Sonntag, 29. Dezember 2024

Der prägende Charakter des Ersterlebnisses der Geschlechtlichkeit als Paar

Das gemeinsame Entdecken der Sexualität als Paar
- Das Erleben der Urgewalt der Geschlechtlichkeit
- Die Ersterfahrung der Sexualität prägt tiefgehender für das weitere Leben
- Das "Erste Mal" wirft Licht oder Schatten auf das weitere Leben

Frauen, die bei ihrem "Ersten Mal" einen Orgasmus erleben, haben fünf bis zehn Jahre später genauso viel Lust auf Sex wie Männer. Allerdings sind das aktuell nur 12 % aller heterosexuellen Frauen. (Und dabei sind solche, die das Erste Mal als Kind und/oder erzwungen erlebt haben, schon heraus gerechnet.) (1)*)

Abb. 1: Ein Mann und eine Frau - Skulptur von Stephan Abel Sinding (1846-1922), 1889

Das ist - kurz gefaßt - das Ergebnis einer kanadischen Forschungsstudie, die 2022 prominent erschienenen ist (1). Sie will darauf aufmerksam machen, daß die beträchtlichen Geschlechtsunterschiede in der Sehnsucht nach geschlechtlicher Vereinigung (das sogenannte "gender gap" diesbezüglich) zu größeren Teilen "erlernt" sein könnten und nicht "naturgegeben", sprich angeboren sind. Und zwar erlernt und "geprägt" in beträchtlichem Umfang während der "sensiblen Phase" des Ersterlebnisses der Geschlechtlichkeit mit einem anderen Partner.

Schon seit hundert Jahren ist in der Sexualpsychologie davon die Rede, daß das Ersterlebnis der Geschlechtlichkeit mit einem Partner eine starke, prägende Macht für beide Geschlechter besitzt. Seit Konrad Lorenz entdeckte, daß es Prägung und prägungsähnliches Lernen gibt, und noch mehr seit die besondere Rolle des Bindungshormons Oxytocin erkannt worden war nicht nur für die Bindung zwischen Eltern und Kind, sondern auch für die Bindung der Geschlechter untereinander, hatte schon immer gemutmaßt werden können, daß das Ersterlebnis der Geschlechtlichkeit als Paar ein prägungsähnlicher Lernvorgang sein könnte. Und diese Vermutung erhält nun durch die neue Studie deutliche Bekräftigung.

Aus wissenschaftsgeschichtlicher Sicht kann gesagt werden: Daß das Ersterlebnis der Geschlechtlichkeit ein sehr prägender Vorgang sei, war schon im Jahr 1919 einer der Grundgedanken eines damals erschienenen Buches, nämlich von Seiten einer deutschen Psychiaterin und Frauenrechtlerin. Diese hat zu jener Zeit über die Inhalte ihres Buches auch viel besuchte Vorträge an der Universität München gehalten. Sie schrieb über ein ernstes Gesetz der Geschlechtlichkeit, der Sexualität, von ihr auch "Paarungswillen" benannt, das sagt (2, S. 63) ..

... daß die Art und Weise, in der der einzelne Mensch zum ersten mal in seinem Leben die Beglückung erlebte, weitgehend den Ausschlag gibt für die Art und Weise, in der sich dies Erleben am sichersten wiederholt.

Oder an anderer Stelle (2, S. 78):

Die Gesetzmäßigkeit der Eigenart des Erlebens im Einzelleben wird für das ganze Leben in hohem Grade bestimmt durch die Art der ersten Erlebnisse der Beglückung in der Jugendzeit.

Das Wort Beglückung war in späteren Auflagen ihres Buches als Eindeutschung des Wortes Orgasmus benutzt worden. Dieses Buch beschäftigt sich über viele, viele Seiten und Kapitel hinweg mit der scheinbar geringeren Orgasmus-Fähigkeit der Frauen im Vergleich zu der der Männer. Sie schreibt darüber etwa einleitend auch (2, S. 37):

Angesichts der Versuchung für die ärztliche Wissenschaft, einen allerdings "unnatürlichen" Zustand mit Krankheit zu verwechseln, müssen wir es fast begrüßen, daß erst in allerjüngster Zeit die Tatsache beachtet und bemerkt und mit einem Namen benannt wurde, daß sich überhaupt erst ein einziger Mediziner (O. Adler) eingehend mit der sogenannten "Frigidität" oder "Kälte" der Frauen befaßt hat.

Sie bezieht sich hier auf ein klassisches Werk der Sexualforschung mit dem Titel "Die mangelhafte Geschlechtsempfindung des Weibes" (1906, 1910 und 1919) (Arch). Der Autor Otto Adler (geb. 1864) wirkte als Sanitätsrat und Arzt in Berlin.

Abb. 2: Der Kuß - Skulptur von Auguste Rodin, 1880

Einige Seiten weiter wurde ausgeführt, beim weiblichen Geschlecht zeige sich (2, S. 83) ...

... innerhalb des Einzellebens ein Anwachsen der Hormonbildung, also auch die Eignung zum Erleben der Beglückung (der orgastischen Fähigkeit), welche ihren Höhepunkt erst ein Jahrzehnt später als beim männlichen Geschlecht, also in dem dritten und vierten Jahrzehnt erreicht. (...) Die Abgabe der betreffenden Hormone an den Blutkreislauf wird bis zu gewissen Grenzen neu angeregt durch das Erleben der Beglückung, so daß also allmählich durch ein häufiges Erleben derselben (...) auch vom weiblichen Geschlechte eine dauernde Erregbarkeit erworben werden kann.

Die genannte Studie aus dem Jahr 2022 hatte nun nur Männer und Frauen zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr befragt.

Nach den eben zitierten Worten könnten sich die Zahlenverhältnisse in späteren Lebensjahrzehnten womöglich noch einmal verändern. Das scheint zwar durch Forschungsstudien wie jene von 2022 noch nicht ähnlich gut erforscht zu sein. Allerdings wird dieses Thema ja inzwischen in einer umfangreichen Literatur auch umfangreich behandelt, oft auch nur aufgrund von einzelnen Lebensgeschichten. Greifen wir aus dieser willkürlich ein Fallbeispiel heraus:

Frau, Jahrgang 1955, DDR, uneheliches Kind, als Erwachsene langjährige Bankangestellte. Die Mutter war immer sehr verklemmt. Noch am Badestrand hat die Mutter sorgsam darauf geachtet, daß ihr Rock nicht über die Knie hoch gerutscht ist. Mit 17 Jahren erlebte die Tochter ihr Erstes Mal. Es war für sie "nichts", weder positiv noch negativ in irgendeiner Weise bemerkenswert. Mit demselben Partner war sie dann 25 Jahre verheiratet und hatte mit ihm zwei Kinder. Die Pille, die sie nahm, roch schrecklich. Sie wollte oft auf der anderen Seite aus dem Bett wieder hinaus, da sie so gar keine Lust auf Sex hatte. Der Sex fand auch immer unter der Decke statt, geziert und "geschamig". Einen Orgasmus, so sagt sie, hat sie dabei vermutlich nie erlebt. Die Lust auf Sex nahm auch immer mehr ab, da sie eben gar keinen Orgasmus erlebt hat. Das wurde ihr aber, so sagt sie, erst später klar: "Wenn beide keine Ahnung haben, verklemmt aufgewachsen sind, woher soll dann die Erfahrung, das Wissen kommen? Wir lebten in der Ehe wie unter einer Glocke, waren beide verklemmt und auch nicht experimentierfreudig." Schließlich ist ihr Mann nach 25 Ehejahren gestorben. Es gab eine längere Trauerzeit.

Dann hatte sie eine Affäre mit einem Mann, in der sie den Sex zum ersten Mal als spektakulär, außergewöhnlich, ungehemmt und mit Orgasmus erlebt hat. Seither ist sie sexuell sehr aktiv, rege, interessiert,  sie hat Orgasmen wie Tsunamis, wie überwältigende Naturereignisse, die für sie selbst wie für den Mann als zutiefst befriedigend erlebt werden.

Ein solches Fallbeispiel erscheint uns wesentlich, um das Ergebnis der Forschungsstudie von 2022 auch noch in einen größeren Rahmen einordnen zu können. Zwischen ihrem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr würde die beschriebene Frau genau zu dem passen, was in der Studie festgestellt worden war. Aber die Lebensphase danach ist eben von der genannten Studie noch nicht in Augenschein genommen worden und sie zeigt, daß sich da doch noch etwas sehr beträchtlich weiter entwickeln konnte. 

Abb. 3: Gemälde von Michelangelo in der Sixtinische Kapelle (Das erste Menschenpaar), 1509 (Wiki)

Schon 1919 aber war vermutungsweise geäußert worden, daß Frauen, die eine solche volle orgastische Fähigkeit entwickelt hätten, das Klimakterium nicht mit so starken hormonellen Schwankungen erleben würden, wie dies eben viele Frauen erleben, bei denen sich diese Fähigkeit nicht entwickelt hätte (2, S. 83):

Das ist auch der Grund, weshalb diese Jahre des Klimakteriums für alle die Frauen, deren Paarungwille voll entwickelt ist, die Beglückung erlebt haben, allem Anschein nach nicht die große und plötzliche Umwälzung bedeutet wie für die ungeweckten Frauen.

Und einige Seiten weiter hieß es in diesem Buch von 1919 (2, S. 89):

Leider ist die Art der Gemeinschaft, die das Mädchen zur Frau erwecken soll, oft sehr wenig dazu angetan, die Vorstellung von der Sündhaftigkeit und Unreinheit der "Sinne" siegreich beseitigen zu können. Denn in sehr vielen Fällen ist der betreffende Mann gerade zur Erfüllung dieser Aufgabe (...) auffallend wenig geeignet.

Und an diesem Umstand hat sich mehr als hundert Jahre später - nach "sexueller Revolution" und nach gesellschaftsweiter sexueller Aufklärung in allen Formen und Varianten, nach Pornographisierung ganzer Gesellschafts- und Kulturbereiche so gut wie gar nichts geändert. So daß der letztzitierte Satz ebenso gut auch von den beteiligten Forscherinnen der Studie von 2022 hätte stammen können, die sich nämlich in ganz ähnlichem Sinne äußern.

Einiges zum Stand des Nachdenkens und Forschens über diese Thematik im Jahr 1919

1919 wurde weiter ausgeführt (2, S. 89):

Wäre nicht die Vorbedingung, daß das männliche Geschlecht die zarteste Rücksicht nähme auf die langsame, so sehr verschiedene Entfaltung der orgastischen Fähigkeit beim Weibe? (...) Wäre es nicht Vorbedingung, daß der Mann seine Wünsche durch diejenigen der Frau ebenso sehr bestimmen ließe, wie sie sich von seinen Wünschen leiten läßt? (...) Wäre es nicht von ungeheurer Wichtigkeit, daß auch beim männlichen Geschlecht die Vergeistigung möglichst unterstützt würde, statt daß man sie verhindert? So sehen wir durch die heute herrschenden unnatürlichen und unerfreulichen Gewohnheiten die Vollentwicklung vieler Frauen sehr erschwert. (...) Entwickelt werden beim weiblichen Geschlechte selbstverständlich, ebenso wie beim männlichen, der Paarungwille und auch die Minne nur durch das Erleben der Beglückung.

