Zwei Romane von Karl Springenschmid aus den Jahren 1958 und 1959
Dieser Roman müßte eigentlich "Regina" heißen. Denn "Das Kuckuckskind" ist ein Titel, der so gar nicht zum Ergriffensein passen will, den dieser Romans auslöst (1). Die Hauptperson ist Regina, ein zunächst zweijähriges, verlassenes Kind - später ein feines Mädchen.
Abb. 1: Portrait der Giovanna Tornabuoni, gemalt von Domenico Ghirlandaio (1448–1494) (Wiki)
Es wächst zusammen mit drei anderen Kindern in einer Familie heran. Es wird dabei immer in dem Glauben gehalten, es wäre ebenso ein Teil der Familie wie ihre anderen drei Geschwister auch.
Das Heranwachsen vom Kleinkindalter bis zur Studentin wird geschildert, und zwar aus der Sicht ihres älteren Bruders! Und dieser hat einen liebevollen Blick auf diese ganze Geschichte.
Diese kostbare Frucht, die zugleich süß und voll Schmerz ist. Es handelt sich um eine anrührende Geschichte.
Erschütterungen bleiben nicht aus.
Ob der Roman "Das Kuckuckskind" genannt worden ist, weil er ein "Roman für junge Mädchen" ist? Sei dem wie ihm wolle - diesen Roman liest man auch in jeder späteren Altersstufe gern. Etwa vergleichbar einem Erich Kästner, dessen beste Kindergeschichten auch jede Altersstufe packen.
Signorina N. N.
"Signorina N. N." ist unseres Erachtens noch deutlich gehaltvoller. Aber dennoch handelt es sich um keinen Roman wie "Novè", keinen Roman wie "Das unerreichbare Herz", keinen Roman wie "Das goldene Medaillon" (3-5). Diese letztgenannten drei Romane waren aus den unmittelbaren Erschütterungen der Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg heraus geschrieben worden. Persönliche Lebensschicksale erheben sich in ihnen ohne Umwege - sozusagen auf direktem Weg - zu Schicksalen eines ganzen Volkes.
So verhält es sich bei dem Roman "Signorina N. N." nicht. Dennoch ergreift und erschüttert der Roman ebenso. Weil das persönliche Lebensschicksal, das hier im Mittelpunkt steht, eben so ergreifend und erschütternd ist.
Im Mittelpunkt steht das Lebensschicksal des 18-jährigen Waisenkindes Nina. Da die Umstände seiner Herkunft zu heikel waren, gab es keinen Familienname, der ihm von Seiten der Behörden hätte zugesprochen werden wollen. Und so ist ihm der Familienname "Nessuno" gegeben worden, zu Deutsch: "Niemand".
Wenn man sich in diesem Roman erst einmal fest gelesen hat, kommt man nicht zur Ruhe. Man kommt nicht eher zur Ruhe, bis man man ihn zu Ende gelesen hat, so packend ist er. Man muß lesen, lesen, lesen. Verständlich, daß dieser Roman deshalb auch ins Schwedische, Holländische und Englische übersetzt worden ist (s. Laserer, S. 143).
Bei Karl Springenschmid (1897-1981) (Metapedia, Wiki, Salzburg-Wiki) stellt man immer wieder fest, daß seine Romane "wirklicher" wirken als alle Wirklichkeit. So ist etwa in seiner Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" (6) anhand weniger Anhaltspunkte in der Wirklichkeit im Großen und Ganzen eine Geschichte "konstruiert" worden, die immerhin tatsächlich hätte wahr sein können. Auf unergründbare Weise wirkt sie in einem gewissen Sinne fast "wahrer" als alle Wirklichkeit, aus der die wenigen, verstreuten Anhaltspunkte genommen worden waren. Wie mag das diesem Herrn Springenschmid gelingen? Das eben ist Kunst, so möchte man sagen.
Im Roman "Signorina N. N." geht es bezüglich der "Wahrheit" offenbar noch "doller" zu. So behauptet der Autor zu Anfang, die erzählte Geschichte habe sich erst im letzten Jahr in Florenz zugetragen (also 1959), sie habe dort in allen Zeitungen gestanden und er habe sich schließlich zu dem Mädchen Nina durchgefragt und habe sich von ihm ihre ganze Geschichte erzählen lassen. Das wirkt alles so "echt", so "glaubhaft", daß man als Leser im ersten Augenblick wirklich glaubt, daß alles so gewesen sein müsse. Nur den Namen des anfangs unbekannten Vaters des Waisenkindes habe er geändert, so heißt es zu Anfang.
Aber mit Hilfe des Internets müßte man das ja überprüfen können, ob sich auch nur irgendetwas dergleichen im Jahr 1959 in Florenz zugetragen hätte und dort in den Zeitungen gestanden wäre. Wir finden: nichts. Der Autor hat uns auch eine Rahmenerzählung geliefert, die vollständig erfunden ist. Wir sind empört! Wie können der Leser - oder "junge Mädchen", für die dieser Roman geschrieben worden ist - so an der Nase herum geführt werden! Eine solche Vorgehensweise müßte glattweg verboten werden! Unerhört!
Das einzige, was sich historisch wirklich verifizieren läßt, ist jene Florentinerin Giovanna Tornabuoni (1468-1488) (Wiki) aus der Renaissance-Zeit, auf die sich der Roman an einer oder zwei Stellen bezieht. Gemalt ist diese von dem Florentinischen Maler Domenico Ghirlandaio (1448-1494) (s. Abb. 1).
Damit müssen wir uns begnügen!
Und merkwürdig genug, daß ausgerechnet im Jahr 1959 auch noch ein ausgesprochen oberflächlicher, geradezu lächerlich oberflächlicher italienischer Schlager mit dem Titel "Nessuno" heraus gekommen ist (Wiki) (Yt1959). Man ist geradezu verleitet anzunehmen, Springenschmid sei dieser Schlager im Kopf herum gegangen, habe aber zu diesem Schlager ein ganz anderes, viel tiefergehendes Kontrastbild zeichnen wollen. Alles ist denkbar.
Ein guter Romanautor hat den Leser in der Hand. Der Leser ist in seinen Händen weich wie wachs. Der Autor kann alles aus ihm machen. Wohl ihm, wenn er Gutes aus ihm macht, aus dem Leser oder der Leserin!
