Einer Leserzuschrift entnehmen wir die folgende Auszüge
Da gibt es ja dieses Buch "Selbstschöpfung" von Seiten einer deutschen Philosophin aus dem Jahr 1927. Beim Lesen eines solchen Buches können einem ja schon mancherlei Gedanken kommen.
Abb. 1: Die verdammte Seele (aus: Das Jüngste Gericht von Michelangelo, um 1540)
Etwa wenn man in dem Kapitel "Bildgleichnisse für Wandel und Schöpfung" liest. Man mag ja gerne von sich behaupten wollen, daß man - entsprechend des dort behandelten Bildgleichnisses - irgendwo auf der Mitte geboren worden sei zwischen Gipfel und Talsohle, vielleicht ein Stück oberhalb dieser Mitte. Und das wäre ja dann - nach nüchterner Zeitskala - etwa Mitte der 1960er Jahre gewesen.
Mit dem Eintritt in die zweite Schulklasse (dieser war in meinem Fall mit einem Schulwechsel verbunden), mag ja dann tatsächlich eine Art seelengesetzlich vorgegebener seelischer Abstieg recht deutlich bemerkbar geworden sein im Rückblick.
Denn: Was war man doch vorher für ein gottdurchflutetes Kind. In meinem Fall kann ich mir das nur an wenigen Erinnerungen deutlich machen. Etwa bezüglich der Frage, welche große Bedeutung Freundschaft für mich hatte, mit welcher "Tiefe" und Innigkeit ich sie erlebte. Und zwar ganz selbstverständlich und zutiefst "von Herzen bewegt" sozusagen. Es gibt da etwa eine Erinnerung: Als ich fünf Jahre alt war, zogen meine Eltern aus dem Harz-Dorf weg, in dem ich bis dahin aufgewachsen war. Der Abschied von meinem dortigen besten Freund, dem Sohn von einem Aussiedlerhof, wurde in aller Tiefe erlebt. In sozusagen großem, heiligen Ernst nahmen wir voneinander Abschied. Denn die Endgültigkeit des Geschehens war uns voll bewußt. Ich weiß noch genau den Ort: die hohe Mauer vor unserer Garagen-Ausfahrt.
Ach ja, ohne Zweifel waren wir als Kinder alle besser als wir es heute sind. Und es mag wirklich viel Sinn machen, sich da hinein zu sinnen. Sehen wir doch fast überall, wie edel und gottinnig Kinder sein können. Und so mag es auch durchaus nur wenig Sinn machen, sich bezüglich der eigenen Kindheit nicht gar zu viel zu verkleinern, um den Unterschied zu heute nicht gar zu kraß erleben zu müssen ...
Nun also weiter. Zwei Jahre später, ein erneuter Orts- und damit Schulwechsel bei meinem Eintritt in die zweite Schulklasse. Dieser mag manches beschleunigt haben in Bezug auf seelischen Abstieg. Anfangs spielten wir Jungen noch so warmherzig und freudig mit bei dem Dornröschen-Spiel der Mädchen auf dem Pausenhof ...
Aber wie lange wohl noch?
Vermutlich rutscht man als Jugendlicher in diesen Zeiten sowieso - so oder so - mit den Jahren deutlicher unter die Talsohle (des Bildgleichnisses) als die meisten bereit sein werden, sich das bewußt zu machen.
Die Tatsache, daß ich mir mit etwa 13 Jahren ein (Haflinger-)Fohlen nicht nur wünschen konnte, sondern auch erhielt, hielt mich ab dann wohl doch einigermaßen in meiner Mitte. Ein Pferd kann ein so guter Freund sein. Vermutlich war mir das damals in der Deutlichkeit gar nicht bewußt. Aber es hat sicherlich manches dazu beigetragen, daß ich mich daran gewöhnen konnte, "anders" zu sein als fast alle meine Schulkameraden, als zuletzt auch mein bester Freund und stattdessen meiner eigenen, inneren Ausrichtung zu folgen. Auch wenn ich damit eher für mich bleiben würde.
Schon ab etwa dem 12. Lebensjahr war ich immer einmal wieder in Mädchen verliebt. Ich warb um sie und es gab immer wieder eines, das "mehr" wollte als nur "Verliebtheit" und Wohlgefallen daran, in Hochstimmung miteinander zu sein, gerne miteinander zu tanzen und einander nahe zu sein. Aber ich hatte gewissermaßen "Angst" davor. Ich hatte Sorge, etwas zu verlieren dabei - ohne zu gewinnen. Ich konnte darüber aber nicht völlig offen mit Mädchen reden. Ich hoffte sozusagen, sie würden es von selbst verstehen. Da habe ich mich gewiß nicht immer ehrenhaft und verständnisvoll genug verhalten.
Gewiß nicht.
Aber dann traf ich ein Mädchen, bei dem alles anders war.
Alles. Aus dem Nachhinein kann ich es vielleicht so ausdrücken: Während ich bei allen Mädchen sonst immer das Gefühl hatte, sie würden das Göttliche wie durch eine Milchglasscheibe hindurch sehen und ich würde ihnen diesbezüglich - bestenfalls - mehr geben können als sie hatten und als sie mir geben könnten - traf ich mit einem mal auf ein Mädchen, bei dem war es gewiß!, gewiß! andersherum. Und das nahm - so hatte ich das Gefühl - niemand wahr außer mir (vielleicht abgesehen von ihrer jüngsten Schwester).
Hatte ich all die Jahre immer auf ein solches Mädchen gewartet - unbewußt? Ich weiß es nicht. Fast will es mir scheinen. Ich weiß heute nur, daß ein solches Verhalten wohl auch viel mit der Fähigkeit zu "Belohnungsaufschub" zu tun haben wird, die mir vielleicht mehr als anderen angeboren ist.
Es war das - dann - für mich wieder und wieder ein erschütterndes Geschehen: ihr nahe zu sein, von ihr verstoßen zu werden, ihr wieder nahe zu kommen, von ihr wieder verstoßen zu werden. Ich nahm das alles hin. Ich hatte das Gefühl: Ich hatte das alles verdient. Ihre Nähe war eine "Gnade" für mich. Und was immer auch geschah: ich hatte es verdient. Ich sah so Großes in ihr. Und ich wollte so Großem gerecht werden, wollte so Großem angemessen sein. Aber ich war nie gut genug für sie. Sie machte es mir deutlich. Und auch ich war zutiefst davon überzeugt. Denn es war die Wahrheit.
Und ich glaube auch heute noch, daß es die Wahrheit war. Was für ein großes Geschehen ist es, auf einen solchen Menschen zu treffen.
Sie hat mich so oft in die tiefsten Abgründe und Trauer "verstoßen".
Aber ich wuchs daran, Schritt für Schritt.
Denn: Ich hatte einen Freund, einen so weisen, älteren, väterlichen Freund. Er redete mir gut zu. Immer wieder und wieder. Er half mir. Er riet mir nie, von diesem Mädchen zu lassen. (Das taten gewiß alle sonst, die von uns wußten, sogar irgendwann der von mir hoch geschätzte Vater dieses Mädchens). Erst ganz zum Schluß, erst nach sechs Jahren herrlichster Höhen und tiefster Tiefen riet auch dieser väterliche Freund mir, von ihr zu lassen - und starb.
Gott im Himmel - noch heute bin ich mit diesen Dingen nicht fertig.
Ich war dreißig Jahre alt, hatte im Leben schon so viel erlebt, war auf das Leben vorbereitet wie vielleicht wenige - und stand ihm doch trotzdem noch so außerordentlich unbeholfen gegenüber.
Die Folgejahre? Ich konnte mich einfach nicht darein finden, mich mit "weniger" zufrieden zu geben, was "Mädchen", was "Frauen" betrifft, als ich erlebt hatte. Ich "konnte" es nicht. Bei einer Gelegenheit wandte ich mich von einem Mädchen ab, weil sie nicht so schnell mit der Leidenschaftlichkeit zurück lieben wollte wie ich ihr Liebe entgegen brachte. Mich empörte das - und ich wandte mich ab. Dabei hätte ich mit geduldigerem Werben vielleicht doch einen Menschen gewonnen, dem ich noch heute mit viel Verehrung und Hochachtung gegenüber stand. Wie viel Irrsinn ist doch in der Welt.
Und so war für mich irgendwann der Punkt erreicht, wo ich mit aller Gewalt nur noch heiraten und Familie gründen wollte. Und sei es über alle Konventionen, über alle Werte hinweg.
Ich hatte mich in den sechs Jahren meiner großen Liebe daran gewöhnt, außerhalb aller Konventionen und Werte zu leben - warum sollte ich mich jetzt daran gewöhnen?
Aber mußte es wirklich ausgerechnet eine Asiatin sein, mit der ich mich zusammen tat? Mußte es das? Wollte ich den Zwiespalt der unvollkommenen Menschenseele endlich beenden? Damit? Einfach nur noch "Da-Sein", "Lieben" (wie alle anderen), "glücklich sein" (wie alle anderen). Was für ein furchtbares Geschehen. Es war furchtbar für meine eigene Seele, zutiefst furchtbar. Denn es handelte sich um einen so beherzten Absprung in den tiefsten Schacht hinunter wie er wohl nur selten unternommen wird.
Tief fallen kann ja eigentlich nur, wer zuvor eine gewisse Fallhöhe erreicht hat.
Hatte ich bis dahin auf alle Menschen hinabgeschaut als "Nicht-Meinesgleichen", schaute ich nun plötzlich - als ich einmal wieder die Oper besuchte - zu ihnen "hinauf", so wie das Asiaten wohl ganz allgemein - eher unbewußt - tun gegenüber Europäern (schon aufgrund der unterschiedlichen Körpergröße).
Wie irre. Wie so vollkommen irre. Ich wollte - unbewußt - alles in mir abtöten, was vorher Gültigkeit hatte für mich. Und ich redete mir ein, "der Abweg wäre nur klein". Vollkommen irre. Wer dem Göttlichen nahe kommt, kann leicht irre werden. Zumal heute. Auch ich blieb davon nicht verschont.
Und auch Michelangelo wird schon gewußt haben, was er malte, als er die verdammte Seele malte.
- Politik ist das Narrenseil, an dem die Völker seit über hundert Jahren in den Untergang geführt werden
- Das Göttliche - Trauma, Sucht und Prägung
Am 15. und 16. September 2026 habe ich zum Thema des vorliegenden Blogartikels zwei Videos veröffentlicht (Livestreams) (Yt2026, Yt2026b). In öffentlichen und privaten Rückmeldungen sind sie auf manches Verständnis und manche Zustimmung gestoßen. Ich habe mir zum ersten mal eine Zusammenfassung jedes dieser beiden Videos durch die Künstliche Intelligenz geben lassen. Ich bin überrascht, daß ich durch diese Zusammenfassungen noch einmal einen ganz anderen Blick auf meine eigenen Ausführungen bekomme. Auch die KI hat mich verstanden, mitunter womöglich sogar besser als ich mich selber verstanden habe. ;-)
Denn mit der KI klingt alles ja doch noch ein bisschen "seriöser", sachlicher, weniger persönlich.
Was ist das Göttliche?
Zusammenfassung des ersten Videos ("Was ist das Göttliche?") durch die KI (Yt2026):
Kerngedanke
Der Vortrag versucht, die Frage „Was ist das Göttliche?“ nicht primär religiös-theologisch, sondern kulturphilosophisch zu beantworten. Die zentrale These lautet: Der Ausweg aus der heutigen „Matrix“ führt nicht durch eine andere Politik, sondern durch eine Wiederentdeckung von Sinn, Idealismus, Kultur und einem bewussten Verhältnis zum Göttlichen.
1. Kritik an der Fixierung auf Politik
Der Autor sieht die moderne Gesellschaft zu stark auf Politik konzentriert. Auch politische Alternativen blieben letztlich innerhalb desselben politischen Systems. Deshalb bezweifelt er, daß ein Wechsel der Partei die grundlegenden gesellschaftlichen Probleme lösen könne.
Entscheidend sei vielmehr eine Veränderung der Menschen selbst: Wenn sich die Menschen nicht verändern, könne sich auch die Politik nicht grundlegend verändern. Die offene Frage lautet dabei: In welche Richtung sollen sich Menschen verändern?
2. Vom Idealismus zum Existentialismus/Nihilismus
Ein großer historischer Bruch wird um 1914 bzw. 1945 angesetzt. Der Autor beschreibt die ältere westliche Kultur als von einem idealistischen Weltbild geprägt: Das Leben habe einen höheren Sinn, Kunst und Kultur hätten einen besonderen Wert und Menschen hätten sich an höheren Zielen orientiert.
Nach den Erfahrungen der Weltkriege habe sich dagegen ein existentialistisches bzw. später nihilistisches Weltbild ausgebreitet, in dem der Sinn des Lebens zunehmend fraglich oder verneint werde. Der Autor sieht darin eine wesentliche Ursache der heutigen kulturellen Orientierungslosigkeit.
3. Was bedeutet „das Göttliche“?
Das Göttliche wird nicht eindeutig als der Gott einer bestimmten Religion definiert. Vielmehr verbindet der Autor damit:
Sinn und einen höheren Lebenszweck
Idealismus und geistige Orientierung
Kunst, Philosophie und Wissenschaft
eine „Bereitschaft der Seele“
Unschuld und innere Tiefe
die Fähigkeit, sich einer Sache zu widmen, die über das eigene individuelle Glück hinausgeht.