Auch mit den letztzitierten Worten wird schon 1919 fast diesselbe Aussage getätigt wie sie nun durch eine kanadische Forschungsstudie des Jahres 2022 bestätigt worden ist, wo auch festgestellt wird: nur durch das Erleben des Orgasmus während des Ersterlebnis entsteht in der Frau in den weiteren Lebensajahren ebenso viel Lust an der Geschlechtlichkeit wie beim Mann.

Abb. 4: Zwei Menschen, Skulptur von Josef Thorak, 1938

Über die Folgen des womöglich vor allem durch Umwelteinflüsse entstandenen Geschlechterunterschiedes in Bezug auf die Lust auf geschlechtliche Vereinigung hieß es 1919 weiter (2, S. 91):

Die Zahl der Frauen, die bei der Paarung an sich die Beglückung nicht oder nur selten erlebt, wird wohl ungefähr mit 60 % angegeben werden. Viele Erfahrungstatsachen der ärztlichen Sprechstunde weisen allerdings daraufhin, daß in Wirklichkeit ihre Zahl ganz erheblich größer ist. (...) (Denn) wegen der gänzlich falschen Vorstellungen machen fast alle ungeweckten Frauen in diesem Punkte zunächst auch vollständig falsche Angaben. (...) Selbstverständlich bewirkt die Gemeinschaft bei den meisten Frauen eine starke Erregung und erweckt auch Wohlempfinden bei fast allen ungeweckten Frauen dank der "erogenen Zonen", was dann mit dem Erleben der Beglückung einfach verwechselt wird. (...) Diese Gesetzmäßigkeit (...) lastet wie ein Fluch des Mißverstehens und der Zerstörung über unzähligen Ehen. All diese Frauen leben unter ungesunden Verhältnissen, ihre nervöse Reizbarkeit, ihre ungeklärte Bitterkeit und andere Folgeerscheinungen unterwühlen die Zuneigung zum Mann. Aber gerade die gesteigerte Erregung, die viele dieser armen Frauen zeigen, verbirgt ihnen und dem Mann die Tatsache ihrer Ungewecktheit meist vollends.

Es wird auch heute noch keinerlei Zweifel unterliegen können, daß sich der genannte - offenbar zu nicht geringen Teilen während des Ersterlebnisses erworbene (!?!) - Geschlechtsunterschied in Bezug auf die Lust zur geschlechtlichen Vereinigung weitreichende Auswirkungen auf die eheliche Zufriedenheit und damit das familiäre Glück von Millionen Menschen weltweit und schließlich auch auf die Erfahrung von Scheidungskindern hat.

An anderer Stelle wird noch einmal deutlich hervorgehoben (2, S. 92):

Aus diesen Tatsachen geht nun klar hervor, daß die Beglückung der Frau im hohen Grade abhängig ist von der Stärke des Wunsches beim Manne, ihr dieselbe zu bereiten.

Ja, schon im Jahr 1919 ist man noch viel weiter gegangen (2, S. 96):

Auch für die geistige Schöpferkraft des weiblichen Geschlechtes muß es von weittragender Bedeutung sein, daß ein großer Teil der Frauen ungeweckt durchs Leben geht. (...) Wir finden von schaffenden Geistern häufig beteuert, daß die Beglückung eine erhöhte Schaffenskraft auslöst, während wieder andere versichern, daß das Entbehren der Beglückung den Schaffensdrang steigert und die schöpferische Leistung ein Ersatzausgleich sei. So widerspruchsvoll diese Angaben auch sind, so viel läßt sich heute schon mit Sicherheit aus der Lebensgeschichte der Schaffenden ableiten: die Minne muß zu vollem Leben erweckt, die Beglückung irgendwann einmal erlebt sein, oder aber sie muß bewußt entberhrt und ersehnt sein, wenn die Schaffenskraft zur vollen Blüte gelangen soll. Aber ein Erleben der Paarung ohne Erleben der Beglückung stumpft die Schaffenskraft ab.

Man wird sich womöglich an die lebenslang entfaltete starke Schaffenskraft einer Dichterin wie Agnes Miegel erinnert fühlen, die durch ein offenbar sehr leidenschaftlich und vergeistigt erlebtes Ersterlebnis mit dem Dichter Borries von Münchhausen zumindest nicht abgestumpft worden ist. In einer Fülle von Gedichten des dritten Lebensjahrzehnts von Agnes Miegel zittert diese leidenschaftliche Begegnung mit Borries von Münchhausen nach, obwohl die Dichterin diesen Umstand vor der Öffentlichkeit bis an ihr Lebensende sorgsam verborgen gehalten hat (s. Stg25).

Abb. 5: Gemälde von Hermann Körschner (1907-1945) (Titel "Zwei deutsche Menschen"), 1938 (Inv)

Schon in früheren Kapiteln des Buches von 1919 wird auf Gesetzmäßigkeiten der Beglückung beider Geschlechter hingewiesen wie sie aus der Evolution der Geschlechtlichkeit abgeleitet werden können. Schon bei den Fischen nämlich sei ein "Nacheinander" von Eiablage durch das Weibchen und Besamung durch das Männchen zu beobachten, was beides schon zumindest mit Wohlempfinden auf Seiten der beteiligten Tiere verbunden sei. Daraus leitet die Autorin für das Wohlempfinden, bzw. den daraus evoluierten Orgasmus ab (2, S. 23):

Wir begreifen, daß es zeitlich nacheinander folgen muß, so zwar, daß das männliche Geschlecht es erst später erlebt. Dieses Grundgesetz des zeitlichen "Nacheinander der Beglückung" bleibt bis in die höchsten Entwicklungsformen in der Mehrheit der Fälle erhalten. (...) Endlich wollen wir nicht vergessen (...), daß der Zeitpunkt der geschlechtlichen Betätigung in den stammesgeschichtlich ältesten Zeiten vom weiblichen Tiere bestimmt wurde, da sich ja die Absonderung der männlichen Fortpflanzungszellen mit Gesetzmäßigkeit der weiblichen Eiablagerung anschließt.

Und einige Seiten weiter heißt es diesen Gedanken weiter führend (2, S. 32):

Deshalb blieb die Ungleichzeitigkeit bis auf den heutigen Tag in der großen Mehrheit der Fälle bestehen, und die Beglückung ist für das weibliche Geschlecht nur dann gesichert, wenn sie bei der Gemeinschaft früher eintritt als beim männlichen Geschlecht.

Der Orgasmus der Frau soll also eintreten vor dem Orgasmus des Mannes, ein Gedanke, der inzwischen auch in der heutigen Ratgeber-Literatur sehr häufig benannt ist. 

In einem weiteren Kapitel ("Entwicklung des Paarungswillens zur Minne") wird sehr ausführlich darauf eingegangen, wie es beim Menschen zur Vergeistung des Paarungswillens, zur Beseelung der Geschlechtlichkeit, der Sexualität kommen kann, zum Erleben beseelter Vereinigung, zu Erotik, eingedeutscht zu "Minne". Hierbei wird dem Schönheitswillen, der schon in der Tierwelt eine so große Rolle spielt, eine große Bedeutung zugesprochen, ebenso den aus Minnebegeisterung geborenen, bzw. von Minnebegeisterung handelnden Kunstwerken in Bild, Ton, Wort und Schrift (etwa schon in der "Ilias" des Homer). Und es wird dem Gedanken nachgegangen, inwiefern (2, S. 74) ...

... die natürliche Vergeistigung innerhalb des Menschengeschlechtes der drohenden Gefahr des Verlustes des Beglückung beim Weibe entgegenarbeitet.

Es mag hier erneut ein wesentlicher Gedanke angesprochen sein, der von den heute Denkenden und von den heutigen Kulturgestaltern und -übermittlern wohl noch viel zu selten in Augenschein genommen worden ist, zumal in einer atheistisch-materialistisch und platt-hedonistisch geprägten geistigen und kulturellen Atmosphäre.

Abb. 6: Skulptur von Edmund Moiret (Ungarn/Österreich) (1883-1966) (Titel: "Die Quelle"), 1940

Es wird dazu aber einschränkend weiter ausgeführt (2, S. 75f):

Wenn der Mensch die höchsten Entwicklungsstufen der Minne erleben will, so ist es für ihn von größter Bedeutung, daß die zunächst erforderliche körperliche Erweckung zur ("orgastischen" Fähigkeit) Beglückung von der gleichen Persönlichkeit ausgeht, die auch seelische Verwebungen der Minne auszulösen imstande ist. (...) Neben dem vielseitigen seelischen Austausch werden die Ausdrucksformen des Paarungswillens - die körperlichen Liebkosungen - zum Gleichnis der seelischen Verschmelzung und sind als solche geheiligt! -
Der Blick auf die Entwicklung des Paarungswillens zur Minne hat uns die überaus wichtige Erkenntnis gebracht, daß die natürliche Vergeistigung eine große Verinnerlichung und Bereicherung der Beglückung ermöglicht, die sich um so mehr verwirklichen kann, je häufiger die freie aus Minnebegeisterung geschlossene Wahl wird.

Es sei noch ein weitere Station aus der Wissenschaftsgeschichte zu diesen Fragestellungen heraus gegriffen. 

Einiges zum Forschungsstand von 1986

Da heißt es 1986 (10, S. 316-318):

Daß schließlich der weibliche Orgasmus, wie Symons (1980) meint, keine Funktion erfülle, weil ihn die Frauen viel zu selten erlebten, sollte man auch nicht unkritisch hinnehmen.
Immerhin erleben ihn nach den verschiedenen Erhebungen in England, den USA und Deutschland zwischen 31 und 50 Prozent und nur 2-14 Prozent der befragten Frauen niemals (...). Ferner ergibt die differenzierte Auswertung, daß vor allem Frauen in einer guten sexuellen Partnerschaft einen Orgasmus erleben. Nur 3 Prozent der Frauen, die mit ihrem Partner regelmäßig zum Orgasmus kommen, sind bereit, mit anderen Männern zu schlafen, gegenüber 10 Prozent der Frauen, die mit ihrem Partner keinen Orgasmus erleben (E. Chesser 1957). Die Bindung über die sexuelle Befriedigung ist demnach sicher von Bedeutung. (...)
Als bindendes Erlebnis scheint der Geschlechtsverkehr für die Frau einen besonderen Stellenwert einzunehmen. Möglicherweise besteht hier sogar ein Zusammenhang mit dem Geburtserlebnis. (...) Es kommt dabei auch zur Ausschüttung von Oxytocin. (...)
Es scheint mir, als würde der Zustand der Verliebtheit bei der Frau oft über den Orgasmus getriggert, als erfolgte mit ihm oft ein reflektorisches Einlinken in den physiologisch-psychologischen Ausnahmezustand, in dem eine fast irrationale Bindung an einen und nur diesen einen Geschlechtspartner stattfindet. Ich möchte das als Hypothese äußern.

Und (10, S. 331):

Der Mensch ist biologisch auf sexuelle Dauerpartnerschaft angelegt. Romantische Liebe ist nicht erst eine Erfindung der Neuzeit. Sie findet vielmehr bereits bei Naturvölkern vielfältigen Ausdruck, unter anderem auch in Liedern und Gedichten. (...) Mann und Frau sind in ihrer Sexualphysiologie auf sexuelle Dauerbindung programmiert; die Frau (...) durch die Fähigkeit, einen Orgasmus zu erleben, der sie emotionell bindet. (...) Bei einigen Säugern induziert die Geburt über einen hormonalen Mechanismus die Bereitschaft, das Kind anzunehmen und eine starke Bindung einzugehen. Es wäre zu prüfen, ob ein ähnlicher Bindungsmechanismus über den weiblichen Orgasmus aktiviert wird. Die hier entwickelte Bindungstherorie nimmt einen solchen Zusammenhang an.