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Springenschmid, Karl: Das Kuckuckskind. Roman für junge Mädchen. Hoch-Verlag, Düsseldorf 1958
Springenschmid, Karl: Signorina N. N.. Roman für junge Mädchen. Hoch-Verlag, Düsseldorf 1960
Springenschmid, Karl: Novè. Mädchenschicksal zwischen Ost und West. 1951
Springenschmid, Karl: Das unerreichbare Herz. 1949
Springenschmid, Karl: Das goldene Medaillon. 1953
Springenschmid, Karl: Das wiedergefundene Antlitz. 1944
"Die Matrix verlassen", das kündigen so viele an - als Absicht. Wie aber soll das eigentlich geschehen? Wem gelingt es? Daß wir in einer künstlich geschaffenen Scheinwelt leben, die immer mehr Menschen nur noch wie eine "Simulation" von Leben anmutet - das ist schon manchem bewußt geworden. Diese Scheinwelt, diese "Simulation" ist auf nichts anderes ausgerichtet als auf gesellschaftlichen Nieder- und Untergang. Alles echte Leben, alles natürliche Leben ist in ihr erstickt und verzerrt bis zur Unkenntlichkeit. Andererseits haben wir uns aber schon so sehr an diesen Abgrund gewöhnt, in dem wir leben, daß er uns oft gar nicht mehr als so schlimm erscheint. "Ist doch normal ...," hört man aus vielen Mündern, zumal aus jungen.
Nun gut: Viele sehen, daß diese Matrix eigentlich Hölle ist und zum Leben nichts taugt, weder für den einzelnen Menschen, noch für das Leben von Familien, noch auch für das Leben von Gesellschaften insgesamt.
Abb. 1: "In der Röth" - Ein Gehöft in Rödt bei Ried im Innkreis (GMaps) - Vielleicht der Hof des Romans "Novè"
Doch bevor willkürliche Versuche des "Ausstiegs aus der Matrix" angegangen werden, wäre es vielleicht sinnvoll, eine entscheidende Frage zu klären: Wenn "Matrix" etwas künstlich Geschaffenes ist, wenn Matrix eine "Simulation" ist: was ist dann das Natürliche? Wie sieht die natürliche Situation aus? Wie sieht das Echte aus, das von der Natur Vorgegebene, an dessen Stelle "Matrix" gesetzt worden ist - nach und nach, über die Jahrzehnte, über Jahrhunderte, und zwar durch Hintergrund- und Vordergrundgeschehen auf vielerlei Ebenen, wobei jeweils immer zweierlei Dinge eine große Rolle spielen: Gehirnwäsche einerseits (zum Teil traumabasiert), sowie kleinschrittige, immer weiter voran gehende, schleichende ... Gewöhnung andererseits. Gibt es also etwas Natürliches gar nicht? War Matrix schon immer Matrix? War Leben schon immer Simulation? Wenn man dieser Meinung wäre - wohin wollte man dann - - - "aussteigen"?
Wie wäre es, den auf den ersten Blick ungewöhnlichen - unmerklich immer mehr tabuisierten - Gedanken auf sich wirken zu lassen, daß das natürlich Vorgegebene, das durch "Matrix" fehlgeleitet, ersetzt und nach und nach gänzlich erstickt worden ist und weiter mit jedem Tag erstickt wird, etwas so überaus selten Erörtertes ist wie: "Volksseele"? Und zwar hier nicht in irgendeinem eher allgemein gehaltenen Sinne gemeint, sondern in dem deutlich schärfer umrissenen, konkreter formulierten Sinne, wie er von der frühen deutschen Evolutionären Psychologin Mathilde Ludendorff (1877-1966) umrissen worden ist - ?
Zu welchen Schlüssen würde man dann kommen? - Matrix ist etwas "Vorbewußtes", "Unbewußtes", "halbbewußt" Vorhandenes, das man erst dann vollumfänglich wahrnimmt, wenn man seine volle Aufmerksamkeit darauf richtet - genauso wie das Phänomen Volksseele. Matrix ist etwas Allumfassendes, alles menschliche Sein Umfassende, ist eine "Einbettung" allen menschlichen Seins - genauso wie das Phänomen Volksseele (im Sinne von M. Ludendorff). Matrix "lenkt", ohne daß es den Menschen in den meisten Fällen vollumfänglich bewußt ist - genauso wie dies normalerweise die Volksseele tut. Matrix bewertet im vorbewußten Raum Dinge als wichtig und weniger wichtig, als gut oder besonders böse, und zwar eben nach den Prinzipien der vorgegebenen Matrix - genauso wie das die Volksseele tut. Die Volksseele wertet je nach dem, ob etwas förderlich ist für den Fortbestand eines Volkes oder abträglich ist für diesen Fortbestand - genauso wie die Matrix es tut: nur in dem genau entgegen gesetzten Sinne. Die Volksseele "zwingt" nicht, sie macht lediglich "geneigt" - - - genauso wie die Matrix.
Wenn all dem so wäre, dann wäre jeder Versuch, aus der Matrix "auszubrechen", zum Scheitern verurteilt, wenn er dabei nicht ankommen würde bei dem, was durch Matrix fehlgeleitet, ersetzt, erstickt und abgewürgt werden soll, nämlich: beim Erleben der Volksseele und beim Leben aus ihr.
Abb. 2: Der Roman "Novè" beginnt mit Waldarbeit - Hier "Der Holzfäller", ein Gemälde von Edvard Munch aus dem Jahr 1913
Indem dieser Gedanke nur ausgesprochen wird, ist sofort erkennbar, daß es zu ihm kaum eine Alternative gibt. Will ich "aussteigen" aus der Matrix - und lande auf dem Mars? Ist das eine Lösung? Will ich aussteigen aus der Matrix und wandere aus? Und befinde mich dann - als Deutscher, US-Amerikaner - erneut unter lauter Fremden - so wie ich zuvor schon - als Deutscher oder US-Amerikaner - mich unter lauter Fremden befand? Ist das die Lösung?
Warum ist ausgerechnet Volksseele das natürlich Vorgegebene? Weil das Leben der Menschen zu allen Zeiten in Völker und Stämme gegliedert war. Dies ist die Erkenntnis der Archäogenetik seit etwa dem Jahr 2015 wieder und wieder und wieder mit jeder neuen Forschungsstudie (siehe unseren Parallelblog "Studium generale"). Und warum ist das so? Weil die Muttersprache selbst schon einen wesentlichen Teil der natürlich vorgegebenen "Matrix" darstellt. Denn Muttersprache ist die wesentlichste Grundlage für die Volksseele. Sie wird während des ersten Lebensjahres in einem prägungsähnlichen Lernvorgang erworben.
Die Tatsache, daß ein Begriff wie Volksseele so tabuisiert ist (von Seiten der "Matrix") - ist diese nicht schon Hinweis genug ... ?
In der heutigen Alternativ-Medienlandschaft werden viele Wege aufgezeigt, "die Matrix zu verlassen", "auszusteigen". Schon seit der Umweltschutz- und Antiatomkraft-Bewegung seit den frühen 1970er Jahren gab und gibt es Menschen, die "aussteigen" wollten und alternative, individuelle, familiäre oder gesellschaftliche Denk- und Lebensmodelle "durchgespielt" haben, theoretisch und praktisch, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Meist mit weniger Erfolg. Was war und ist ihnen allen gemeinsam? Womöglich das, was ihnen allen fehlt? Nämlich eine deutliche, wesentliche und auch konsequente Bezugnahme zu der uns allen vorgegebenen Volksseele?
