Dienstag, 12. September 2023

"Auf feuchter Wiese der Charente"

"Das Nächste Beste" - Der Zug der Stare als geschichtsphilosophisches Gleichnis

Das Hölderlin-Jahrbuch des Jahres 1998/99 enthält einen Aufsatz, dessen Titel uns ins Auge gefallen ist (1): 

"Wie ein Hund - Zum „mythischen Vortrag“ in Hölderlins Entwurf ‘Das Nächste Beste’".

Die ersten drei Worte spielen auf die Zeile eines jener Gedichtentwürfe Hölderlins an, die einen immer schon in besonderem Maße angesprochen haben können, nämlich des Gedicht-Entwurfes "Vom Abgrund nämlich". Es handelt sich um die Zeilen:

               Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn
In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten
In denen wohnen Menschen
In Frankreich.
Erst unlängst war uns der Gedanke gekommen, daß gerade auch dieser Gedicht-Entwurf inhaltlich zu der geschichtsphilosophischen Thematik "Griechenland - Hesperien" paßt, die hier auf dem Blog inzwischen mehrfach erörtert worden ist.

Abb. 1: Ein Schwarm Stare auf der Nordseeinsel Juist, September 2010 (Wiki) (Fotograf "4028mdk09") 

In seiner Gesamtheit lautet der Gedichtentwurf folgendermaßen:

Vom Abgrund nämlich haben
Wir angefangen und gegangen
Dem Leuen gleich, in Zweifel und Ärgernis,
Denn sinnlicher sind Menschen
In dem Brand
Der Wüste
Lichttrunken und der Tiergeist ruhet
Mit ihnen. Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn
In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten
In denen wohnen Menschen
In Frankreich.
Der Schöpfer.
Frankfurt aber, nach der Gestalt, die
Abdruck ist der Natur zu reden
Des Menschen nämlich, ist der Nabel
Dieser Erde, diese Zeit auch
Ist Zeit, und deutschen Schmelzes.
Ein wilder Hügel aber stehet über dem Abhang
Meiner Gärten. Kirschenbäume. Scharfer Odem aber wehet
Um die Löcher des Felses. Allda bin ich
Alles miteinander. Wunderbar
Aber über Quellen beuget schlank
Ein Nußbaum und ... sich. Beere, wie Korall
Hängen an dem Strauche über Röhren von Holz,
Aus denen
Ursprünglich aus Korn, nun aber zu gestehen, befestigter Gesang von Blumen als
Neue Bildung aus der Stadt, wo
Bis zu Schmerzen aber der Nase steigt
Zitronengeruch auf und das Öl, aus der Provence, und es haben diese
Dankbarkeit mir die Gasgognischen Lande
Gegeben. Gezähmet aber, noch zu sehen, und genährt hat mich
Die Rappierlust und des Festtags gebraten Fleisch
Der Tisch und braune Trauben, braune
... und mich leset o
Ihr Blüten von Deutschland, o mein Herz wird
Untrügbarer Kristall an dem
Das Licht sich prüfet wenn ... Deutschland

Wenn solche Worte fallen, möchte man selbst ganz verstummen. Hier hat sich jemand bis an die Grenze des Sagbaren gewagt, womöglich noch darüber hinaus. 

Dieser Gedichtentwurf ist voller Bezüge, und zwar unterschiedlichster Art. Natur und Geschichte sind auf verschiedenerlei Beziehungsebenen miteinander in Verbindung gebracht. 

Auf die Erwähnung von Frankreich folgt gleich in der übernächsten Zeile die Erwähnung von Frankfurt und zum Schluß von Deutschland. Das Wechselspiel zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Süd und Nord innerhalb Europas, zwischen Gascogne und Hessen, der Gedanke von diesem Wechselspiel bildet allzu deutlich einen Hintergrund zu diesem Gedichtentwurf.

Eine der wichtigsten Zeile zur inhaltlichen Deutung desselben scheint uns dann aber - unter den Vorzeichen der Griechenland-Hesperien-Erörterungen - die Zeile:

"Denn sinnlicher sind Menschen / In dem Brand / der Wüste". 

Damit scheint uns doch - einmal erneut - der "südliche Mensch" angesprochen zu sein. Er lebt - nicht zuletzt - auch in Bordeaux, in der Gascogne. Er lebt nahe an Afrika und seiner Wüste. Aber der "Tiergeist", der zugleich das Feuer vom Himmel ist ("lichttrunken"), der schläft mit ihm, mit dem Menschen des Südens. So wie Cerebus schläft, der Hund, der den Eingang der Unterwelt bewacht, so daß die Toten sich ungehindert unter die Lebenden mischen können und umgekehrt (1). Die Nacht herrscht, die Dunkelheit.

Der Tiergeist ist eingeschlafen in jenem Abgrund, der sich mit dem Untergang der antiken Mittelmeerkultur und mit dem Heraufkommen des Abendlandes aufgetan hat. Die Welt der Wirklichkeit ist zu Träumen der Nacht geworden.

Und nun haben "wir" - die Menschen des Abendlandes - aus dem Abgrund, der sich in dieser Dunkelheit, in dieser Nacht aufgetan hat, "angefangen" und "sind gegangen / dem Leuen gleich". 

So dieses geschichtsphilosophische Bild, bzw. eine erste Ausdeutung dieser Zeilen des Gedichtentwurfes.

Der Leu, der Löwe steht hier, soweit uns das derzeit - vom Rhythmus des Gedichtes und seines Gedankenganges her - verständlich ist, für den hesperischen Menschen, den nüchternen Menschen. Er geht nüchtern und ernüchtert - in Zweifeln und in Ärgernis - seinen Gang. Es ist der mittelalterliche Mensch und jener Mensch, der mit Restbeständen von "Mittelalter" noch zu Zeiten von Hölderlin ringt.

Von diesem nüchternen, ernüchterten Menschen erwartet Hölderlin - aktuell, für die Zeit seines Lebens und seines Dichtens - keine gar zu umwälzenden Dinge. Hölderlin aber harrt einem umwälzenden gesellschaftlichen Geschehen entgegen, einer Umwälzung aller Dinge. Er verkündet es in seinen Dichtungen,. Er möchte den Weg bahnen für diese Umwälzung. Er möchte die Menschen vorbereiten - auf diese Umwälzung.

Abb. 2: Die Verbreitung des Gemeinen Stars (Wiki) - Dunkle Farben einheimisch, helle Farben eingeführt; grün Heimat, gelb Sommergast, blau Wintergast

Zu seiner eigenen Zeit erwartet Hölderlin von den sinnlichen Menschen des Südens - trotz ihres Schlafes - noch eher etwas. Sie haben ja auch zu seiner Zeit - in Revolution und Gegenrevolution - heftig für umwälzende Dinge gekämpft in der Weltgeschichte.

Hölderlin glaubt offenbar auch, den Menschen des Südens selbst erneut und leichter entflammen zu können - durch seine Dichtung, durch seine Gedanken. Und womöglich hat er auch damit recht behalten: Der Marxismus, der - über Hegel - in letzter Instanz auf ihn, auf Hölderlin, zurück geht, sollte recht bald umgehen "in der Hitze" in den Städten, in denen wohnen Menschen, in Frankreich. Noch auf länger hin sollten sich viele weltgeschichtlichen Umwälzungen in Frankreich früher und wenigstens zum Teil auch heftiger vollziehen als in Deutschland. Man könnte in diesem Zusammenhang an die Pariser Commune des Jahres 1871 denken.

Zu dem Zeitpunkt als wir in unseren Vorüberlegungen an diesem Punkt angelangt waren, stießen wir auf den Eingangssatz des eingangs genannten Aufsatzes. Er lautet (1):

Hölderlins poetischer Spätstil nach der Rückkehr aus Frankreich, der Inhalt des "Homburger Folioheftes", wirft nicht nur in editorischer Hinsicht gewaltige Probleme auf, unklar ist auch, wie der bis heute schockierende Tonfall dieser Verse angemessen zu beschreiben wäre.

Die hier gewählte Charakterisierung "schockierender Tonfall" erscheint uns selbst schon eine angemessene Beschreibung zu sein. Deshalb, immerhin, eine Hölderlin womöglich sehr gerecht werdende Fragestellung: Wie kann das Aufwühlende dieser Verse, wie kann die ihnen zugrunde liegende tiefere Wahrheit gedeutet, umschrieben werden, verständlich gemacht werden? 

Auf die Thematik des Homburger Folienheftes insgesamt waren wir erstmals 2019 gestoßen (DVHS2019). Seither ist uns klar, daß wir uns mit diesem Thema nach und nach noch ausführlicher beschäftigen müssen.

Die Abfolge der Gedichte in diesem Folioheft, steht, so fanden wir 2019 schon sehr interessant, womöglich in einem sinnvollen Zusammenhang miteinander. Vielleicht wollte Hölderlin nämlich - so war zu erfahren - sie in genau dieser Reihenfolge auch veröffentlichen (Wiki). 

Im Dezember 1801 war Hölderlin nach Bordeaux aufgebrochen, Ende Mai 1802 war er von dort nach Nürtingen zurück gekehrt. Von 1804 bis zum 11. September 1806 lebte er dann auf Einladung seines Freundes Isaac von Sinclair in Bad Homburg. Isaac von Sinclair bestritt auch die Kosten seiner Anstellung an der dortigen Bibliothek aus seinem eigenen Einkommen. Am Ende dieser Zeit stand die Anklage wegen Hochverrat, die Anklage, von Sinclair, Hölderlin und andere hätten Pläne verfolgt, den Herzog von Württemberg zu ermorden ...

"Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn / In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten / In denen wohnen Menschen / In Frankreich."