Es wird deutlich, daß der Erkenntnisstand von 1986 noch nicht gar so weit über den hinaus ging, den es schon 1919 gegeben hat.

/ Ergänzung: Im Nachgang zur Veröffentlichung dieses Blogartikels wurde noch ein Video dazu aufgenommen (12): 

Ende Ergänzung. / 

Einiges zum Forschungsstand von etwa 2020

Vieles wird noch 1986 als "Hypothese" formuliert. Wenn man feststellen möchte, ob der Erkenntnisstand bezüglich der Rolle des Oxytocin's inzwischen weiter gekommen ist, kann der entsprechende Wikipedia-Artikel helfen (Wiki). Nach diesem spielt Oxytocin in den Bereichen Bindung, Liebe, Vertrauen, Lust und Orgasmus eine sehr beträchtliche Rolle. Dort heißt es (Wiki):

Die Forschungsergebnisse haben dazu geführt, daß Oxytocin in der Öffentlichkeit gelegentlich als Orgasmushormon, Kuschelhormon oder Treuehormon diskutiert wird. Tatsächlich ist die Signifikanz von Oxytocin für Fühlen und Handeln in zahlreichen Studien bestätigt.

Auf dem englischsprachigen Wikipedia heißt es noch deutlicher (Wiki):

Oxytocin beeinflußt den sozialen Abstand zwischen erwachsenen Männern und Frauen und ist möglicherweise zumindest teilweise für romantische Anziehung und die anschließende monogame Paarbindung verantwortlich. Ein Oxytocin-Nasenspray-Stoß führte dazu, daß Männer in einer monogamen Beziehung, jedoch nicht alleinstehende Männer, den Abstand zwischen sich und einer attraktiven Frau bei einer ersten Begegnung um 10 bis 15 Zentimeter vergrößerten. Die Forscher schlugen vor, daß Oxytocin dazu beitragen könnte, die Treue in monogamen Beziehungen zu fördern. Aus diesem Grund wird es manchmal als „Bindungshormon“ bezeichnet.
Oxytocin affects social distance between adult males and females, and may be responsible at least in part for romantic attraction and subsequent monogamous pair bonding. An oxytocin nasal spray caused men in a monogamous relationship, but not single men, to increase the distance between themselves and an attractive woman during a first encounter by 10 to 15 centimeters. The researchers suggested that oxytocin may help promote fidelity within monogamous relationships.

Interessanterweise spielt Oxytocin also auch für das Bindungsverhalten von Männern eine Rolle. Soweit ein zum Teil vielleicht sogar erhellender Blick in die Wissenschaftsgeschichte.

Die Presseerklärung zur Forschungsstudie von 2022

Nun soll zu der eingangs erwähnten kanadischen Forschungsstudie zurück gekehrt werden, nach der sich Frauen im dritten Lebensjahrzehnt genauso häufig nach inniger, körperlicher Vereinigung mit einem Mann sehnen wie sich umgekehrt Männer nach einer solchen mit einer Frau sehnen, wenn ..., ja wenn das Ersterlebnis der Geschlechtlichkeit für die Frau mit einer tiefen körperlichen (und womöglich auch seelischen) Befriedigung und Beglückung, mit einem Orgasmus einher gegangen ist (1). Wenn dies nicht der Fall ist, hat dies für Frauen hinsichtlich der Sehnsucht nach einer Wiederholung dieses Ereignisses Folgen für viele Lebensjahre. Das "Erste Mal" wird diesbezüglich von Seiten der Studie als eine "sensible Phase" beschrieben und charakterisiert, in der eine Prägung für viele weitere Lebensjahre stattfindet. In der Pressemitteilung der Universität Toronto heißt es zu dieser Studie (4):

Für die meisten Menschen ist der erste Sex mit einem anderen Menschen ein Lebensereignis von großer Bedeutung. Es bleibt unvergeßlich.
Doch Diana Peragine, eine Doktorandin in Psychologie an der Universität Toronto, hat kürzlich herausgefunden, daß diese Erfahrung auch nachhaltige Auswirkungen auf das geschlechtliche Verlangen heterosexueller Frauen im späteren Leben hat.
"Im Allgemeinen herrscht die Meinung vor, daß Frauen einen schwächeren Geschlechtstrieb haben als Männer - daß die Libidolücke groß und über die gesamte Lebensspanne hinweg stabil ist, weil Frauen grundsätzlich weniger Lust auf körperlich-seelische Vereinigung hätten als Männer", so erklärt Pergaine.
Peragine hat ihre Ergebnisse zusammen mit anderen Forscherinnen der Universität Toronto, mit Malvina Skorska und Jessica Maxwell, sowie mit den Professoren Emily Impett und Doug VanderLaan in der Studie "A Learning Experience? Enjoyment at Sexual Debut and the Gender Gap in Sexual Desire among Emerging Adults" ausführlich dargelegt. Sie wurde kürzlich im "Journal of Sex Research" veröffentlicht.
An der Studie nahmen 838 heterosexuelle Erwachsene teil, viele davon vom Campus der Universität Toronto. Und sie kam zu dem Ergebnis, daß sich Frauen in ihrem Verlangen nach Sex mit einem Partner nur dann von Männern unterschieden, wenn ihre erste geschlechtliche Erfahrung keine angenehme war - das heißt, wenn es bei ihrem „ersten Mal“ nicht zur Erfüllung, zum Orgasmus kam.

Der Familienname der leitenden Forscherin Diana Peragine (Resg) stammt übrigens aus Süditalien.**)

Abb. 7: Gemälde von Alfred Bernert (1893-1991) (Titel: "Erntezeit und junge Liebe"), 1941

Weiter heißt es in der Presseerklärung (4): 

"Frauen gaben im Vergleich zu Männern nur halb so häufig an, beim ersten Geschlechtsverkehr befriedigt worden zu sein, und hatten etwa achtmal seltener einen Orgasmus", sagt Peragine und fügt hinzu, daß Frauen, die beim ersten Mal einen Orgasmus erlebt haben, mehr an Sex mit einem Partner interessiert waren und ihr seitheriges Verlangen dem der Männer entsprach.
Sie sagt, dies lege nahe, daß wenn (ganz allgemein) die jeweils ersten Erfahrungen Lektionen von großer Auswirkung darstellen, der erste Geschlechtsverkehr darin keine Ausnahme bildet. 
"Für viele kann er als ‚Lernerfahrung‘ dienen und eine wichtige, um Erwartungen zu entwickeln, daß Sex angenehm sein kann, und Überzeugungen, daß wir es verdienen und ein Anrecht darauf haben, ihn zu genießen", sagt sie.
Die Studie ergab auch, daß die erste sexuelle Erfahrung von Männern keinen erkennbaren Einfluß auf ihr nachheriges sexuelles Verlangen hatte.

Und es wird weiter ausgeführt (4):  

"Anstatt wirklich von festen Geschlechtsunterschieden im sexuellen Verlangen zu sprechen, legen unsere Ergebnisse die Möglichkeit nahe, daß ein sexuelles Erstes Mal ohne Orgasmus ein häufiger Teil der sexuellen Sozialisation von Frauen sein könnte, bei dem sexuelle Aktivität möglicherweise nicht gefördert wird", sagt Peragine. "(Es handelt sich um ein) geschlechtliches Erstes Mal, das eher frustrierend denn erfüllend ist."
Sie weist darauf hin, daß frühere Untersuchungen gezeigt haben, daß Männer häufiger als Frauen unter Problemen mit hohem sexuellem Verlangen leiden, während Frauen eher Probleme mit geringem sexuellem Verlangen haben, und daß die Lustlücke zwischen gesunden Männern und Frauen auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt - was den Mythos aufrechterhält, daß Frauen von Natur aus einen schwächeren Sexualtrieb hätten als Männer.
Peragine sagt, sie wollte diese Untersuchung durchführen, weil sie sich fragte, ob das geringere sexuelle Verlangen von Frauen nicht besser durch ihren Mangel an Freude während ihrer ersten Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr erklärt werden könnte als allein durch ihr Geschlecht.
"Früher gab es die Vorstellung, daß sexuelles Verlangen wie Hunger oder Durst sei, der im Inneren entsteht und spontan auftritt", sagt sie. "Aber offensichtlich verstehen wir jetzt, daß es sich um ein dynamischeres Geschehen handelt, das auf Erfahrungen reagiert und daß lohnende sexuelle Erfahrungen unsere sexuellen Erwartungen prägen."

Und weiter (4): 

Letztlich hofft sie, daß die Studie, die zeigt, daß geringeres sexuelles Verlangen bei Frauen eher auf Erfahrungsunterschiede als auf Geschlechtsunterschiede zurückgeführt werden kann, weitere Forschungen zum „Geschlechtergefälle“ des sexuellen Verlangens anregt.
Sie fügt hinzu, daß die Forschung auch wichtige Auswirkungen auf die Sexualerziehung hat, die sich oft auf sexuelle Gesundheit und die Förderung von gesundem Sex konzentriert.
"Ich denke, diese Art von Arbeit könnte uns näher an Sexualerziehungsmaßnahmen bringen, die eine gesunde sexuelle Entwicklung im ganzheitlichen Sinne des Wortes fördern", sagt Peragine und fügt hinzu, daß die Forschung auch zeige, daß die erste Erfahrung des Geschlechtsverkehrs selbst eine Quelle der Sexualerziehung sein könnte. "Wir erkennen die realen, praktischen Erfahrungen junger Männer und Frauen mit Sex oft nicht an - obwohl sie vielleicht die am lehrreichsten von allen sind."

Beim Lesen entsteht ein wenig der Eindruck, als ob noch die leitende Forscherin selbst das volle Ausmaß der Schlußfolgerungen, die ihre Studie mit sich bringt, zögert zu benennen.

Abb. 8: Gemälde von Max Pietschmann (1865-1952) (Titel "Adam and Eva", 1894, (heute Nationalgalerie Prag)

Denn nachdem man das alles eine Weile auf sich hat wirken lassen, könnte doch auch langsam offensichtlich werden, was notwendig sein könnte, um diesen so tiefgreifenden und möglicherweise gar nicht natürlichen Geschlechtsunterschied zwischen Männern und Frauen zu vermindern. Eines Unterschiedes, der doch - offensichtlich - erhebliche Auswirkungen hat auf die eheliche Zufriedenheit, bzw. auf die Zufriedenheit von Paaren und damit auch auf familiäres Glück und Zufriedenheit.

Frauen müssen sich in vollem Umfang "mitgenommen" fühlen, akzeptiert fühlen, bereit fühlen, angenommen fühlen, geliebt fühlen, sicher fühlen, respektiert fühlen, verehrt fühlen, um das Erste Mal in vollem Umfang als beglückend, erfüllend und befriedigend erleben zu können, und zwar das alles nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. 