Sie alle blieben und bleiben der vorherrschenden "Kultur" verhaftet. Und die vorherrschende "Kultur" -"Pop-Kultur" - stellt einen Bruch dar mit der kulturellen Überlieferung seit Jahrtausenden. Dies ist besonders leicht erkennbar und "erspürbar" in der Musikkultur (bzw. an der Verflachung der Musik-Kultur zu Schein-Kultur). Und es wird daran erkennbar, daß unsere Kinder heute schon in den Kindergärten über diese Musik-"Kultur" auf den Rhythmus unserer Zeit eingestimmt, einschwungen werden. Und damit auf "die Matrix". "Die Matrix" ist in vielen Teilen einfach Rhythmus. Und wenn ich aus der Matrix aussteigen will, aber meinen "Rhythmus", meinen Musik- und Lebensrhythmus nicht ändere - wie will ich dann aussteigen?
Abb. 3: Englfing im Hausruck, Aussichtspunkt, Blick nach Süden - In etwa die Region des "Schacha" im Roman (der nächstgelegene größte Berg im Hintergrund ist der Traunstein bei Gmunden am Traunsee) (GMaps)
Jetzt mag mancher an Musiker oder Musiker-Gruppen denken, die in irgendeiner Weise "dagegen" halten gegen die "Matrix". Man mag denken etwa an Namen wie Reinhard Mey, Joan Baez, vielleicht an die Musikgruppe "Pur", vielleicht an einen Hubert von Goisern. Aber nun achte man einmal auf den "Rhythmus" dieser Musiker. Ist es der Rhythmus der Matrix oder stellt ihre Musik eine wirkliche Alternative zu diesem Matrix-Rhythmus dar?
Ist das eine Musik, die auf einer ähnlich grundlegenden Ebene gültig ist wie, sagen wir, ein Verdi, ein Beethoven, ein Mozart oder Brahms?
Die Matrix verlassen, und zwar kulturell - das mag es aber vor allem sein, worauf es ankommt.
Wenn ich die Matrix verlassen will, ihr aber kulturell verhaftet bleibe, ihrem scheinlebendigen "Rhythmus" verhaftet bleibe, verlasse ich sie gar nicht. Wenn ich die Matrix verlassen will, wenn das aber nicht mit tiefsten persönlichen Erschütterungen einhergeht, die mich innerlich ganz und gar anders aufgestellt sein lassen als zuvor, und die mich auch dazu veranlassen, daß mein Leben in einen ganz anderen Rhythmus kommt - dann würde ich die Matrix gar nicht verlassen.
Die Voraussetzungen der heutigen Matrix wurde geschaffen durch die Installation und Ausbreitung des Christentums. Gegen die eintönigen Mönchsgesänge des Christentums mußte sich lebensfrohe Volkskultur und tiefe, gehaltvolle Musikkultur erst nach und nach über die bekannte abendländische Kulturentwicklung durchsetzen. Am Ende dieser Entwicklung wurden diese kulturellen Errungenschaften dann in unserer Zeit ersetzt durch Scheinkultur und durch seichteste Rhythmen. Und als auf gedanklicher Ebene das Christentum nicht mehr zog und als die Dichter und Denker des Abendlandes umfassende Philosophien schufen, in der ihre eigene Gott- und Weltauffassung zum Tragen kam, wurden die gedanklichen Muster derselben in typischer Weise gehijackt und an ihrer Stelle wurden mit Hilfe derselben gedanklichen Muster Ersatz-Ideologien und -Religionen installiert. (Das ist etwa der Weg von Hölderlin/Hegel zu Marx.) "Moral Entrepreneurs" zogen allseits durch die Lande und formten die Matrix jeweils neu so, wie sie sich bis heute heraus kristallisiert hat. Das Motto lautet: Halte alle guten Einflüsse von der Gesellschaft fern, rhythmische wie gedankliche. Setze an jede Stelle der vormaligen Kultur Scheinkultur.
Kunst und Scheinkunst - Was unterscheidet sie?
Versuchen wir einmal, es möglichst deutlich und konkret auf den Punkt zu bringen: Wenn man etwa einem Schauspieler wie Jan Josef Liefers zuhört, dann erfährt man, daß dieser sich für einen "Künstler" hält und daß er "Kunst" für ganz wichtig hält für eine Gesellschaft. Kunst ist aber nicht allein von der Begabung abhängig, die man einem Jan Josef Liefers ja sicherlich nicht absprechen möchte. Wenn ich aber Anne-Sophie Mutter heiße und Pop-Musik spiele, bin ich de facto kein Künstler mehr, sondern Schein-Künstler. Und wenn ich Jan Josef Liefers heiße, mich aber vor allem dadurch auszeichne, daß ich Hauptdarsteller in Krimis bin, dann bin ich eben keineswegs mehr ein Künstler, sondern Schein-Künstler.
Es ist sehr auffallend, daß diese Unterscheidung im öffentlichen Diskurs so gut wie keine Rolle mehr spielt. Mehr als auffallend. Schaut doch mal hin, Leute! Der Kaiser ist nackt.
Ich rufe keine tiefgreifenden Erschütterungen beim Publikum mehr hervor - als Künstler. Und das wäre das einzige, was zählt. Krimi's leben im wesentlichen von der "Spannung", die ein ungeklärtes Verbrechen hervor ruft. Es ist also die Sensationslust angesprochen, die Lust am Schaudern - mehr nicht. Außerdem sind Krimi's dazu gedacht, die Fülle von Staatsverbrechen in der Wirklichkeit harmloser aussehen zu lassen als sie es wirklich sind, weil im Fernsehen alles schon - sozusagen - als "Normalfall" zu sehen ist. Wer möchte bei solch einem Schund eigentlich mitmachen? Und das noch zu grandioser "Kunst" ernennen? Wer möchte da nicht lieber im Callcenter arbeiten. Und auf redlichere Art sein Geld verdienen?
Abb. 4: Blick von Holzham auf das Salzkammergut - In der Bildmitte der Markt Ottnang a. H., im Hintergrund Mitte links, der große Pril, vorne der Traunstein (Holzh)
Es ist bezeichnend, daß ein doch nicht "unkultivierter" und unkritischer Mensch wie Jan Josef Liefers solche Zusammenhänge nicht in geringster Weise zu durchschauen scheint. Oder gäbe es dafür Hinweise? Oder gibt es andere namhafte Leute, die solche Zusammenhänge auf den Punkt bringen? Für Hinweise wären wir dankbar.
Viele Künstler changieren auch zwischen Kunst und Schein-Kunst völlig ungeniert hin und her - so wie etwa die sehr schätzenswerte Schauspielerin Nadja Uhl. Sie changiert vom "Sommer vorm Balkon" (echte, erschütternde Kunst) zu "Operation Zucker - Jagdgesellschaft". Wenn es sein muß, muß es halt sein (um notwendigste, sachliche Aufklärung über Staatsverbrechen zu leisten). Aber wichtiger wäre uns noch, von einer Schauspielerin wie Nadja Uhl zu erfahren, daß sie den Unterschied zwischen Kunst und Schein-Kunst auch selbst als solchen erkennt und erlebt - - -
Idealismus oder Existentialismus?