Wenn noch heute der Tonfall solcher Verse als "schockierend" wahrgenommen werden kann, dann wird man sich womöglich auch nicht wundern, wenn Strafverfolungsbehörden damaliger Zeit unruhig wurden, wenn sie einen Dichter im stillen Kämmerlein solche und andere Worte dichten sahen und ihn befreundet sahen mit einem politisch, revolutionär umtriebigen Minister eines kleines deutschen Duodez-Fürstentums. Da mag es niemanden mehr wundern, daß Hölderlin in jenen Tagen begann, den Verrückten zu spielen und hinaus in die Gassen von Bad Homburg rief: "Ich will kein Jakobiner sein. Ich bin ein getreuer Untertan meines lieben Herzogs." 

Schlafende Hunde waren nämlich schnell geweckt. Mitunter sogar im schläfrigen Deutschland ...

Etwa am Anfang des dritten Drittels dieser Gedichte und Gedichtentwürfe des Homburger Folienheftes, die fast allesamt berühmt sind, finden sich die Entwürfe "Das Nächste Beste" und "Vom Abgrund nämlich". Mit diesen beiden Gedichtentwürfen vor allem ist der genannte Aufsatz befaßt. Er sieht sie in einem gedanklichen Zusammenhang miteinander stehen (1).

Abb. 3: "Auf feuchter Wiese der Charente" - Hier die Charente bei Rochefort, schon fünfzehn Kilometer vor ihrer Mündung in den Atlantischen Ozean (Wiki) (Fotograf: Jean-Pierre Bazard, 2014)

Immer erneut ist es ein poetisches Bild, wenn sich die Stare im Herbst sammeln. Wenn sie schließlich in den Süden, ans Mittelmeer ziehen. In großen Schwärmen fliegen sie zum Himmel auf. Und der Schwarm bricht immer wieder nach einer neuen Richtung aus, so daß ganz ungewöhnliche Formationen entstehen. Ein umtriebiges, schnelles Völkchen, diese Stare. 

Ebenso poetisch dürfte das Bild sein, wenn sich die Stare im März und April in vielen Teilen des Mittelmeerraumes und des südlichen Frankreich sammeln, um wieder zurück in den Norden ziehen. 

Die Stare als Mittler zwischen Süden und Norden

In diesem Bild vom Zug der Stare hat Hölderlin einen tiefen philosophischen, geschichtsphilosophischen Gedanken gefaßt, er hat diesem Gedanken durch dieses Bild eine ganz besondere Färbung, Tönung und Stimmung gegeben. Die Natur und die Geschichte verschmelzen in diesem Bild in eines. 

Das Sammeln der Stare und der Zug der Stare - im Herbst nach Süden und im Frühjahr nach Norden - ist ihm ein Bild für den engen Zusammenhang, für das enge Zusammenspiel, für die "Verwandtschaft", die "Dialektik" zwischen der Geisteswelt und dem kulturellen und revolutionären Wollen des "südlichen Menschen" in Südeuropa und der Geisteswelt und dem kulturellen und revolutionären Wollen des nördlichen Menschen in Mittel- und Nordeuropa. Es ist ihm ein Bild für: 

"Das Nächste Beste". 

Denn es handelt sich um zwei Geisteswelten, die geographisch nah beieinander liegen und jede der Geisteswelten bildet - womöglich - für die jeweils andere "Das Nächste Beste". Die Dialektik zwischen beiden Großräumen hat die Geistesgeschichte Europas in den letzten eineinhalb Jahrtausenden jedenfalls wieder und wieder bestimmt. 

Das "germanische" Element, in dem der Protestantismus seine stärksten Wurzeln hat, und das "romanische" Element, in dem der Katholizismus viel länger überleben konnte. Damit sollen nur zwei der wesentlichsten Geistestendenzen des letzten Halbjahrtausends heraus gegriffen sein.

Das Nächste ist das Beste, das ist der Grundgedanke. Die romanische Welt ist das Beste, was der germanischen Welt geschehen konnte, die germanische Welt ist das Beste, was der romanischen Welt geschehen konnte. Obwohl der protestantische Mensch des Nordens letztlich im Protest gegen den Süden zu diesem protestantischen Menschen wurde, in der Abgrenzung zum Süden, spürt Hölderlin doch zugleich auch die Nähe zwischen beiden Welten. Er spürt, daß das Nächste für den jeweils anderen zugleich das Beste sein könnte. Obwohl der protestantische, deutsche Mensch den revolutionären Gedanken Frankreichs von 1789 eher ins Geistige verschoben wissen wollte (im Sinne der damaligen umwälzenden deutschen Philosophie), war doch das revolutionäre Geschehen in Frankreich für das damalige Deutschland "Das Nächste Beste".

Doch kehren wir zunächst noch einmal zum Gemeinen Star zurück. Auf Wikipedia lesen wir über ihn die trockenen Angaben (Wiki):

Der Großteil der Stare Europas überwintert im Mittelmeerraum und in Nordwestafrika sowie im atlantischen Westeuropa. (...) Anfang September beginnt der eigentliche Wegzug, er erreicht seinen Höhepunkt Mitte Oktober und ist Ende November weitgehend abgeschlossen. Der Heimzug beginnt im Februar und ist in Mitteleuropa meist Ende März, im Norden Europas erst Anfang Mai beendet.

97,5 % aller Stare in der Schweiz und in Süddeutschland, sowie 92 % aller Stare östlich der Elbe und östlich des Böhmerwaldes wandern in den Süden. Nur je 2,5 % bis 8 % der Stare bleiben während des Winters in den jeweils genannten Gegenden vor Ort. 

Abb. 4: Eine Bauernfähre über die Charente bei Roffit, Südwestfrankreich, gemalt von L-E May, 1866, Museum der Schönen Künste Angoulême (Wiki)

Welch ein schönes Bild, dieses Wandern des menschlichen Geistes hinüber und herüber über die Jahrhunderte hinweg als Staren-Zug zu beschreiben und zu charakterisieren. Dieser Staren-Zug rückt weit entfernte Gegenden nah zueinander, beläßt ihnen dabei jedoch zugleich ihre jeweilige Eigenart und ihren Abstand zueinander. 

Der Weg von Bordeaux nach Paris

Im Mai 1802 war Hölderlin mit dem "schönsten Zeugnis" von seinem dortigen deutschen Brotgeber, in dessen Haus er nur wenige Monate als Hauslehrer gelebt hatte, geschieden. Bordeaux gehört zum Departement Gironde. Und 1802 waren die Erinnerungen noch frisch daran, daß aus den Gegenden des Departments Gironde vor allem die Girondisten (Wiki) stammten, jene einflußreiche Gruppierung von Abgeordneten des revolutionären Frankreich, die aus dem südlichen und westlichen Frankreich stammten, und die zwischen 1791 und 1793 - also erst zehn Jahre zuvor - die Revolution in Frankreich voran getrieben hatten. Auf dem englischen Wikipedia ist über sie zu lesen (Wiki):

Sie setzten sich für das Ende der Monarchie ein, widersetzten sich dann aber der rasanten Dynamik der Revolution. Das führte zu einem Konflikt mit den radikaleren Montagnards. Sie dominierten die Bewegung bis zu ihrem Sturz im Aufstand vom 31. Mai bis 2. Juni 1793. Dieser führte zur Vorherrschaft der Montagnards und zur Säuberung und schließlich zur Massenhinrichtung der Girondisten. Dieses Ereignis steht am Beginn der Schreckensherrschaft.

Man kann vielleicht - in einem sicherlich sehr unzulänglichen Vergleich - sagen, daß die Girondisten so etwas wie die gemäßigten "Mehrheitssozialdemokraten" der russischen Revolution von 1917 und der deutschen Revolution von 1918 waren. Auch die Sozialdemokraten befürworteten die Abdankung des Zaren von Rußland und der Kaiser von Deutschland und Österreich. Aber auch die Sozialdemokraten wurden schließlich in Rußland von den "Kommunisten" "überrannt" und ersetzt, bzw. standen in Deutschland in Gefahr, von den Kommunisten ersetzt zu werden. (Vor letzterem bewahrte sie nur das Bündnis mit einer stärkeren demokratischen Mitte und mit den politisch rechtsstehenden Freikorps. Das Überrennen der Sozialdemokraten gelang östlich der Elbe erst nach einem verheerenden Zweiten Weltkrieg.)

In Deutschland hat ein großer Teil der fortschrittlicher denkenden Kreise nach 1789 sicherlich mit den Girondisten sympathisiert. Hölderlin kam in Bordeaux also - von diesem Blickwinkel her gesehen - in eine "Heimat seines Geistes", nämlich in die Heimat des Geistes der Revolution von 1789 bis 1791. 

Von Bordeaux nach Paris sind es 550 Kilometer. Über 75 Kilometer hinweg wird dieser Weg von dem romantischen kleinen Flüßchen Charente (Wiki) begleitet, grob gesagt zwischen Angoulême und Civray (s. Abb. 5). Die Charente fließt durch viele anmutige kleinere und größere Ortschaften. An ihrem Ufer reihen sich entlang: romantische Mühlen, Schlösser und stille Parks (WikiCom).

Der direkte Fußweg nach Paris überquert diesen Fluß (nach Google Maps) erstmals bei Châteauneuf-sur-Charente, einige Kilometer flußabwärts von Angoulême. Er führt dann flußaufwärts an der Charente entlang. Sie schlängelt immer wieder wechselnd einmal rechts, einmal links des Weges parallel und muß deshalb mehrere male überquert werden. So bei Montignac-Charente, bei Mansle, bei Verteuil-sur-Charente und zum letzten mal bei Civray. Dort schließlich läßt der Wanderer den Fluß hinter sich. Der Wanderer hat das Ziel "Paris" vor Augen. Auf diesem Weg sind - sicherlich - auch viele "Girondisten" zuvor schon gen Paris gewandert oder gefahren.