Sollte eine längere Phase der Werbung des Mannes um die Frau, ein sehr gutes gegenseitiges Kennenlernen beider dafür nicht eine besonders gute Voraussetzung bilden? Sollte dafür eine "ganzheitliche" seelische Aufwertung der Geschlechtlichkeit nicht hilfreich sein? Solle es dafür nicht hilfreich sein, daß in Kulturen weniger das Glück des Mannes im Mittelpunkt der Kulturgestaltung steht, sondern viel eher das Glück, die Zufriedenheit und die Erfüllung der Frauen? Denn die letzteren sind das sensiblere Geschlecht, das leichter auf negative oder bedeutungslose Erfahrungen reagiert als Männer. Warum wohl? Weil es womöglich im menschlichen Leben überhaupt vor allem um die Erfahrung des Sensiblen, Verletzlichen geht?

Männer und Frauen in der westlichen Welt entscheiden heute im Normalfall frei, selbstständig und autonom, ob und wie sie ihr Erstes Mal erleben. Aber natürlich sind sie abhängig davon, in welchem kulturellen "Setting" sie sich bewegen, was für eine authentische, kulturelle Wertschätzung und Hochwertung ein Geschehen erfährt und was nicht, ob es der Gesellschaft wichtig ist, daß das Ersterlebnis familienfördernd, gemeinschaftsfördernd erlebt wird oder nicht. "Hochzeit" des Lebens nannten unsere Vorfahren deshalb schon seit uralten Zeiten dieses Erleben. Wollen wir nicht wieder dahin zurück kehren?***)

Im Oktober 2022 wurde das Forschungsergebnis von dem evangelikalen Internetblog "Bare Marriage" aufgegriffen (6).****) Vereinzelt wurde auf das Studienergebnis seither auch auf Podcasts aufmerksam gemacht (s. Helen03-23).

Wohl schon seit Jahrtausenden messen viele Völker auf der Erde dem "Ersten Mal" eine große Bedeutung zu. Und zwar wird schon seit Jahrtausenden auch gesagt, daß das "Erste Mal" für Frauen eine noch größere Rolle spielen würde als für Männer.

Abb. 9: Eine kecke junge Dame: Die Sexualforscherin Diana Peragine

Nun gibt es erste, sehr eindeutige empirische Belege für diese Vermutung. 2023 wurde dann noch konkreter zu dem Thema ausgeführt (The Medium03/23):

Frauen und Männer sehen ihr sexuelles Erstes Mal unterschiedlich. Eine aktuelle irische Studie der "Crisis Pregnancy Agency" zeigt, daß Frauen ihren ersten sexuellen Kontakt eher bereuen als Männer, obwohl sie im gleichen Alter (16-17 Jahre) mit dem Sex beginnen. Männer empfinden ihr sexuelles Erstes Mal angeblich auch zufriedener und lustvoller als Frauen. Dieser Genußunterschied gehört zu den größten geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Sexualforschung überhaupt.
Women and men differ in how they view their sexual debut. A recent Irish study by the Crisis Pregnancy Agency shows that women tend to regret their first sexual encounter to a higher degree than men, despite beginning to have sex at around the same age (16–17 years old). Men are also said to experience more satisfaction and pleasure when it comes to their sexual debut than women. This enjoyment gap is among the largest gender differences in sexuality research.

Abschließend noch ein Blick in den - wegen des statistischen Fachjargons nicht leicht zu lesenden - Text der Forschungsstudie selbst.

Der Text der Studie selbst (2022)

Der Unterschied zwischen Mann und Frau in Bezug auf die Erfahrung des "Ersten Males" hat sich zwischen 1990 und 2012 nur ganz wenig verringert wie Preragine et.al. einleitend zitieren (anhand von: Sprecher2014). Sie schreiben (1):

Es gehört in der Sexualforschung zu den größten Geschlechtsunterschieden, ob Menschen dieses Ereignis (...) als erfreulich erleben (d = 1,08; Sprecher, 2014), es übertrifft in dieser Hinsicht noch die Häufigkeit von Selbstbefriedigung (d = 0,53) und die Einstellung zu unverbindlichem Sex (d = 0,45; Petersen & Hyde, 2010).
Enjoyment at this event, often cast as a young person’s “sexual debut,” is among the largest gender differences in sexuality research (d = 1.08; Sprecher, 2014), surpassing masturbation (d =0.53) and attitudes toward casual sex (d = 0.45; Petersen &Hyde, 2010).

Preragine et. al. gehen einer Frage nach, die schon länger in der Forschung im Bereich der Lerntheorie erörtert wird, nämlich (1), ...

... daß die ersten Erfahrungen eines Individuums mit sexueller Belohnung eine „sensible Phase“ bilden, in der instrumentelle (Handlungs-Belohnungs-) und Pawlowsche (Reiz-Belohnungs-)Assoziationen leicht konditioniert werden (Pfaus et al., 2012).
an individual’s first experiences with sexual reward form a “sensitive period” during which instrumental (actionreward) and Pavlovian (stimulus-reward) associations are readily conditioned (Pfaus et al., 2012).
Abb. 10: Erstauflage von 1919

Unter anderem referieren sie aus der bisherigen Forschungsliteratur auch folgende Zusammenhänge (1):

Woods et al. (2018) haben (...) gezeigt, daß die Häufigkeit sexueller Aktivität im Erwachsenenalter nicht nur mit frühen Kontakten zusammenhängt, sondern auch mit solchen, die als lohnend empfunden werden. Männer und Frauen, die vor dem 18. Lebensjahr Oralsex hatten, taten dies als Erwachsene nicht unbedingt häufiger; sie übten Oralsex jedoch eher aus, wenn dies vor dem Erwachsenenalter zu einem Orgasmus geführt hatte. Daher ist sexuelle Stimulation möglicherweise nicht ausreichend verstärkend, um bestimmte sexuelle Handlungen zu fördern, und muß möglicherweise von einem Orgasmus begleitet werden.
Woods et al. (2018) recently extended these findings, showing that rates of adulthood sexual activity are not just related to early exposures, but to ones experienced as rewarding. Men and women who received oral sex prior to age 18 years did not necessarily engage in it more frequently as adults; however, they were more likely to engage in oral sex if it had resulted in orgasm prior to adulthood. Thus, sexual stimulation is perhaps not sufficiently reinforcing to incentivize particular sexual acts, and might need to be accompanied by orgasm.

Hier wird noch einmal deutlich, daß nicht sexuelle Aktivität an sich bedeutsam ist für Prägung, sondern die Erfahrung des Orgasmus. Ansonsten ist uns der Fachjargon zugegebenermaßen zu statistisch, um gar zu einfach noch weitere Erkenntnisse aus der Studie selbst heraus destillieren zu können.

Und welche Rolle spielen ... Sehnsucht, Schwärmerei, Romantik, Liebe, Begeisterung?

Soweit übersehbar, wird in der Studie allerdings so gut wie gar nicht versucht, sich der Frage anzunähern, wodurch sich die Gruppe jener Frauen, die beim Ersten Mal einen Orgasmus erlebte, von den anderen Frauen unterschied oder wodurch sich die Situation unterschieden haben konnte, in denen sie ihn erlebte (1). Aber Hinweise darauf bieten zwei nachfolgende Studien derselben Forscherin. Nach diesen war die spätere Orgasmushäufigkeit bei Frauen höher, wenn sie ihren ersten Orgasmus mit einem Partner in früherem Lebensalter erlebt hatten. Allerdings war das deutlich mit negative Faktoren korreliert wie häufigerer Unfreiwilligkeit, häufigerer unfreiwilliger Schwangerschaft und ähnlichem (8). Wir haben es hier also mit einem Hinweis zu tun aber nicht wirklich mit einem "Lösungsvorschlag". Der Hinweis mag darin liegen, daß ein solches frühe Erleben oft einfach mehr "Instinkt-geleitet" geesen sein mag und weniger "rational", und daß allein schon ein solcher Umstand hilfreich gewesen sein mag.

Nach einer anderen Studie erleben Frauen mit einem weiblichen Partner beim Ersten Mal ähnlich häufig einen Orgasmus wie Männer mit einem weiblichen Partner (9). Daraus möchten wir die Schlußfolgerung ziehen, daß es auf ein eher weibliches Einfühlungsvermögen auch auf Seiten des männlichen Partners ankommen könnte bei der innigen Vereinigung. Und sicherlich weniger auf männliches Macht-, Protz- und Leistungsgehabe.

All diese Hinweise ziehen aber insgesamt nur ein klotz-materialistisches Weltbild zum Verständnis und zur Einordnung solcher Dinge heran. Das war in der Wissenschaftsgeschichte zum Teil auch schon einmal deutlich anders, weshalb sie so wichtig sein mag (2). Denn: Was ist mit der Schwärmerei junger Menschen, insbesondere auch Mädchen? Spielt diese gar keine Rolle? Welche Rolle spielt "Romantik", welche Rolle spielt Beseelung, Vergeistigung ganz allgemein? Welche Rolle spielt die Hochwertung der Frau durch den Mann (Stichwort: "Das ewig Weibliche zieht uns hinan" [Goethe]). Welche Rolle spielt der Wunsch, selbst ein edler Mensch zu sein und Edles im anderen sehen zu wollen? Welche Rolle spielen Herzenskräfte? Sind wir Menschen denn wirklich nur Tiere? Wozu hätten dann aber Frauen wie Jane Austen Romane schreiben sollen? Warum gibt es dann so viele wertvolle Kulturworte auf diesem Gebiet?*)

Um auf denkbare Folgen des hier behandelten, doch sehr beträchtlichen, aber offenbar erworbenen Geschlechtsunterschiedes aufmerksam zu machen, sei in aller Vorläufigkeit abschließend nur noch einmal darauf hingewiesen: Jemand, der das tiefe Leid, das aus einer unsicheren, einer unglücklichen Paarbindung entstehen kann, am vielleicht deutlichsten zum Ausdruck gebracht hat, war der norwegische, expressionistische Maler Edvard Munch (1863-1944) (GAj2017, GAj2018).