Und in solchen gedanklichen Zusammenhängen wird uns ein Schriftsteller wie Karl Springenschmid (1897-1981) (Metapedia, Wiki, Salzburg-Wiki) wichtig (s. FK2026). Er hatte etwas sehr Wesentliches verstanden. Bis zum Jahr 1914 herrschte in der abendländischen Welt, sozusagen, der Idealismus vor. Er hatte Raum, er konnte gelebt werden, was auch immer sonst noch gelebt worden sein mag. Das galt auch für Länder wie die USA, England, Frankreich, Rußland oder Italien. Damit verbunden war auch das Schaffen echter Kunst, die sich noch in Strömungen wie dem Expressionismus klar und deutlich genug Ausdruck verschafft hat (s. als Beispiel Abb. 2). Der Expressionismus ist in seinen bedeutendsten Vertretern ganz klar vom Idealismus getragen. Man lese doch nur die Briefe eines Vincent van Gogh, um nur ein Beispiel zu nennen.
Der Erste Weltkrieg aber stürzte die idealistische Lebenseinstellung innerhalb der abendländischen Welt in eine der tiefsten Krisen, die sie jemals erlebt hat. Nicht nur in Deutschland. Aber in Deutschland stellte sich die Situation nach 1918 in äußert verschärfter Weise dar. Man sah sich selbst als "Kulturnation", die während des Ersten Weltkrieges "die Kultur" an sich gegen die Mächte der "Zivilisation" verteidigt habe. Und man hatte mancherlei Berechtigung für diese Sichtweise. Selbst ein Thomas Mann sah das so (siehe seine "Betrachtungen eines Unpolitischen" von 1918). Dann brach der äußere, staatliche Rahmen, an den der Idealismus bis dahin in weiten Teilen geknüpft war, im Jahr 1918 zusammen. Der Übergang von Kultur zu Zivilisation vollzog sich in den westlichen Demokratien unmerklicher. In Deutschland wurde er von Millionen Menschen in aller Schärfe ab dem 9. November 1918 erlebt (Beispiel: FK2026).
Abb. 5: "Zwei lange, buntbewegte Häuserzeilen, die einen geräumigen Platz umschlossen ..." (S. 309) - Haag am Hausruck (GMaps)
Die wirtschaftlichen und politischen Krisen der 1920er Jahre überzeugten - zumindest in Deutschland - die Menschen immer mehr davon, daß "aufgeräumt" werden müsse, daß der Staat der idealistischen Lebensform wieder neue Nahrung geben müsse. Genau darin sahen der Nationalsozialismus und das Dritte Reich - zumindest in den Besten ihrer Anhäger - ihren Sinn.
Dann kam der Zweite Weltkrieg. Der äußere Rahmen, der dazu beigetragen hatte, daß Idealismus, Kultur - sozusagen - noch einmal hatten bewahrt werden können - in einer Welt, die dazu neigte, immer weniger der Kultur, dem Idealismus Raum zu schaffen, dieser äußere Rahmen war mit der staatlichen Form und mit dem vorgegebenen politischen Willen des Deutschen Reiches im Jahr 1945 endgültig zusammen gebrochen, von der Erde gefegt. Unter Millionen von Todesopfern.
Die Soldaten, die fünf Jahre lang redlich an der Front ausgehalten hatten, waren besiegt. Die Frauen waren vergewaltigt. Die Kinder waren traumatisiert. So unendlich viel Schlimmes, Teuflisches war geschehen. Und zwar von Menschen, die gewiß keine idealistische Lebenseinstellung mehr lebten, aber zum Teil sogar von solchen, die sich trotz dieser idealistischen Lebenseinstellung zu ganz anderen Dingen hatten verleiten lassen.
Die eigene Würde war genommen - aufgrund von behaupteten oder tatsächlich geschehenen Verbrechen. Diese geschehenen Verbrechen wurden nun von den vormaligen "Feinden" des Deutschen Reiches wie eine Fahne vor sich her getragen, wie ein Menetekel, um so eindrucksvoll und überzeugend wie nur möglich von den begangenen, eigenen schweren Verbrechen abzulenken, und um die idealistische Lebenseinstellung an sich in der umfangreichsten Weise zu diskreditieren, die möglich war. Es gab - wieder einmal - nur einen einzigen Schuldigen. Wie sonderbar, wie auffällig.
Allerdings, noch sonderbarer: Die Deutschen hatten so viele schlimme Dinge erlebt, waren so traumatisiert und zugleich ernüchtert, daß sie nun bereit waren, diese Sichtweise zu übernehmen: Sie sahen sich fortan - zumindest von offizieller Seite her - als die einzigen Schuldigen. Sie warfen innerlich alles hin. Sie gaben sich "drein". Sie wollten nun auf der Seite der vorgeblich "Guten" stehen. Locker und lässig wird dabei bis heute die bodenlose Doppelmoral überspielt, die damals und heute für jeden, der hinsehen will, ganz und gar unübersehbar war und ist. Denn Staaten, die schlimmste Menschheitsverbrechen begangen hatten, zugelassen hatten, gefördert hatten, haben sich mit anderen Staaten verbündet, die noch schlimmere Menschheitsverbrechen begangen hatten, um ein weiteres Land weltweit zu Boden zu werfen und anzuklagen, das schlimmste Menschheitsverbrechen begangen hatte.
Abb. 6: "Novè wurde zu einem alten, gelbgestrichenen Haus gewiesen, das, in ein mächtiges Torgebäude übergehend, den Platz gegen die Bergseite hin abschloß" (S. 309) - Haag am Hausruck (GMaps)
Wer Anständigkeit, Redlichkeit, Ehrlichkeit, Rechtlichkeit fördern wollte in der Welt, hätte ganz und gar anders vorgehen müssen. Das mußte und muß ja jedem bewußt sein. Aber für die Mehrheit der Menschen war und ist es zu anstrengend, das Gesamtbild auf sich wirken zu lassen. Diese Art von Bequemlichkeit ist der größte Anklagepunkt vor dem Weltgericht genannt Weltgeschichte, dem gegenüber sich die Deutschen seit 1945 zu verantworten haben. Mögen sie zusehen, wie sie vor diesem Gericht ihren Kopf aus der Schlinge ziehen wollen!
Mehr bodenlose Heuchelei und Doppelmoral als in den Jahren seit 1945 ging im Grunde gar nicht und geht auch gar nicht.
Der deutsche Staat war also äußerlich vernichtet, seine idealistischen Zielsetzungen waren sowohl im Äußeren wie von innen her im Äußersten Maße angefochten, von bodenloser Heuchelei und Doppelmoral überschwemmt. Die äußeren Vertreter, Repräsentanten der Zielsetzungen des bisherigen Staates begingen Selbstmord, wurden angeklagt und aufgehenkt oder lebten unangefochten bis zu ihrem Lebensende in Deutschland weiter (so zum Beispiel einer der wesentlichsten Schreibtischtäter mit Namen Werner Best). Andere erhielten lange Gefängnisstrafen oder gar lebenslängliche.