Abb. 5: Die Charente (Wiki)

Über mehr als 300 Kilometer hinweg fließt die Charente - insgesamt gesehen - von Osten nach Westen durch Frankreich und mündet unterhalb von Rochefort in den Atlantischen Ozean. Etwa 130 Kilometer weiter im Norden der Charente findet sich einer ihrer Parallelflüsse, nämlich die Vendée (Wiki). Und mit ihr fällt erneut ein geschichtsträchtiger Name. Dieses Flüßchen hat jenem Departement Vendée seinen Namen gegeben, in dem es nach Beginn der oben erwähnten Schreckensherrschaft 1793 bis 1796 die schwersten gegenrevolutionären Aufstände innerhalb Frankreichs gegeben hat, in denen die Menschen am Heftigsten im Für und Wider des "patriotischen Zweifels" lebten (so der Ausdruck von Hölderlin dazu).

Diese mußten somit bei den fortschrittlicher denkenden Menschen in Frankreich und Deutschland ebenfalls viel Anteilnahme finden. Man kann sagen, daß der Weg von Bordeaux nach Paris zwischen Châteauneuf-sur-Charente und Poitiers "in der Nähe" des Aufstandsgebietes der Vendée viele Gedanken in Hölderlin aufwühlen konnte. So jedenfalls hat es Hölderlin selbst ja dargestellt.

Ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr, im November 1802, hat Hölderlin ja von Nürtingen aus an seinen Freund Böhlendorf jenen Brief geschrieben, den wir schon einmal zitiert hatten (s. Stgen2023), der aber - wie uns jetzt klar wird - viel mehr noch von den Eindrücken seiner Rückreise geprägt gewesen sein wird als von den Eindrücken seiner Hinreise (auf die wir diese Ausführungen vor allem bezogen hatten). Mögen also diese Worte aus dem Blickwinkel der Erfahrungen der Rückreise noch einmal gelesen werden:

"Ich habe Dir lange nicht geschrieben, bin indes in Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde gesehn, die Hirten des südlichen Frankreichs und einzelne Schönheiten, Männer und Frauen, die in der Angst des patriotischen Zweifels und des Hungers erwachsen sind.
Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels, und die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur und ihre Eingeschränktheit und Zufriedenheit, hat mich beständig ergriffen, und wie man Helden nachspricht, kann ich wohl sagen, daß mich Apollo geschlagen.
In den Gegenden, die an die Vendée grenzen, hat mich das Wilde, Kriegerische interessiert, das rein Männliche, dem das Lebenslicht unmittelbar wird in den Augen und Gliedern und das im Todesgefühle sich wie in einer Virtuosität fühlt und seinen Durst, zu wissen, erfüllt.
Das Athletische des südlichen Menschen, in den Ruinen des antiken Geistes, machte mich mit dem eigentlichen Wesen der Griechen bekannter. ..."

So die Kernsätze dieser Ausführungen.

Es kommt einem beim Lesen der Gedanke, daß Hölderlin seinen Freund Isaac von Sinclair, durch den er 1806 in die Hochverrats-Anklage hinein geraten sollte, mit solchen, soeben beschrieben südlichen Menschen, Männern identifiziert haben könnte, da ihn doch auch an ihm - sozusagen - "das Wilde, Kriegerische, rein Männliche" interessiert haben wird, ungefähr all das, was er in seinem Roman "Hyperion" dem Freund des Hyperion, dem Alabanda, zugeschrieben hat. 

Diesem kriegerischen, revolutionären und gegenrevolutionären Menschen traute Hölderlin für seine Gegenwart und Zukunft noch mancherlei zu. Ihn dachte er mit, wenn er die Worte formulierte 

"und sind gegangen / dem Leuen gleich / in Zweifel und in Ärgernis".

Am 10. Mai 1802 hatte sich Hölderlin also in Bordeaux den Paß nach Paris ausstellen lassen.

"Auf feuchter Wiese der Charente"

Er war dann jenen Staren nachgezogen, die schon im März und April dem "Nordost" entgegen gezogen waren, der gemeinsamen Heimat entgegen. In seiner Dichtung "Das Nächste Beste" spricht Hölderlin von den Staren, die im März und April gen Norden ziehen:

... Sie spüren nämlich die Heimat,
Wenn
Auf feuchter Wiese der Charente ....

Und ihnen machet wacker
Scharfwehend die Augen der Nordost, fliegen sie auf,



           der Katten Land
Und des Württembergers
Kornebene,

Nur Bruchteile dieses Gedichtes sind fertig gestellt worden, bzw. sind erhalten. Vieles bleibt offen, vieles ungesagt. Doch jeder spürt, daß auch schon in diesen Bruchteilen so viel enthalten ist und noch so viel mehr "zwischen" den Zeilen steht.

"Der Katten Land" - das ist das Land rund um Frankfurt am Main und rund um Homburg vor der Höhe. Dort wird diese Dichtung selbst entstanden sein. Frankfurt am Main nennt Hölderlin in dem eingangs angeführten Gedichtentwurf den "Nabel der Welt". Er ist nicht nur der Ort seiner Liebe zu Diotima, er ist auch der Ort seiner philosophischen Gespräche mit Sinclair und Hegel. Und sowohl Sinclair wie Hegel ebenso wie Hölderlin - wie später Heinrich Heine oder Karl Marx - waren sich bewußt, daß die Philosophie, die man hier untereinander erörterte, revolutionäres Potential enthielt, daß sie Gedanken enthielt, die zur Tat aufforderten, zur Tat entflammten. Dieses revolutionäre Potential sollte sich dann ja auch entfalten, als der philosophische Kreis um den Nachfolger Hegels, rund um Eduard Gans - unter anderem Heinrich Heine, unter anderem Karl Marx - ab 1831 begann, die Philosophie Hegels positivistisch und materialistisch umzudeuten ...

Damit konnte sie dann noch mehr "wie ein Hund umgeh'n" ....

Schlüsselstellung in der Philosophiegeschichte um 1795

Welches revolutionäre Potential in dem damaligen Philosophieren enthalten war, das ist erst durch den deutschen Philosophen Dieter Henrich voll entfaltet und heraus gearbeitet worden. Dazu lesen wir (2, S. 5f):

Forschungen der vergangenen Jahre, besonders die von Dieter Henrich eingeleiteten Studien zur Rolle Hölderlins im Idealismus (...) zeigen, (...) daß er geradezu eine Schlüsselstellung in der Philosophiegeschichte um 1795 einnimmt. 

Es mag Sinn machen, auch noch einen Blick zu werfen in die höchst aufschlußreiche Dissertation der Autorin jenes Aufsatzes, der Auslöser für diesen Blogartikel geworden ist (2). Im ersten Kapitel derselben behandelt sie den interessanten Gedanken, daß das philosophische Nachdenken Hölderlins schließlich - wie dasjenige Schillers - zu dem Ergebnis kam, daß ihre Zeit noch nicht reif war für einen abschließenden großen philosophischen Wurf. Dieser sei erst von künftigen Zeitaltern zu erwarten. 

Und daß die gültigsten Aussagen in ihrer Zeit nicht - wie von Schelling und Hegel versucht - in ein philosophisches System gebracht werden konnten, das dem Gesamtgeschehen in diesem Universum gerecht würde, sondern nur in poetische Form gekleidet werden könnten, und zwar in eine neue Form des Mythos. Das arbeitet die Autorin aufwühlend heraus. 

Das zweite Kapitel behandelt dann die sogenannte "intellektuale Anschauung", einen zentralen Begriff in dem Philosophieren Hölderlins, aber auch in dem Philosophieren Schellings. Dabei handelt es sich um jenes Gotterleben, das der zweiten Seite der Wirklichkeit - über das Erleben des Wahren, Guten und Schönen - zugewandt ist - nach der Deutung der Philosophie des 20. Jahrhunderts (M. Ludendorff).

René Descartes - Verkörperung von "Das Nächste Beste"

[Ergänzung 21.2.24] Es muß in den hier erörterten Zusammenhängen ohne Frage darauf Bezug genommen werden, daß Hölderlins Weg zwischen Poitiers und Paris auch zumindest in die Nähe der Kleinstadt La Haye-en-Touraine kam, der Geburtsstadt des großen René Descartes (1596-1650) (Wiki) (heute deshalb "Descartes" benannt), also nach dem Denken Hölderlins in die Nähe des Geburtsortes des modernen, neuzeitlichen Denkens überhaupt (Wiki):

In seinen Geschichtsvorlesungen lobt Georg Wilhelm Friedrich Hegel Descartes ausdrücklich für seine philosophische Innovationskraft: Bei Descartes fange das neuzeitliche Denken überhaupt erst an, seine Wirkung könne nicht breit genug dargestellt werden. (...) In Descartes’ archimedischem Denkpunkt des „cogito ergo sum“ sieht Hegel einen Beleg dafür, daß Denken und Sein eine „unzertrennliche Einheit“ bilden (vgl. Parmenides), weil an diesem Punkt Verschiedenheit und Identität zusammenfallen. Hegel übernimmt dieses „Anfangen im reinen Denken“ für seine idealistische Systematik.

Hegel hat die Unterscheidung zwischen Sein und Ur-Teilung nie so scharf unternommen wie sein Freund Hölderlin. Aber auch für Hölderlin ist dieses "cogito, ergo sum", die er eben als die "Ur-Teilung" benennt (in seinem Text "Urteil und Sein"), ohne Frage der Beginn des neuzeitlichen Denkens, das über Umwege (also dialektisch) zur Wahrheit führe, der Beginn des von ihm benannten Ganges "dem Leuen gleich in Zweifel und Ärgernis" (siehe oben). Wir lesen (4):

Auch in seinen philosophischen Schriften und in dem Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ bezog sich Hölderlin auf diese „allumfassende Gottheit“. (...) Diese Einheit sei in der Neuzeit verlorengegangen; der Verantwortliche für den Sündenfall ist für Hölderlin René Descartes, der eine Teilung der Welt in Subjekt und Objekt, in eine res cogitans und in eine res extensa vornahm. Dadurch wurde die ursprüngliche Einheit zwischen Mensch und Natur zerstört. Die Reflexion vertrieb den Menschen aus dem paradiesischen „Urzustand“ und setzte ihn dem Dressurakt der Rationalisierung aus, der für die Unterdrückung der Triebe, der Emotionen, der Phantasie und der Träume verantwortlich ist (...): „Ach! wär ich nie in eure Schulen gegangen. Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne." (Zitat Hyperion)

Dieser Umstand war ohne Frage mitgedacht, als Hölderlin die Stare - als Verkündiger des Weltgeistes - von den feuchten Wiese der Charente her Richtung Deutschland fliegen ließ, ...