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*) In der heutigen Zeit wird das Wort "Sex" inflationär benutzt. Es hat damit alle Charakteristika eines "Plastikwortes" (Wiki) (3). Das Wort reduziert das damit Benannte auf das rein körperliche Geschehen, obwohl in vielen Fällen die seelische Anteilnahme an diesem Geschehen die viel wesentlichere Seite des Geschehens darstellt, also seine "Innenseite". Das Wort Sex ersetzt und verdrängt Worte wie "innige, körperlich-seelische Vereinigung" und viele andere Kulturworte, die die Sprachen der Welt für dieses so wesentliche und wertvolle menschliche Geschehen aufweisen. Da sich die Menschen aber angewöhnt haben, so zu sprechen, soll im vorliegenden Artikel keine völlig andere Sprache gesprochen werden, um nicht weltfremd oder verquastet zu klingen. Es sollen jedoch immer einmal wieder auch andere, im Grunde viel angemessenere Worte für das Benannte benutzt werden. Auch die Bebilderung des Artikels soll ein Gegengewicht bilden gegen die auch hier vorliegende Gefahr, in Bezug auf das seelische Erleben in eine "Plastikwelt" abzurutschen oder sich seelisch nur noch auf einer "tierischen" Ebene zu bewegen. Die abendländische Kunstgeschichte hat ja nun wirklich "gepraßt und gewuchert" in Bezug darauf, diesem zutiefst menschlichen Geschehen im Ausdruck seelischen Gehalt zu schenken.
**) Der Familienname Peragine stammt aus Bari an der Adriaküste in Apulien (Her), oberhalb des Stiefelabsatzes in Italien und ist abgeleitet von dem Salento-Dialektwort (Wiki) für "Wilde Birne" "perascinu" (s. 23andme).
***) Der Text der Presseerklärung wurde fast wortidentisch von Seiten der Malayischen, englischsprachigen Tageszeitung "The Star" übernommen (5).  
****) Der Blog "Bare Marriage" kennzeichnet sich so: "Down-to-earth, practical Christian help for sex and marriage--when you're scared to Google it." Der Blog setzt sich für eine Sexualmoral in der evangelikalen Bewegung der USA und weltweit ein, in der Frauen in Ehen einfach nur menschenwürdig behandelt werden. Es ist geradezu schauderhaft, mit was sich dieser Internetblog alles auseinander setzen muß. Es scheint danach Usus unter den Evangelikalen zu sein, daß Frauen verpflichtet sind, ihren Ehemännern beizuwohnen, damit diese nicht "anderen" (größeren) Sünden verfallen (Fb). Wenn man den Blog und die hier behandelten Probleme ein wenig durchgesehen hat, wird man verstehen, warum dieser Blog womöglich noch mehr Veranlassung als andere gesehen hat, dieses Forschungsergebnis aufzugreifen.  

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  1. Peragine, Diana E., Skorska, Malvina N., Maxwell, Jessica A., Impett, Emily A., & VanderLaan, Doug P. (2022). A Learning Experience? Enjoyment at Sexual Debut and the Gender Gap in Sexual Desire among Emerging Adults. The Journal of Sex Research, 59(9), 1092-1109. Published online: 26 Jan 2022, https://doi.org/10.1080/00224499.2022.2027855 (pdf)
  2. von Kemnitz, Dr. M. (später Ludendorff): Erotische Wiedergeburt. Verlag Ernst Reinhardt, München 1919, 1923 (3., umgearb. Aufl. 4.-7. Tsd.); Der Minne Genesung. Ludendorffs Verlag, München 1932 (umgearb. Aufl., 11.-13. Tsd.), 1933 (umgearb. Aufl., 14.-15. Tsd.), 1935, 1936 (18. u. 19. Tsd.), 1938 (20. u. 21. Tsd.), Verlag Hohe Warte 1959 (22. u. 23. Tsd.) (Arch)
  3. Pörksen, Uwe: Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur. Stuttgart 1988
  4. Kristy Strauss: First sexual experience influences women's future sexual desire: study. University of Toronto Mississauga. (UToronto) February 21, 2022
  5. Wanjiru, Margaret: Your 'first time' affects future sexual experience - study. It may serve as a ‘learning experience’ for many, and an important one for developing expectations (Star23.02.2022)
  6. Rebecca Lindenbach: How does a couple’s First Time affect her Libido? Oct 5, 2022 (BareMarriage)
  7. Olga Fedossenko: Learning from experience: Why are women less satisfied about their sexual firsts? (The Medium03/23, March 20, 2023)
  8. Diana Peragine, Malvina Skorska, Jessica A Maxwell, ... Doug P. Vanderlaan: The Risks and Benefits of Being “Early to Bed": Toward a Broader Understanding of Age at Sexual Debut and Sexual Health in Adulthood, Journal of Sexual Medicine, July 2022, DOI: 10.1016/j.jsxm.2022.06.005
  9. Peragine, D.E., Kim, J.J., Maxwell, J.A. et al. (2023). Not who you are, but who you are with: Re-examining women’s less satisfying sexual debuts. Archives of Sexual Behavior. https://link.springer.com/article/10.1007/s10508-023-02667-7
  10. Eibl-Eibesfeldt, Irenäus: Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie. 2. überarb. Aufl., Piper, München, Zürich 1986 (zuerst: 1984)
  11. Simons, Donald: The Evolution of Human Sexuality. Oxford University Press, New York 1979, 1980
  12. Bading, Ingo: Dein Erstes Mal - Es beeinflußt dein Glück und das Glück von Mitmenschen für viele Jahre. Live übertragen am 10.01.2025 (Yt)

Freitag, 19. April 2024

Zuhören ist heilig

Traumaheilung, gesellschaftliche Heilung durch - Zuhören 
- Das zieht sich durch die Völkergeschichte bis heute
- Vermutlich war das auch die Bedeutung der "großen Ohren" bei den Kelten

Weltgeschichte ist vor allem eines: Traumatisieren und Heilen. Warum das so ist, soll an dieser Stelle nicht geklärt werden. Was man aber inzwischen - als Historiker und Forscher - verstanden haben kann, ist schlicht die Tatsache, daß Weltgeschichte das schon immer war: Traumatisieren und Heilen. Die Rinderzüchter der Turkana in Ostafrika machen seit Jahrhunderten, nein, sicher seit Jahrtausenden nichts anderes: Traumatisieren und Heilen (8). Aber eines wird man bei ihnen nicht finden: Null-Bock-Stimmung und Ohne-mich-Haltung. Wo letztere Haltungen zur Mehrheitshaltung werden, steht eine Gesellschaft am Abgrund und vor dem unmittelbaren Ende.

Abb. 1: Orpheus unter den Thrakern, Mitte 5. Jhdt. v. Ztr., Athen - Rotfigurige Vasenmalerei - Orpheus mit siebensaitiger Lyra dargestellt

Wir Deutschen konnten nach der Traumatisierungen des Dreißigjährigen Krieges wieder heilen. Können wir das auch heute - nach den Traumatisierungen des 20. Jahrhunderts? 

Aus Zusammenhängen rund um die Heilung von Entwicklungs- und Bindungstraumata heraus wird neuerdings auf die heilsame Bedeutung des Zuhörens hingewiesen: "Zuhören ist Heilig" (1).

Dieser Umstand gibt einem schon 2021 erschienenen Artikel (Stgen2021) eine ganz neue, erweiterte Bedeutung, bzw. "Rahmung" und Kontextualisierung. 

Anstatt also einen von den etwa zehn Artikelentwürfen zum Thema Traumaheilung endlich veröffentlichensreif zu machen, die in den letzten Jahren hier für diesen Blog erarbeitet worden sind, stellen wir zunächst einmal den Blogartikel von 2021 mit dieser neuen thematischen Rahmung erneut ein.

[Einfügung 3.5.24] ... Und zwei Wochen nach der Neuveröffentlichung dieses Artikels kommt uns schon wieder ein neuer Gedanke: Müssen wir Deutschen, um zu heilen, zunächst einmal nur erst wieder "Das Heilige" finden? Denn "das Heilige" "heilt" - wie die beiden Worte, die aus einem Wortstamm stammen, ja schon sagen. Hören wir doch nur unserer eigenen Muttersprache hinterher: "Das Heilige" "heilt". .... Das wäre ein weiterer Gedankengang, in dessen Rahmung die folgenden Ausführungen gestellt werden könnten. [Ende Einfügung]

Schon 2003 sind Bücher erschienen wie "Odysseus in America - Combat Trauma and the Trials of Homecoming", zu Deutsch also: "Odysseus in Deutschland - Kriegstraumata und die Versuche des Nachhausekommens". Es stammt von dem US-amerikanischen Traumatherapeuten Jonathan Shay (geb. 1947) (Wiki). Schon letztes Jahr hatten wir in diesem Zusammenhang das Zitat gebracht (zit. n. Stgen2023):

Stellen Sie sich einen von der normalen Gesellschaft isolierten Ort vor, dessen Bewohner einen erschöpften, mittellosen Veteranen aufnehmen, ihm Kleidung geben, ihm zu Essen geben und baden, ihre ganze Aufmerksamkeit seiner Anwesenheit widmen, für Geschenke, Unterhaltung und sportliche Erholung sorgen und zusehen, wie er in Tränen ausbricht, wenn er an seine Vergangenheit erinnert wird, die sich seine persönliche Geschichte aufmerksam anhören, die ihn sogar nach weiteren Einzelheiten fragen und die ihn weiter reisen lassen mit einem Vorrat an Reichtümern versehen, die er bei seiner Rückkehr nach Hause verwenden kann. Wie könnte man einen solchen Ort nennen? Ein Sanatorium? Eine Reha-Einrichtung?

So entnommen dem Aufsatz "Phäaken-Therapie in der Odyssee des Homer" von 2014 (9). Das Wesentliche in diesem Prozeß ist das Mitteilen und das Zuhören. Wenn in unserer Familie vom Krieg erzählt wurde, dann wurden alle ganz still. Alle waren beim Erzählenden, beim Erzählten. Es war viel Schreckliches passiert.

Aber es gab und gibt Familien, in denen über Generationen hinweg über Krieg nicht gesprochen wurde. Entweder wurde gar nichts mitgeteilt oder die Art der Mitteilung hat jene, die hören sollten, überfordert, was erneut zu Schweigen führt. Die Frage, wie wir miteinander ins Sprechen kommen, ins "Ehrliche Mitteilen" ist eine ganz entscheidende Frage für jede Gesellschaft, die leben, überleben will und nicht zugrunde gehen will. 

Über die Vorgeschichte der Völker lernen wir gerade, daß sie voller Grausamkeit war. Daß immer wieder ganze Völker sprichwörtlich ausgerottet wurden oder - aufgrund irgendwelcher Umstände - ausgestorben sind. Und angesichts all dieses Schrecklichen fragt man sich: Wie sind die Menschen damals eigentlich alle mit den vielen Traumen umgegangen? Wie konnten sie diese heilen, um wieder lebensfähig zu sein? Es ist vielleicht sehr spannend, daß es gerade der keltische Kulturbereich zu sein scheint, in dem dem Hören, dem Zuhören offenbar ein größerer Wert zugemessen worden ist. Die Kelten waren Indogermanen, sie waren - wie andere Völker weltweit - Kopfjäger, sie kannten Gefangenenmorde, Menschenopfer. Sie haben in Kriegen untereinander viel Traumata angerichtet - und ebenso auch gegenüber anderen Völkern und Kulturbereichen. Wie konnten sie all die Traumata verarbeiten? Und ebenso so viele andere Völker?   

"Er tat seinen Mund auf und sprach," lautet eine Formulierung, die sich schon in den Dichtungen Babyloniens findet (7, S. 215)

Sprechen und Zuhören waren in vielen Völkern der Vorgeschichte heilige Akte. Das "Höret, was ich euch zu sagen habe" mag auch eine Formulierung gewesen sein, mit der in der Völkergeschichte Jahrtausende lang das Reden von Mensch zu Mensch eingeleitet worden ist. 

Für den vorgeschichtlichen Menschen war also - weitaus mehr als für den heutigen - sowohl das Sprechen wie das Hören ein bedeutungsvolles Ereignis. Alles kulturelle Wissen wurde - so war dem Menschen der Vorzeit bewußt - über das Hören weiter gegeben an die nächste Generation. Auch die Gesänge etwa des Orpheus oder des Homer waren ja für die Ohren von Hörenden bestimmt, nicht für die Augen von Lesenden. Nicht zuletzt deshalb sicherlich auch ihr "hoher Ton". Diese Gesänge wurden deklamiert, sie wurden vorgetragen, sie versetzten in eine andere, "gehobene" Erlebens-Sphäre. Und sie sollten dies. Sie sollten "wieder klingen" bei den Menschen, in die Stille, in den Raum hinein, den diese Menschen ihnen gaben - durch Zuhören.