Was sollte nun an die Stelle des vormaligen "äußeren Rahmens" treten, was sollte an die Stelle dieser inneren Angefochtenheit treten, damit eine idealistische Lebenshaltung - dennoch - bewahrt bleiben könnte?
Das war die entscheidende Frage - zumindest für einen Springenschmid.
Abb. 6: Der Uhrmacher Lidolt wohnte in der Mansarde dieses Hauses in einer Küche und einem Zimmer mit seinen drei - wieder gefundenen - Kindern, Novè kam, um für die Kinder zu sorgen (S. 310) (GMaps)
Wie könnten die Menschen wieder "Boden unter die Füße" bekommen, so drückt es Springenschmid aus. Obwohl der äußere Rahmen, der ihnen - Jahrhunderte lang - Boden unter die Füße gegeben hatte, völlig zerstört war, obwohl - sozusagen - alle Dämme gebrochen waren, obwohl die Flut, die unerträgliche, wüste Flut alles, was noch "Beständigkeit", "Würde", "Haltung", "Anständigkeit" repräsentiert hatte, hinweg geschwemmt hatte, sowohl im Außen und - noch schlimmer - im Innern eines jeden einzelnen Menschen.
Was gibt Boden unter die Füße? ...
Und diese Frage ist heute wie damals die gleiche geblieben.
Und in Beantwortung dieser Frage setzte Springenschmid auf nichts anderes mehr als auf die Liebe. Er "fand" die Liebe. So wie der Professor im Roman "Novè" die Liebe "findet". Die Liebe ist die letzte Bastion. Die Liebe gibt Boden unter die Füße.
Aber welche Liebe denn? Welche - welche - welche? Im Roman werden die unterschiedlichsten Spielarten der Liebe "durchgespielt". Allen Spielarten wird Daseinsberechtigung zugesprochen. Denn so leben die Menschen eben, so sagt der Roman. So ist die Welt. Für jede dieser Spielart entscheiden sich Menschen. Und das ist ihre Entscheidung. Und all diese Spielarten der Liebe sind ja auch - sozusagen - Ausdruck des Lebens an sich.
Aber doch ist es nur eine Art von Liebe, die schließlich wieder wirklich Boden unter die Füße gibt: Die Liebe des Mädchens Novè zu dem zu Anfang völlig abgezehrten, todmüden, lebensmüden Kriegsheimkehrer Peter. Im Geheimen nennt sie ihn ihren "Johannes" - - -
Wie Springenschmid das Näherkommen dieser beiden Menschen schildert, so durch und durch zurückhaltend, fast "wortlos" - ist so durch und durch meisterhaft, daß schon die Art dieser Darstellung im Tiefsten erschüttert.
Als Peter aus dem Krieg heimkehrt, will er nicht mehr leben. Exakt so wie der Kriegsheimkehrer in Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür". Aber dann geschehen einige dramatische Dinge. Und dann hört der Kriegsheimkehrer Novè singen. Und da endet dann die Gemeinsamkeit des Romans "Novè" mit Borcherts "Draußen vor der Tür". Vielleicht hatte der Kriegsheimkehrer Borchert nur nicht mehr genügend Lebenszeit, um selbst eine solche Erfahrung machen zu können, und um dann - ähnlich wie Springenschmid - Kulturwerke zu schaffen, die wieder ins Leben hinein führen, anstatt im Nirwana zu enden, in der Scheinlebendigkeit, in der vollständigen Sinnlosigkeit.
Es ist so viel Schlechtigkeit hinein geschwemmt in unser Land, in unsere Seele. Kein Wunder, daß da ein solcher Nachkriegsroman wie derjenige Springenschmids so vereinzelt blieb.
Die vom Weg Abgekommene
Aber nun soll noch einigen Details im Roman "Novè" nachgegangen werden (1). Woher kommt zum Beispiel der Titel selbst "Novè"? Über die KI lassen wir uns belehren: Nouveau (männliche Form) oder nouvelle (weibliche Form) ist das französische Wort für „neu“. Nouveau ist neu im Sinne von anders, frisch oder neu (für mich - z. B. eine neue Idee, ein neuer Kollege). Wie viel sagt Springenschmid also allein schon mit der Wahl dieses Titels!
Das Wort "nouveau" steht meistens vor dem Hauptwort, so sagt uns die KI. „Nouveau“ klingt gesprochen, so die KI, fast wie „No-wó“ und dann setzt sie fort: "Das erklärt perfekt, warum du vorhin nach dem Wort „Novè“ gesucht hast." Es handelt sich also einfach um eine lautliche Erinnerung an das französische Wort „neu“.
Abb. 7: Der Wanderweg von Rödt nach Englfing (vielleicht das "Schacha" des Romans) (Kom)
Das Merkwürdige an diesem Roman "Novè" ist, daß man ihn auch als eine neue Version der Oper "La Traviata" (Wiki) von Verdi (nach einem Text von Alexandre Dumas) lesen kann, als eine neue Version der ... "Vom Weg Abgekommenen". Der Roman selbst macht darauf aufmerksam (1, S. 297f).
Hört und sieht man sich jedenfalls diese Oper mit den Augen und Ohren Novè's an (Yt) und liest parallel das Libretto (Libr), kann man diese Oper mit einem Male als fast so erschütternd erleben wie den Roman selbst. Vielleicht als noch erschütternder, weil Musik noch einmal viel direkter und heftiger "packt". Wie kommt denn Springenschmid ausgerechnet auf "La Traviata"? So fragt man sich als Leser. Wir wissen es vorderhand nicht.
Auch ein einfaches Mozart-Liedchen wie "Ein Veilchen auf der Wiese stand" (Yt) (Yt2013) findet im Roman Platz (1, S. 291). Worauf dieser Springenschmid alles kommt.
Wir müssen wieder die Liebe "lernen". Wir müssen all ihre Stadien, all ihre Leiden, all ihre Heftigkeiten, alle ihre Leiden-schaften - mit Verdi, mit Henrik Ibsen, mit Alexandre Dumas und mit wem sonst auch immer - wieder lernen. Liebe - nein, Liebe ist nichts für lauwarme Gemüter. Liebe ist etwas für Grenzgänger, Liebe ist etwas für völlig auf den Hund Gekommene, für jene, die nicht mehr leben können - ohne sie.
Für lauwarme Gemüter ist jedenfalls nicht Liebe, die wieder Boden unter die Füße gibt, und die deshalb erschüttern muß.
Zu den Örtlichkeiten im Roman
Wie im ersten Teil dieses Beitrages erwähnt, dachten wir zunächst, Springenschmid könnte bei dem "Schacha" des Romans an eine Waldinseln bei Oberedt bei Frankenburg am Hausruck gedacht haben.
