein riesiges. Denn mit diesem Buch hat er ein ganz neues Forschungsgebiet erschlossen. Es handelt sich - allein aufgrund der umfassenden Sichtung der Forschungsliteratur - um ein sehr anspruchsvoll zu lesendes Buch, das nicht schnell "durchflogen" werden kann. Es liest sich nicht "obenhin" (wie etwa ein Teilhard des Chardin). Der Leser muß es sich erarbeiten. Er muß mit hoher Konzentration lesen. Aber angesichts des Revolutionären der vertretenen (philosophischen) These dürfte sich der Aufwand lohnen. 

Die deutsche Übersetzung scheint zwar hervorragend zu sein. Leider sind aber einige vordere, grundlegendere Kapitel nicht übersetzt worden. Dadurch kann beim deutschen Leser ein falscher Eindruck entstehen. Davor also sei gewarnt. Denn diese vorderen Kapitel sind grundlegend für die Überzeugungskraft der in diesem Buch insgesamt vertretenen philosophischen und naturwissenschaftlichen These.

Im weiteren seien noch einige, vielleicht weniger wichtige Zusatzbemerkungen getätigt:

1. Richard Dawkins hat dieses Buch sehr positiv besprochen. Das sei insbesondere deshalb betont, weil Conway Morris von atheistischen Biologen oft angegriffen wird (bspw. von PZ Myers). Es geschah dies in Dawkins' ebenfalls sehr lesenswertem Buch "Ancestor's Tale" (2, 5), das im Jahr 2008 ebenfalls auf Deutsch erschienen ist (unter dem Titel "Geschichten vom Ursprung des Lebens"). Dort im letzten Kapitel.

2. Es empfiehlt sich, das Buch von Conway Morris zusammen zu lesen mit den Büchern "Einsame Erde" ("Rare Earth") von Peter Ward und Donald Brownlee, sowie mit "The Priviledged Planet" von dem amerikanischen Astrophysiker Guillermo Gonzalez (3). Beide Bücher führen die im Untertitel des Buches von Conway Morris genannte These auf anderen Gebieten in zum Teil ganz erstaunlicher Weise weiter.

3. Auch empfiehlt es sich, "The Crucible of Creation" von Conway Morris zu lesen. Es ist das Buch, das dem hier besprochenen Buch vorauf ging. Und in ihm kann man die Entstehung der neuen These von Conway Morris verfolgen.

4. Es geschah dies in Auseinandersetzung mit dem bekannten Werk von Stephen Jay Gould "Zufall Mensch" (4), das wiederum zuvor in Auseinandersetzung mit den neuen Forschungen des Paläontologen Conway Morris über die Tierwelt des Präkambrium entstanden war.

Die neue These entstand also, das kann damit aufgezeigt werden, nicht im "luftleeren Raum" oder ist in einem solchen angesiedelt. Sondern sie entstand - vielleicht ebenfalls früher oder später "unvermeidlich", mit "Notwendigkeit" - aus tief in der Sache gegründeten fachwissenschaftlichen Forschungen und Diskussionen heraus.

Viele, vielleicht sogar die meisten Natur- und Geisteswissenschaftler haben noch gar nicht verstanden, daß man grundlegendste philosophische Themen, die das menschliche Selbstverständnis, die Stellung des Menschen in der Welt  betreffen, allein anhand von naturwissenschaftlichen Tatsachen behandeln kann, ohne damit in unseriösen Theologie-geleiteten "Kreationismus" zu verfallen. Man wird künftig demgegenüber vielleicht das gewohnte, rein geisteswissenschaftliche Behandeln von philosophischen Themen als ebenso unseriös erachten wie heute schon den Theologie-geleiteten Kreationismus. Die heute vielen Menschen jedenfalls immer noch so liebenswert erscheinende Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften (in zwei separate "Magisteria") wird einmal weniger künftig aufrechtzuerhalten sein. Hierin liegt ein weiterer Teil des Revolutionären auch dieses neuen Buches.

Eine noch weitergehende Einordnung des Buches von Conway Morris ist schon andernorts gegeben worden (5). Hier sei noch darauf hingewiesen, dass die Inhalte dieses Buches von Conway Morris auch zu einer präziseren Fassung von zuvor getätigten Annahmen von Naturforschern über die "Freiheitsgrade der Evolution" (siehe 6; 7, S. 205f) führen. Darüber ist an anderer Stelle noch einmal zu referieren.

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*) Abbildung 1 zeigt in der oberen Reihe einen Strauß (links) und einen "Eogruidae" (rechts). Eogruidae sind eine Familie von großen Laufvögeln, die in der Zeit zwischen 40 bis 2,5 Millionen Jahren vor heute über den gesamten eurasischen Kontinent verbreitet waren (Wiki). Trotz vieler anatomischer Ähnlichkeiten mit dem Strauß sind sie genetisch viel näher verwandt gewesen mit modernen Kranichen, Rallenkranichen und Trompetervögeln. Von diesen finden sich in der zweiten Reihe jeweils ein Vertreter, um mit dieser Grafik aufzuzeigen, von was für unterschiedlichen evolutionären Ausgangspunkten aus bei den Eogruidae die gleichen Eigenschaften wie beim Strauß erreicht worden sind. Die "Eogruidae" haben sogar - wie die Straußen - ihre Zehen auf zwei reduziert. Die Liste solcher erforschter evolutionärer Konvergenzen wächst derzeit in großem Tempo (s. Wiki). Ständig tauchen in der Forschung neue Beispiele auf.


(Zuerst 2008 als Leser-Rezension auf Amazon erschienen, 
hier - in überarbeiteter und ergänzter Form - neu eingestellt
am 10.4.2017.)

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  1. Conway Morris, Simon: Life's Solution. Inevitable Humans in a Lonely Universe. Cambridge University Press, Cambridge 2003, 2005; deutsche Übersetzung: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, Berlin 2008
  2. Dawkins, Richard: The Ancestor's Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Life. Phoenix Paperback, London 2004
  3. Gonzales, G.; Richards, J.W.: The Privileged Planet. How our Place in Cosmos is designed for Discovery. Regenery Publishing, Washington D.C. 2004
  4. Gould, Stephen Jay: Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur. Deutscher Taschenbuch-Verlag (engl: Wonderful Life: The Burgess Shale and the Nature of History, 1989)
  5. Meinecke, Erich: „Ultra-Darwinist“ Richard Dawkins beginnt, über Zielstrebigkeit in der Evolution nachzudenken - Richard Dawkins behandelt den britischen Paläontologen Simon Conway Morris vorurteilsfrei. Zuerst erschienen am 9. März 2006, erneut veröffentlicht auf: Die Deutsche Volkshochschule, http://fuerkultur.blogspot.de/2006/03/ultra-darwinist-richard-dawkins-beginnt.html  
  6. Lorenz, Konrad: Der Abbau des Menschlichen. 1983
  7. Leupold, Hermin: Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution des Weltalls und des Bewußtseins. Die Deutsche Volkshochschule, 23845 Bühnsdorf, 2001