Das Göttliche wäre damit etwas, das Menschen aus reinem Egoismus und bloßer Oberflächlichkeit herausführt.
4. „Aus der Matrix aussteigen“
Der Begriff „Matrix“ bezeichnet im Vortrag die kulturelle und geistige Ordnung der Gegenwart. Auffällig ist dabei die Umkehrung einer üblichen Vorstellung: Wer aus der Matrix aussteigen will, müsse nicht einfach das politische System wechseln*) oder an einen anderen Ort gehen.
Vielmehr müsse man die eigenen geistigen und kulturellen Voraussetzungen verändern. Dazu gehöre insbesondere, sich nicht mehr ausschließlich an Konsum, persönlichem Glück, Unterhaltung und politischer Auseinandersetzung zu orientieren.
5. Kultur als Gegenmittel
Eine wichtige Rolle spielt für den Autor die Kunst. Er beruft sich unter anderem auf Rilke und dessen Gedicht Der Schwan. Der Schwan wird zum Bild für den Menschen, der zunächst unbeholfen mit dem Göttlichen umgeht, weil ihm die entsprechende kulturelle und geistige Übung fehlt.
Kunstwerke könnten Menschen „umkrempeln“, ihnen eine andere innere Ausrichtung geben und ihnen wieder Zugang zu einer tieferen Dimension des Lebens ermöglichen.
6. Erziehung und Jugend
Der Autor sieht einen entscheidenden Ansatzpunkt bei jungen Menschen. Kinder hätten zunächst noch eine Art natürliche Unschuld und unmittelbaren Zugang zum Leben. Durch die moderne Kultur würden sie jedoch früh an die herrschenden gesellschaftlichen Rhythmen und Formen der Unterhaltung angepasst.
Besonders Musik und kulturelle Gewohnheiten spielen für ihn dabei eine Rolle. Wer wirklich aus der Matrix herauswolle, müsse deshalb auch die kulturellen Rhythmen verändern, in denen Menschen leben.
7. Die Bedeutung von Krieg und kulturellem Bruch
Der Autor verbindet den Verlust des Sinnbewusstseins stark mit den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Er beschreibt 1945 als einen tiefen kulturellen Bruch und meint, danach sei das Bewusstsein für den geistigen Gehalt der eigenen Kultur weitgehend verloren gegangen.
Als Gegenbild nennt er ältere Literatur und Kulturwerke, die trotz der Katastrophen des 20. Jahrhunderts nach Möglichkeiten suchten, ein guter Mensch zu bleiben und dem Leben weiterhin Sinn zu geben. Als Beispiel führt er einen Roman an, der ihn persönlich stark beeinflusst habe.
8. Kultur und nationale Identität
Ein weiterer, politisch besonders relevanter Teil des Vortrags beschäftigt sich mit der deutschen Kultur. Der Autor beklagt einen Verlust deutscher kultureller Identität und verbindet diesen mit demografischen und migrationsbezogenen Veränderungen.
Dabei argumentiert er, dass die entscheidende Frage nicht durch Grenzpolitik oder eine bestimmte Partei gelöst werde. Vielmehr müsse sich Deutschland auf den geistigen und kulturellen Gehalt seiner eigenen Tradition besinnen. Er überträgt dieses Prinzip auch auf andere Völker: Engländer sollten den inneren Gehalt der englischen Kultur bewahren, Franzosen den der französischen usw.
9. Die persönliche Konsequenz
Am Ende steht weniger ein konkretes politisches Programm als eine Aufforderung zur persönlichen und kulturellen Umorientierung:
Nicht noch mehr Politik, sondern die Wiederentdeckung von Sinn, Kultur, geistiger Tiefe und dem Göttlichen.
Der Einzelne soll sich fragen, welche Lebensentscheidungen ihn dem Göttlichen näherbringen oder davon entfernen. Oberflächlichkeit, bloßer Hedonismus und das „Mitmachen“ gesellschaftlicher Trends werden abgelehnt. Stattdessen soll man sich anspruchsvollen kulturellen und geistigen Inhalten aussetzen.
Kurzfassung in einem Satz
Der Vortrag vertritt die These, dass die gegenwärtige gesellschaftliche Krise nicht primär politisch gelöst werden kann, sondern eine geistig-kulturelle Erneuerung erfordert: Menschen sollen wieder Sinn, Idealismus, kulturelle Tiefe und eine Beziehung zum „Göttlichen“ entwickeln und dadurch unabhängiger von den kulturellen Zwängen der Gegenwart werden.
Ein auffälliger Punkt des Textes ist allerdings, dass „das Göttliche“ letztlich eher umschrieben als systematisch definiert wird: Der Begriff bleibt bewusst weit und umfasst Sinn, Kultur, Kunst, moralische Orientierung, Unschuld und Transzendenz zugleich.
Soweit das erste Video.
***
Zusammenfassung: „Das Göttliche – Trauma, Sucht und Prägung“
Die Grundlage des zweiten Videos (Yt2026b) ist insbesondere ein Blogartikel, der schon im Mai diesen Jahres veröffentlicht worden war (1). Hier nun eine inhaltliche Zusammenfassung dieses Videos durch die KI:
Hier ist eine zusammenhängende Zusammenfassung des Transkripts. Ich gebe dabei die Gedankenführung des Vortrags wieder, ohne die darin enthaltenen psychologischen oder wissenschaftlichen Aussagen zusätzlich zu bewerten.
Der Vortrag setzt eine frühere Auseinandersetzung mit dem Thema „das Göttliche“ fort. Ausgangspunkt ist eine persönliche Entwicklung des Autors: Er habe sich früher intensiv mit Politik, Verschwörungstheorien und der Aufklärung über politische bzw. gesellschaftliche Verbrechen beschäftigt. Dabei sei ihm zunehmend die Erfahrung von Machtlosigkeit entstanden. Selbst wenn sehr viel Wissen über Mißstände vorhanden sei, führe dieses Wissen nicht automatisch zu Veränderungen. Daraus entwickelt er die Frage, was Menschen tatsächlich Kraft geben könne. Seine Antwort ist die Verbindung mit dem Göttlichen.
1. Trauma als Unterbrechung der Verbindung zum Göttlichen
Ein zentraler Bezugspunkt ist die Arbeit von Gopal Norbert Klein. Der Vortragende verbindet dessen Konzept der frühkindlichen Traumatisierung mit einer spirituellen Perspektive.
Für ihn entsteht durch eine gute frühe Beziehung zu den Eltern Urvertrauen. Dieses Urvertrauen wird als eine Art ursprüngliche Einbettung des Menschen in das Göttliche verstanden. Fehlt es aufgrund früher Traumatisierung, entsteht dagegen eine „Wand“ zwischen dem Menschen und dem Göttlichen. Die Traumatisierung wirkt damit nicht nur psychologisch, sondern auch als Störung der spirituellen Beziehung.
Der Vortragende geht noch weiter und vertritt die These, daß die Verbindung zum Göttlichen auch für Traumaheilung entscheidend sei. Er vermutet, daß frühere Kulturen trotz erheblicher traumatischer Erfahrungen besser mit diesen umgehen konnten, weil ihre Verbindung zum Göttlichen stärker gewesen sei.
2. Prägung und erste Erfahrungen
Neben Trauma sieht der Vortragende einen zweiten Mechanismus: Prägung.
Er erläutert zunächst den Begriff anhand von Konrad Lorenz und der Nachfolgeprägung bei Gänseküken. Davon ausgehend unterscheidet er frühe, besonders dauerhafte Lernprozesse von späterem, stärker durch Belohnung und Konditionierung geprägtem Lernen.
Eine besondere Bedeutung schreibt er den ersten sexuellen Erfahrungen zu. Diese könnten seiner Auffassung nach die spätere Sexualität stark prägen. Ein positives und als wertvoll empfundenes erstes Erlebnis könne einen günstigen Einfluß auf das weitere Leben haben; ein negatives oder vom Göttlichen entferntes Erlebnis könne dagegen einen langfristigen „Schatten“ erzeugen.
Der Vortragende verbindet dies mit einer allgemeinen Kulturkritik: Frühzeitige Sexualisierung, Party- und Alkoholkultur sowie eine Orientierung an möglichst vielen Erlebnissen könnten seiner Ansicht nach Prägungen erzeugen, die später das Verhältnis zu Liebe, Sexualität und zum Göttlichen erschweren.
3. Sucht, Liebe und Bedürftigkeit
Das dritte große Thema ist Sucht. Der Vortragende versteht Sucht nicht ausschließlich als Abhängigkeit von bestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen. Auch Liebe, Gewohnheiten und Bedürfnisbefriedigung können seiner Darstellung nach suchtförmige Eigenschaften annehmen.
Wenn eine erfüllende Form von Liebe fehlt, könnten Ersatzsüchte entstehen. Entscheidend sei deshalb, welches System im Menschen die Oberhand gewinnt: das Streben nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung oder eine Orientierung am Göttlichen.
Dabei unterscheidet er zwischen guten und schlechten Gewohnheiten, Süchten und Prägungen. Nicht jede Gewohnheit sei eine Sucht; zwischen beiden gebe es jedoch Übergangsbereiche.
4. Das „Streß- und Bedürftigkeitssystem“
Der wichtigste konzeptionelle Schritt des Vortrags ist die Unterscheidung zwischen einem Streß-/Bedürftigkeitssystem und einer anderen, zunächst verborgenen seelischen Instanz.
Beim traumatisierten Menschen könne das Streßsystem dauerhaft aktiviert sein. Bei süchtigen Menschen trete entsprechend das Suchtsystem in den Vordergrund. Der Vortragende faßt beides zu einem System zusammen, das durch Bedürfnisse, Streß und Bedürfnisbefriedigung bestimmt wird.
Dieses System könne so dominant werden, daß andere Dimensionen des Seelenlebens kaum noch wahrgenommen würden. Der Mensch befinde sich dann gewissermaßen in einer „Traumwelt“, in der er äußere Situationen ständig als Bedrohung interpretiert.
Hier greift der Vortragende erneut auf Gopal Norbert Klein zurück. Dessen Ansatz versteht er so, daß traumatisierte Menschen gegenwärtige Situationen aufgrund ihrer inneren Projektionen als bedrohlich erleben. Das Streßsystem benötigt gewissermaßen ständig neue „Nahrung“ und der Kopf produziert Erklärungen dafür, warum eine Gefahr vorhanden sei.
5. Die gesellschaftliche Ebene
Der Vortrag überträgt dieses Modell anschließend auf die Gesellschaft. Auch gesellschaftliches und politisches Leben werde häufig von Bedürftigkeiten und Streß bestimmt: Wer bekommt was? Geht es uns gut oder schlecht? Wo gibt es Krieg, Krise oder Terror?
Der Vortragende sieht darin eine gesellschaftliche Dominanz des Streßsystems. Ständiger Streß verhindere seiner Auffassung nach, daß Menschen das Göttliche wahrnehmen können.
Hier verbindet sich seine frühere politische Beschäftigung mit seiner jetzigen spirituellen Perspektive: Er möchte nicht mehr hauptsächlich politische Mißstände analysieren, sondern fragt, was Menschen innerlich so verändert, daß sie sich überhaupt von solchen Zuständen lösen können.
6. Das zentrale Bild: Keller, Tür und Garten
Der persönlichste und zugleich wichtigste Teil des Vortrags ist das Bild eines Kellers mit einer verschlossenen Tür zu einem verwilderten Garten.
Der Keller steht für einen seelischen Zustand, in dem man jahrzehntelang nur auf der Ebene von Streß, Bedürfnissen und Reaktionen gelebt hat. Die Tür zum Garten wird dagegen zu einem Bild für einen bis dahin völlig unbeachteten Bereich der eigenen Seele – für eine Ressource, die zwar vorhanden ist, aber außerhalb des bisherigen Aufmerksamkeitsfeldes liegt.
In diesem Keller entdeckt der Vortragende außerdem das Bild einer Leiche. Sie symbolisiert für ihn etwas Abgestorbenes bzw. lange Nichtbeachtetes im eigenen Inneren. Das Bild sei zugleich unheimlich, weil mit dem Öffnen der Tür etwas zum Vorschein komme, das jahrzehntelang verdrängt oder unbeachtet gewesen sei.
Der entscheidende Gedanke lautet:
Die Tür selbst ist die Ressource.
Es geht also nicht zunächst darum, bereits über fertige psychische Kräfte zu verfügen. Entscheidend ist zunächst, überhaupt wahrzunehmen, daß es diesen anderen Bereich gibt und Zugang zu ihm zu gewinnen.
7. „Bei sich selbst ankommen“
Aus dieser Entdeckung entwickelt der Vortragende eine persönliche Konsequenz: Er möchte sich nicht mehr ausschließlich an den eigenen Bedürfnissen oder den Bedürfnissen anderer orientieren, sondern „bei sich selbst ankommen“.
Damit verbindet er das Göttliche mit Selbstfreundschaft, Wahrheit und innerer Aufmerksamkeit. Ein Mensch soll sich selbst gewissermaßen „der beste Freund“ werden. Dazu gehören für ihn Nähe zum Göttlichen, Offenheit für Wahrheit und die Fähigkeit, nicht ständig in Bedürftigkeits- und Reaktionsmustern gefangen zu sein.