Die Kelten kannten einen Gott der Beredsamkeit, Ogmios. Dieser wurde zwar als sehr alt dargestellt. Aber er verfügte dennoch über die Kraft, die Menschen über "Ketten" von seinem Mund bis zu ihren Ohren hinter sich her zu ziehen.**)

Die Macht des Gesanges - Orpheus

Nicht die Macht der Beredsamkeit, aber die Macht des Gesanges ist ja der Kerninhalt der Orpheus-Verehrung in der Antike. Auf einer der ältesten Darstellungen, die uns von Orpheus aus der Antike überliefert sind, sind alle Dargestellten als Hörende dargestellt (Abb. 3). Die Verehrung von Orpheus hat in der Antike eine ebenso große Rolle gespielt wie die Verehrung des Homer. Davon war in der Antike sogar eine ganze religionsgeschichtliche Bewegung getragen gewesen, auf die dann - deshalb - auch noch die Juden und Christen in aneignender oder polemischer Weise Bezug genommen haben (Stgen2022). Wenn Orpheus seine "Stimme erhob", lauschten nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere, die Pflanzen, selbst die Steine bekamen Ohren.

Man erinnere sich auch an die getragenen, inhaltsschweren Worte (antik-)griechischer Tragödien. Das Sagen und das Hören - sie hatten Gewicht, sie waren voller Inhalt.

Das Hören fand auch nicht nur von Mensch zu Mensch statt. Die Stimme der Götter wurde über das Hören vernehmlich. In der Ilias hören die Helden die Stimmen von Göttinen und Göttern. In der Bibel sprechen Gott, Engel und Teufel mit dem handelnden Personal. Sie raten ihnen zu, sie raten ihnen ab, sie drohen, sie verheißen, sie verdammen, sie belohnen. Etwas milder als in der Bibel findet das Gespräch zwischen Menschen und Göttern in der Edda statt. Auch in deutschen Heldensagen findet sich Vergleichbares: Held Siegfried "hört" die Stimmen der Vögel, nachdem er im Drachenblut gebadet hat. Dieser enge Austausch von Menschen und Göttern ist übrigens auch schon für Sargon von Akkad (2356 bis 2300 v. Ztr.) bezeugt (Wiki):

Die Sumerische Sargonlegende handelt davon, daß die Göttin Inanna beschlossen hat, daß Sargon König werden soll. So treten Vorzeichen dafür auf, daß der Mundschenk den regierenden Herrscher ablösen wird. Alle Gegenmaßnahmen, die Ur-Zababa ergreift, werden von der Göttin vereitelt. 

Eine Göttin greift hier ebenso selbstverständlich in die Handlungen der Menschen ein - und ebenso entscheidend - wie noch über tausend Jahre später in der "Ilias", bzw. wie zweittausend Jahre später in der Bibel.

Auch daß man sich im Zweifelsfall gegenüber verführerischen Gesängen, Reden und Ratschlägen schützen muß, die "Ohren verstopfen" muß, wußten schon die Menschen der Vorzeit und der Antike. Odysseus verstopfte sich die Ohren vor den Gesängen der Sirenen (GAj2021). Unter den germanischen Göttern war Loki derjenige, der "das meiste Übel rät".

Die großen Ohren des Keltenfürsten vom Glauberg - entdeckt 1994

Warum sollte es es angesichts dieser Bedeutung des Hörens für den vorgeschichtlichen Menschen eigentlich verwundern, daß ein solches Hören auch einmal in vergleichsweise frühen Phasen der Kunst zur Darstellung gekommen ist (Beispiele: Abb. 1, 2)?

Abb. 2: Die Sandsteinfigur des Fürsten vom Glauberg in Mittelhessen, 500 v. Ztr. (Wiki)

Die "großen Ohren" der 1994 entdeckten Steinfigur des Keltenfürsten vom Glauberg in Mittelhessen aus der Zeit um 500 v. Ztr. (Wiki): Könnte es - endlich - eine etwas befriedigendere Erklärung geben für die wunderlich "großen Ohren" dieser Steinfigur? Womöglich sogar eine sehr gute, sehr befriedigende, einleuchtende, nun, auch naheliegende Erklärung?

Dem Wikipedia-Artikel zur sogenannten "Keltischen Blattkrone" (Wiki), mit dem diese Steinfigur - wie andere solche Steinfiguren ähnlicher Zeit - geschmückt zu sein scheint, ist nämlich zu entnehmen, daß eine besonders plausible Erklärung für diese Kopfbedeckung zwar noch keineswegs gefunden worden ist. Das war uns ja auch bekannt. Neuerdings finden wir aber auf dem Wikipedia-Artikel auch den - für uns neuen - Hinweis auf das "Reinheimer Pferdchen", das sich auf dem Deckel der "Reinheimer Kanne" findet, enthalten in einem keltischen Fürstinnengrab bei Reinheim im Saarland aus der Zeit um 370 v. Ztr. (Wiki). Und dieses Pferdchen nun - - - weist ebenfalls "große Ohren" auf (Wiki) (Abb. 1).

Dieser Befund ist eindrucksvoll.

Als wenn dieses Pferdchen nicht geradezu als ein Sinnbild für das Hören in der Vorgeschichte gelten könnte. Unser Gedanke: Vielleicht sind "große Ohren" einfach ein Zeichen dafür, daß eine mächtige Gottheit, mit der der Fürst in Verbindung steht, "alles hört" und deshalb - wie das Dichterpferd Pegasus - "inspiriert" ist, möglicherweise vor allem vom Rauschen der Blätter der Bäume Heiliger Haine.

Denn: Es werden ja auch Blätter in Zusammenhang mit diesem Kopfschmuck angedeutet und der Baumkult der Kelten ist ja auch sonst gut bekannt (4). Erst vor vier Wochen beschäftigten wir uns hier auf dem Blog mit den keltoromanischen Jupiter-Giganten-Säulen, in denen die Erinnerung an die vormalige, gut bezeugte Verehrung Heiliger Bäume durch die Kelten nachklingt (4).  

Ein Zeichen für "der Seherin Gesicht" .... ?

Weiterer Gedanke: Womöglich sind die großen Ohren ein Zeichen für der "Seherin Gesicht" (Wiki), die ja auch einen - - - Eschenbaum (Wiki) kennt. Und wie wunderbar, jetzt schon auf Wikipedia sehr schnell den Text der Edda-Übersetzung von Simrock aus dem Jahr 1876 zugänglich zu haben. Wir HÖREN (!!!) ihrer "Schau" (zit. n. Wiki) .....

Allen Edeln   gebiet ich Andacht,  
Hohen und Niedern   von Heimdalls Geschlecht;
Ich will Walvaters   Wirken künden,
Die ältesten Sagen,   der ich mich entsinne.

(...)
Eine Esche weiß ich,   heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt   weißer Nebel; 
Daher kommt der Tau,   der in die Täler fällt.
Immergrün steht er   am Brunnen der Urd.
 
Daher kommen Frauen,   vielwissende, 
Drei aus dem See   dort unterm Wipfel.
Urd heißt die eine,   die andre Werdandi: 
Sie schnitten Stäbe;   Skuld hieß die dritte.
Sie legten Lose,   das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen,   das Schicksal verkündend.
 
Allein saß sie außen,   da der Alte kam,
Der grübelnde Ase,   und ihr ins Auge sah.
Warum fragt ihr mich?   was erforscht ihr mich?
 
Alles weiß ich, Odin,   wo du dein Auge bargst:
In der vielbekannten   Quelle Mimirs.
Met trinkt Mimir   allmorgentlich
Aus Walvaters Pfand!   wißt ihr was das bedeutet?

Ihr gab Heervater   Halsband und Ringe
Für goldene Sprüche   und spähenden Sinn.
Denn weit und breit sah sie   über die Welten all.

An anderer Stelle in den Edda-Überlieferungen werden die Inhalte dieser Schau noch einmal in Prosa-Form erläutert (Wiki): 

... Da fragte Gangleri: Wo ist der Götter vornehmster und heiligster Aufenthalt? Har antwortete: Das ist bei der Esche Yggdrasils: da sollen die Götter täglich Gericht halten. Da fragte Gangleri: Was ist von diesem Ort zu berichten? Da antwortete Jafnhar: Diese Esche ist der größte und beste von allen Bäumen: seine Zweige breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf über den Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht, die sich weit ausdehnen: die eine zu den Asen, die andere zu den Hrimthursen, wo vormals Ginnungagap war; die dritte steht über Niflheim, und unter dieser Wurzel ist Hwergelmir und Nidhöggr nagt von unten auf an ihr. Bei der andern Wurzel hingegen, welche sich zu den Hrimthursen erstreckt, ist Mimirs Brunnen, worin Weisheit und Verstand verborgen sind. Der Eigner des Brunnens heißt Mimir, und ist voller Weisheit, weil er täglich von dem Brunnen aus dem Giallarhorn trinkt. Einst kam Allvater dahin und verlangte einen Trunk aus dem Brunnen, erhielt ihn aber nicht eher bis er sein Auge zum Pfand setzte. So heißt es in der Wöluspa:
Alles weiß ich, Odin,   wo dein Auge blieb: 
In der vielbekannten   Quelle Mimirs. 
Met trinkt Mimir   jeden Morgen 
Aus Walvaters Pfand:   wißt ihr was das bedeutet?  
Unter der dritten Wurzel der Esche, die zum Himmel geht, ist ein Brunnen, der sehr heilig ist, Urds Brunnen genannt: da haben die Götter ihre Gerichtsstätte. (...) Dies Wasser ist so heilig, daß alles, was in den Brunnen kommt, so weiß wird wie die Haut, die inwendig in der Eierschale liegt.

Wir sehen hier, daß im germanischen Mythos der Gott Odin ein Auge lassen mußte, um "sehend" zu werden, um Weisheit zu erlangen. Wenn hier dem Auge eine solch große Bedeutung zugemessen worden ist, um allwissend zu werden - warum sollte dann nicht - in verwandten indogermanischen, kulturellen Zusammenhängen - auch dem Ohr eine große Rolle zugemessen worden sein beim Erlangen von Weisheit? Nebenbei sei erwähnt, daß dieser Welteneschen-Mythos auch in der Philosophie des 20. Jahrhunderts Deutung gefunden hat (6).

Abb. 3: Ein Hörender - Das Reinheimer Pferdchen (Saarland) aus der Zeit um 370 v. Ztr. (Replikat) (Wiki)

Und sind dem Mythos in den weiteren Ausführungen nicht auch alle die Pferde - mit Namen - wichtig, auf denen die Götter zum Rat an der Weltenesche reiten? Nur Thor geht zu Fuß. Ach, und das "Reinheimer Pferdchen" ist ja auch ein Pferd (Abb. 1). Es lauscht mit dem Gesicht eines Menschen und den Ohren - womöglich - eines Gottes. Aber worauf? 