Und Eck um Ecke
Das Liebere gewahrend,
Denn immer halten die sich genau an das Nächste,
Sehn sie die heiligen Wälder und die Flamme, blütenduftend, ...

Weil es, unter anderem René Descartes war, der - in der Touraine geboren - in Paris, in den Niederlanden, in Prag, in Ulm, in England und in Kopenhagen lernte und lehrte. René Descartes ist womöglich gar die deutlichste Verkörperung von "Das Nächste Beste".


/ Im Entwurf: 17.7.2023 /

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Anmerkung: Wir beziehen uns in diesem Blogartikel auf Ausführungen von Annette Hornbacher. Diese hat Philosophie, Ethnologie und Literaturwissenschaft in Tübingen studiert. 1993 hat sie promoviert über "Friedrich Hölderlins poetisch-mythische Kritik der Aufklärungsphilosophie". Dieses Buch enthält ebenfalls viele wertvolle philosophische Gedanken. Hornbacher hat danach eine sehr wechselhafte akademische Laufbahn angetreten, sich bewegend zwischen Philosophie, Völkerkunde und Dramaturgie. 2003 wurde sie auf eine Professur für Völkerkunde in Heidelberg berufen. Heute forscht sie über tantrisches Gedankengut und Praktiken im südostasiatischen Raum (!). 2019 hielt sie in diesem Zusammenhang - im Rahmen des "Studium generale" in Heidelberg - den Vortrag "Immaterielles Kulturerbe und seine Problematik" (Yt). Ob sie auf ihrem akademischen Lebensweg das Philosophieren und Dichten Hölderlins wirklich so weit hinter sich gelassen hat wie es dem Äußeren nach scheint? 

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  1. Hornbacher, Annette: Wie ein Hund. Zum „mythischen Vortrag“ in Hölderlins Entwurf ‘Das Nächste Beste’. 222-246. In: Hölderlin Jahrbuch 1998-1999.
  2. Hornbacher, Annette: Die Blume des Mundes. Zu Hölderlins poetisch-poetologischem Sprachdenken. Königshausen, Würzburg 1995 [Diss. Uni. Tübingen 1993] (GB)
  3. Hornbacher, Annette: ‘Eines zu seyn mit allem, was lebt...’ Hölderlins intellectuale Anschauung. 24-47. In: Hölderlin: Philosophie und Dichtung (Hrsg.: Valérie Lawitschka). Tübingen
  4. Halmer, Nikolaus: „Eines zu sein mit Allem, was lebt“ (ORF2020)

Dienstag, 30. Mai 2023

Marsyas - oder: Der feurige Ehrgeiz der antiken Griechen

Eine Deutung der antiken Griechen durch Friedrich Nietzsche
- Ein Blick in die antik-griechische Volksseele
- Die größte Stärke des antik-griechischen Volkes war womöglich zugleich seine größte Schwäche - an der es schließlich untergegangen ist: Der Ehrgeiz im Wettkampf, der Neid und die Vermessenheit im Erfolg
- Die größte Stärke und größte Schwäche von uns Abendländern könnten andere sein

Die antik-griechische Volksseele ist in weiten Teilen noch völlig unerforscht. Das heißt, die Gesetzmäßigkeiten und die Grundkräfte, aus denen heraus die antik-griechische Kultur gelebt hat, aus der heraus ihre kulturschöpferische Begabung zu verstehen ist. Wenn man erst einmal einen Einblick in diese Thematik genommen hat, wird einem das erst bewußt - nämlich als Fragesstellung, als Problem. Und zwar von sehr großen Dimensionen. Wir hatten schon - mit Hölderlin - danach gefragt: Was unterscheidet den "südlichen Menschen" des antiken Griechenland von dem "hesperischen Menschen", dem "Abendländer" des Nordens (Stgen2023)? Und zwar auf einer grundlegenden Ebene, auf einer Ebene, aus der heraus künstlerisches, kulturelles Schaffen möglich wird.

Bei Hölderlin fanden wir eine erste Antwort. Bei Friedrich Nietzsche finden wir nun noch eine weitere Antwort, die weit über Hölderlin hinaus geht, ihn vielleicht aber auch zusätzlich deutet und ergänzt (1).

Marsyas

Zunächst waren wir bei einer Zusammenstellung von antik-griechischen Porträts (WikiC, WikiCo) (für einen noch unveröffentlichten Beitrag) auf eine Skulptur des Marsyas (Wiki) (Abb. 1) gestoßen. Auf eine nicht genau zu bestimmende Weise kann sie einen irgendwie ansprechen. Es gibt ja viele, sehr eindrucksvolle Porträts der damaligen Zeit. Aber das, was dieses Porträt sagt, findet man so nicht so leicht in anderen wieder. Aber was es einem eigentlich sagt, will einem auf den ersten Blick gar nicht aufgehen. Nur daß es etwas zu sagen hat.

Abb. 1: Kopf des Flußgottes Marsyas - Nach einem Original aus der Zeit zwischen 150 und 100 v. Ztr. - Gefunden 1867 in den Bädern des Caracalla, Altes Museum Berlin (Wiki) (Fotografiert von Ophelia2)

Erst wenn man sich mit dem Mythos rund um Marsyas (Wiki) beschäftigt, bekommt man eine Ahnung davon, was dieses Porträt aussagen könnte, so wie es aus unbewußten, unterbewußten oder bewußten Triebkräften des (unbekannten) Künstlers heraus geschaffen worden sein mag: Ein Satyr und Flußgott, der es gewagt hat, in einen musischen Wettstreit mit Apollon zu treten und der von diesem dafür grausam bestraft worden ist, der von ihm bei lebendigem Leibe gehäutet worden ist. Eine Idylle, die sich in Entsetzen wandelt. Man ist schlichtweg nur entsetzt. 

Läßt man diesen Mythos eine Weile in sich nachwirken, bekommt man womöglich auf den zweiten Blick eine Ahnung, daß dieser einen tiefen Blick werfen lassen könnte in die antik-griechische Volksseele überhaupt.

Denn schon in der Antike gab es vielfältige, eindrucksvolle Darstellungen von diesem Flußgott und Satyr, der die von der Göttin Athena weggeworfene Flöte fand und sich vermessen hat, mit Hilfe derselben in einen musikalischen Wettstreit mit dem Gott Apollon zu treten und mit der von diesem gespielten Kithara, und der dafür, nachdem Apollon nur mühsam hatte siegen können, nämlich unter Zuhilfenahme seines Gesanges, bei lebendigem Leibe gehäutet worden ist. Was für eine Rache. Warum? Es ging doch nur um Musik. Der Neid der Götter eben ....? Der sehr menschlich anmutende?

Die Vielfalt der künstlerischen Auseinandersetzung mit dieser Thematik und mit dieser mythologischen Figur über die Jahrhunderte hinweg macht deutlich, daß diese Figur die antik-griechische Volksseele "umgetrieben" hat. Dasselbe möchte man aus jenem Kopf des Marsyas ablesen, der uns zuerst aufgefallen war (Abb. 1). Man liest so viel Zustimmung zu diesem Marsyas in diesem Porträt, so viel Sympathie für ihn, so viel Ergriffenheit. Man ahnt die vollumfängliche Zustimmung des Künstlers zum Gesamtgeschehen rund um Marsyas. Er sieht die Notwendigkeit seines Schicksals ein. Er ist ergriffen von diesem Marsyas, der es ein wenig unüberlegt gewagt hat, einen Gott herauszufordern. Und zwar nicht irgendeinen Gott. Sondern ausgerechnet Apollon.

Wie gewöhnlich ist es bei den antiken Griechen bei ihrer lebhaften und lebendigen Auseinandersetzung mit ihren religiösen und mythologischen Überlieferungen auch zu unterschiedlichen Deutungen und Interpretationen gekommen. Die Deutungen konnten einmal gemessener, mehr "im Rahmen" bleiben, fast schlicht bleiben, einmal exzentrischer sein. Wobei der Mythos selbst und an sich wohl durchaus als exzentrisch aufgefaßt werden kann. Und wobei der Späthellenismus womöglich eher dazu neigte, wieder ein Verständnis für diese Exzentrizität zu gewinnen als das in der klassischen Zeit der Fall gewesen sein mag. Hier eine kleine Auswahl von Auseinandersetzungen:

  • 450 v. Ztr. schuf der Athener Bildhauer Myron die Athena-Marsyas-Gruppe (Wiki) (WikiCom1, 2), die auf der Akropolis aufgestellt wurde, und deren Bekanntheit bis heute kaum hinter seinem freilich noch bekannteren Diskus-Werfer zurück steht (Abb. 2, 3).
  • 340 v. Ztr. entstand in Athen ein Relief zu dieser Thematik (Wiki).
  • Im frühen 3. Jahrhundert v. Ztr. entstand eine weitere Skulptur des Marsyas (WikiCom).
  • Am Ende des 2. Jhrdts. v. Ztr. ebenfalls (WikiCom).

Und so gibt es noch viele weitere Darstellungen von ihm.

Abb. 2: Athena und Marsyas von Myron - Marsias entdeckt die von Athena fortgeworfene Flöte - Nachbildung im Pushkin-Museum in Moskau (Wiki) (Fotografiert von: user:shakko)

In der berühmten, wohlkomponierten Schrift "Symposion" von Platon, einem der Höhepunkte der Philosophiegeschichte der Menschheit, vergleicht Alkibiades, der vergeblich versucht hatte, den Sokrates homoerotisch zu verführen (Wiki),

"die Wortgewalt des Sokrates mit der Wirkung der Aulosmusik und Sokrates direkt mit Marsyas".