Das Öffnen der Tür geschieht nach seiner Darstellung nicht plötzlich. Es könne Wochen oder Monate dauern, sich an den neuen inneren Zustand zu gewöhnen. Auch der Garten sei zunächst nicht schön und verwildert. Entscheidend sei zunächst, daß überhaupt Licht und frische Luft hineinkommen.
8. Der persönliche Schluß
Am Ende beschreibt der Vortragende diese Entwicklung als ein Gefühl, „bei sich selber zu Hause“ zu sein. Daraus könnten sich neue Möglichkeiten entwickeln, die vorher nicht sichtbar waren.
Auch seinen YouTube-Kanal versteht er in diesem Zusammenhang teilweise als eine Form von Selbsttherapie: Das Sprechen über die eigenen Erfahrungen helfe ihm selbst, unabhängig davon, wie viele Menschen tatsächlich zuhören. Er überträgt diese Idee sogar allgemein: Menschen könnten davon profitieren, ihre eigenen Erfahrungen auszusprechen und dadurch mit sich selbst ins Gespräch zu kommen.
Der letzte programmatische Schritt ist die Abkehr von der politischen Fixierung: Statt ständig über Politik zu sprechen, möchte der Vortragende bewußt über das Göttliche sprechen, weil er darin die grundsätzlichere Frage sieht.
Die Argumentationsstruktur in Kurzform
Politische Aufklärung → Erfahrung von Machtlosigkeit → Suche nach einer tieferen Kraft → das Göttliche
und auf der psychologischen Ebene:
Trauma / Sucht / Prägung → Dominanz von Streß und Bedürftigkeit → eingeschränkte Aufmerksamkeit → Verlust des Zugangs zu wertvollen inneren Bereichen → Entdeckung einer „Tür“ → Zugang zum eigenen Inneren → Selbstfreundschaft / Wahrheit → erneuerte Beziehung zum Göttlichen.
Der eigentliche Erkenntnisschritt des Vortrags besteht somit darin, daß nicht nur Trauma oder Sucht das Problem sind, sondern auch die Aufmerksamkeit selbst: Ein Teil der eigenen seelischen Wirklichkeit kann jahrzehntelang außerhalb des „Lichtkegels“ der Aufmerksamkeit liegen. Die Heilung besteht deshalb nicht allein darin, traumatische Inhalte zu analysieren, sondern darin, überhaupt einen Zugang zu dem bislang unbeachteten inneren Bereich zu finden. Genau hier sieht der Vortragende die Verbindung zwischen Aufmerksamkeit, Selbstsein und dem Göttlichen.
Wichtig: Das ist eine Zusammenfassung der im Transkript vertretenen Gedanken. Insbesondere Aussagen über Trauma, Prägung, Sexualität, Sucht, „Streßsystem“ und die heilende Funktion des Göttlichen werden hier als Positionen des Vortragenden wiedergegeben, nicht als wissenschaftlich überprüfte Tatsachen.
Soweit die KI. Ich mag die KI. ;-)
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*) Das klingt hier so, als gäbe es meinerseits doch eine - nicht ausgesprochenermaßen - Tendenz, mir ein anderes politisches System zu wünschen. Nun gut, der schwammige Begriff "System" kann sehr viel heißen. Deshalb hier soviel zur Klarstellung: Wenn mit "System" eine im Grundgesetz nicht vorgesehene Herrschaft von Hintergrundmächten gemeint ist (nennen wir sie einmal ganz allgemein "Epstein-Strukturen", "Epstein-System"), dann ist ein solches "System" natürlich sehr dringend zu "wechseln", damit die verfassungsmäßige Ordnung, also die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die in unserem Grundgesetz vorgesehen ist, endlich - vermutlich zum ersten mal - tatsächlich verwirklicht wird. Es geht also darum, Verfassungstheorie und Verfassungswirklichkeit in Einklang miteinander zu bringen und sie aus dem lächerlich krassen Widerspruch heraus zu holen, in dem sie aktuell zueinander stehen. Es geht also um eine erstmalige Verwirklichung, nicht um Abschaffung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. "Systemwechsel" ist deshalb ein irreführender Begriff, da er leicht mit Verfassungsfeindlichkeit statt Verfassungstreue assoziiert wird. Bekanntlich brauchen Hintergrundmächte "Verfassungsfeinde", damit sie sich selbst als "die Guten" darstellen können.
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Bading, Ingo: Gopal Norbert Klein - - - und das von der Aufmerksamkeit völlig Unbelichtete - Gopal Norbert Klein: Was wir von ihm lernen und was uns bei ihm (noch) fehlt. 14. Mai 2026 (Stg2026)
Die Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" (1) handelt von einem Selbstbildnis Albrecht Dürers aus dem Jahr 1493 (Abb. 1).
Abb. 1: Das "Selbstbildnis mit dem Kissen" von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1493 (Wiki) - Entdeckt 1927 im Ossolineum in Lemberg, im persönlichen Besitz Hitlers seit 1941, seit 1975 im Metropolitan Museum in New York
Sie entstand im Widerhall auf das merkwürdige Geschehen, das sich rund um dieses Selbstbildnis in den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges Ende Juni 1941 in Lemberg ereignete.
Die Novelle wurde laut familiärer Überlieferung im Jahr 1944 geschrieben (2). Im Druck erschien sie im Jahr 1955. Das genannte Selbstbildnis ist erst 1927 bekannt geworden. Es erfährt in der Novelle eine hinreißende Deutung.
Die Novelle weist aber auch sonst einen großen Reichtum an zeitgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Bezügen auf (3-11). Die Grundaussage der Novelle ist: Inmitten der Unmenschlichkeit und der Verbrechen des Krieges - des Zweiten Weltkrieges - bleibt das Menschliche, das menschliche Antlitz bewahrt oder gar: wird wiederentdeckt. Aber auch dieses zutiefst menschliche Antlitz ist "zwiespältig", mehrdeutig, verwegen oder herausfordernd im Guten wie im Schlechten - so wie das Selbstbildnis Dürers von 1493.
Dieses Selbstbildnis ist nur Teil einer Sammlung von etwa 30 Zeichnungen Albrecht Dürers, die erst 1927 entdeckt worden sind (3), und die sich bis 1941 im Lubomirski-Museum in Lemberg befand (WikiC). Diese war Teil des dortigen Ossolineums (Wiki) (GMaps). Im folgenden eine kurze Darstellung der geschichtlichen Hintergründe dieser Dürer-Sammlung des Lubomirski-Museums in Lemberg (übersetzt aus dem Englischen) (7):
Lemberg mag als ein ungewöhnlicher Ort erscheinen für eine bedeutende Dürer-Sammlung. Doch im 19. Jahrhundert gehörte die Stadt zu Österreich. Die Zeichnungen zählten vermutlich zu jenen, die Rudolf der Zweite in den 1580er Jahren erwarb und die über 200 Jahre im Besitz der Habsburger Kaiser blieben. Schließlich kaufte sie Fürst Heinrich Lubomirski, ein adliger Gutsbesitzer, und schenkte sie einem Museum, das er 1823 in Lemberg gründete. Über ein Jahrhundert lang lagen die Zeichnungen in einer Kiste im Museum, völlig unbekannt den Dürer-Forschern. Erst 1927 wurde ihre Wiederentdeckung in einem Artikel von H. S. Reitlinger im Burlington Magazine bekanntgegeben. Lemberg war plötzlich stolzer Besitzer einer der bedeutendsten Sammlungen von Dürer-Zeichnungen - nach denen des Berliner Kupferstichkabinetts, der Wiener Albertina und des British Museum. Unter den Werken befand sich eines von Dürers Meisterwerken, sein prachtvolles Feder-Selbstporträt von 1493.
Diese Dürer-Zeichnungen standen 1941 unter der Obhut des polnischen Professors und Museumsdirektors Mieczysław Gębarowicz (1893-1984) (Wiki) (Abb. 2). Dieser hatte 1929 darüber auch eine Veröffentlichung herausgegeben (5).
Abb. 2: Der polnische Kunsthistoriker Mieczysław Gębarowicz, 1941 Museumsleiter des Ossolineums, des Lubomirski- und des Barwaroski-Museums in Lemberg - In der Novelle tritt er als der ukrainische Kunsthistoriker "Leonyd Lischenko" auf
1940 und 1941 sind diese Dürer-Zeichnungen in Lemberg dann in Deutschland - von Seiten eines kunstliebenden Staatsoberhauptes - zur höchsten Staatsangelegenheit erhoben worden. Um alle Fragen um diese zu klären, wurde der österreichische Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann (1898-1958) (Wiki) zum "Sonderbeauftragten" ernannt (7):
Zu den ersten NS-Funktionären, die die Stadt Lemberg betraten, gehörte Kajetan Mühlmann, der Sonderbeauftragte für den Schutz von Kunstwerken in den besetzten Gebieten. (...) Seine Mission in Lemberg, die er im persönlichen Auftrag von Reichsmarschall Hermann Göring unternahm, war die Suche nach Dürer-Zeichnungen für Hitler. Mühlmann brauchte sechs Tage, um die versteckten Dürer-Gemälde aufzuspüren. Einem Nazi-Bericht zufolge mußte der unglückliche Professor Gebarowicz „gründlich verhört“ werden, bevor er schließlich das Versteck der Zeichnungen preisgab. Mühlmann brachte sie umgehend nach Berlin und übergab sie Göring, der sie noch am selben Tag Hitler präsentierte.
In einem noch ausführlicheren Bericht ist festgehalten (10, 208f):
Die Sammlung Lubomierski in Lemberg enthielt 31 wertvolle Handzeichnungen von Albrecht Dürer. Hier kam es mit dem damaligen sowjetischrussischen Verbündeten zu einer Auseinandersetzung. Nach dem Stalin-Hitler-Pakt und dem in Zusammenhang stehenden Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28.9.1939 war Polen zwischen der Sowjetunion und Deutschland aufgeteilt worden. Lemberg lag im sowjetischen Teil. Die Russen hatten das Lemberger Museumswesen neu organisiert und die Sammlung Lubomierski aufgelöst. Als der Sonderbeauftragte der Reichsregierung im Frühjahr 1940 für das Auswärtige Amt der russischen Regierung das Angebot machte, die Dürer-Zeichnungen gegen gleichwertige Kunstwerke und literarische Denkmäler einzutauschen, lehnten die Russen ab. Hitler war nämlich der Meinung, daß die Zeichnungen Dürers nach Deutschland gehörten, da Dürer aus Nürnberg kam.
Im Auftrag Görings fuhren Mühlmann und Museumsdirektor Kudlich am Tage der Einnahme Lembergs dorthin, um Nachforschungen über den Verbleib der Zeichnungen anzustellen. In diesem Zusammenhang wurde auch Prof. Gebarowicz vom Bawarowski Museum vernommen, der erklärte, man habe die Zeichnungen vor den Russen sorgfältig versteckt. Nun wurden sie den Deutschen ausgehändigt, die sie beschlagnahmten, nicht ohne den Empfang zu bestätigen. Allerdings ergibt sich aus den Akten, daß es sich nunmehr um 23 Dürer-Zeichnungen gehandelt habe. Mühlmann überreichte im Juli 1941 persönlich Göring die Zeichnungen, der sie Hitler in das Führerhauptquartier brachte, wo sie zunächst blieben. Hitler soll sie lange bei sich gehabt haben. Nach dem Kriege fand die amerikanische Besatzungsmacht die nunmehr wieder 24 Handzeichnungen im Bergwerk Altaussee, zusammen mit den anderen Kunstwerken, die für das Museum Linz vorgesehen waren. Lubomirski verlangte von den Amerikanern die Rückgabe seines Eigentums. Nachdem Andreas Hofer die Identifikät der Zeichnungen bestätigt hatte, wurden sie Lubomirski persönlich am 26.5.1950 in München ausgehändigt, als Ausnahme von der Regel, die Kunstwerke nur an die jeweiligen Regierungen zurückzugeben.
Nicht nur das Hauptgebäude des einstigen Ossolineums in Lemberg ist erhalten (Abb. 3), sondern auch das Gebäude des hier erwähnten Bawarowksi-Museums (Wiki, poln).
Abb. 3: Das Hauptgebäude des Ossolineums in Lemberg - Hier befand sich auch das Lubomirski-Museum
Soweit nur einige historische Hintergründe. Die Auseinandersetzungen um die Rückgabe dieser, inzwischen weltweit verstreuten Dürer-Zeichnungen gehen bis heute weiter (7-11). Das genannte berühmte Selbstbildnis befindet sich beispielsweise seit 1975 im Metropolitan Museum in New York.
Das Ossolineum und die Lubomirski-Sammlung lagen 1941 nur sechs Fußminuten unterhalb der Zitadelle von Lemberg (GMaps). An diesem Ort endet auch der Handlungsverlauf der Novelle am 30. Juni 1941.
Das Ossolineum
Dieses Ossolineum ist 1817 von einem polnischen Kunstsammler, dem Grafen Joseph Maximilian Ossolinski (1748-1826) (Wiki), erworben worden. Es wurde, nachdem Polen Lemberg und seine Ostgebiete an die Sowjetunion abtreten mußte, nach 1945 in Breslau in Schlesien neu eröffnet (Wiki):
Nach der Nationalbibliothek in Warschau und der Jagiellonen-Bibliothek von Krakau ist das Ossolineum heute die drittgrößte polnische Sammlung ihrer Art.