Wäre es nicht ein schöner Gedanke, mit den großen Ohren eines klugen Pferdes auf "der Seherin Gesicht" zu hören ....? In früheren Jahrtausenden fühlten sich die Menschen den Tieren womöglich noch mehr verbunden. Sie sprachen ihnen heilige Bedeutung zu, den Pferden, den Vögeln. Aber was erfahren wir noch, wenn mit "big ears prehistory" und ähnlichen Worten suchen? Ausgerechnet im 6. Jahrhundert v. Ztr. beginnen mehrere griechische Völkerkundler und Geographen, zuerst Sylax, von "Panoti", von "Ohrenmenschen" zu berichten (Wiki):

Skylax schreibt den Panoti schaufelgroße Ohren zu, laut Ktesias reichen deren Ohren um den Rücken und bis zum Ellenbogen. Nach Megastehenes schlafen diese Menschen auch auf ihren Ohren. Spätere klassische Autoren wiesen den Panoti als Heimat eine Insel im nördlichen Ozean zu oder ließen sie in Skytien leben. 

Auch Plinius der Ältere schreibt von ihnen (Wiki).

Und 1994 graben deutsche Archäologen - grob gesehen in jenem "Skythien" - einen solchen ersten "Ohrenmenschen" aus. Auf diese überraschende Übereinstimmung machte übrigens schon ein belgischer Arzt und Forschender 2005/2006 aufmerksam (5).

Ein Wikingerteppich aus dem Jahr 1270 n. Ztr.

Schauen wir uns noch ein wenig weiter um zu Darstellungen von inspirierten Menschen oder Göttern mit "großen Ohren", die - womöglich - in einen solchen Zusammenhang eingeordnet werden könnten. 1909 wurden fünf sehr alte Wandteppiche in einer schwedischen Kirche in Överhogdal gefunden (Wiki). Die Ortschaft liegt 430 Kilometer nördlich von Stockholm. Die Wandteppiche waren um das Jahr 1000 n. Ztr. herum entstanden, also in der Zeit der Christianisierung. Drei von ihnen scheinen in ihrer Mitte die Weltenesche darzustellen. Außerdem finden sich auf zwei dieser Wandteppiche Wikingerschiffe dargestellt und auf drei Wandteppichen unterschiedliche Gebäude: Kirchen, Versammlungsgebäude. Hirsche und Rentiere bilden die weiteren Inhalte der Darstellung (so wie auf berühmten skythischen Teppichen), vielleicht auch Fabelwesen (der achtbeinige Sleipnir?), sowie auch mehrere Reiter. Einer der Teppiche weist aber auch nur Muster auf.

1912 wurde dann aber in einer Kirche in Skog in Schweden, 230 Kilometer nördlich von Stockholm, ein Wandteppich aus der Zeit um 1270 n. Ztr. (Wiki) entdeckt, also aus dem Hochmittelalter und aus jener Zeit, in der christliche Gelehrte in Skandinavien die alten heidnischen Überlieferungen aufschrieben. Dieser Teppich ist vielleicht noch interessanter (Abb. 4).

Abb. 4: Möglicherweise Odin, Thor und Freya - Auf einem Wandteppich in Skog in Schweden, um 1270 n. Ztr.

In der Mitte dieses Wandteppichs scheinen zwei prächtigere Holzgebäude abgebildet zu sein, von denen das rechte einen Glockenturm darstellen dürfte (bekrönt von einem christlichen Kreuz, drei Figuren ziehen an den Glockenseilen). Im linken Gebäude stehen fünf Hauptfiguren, von denen zwei ebenfalls eine kleine Glocke mit einem Glockenseil läuten. Bei den Gebäuden könnte es sich um mittelalterliche skandinavische Stabkirchen handeln, um die sich die Gemeinden versammelt haben. Am Dach der Kirchen befinden sich Drachenköpfe. Die Gebäude scheinen umgeben zu sein von Hühnern. 

Links und rechts von diesem Mittelfeld scheinen größere Fabelwesen abgebildet zu sein, Löwen, Drachen oder Greifen, und zwar auf jeder Seite mindestens sieben, zwischen ihnen jeweils aber noch kleinere Fabelwesen mit denselben Umrissen. Zwischen den Fabelwesen stehen auch weitere menschliche Gestalten. Mit ihnen könnte man versucht haben, "Feinde" der Kirche darzustellen, die den Bestand der Kirche gefährden, vielleicht alte heidnische Kräfte (die ja damals im östlichen Bereich der Ostsee noch recht lebendig waren, übrigens).

Ganz links von den Fabelwesen stehen dann drei mythisch aussehende Gestalten, eine mit einem Beil, eine mit einer Streitaxt und eine dritte vielleicht  mit einer Spindel (?) (Abb. 1). Die Figur mit dem Beil hat nur ein Auge ... Zu ihren Füßen sind zwei Hunde abgebildet, im "Hintergrund" weitere kleinere Menschen und Tiere. Es gibt die Deutung, daß es sich um drei skandinavische Könige handeln könnte. Es gibt aber auch die Deutung, daß es sich um drei heidnische Götter - etwa: Odin, Thor und Freya (oder Freyr) - handeln könnte.

Was besonders auffällig erscheint: Bei allen dreien ist der Bereich der Ohren besonders hervorgehoben - durch irgend eine Art von Kopfschmuck, der nicht besonders leicht zu deuten und zu identifizieren ist. Etwa Hirschgeweihe wie sie - archäologisch vielfach bezeugt - von den mesolithischen Schamanen Nordeuropas und Osteuropas getragen worden sind?

Die Heilige Cäcilia

Wer sich über die Bedeutung des Hörens für die religiöse Haltung im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit interessiert, ist vermutlich immer gut beraten, sich bildenerische Darstellungen der Heiligen Cäcilia (Wiki) aus dieser Zeit durchzusehen.

Sie gilt in christlicher Zeit als die Schutzpatronin der Musik. Wir finden zahllose Gemälde der Kunstgeschichte, in der sie als ein andächtiger, auf die Musik hörender Mensch dargestellt ist. Der religiöse Mensch ist hier vor allem ein hörender Mensch. Das Hören wird als der "innigste" aller Sinne empfunden, die Musik geht von allen Künsten am direktesten zum Herzen. Religiöse Erhebung heißt "stille werden", nach innen hören, heißt aufnahmebereit werden, heißt, "große Ohren" bekommen.

Aber noch ein weiteres kann uns die Kunstgeschichte lehren: Der am innigsten mit Gott verbundene Mensch ist auch kein Hörender mehr. Diesen Umstand mag man sich - etwa - an Menschendarstellungen des Bildhauers und Bildschnitzers Tilman Riemenschneider vor Augen führen: Die Sinne sind hier nicht mehr der "Weg zu Gott". Der Mensch ist Gott, "bei" Gott.

Die Hongshan-Kultur (4.700-2.900 v. Ztr.) in der Mandschurei 

Es sei noch dargestellt, auf welch wunderlichen Wegen wir zu den Gedanken dieses Blogartikels überhaupt gekommen sind.  Wir haben uns mit der weltgeschichtlich womöglich nicht ganz unbedeutenden Hongshan-Kultur (4.700-2.900 v. Ztr.) (Wiki) des Mittelneolithikums in der Mandschurei beschäftigt (Stgen15.11.2021). Hier wird neuerdings der ethnische, genetische und sprachliche Ursprung nicht nur der Koreaner, Japaner, Mongolen und Tungusen vermutet, sondern auch derjenige der Turkvölker. (Übrigens wären das ja auch jene Völker, die ja nicht selten für die Ausbreitung des Odins-Glaubens bis hin zu den germanischen Stämmen im Westen verantwortlich gemacht werden, gemeinsam mit den Sarmaten und Alanen.)

Abb. 5: Tempel- und Grabanlage der Hongshan-Kultur bei Niuheliang (links), sowie zentrales Grab mit  geschnitztem Jadeschmuck von einer anderen Tempel- und Grabanlage (rechts) (Archäologisches Institut von Lianoning, Shenjang 2004) (aus: 2)

Dabei stoßen wir - eher nebenbei - auf eine Studie aus dem Jahr 2006, die auf die eindrucksvolle Tempel-, bzw. Grab-Anlage der Hongshan-Kultur bei Niuheliang (4700-2900 v. Ztr.) (Wiki) aufmerksam macht (2). Ein dort an zentraler Stelle begrabener König hat einen eindrucksvollen Jade-Kopfschmuck getragen (2) (s. Abb. 5).

Bei dem Anblick dieses Königs drängt es sich fast auf, diesen Kopfschmuck in Parallele zu setzen zu dem Kopfschmuck des Urvolkes der Indogermanen wie er sich in indogermanischen Kriegergräbern - wie in Warna in Rumänien oder Giurgiulești in Moldavien - um 4.500 v. Ztr. zeigt (3). Und bei solchen Parallelen möchte man dann gerne einmal einen Beitrag schreiben über solchen eindrucksvollen Kopfschmuck als Kennzeichen einer bestimmten, ursprünglicheren Phase der Kulturentwicklung der Menschheit, der Entwicklung gesellschaftlicher Komplexität in verschiedenen Teilen der Erde.

Und während wir nun noch darüber nachgesonnen haben, erinnerten wir uns an die "großen Ohren" der 1994 entdeckten Steinfigur des Keltenfürsten vom Glauberg in Mittelhessen aus der Zeit um 500 v. Ztr. (Wiki). War das ein Ohrenschmuck?

Zu dem Thema "Kopfschmuck in der Völkerkunde und Vorgeschichte" ganz allgemein wollen wir also bei Gelegenheit hier auf dem Blog auch noch Beiträge schreiben.

Das Hören bei den bronzezeitlichen Hurritern

Ergänzung 10.9.23: Im Königspalast von Urkesch (3.200 bis 1.500 v. Ztr.) (Wiki), einer Stadt in Nordsyrien, die vermutlich von den Hurritern gegründet worden ist, fand sich das folgende Siegel einer dortigen Königin (Abb. 6).

Abb. 6: Siegel aus der Stadt Urukesch, Nordsyrien, grob um 2000 v. Ztr. (?) (Urkesh

Wir lesen dazu  (Urkesh:

Ein Siegel der Königin Uqnitum gibt uns einen Einblick in eine musikalische Darbietung, wie sie im königlichen Palast von Urkesh stattgefunden haben wird. 

Der Akt des Hörens ist auch hier mit Betonung dargestellt. Er scheint für den bronzezeitlichen Menschen also noch etwas sehr Besonderes gewesen zu sein, und zwar womöglich in sehr vielen, sehr unterschiedlichen Kulturen.