Schon an dieser Stelle wird deutlich, auf welch schmalem Grad zwischen Zustimmung und Ablehnung sich die antiken Griechen gegenüber dem Flußgott und Satyr Marsyas und der ganzen Wesensart bewegten, die er verkörperte. Man war geneigt, auch den Sokrates in einer Tradition mit diesem Marsyas zu sehen - und das wurde nicht zwangsläufig als eine Beleidigung oder Herabsetzung erachtet. Im Gegenteil. Immerhin weisen ja auch antike Porträts des Sokrates (WikiCom) mancherlei Ähnlichkeit auf mit dem hier gebrachten Porträt des Marsyas (Abb. 1). Dieser schmale Grad in Zustimmung und Ablehnung scheint uns auch aus vielen anderen künstlerischen Auseinandersetzungen mit Marsyas zu sprechen (z.B. Abb. 2 und 3). 

War es nicht womöglich einfach so: In diesem Marsyas sahen die antiken Griechen sich selbst? In ihrer ursprünglicheren, "unverfälschteren" Form?

Den Griechen war es bewußt, daß naturhafte Musik und Triebhaftigkeit, wie sie von Satyren verkörpert werden konnte, gerne einmal von einem ihrer Hochgötter Apollon grausam bestraft werden konnten. Das hielt sie nicht davon ab, dieser naturhaften Musik und Triebhaftigkei Hochachtung entgegen zu bringen. So viel Menschlichkeit und Unmenschlichkeit in einem mythologischen Bild zugleich! Und zwar auf den Seiten beider, auf der Seite des "tierhaften" Marsyas ebenso wie auf Seiten des "hochkultivierten" Apollon. Eine Dialektik zwischen beiden in doppeltem Sinne!

Spiegelt sich nicht genau darin ein Grundzug der antik-griechischen Kultur?

Anhand dieses Marsyas kann man sich klar machen, daß die antiken Griechen die zügellose, ungehemmte Lust und wilde Leidenschaft, die die Satyren verkörperten, nicht nur anhand der Dionysos-Figur thematisiert haben, sondern daß das Thematisieren wilder Leidenschaft, Triebhaftigkeit und Gesetzlosigkeit überhaupt in der griechischen Kunst und Philosophie eingebettet war, und zwar zugleich in dem Wissen darum, daß solche - gegebenenfalls -  von dem Gott Apollon bei Gelegenheit würde "gehäutet" werden können, und daß sich die Göttin Athene - wie von Myron dargestellt - in Schamhaftigkeit von ihr würde abwenden können (Abb. 2, 3). Und zugleich in Zustimmung zu all diesem Geschehen. Obwohl es sie, die Griechen, selbst betraf, dieses "Häuten" bei lebendigem Leibe.

Für die antiken Griechen war eben diese Dialektik zwischen naturhafter, wohltönender Triebhaftigkeit einerseits und gemessenem Maß und Selbstbeherrschung andererseits etwas durchgängig Mitgedachtes in allem mythischen Denken, sowie künsterlischen und philosophischen Schaffen, und zwar offenbar von Anfang an in sehr nuancierten Mischungen. Und zwar wiederum zugleich auch in Mischungen von Ernst und Heiterkeit zugleich.

Wie viel zutiefst Menschliches an sich läßt sich in Auseinandersetzung mit solchem künstlerischen Schaffen thematisieren!

Man wird wohl nicht fehlgehen, in dieser Dialektik einen tieferen Wesenszug der antik-griechischen Kultur überhaupt zu suchen.

Nietzsche

Im weiteren Nachdenken stellt sich die Frage, was eigentlich Friedrich Nietzsche über Marsyas gesagt haben könnte, er, der über den Gegensatz zwischen dem Dionysischen und Apollinischen so viel Bedeutsames zu sagen gehabt hat (Wiki)*).

Und indem wir dieser Frage nachgehen, stoßen wir auf einen uns bislang unbekannten Nietzsche-Aufsatz, in dem wir mit Erstaunen feststellen, daß selbst Nietzsche sich noch entsetzt zeigte von der Grausamkeit der antiken Griechen (1) (Zeno). Entsetzter noch als wir es heute zu sein gewohnt sind, wenn wir - ebenfalls immer einmal erneut erstaunt - auf diesen Umstand aufmerksam werden (z.B.: Stgen2013). 

Abb. 3: Athena und Marsyas von Myron - Marsias entdeckt die von Athena fortgeworfene Flöte - Nachbildung im (Wiki) (Fotografiert von Zserghei)

Aber gerade durch die Archäogenetik - zusammen mit den zahlenmäßig anwachsenden archäologischen Befunden zu Massenmorden an Frauen und Kindern seit dem Neolithikum - haben wir in den letzten Jahren erst eine umfassendere Ahnung bekommen davon, daß jenes "genetic replacement", das in der Völkergeschichte immer einmal wieder beobachtet werden kann, viel mit einer solchen Grausamkeit, mit der physischen Ausrottung und Versklavung ganzer Völker und Stämme zu tun haben könnte, mit Verelendung und Streßzeiten in der Völkergeschichte. Davon handeln viele Beiträge, die in den letzten vier Jahren auf unserem Nachbarblog erschienen sind (hier nur als Beispiel: Stgen2021a, b).

So daß wir es hier mit einem Charakterzug zu tun haben, der nicht nur auf die antiken Griechen zutrifft, sondern mit der Welt seßhafter, Ackerbau treibender Völker insgesamt. Daß in der Völkerwelt der Menschheitsgeschichte sich das Recht des Stärkeren und das Prinzip des Wettkampfs der Völker miteinander viel unverblümter geltend machte, als wir uns das lange Zeit hatten eingestehen wollen.**)

Es handelt sich aber um einen Charakterzug, der auch in Jäger-Sammler-Völkern anzutreffen ist, zum Beispiel bei den Kopfjägern in Tibet (Stgen2007). Es handelt sich zugleich auch um ein Bündel von Verhaltenstendenzen, von dem Peter Sloterdijk schon 2006 in seinem Buch "Zorn und Zeit" und in einem damaligen Cicero-Interview forderte, daß es in der Psychologie unserer Zeit mehr Berücksichtigung finden sollte, von ihm zusammen gefaßt unter dem sehr umfassenden Begriff der "thymotischen Energien" (Stgen2007).

Es handelt sich um einen Charakterzug und um ein Verhaltensbündel, die durch monotheistischen Eifer - oder später durch atheistisch-ideologischen Eifer - nur noch einmal erneut entflammt und angefacht worden sind und werden, die aber schon zuvor als ein Eifer noch etwas anderer Art in der Welt waren, als ein Eifer zum Beispiel, der Beste zu sein - worauf uns Nietzsche hier aufmerksam macht (siehe gleich).

Zunächst ist man - aus heutiger Sicht - fast verwundert, daß ausgerechnet Nietzsche ein solches Entsetzen aufweist gegenüber den oft außerordentlich schrecklichen Phantasien und Taten, die sich in den antik-griechischen Mythen (Orpheus-Mythos, Dionysos-Mythos u.a.) ebenso wiederspiegeln wie in vielfältigen Taten der antik-griechischen Geschichte.

Nietzsche macht dann aber im weiteren Verlauf seiner Überlegungen Beobachtungen, die noch heute tiefer in die Volksseele der antiken Griechen blicken lassen könnten (1):

Das gesamte griechische Altertum denkt anders über Groll und Neid als wir und urteilt wie Hesiod, der einmal eine Eris als böse bezeichnet, diejenige nämlich, welche die Menschen zum feindseligen Vernichtungskampfe gegeneinander führt, und dann wieder eine andre Eris als gute preist, die als Eifersucht, Groll, Neid die Menschen zur Tat reizt, aber nicht zur Tat des Vernichtungskampfes, sondern zur Tat des Wettkampfes. Der Grieche ist neidisch und empfindet diese Eigenschaft nicht als Makel, sondern als Wirkung einer wohltätigen Gottheit.

Was für ein schöner Gedanke in diesem letzten zitierten Satz enthalten ist. Er zaubert uns ein Lächeln auf die Lippen. Vielleicht ist der Grieche ja auch nur ehrlicher als wir, geht einem dabei durch den Kopf. Eine Eigenschaft, die man ehrlich auslebt, läßt sich auch ehrlich überwinden. Eine Eigenschaft, deren Vorhandensein man neigt hinweg zu leugnen, weil man sie gar zu sehr verdammt, wird man viel schwerer überwinden können. Denn sie wird dann nur doppelt so stark wirken in unserer heutigen, so durch und durch von ätzendem Ressentiment durchtränkten Kultur. 

Wie viel Neid mag in der heutigen Welt sein. Und wie viel Neid mag das Leben der Menschen angefressen, verbittert und verzerrt sein lassen. Womöglich waren die antiken Griechen davor durch ihren sehr ehrlichen und offenen Umgang viel besser geschützt. Sie thematisierten diesen Neid ganz ehrlich. Und sprachen ihm gute Kräfte zu. 

"Willkommen Gewinn!"

Lesen wir nicht an der Eingangstür eines Geschäftes in Pompeji den so wunderschönen Spruch "Willkommen Gewinn!" - ? Welcher so ganz und gar andere Geist spricht aus diesen beiden Worten als der Geist des christlichen Abendlandes mit all seinem verkniffenen Ressentiment, der es einerseits wegleugnet, daß wir uns über Gewinn freuen, sich andererseits dann aber klammheimlich um so mehr darüber freut und ihn dem anderen neidet. Oder der in offener Frivolität und egoistischem Materialismus keine anderen Lebensziele kennt als diesen rein materiellen Gewinn. Oh, was für ein verfluchtes, unehrliches, orientierungsloses, gottloses Jahrhundert, Jahrtausend. 