Als Lemberg 1940 russisch wurde, wurde das dortige Ossolineum zur "Stefanyk-Bibliothek" umbenannt. Als solche besteht sie bis heute weiter. Während der erneuten Besetzung Lembergs durch die Deutschen ab 1941 wurden viele Bestände des bisherigen Ossolineums nach Krakau und später nach Schlesien umgelagert.
Soweit wir das einer vorläufigen Lektüre entnehmen können, wurden all diese polnischen Kunst- und Kulturschätze damals umgelagert, "sicher gestellt". Wohl nur in seltenen Fällen wurde ein endgültiger Verbleib so festgelegt, daß er nur schwer hätte rückgängig gemacht werden können. Ob es deshalb richtig ist, schlankweg und umfassend von "Kunstraub" zu sprechen, wie das seit 1945 üblich geworden ist, soll an dieser Stelle zumindest bis auf weiteres dahin gestellt bleiben.
Abb. 4: Einer der Ausstellungsräume des Lubomirski-Museums in Lemberg in der Zwischenkriegszeit (Lub-Mus)
Nach 1945 wurde das Ossolineum (Wiki) mit Hilfe der umgelagerten Bestände in Breslau mit etwa einem Drittel seiner bisherigen Bestände neu begründet (Wiki).
Indem der Autor den Handlungsverlauf am 30. Juni 1941 an diesem Ossolineum in Lemberg enden läßt, in dem das Selbstbildnis Dürers aus dem Jahr 1493 beherbergt war, greift er also verschiedene historische Sachverhalte auf und verbindet sie zu einem neuen romanhaften "Ganzen", ohne daß in jedem Detail dabei Wert gelegt wäre auf historische Genauigkeit, und wobei dennoch der Wesenskern des Geschehens erhalten bleibt. Solche historischen Sachverhalte sind:
1927 ist der kunstinteressierten Öffentlichkeit erstmals das sehr prägnante "Selbstbildnis mit dem Kissen" Albrecht Dürers aus dem Jahr 1493 (Abb. 1) bekannt geworden. Es war bis dahin unentdeckt in Kisten des Ossolineums verborgen gewesen. Es wurde bekannt durch die Veröffentlichung eines britischen Kunstsammlers in der Zeitschrift "The Burlington Magazine" (2-4). Es handelte sich also um einen britischen Kunstsammler. Es handelte sich also dabei weder - wie in der Novelle behauptet - um einen ukrainischen Kunsthistoriker, noch um eine polnische Kunsthistorikerin.
Ab dem 30. Juni 1941 hat der erwähnte Sonderbeauftragte Mühlmann während und nach der Besetzung Lembergs durch die Deutschen 26 Zeichnungen von Albrecht Dürer aus dem dortigen Ossoliński-Nationalinstitut unterhalb der Zitadelle von Lemberg "sichergestellt", einschließlich des Selbstbildnisses Dürers aus dem Jahr 1493. Soweit hält sich die Novelle an den historischen Sachverhalt.
Am 30. Juni 1941 fand die deutsche Wehrmacht nach der zweiten Einnahme von Lemberg in drei dortigen NKWD-Gefängnissen etwa 4000 politische Gefangene ermordet vor (Wiki). Die umwohnende Bevölkerung, die diese Morde an ihren eigenen Familienangehörigen mitbekommen hatte, war von diesen Gefangenenmorden zutiefst aufgewühlt. Während des weiteren Vormarsches und in späteren Ausgrabungen (Katyn) sollte die deutsche Wehrmacht noch an zahlreichen anderen Orten in Polen, den baltischen Ländern, der Ukraine und in Weißrußland auf solche Gefangenenmorde stoßen. Diese summierten sich insgesamt auf etwa 100.000 Gemordete (Wiki). In der Novelle ist als Ort dieser Gefangenenmorde in Lemberg die dortige Zitadelle angegeben. Die Morde fanden aber in Lemberg in drei NKWD-Gefängnissen über die Stadt verteilt statt. Gefangenenmorde auf der Zitadelle hat es hingegen in der polnischen Stadt Soltschiw (Wiki) 70 Kilometer östlich von Lemberg gegeben.
Hat die Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" womöglich trotz mancher "historischer Ungenauigkeiten" einen besonderen, einen eigenen Wert?
Abb. 5: Kajetan Mühlmann rechts, hier zusammen mit dem Leiter des Generalgouvernements Hans Frank
Fast stellt sich ja die Frage, ob in dieser Novelle noch im Jahr 1944, bzw. im Jahr 1955 die Kunstliebe des Reichsoberhauptes verherrlicht werden sollte, obwohl dieses mit keinem Wort erwähnt wird. Wäre es dann aber nicht reichlich kühn gewesen, eine solche Novelle noch im Jahr 1955 zu veröffentlichen? Es scheint uns also unwahrscheinlich, daß dieser Gedanke als Absicht hinter dieser Novelle stand.
Es muß sich schon um sehr gute Literatur handeln, wenn man - etwa - zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und zu den Verbrechen der unterschiedlichen Völker aneinander eher einen Roman als ein Sachbuch lesen möchte. Denn im Grunde ist jedes gute Sachbuch, jeder gute Erlebnisbericht über den Zweiten Weltkrieg und über diese Verbrechen erschütternder als das ein Roman oder als das es eine Novelle je sein könnte.
Aber bei der Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" ist das anders. Sie greift einen Kern des Geschehens heraus und gibt diesem Kern eine Bedeutung, die von der Öffentlichkeit zuvor so sicherlich noch nicht wahrgenommen worden war.
So gibt sie ein Stück weit den Dingen, insbesondere der Kunst wieder jene Wertigkeit zurück, die ihnen zukommen - gerade auch in Kriegszeiten. Dies ist das Thema dieser Novelle: Die eigenartige Konfrontation der Bemühungen rund um die Bewahrung von Kunstwerken, rund um die Bewahrung eines "wiedergefundenen Antlitzes" mit den Geschehnissen in den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges von 1941.
Noch einige weitere Bemerkungen zu dieser Novelle
Karl Springenschmid*) kommt in dieser Novelle auf die Kupferstich-Sammlung der Albertina in Wien (Wiki) zu sprechen. Und er kommt noch ein zweites mal auf diese zu sprechen in seinem Roman "Das unerreichbare Herz" von 1949 (13).
In beiden Werken ist eine der Hauptfiguren Mitarbeiter dieser Kupferstich-Sammlung. Und dadurch ist es dem Autor ermöglicht, in beiden Werken über Handzeichnungen von Albrecht Dürer sprechen zu können und ihnen jene besondere Bedeutung zu zusprechen, die er ihnen in diesen Werken zuspricht, insbesondere auch den Selbstbildnissen Dürers (Wiki).
Abb. 6: Karl Springenschmid war selbst Soldat - Hier ganz rechts 1942 auf dem Fliegerhorst Höibugten in Karelien (ganz links General Dietl) (aus 2, S. 91)
Einen sehr persönlichen Bezug in die gedankliche Welt der Kunsthistoriker und zu all den von ihm aufgegriffenen Themen hatte Karl Springenschmid in der Person seines Salzburger Schulfreundes, bei dem es sich nun um niemand geringeren handelte als jenen oben schon erwähnten Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann, der aus Salzburg stammte. Dieser und seine Erfahrungen und Erzählungen scheinen dem Schriftsteller nicht nur die Anregung gegeben haben zur Novelle "Das wiedergefundene Antlitz", sondern auch zu mancherlei anderen Inhalten seiner Werke. Noch in dem entzückenden Roman "Signorina N.N." von 1958, der in Florenz spielt, ist eine der Hauptfiguren Kunststudent.
Springenschmid "erhöhte" in seinen Novellen und Romanen gerne die Wirklichkeit durch die Kunst, bzw. gab er der von ihm dargestellten Wirklichkeit durch die Kunst eine höhere Bedeutung, eine höhere Weihe.
Noch einmal zum Inhalt der Novelle "Das wiedergefundene Antlitz": In den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges hat der Kunsthistoriker "Helmut Frobenius" (das Alter Ego des Kajetan Mühlmann) aus Wien den Auftrag, mit den ersten deutschen Panzern in Lemberg einzudringen, um dort das Selbstbildnis von Albrecht Dürer in der Ossolinski-Bibliothek in Lemberg sicherzustellen.
Der ukrainische Kunstprofessor "Leonyd Lischenko" seiner Novelle ist ebenso erfunden wie auch die polnische Kunsthistorikerin "Vera Starkowna" der Novelle. "Leonyd Lischenko" steht für den polnischen Kunsthistoriker Mieczysław Gębarowicz, wofür die "Vera Starkowna" steht, wäre noch zu erforschen.
In dem Buch "Servus Heiner" erwähnt Springenschmid einen "Kai Mühlmann" als 15-jährigen Schulkamerad von Springenschmid und Waggerl auf der Salzburger Lehrerbildungsanstalt im Jahr 1912 (14, S. 10):
Wenn uns die Professoren allzu heftig mit dem Peloponnesischen Krieg, der Heronischen Formel oder schwierigen Satzgliederungen plagten, flüchteten wir in einen geheimnisvollen Winkel des weitläufigen Gebäudes. Hier führte Waggerl das Wort. Wir anderen, vor allem Kai Mühlmann, ein ähnlicher Sturmgeist wie Waggerl, wollten hier vor allem den Ärger mit der Schule los werden und zogen wütend auf die Professoren los. Doch Waggerl winkte ab. Ihm ging es nicht um das, was an dieser Schule geschah, ihn erfüllten andere Gedanken. ...
Waggerl las seinen Kameraden statt dessen aus "Sprüche und Widersprüche" von Karl Kraus vor. Mühlmann saß noch 1944 gerne mit seinen Freunden Waggerl und Springenschmid in einem bekannten Salzburger Künstlercafé. Springenschmid berichtet, wie der von der Gestapo abgehörte Gesprächsinhalt an den Salzburger Gauleiter weitergeleitet wurde, der wiederum derenthalben Springenschmid vorlud, da seine Freundschaft zu Waggerl bekannt war. Im Spitzelbericht stand (14, S. 76):
"Café Bazar 13. Oktober 1944 Uhrzeit: 21 Uhr 20. Anwesend am mittleren Kaffehaustisch, Karl Heinrich Waggerl, Kai Mühlmann, Dr. Josef Mühlmann, ferner zwei Frauen und drei weitere Männer, deren Persönlichkeit bisher nicht festgestellt werden konnte."
Und die - im Nachhinein betrachtet harmlose - kritisierte Aussage von Waggerl soll gelautet haben:
"Solange nicht alle politischen und militärischen Stellen im sogenannten Großdeutschen Reich von Österreichern besetzt werden, wird alles schief gehen!"
Jedenfalls scheinen solche Gespräche mit Kajetan Mühlmann wie in diesem Cafehaus in Salzburg Karl Springenschmid auch zu einer seiner bedeutenden Novellen angeregt haben, nämlich zu "Das wiedergefundene Antlitz" (1).
Es handelt sich um ein merkwürdiges Stück Literatur. Ohne das Wissen um all die vorgenannten Sachverhalte möchte die Novelle beim Lesen auf den ersten Seiten ständig beiseite legen und sich sagen, daß dieses Büchlein nicht zu den gelungensten Werken von Springenschmid gehört. Wie kann man denn ständig so "Larifari" und oberflächlich-"nebensächlich" über Ereignisse in den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 schreiben?
Nimmt man das Büchlein trotz Verärgerung oder Verstimmung nach einiger Zeit noch einmal in die Hand und liest weiter, dann muß man sich gut zureden: Dieser Springenschmid war sowohl im Ersten wie am Zweiten Weltkrieg Soldat. Wenn er eine Novelle in dieser Weise schreibt, muß er das bewußt so tun und nicht aus Unfähigkeit.
Trotzdem: Über weite Strecken liest sich diese Novelle wie eine "Schwejkiade", wie eine Antikriegs-Novelle. Aber selbst diese Einordnung will noch nicht wirklich passen. Ist es denn möglich, mit einem so geradezu anzüglichen Ton über einen Krieg zu schreiben, einen modernen? Soll damit dem Zynismus oder der Gedankenlosigkeit des deutschen "Landsers" des Jahres 1941 ein - "Denkmal" gesetzt werden?
Im letzten Drittel der Novelle beginnt sich der Hintergrund der seltsamen Widersprüchlichkeit, in die das Herz des Lesers beim Lesen gezogen wird, ein wenig zu lichten.
Offenbar geht es darum: Diesen aufwühlenden, ja, abgründigen Zwiespalt darzustellen: Erstens Krieg, entsetzlichste Verzerrung alles Menschlichen einerseits, zweitens banales, flapsiges Landser-Idyll und zum Dritten - - - Kunst, das Ewige, das Gültige, Menschliche. In der Springenschmid-Biographie von 1987 von Seiten eines Enkelsohnes von Karl Springenschmid heißt es (2, S. 95):
"Das wiedergefundene Antlitz", eine 1944 (1944?) entstandene Novelle, sticht völlig aus der übrigen Kriegsliteratur von Springenschmid heraus. Diese meisterliche Novelle gehört zu seinen besten Werken, ja, zum Besten was Springs überhaupt je geschrieben hat. Diese Novelle gibt allerhand Rätsel auf. Wieso unterscheidet sie sich in der Sprache und in der Diktion so dermaßen von seinen anderen Werken dieser Zeit? So manche Novelle hatte Springs meist rasch vollendet und in zwei, drei Wochen Fronturlaub seiner Gattin diktiert. Entweder entstand die Novelle doch erst nach 1945, oder einfach in einer Sternstunde seiner Erzählkunst.