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*) Traumatherapeuten weisen also immer häufiger auf den Umstand hin, daß in und mit der Odyssee des Homer Traumaverarbeitung, ja, geradezu Traumatherapie stattfindet (Wiki):

Shay argumentiert, daß PTBS keine Krankheit ist, sondern das Fortbestehen adaptiver Verhaltensweisen, die zum Überleben in einer stressigen Umgebung erforderlich sind. Beispielsweise ist eine emotionale Betäubung in einer Katastrophensituation nützlich und in einer familiären Umgebung ungeeignet, und Vertrauensverlust verbessert das Überleben in einem Gefängnis, nicht jedoch in einer Gemeinschaftsumgebung. Wie Derek Summerfield plädiert auch er gegen eine Etikettierung und bevormundende Behandlung. Shay empfiehlt, daß wir Trauma-Überlebende resozialisieren, um sozial akzeptable Verhaltensmuster zu fördern. Als mögliche Präzedenzfälle nennt er das klassische griechische Theater und die in der Ilias beschriebene kollektive Trauer. In "Odysseus in America" schreibt er über „den Kreis der Kommunalisierung von Traumata“: „Wenn Trauma-Überlebende hören, daß genug von der Wahrheit ihrer Erfahrung verstanden, erinnert und mit genügend Treue nacherzählt wird, um etwas von dieser Wahrheit mitzutragen ... dann wird der Kreis der Vergemeinschaftung geschlossen."
Shay argues that PTSD is not an illness but the persistence of adaptive behaviors needed to survive in a stressful environment. For example, emotional numbing is useful in a disaster situation and maladaptive in a family setting, and loss of trust enhances survival in a prison but not in a community setting. Like Derek Summerfield, he also argues against labeling and patronizing treatment. Shay recommends that we resocialize trauma survivors as a means of promoting socially acceptable behavior patterns.[16] He cites classical Greek theater[12] and the collective mourning described in the Iliad as possible precedents. In Odysseus in America he writes of "the circle of communalization of trauma": "When trauma survivors hear that enough of the truth of their experience has been understood, remembered and retold with enough fidelity to carry some of this truth ... then the circle of communalization is complete." 

**) [12.5.23, Ergänzung] Über den griechischen Satyriker Lukian von Samosata (120 bis 200 n. Ztr.) (Wiki) ist eine wertvolle Schilderung und Deutung des keltischen Gottes Ogmios überliefert, an der er sich selbst in höherem Alter in seiner Erzählung "Herkules" folgendermaßen aufrichtet (WikiSource): 

Die Gallier nennen den Herkules in ihrer Sprache Ogmius, und geben auf ihren Gemälden diesem Gotte ein höchst abenteuerliches Aussehen. Er erscheint hier als ein hochbetagter Greis mit einer tiefen Glatze und eisgrauen Haaren, so viel er deren noch übrig hat, und einem von Runzeln durchfurchten, und von der Sonne schwarz gebrannten Angesicht, gerade wie sonst alte Seeleute auszusehen pflegen; so daß man einen Charon, Iapetus, oder irgend einen andern Bewohner des Tartarus, kurz alles Andere eher, als einen Herkules in ihm vermuten sollte. Allein ungeachtet dieses Aussehens trägt er doch die ganze Ausrüstung eines Herkules. Er hat die Löwenhaut um, die Keule in der Rechten, den Köcher auf der Schulter, und hält in der Linken den gespannten Bogen – ist also in so weit ganz der echte Herkules.
Ich glaubte anfänglich, die Gallier hätten durch diese seltsame Gestalt die griechischen Götter lächerlich machen, und besonders durch ein solches Gemälde sich an Herkules rächen wollen, weil dieser einst, als er die Abendlande durchzog, um die Herden des Geryones zu suchen, auch ihr Land mit Plünderung heimgesucht hatte.
Doch das Sonderbarste an diesem Bilde kommt noch. Jener hochbetagte Herkules führt nämlich eine ungemein große Menge Menschen hinter sich her, die er sämtlich an den Ohren gebunden hält. Die Bande selbst aber sind ungemein fein gearbeitete Ketten aus Gold und Bernstein, und gleichen dem schönsten Halsgeschmeide. So schwach diese Fesseln sind, denkt doch keiner an Flucht, die doch so leicht wäre. Nicht einmal einiges Widerstreben, dem Zuge zu folgen, zeigen sie; sondern alle laufen munter und lustig hinterher, jauchzen ihrem Führer Beifall zu, und drängen sich sogar vorwärts, so daß die Ketten ganz schlaff an ihnen herabhängen, und es unverkennbar ist, wie leid es ihnen wäre, wenn er sie los ließe. Das Allerseltsamste aber ist, daß der Maler, der ihm die Enden der Ketten nicht in die Hände geben konnte, indem er schon in der einen die Keule, in der andern den Bogen hält, die Zungenspitze des Gottes durchlöchert und sie dort befestigt hat. So zieht nun dieser den ganzen Haufen mit sich, indem er den Kopf nach ihnen zurückdreht und ihnen freundlich zulächelt.
Voller Verwunderung stand ich einst lange vor diesem Gemälde, und fing an ungeduldig zu werden, weil ich es mir nicht zu deuten wußte. Da trat ein in einheimischer Weisheit vermutlich wohl unterrichteter Gallier zu mir, der, wie sich zeigte, auch in unserer Literatur nicht unbewandert war, und das Griechische sehr rein und geläufig sprach. "Ich will," hob er an, "dir das Räthsel dieses Bildes lösen, Fremdling, weil du ja doch, wie ich sehe, damit nicht zurecht kommen kannst. Wisse denn, daß bei uns Galliern nicht Merkur für den Gott der Beredtsamkeit gilt, wie bei euch Griechen, sondern Herkules, weil dieser ja weit stärker ist als jener. Daß er aber als Greis abgebildet ist, darf dich nicht befremden. Denn die Kraft zu reden ist es ja allein, die sich im höheren Alter in ihrer vollen Reife zeigt; wie denn auch eure Dichter sehr richtig sagen: 
"Stets ja flattert das Herz den Jünglingen - -" (Ilias III, 108.) 
Dagegen wird das Alter stets 
"Weit mehr, denn junge Leute, klugen Rat erseh’n".
Fließt ja doch honigsüß die Rede aus dem Mund eures Nestor, und die liebliche Rede der Trojischen Ältesten wird verglichen mit der Lilienblüte: Lilie aber heißt bei euch, wenn ich mich recht erinnere, eine Blumengattung.
Daß also dieser alte Herkules, d. h. die [personifizirte] Beredtsamkeit, die Menschen mittelst ihrer Ohren an seine Zunge gebunden hat und so nach sich zieht, ist, bei der nahen Verwandtschaft der Zunge und der Ohren, nicht zu verwundern. Es liegt durchaus kein Spott gegen ihn darin, daß jene durchlöchert dargestellt ist. Ich erinnere mich, die Verse eines eurer Komiker gelesen zu haben:
"– – – – denn die Zungenspitze ist
Den redesel’gen Leuten allen durchgebohrt."
Überhaupt sind, wir des Glauben, Herkules habe, als ein Mann von großer Weisheit, das meiste, was er getan, nicht sowohl durch Stärke, als durch des Wortes und der Überredung Gewalt ausgeführt. Seine Geschosse sind, dünkt mich, eindringliche, wohlgezielte, schnell treffende Worte, welche tief in den Gemütern der Hörenden haften; wie ihr denn selbst auch von geflügelten Worten sprechet.“ So weit mein Gallier.
Wie mir also neulich mein Entschluß, hier vor euch aufzutreten, das Bedenken erregte, ob es auch geraten sei, in meinen Jahren, und nachdem ich schon seit so langer Zeit meine öffentlichen Vorlesungen eingestellt hatte, mich abermals dem Urteile so vieler Richter auszusetzen, so kam mir recht zur guten Stunde die Erinnerung an jenes Gemälde in den Sinn. Denn ich war in der Tat sehr ängstlich gewesen, man möchte mein Vorhaben für ein jugendliches Wagestück ansehen, das meinem Alter sehr schlecht anstände; und irgend ein Homerischer Jüngling könnte mich mit den Worten schelten:
"Deine Kraft ist gelöst, und mühsames Alter beschwert dich;
Auch ist schwach dein Wagengefährt’ und müde die Rosse" (Ilias VIII, 103.),
einen spottenden Blick dabei auf meine Beine werfend. Aber jetzt brauche ich mich nur an jenen greisenhaften Herkules zu erinnern, um Mut zu Allem zu fühlen, und, als ein Altersgenosse jenes gemalten Gottes, vor einem solchen Wagestück mich nicht mehr zu erblöden.
So fahret denn wohl, Stärke, Schnelligkeit, Schönheit und alle ihr Vorzüge des Körpers: und auch dein Amor, Tejischer Sänger, schwinge immer sein Goldfieder bei’m Anblick meiner erbleichenden Haare, und flattre schneller als ein Adler davon: "was kümmert das den Hippoklides?" Für mich ist’s jetzt an der Zeit, in meinen Vorträgen mich wieder zu verjüngen, und hier eine Kraft zu zeigen, die jetzt erst in ihrer Blüte steht, indem ich so viele Ohren, als ich nur immer kann, an mich fessle, und reichliche Geschosse der Worte entsende, an welchen mein voller Köcher mich keinen Mangel befürchten läßt. - Du siehst, wie ich mich über mein hohes Alter zu trösten weiß. Aber diese Vorstellung gab mir Mut, mein längst angelegt gewesenes Schiffchen wieder flott zu machen, und nach bestem Vermögen ausgerüstet der hohen See abermals anzuvertrauen. Sendet guten Wind zur Fahrt, ihr Götter! Denn mehr als je bedarf ich des günstigen Hauches, der meine Segel schwelle; damit man auch mir einst, wenn ich’s je verdiene, jene Homerischen Worte zurufe:
"Welche stattliche Lende der Greis aus den Lumpen hervor streckt!"

Das sind schöne Worte und immer noch ganz im antik-griechischen Geist des 2. Jahrhunderts n. Ztr. geschrieben, obwohl dieser damals schon in der Ausbreitung von orientalischen Mysterienkulten zugrunde zu gehen begann (s. Wiki). So findet man es auch auf den Wikipedia-Einträgen zu Ogmios erwähnt (Wiki, engl). [Ende Ergänzung] 

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  1. Klein, Gopal Norbert: Zuhören ist Heilig. Traumaheilung, 2018 (Yt)
  2. Patterned variation in prehistoric chiefdoms. Robert D. Drennan, Christian E. Peterson Proceedings of the National Academy of Sciences Mar 2006, 103 (11) 3960-3967; DOI: 10.1073/pnas.0510862103, https://www.pnas.org/content/103/11/3960.
  3. Bading, Ingo: Die Indogermanen des 5. Jahrtausends v. Ztr., 5/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/die-indogermanen-des-5-jahrtausends-v.html
  4. Bading, Ingo:  Die Jupiter-Giganten-Säulen Ein eindrucksvolles Zeugnis der Religionspsychologie und Religionsgeschichte, 18/10/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/10/die-jupiter-giganten-saulen.html
  5. Tainmont, T.: The Panoti and some other fantastic forms of macrotia. Presented at the meeting of the Royal Belgian Society of Ear, Nose, Throat, Head and Neck Surgery on 17 November 2005. In: B ENT, 2006 (pdf)
  6. Bading, Ingo: "Aus weiter Ferne komm ich her ...", Mai 2016, https://studiengruppe.blogspot.com/2016/05/aus-weiter-ferne-komm-ich-her.html
  7. Greßmann, Hugo (Hrsg.): Altorientalische Texte zum Alten Testament. 1909 (Archive); De Gruyter, Berlin 1926 (GB)
  8. An evolutionary theory of moral injury with insight from Turkana warriors. Matthew R. Zefferman, Sarah Mathew. In: Evolution and Human Behavior, Available online 16 July 2020 (Sciencedirect), https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2020.07.003, 
  9. William H. Race: Phaeacian Therapy in Homer’s Odyssey. In: Meineck, P., Konstan, D. (eds) Combat Trauma and the Ancient Greeks. The New Antiquity. Palgrave Macmillan, New York 2014, https://link.springer.com/book/10.1057/9781137398864, Pages 47-66