Wann sie wohl wieder kommen werden, die Zeiten von Pompeji?

Ehrlich und offen freut sich hier ein Geschäftsmann über seinen Gewinn. Amazon, du Steuerhinterzieher in allergrößtem Umfang, wie wäre das, wenn du offen und ehrlich als Titelzeile über deine Seiten setzt: "Willkommen Gewinn!" Denn um nichts anderes geht es. 

Auch dir. Sei ehrlich. Wenigstens das. Wenn dich die Regierungen weltweit schon so auffällig schonen und dir keine Steuerbeamten auf den Hals hetzen. Dir und unzähligen anderen, weltweit agierenden Konzernen.

In dem hier herangezogenen Text von 1872 ist Friedrich Nietzsche denkbar weit entfernt von seinem Gedanken vom "Willen zur Macht", der doch zwangsläufig einher gehen muß mit "Streit", "Abwehr", "Kampf", "Antagonismus". Die Götter fordern doch für sich Macht ein. Deshalb ist es doch ganz selbstverständlich, daß sie diese gegenüber den Menschen, Halbgöttern und Satyren auch durchsetzen - auf welche Weise auch immer. Aber wir lesen aus diesem Text immerhin heraus, wie sich dieser sein späterer Gedanke vom "Willen zur Macht" zu formen begann. 

Der Wettstreit - Er hatte eine so ganz andere Bedeutung in der antik-griechischen Kultur

Sein Text erhält im weiteren Verlauf unglaubliches Gewicht, wenn er darauf aufmerksam macht, daß es der Wettkampf ist, der zu den tieferen Grundkräften des antik-griechischen kulturellen Schaffens gehört (1):

Je größer und erhabener aber ein griechischer Mensch ist, um so heller bricht aus ihm die ehrgeizige Flamme heraus, jeden verzehrend, der mit ihm auf gleicher Bahn läuft. Aristoteles hat einmal eine Liste von solchen feindseligen Wettkämpfen im großen Stile gemacht: darunter ist das auffallendste Beispiel, daß selbst ein Toter einen Lebenden noch zu verzehrender Eifersucht reizen kann. So nämlich bezeichnet Aristoteles das Verhältnis des Kolophoniers Xenophanes zu Homer. Wir verstehen diesen Angriff auf den nationalen Heros der Dichtkunst nicht in seiner Stärke, wenn wir nicht, wie später auch bei Plato, die ungeheure Begierde als Wurzel dieses Angriffs uns denken, selbst an die Stelle des gestürzten Dichters zu treten und dessen Ruhm zu erben. Jeder große Hellene gibt die Fackel des Wettkampfes weiter; an jeder großen Tugend entzündet sich eine neue Größe. Wenn der junge Themistokles im Gedanken an die Lorbeeren des Miltiades nicht schlafen konnte, so entfesselte sich sein frühgeweckter Trieb erst im langen Wetteifer mit Aristides zu jener einzig merkwürdigen, rein instinktiven Genialität seines politischen Handelns, die uns Thukydides beschreibt.

Es handelt sich also um den Eifer, der Beste sein zu wollen. Diesen Geist des Wettkampfes, der so viel Herrliches in der Kultur und Geschichte der antiken Griechen hervorgebracht haben mag, ist nicht genügend gebändigt worden durch "das Vaterländische", so hatten wir uns schon durch Hölderlin belehren lassen. Aber da er zugleich eine so starke Triebkraft war zu kulturellem Schaffen - wie möchte man ihn da noch verdammen? War da die antik-griechische Kultur nicht geradezu zwangsläufig zum Untergang verdammt? Da ihr der Wettkampf untereinander, nicht zuletzt der leidenschaftliche Wettkampf - auf vielen Ebenen - zu einer so wichtigen kulturellen Antriebskraft nötig war?

Wir verdammen diesen Ehrgeiz heute. Und das zu vielen Teilen auch zurecht. Wir verdammen ihn auch deshalb, weil wir spüren, daß es seiner nicht bedarf, um höchste kulturelle Leistungen hervor zu bringen. Wollte Beethoven "besser" sein als alle anderen und wurde er insbesondere deshalb dieses "Genie"? Nein, wir empfinden hier stark den Unterschied zwischen der antik-griechischen und der abendländischen Kultur. Wir spüren geradezu, daß die abendländischen Antriebskräfte zum kulturellen Schaffen, der Natur desselben näher stehen als die antik-griechischen Antriebskräfte. Freilich stehen die abendländischen Antriebskräfte zugleich auch in größerer Gefahr, "einzuschlafen", weil sie sich durch Wettstreit untereinander womöglich nicht genügend anspornen lassen.

Wie kam es uns schon beim ersten Studium der griechischen Geschichte***) so sonderbar vor, daß die antiken Griechen gar zu sehr herausragende Größe einzelner Persönlichkeiten im politischen Leben nicht ertragen konnten und gegen sie immer und immer wieder das Mittel der Verbannung, des Ostrakismos anwendeten. Wie unweise, ja töricht kam uns das wieder und wieder vor. Ja, deshalb sogar abstoßend. Wie uns überhaupt die rein politische Geschichte der antiken Griechen allezeit abstoßend erschienen ist. Und jetzt erkennen wir, warum sie - einem Abendländer - abstoßend erscheinen muß. Allein um der politischen Geschichte und Kultur der antiken Griechen willen würden wir ihnen jedenfalls längst nicht jene große Hochachtung entgegen bringen können, wenn wir nicht zugleich davon wüßten, daß sie von der Sonne des Homer beschienen war und daß sie zugleich so herrliche Kunst, Philosophie und Wissenschaft hervor gebracht haben. Hier bei Nietzsche aber finden wir nun eine gute Erklärung für dieses elendige Verbannen der besten Politiker, Staatsmänner und Feldherren (1):

Der ursprüngliche Sinn dieser sonderbaren Einrichtung ist aber nicht der eines Ventils, sondern der eines Stimulanzmittels: man beseitigt den überragenden einzelnen, damit nun wieder das Wettspiel der Kräfte erwache: ein Gedanke, der der "Exklusivität" des Genius im modernen Sinne feindlich ist, aber voraussetzt, daß in einer natürlichen Ordnung der Dinge es immer mehrere Genies gibt, die sich gegenseitig zur Tat reizen, wie sie sich auch gegenseitig in der Grenze des Maßes halten. Das ist der Kern der hellenischen Wettkampf-Vorstellung: sie verabscheut die Alleinherrschaft und fürchtet ihre Gefahren, sie begehrt, als Schutzmittel gegen das Genie - ein zweites Genie.

Nietzsche ist hier ebenso genial wie die antiken Griechen. Beide zaubern uns an dieser Stelle ein Lächeln auf die Lippen. Wie heiter und voller Sonnenschein wird Weltgeschichte und Kulturgeschichte, wenn wir sie aus ihren tieferen Antriebskräften heraus verstehen. Wie lösen sich dann alle Widersprüche auf - oder erscheinen doch wenigstens in einem milderen, nicht mehr so grell-widersprüchlichen Licht. Nietzsche sagt so richtig (1):

Dort, wo der moderne Mensch die Schwäche des Kunstwerks wittert (nämlich im persönlichen Ehrgeiz des Künstlers), sucht der Hellene die Quelle seiner höchsten Kraft! 

Wir spüren deutlich: In diesem Umstand können uns die Hellenen nicht Vorbild sein. Wir sind in diesem Punkt - eigentlich - weiter. Und waren es immer schon. Vielleicht schon - sozusagen - "von Natur aus". Soll Tilman Riemenschneider in Wettstreit getreten sein mit den anderen Bildhauern seiner Zeit und nur um dieses Wettstreites willen ein so ergreifender Künstler geworden sein? Nein. Wie sehr würden wir hier das Wesen seiner Kunst verkennen. Kunst ist uns vielmehr die Abwesenheit von Wettstreit und Ehrgeiz. Und doch: Mit diesem Gedanken darf man sich den Künstlern der griechischen Antike durchaus nähern, ohne an sie Unangemessenes heran zu tragen.

Und daran wird deutlich erkennbar, daß die griechische Antike aus anderen Grundkräften lebte als das Abendland (1):

Nehmen wir dagegen den Wettkampf aus dem griechischen Leben hinweg, so sehen wir sofort in jenen vorhomerischen Abgrund einer grauenhaften Wildheit des Hasses und der Vernichtungslust. Dies Phänomen zeigt sich leider so häufig, wenn eine große Persönlichkeit durch eine ungeheure glänzende Tat plötzlich dem Wettkampfe entrückt wurde und hors de concours (außer Konkurrenz), nach seinem und seiner Mitbürger Urteil war. Die Wirkung ist, fast ohne Ausnahme, eine entsetzliche.

Ob man an dieser Stelle nicht richtig liegt, wenn man in diesem Wesenszug die "orientalischen", "mediterranen" Charakterzüge zu finden glaubt, die die vorgriechische Kultur der Pelasger geprägt haben werden - so wie den ganzen übrigen Orient? Und ob die indogermanisierten Griechen mit ihren 92 % mediterraner Herkunft nur auf diese Weise diese Verhaltenstendenz in Schach halten konnten, kultivieren konnten, bändigen konnten, daß sie den Wettstreit zuließen als Mittel der Kultivierung und der Einhaltung des Maßes? 

Ist dies - in den Worten Hölderlins (s. Stgen2023) - "die Regel, womit sie den übermütigen Genius vor des Elements Gewalt behüteten", bzw.: zugleich behüteten wie entfachten?

Abb. 4: Porträtbüste des Miltiades d. J. (554 bis 459 v. Ztr.), Nationalmuseum von Ravenna (Wiki)

Auf eine Art, die zugleich in sich die Gefahr des Untergangs barg, weil sie über dem Wettstreit untereinander die Gemeinsamkeit vergessen konnten? 

