Freitag, 16. Oktober 2026

Jane Austen und Sigrid Undset

Menschliche Beziehungsgeflechte aus der Sicht zweier Schriftstellerinnen
/ Verfaßt 1999 /

Die moderne Verhaltensbiologie hat deutliche angeborene Verhaltensunterschiede zwischen Mann und Frau herausgearbeitet und kommt hier zu immer genaueren Ergebnissen (etwa: 1, 2). Es ist oftmals überraschend, in wie starkem Ausmaß diese Ergebnisse der Naturwissenschaften etwa mit den Inhalten des literarischen Schaffens von Schriftstellern und Schriftstellerinnen übereinstimmen. Der 50. Todestag der norwegischen Schriftstellerin Sigrid Undset (1882-1949), sowie der 225. Geburtstag der englischen Autorin Jane Austen (1775-1817) und ihre jüngste Neu- und Wiederentdeckung im Filmschaffen - und in Deutschland dadurch weitgehend auch erstmals als Schriftstellerin - geben Anlaß, sich mit den Werken oder dem Leben dieser beiden Schriftstellerinnen neu zu befassen.

Jane Austen - Der Sinn für das Schickliche

Die treffendste Übersetzung des Jane Austen-Romans „Sense and Sensability“ könnte vielleicht lauten: „Schicklichkeit und Empfindsamkeit“. Denn das ist das große Thema fast aller Romane Jane Austen’s: Wie bewahrt man sich eine aufrichtige, wahre Empfindsamkeit gegenüber Menschen und Personen, gegenüber einer sozialen Umwelt, die längst nicht so empfindsam ist, wie man selbst. Die vor einigen Jahren erfolgte Neuverfilmung dieses Romans (Wiki) hat wohl mit Recht sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und vielen Menschen überhaupt erst das Vorhandensein einer Schriftstellerin Jane Austen, die zur Zeit Friedrich Schillers lebte, in das Bewußtsein gerückt. Der Zuschauer konnte schon an vielen anderen Stellen dieses Filmes verwundert sein über den mit dem Alltäglichen verschmolzenen Edelsinn der Hauptfiguren - ein Edelsinn, der sich oftmals als Humor kundtut. Doch an einer Stelle mußte ihm dann letztlich bewußt werden, daß es sich bei diesem Film tatsächlich um etwas Bedeutsameres, schlicht um ein Kunstwerk handelt: Als die drei Töchter mit ihrer Mutter in das Landhaus (Cottage) kommen und von den „überfreundlichen“ Vermietern empfangen werden. Man merkt deutlich heraus: Die Frauen, bzw. Mädchen empfinden diese „Freundlichkeit“ als nicht ihrem eigenen Wesen entsprechend. Aber die „Schicklichkeit“ gebietet ihnen einen freundlichen Umgang mit diesen Menschen. Und sie gewinnen diesem Umgang zugleich auch noch eine ganze Menge Humor ab. Das, genau das ist Jane Austen.

Abb. 1: Jane Austen, gezeichnet von ihrer Schwester Cassandra Austen um 1810

Wie bewahrt man seine Empfindsamkeit in einer gefühlskälteren, roheren, abgestumpfteren - einfach abstoßenderen - Umwelt? Die Antwort ist: Schicklichkeit oder auch: Sinn für das Schickliche. Das Abstoßende entspringt einer Unklarheit über die eigenen Ziele und Verhaltensweisen der sich (so abstoßend) verhaltenden Mitmenschen, aus der eine Belastung für die jeweiligen Mitmenschen, für klarere und darum „empfindsamere“ Naturen entsteht.

Letztlich ist das Schickliche ein Ausdruck des Schönen, des Schönheitswillens, einer Sehnsucht nach Harmonie, Übereinstimmung mit der Umwelt trotz der Gräben, trotz der Welten, die offensichtlich zwischen einem selbst und anderen liegen. Das Schickliche ist letztlich jedoch auch ein Ausdruck des Selbsterhaltungswillens eines einzelnen oder einer sozialen Gemeinschaft. Denn Empfindsamkeit in einer rohen, wirren, abstoßenden Umwelt kann zu der ganz wesentlichen Folge führen, daß es zu einer Unmöglichkeit wird, einen Heiratspartner und verläßlichen Vater, eine verläßliche Mutter der eigenen Kinder zu bekommen.