Man möchte meinen, daß "Das wiedergefundene Antlitz" der genau angemessene "Vorläufer" ist für die späteren, so erschütternden Romane "Das unerreichbare Herz" (1949), "Novè" (1951) und "Das goldene Medaillon" (1953). Die tiefe Erschütterung, die die Novelle beim Leser erzeugt, deutet auf genau denselben Gehalt wie in den drei Romanen, die folgten.
Springenschmid, Karl: Das wiedergefundene Antlitz. (Verfaßt 1944) Erstveröffentlichung 1955, Arndt-Verlag, Vaterstetten 1971 (124 S.)
Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid. Leben, Werke, Fotos, Dokumente. Biographie. H. Weishaupt Verlag, Graz 1987
Reilinger, Henry Scipio: An Unknown Collection of Dürer Drawings. In: The Burlington Magazine for Connoisseurs, Vol. 50, No. 288, March 1927 (BurlMag)
Winkler, Friedrich (Hrsg.): Zeichnungen von Albrecht Dürer in Nachbildungen. Grote, Berlin 1927 [Schriftenreihe "Zeichnungen von Albrecht Dürer in Nachbildungen" 6, begründ. von Friedrich Lippmann]
Mieczysław Gębarowicz: Albrecht Dürers Zeichnungen im Lubomirski-Museum in Lemberg. Hrsg. von M. Gebarowicz und Hans Tietze. A. Schroll & Co., Wien 1929 (WikiC)
Selbstbildnis mit linker Hand und Kissen, 1493, bearb. von Ehrl, Franziska, in: duerer.online. Virtuelles Forschungsnetzwerk Albrecht Dürer, Heidelberg: arthistoricum.net. DOI (abgerufen am 19.08.2026) (UniHeidlbg)
Martin Bailey: Hitler, the prince and the Dürers: The complex story of Lviv's looted Old Master works, 31 March 1995 (TheArtNews1995)
Martin Bailey: The Lviv Dürer story continues. Restitution claims for the Lubomirski and Ossolinski collections are complicated by the history of Lviv’s occupiers, 31 August 1998 (TheArtNews1998)
Martin Bailey: Top Museums Face Claims For Dürers. Jan 08, 2002 (Forbes 2002)
Günther Haase: Kunstraub und Kunstschutz. Band I: Eine Dokumentation. Books on Demand; Auflage: 1 (12. Juni 2008), (568 Seiten) (GB2008)
Stefan Alker, Christina Köstner, Markus Stumpf: Bibliotheken in der NS-Zeit. Provenienzforschung und Bibliotheksgeschichte. V&R Unipress, 1., Aufl., (1. Januar 2008) (GB2008)
Gnauck, Gerhard: Dürer als Beute. Polen kämpft um die Rückgabe von 26 Zeichnungen, die nach dem Krieg in alle Welt verstreut wurden. In: Die Welt 21.03.2002 (Welt2002)
Bading, Ingo: "Das unerreichbare Herz" (1949). Der erste Nachkriegsroman von Karl Springenschmid. Gesellschaftl. Aufbr. jetzt!, 9.9.2014 (GAj2014)
Springenschmid, Karl: "Servus Heiner!" Erinnerungen an Karl Heinrich Waggerl. Rudolf Schneider Verlag, München 1979
Zwei Romane von Karl Springenschmid aus den Jahren 1958 und 1959
Dieser Roman müßte eigentlich "Regina" heißen. Denn "Das Kuckuckskind" ist ein Titel, der so gar nicht zum Ergriffensein passen will, den dieser Romans auslöst (1). Die Hauptperson ist Regina, ein zunächst zweijähriges, verlassenes Kind - später ein feines Mädchen.
Abb. 1: Portrait der Giovanna Tornabuoni, gemalt von Domenico Ghirlandaio (1448–1494) (Wiki)
Es wächst zusammen mit drei anderen Kindern in einer Familie heran. Es wird dabei immer in dem Glauben gehalten, es wäre ebenso ein Teil der Familie wie ihre anderen drei Geschwister auch.
Das Heranwachsen vom Kleinkindalter bis zur Studentin wird geschildert, und zwar aus der Sicht ihres älteren Bruders! Und dieser hat einen liebevollen Blick auf diese ganze Geschichte.
Diese kostbare Frucht, die zugleich süß und voll Schmerz ist. Es handelt sich um eine anrührende Geschichte.
Erschütterungen bleiben nicht aus.
Ob der Roman "Das Kuckuckskind" genannt worden ist, weil er ein "Roman für junge Mädchen" ist? Sei dem wie ihm wolle - diesen Roman liest man auch in jeder späteren Altersstufe gern. Etwa vergleichbar einem Erich Kästner, dessen beste Kindergeschichten auch jede Altersstufe packen.
Signorina N. N.
"Signorina N. N." ist unseres Erachtens noch deutlich gehaltvoller. Aber dennoch handelt es sich um keinen Roman wie "Novè", keinen Roman wie "Das unerreichbare Herz", keinen Roman wie "Das goldene Medaillon" (3-5). Diese letztgenannten drei Romane waren aus den unmittelbaren Erschütterungen der Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg heraus geschrieben worden. Persönliche Lebensschicksale erheben sich in ihnen ohne Umwege - sozusagen auf direktem Weg - zu Schicksalen eines ganzen Volkes.
So verhält es sich bei dem Roman "Signorina N. N." nicht. Dennoch ergreift und erschüttert der Roman ebenso. Weil das persönliche Lebensschicksal, das hier im Mittelpunkt steht, eben so ergreifend und erschütternd ist.
Im Mittelpunkt steht das Lebensschicksal des 18-jährigen Waisenkindes Nina. Da die Umstände seiner Herkunft zu heikel waren, gab es keinen Familienname, der ihm von Seiten der Behörden hätte zugesprochen werden wollen. Und so ist ihm der Familienname "Nessuno" gegeben worden, zu Deutsch: "Niemand".
Wenn man sich in diesem Roman erst einmal fest gelesen hat, kommt man nicht zur Ruhe. Man kommt nicht eher zur Ruhe, bis man man ihn zu Ende gelesen hat, so packend ist er. Man muß lesen, lesen, lesen. Verständlich, daß dieser Roman deshalb auch ins Schwedische, Holländische und Englische übersetzt worden ist (s. Laserer, S. 143).
Bei Karl Springenschmid (1897-1981) (Metapedia, Wiki, Salzburg-Wiki) stellt man immer wieder fest, daß seine Romane "wirklicher" wirken als alle Wirklichkeit. So ist etwa in seiner Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" (6) anhand weniger Anhaltspunkte in der Wirklichkeit im Großen und Ganzen eine Geschichte "konstruiert" worden, die immerhin tatsächlich hätte wahr sein können. Auf unergründbare Weise wirkt sie in einem gewissen Sinne fast "wahrer" als alle Wirklichkeit, aus der die wenigen, verstreuten Anhaltspunkte genommen worden waren. Wie mag das diesem Herrn Springenschmid gelingen? Das eben ist Kunst, so möchte man sagen.
Im Roman "Signorina N. N." geht es bezüglich der "Wahrheit" offenbar noch "doller" zu. So behauptet der Autor zu Anfang, die erzählte Geschichte habe sich erst im letzten Jahr in Florenz zugetragen (also 1959), sie habe dort in allen Zeitungen gestanden und er habe sich schließlich zu dem Mädchen Nina durchgefragt und habe sich von ihm ihre ganze Geschichte erzählen lassen. Das wirkt alles so "echt", so "glaubhaft", daß man als Leser im ersten Augenblick wirklich glaubt, daß alles so gewesen sein müsse. Nur den Namen des anfangs unbekannten Vaters des Waisenkindes habe er geändert, so heißt es zu Anfang.
Aber mit Hilfe des Internets müßte man das ja überprüfen können, ob sich auch nur irgendetwas dergleichen im Jahr 1959 in Florenz zugetragen hätte und dort in den Zeitungen gestanden wäre. Wir finden: nichts. Der Autor hat uns auch eine Rahmenerzählung geliefert, die vollständig erfunden ist. Wir sind empört! Wie können der Leser - oder "junge Mädchen", für die dieser Roman geschrieben worden ist - so an der Nase herum geführt werden! Eine solche Vorgehensweise müßte glattweg verboten werden! Unerhört!
Das einzige, was sich historisch wirklich verifizieren läßt, ist jene Florentinerin Giovanna Tornabuoni (1468-1488) (Wiki) aus der Renaissance-Zeit, auf die sich der Roman an einer oder zwei Stellen bezieht. Gemalt ist diese von dem Florentinischen Maler Domenico Ghirlandaio (1448-1494) (s. Abb. 1).
Damit müssen wir uns begnügen!
Und merkwürdig genug, daß ausgerechnet im Jahr 1959 auch noch ein ausgesprochen oberflächlicher, geradezu lächerlich oberflächlicher italienischer Schlager mit dem Titel "Nessuno" heraus gekommen ist (Wiki) (Yt1959). Man ist geradezu verleitet anzunehmen, Springenschmid sei dieser Schlager im Kopf herum gegangen, habe aber zu diesem Schlager ein ganz anderes, viel tiefergehendes Kontrastbild zeichnen wollen. Alles ist denkbar.
Ein guter Romanautor hat den Leser in der Hand. Der Leser ist in seinen Händen weich wie wachs. Der Autor kann alles aus ihm machen. Wohl ihm, wenn er Gutes aus ihm macht, aus dem Leser oder der Leserin!
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Springenschmid, Karl: Das Kuckuckskind. Roman für junge Mädchen. Hoch-Verlag, Düsseldorf 1958
Springenschmid, Karl: Signorina N. N.. Roman für junge Mädchen. Hoch-Verlag, Düsseldorf 1960
Springenschmid, Karl: Novè. Mädchenschicksal zwischen Ost und West. 1951
Springenschmid, Karl: Das unerreichbare Herz. 1949
Springenschmid, Karl: Das goldene Medaillon. 1953
Springenschmid, Karl: Das wiedergefundene Antlitz. 1944
"Die Matrix verlassen", das kündigen so viele an - als Absicht. Wie aber soll das eigentlich geschehen? Wem gelingt es? Daß wir in einer künstlich geschaffenen Scheinwelt leben, die immer mehr Menschen nur noch wie eine "Simulation" von Leben anmutet - das ist schon manchem bewußt geworden. Diese Scheinwelt, diese "Simulation" ist auf nichts anderes ausgerichtet als auf gesellschaftlichen Nieder- und Untergang. Alles echte Leben, alles natürliche Leben ist in ihr erstickt und verzerrt bis zur Unkenntlichkeit. Andererseits haben wir uns aber schon so sehr an diesen Abgrund gewöhnt, in dem wir leben, daß er uns oft gar nicht mehr als so schlimm erscheint. "Ist doch normal ...," hört man aus vielen Mündern, zumal aus jungen.
Nun gut: Viele sehen, daß diese Matrix eigentlich Hölle ist und zum Leben nichts taugt, weder für den einzelnen Menschen, noch für das Leben von Familien, noch auch für das Leben von Gesellschaften insgesamt.
Abb. 1: "In der Röth" - Ein Gehöft in Rödt bei Ried im Innkreis (GMaps) - Vielleicht der Hof des Romans "Novè"
Doch bevor willkürliche Versuche des "Ausstiegs aus der Matrix" angegangen werden, wäre es vielleicht sinnvoll, eine entscheidende Frage zu klären: Wenn "Matrix" etwas künstlich Geschaffenes ist, wenn Matrix eine "Simulation" ist: was ist dann das Natürliche? Wie sieht die natürliche Situation aus? Wie sieht das Echte aus, das von der Natur Vorgegebene, an dessen Stelle "Matrix" gesetzt worden ist - nach und nach, über die Jahrzehnte, über Jahrhunderte, und zwar durch Hintergrund- und Vordergrundgeschehen auf vielerlei Ebenen, wobei jeweils immer zweierlei Dinge eine große Rolle spielen: Gehirnwäsche einerseits (zum Teil traumabasiert), sowie kleinschrittige, immer weiter voran gehende, schleichende ... Gewöhnung andererseits. Gibt es also etwas Natürliches gar nicht? War Matrix schon immer Matrix? War Leben schon immer Simulation? Wenn man dieser Meinung wäre - wohin wollte man dann - - - "aussteigen"?
Wie wäre es, den auf den ersten Blick ungewöhnlichen - unmerklich immer mehr tabuisierten - Gedanken auf sich wirken zu lassen, daß das natürlich Vorgegebene, das durch "Matrix" fehlgeleitet, ersetzt und nach und nach gänzlich erstickt worden ist und weiter mit jedem Tag erstickt wird, etwas so überaus selten Erörtertes ist wie: "Volksseele"? Und zwar hier nicht in irgendeinem eher allgemein gehaltenen Sinne gemeint, sondern in dem deutlich schärfer umrissenen, konkreter formulierten Sinne, wie er von der frühen deutschen Evolutionären Psychologin Mathilde Ludendorff (1877-1966) umrissen worden ist - ?