Miltiades

Nietzsche erläutert seine Erkenntnis anhand des Lebensschicksals des Feldherrn Militades (554-489 v. Ztr.), das genau zu jenem Verstörendsten gehört, auf das man beim Studium der antik-griechischen, politischen Geschichte überhaupt stoßen kann (1):

Es gibt kein deutlicheres Beispiel als die letzten Schicksale des Miltiades. Durch den unvergleichlichen Erfolg bei Marathon auf einen einsamen Gipfel gestellt und weit hinaus über jeden Mitkämpfenden gehoben, fühlt er in sich ein niedriges rachsüchtiges Gelüst erwachen gegen einen parischen Bürger, mit dem er vor alters eine Feindschaft hatte. Dies Gelüst zu befriedigen, mißbraucht er Ruf, Staatsvermögen, Bürgerehre und entehrt sich selbst. Im Gefühl des Mißlingens verfällt er auf unwürdige Machinationen. Er tritt mit der Demeterpriesterin Timo in eine heimliche und gottlose Verbindung und betritt nachts den heiligen Tempel, aus dem jeder Mann ausgeschlossen war. Als er die Mauer übersprungen hat und dem Heiligtum der Göttin immer näher kommt, überfällt ihn plötzlich das furchtbare Grauen eines panischen Schreckens: fast zusammenbrechend und ohne Besinnung fühlt er sich zurückgetrieben, und über die Mauer zurückspringend stürzt er gelähmt und schwer verletzt nieder. Die Belagerung muß aufgehoben werden, das Volksgericht erwartet ihn, und ein schmählicher Tod drückt sein Siegel auf eine glänzende Heldenlaufbahn, um sie für alle Nachwelt zu verdunkeln. Nach der Schlacht bei Marathon hat ihn der Neid der Himmlischen ergriffen. Und dieser göttliche Neid entzündet sich, wenn er den Menschen ohne jeden Wettkämpfer gegnerlos auf einsamer Ruhmeshöhe erblickt. Nur die Götter hat er jetzt neben sich - und deshalb hat er sie gegen sich. Diese aber verleiten ihn zu einer Tat der Hybris, und unter ihr bricht er zusammen.

Genial gedeutet. Wir für uns müssen sagen, daß wir damit - mehr als dreißig Jahre nach Beginn unseres Studiums der Alten Geschichte im Nebenfach und dabei der politischen Zerrissenheit der griechischen Poliswelt endlich eine Deutung für diese finden, der wir Befriedigung entgegen bringen können. Wir saßen damals in Seminaren über die politische Geschichte des antiken Griechenland und konnten wieder und wieder nur den Kopf schütteln darüber, warum ein solches Wirrwarr und eine Geschichte voller Widersprüche nun als etwas "Besonderes" sollte angesehen werden. Erst als wir die erste große Liebe in unserem Leben erfuhren und uns - damit in Verbindung stehend - auf die Lektüre des Homer eingelassen haben, war uns die antik-griechische Kultur innerlich näher gekommen. Im politischen Leben der antiken Griechen findet man ihre Seele am wenigsten. Da ist sie überschattet von den widersprüchlichen Lebensschicksalen solcher bedeutender Persönlichkeiten wie der des Miltiades. Und Nietzsche geht noch weiter (1):

Bemerken wir wohl, daß so, wie Miltiades untergeht, auch die edelsten griechischen Staaten untergehen, als sie durch Verdienst und Glück aus der Rennbahn zum Tempel der Nike gelangt waren. Athen, das die Selbständigkeit seiner Verbündeten vernichtet hatte und mit Strenge die Aufstände der Unterworfenen ahndete, Sparta, welches nach der Schlacht von Ägospotamoi in noch viel härterer und grausamerer Weise sein Übergewicht über Hellas geltend machte, haben auch, nach dem Beispiele des Miltiades, durch Taten der Hybris ihren Untergang herbeigeführt zum Beweise dafür, daß ohne Neid, Eifersucht und wettkämpfenden Ehrgeiz der hellenische Staat wie der hellenische Mensch entartet. Er wird böse und grausam, er wird rachsüchtig und gottlos, kurz, er wird "vorhomerisch" - und dann bedarf es nur eines panischen Schreckens, um ihn zum Fall zu bringen und zu zerschmettern. Sparta und Athen liefern sich an Persien aus, wie es Themistokles und Alkibiades getan haben; sie verraten das Hellenische, nachdem sie den edelsten hellenischen Grundgedanken, den Wettkampf, aufgegeben haben: und Alexander, die vergröbernde Kopie und Abbreviatur der griechischen Geschichte, erfindet nun den Allerwelts-Hellenen und den sogenannten "Hellenismus". –

Das von dem "Allerwelts-Hellenen" möchten wir so nicht unterstreichen. Auch noch der Hellenismus hat als kulturelle Erscheinung eine so viel größere, überragende Herrlichkeit im Vergleich zu einem großen Teil all dessen, was sich christliches Abendland schimpft, daß wir in der Bewertung hier sehr behutsam sein sollten. Aber ansonsten: Wie genial gedeutet. Ob die Bedeutung dieses Textes von Nietzsche wohl jemals genügend gewürdigt worden ist? Oder gibt es noch bessere Deutungen zu den tieferliegenden Lebensgesetzen der antik-griechischen Kultur?

Wir verstehen auch gleich, warum Griechenland gegen das Perserreich bestehen konnte. Weil es einen edlen Wettstreit gab zwischen allen Poleis, im Kampf gegen die Perser zu bestehen und sich hervorzutun. Wir verstehen, warum es diesen Wettstreit gab zwischen Athen und Sparta. Wir verstehen, warum das antike Griechenland nicht in einen ähnlichen Wettstreit treten konnte mit dem persischen Großreich: Es lebte aus ganz anderen Triebkräften heraus als die antiken Griechen. Wie oft sind die Spartaner aufgefordert worden, Krieg gegen das persische Großreich zu führen, das militärisch leicht zu besiegen wäre. Sie ahnten vermutlich nur zu gut, daß diese Hybris ihnen nicht gut tun würde.

Und der "panische Schrecken", den wir bei den antiken Griechen wieder und wieder finden, auch bei den größten Helden, und der schon so manchem Kulturpsychologen als so sonderbar fremd und nicht-germanisch erschienen ist - auch er wird nicht nur Ausfluß des damaligen Aberglaubens sein, nein, er wird Ausfluß der fortbestehenden angeborenen Verhaltenstendenzen der 92 % mediterraner Herkunft sein. Wenn wir solche Dinge verstehen, verstehen wir gleich so viel anderes außerdem.

2.200 v. Ztr. - Als die "Häutung" der Pelasger durch Apollon begann

Aber kommen wir auch noch einmal auf die Häutung des Marsyas bei lebendigem Leibe zurück durch den erhabenen griechischen Gott Apollon: Man möchte fast sagen, daß so die griechische Kultur entstand während der zerstörerischen Zuwanderung der Indogermanen um 2.200 v. Ztr., die grob 50 % Steppengenetik in sich trugen (so wie heute noch die Skandinavier): sie häuteten die Vorgängerbevölkerung, die der Pelasger, sie wandelten sie dabei um in ein Volk von Apollon-Verehrern und -Anhängern. Aber das war nur möglich durch "Häutung". Ob eine solche Deutung richtig ist, angemessen ist? Ob die Ahnung von einer solchen Vergangenheit in diesem Mythos mitschwingt? 

Ob den antiken Griechen unterschwellig bewußt war, daß sie vom Typ her eigentlich mehrheitlich "Marsyas" sind, und daß sie erst grausam gehäutet werden mußten, bevor sie "Apollon" werden konnten, apollinisch, homerisch? Wir möchten diesen Gedanken als Hypothese in den Raum stellen.

Völkergeschichte ist - mitunter - so grausam. Und - mitunter - entspringt solcher Grausamkeit, solcher grausamen Mißhandlung höchste Kultur. Eigentlich sprechen alle mythologischen Vorstellungen der antiken Griechen über ihre dunkle Vorzeit von solcher Grausamkeit, von solcher Mißhandlung, insbesondere der Mythos rund um Orpheus und Dionysos.

Ergänzung 10.6.23: Darf man es womöglich so sagen: Wollten die mediterranen Menschen von heute in den kulturschaffenden Sog von einst kommen, wollten sie in den kulturschaffenden Sog ihrer antik-griechischen Vorfahren zurück kehren: Womöglich müßten sie dafür in sich jenen feurigen Ehrgeiz entfachen und jene Wettkämpfe wiederbeleben, die den antiken Griechen für ihr kulturelles Schaffen und politisches Wirken so nötig und unabdingbar waren.

Trauma und Trauma-Heilung bei den antiken Griechen

(1.7.23) Wir möchten noch weitere Gedanken anfügen, die sich inzwischen bei uns ergeben haben. Wenn wir im Folgebeitrag (Stgen2023) hören, wie Sokrates im "Phaidros" die Worte zitiert

"Von dem, was etwa altem Götterzorn entsprang
In einzelnen Geschlechtern,"

werden wir ganz überraschend aufmerksam auf den Umstand, daß Traumata auch schon in vorgeschichtlichen und antiken Zeiten von Generation zu Generation weiter gegeben worden sein können, nein, weitergegeben worden sind - so wie heute (siehe z.B. Thema "Kriegsenkel" [Wiki], zu dem wir mehrere Artikel in Vorbereitung haben). Aber wie viel "schöner", angemessener erscheint es, diese Traumata als einen "Götterfluch" zu interpretieren, an dem der einzelne gar keine "Schuld" hat, an dem er schuldlos leidet - so wie heute. 