Hier Lösungswege zu suchen und aufzuzeigen ist - unter ganz verschiedenen Vorzeichen - sowohl das Anliegen Jane Austens wie auch Sigrid Undsets. Dabei darf man sich jedoch nicht vorstellen, daß ihre Werke nur um dieses - letzteren - genannten Zweckes willen entstanden wären. Bei näherer Beschäftigung wird nur deutlich, daß sie diesem Zweck auch dienen.

Sigrid Undset - Verantwortung

Im März 1914, mit 32 Jahren und als verheiratete Mutter ihres ersten Kindes hält Sigrid Undset vor Studenten der Universität Oslo einen Vortrag über das Vierte Gebot der Bibel. Sie spricht nicht nur über die Verpflichtung der Kinder, ihre Eltern zu ehren, sondern ebenso von der Verpflichtung der Eltern, ihr Leben so zu führen, daß ihre Kinder sie auch ehren können. Hohe moralische Ansichten müßten früh im Leben gelehrt werden, damit das kultivierte Individuum nicht nur seiner Rechte gewahr werden könne, sondern auch seiner Pflichten und Verbindlichkeiten, denn um so höher die Kultur, um so größer werde die Verantwortung. Der zivilisierte Mensch hätte große technische und kulturelle Fortschritte errungen. Aber um dieses kulturelle Erbe zu bewahren, sollte er ebenso einen Sinn für Ehrfurcht und Gehorsam aufweisen.

Abb. 2: Sigrid Undset

Weil Religion und Kultur so eng aufeinander bezogen wären, hätte sich der zivilisierte Mensch einen Gott nach seinem eigenen Bilde geschaffen - lediglich als Symbol, nicht jedoch als die Quelle alles Guten (3, S. 32). In diesen wenigen Worten scheint das überzeitliche Lebensanliegen Sigrid Undsets, das auch ihre bedeutenderen Romanfiguren prägt, klar und knapp angesprochen (3, S. 18f). Der Vater Sigrid Undsets war ein bekannter norwegischer Archäologe, starb aber schon 1893. Sigrid Undset wuchs in Oslo auf, das bis 1925 noch Kristiana genannt wurde. Mit 16 Jahren wurde sie Sekretärin bei der Deutschen Elektrischen Gesellschaft in Oslo, wo sie zehn Jahre verblieb. Zugleich bildete sie sich bis in die späte Nacht hinein in Geschichte und Literatur.

Das Oslo jener Jahre und ihr Leben darin scheinen in vielen ihrer Romane auf. Mit 20 Jahren begann sie, ihre erste historische Novelle zu schreiben. Diese spielt schon im Norwegen des 13. Jahrhunderts. Ein Verleger riet ihr aber, sie wäre eher für Themen der Gegenwart begabt. 1907 erschien dann ihr erster Roman „Frau Marta Oulie“.

Nach weiteren Veröffentlichungen gab sie ihre Stelle als Sekretärin auf. Ihre Novellen und Romane handelten meist von Fragen des modernen Mädchens und der modernen Frau. 1909 machte sie eine Reise nach Rom, wo sie ihren zukünftigen Ehemann, den Maler Anders C. Svarstad, kennen lernte. Sie heiratete ihn 1912. Er brachte drei Kinder aus erster Ehe mit in die neue Ehe, die nicht kirchlich getraut wurde.

1911 erschien der Roman „Jenny“ über eine junge Frau, die daran scheiterte, ihr Leben entsprechend den hohen moralischen Grundsätzen zu leben, die sie sich selbst gesetzt hatte. 1913 bekommt Sigrid Undset ihr erstes Kind, einen Sohn. Ihr zweites Kind, eine Tochter, wurde 1915 geboren. Es blieb ein geistig unterentwickeltes Kind, das mit 23 Jahren starb. Dennoch wurde es im Kreis der Familie gepflegt. Das dritte Kind, ein Sohn, wurde 1919 geboren.

Aufgewachsen in einer „gesunden unchristlichen Atmosphäre“

In ihrem bürgerlich-protestantischen Elternhaus war Sigrid Undset, wie sie noch 1915 sagte, in einer „gesunden unchristlichen Atmosphäre“ aufgewachsen. Erst ihr großes Verantwortungsbewußtsein für eine moralische Lebensführung war ihr Veranlassung dafür, daß sie sich auch über Religion Gedanken machte, wie das auch schon aus ihrem oben behandelten Vortrag hervorgeht. Sigrid Undset war - schon von ihrem Vater her - tief in der norwegischen Geschichte, der vorchristlichen wie der mittelalterlichen, verwurzelt. „Ich habe 2000 Jahre in diesem Land gelebt,“ sagte sie einmal von ihrer Heimat Norwegen (3, S. 17). Wohl durch persönliche Lebenserfahrungen und durch die Auseinandersetzungen in ihrer Ehe, sowie in der Auseinandersetzung mit den materialistischen Lebensanschauungen ihrer Zeit kam es zunehmend mehr zu einer Beschäftigung mit den moralischen Grundlagen der abendländischen Kultur.