Zu welchen Schlüssen würde man dann kommen? - Matrix ist etwas "Vorbewußtes", "Unbewußtes", "halbbewußt" Vorhandenes, das man erst dann vollumfänglich wahrnimmt, wenn man seine volle Aufmerksamkeit darauf richtet - genauso wie das Phänomen Volksseele. Matrix ist etwas Allumfassendes, alles menschliche Sein Umfassende, ist eine "Einbettung" allen menschlichen Seins - genauso wie das Phänomen Volksseele (im Sinne von M. Ludendorff). Matrix "lenkt", ohne daß es den Menschen in den meisten Fällen vollumfänglich bewußt ist - genauso wie dies normalerweise die Volksseele tut. Matrix bewertet im vorbewußten Raum Dinge als wichtig und weniger wichtig, als gut oder besonders böse, und zwar eben nach den Prinzipien der vorgegebenen Matrix - genauso wie das die Volksseele tut. Die Volksseele wertet je nach dem, ob etwas förderlich ist für den Fortbestand eines Volkes oder abträglich ist für diesen Fortbestand - genauso wie die Matrix es tut: nur in dem genau entgegen gesetzten Sinne. Die Volksseele "zwingt" nicht, sie macht lediglich "geneigt" - - - genauso wie die Matrix.
Wenn all dem so wäre, dann wäre jeder Versuch, aus der Matrix "auszubrechen", zum Scheitern verurteilt, wenn er dabei nicht ankommen würde bei dem, was durch Matrix fehlgeleitet, ersetzt, erstickt und abgewürgt werden soll, nämlich: beim Erleben der Volksseele und beim Leben aus ihr.
Abb. 2: Der Roman "Novè" beginnt mit Waldarbeit - Hier "Der Holzfäller", ein Gemälde von Edvard Munch aus dem Jahr 1913
Indem dieser Gedanke nur ausgesprochen wird, ist sofort erkennbar, daß es zu ihm kaum eine Alternative gibt. Will ich "aussteigen" aus der Matrix - und lande auf dem Mars? Ist das eine Lösung? Will ich aussteigen aus der Matrix und wandere aus? Und befinde mich dann - als Deutscher, US-Amerikaner - erneut unter lauter Fremden - so wie ich zuvor schon - als Deutscher oder US-Amerikaner - mich unter lauter Fremden befand? Ist das die Lösung?
Warum ist ausgerechnet Volksseele das natürlich Vorgegebene? Weil das Leben der Menschen zu allen Zeiten in Völker und Stämme gegliedert war. Dies ist die Erkenntnis der Archäogenetik seit etwa dem Jahr 2015 wieder und wieder und wieder mit jeder neuen Forschungsstudie (siehe unseren Parallelblog "Studium generale"). Und warum ist das so? Weil die Muttersprache selbst schon einen wesentlichen Teil der natürlich vorgegebenen "Matrix" darstellt. Denn Muttersprache ist die wesentlichste Grundlage für die Volksseele. Sie wird während des ersten Lebensjahres in einem prägungsähnlichen Lernvorgang erworben.
Die Tatsache, daß ein Begriff wie Volksseele so tabuisiert ist (von Seiten der "Matrix") - ist diese nicht schon Hinweis genug ... ?
In der heutigen Alternativ-Medienlandschaft werden viele Wege aufgezeigt, "die Matrix zu verlassen", "auszusteigen". Schon seit der Umweltschutz- und Antiatomkraft-Bewegung seit den frühen 1970er Jahren gab und gibt es Menschen, die "aussteigen" wollten und alternative, individuelle, familiäre oder gesellschaftliche Denk- und Lebensmodelle "durchgespielt" haben, theoretisch und praktisch, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Meist mit weniger Erfolg. Was war und ist ihnen allen gemeinsam? Womöglich das, was ihnen allen fehlt? Nämlich eine deutliche, wesentliche und auch konsequente Bezugnahme zu der uns allen vorgegebenen Volksseele?
Sie alle blieben und bleiben der vorherrschenden "Kultur" verhaftet. Und die vorherrschende "Kultur" -"Pop-Kultur" - stellt einen Bruch dar mit der kulturellen Überlieferung seit Jahrtausenden. Dies ist besonders leicht erkennbar und "erspürbar" in der Musikkultur (bzw. an der Verflachung der Musik-Kultur zu Schein-Kultur). Und es wird daran erkennbar, daß unsere Kinder heute schon in den Kindergärten über diese Musik-"Kultur" auf den Rhythmus unserer Zeit eingestimmt, einschwungen werden. Und damit auf "die Matrix". "Die Matrix" ist in vielen Teilen einfach Rhythmus. Und wenn ich aus der Matrix aussteigen will, aber meinen "Rhythmus", meinen Musik- und Lebensrhythmus nicht ändere - wie will ich dann aussteigen?
Abb. 3: Englfing im Hausruck, Aussichtspunkt, Blick nach Süden - In etwa die Region des "Schacha" im Roman (der nächstgelegene größte Berg im Hintergrund ist der Traunstein bei Gmunden am Traunsee) (GMaps)
Jetzt mag mancher an Musiker oder Musiker-Gruppen denken, die in irgendeiner Weise "dagegen" halten gegen die "Matrix". Man mag denken etwa an Namen wie Reinhard Mey, Joan Baez, vielleicht an die Musikgruppe "Pur", vielleicht an einen Hubert von Goisern. Aber nun achte man einmal auf den "Rhythmus" dieser Musiker. Ist es der Rhythmus der Matrix oder stellt ihre Musik eine wirkliche Alternative zu diesem Matrix-Rhythmus dar?
Ist das eine Musik, die auf einer ähnlich grundlegenden Ebene gültig ist wie, sagen wir, ein Verdi, ein Beethoven, ein Mozart oder Brahms?
Die Matrix verlassen, und zwar kulturell - das mag es aber vor allem sein, worauf es ankommt.
Wenn ich die Matrix verlassen will, ihr aber kulturell verhaftet bleibe, ihrem scheinlebendigen "Rhythmus" verhaftet bleibe, verlasse ich sie gar nicht. Wenn ich die Matrix verlassen will, wenn das aber nicht mit tiefsten persönlichen Erschütterungen einhergeht, die mich innerlich ganz und gar anders aufgestellt sein lassen als zuvor, und die mich auch dazu veranlassen, daß mein Leben in einen ganz anderen Rhythmus kommt - dann würde ich die Matrix gar nicht verlassen.
Die Voraussetzungen der heutigen Matrix wurde geschaffen durch die Installation und Ausbreitung des Christentums. Gegen die eintönigen Mönchsgesänge des Christentums mußte sich lebensfrohe Volkskultur und tiefe, gehaltvolle Musikkultur erst nach und nach über die bekannte abendländische Kulturentwicklung durchsetzen. Am Ende dieser Entwicklung wurden diese kulturellen Errungenschaften dann in unserer Zeit ersetzt durch Scheinkultur und durch seichteste Rhythmen. Und als auf gedanklicher Ebene das Christentum nicht mehr zog und als die Dichter und Denker des Abendlandes umfassende Philosophien schufen, in der ihre eigene Gott- und Weltauffassung zum Tragen kam, wurden die gedanklichen Muster derselben in typischer Weise gehijackt und an ihrer Stelle wurden mit Hilfe derselben gedanklichen Muster Ersatz-Ideologien und -Religionen installiert. (Das ist etwa der Weg von Hölderlin/Hegel zu Marx.) "Moral Entrepreneurs" zogen allseits durch die Lande und formten die Matrix jeweils neu so, wie sie sich bis heute heraus kristallisiert hat. Das Motto lautet: Halte alle guten Einflüsse von der Gesellschaft fern, rhythmische wie gedankliche. Setze an jede Stelle der vormaligen Kultur Scheinkultur.
Kunst und Scheinkunst - Was unterscheidet sie?
Versuchen wir einmal, es möglichst deutlich und konkret auf den Punkt zu bringen: Wenn man etwa einem Schauspieler wie Jan Josef Liefers zuhört, dann erfährt man, daß dieser sich für einen "Künstler" hält und daß er "Kunst" für ganz wichtig hält für eine Gesellschaft. Kunst ist aber nicht allein von der Begabung abhängig, die man einem Jan Josef Liefers ja sicherlich nicht absprechen möchte. Wenn ich aber Anne-Sophie Mutter heiße und Pop-Musik spiele, bin ich de facto kein Künstler mehr, sondern Schein-Künstler. Und wenn ich Jan Josef Liefers heiße, mich aber vor allem dadurch auszeichne, daß ich Hauptdarsteller in Krimis bin, dann bin ich eben keineswegs mehr ein Künstler, sondern Schein-Künstler.
Es ist sehr auffallend, daß diese Unterscheidung im öffentlichen Diskurs so gut wie keine Rolle mehr spielt. Mehr als auffallend. Schaut doch mal hin, Leute! Der Kaiser ist nackt.
Ich rufe keine tiefgreifenden Erschütterungen beim Publikum mehr hervor - als Künstler. Und das wäre das einzige, was zählt. Krimi's leben im wesentlichen von der "Spannung", die ein ungeklärtes Verbrechen hervor ruft. Es ist also die Sensationslust angesprochen, die Lust am Schaudern - mehr nicht. Außerdem sind Krimi's dazu gedacht, die Fülle von Staatsverbrechen in der Wirklichkeit harmloser aussehen zu lassen als sie es wirklich sind, weil im Fernsehen alles schon - sozusagen - als "Normalfall" zu sehen ist. Wer möchte bei solch einem Schund eigentlich mitmachen? Und das noch zu grandioser "Kunst" ernennen? Wer möchte da nicht lieber im Callcenter arbeiten. Und auf redlichere Art sein Geld verdienen?
Abb. 4: Blick von Holzham auf das Salzkammergut - In der Bildmitte der Markt Ottnang a. H., im Hintergrund Mitte links, der große Pril, vorne der Traunstein (Holzh)
Es ist bezeichnend, daß ein doch nicht "unkultivierter" und unkritischer Mensch wie Jan Josef Liefers solche Zusammenhänge nicht in geringster Weise zu durchschauen scheint. Oder gäbe es dafür Hinweise? Oder gibt es andere namhafte Leute, die solche Zusammenhänge auf den Punkt bringen? Für Hinweise wären wir dankbar.
Viele Künstler changieren auch zwischen Kunst und Schein-Kunst völlig ungeniert hin und her - so wie etwa die sehr schätzenswerte Schauspielerin Nadja Uhl. Sie changiert vom "Sommer vorm Balkon" (echte, erschütternde Kunst) zu "Operation Zucker - Jagdgesellschaft". Wenn es sein muß, muß es halt sein (um notwendigste, sachliche Aufklärung über Staatsverbrechen zu leisten). Aber wichtiger wäre uns noch, von einer Schauspielerin wie Nadja Uhl zu erfahren, daß sie den Unterschied zwischen Kunst und Schein-Kunst auch selbst als solchen erkennt und erlebt - - -
Idealismus oder Existentialismus?
Und in solchen gedanklichen Zusammenhängen wird uns ein Schriftsteller wie Karl Springenschmid (1897-1981) (Metapedia, Wiki, Salzburg-Wiki) wichtig (s. FK2026). Er hatte etwas sehr Wesentliches verstanden. Bis zum Jahr 1914 herrschte in der abendländischen Welt, sozusagen, der Idealismus vor. Er hatte Raum, er konnte gelebt werden, was auch immer sonst noch gelebt worden sein mag. Das galt auch für Länder wie die USA, England, Frankreich, Rußland oder Italien. Damit verbunden war auch das Schaffen echter Kunst, die sich noch in Strömungen wie dem Expressionismus klar und deutlich genug Ausdruck verschafft hat (s. als Beispiel Abb. 2). Der Expressionismus ist in seinen bedeutendsten Vertretern ganz klar vom Idealismus getragen. Man lese doch nur die Briefe eines Vincent van Gogh, um nur ein Beispiel zu nennen.
Der Erste Weltkrieg aber stürzte die idealistische Lebenseinstellung innerhalb der abendländischen Welt in eine der tiefsten Krisen, die sie jemals erlebt hat. Nicht nur in Deutschland. Aber in Deutschland stellte sich die Situation nach 1918 in äußert verschärfter Weise dar. Man sah sich selbst als "Kulturnation", die während des Ersten Weltkrieges "die Kultur" an sich gegen die Mächte der "Zivilisation" verteidigt habe. Und man hatte mancherlei Berechtigung für diese Sichtweise. Selbst ein Thomas Mann sah das so (siehe seine "Betrachtungen eines Unpolitischen" von 1918). Dann brach der äußere, staatliche Rahmen, an den der Idealismus bis dahin in weiten Teilen geknüpft war, im Jahr 1918 zusammen. Der Übergang von Kultur zu Zivilisation vollzog sich in den westlichen Demokratien unmerklicher. In Deutschland wurde er von Millionen Menschen in aller Schärfe ab dem 9. November 1918 erlebt (Beispiel: FK2026).
Abb. 5: "Zwei lange, buntbewegte Häuserzeilen, die einen geräumigen Platz umschlossen ..." (S. 309) - Haag am Hausruck (GMaps)
Die wirtschaftlichen und politischen Krisen der 1920er Jahre überzeugten - zumindest in Deutschland - die Menschen immer mehr davon, daß "aufgeräumt" werden müsse, daß der Staat der idealistischen Lebensform wieder neue Nahrung geben müsse. Genau darin sahen der Nationalsozialismus und das Dritte Reich - zumindest in den Besten ihrer Anhäger - ihren Sinn.