Am Ende des Romans wird allerdings erwähnt, daß das Schacha des Romans drei Wanderstunden von Haag am Hausruck entfernt liegt, und zwar wenn man immer auf dem Kamm des Hausruck entlang wandert (1, S. 356). Damit käme man - laut Komoot - in die Gegend rund um den "Aussichtspunkt" bei Englfing (GMaps) (in Komoot benannt "Blick auf die Alpen von den grünen Wiesen bei Ried im Innkreis") (Kom). Dieser Aussichtspunkt ist von Rödt aus ebenfalls dreieinhalb Wanderstunden entfernt (Kom). Dann macht es auch Sinn, daß Peter und Novè im Roman eine Wanderung unternehmen von Eberschwang nach "Schacha". Das wäre dann ein Wanderweg von knapp zwei Stunden.
Abb. 8: Vielleicht das "Frueland" im Roman - Walling, gelegen auf dem Weg von Eberschwang nach Pramet (GMaps)
Es fällt schwer, sich definitiv auf diesen Aussichtspunkt festzulegen. Vielleicht käme auch das Dorf Holzham infrage. Auch von dort gibt es eine schöne Aussicht auf das Gebirge (Holzh) (Abb. 4). Dabei kommt der Traunstein bei Gmunden am Traunsee in den Blick, der von Holzham aus der nächstgelegene Berg ist.
Wir sind fasziniert von diesem Roman. Deshalb interessieren wir uns auch für viele Einzelheiten in ihm. Als Peter, der Kriegsheimkehrer, Novè beim Arbeitsamt in Ried im Innkreis abpaßt, da hat er seine Kalesche im Gasthof "Zum Goldenen Stern" abgestellt (1, S. 84). Auch Novè hat dort ihr Gepäck abgestellt. Diesen Gasthof hat es in Ried im Innkreis tatsächlich gegeben (s. OÖ2022).
Von Ried im Innkreis nach Rödt sind es auf direktem Weg elf Kilometer. Peter fährt im Roman aber über Marienkirchen und Eberschwang (1, S. 85). Das sind zwanzig Kilometer.
Und es ist diese Fahrt, auf der zwei Menschenherzen - ohne daß Worte dazu gesprochen werden - zusammen wachsen.
Sie kommen dabei am Hof "Frueland" vorbei. Einen solchen gibt es laut KI weder im Dorf Pramet, noch überhaupt in den deutschsprachigen Ländern, auch nicht im Ausland: "In Dänemark und Norwegen bedeutet das Wort Frue 'Frau'. Es gibt historische Anwesen, die das Wort im Namen tragen (wie Fruergård oder Fruerlund - Letzteres ist ein Stadtteil in Flensburg sowie ein dänischer Ortsname). Ein 'Frueland' als Hof ist jedoch nicht verzeichnet."
Also mag Springenschmid diesen Namen erfunden haben. Der Lage nach ("Zur Linken ein stattliches Gehöft, größer als die anderen Höfe ringsum ... Wie eine Burg stand es auf dem kühn sich aufschwingenden Hügel ...") könnte es sich um eines der drei Gehöfte des Dorfes Walling handeln (Abb. 8). Aber sicherlich käme noch manches andere Gehöft in der Gegend infrage.
Es fällt ja sogar schwer, sich darauf festzulegen, welcher Hof in Rödt denn nun eigentlich die Vorlage des "Hofes in der Röth" sein könnte. Es kämen wohl ebenfalls mehrere infrage (Abb. 1).
Im Roman wird ja auch eine Kapelle in der Nähe des Hofes erwähnt ("Auf dem Hügel jenseits des Baches ...") (1, S. 36). Dies könnte ein Orientierungspunkt sein. Um eine von Rödt Dreiviertel Wegstunden entfernte Kapelle wird es sich dabei aber nicht handeln (GMaps).
Abb. 9: "Eines dieser Kinder war Maria Wohl, genannt Novè" (2, S. 127) - Titelseite einer Schrift von Springenschmid aus dem Jahr 1978 (4)
Wir lesen in der Springenschmid-Biographie über das Jahr 1945 (2, S. 109):
Seine Gattin mit den Kindern war (...) zu ihrer Hausgehilfin nach Pram ins Innviertel gegangen, wo sie in einem Raum oberhalb eines Schweinestalls bei einem Bauern hausten.
Pram liegt von Pramet 18 Kilometer entfernt, von Ried im Innkreis 11 Kilometer entfernt. Im autobiographischen Roman "Der Waldgänger" bricht Springenschmid eines Tages im Spätsommer des Jahres 1945 von Pram aus auf zu einer Wanderung über die Dörfer, um Eier für seine hungernde Familie zu erwerben. Dabei schreibt er über die Gegend rund um Pramet (3, S. 146f):
Der Wald ist nahe; denn in weitem Bogen umschließt der Hausruck dieses Bauernland. Wie wenn man von einem Menschen, den man liebt, um ihn ganz neben sich zu spüren, den Kopf in die Armbeuge nimmt, so umarmt der Hausruck den weitgespannten Raum der Wiesen und Äcker. Ich habe mir vorgenommen, auf meiner Fünftagereise dem Hausruck stets nahe zu bleiben. (...) Der erste Tag: Geiersberg, St. Marienkirchen, Eberschwang, Pattingham, Pramet - gewiß an dreißig Türen habe ich geklopft. Und das Ergebnis? Enttäuschend: sechs Eier. (...) Ein bescheidenes Nachtlager beim Postwirt in Pramet! Am nächsten Tag Schildhorn, Litzham, Helmeting, Waldzell. Diesmal acht Eier ...
In Waldzell lernt er beim Oberwirt den dortigen Pfarrer kennen. Mit diesem freundet er sich an und von diesem wird er zum Übernachten eingeladen.
Abb. 10: Aussichtspunkt Englfing im Winter
Überhaupt macht einem der Roman "Der Waldgänger" klar, daß Springenschmid über Jahre sehr nah am Volk gelebt hat. So wird auch verständlich, daß die bäuerlichen Figuren seiner Romane alle "aus dem vollen Leben" geschöpft sind. Es handelt sich keinesfalls um Kopfgeburten.
All diese Umstände jedenfalls lassen uns zu der Vermutung gelangen, daß Springenschmid die Handlung seines Romans deshalb in dem kleinen Weiler Rödt ansiedelt, um von dort aus die Personen seines Romans das romanhafte "Schacha" erreichen lassen zu können, von dem man jenen Blick auf die Alpen hat, auf den es Springenschmid wohl zuletzt vor allem angekommen sein mag. Ebenso mag es ihm angekommen sein auf den Wald des Hausruck selbst. Und irgendwo muß ein solcher Roman ja schließlich spielen.
Begegnung während einer Zugfahrt nach Lienz
In der Springenschmid-Biographie des Jahres 1987 finden wir übrigens eine Bestätigung für die Bedeutung, die wir dem Roman "Novè" als "dem" Nachkriegsroman der Deutschen überhaupt zusprechen (2, S. 126):
" 'Novè' (...) halten viele für Springenschmids bedeutendstes Werk. (...) 'Novè' erreichte in sieben Auflagen 60.000 Exemplare, das ist, wenn die widrigen äußeren Umstände bedenkt, sehr viel. (...) Jeden Menschen mit seelischem Tiefgang muß dieses einfache, schlichte Buch erschüttern. Seine einfache, karge Sprache, die sparsame Zeichnung der Figuren und die ausgefeilte Sprache bei packender Handlung fesseln und ergreifen den Leser. (...) Springs schildert hier bewußt und gerade nur das Einzelschicksal."