Im Verlauf derselben konnte sie dem christlichen Gedankengut überraschenderweise mehr als erwartet an Positivem entnehmen. Diese Beschäftigung mit dem Christentum war auch sehr stark durch ihre Forschungen zur Geschichte Norwegens mitbestimmt.

Der Roman, der sie berühmt machte und für den sie 1928 auch den Nobelpreis erhielt, war „Kristin Lavranstochter“. Er schildert ein bäuerlich-adliges Frauenschicksal des norwegischen 13. Jahrhunderts. Für die bäuerlich-christlichen Lebenseinstellungen im Norwegen des 13. Jahrhunderts entwickelte Sigrid Undset tiefes Mitgefühl. Es war aus den eigenen Forschungen geboren, die sich auch gegen eine in den 1920er Jahren vorherrschende Sichtweise wendeten, welche betonten, daß das Christentum im Mittelalter in den skandinavischen Ländern nur sehr gering Wurzel gefaßt hätte (3, S. 37f). „Kristin Lavranstochter“ gilt als ein Roman, der nicht nur detailgetreu die Lebenswelt und -haltung norwegischer bäuerlich-adliger Familien des 13. Jahrhunderts wiederzugeben in der Lage scheint, sondern gleichzeitig darin eingeschlossen auch noch sehr „moderne“ Lebensfragen mitbehandelt. Einige Kritiker haben Zweifel geäußert, ob die ehelichen Auseinandersetzungen in der im Roman geschilderten Art von Menschen des 13. Jahrhunderts schon in dieser Weise hatten empfunden werden können (4, S. 19f).

Vielleicht darf diese Frage im Wesentlichen aber wohl doch bejaht werden. Werden hierbei doch so rein menschliche Fragen von Ehe und Familie behandelt, daß sie Gesellschaften zu allen Zeiten bewegt haben müssen, in denen noch ein Funke von kulturellem und biologischem Überlebenswillen - bewußt oder unbewußt - vorhanden war.

Schon 1919 hatte Sigrid Undset eine Aufsatzsammlung unter dem Titel „Der Standpunkt einer Frau“ veröffentlicht. Da sie selbst eine emanzipierte Frau war, war sie natürlich voller Sympathien und Verständnis für solche Frauen, die in ihrem Kampf für die politischen und wirtschaftlichen Rechte der Frau noch sehr viel Hohn und Spott ernteten.

Dennoch war sie gegen alle neuerworbenen Freiheiten, die eher als „Privilegien“ denn als „Verbindlichkeiten“ formuliert worden waren. Eine Frage danach, wie „gleich“ sich die Geschlechter ihrem Wesen nach seien, gab es für sie nicht. Ausschlaggebende Bedeutung für die menschliche Gesellschaft hatte für sie der natürliche Wunsch der Frau nach Haus und Kindern. Wenn die emanzipierte Frau ihre neugewonnenen Rechte mit ihrer Rolle als Mutter nicht harmonisieren könne, so könne sie ihrer Meinung nach doch nichtsdestoweniger Glück in der Mutterschaft finden. Denn deren Pflichten und Verbindlichkeiten, sowie große und kleine Freuden würden die wirkliche Rechtfertigung des Lebens der Frau darstellen (3, S. 34).

Es ist unübersehbar, daß aus solchen Einstellungen heraus die bedeutenderen Werke Sigrid Undsets ihren Gehalt beziehen: „Sitten und Gewohnheiten ändern sich fortwährend,“ sagt sie: „Der Glaube der Menschen verändert sich ebenfalls und sie denken unterschiedlich über viele Dinge. Aber das menschliche Herz ändert sich durch alle Jahrhunderte nicht im geringsten.“ (3, S. 18)

Die drei Teile des Romans „Kristin Lavranstochter“ erschienen nacheinander: „Der Kranz“ 1920, „Die Hausfrau“ 1921 und „Das Kreuz“ 1922. Alle drei können erschüttern. Alle wurden zumeist in späten Nachtstunden geschrieben, während tagsüber ein Haushalt mit Kindern versorgt und die für den Roman notwendigen geschichtlichen Studien angestellt werden mußten. Der Ehemann Sigrid Undsets besuchte noch gelegentlich die Familie, aber am 24. November 1924, zugleich mit dem Übertritt Sigrid Undsets zum Katholizismus, wurde die Ehe geschieden.