Dann kam der Zweite Weltkrieg. Der äußere Rahmen, der dazu beigetragen hatte, daß Idealismus, Kultur - sozusagen - noch einmal hatten bewahrt werden können - in einer Welt, die dazu neigte, immer weniger der Kultur, dem Idealismus Raum zu schaffen, dieser äußere Rahmen war mit der staatlichen Form und mit dem vorgegebenen politischen Willen des Deutschen Reiches im Jahr 1945 endgültig zusammen gebrochen, von der Erde gefegt. Unter Millionen von Todesopfern.
Die Soldaten, die fünf Jahre lang redlich an der Front ausgehalten hatten, waren besiegt. Die Frauen waren vergewaltigt. Die Kinder waren traumatisiert. So unendlich viel Schlimmes, Teuflisches war geschehen. Und zwar von Menschen, die gewiß keine idealistische Lebenseinstellung mehr lebten, aber zum Teil sogar von solchen, die sich trotz dieser idealistischen Lebenseinstellung zu ganz anderen Dingen hatten verleiten lassen.
Die eigene Würde war genommen - aufgrund von behaupteten oder tatsächlich geschehenen Verbrechen. Diese geschehenen Verbrechen wurden nun von den vormaligen "Feinden" des Deutschen Reiches wie eine Fahne vor sich her getragen, wie ein Menetekel, um so eindrucksvoll und überzeugend wie nur möglich von den begangenen, eigenen schweren Verbrechen abzulenken, und um die idealistische Lebenseinstellung an sich in der umfangreichsten Weise zu diskreditieren, die möglich war. Es gab - wieder einmal - nur einen einzigen Schuldigen. Wie sonderbar, wie auffällig.
Allerdings, noch sonderbarer: Die Deutschen hatten so viele schlimme Dinge erlebt, waren so traumatisiert und zugleich ernüchtert, daß sie nun bereit waren, diese Sichtweise zu übernehmen: Sie sahen sich fortan - zumindest von offizieller Seite her - als die einzigen Schuldigen. Sie warfen innerlich alles hin. Sie gaben sich "drein". Sie wollten nun auf der Seite der vorgeblich "Guten" stehen. Locker und lässig wird dabei bis heute die bodenlose Doppelmoral überspielt, die damals und heute für jeden, der hinsehen will, ganz und gar unübersehbar war und ist. Denn Staaten, die schlimmste Menschheitsverbrechen begangen hatten, zugelassen hatten, gefördert hatten, haben sich mit anderen Staaten verbündet, die noch schlimmere Menschheitsverbrechen begangen hatten, um ein weiteres Land weltweit zu Boden zu werfen und anzuklagen, das schlimmste Menschheitsverbrechen begangen hatte.
Abb. 6: "Novè wurde zu einem alten, gelbgestrichenen Haus gewiesen, das, in ein mächtiges Torgebäude übergehend, den Platz gegen die Bergseite hin abschloß" (S. 309) - Haag am Hausruck (GMaps)
Wer Anständigkeit, Redlichkeit, Ehrlichkeit, Rechtlichkeit fördern wollte in der Welt, hätte ganz und gar anders vorgehen müssen. Das mußte und muß ja jedem bewußt sein. Aber für die Mehrheit der Menschen war und ist es zu anstrengend, das Gesamtbild auf sich wirken zu lassen. Diese Art von Bequemlichkeit ist der größte Anklagepunkt vor dem Weltgericht genannt Weltgeschichte, dem gegenüber sich die Deutschen seit 1945 zu verantworten haben. Mögen sie zusehen, wie sie vor diesem Gericht ihren Kopf aus der Schlinge ziehen wollen!
Mehr bodenlose Heuchelei und Doppelmoral als in den Jahren seit 1945 ging im Grunde gar nicht und geht auch gar nicht.
Der deutsche Staat war also äußerlich vernichtet, seine idealistischen Zielsetzungen waren sowohl im Äußeren wie von innen her im Äußersten Maße angefochten, von bodenloser Heuchelei und Doppelmoral überschwemmt. Die äußeren Vertreter, Repräsentanten der Zielsetzungen des bisherigen Staates begingen Selbstmord, wurden angeklagt und aufgehenkt oder lebten unangefochten bis zu ihrem Lebensende in Deutschland weiter (so zum Beispiel einer der wesentlichsten Schreibtischtäter mit Namen Werner Best). Andere erhielten lange Gefängnisstrafen oder gar lebenslängliche.
Was sollte nun an die Stelle des vormaligen "äußeren Rahmens" treten, was sollte an die Stelle dieser inneren Angefochtenheit treten, damit eine idealistische Lebenshaltung - dennoch - bewahrt bleiben könnte?
Das war die entscheidende Frage - zumindest für einen Springenschmid.
Abb. 6: Der Uhrmacher Lidolt wohnte in der Mansarde dieses Hauses in einer Küche und einem Zimmer mit seinen drei - wieder gefundenen - Kindern, Novè kam, um für die Kinder zu sorgen (S. 310) (GMaps)
Wie könnten die Menschen wieder "Boden unter die Füße" bekommen, so drückt es Springenschmid aus. Obwohl der äußere Rahmen, der ihnen - Jahrhunderte lang - Boden unter die Füße gegeben hatte, völlig zerstört war, obwohl - sozusagen - alle Dämme gebrochen waren, obwohl die Flut, die unerträgliche, wüste Flut alles, was noch "Beständigkeit", "Würde", "Haltung", "Anständigkeit" repräsentiert hatte, hinweg geschwemmt hatte, sowohl im Außen und - noch schlimmer - im Innern eines jeden einzelnen Menschen.
Was gibt Boden unter die Füße? ...
Und diese Frage ist heute wie damals die gleiche geblieben.
Und in Beantwortung dieser Frage setzte Springenschmid auf nichts anderes mehr als auf die Liebe. Er "fand" die Liebe. So wie der Professor im Roman "Novè" die Liebe "findet". Die Liebe ist die letzte Bastion. Die Liebe gibt Boden unter die Füße.
Aber welche Liebe denn? Welche - welche - welche? Im Roman werden die unterschiedlichsten Spielarten der Liebe "durchgespielt". Allen Spielarten wird Daseinsberechtigung zugesprochen. Denn so leben die Menschen eben, so sagt der Roman. So ist die Welt. Für jede dieser Spielart entscheiden sich Menschen. Und das ist ihre Entscheidung. Und all diese Spielarten der Liebe sind ja auch - sozusagen - Ausdruck des Lebens an sich.
Aber doch ist es nur eine Art von Liebe, die schließlich wieder wirklich Boden unter die Füße gibt: Die Liebe des Mädchens Novè zu dem zu Anfang völlig abgezehrten, todmüden, lebensmüden Kriegsheimkehrer Peter. Im Geheimen nennt sie ihn ihren "Johannes" - - -
Wie Springenschmid das Näherkommen dieser beiden Menschen schildert, so durch und durch zurückhaltend, fast "wortlos" - ist so durch und durch meisterhaft, daß schon die Art dieser Darstellung im Tiefsten erschüttert.
Als Peter aus dem Krieg heimkehrt, will er nicht mehr leben. Exakt so wie der Kriegsheimkehrer in Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür". Aber dann geschehen einige dramatische Dinge. Und dann hört der Kriegsheimkehrer Novè singen. Und da endet dann die Gemeinsamkeit des Romans "Novè" mit Borcherts "Draußen vor der Tür". Vielleicht hatte der Kriegsheimkehrer Borchert nur nicht mehr genügend Lebenszeit, um selbst eine solche Erfahrung machen zu können, und um dann - ähnlich wie Springenschmid - Kulturwerke zu schaffen, die wieder ins Leben hinein führen, anstatt im Nirwana zu enden, in der Scheinlebendigkeit, in der vollständigen Sinnlosigkeit.
Es ist so viel Schlechtigkeit hinein geschwemmt in unser Land, in unsere Seele. Kein Wunder, daß da ein solcher Nachkriegsroman wie derjenige Springenschmids so vereinzelt blieb.
Die vom Weg Abgekommene
Aber nun soll noch einigen Details im Roman "Novè" nachgegangen werden (1). Woher kommt zum Beispiel der Titel selbst "Novè"? Über die KI lassen wir uns belehren: Nouveau (männliche Form) oder nouvelle (weibliche Form) ist das französische Wort für „neu“. Nouveau ist neu im Sinne von anders, frisch oder neu (für mich - z. B. eine neue Idee, ein neuer Kollege). Wie viel sagt Springenschmid also allein schon mit der Wahl dieses Titels!
Das Wort "nouveau" steht meistens vor dem Hauptwort, so sagt uns die KI. „Nouveau“ klingt gesprochen, so die KI, fast wie „No-wó“ und dann setzt sie fort: "Das erklärt perfekt, warum du vorhin nach dem Wort „Novè“ gesucht hast." Es handelt sich also einfach um eine lautliche Erinnerung an das französische Wort „neu“.
Abb. 7: Der Wanderweg von Rödt nach Englfing (vielleicht das "Schacha" des Romans) (Kom)
Das Merkwürdige an diesem Roman "Novè" ist, daß man ihn auch als eine neue Version der Oper "La Traviata" (Wiki) von Verdi (nach einem Text von Alexandre Dumas) lesen kann, als eine neue Version der ... "Vom Weg Abgekommenen". Der Roman selbst macht darauf aufmerksam (1, S. 297f).
Hört und sieht man sich jedenfalls diese Oper mit den Augen und Ohren Novè's an (Yt) und liest parallel das Libretto (Libr), kann man diese Oper mit einem Male als fast so erschütternd erleben wie den Roman selbst. Vielleicht als noch erschütternder, weil Musik noch einmal viel direkter und heftiger "packt". Wie kommt denn Springenschmid ausgerechnet auf "La Traviata"? So fragt man sich als Leser. Wir wissen es vorderhand nicht.
Auch ein einfaches Mozart-Liedchen wie "Ein Veilchen auf der Wiese stand" (Yt) (Yt2013) findet im Roman Platz (1, S. 291). Worauf dieser Springenschmid alles kommt.
Wir müssen wieder die Liebe "lernen". Wir müssen all ihre Stadien, all ihre Leiden, all ihre Heftigkeiten, alle ihre Leiden-schaften - mit Verdi, mit Henrik Ibsen, mit Alexandre Dumas und mit wem sonst auch immer - wieder lernen. Liebe - nein, Liebe ist nichts für lauwarme Gemüter. Liebe ist etwas für Grenzgänger, Liebe ist etwas für völlig auf den Hund Gekommene, für jene, die nicht mehr leben können - ohne sie.
Für lauwarme Gemüter ist jedenfalls nicht Liebe, die wieder Boden unter die Füße gibt, und die deshalb erschüttern muß.
Zu den Örtlichkeiten im Roman
Wie im ersten Teil dieses Beitrages erwähnt, dachten wir zunächst, Springenschmid könnte bei dem "Schacha" des Romans an eine Waldinseln bei Oberedt bei Frankenburg am Hausruck gedacht haben.
Am Ende des Romans wird allerdings erwähnt, daß das Schacha des Romans drei Wanderstunden von Haag am Hausruck entfernt liegt, und zwar wenn man immer auf dem Kamm des Hausruck entlang wandert (1, S. 356). Damit käme man - laut Komoot - in die Gegend rund um den "Aussichtspunkt" bei Englfing (GMaps) (in Komoot benannt "Blick auf die Alpen von den grünen Wiesen bei Ried im Innkreis") (Kom). Dieser Aussichtspunkt ist von Rödt aus ebenfalls dreieinhalb Wanderstunden entfernt (Kom). Dann macht es auch Sinn, daß Peter und Novè im Roman eine Wanderung unternehmen von Eberschwang nach "Schacha". Das wäre dann ein Wanderweg von knapp zwei Stunden.
Abb. 8: Vielleicht das "Frueland" im Roman - Walling, gelegen auf dem Weg von Eberschwang nach Pramet (GMaps)
Es fällt schwer, sich definitiv auf diesen Aussichtspunkt festzulegen. Vielleicht käme auch das Dorf Holzham infrage. Auch von dort gibt es eine schöne Aussicht auf das Gebirge (Holzh) (Abb. 4). Dabei kommt der Traunstein bei Gmunden am Traunsee in den Blick, der von Holzham aus der nächstgelegene Berg ist.
Wir sind fasziniert von diesem Roman. Deshalb interessieren wir uns auch für viele Einzelheiten in ihm. Als Peter, der Kriegsheimkehrer, Novè beim Arbeitsamt in Ried im Innkreis abpaßt, da hat er seine Kalesche im Gasthof "Zum Goldenen Stern" abgestellt (1, S. 84). Auch Novè hat dort ihr Gepäck abgestellt. Diesen Gasthof hat es in Ried im Innkreis tatsächlich gegeben (s. OÖ2022).
Von Ried im Innkreis nach Rödt sind es auf direktem Weg elf Kilometer. Peter fährt im Roman aber über Marienkirchen und Eberschwang (1, S. 85). Das sind zwanzig Kilometer.
Und es ist diese Fahrt, auf der zwei Menschenherzen - ohne daß Worte dazu gesprochen werden - zusammen wachsen.