Eine der Qualitäten dieses Romans ist es auch, daß der Verlauf der Handlung stetig weiter geht, daß es immer wieder "Neues" gibt, daß er nie zu lange in einer bestimmten Situation "verharrt". Daraus ergibt sich in der Tat eine "packende Handlung". Wie kam er dazu, diesen Roman zu schreiben? Springenschmid selbst berichtet daüber (3, S. 115):
Ein Krieg, furchbarer denn je, hatte die Menschen im Banat getroffen.
Da war keiner, den das Schicksal nicht erreicht hätte. Bittere Nachrichten hatten mich erreicht. Ich wußte, was im Banat geschehen war.
Eines Tages fuhr ich zu meinen Vettern nach Lienz. Der Zug, in dem ich saß, hatte kein Licht, kein Glas in den Fenstern. Mir gegenüber saß eine junge Frau. Wenn die Lichter eines Stationsgebäudes in das Abteil fielen, konnte ich das Gesicht der Frau sehen. Nur ein paar Sekunden lang trat dieses Antlitz hell aus dem Dunkel hervor, ein schmales, blasses Gesicht, jung noch, doch von Leid und Not gezeichnet. Das dunkle, um das Kinn geknüpfte Kopftuch hob die blassen Züge noch stärker hervor. Wo hatte ich dieses Gesicht mit den schmalen Wangen, der kräftigen Stirn und den klaren Augen schon gesehen?
"Ja, auch Scharlevill", erwiderte ich, "dort habe ich Kasperl gespielt."
Da fiel die Trauer, die Müdigkeit von ihr ab. Ich merkte es an ihrer Stimme.
"Herr, was sagen Sie da? Kasperl gespielt in Scharlevill? Da war ich doch dabei. Auf dem großen Platz vor dem Gasthaus des Jean Lafleur."
So war es. (...)
"Wenn Sie aus Scharlevill kommen", fuhr ich fort, "heißen Sie vielleicht Wohl; diese Name ist dort geläufig."
"Erraten", rief die junge Frau, "Maria Wohl, allerdings im Dorf hat man mich anders genannt. Als ich noch ganz klein war und sehr drollig, nannte man mich so, wie man bei uns die jungen Lämmchen nennt, Novè. Dieser Name ist mir geblieben."
"Novè", wiederholte ich. -
Diese junge Frau, die mir da mit schlichten, etwas unbeholfenen Worten erzählte, was sie erlebt und erlitten hat, erschien mir in dieser unvergeßlichen Stunde für alles zu gelten, was an den Menschen im Banat in diesen furchtbaren Jahren geschehen war. (...)
Ich war einer der wenigen österreichischen Schriftsteller, der das Banat noch aus jenen glücklichen Tagen kannte, Fügung, um zu erkennen, war mir in dieser Stunde als Aufgabe gestellt worden war. Schon stand für mich der Titel, den ich dieser Arbeit geben wollte, fest. "Novè" wollte ich das Buch nennen und darin das Schicksal dieser jungen Frau, der Maria Wohl aus Scharlevill, darstellen, um damit unserer Zeit beispielhaft die Leidensfähigkeit, aber auch den ungebrochenen Lebensmut der Menschen dieses Landes zu zeigen. Wie gering wog alles, was ich bisher geschrieben hatte, diesem Auftrag gegenüber. Ich kam heim und schrieb, schrieb. Niemals habe ich das Bewußtsein, das Leben eines Menschen, den mir das Schicksal über meinen Weg geführt hat, gestalten zu können, dankbarer empfunden, als in jenem Jahr, da ich dieses Buch geschrieben habe. Die Donauschwaben haben mir dafür ihren Kulturpreis zuerkannt. Mein Roman "Novè" ist das Buch ihres Schicksals geworden.
Den Donauschwäbischen Kulturpreis Springenschmid im Jahr 1962 erhalten. Es wird weiterhin berichtet, Springenschmid habe sich bei dieser Begegnung im Zug an eine Fotographie aus dem Jahr 1932 erinnert, als er im Banat als Puppenspieler unterwegs war (Abb. 9). Und diese Begegnung und diese Fotografie hätten die ersten Anregungen für den Roman "Novè" gegeben.
Sie erzählte dem Dichter ihr Schicksal, und es entstand - nach wahren Begebenheiten - dieser erschütternde Roman. Dieses Geschehen um die Familie Lidolt kann wohl kein Dichter erfinden.
Auch in seiner Schrift "Janitscharen - Kindertragödie im Banat" hat Springenschmid 1978 noch einmal in Form eines Sachbuches zu dem historischen Hintergrund seines Romans Stellung genommen (5). Diese Begegnung im Zug wird sich im Jahr 1946 ereignet haben, in den späteren Jahren werden die Züge wohl schon wieder Fenster und Licht gehabt haben. Es ist durchaus denkbar, daß Springenschmid von diesem Zeitpunkt an gedanklich parallel an zwei Romanen gearbeitet hat. Die Stimmung ist auch in beiden Romanen sehr ähnlich, nämlich in "Das unerreichbare Herz", der 1949 erschien und "Novè", der 1951 erschien.
Temeschwar - Hauptort der Banater Schwaben
Gehen wir noch weiteren Details nach: Der Weg von Novè führt von Szeged und Kiszombor in Ungarn über Tschanad in Rumänien nach Hatzfeld, von dort nach Lenauheim und von dort nach Temeschwar (GMaps). Hatzfeld liegt nur wenige Kilometer von Soltur entfernt, allerdings jenseits der serbisch-rumänischen Grenze. Temeschwar (Wiki) ist das kulturelle Zentrum des Banats. Es war bis 1880 eine mehrheitlich von Deutschen bewohnte Stadt. Seine Innenstadt heißt deshalb heute noch "Klein-Wien". Denn sie erinnert mit ihren zahlreichen Palais an das alte Wien.
1910 lebten hier dann fast ebenso viele Ungarn wie Deutsche. Ab 1941 waren die Rumänen die größte Sprachgruppe in dieser Stadt. Die 33.000 Deutschen von 1930 gingen bis 1977 auf 28.000 zurück und bis 1992 auf 13.000. Heute leben nur noch 2000 Deutsche in Temeschwar.