Somit ist es keineswegs falsch, die in den Romanen geschilderten Eheprobleme auch als persönliche Lebenserfahrungen Sigrid Undsets anzusprechen. So kann etwa auch in der tieferen Bindung der Romanfigur Kristin Lavranstochter an ihren Vater Lavran die eigene starke Bindung Sigrid Undsets an ihren früh verstorbenen Vater wiedererkannt werden.

Auch noch nach dem Übertritt zum Katholizismus schrieb Sigrid Undset viele Romane und Novellen. Sie wurden zum Teil sogar zuerst in deutscher Sprache veröffentlicht. Ob diese nun noch die gleiche innere Kraft besitzen, wie jener Roman, der ihre eigenen tiefsten inneren Auseinandersetzungen in ehelichen und religiösen Fragen widerspiegelt, ist - vielleicht mit gewissem Recht - angezweifelt worden (5, S. 9; 3, S. 7).

Es werden unter anderem Menschen geschildert, die schließlich zum Katholizismus übertreten. Andere Schriften nehmen zu Fragen der Zeit Stellung. In „Begegnungen und Trennungen“ (1931) wird deutlich, wie stark sie sich auf den katholischen Standpunkt festgelegt hatte. Sie schreibt recht rigoros und fast mit dem typischen Fanatismus des Konvertiten: „Vorchristliches Heidentum ist ein Liebesgedicht an einen Gott, der verborgen blieb oder es ist ein Versuch, die Gunst der göttlichen Mächte zu erlangen, deren Gegenwart der Mensch um sich her fühlte. Das neue Heidentum ist jedoch eine Kriegserklärung an einen Gott, der sich selbst enthüllt hat.“ (3, S. 45) Damit war natürlich der christliche Gott gemeint.

Auch aufgrund anderer Schriften („Fortschritt, Rasse, Religion“, 1935) sah sie sich 1940, bei der Besetzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht, veranlaßt, über Schweden, Rußland und Japan in die USA zu flüchten. Ihr ältester Sohn fiel bei der Verteidigung Norwegens (3, S. 46). Nach dem Krieg und ihrer Rückkehr in die Heimat verfaßte sie eine Schrift über „Die Umerziehung der Deutschen“. In ihren Frühwerken und in „Kristin Lavranstochter“ werden die Lebensfragen moderner Menschen mit großer Wahrhaftigkeit aber auch mit einem inneren Anliegen geschildert. Natürlich schleicht sich besonders in „Kristin Lavranstochter“ auch so manche Wendung mit ein, die eigentlich nur von einem christlichen Standpunkt aus leichter nachvollziehbar wird.

Persönlichkeiten von starker Kontur

Von einer Menge sonstiger „moderner“ Literatur hebt sich dieser Roman aber eben dadurch stark ab, daß sich die in ihm geschilderten Menschen keineswegs damit abfinden, daß der Mensch „sündhaft ist von Jugend auf“, sondern sich ihrem Schicksal als Persönlichkeiten von starker Kontur stellen. Eine solch extreme oder elementare Auseinandersetzung mit wesentlichen Lebensfragen findet man doch eigentlich seltener in der sogenannten „modernen“ Literatur des 20. Jahrhunderts.

Diese Unterschiede sollten genauso gesehen werden wie die Gefahr, daß durch einen Roman wie „Kristin Lavranstochter“ der Leser wieder in den Schoß der alleinseligmachenden katholischen Kirche zurückgeführt werden könnte. Gerade weil solche Gefahren in der heutigen Zeit zunehmend entspannter gegenüber getreten werden kann, wird man sich heute den offensichtlichen Vorzügen einer Schriftstellerin wie Sigrid Undset doch mit viel größerer Unbefangenheit nähern können, als das vielleicht in früheren Jahrzehnten in nicht-christlichen Kreisen der Fall gewesen sein mag.