Sie kommen dabei am Hof "Frueland" vorbei. Einen solchen gibt es laut KI weder im Dorf Pramet, noch überhaupt in den deutschsprachigen Ländern, auch nicht im Ausland: "In Dänemark und Norwegen bedeutet das Wort Frue 'Frau'. Es gibt historische Anwesen, die das Wort im Namen tragen (wie Fruergård oder Fruerlund - Letzteres ist ein Stadtteil in Flensburg sowie ein dänischer Ortsname). Ein 'Frueland' als Hof ist jedoch nicht verzeichnet."
Also mag Springenschmid diesen Namen erfunden haben. Der Lage nach ("Zur Linken ein stattliches Gehöft, größer als die anderen Höfe ringsum ... Wie eine Burg stand es auf dem kühn sich aufschwingenden Hügel ...") könnte es sich um eines der drei Gehöfte des Dorfes Walling handeln (Abb. 8). Aber sicherlich käme noch manches andere Gehöft in der Gegend infrage.
Es fällt ja sogar schwer, sich darauf festzulegen, welcher Hof in Rödt denn nun eigentlich die Vorlage des "Hofes in der Röth" sein könnte. Es kämen wohl ebenfalls mehrere infrage (Abb. 1).
Im Roman wird ja auch eine Kapelle in der Nähe des Hofes erwähnt ("Auf dem Hügel jenseits des Baches ...") (1, S. 36). Dies könnte ein Orientierungspunkt sein. Um eine von Rödt Dreiviertel Wegstunden entfernte Kapelle wird es sich dabei aber nicht handeln (GMaps).
Abb. 9: "Eines dieser Kinder war Maria Wohl, genannt Novè" (2, S. 127) - Titelseite einer Schrift von Springenschmid aus dem Jahr 1978 (4)
Wir lesen in der Springenschmid-Biographie über das Jahr 1945 (2, S. 109):
Seine Gattin mit den Kindern war (...) zu ihrer Hausgehilfin nach Pram ins Innviertel gegangen, wo sie in einem Raum oberhalb eines Schweinestalls bei einem Bauern hausten.
Pram liegt von Pramet 18 Kilometer entfernt, von Ried im Innkreis 11 Kilometer entfernt. Im autobiographischen Roman "Der Waldgänger" bricht Springenschmid eines Tages im Spätsommer des Jahres 1945 von Pram aus auf zu einer Wanderung über die Dörfer, um Eier für seine hungernde Familie zu erwerben. Dabei schreibt er über die Gegend rund um Pramet (3, S. 146f):
Der Wald ist nahe; denn in weitem Bogen umschließt der Hausruck dieses Bauernland. Wie wenn man von einem Menschen, den man liebt, um ihn ganz neben sich zu spüren, den Kopf in die Armbeuge nimmt, so umarmt der Hausruck den weitgespannten Raum der Wiesen und Äcker. Ich habe mir vorgenommen, auf meiner Fünftagereise dem Hausruck stets nahe zu bleiben. (...) Der erste Tag: Geiersberg, St. Marienkirchen, Eberschwang, Pattingham, Pramet - gewiß an dreißig Türen habe ich geklopft. Und das Ergebnis? Enttäuschend: sechs Eier. (...) Ein bescheidenes Nachtlager beim Postwirt in Pramet! Am nächsten Tag Schildhorn, Litzham, Helmeting, Waldzell. Diesmal acht Eier ...
In Waldzell lernt er beim Oberwirt den dortigen Pfarrer kennen. Mit diesem freundet er sich an und von diesem wird er zum Übernachten eingeladen.
Abb. 10: Aussichtspunkt Englfing im Winter
Überhaupt macht einem der Roman "Der Waldgänger" klar, daß Springenschmid über Jahre sehr nah am Volk gelebt hat. So wird auch verständlich, daß die bäuerlichen Figuren seiner Romane alle "aus dem vollen Leben" geschöpft sind. Es handelt sich keinesfalls um Kopfgeburten.
All diese Umstände jedenfalls lassen uns zu der Vermutung gelangen, daß Springenschmid die Handlung seines Romans deshalb in dem kleinen Weiler Rödt ansiedelt, um von dort aus die Personen seines Romans das romanhafte "Schacha" erreichen lassen zu können, von dem man jenen Blick auf die Alpen hat, auf den es Springenschmid wohl zuletzt vor allem angekommen sein mag. Ebenso mag es ihm angekommen sein auf den Wald des Hausruck selbst. Und irgendwo muß ein solcher Roman ja schließlich spielen.
Begegnung während einer Zugfahrt nach Lienz
In der Springenschmid-Biographie des Jahres 1987 finden wir übrigens eine Bestätigung für die Bedeutung, die wir dem Roman "Novè" als "dem" Nachkriegsroman der Deutschen überhaupt zusprechen (2, S. 126):
" 'Novè' (...) halten viele für Springenschmids bedeutendstes Werk. (...) 'Novè' erreichte in sieben Auflagen 60.000 Exemplare, das ist, wenn die widrigen äußeren Umstände bedenkt, sehr viel. (...) Jeden Menschen mit seelischem Tiefgang muß dieses einfache, schlichte Buch erschüttern. Seine einfache, karge Sprache, die sparsame Zeichnung der Figuren und die ausgefeilte Sprache bei packender Handlung fesseln und ergreifen den Leser. (...) Springs schildert hier bewußt und gerade nur das Einzelschicksal."
Eine der Qualitäten dieses Romans ist es auch, daß der Verlauf der Handlung stetig weiter geht, daß es immer wieder "Neues" gibt, daß er nie zu lange in einer bestimmten Situation "verharrt". Daraus ergibt sich in der Tat eine "packende Handlung". Wie kam er dazu, diesen Roman zu schreiben? Springenschmid selbst berichtet daüber (3, S. 115):
Ein Krieg, furchbarer denn je, hatte die Menschen im Banat getroffen.
Da war keiner, den das Schicksal nicht erreicht hätte. Bittere Nachrichten hatten mich erreicht. Ich wußte, was im Banat geschehen war.
Eines Tages fuhr ich zu meinen Vettern nach Lienz. Der Zug, in dem ich saß, hatte kein Licht, kein Glas in den Fenstern. Mir gegenüber saß eine junge Frau. Wenn die Lichter eines Stationsgebäudes in das Abteil fielen, konnte ich das Gesicht der Frau sehen. Nur ein paar Sekunden lang trat dieses Antlitz hell aus dem Dunkel hervor, ein schmales, blasses Gesicht, jung noch, doch von Leid und Not gezeichnet. Das dunkle, um das Kinn geknüpfte Kopftuch hob die blassen Züge noch stärker hervor. Wo hatte ich dieses Gesicht mit den schmalen Wangen, der kräftigen Stirn und den klaren Augen schon gesehen?
"Ja, auch Scharlevill", erwiderte ich, "dort habe ich Kasperl gespielt."
Da fiel die Trauer, die Müdigkeit von ihr ab. Ich merkte es an ihrer Stimme.
"Herr, was sagen Sie da? Kasperl gespielt in Scharlevill? Da war ich doch dabei. Auf dem großen Platz vor dem Gasthaus des Jean Lafleur."
So war es. (...)
"Wenn Sie aus Scharlevill kommen", fuhr ich fort, "heißen Sie vielleicht Wohl; diese Name ist dort geläufig."
"Erraten", rief die junge Frau, "Maria Wohl, allerdings im Dorf hat man mich anders genannt. Als ich noch ganz klein war und sehr drollig, nannte man mich so, wie man bei uns die jungen Lämmchen nennt, Novè. Dieser Name ist mir geblieben."
"Novè", wiederholte ich. -
Diese junge Frau, die mir da mit schlichten, etwas unbeholfenen Worten erzählte, was sie erlebt und erlitten hat, erschien mir in dieser unvergeßlichen Stunde für alles zu gelten, was an den Menschen im Banat in diesen furchtbaren Jahren geschehen war. (...)
Ich war einer der wenigen österreichischen Schriftsteller, der das Banat noch aus jenen glücklichen Tagen kannte, Fügung, um zu erkennen, war mir in dieser Stunde als Aufgabe gestellt worden war. Schon stand für mich der Titel, den ich dieser Arbeit geben wollte, fest. "Novè" wollte ich das Buch nennen und darin das Schicksal dieser jungen Frau, der Maria Wohl aus Scharlevill, darstellen, um damit unserer Zeit beispielhaft die Leidensfähigkeit, aber auch den ungebrochenen Lebensmut der Menschen dieses Landes zu zeigen. Wie gering wog alles, was ich bisher geschrieben hatte, diesem Auftrag gegenüber. Ich kam heim und schrieb, schrieb. Niemals habe ich das Bewußtsein, das Leben eines Menschen, den mir das Schicksal über meinen Weg geführt hat, gestalten zu können, dankbarer empfunden, als in jenem Jahr, da ich dieses Buch geschrieben habe. Die Donauschwaben haben mir dafür ihren Kulturpreis zuerkannt. Mein Roman "Novè" ist das Buch ihres Schicksals geworden.
Den Donauschwäbischen Kulturpreis Springenschmid im Jahr 1962 erhalten. Es wird weiterhin berichtet, Springenschmid habe sich bei dieser Begegnung im Zug an eine Fotographie aus dem Jahr 1932 erinnert, als er im Banat als Puppenspieler unterwegs war (Abb. 9). Und diese Begegnung und diese Fotografie hätten die ersten Anregungen für den Roman "Novè" gegeben.
Sie erzählte dem Dichter ihr Schicksal, und es entstand - nach wahren Begebenheiten - dieser erschütternde Roman. Dieses Geschehen um die Familie Lidolt kann wohl kein Dichter erfinden.
Auch in seiner Schrift "Janitscharen - Kindertragödie im Banat" hat Springenschmid 1978 noch einmal in Form eines Sachbuches zu dem historischen Hintergrund seines Romans Stellung genommen (5). Diese Begegnung im Zug wird sich im Jahr 1946 ereignet haben, in den späteren Jahren werden die Züge wohl schon wieder Fenster und Licht gehabt haben. Es ist durchaus denkbar, daß Springenschmid von diesem Zeitpunkt an gedanklich parallel an zwei Romanen gearbeitet hat. Die Stimmung ist auch in beiden Romanen sehr ähnlich, nämlich in "Das unerreichbare Herz", der 1949 erschien und "Novè", der 1951 erschien.
Temeschwar - Hauptort der Banater Schwaben
Gehen wir noch weiteren Details nach: Der Weg von Novè führt von Szeged und Kiszombor in Ungarn über Tschanad in Rumänien nach Hatzfeld, von dort nach Lenauheim und von dort nach Temeschwar (GMaps). Hatzfeld liegt nur wenige Kilometer von Soltur entfernt, allerdings jenseits der serbisch-rumänischen Grenze. Temeschwar (Wiki) ist das kulturelle Zentrum des Banats. Es war bis 1880 eine mehrheitlich von Deutschen bewohnte Stadt. Seine Innenstadt heißt deshalb heute noch "Klein-Wien". Denn sie erinnert mit ihren zahlreichen Palais an das alte Wien.
1910 lebten hier dann fast ebenso viele Ungarn wie Deutsche. Ab 1941 waren die Rumänen die größte Sprachgruppe in dieser Stadt. Die 33.000 Deutschen von 1930 gingen bis 1977 auf 28.000 zurück und bis 1992 auf 13.000. Heute leben nur noch 2000 Deutsche in Temeschwar.
Abb. 12: Temeschwar (Kossuthplatz) um 1910
Im Roman ist von Temeschwar eigentlich sonst kaum die Rede. Aber ein Teil der Handlung spielt in einer "Villa Prochaska" in Temeschwar (1, S. 176ff). Solch eine Villa findet sich in Temeschwar tatsächlich (Heritage). Die Fassade dieser Villa (Abb. 11) könnte gut zu der Villa des Romans passen. Im Roman liegt diese Villa allerdings abseits in einem großen Park. In der Wirklichkeit liegt diese Villa Prochaska direkt an der Straße inmitten der Stadt, umgeben von weiteren Stadtvillen des einstigen wohlhabenden, deutschen Bürgertums (GMaps). Diese Villa war ursprünglich erbaut worden von der Mühlenbesitzerfamilie Prochaska (Wiki). Dabei handelte es sich ebenfalls um Banater Schwaben. Dieser Umstand wird aber im Roman mit keinem Wort angedeutet.
Der Autor spricht außerdem von einer Zuckerrübenfabrik in Hatzfeld. Eine solche hat es - laut KI - in Hatzfeld nicht gegeben, wohl aber in Großbetschkerek. Letzteres liegt 60 Kilometer weiter südlich (GMaps).
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Springenschmid, Karl: Novè - Mädchenschicksal zwischen Ost und West. Roman. Leopold Stocker Verlag, Graz 1962 (4. Auflage) (zuerst 1951) (GB)
Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid. Biographie. Leben - Werke - Fotos - Dokumente. H. Weishaupt Verlag, Graz 1987
Springenschmid, Karl: Der Waldgänger. Roman. Leopold Stocker Verlag, Graz und Stuttgart 1975
Springenschmid, Karl: Heiteres Podium. Erlebnisse und Geschichten. Rudolf Schneider Verlag, München [1974]
Springenschmid, Karl: Janitscharen? Die Kindertragödie im Banat. Eckartschriften 65. Wien 1978