Abb. 12: Temeschwar (Kossuthplatz) um 1910
Im Roman ist von Temeschwar eigentlich sonst kaum die Rede. Aber ein Teil der Handlung spielt in einer "Villa Prochaska" in Temeschwar (1, S. 176ff). Solch eine Villa findet sich in Temeschwar tatsächlich (Heritage). Die Fassade dieser Villa (Abb. 11) könnte gut zu der Villa des Romans passen. Im Roman liegt diese Villa allerdings abseits in einem großen Park. In der Wirklichkeit liegt diese Villa Prochaska direkt an der Straße inmitten der Stadt, umgeben von weiteren Stadtvillen des einstigen wohlhabenden, deutschen Bürgertums (GMaps). Diese Villa war ursprünglich erbaut worden von der Mühlenbesitzerfamilie Prochaska (Wiki). Dabei handelte es sich ebenfalls um Banater Schwaben. Dieser Umstand wird aber im Roman mit keinem Wort angedeutet.
Der Autor spricht außerdem von einer Zuckerrübenfabrik in Hatzfeld. Eine solche hat es - laut KI - in Hatzfeld nicht gegeben, wohl aber in Großbetschkerek. Letzteres liegt 60 Kilometer weiter südlich (GMaps).
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Springenschmid, Karl: Novè - Mädchenschicksal zwischen Ost und West. Roman. Leopold Stocker Verlag, Graz 1962 (4. Auflage) (zuerst 1951) (GB)
Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid. Biographie. Leben - Werke - Fotos - Dokumente. H. Weishaupt Verlag, Graz 1987
Springenschmid, Karl: Der Waldgänger. Roman. Leopold Stocker Verlag, Graz und Stuttgart 1975
Springenschmid, Karl: Heiteres Podium. Erlebnisse und Geschichten. Rudolf Schneider Verlag, München [1974]
Springenschmid, Karl: Janitscharen? Die Kindertragödie im Banat. Eckartschriften 65. Wien 1978
Der sprach kein Wort, das nicht sein Wohlsein galt.
Der lügt sogar im Schweigen. Der ist treu
dem Pfeffersack und der ist kindischalt.
Der ist ein Schaf und schwänzelt wie ein Leu.
Der lächelt süß, sein Herz ist dürr und kalt.
Der weiß sehr viel, drum sitzt er auch dabei.
Und der ruft nach, was ihm entgegenschallt.
Und jeder dreht des Volks Kolumbusei.
Im Hirne kriecht der Hoffart nasser Wurm.
Hier ist für uns kein Platz im Rate frei.
Wir standen kühl und schweigend vor dem Turm.
Die Uhr schlug an. Wie spät es denn wohl sei,
wir fragten nicht, wir wußten: Vor dem Sturm.
Heinrich Zillich
Im Dritten Reich sind um 1935 herum Gedichtsammlungen erschienen (Beispiele: 1, 2), die einen so ganz andersartigen Geist atmen als alle Gedichte, die nach 1945 veröffentlicht worden sind. Gedichte wie das vorstehende (aus 1) können aber eine geistige Haltung verständlich machen, bringen sie auf den Punkt, aus denen heraus das Dritte Reich entstanden ist und die zumindest in seinen Anfangsjahren auch seine emotionale Grundhaltung bildete.
Es ist der sogenannte "Frontkämpfergeist". Es gab ja sogar den "Roten Frontkämpferbund" (Wiki), den paramilitärischen Wehrverband der Kommunistischen Partei Deutschlands. In diesem wurde vermutlich gar nicht einmal so ganz anders gedacht als es in vorstehendem Gedicht wiedergegeben worden ist (Wiki):
Die Spannungen im Alltagsleben in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg ergaben sich neben der Niederlage, dem Verhalten der Siegermächte sowie der politischen Zerrissenheit und Radikalisierung auch aus der großen Zahl (um die 5 Millionen) von meist demobilisierten Soldaten. In ihren Reihen entwickelte sich eine spezifische Frontkämpferkultur, die unabhängig von der politischen Richtung der jeweiligen Gruppe oder Formation über gleiche Rituale und ein bedingt gleiches Selbstverständnis verfügte.
Diese "Frontkämpferkultur" und dieser "Frontkämpfergeist" bildeten also einen ganz wesentlichen Teil der emotionalen Grundlagen der Anfangsjahre des Dritten Reiches. Der Dichter Heinrich Zillich (1898-1988) (Wiki), von dem diese "Sonette an die Zeit" stammen, stammte aus Siebenbürgen. Er hatte am Ersten Weltkrieg bei den Tiroler Kaiserjägern teilgenommen.
Ein weiterer Dichter, der zu dieser Literatur beigetragen hat, war der Marineoffizier Bogislav von Selchow (1877-1943) (Wiki). Er hatte sich als Angehöriger der Kaiserlichen Marine während des Ersten Weltkrieges zum Marinekorps nach Flandern versetzen lassen und dort am Krieg teilgenommen. Von ihm stammen Gedichte wie:
Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag
Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag,
Mit heißem Blut
Und harten Händen.
Er kann durch einen starken Schlag,
Er kann an einem starken Tag,
Hat er nur Mut,
Das Schicksal wenden.
Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag.
Von ihm stammt auch das folgende Gedicht:
Du
Die deutschen Berge brennen
Rot vor Scham,
Weil sie es nicht fassen können,
Wie alles kam.
Es glühen die deutschen Fluren
In wehem Leid,
Seit sie die Schande erfuhren,
Die Schande der Zeit.
Es bäumen sich deutsche Meere
Gegen den Strand;
Sie haben deutsche Ehre
Anders gekannt.
Und ob der Schmach, der feigen,
Die alles nahm,
Deutsche Eichen neigen
Ihr Haupt vor Gram.
Nur einer sieht der Schande
Gelassen zu;
Deutscher in deutschem Lande,
Das bist Du!
Der Idealismus und der heiße Wille, Gutes für Deutschland tun zu wollen und das unendlich große Unrecht, das Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg zugefügt worden ist, "wiedergutzumachen", der aus all diesen Gedichten spricht, dieser wird seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als "sinnlos" erachtet. Er wird sogar für das ganze Unheil verantwortlich gemacht, das während des Zweiten Weltkrieges über Deutschland, Europa und die Welt gekommen ist.
Nun, es ist ja immer gut, wenn ein Schuldiger gefunden ist.
Alle sonstigen Mitschuldigen sehen durch diesen dann plötzlich wie schneeweiße Unschuldslämmer aus. Und sie betreiben ihr unheilstiftendes Handwerk um so ungehemmter weiter. Noch dazu lächerlich billig vertarnt.*) Und es ist ihnen nur recht, daß sich ihnen kein Idealismus und kein heißer Wille mehr entgegen stellt.
Die Dichter solcher Gedichte freilich hatten dazu schon nach dem Ersten Weltkrieg das Ihrige zum Ausdruck gebracht. Ist ein solcher heißer Wille nun also wirklich so "sinnlos"?
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*) Nein, von "Tarnung" kann wirklich nicht mehr die Rede sein, wenn man an Dinge wie die Epstein-Files denkt ...
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Kampfgedichte der Zeitenwende. Eine Sammlung aus deutscher Dichtung seit Nietzsche. Albert Langen / Georg Müller, München 1935
von Selchow, Bogislav: Von Trotz und Treue. N. G. Elwert Verlag, Marburg 1936