Keine Einseitigkeit

Es macht den Wert der Werke dieser beiden Schriftstellerinnen aus, daß in ihnen die „weibliche Sicht“ des menschlichen Lebens dadurch ins Allgemein-Menschliche und in einen nicht durch ein Geschlecht bestimmten, dominierten Denk- und Wahrnehmungsbereich gehoben wird, daß der „männliche Standpunkt“ akzeptiert und anerkannt wird und daß aus der Unterschiedlichkeit beider Sichtweisen nach dem vereinigenden, beide Gegensätze aufhebenden Prinzip gesucht wird.

„Männliche“ Romane, das heißt Werke männlicher Autoren, stellen meistens andere Gesichtspunkte in den Vordergrund, als das in den Werken dieser beiden Autorinnen geschieht. Oft handelt es sich bei „männlichen“ Romanen um Auseinandersetzungen mit „unpersönlichen“, auf die Sache bezogenen Dingen. Es geht um einen „Hof“ (Bauernhof), um ein Handels-Unternehmen, um einen „Kampf“, um die Jagd, um Abenteuer, um etwas Politisches, natürlich oft auch um kriminalistische Dinge und viele ähnliche Themen. Unter den vielen anderen behandelten Themen ist dabei natürlich eines auch den Beziehungen zwischen Mann und Frau oder den Beziehungen zwischen Erwachsenen und ihren Kindern gewidmet, beziehungsweise dem Verhältnis zwischen den Generationen in einer Familie.

Wenn man jedoch die Art der Behandlung dieses Themas in den Romanen männlicher Schriftsteller mit derjenigen in den Romanen weiblicher Schriftsteller (wie den beiden hier ausgewählten) vergleicht, so fällt auf, daß die zuletzt genannten Themen von den männlichen Schriftstellern doch zumeist eher nur „rudimentär“, umrißhaft, die Umrisse andeutend behandelt werden. Dies wird eigentlich erst im Vergleich deutlich.

Wenn an dieser Stelle solche Urteile gefällt werden, sollte aber gleich betont werden, daß es eine nur typisch „männliche“ oder nur typisch „weibliche“ Behandlung eines Themas wahrscheinlich in diesem Extrem gar nicht gibt oder geben kann. Solche Beschreibungen können immer nur gewisse Tendenzen benennen, die in ganz verschiedene Formen gefaßt sein können und zwischen denen es sicherlich zahlreiche Übergangsformen gibt.

Bei männlichen Schriftstellern werden schon allein aus der „berufsbedingten“ Interessenrichtung eines Schriftstellers heraus, der sich ja in das Handeln seiner Protagonisten hineinversetzen muß, „weibliches“ Einfühlungsvermögen und weibliche Interessenrichtungen häufiger und ausgeprägter anzutreffen sein, als bei dem durchschnittlichen Vertreter des männlichen Geschlechtes. Aber gerade aus diesem Grund wiederum tritt die Verschiedenheit bedeutender männlicher und weiblicher Autoren noch mehr in den Vordergrund, wenn sogar unter dieser Voraussetzung die Unterschiede noch festgestellt werden. Als Beispiel gelungener weiblicher Charakterstudien und der gelungenen Beschreibung der Beziehungsgeflechte zwischen Mann und Frau und Eltern und Kindern auch aus weiblicher Sicht kann etwa Theodor Storm herangezogen werden. Aber selbst hier meint man, Unterschiede in der Schwerpunktlegung zu solchen Autorinnen wie Jane Austen oder Sigrid Undset erkennen zu können, die nicht nur auf der Individualität der jeweiligen Autoren beruhen, sondern wohl auch auf ihrem Geschlecht.

Man möchte meinen, daß selbst bei so stark sich in die Gefühls- und Lebenswelt der Frau einfühlenden Romanen und Novellen, wie etwa denen Theordor Storms oder Friedrich Hölderlins die eher männliche Art der Behandlung noch recht deutlich spürbar ist – beziehungsweise gar nicht geleugnet werden kann. Es könnte ein interessantes Experiment sein, Versuchspersonen, die bestimmte Romane und deren Autoren nicht kennen, daraufhin zu fragen, welches Geschlecht sie dem Autor eines bestimmten Romanes zusprechen würden, den sie zunächst anonym gelesen haben.

Beziehungen stehen im Vordergrund

Aber es scheint, daß gerade um solcher Unterschiede willen die Romane von Schriftstellerinnen wie Jane Austen oder Sigrid Undset ihre ganze Bedeutung erhalten. Bei ihnen steht das Beziehungsgeflecht zwischen den männlichen und weiblichen Lebensantrieben, den beiderartigen Reaktions- und Erlebnisweisen ohne Zweifel und ganz eindeutig viel stärker im Vordergrund, als bei den meisten männlichen Autoren. In diesem großen Haus der Gefühle und der nüchternen, vernunftmäßigen Überlegungen werden Räume, Stuben, Winkel und Keller ausgeleuchtet, von denen der die bloß männerweltliche Erlebnisweise darstellende Schriftsteller oftmals nicht die geringste Ahnung hat oder für die er bei weitem nicht einen solchen „Sensor“ oder auch nur ein so umfangreiches Interesse bekundet.

Wichtig erscheint aber in diesem Zusammenhang, daß dieses Ausleuchten zumindest bei den bedeutenderen Romanen dieser beiden Schriftstellerinnen – wie etwa bei „Kristin Lavranstochter“ und „Frühling“ von Sigrid Undset oder „Verstand und Gefühl“ und „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen – nicht in einem (so möchten wir es nennen) „banal-weiblichen“ Sinne erfolgt.

Das „Banal-Weibliche“ soll an dieser Stelle so verstanden sein, daß es sich immer dann ergibt, wenn das beim Mann stärker ausgeprägten Verantwortungsgefühl oder sein Sinn für einen mehr überpersönlichen Aufgabenbereich, für die Interessen der größeren Allgemeinheit, die Beziehungen zu außerfamiliären Umwelten (in Bezug auf Politik, Beruf, Landbesitz, ...) ausgeklammert und unberücksichtigt bleiben oder nicht in ihrer zentralen Rolle als Problem der männlichen Persönlichkeit anerkannt und gewürdigt werden. Diese Themen bilden ja bekanntermaßen, wie schon angeführt, einen oft größeren, umfangreicheren Teil des Inhalts von „männlichen“ Romanen.

Darauf nun aber ungeteilte Rücksicht genommen zu haben, ohne dabei den eigenen weiblichen Standpunkt völlig geleugnet zu haben (viel mehr ihn dadurch erst in eine größere Allgemeingültigkeit emporgehoben zu haben) – in diesem Umstand könnte die tiefere Bedeutung der Romane Jane Austen’s oder Sigrid Undsets begründet sein.

Die Tatsache, daß man Kinder hat

Der „weibliche“ Standpunkt berücksichtigt nun natürlicherweise immer (auch) das Frauenschicksal in einer ganz bestimmten Weise: Es handelt sich um eine größere Orientierung auf die Tatsache, daß man Kinder hat (und den Standpunkten, die sich daraus ergeben). Es handelt sich oft um das Erlebnis von Schwangerschaft und Geburt, um das Erlebnis von Untreue, Wankelmütigkeit und Unsicherheit des Mannes - gerade auch in dem zuvor genannten Zusammenhang -, sowie um die oftmals größere (sozusagen „materielle“) Abhängigkeit der Frau von verschiedenen (Lebens-)Entscheidungen des Mannes. Umgekehrt könnte für natürliche Lebensverhältnisse auch die größere geschlechtliche Abhängigkeit des Mannes von der Frau genannt werden. Und tatsächlich spielt sie ja auch als Roman-Thema in „männlichen“ Romanen eine wohl nicht ganz unbeträchtliche Rolle. In männlichen Romanen wird oft die eher selbstsüchtige Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau, eine große oder unglückliche Liebe und Leidenschaft und ihre Widerstände und Hemmnisse (etwa Standesschranken usw.) von dem mehr uneigennützigen Handeln im außerpersönlichen Bereich getrennt gehalten.

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  1. Vogel, Christian; Sommer, Volker: Drum prüfe, wer sich ewig bindet ... In: Funkkolleg „Der Mensch. Anthropolgie heute.“ Studienbrief 8, Tübingen 1992
  2. Schleidt, Margret: Halt mich fest, laß mich los. Kind und Eltern. In: Funkkolleg „Der Mensch. Anthropologie heute.“ Studienbrief 9, Tübingen 1992
  3. Bayerschmidt, Carl F.: Sigrid Undset. Twayne Publishers, New York 1970
  4. Hallström, Per: Verleihungsrede anläßlich der Überreichung des Nobelpreises für Literatur an Sigrid Undset am 10. 12. 1928. In: Sigrid Undset: Frühling (Roman, 1913). Coron-Verlag, Zürich 1967, S. 15-22
  5. Strömberg, Kjell: Kleine Geschichte der Zuerkennung des Nobelpreises an Sigrid Undset. In: siehe 4, S. 7-14

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