Wie viel schöner ist es überhaupt, Traumata in Beziehung zu setzen zu dem Verhältnis des Menschen zu den Göttern, als Traumata - so wie heute - allein aus einem atheistischen Weltbild heraus "heilen" zu wollen. Oh, ihr unseligen Menschen von heute! Ihr wollt Traumata nicht mehr als einen "alten Götterfluch" erachten? Ihr wollt so viel klüger sein als die antiken Griechen? Nie und nimmermehr. Die Griechen waren viel dichter am Kern der eigentlichen Thematik dran. In allem geht es immer um das Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott, um die Erschütterung dieses Verhältnisses, um die Entwurzelung aus Gottvertrautheit, aus Gottgeborgenheit. Wie soll Traumaheilung möglich werden, wenn wir orientierungslos im wabernden Raum der Beliebigkeit weltanschaulicher Möglichkeiten mehr taumeln als gehen? Während allein eine klare und entschiedene Ausrichtung auf das Göttliche selbst heilsam sein könnte?  In entschiedener Abwendung, Abstoßung von allem Gottlosen, Kulturlosen - ?

Jedenfalls werden wir damit zugleich aufmerksam darauf, wie die antiken Griechen Traumata - unter anderem - "heilten". Nämlich - unter anderem - durch das Theater, das sie - womöglich vor allem zu diesem Zwecke - erst "erfunden" haben. In der Tragödie wird ein erschütterndes Geschehen auf eine Bühne gestellt, wird auf dieser "nachgespielt". (Und zwar in "Dionysien". Dionysos also, der Gott des Spiels und der Verwandlung, sowie der Ekstase ist zugleich der Gott der Heilung.) Die gesamte Stadt, die gesamte Gemeinschaft nimmt erschüttert Anteil an dem Geschehen auf der Bühne. Gerade jene, die besonders traumatisiert worden sind durch irgendein Geschehen oder die ein Trauma in der Familie über Generationen hinweg ererbt erhalten haben, können - inmitten der Gemeinschaft sitzend - Heilung, "Katharsis" erfahren während der Aufführung. Und in ihrer Ausrichtung auf das Göttliche eine innere Erneuerung und Verlebendigung finden.

Und zwar - letztlich - ganz ähnlich wie Trauma-Heilung auch bei den heutigen Turkana-Kriegern in Ostafrika - traditionellerweise - geschieht (2). Nämlich indem die Traumatisierten in die Mitte der Gemeinschaft genommen werden, und indem man ihnen zuhört, an ihrem Schicksal Anteil nimmt. Und zwar die gesamte Gemeinschaft (auch dazu haben wir seit 2020 einen Artikel in Vorbereitung).

Welche ganz neue Bedeutung würden Theater heute erhalten, wenn man sie bewußt als Mittel der Trauma-Heilung nutzen würde. (Und nicht für all die erbärmlichen, völlig sinnlosen, nutzlosen oder seichten Spielereien und Schreieren, für die sie heute - viel zu oft - genutzt werden.)

Google Scholar-Suche zu dem Thema "psychological trauma ancient greece" liefert tatsächlich überraschend viele und konkrete weiterführende Ergebnisse, die zu vielen neue Gedanken Anlaß geben können und die Perspektive bedeutend erweitern. So allein der Gedanke in dem Aufsatz "Phäaken-Therapie in der Odyssee des Homer", in dessen Zusammenfassung es so schön prägnant formuliert wird (3, S. 47):

Stellen Sie sich einen von der normalen Gesellschaft isolierten Ort vor, dessen Bewohner einen erschöpften, mittellosen Veteranen aufnehmen, ihm Kleidung geben, ihm zu Essen geben und baden, ihre ganze Aufmerksamkeit seiner Anwesenheit widmen, für Geschenke, Unterhaltung und sportliche Erholung sorgen und zusehen, wie er in Tränen ausbricht, wenn er an seine Vergangenheit erinnert wird, die sich seine persönliche Geschichte aufmerksam anhören, die ihn sogar nach weiteren Einzelheiten fragen und die ihn weiter reisen lassen mit einem Vorrat an Reichtümern versehen, die er bei seiner Rückkehr nach Hause verwenden kann. Wie könnte man einen solchen Ort nennen? Ein Sanatorium? Eine Reha-Einrichtung?

Was für ein herrlicher Gedanke. Man möchte es erst gar nicht glauben. Man blickt sofort in das entsprechende Kapitel von Homer's Odyssee bei den Phäaken hinein. Und findet alles bestätigt! Und findet in diesem einen Kapitel eine Beschreibung, wie Traumaheilung stattfinden sollte, wie eine Reha-Einrichtung eingerichtet sein sollte. Und wir merken allein durch dieses eine Buchkapitel, wie viele neue Erkenntnisquellen uns aufgetan sind, wenn wir uns mit dem Thema "Trauma und Traumaheilung bei den antiken Griechen" beschäftigen. 

Uns kommt aus den Zusammenhängen des bisherigen Nachdenkens über die antiken Griechen auch der folgende Gedanke: Während mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit in geheimen, elitären satanistischen und okkulten Psychosekten, die hinter den Geheimdiensten weltweit stehen, aufgrund Jahrhunderte langer "Erprobung" bei der "traumabasierten Bewußtseinsontrolle" durch zahllose Folterungen von Geburt an gezielt und methodisch die multiple Persönlichkeitsstörung hervorgerufen wird, um "willige Vollstrecker" der Befehle geheimer Schattenregierungen in den weltweiten "gelenkten Demokratien" von heute heranzuziehen, könnten in früheren Jahrtausenden schwere Traumatisierungen auch dazu  geführt haben, ganze Völker hinauf zu reißen zu Edelsinn und Schönheits-Trunkenheit - so wie die antiken Griechen, und zwar durch "Häutung bei lebendigem Leibe". Wobei sie dann später - dennoch - gelegentlich mit einer leichten Trauer auf ihr früheres Dasein als "Marsyas" zurück schauen konnten.

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*) Eine Schrift, die - nebenbei gesagt - auch Thema der mündlichen Abschlußprüfung im Nebenfach Philosophie des Verfassers dieser Zeilen bei Professor Rudolf Malter in Mainz im Jahr 1993 war.
**) Unter anderem auch in Zurückweisung des materialistischen Sozialdarwinismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der so viele üble Folgen mit sich gebracht hatte. Darunter unter anderem den Gedanken vom "Volk ohne Raum" auf deutscher Seite und umgekehrt die Umvolkungen aufgrund des Deutschenhasses in den freimaurerischen, sowjetischen und nach-sowjetischen Eliten weltweit zwischen 1914 und 1945, sowie weiterwirkend bis heute.
***) Am Seminar für Alte Geschichte der Universität Mainz bei Professor Bellen (1927-2002) (Wiki) und anderen in den Jahren zwischen 1989 und 1993.

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  1. Nietzsche, Friedrich: Homers Wettkampf (1872). In: Fünf Vorreden zu ungeschriebenen Büchern. Für Frau Cosima Wagner in herzlicher Verehrung und als Antwort auf mündliche und briefliche Fragen, vergnügten Sinnes niedergeschrieben in den Weihnachtstagen 1872. In: ders.: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 263-267 (Zeno)
  2. Matthew R. Zefferman, Sarah Mathew: An evolutionary theory of moral injury with insight from Turkana warriors. In: Evolution and Human Behavior, Available online 16 July 2020, https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2020.07.003, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1090513820300829
  3. Meineck, P., Konstan, D. (eds) Combat Trauma and the Ancient Greeks. The New Antiquity. Palgrave Macmillan, New York 2014, https://link.springer.com/book/10.1057/9781137398864

Montag, 9. Januar 2023

Hölderlin in Bordeaux

"Die Sangart überhaupt wird einen anderen Charakter annehmen"
- Hölderlin verstehen, heißt, die Aufgaben der Deutschen in der Zukunft verstehen

... Dort an der luftigen Spitz 
An Traubenbergen, wo herab 
Die Dordogne kommt, 
Und zusammen mit der prächtgen 
Garonne meerbreit 
Ausgehet der Strom. ..
(Hölderlin / Andenken )

Gewidmet dem Gedenken an Dieter Henrich, 
gestorben am 17. Dezember 2022 in München.*)

Nach Hölderlin lautet die große Frage: Wie lernen wir, "das Eigene frei zu gebrauchen"? Bis heute haben wir Deutschen, wir Abendländer unser Eigenes nie wirklich "frei gebraucht". Und das heißt: Unsere Aufgabe in der Weltgeschichte ist noch gar nicht erfüllt, harrt noch der Erfüllung.

Der Friedenschluß von Luneville zwischen Frankreich und Österreich im Jahr 1801 beendete die Revolutionskriege.

Abb. 1: Ein typisches Weingut in der Nähe von Bordeaux (50 Kilometer nordöstlich davon) (Wiki)

Im tiefsten Winter der Jahreswende von 1801/1802 reist der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) von Straßburg über Lyon, durch das Zentralmassiv nach Bordeaux im Südwesten Frankreichs, nahe der dortigen Atlantikküste.

Parallel zu dieser Reise, vor ihrem Antritt und nach seiner Rückkehr entwirft Hölderlin in zwei Briefen an seinen Freund Böhlendorf die Aufgaben der Deutschen und des Abendlandes für die Zukunft, Aufgaben, die die Deutschen und das Abendland 220 Jahre später immer noch nicht ins Auge gefaßt haben und angegangen sind. ... Sie waren zwischenzeitlich mit "dürftigerer" Kost zufrieden.

Hölderlin sagt in diesen Briefen, daß uns Abendländern Klarheit und Nüchternheit als Begabung angeboren sind, während dem "südlichen Menschen", insbesondere den antiken Griechen Leidenschaft und Pathos als Begabung angeboren wären. Aus diesem Gegensatz heraus erklärt er die Aufgaben der Deutschen in der Zukunft. Und da er dem "südlichen Menschen" - wie er ihn versteht - in Bordeaux im Südwesten Frankreichs unter einem ihm ganz anderen Himmel erlebt, stehen seine diesbezüglichen Worte immer zugleich auch in Zusammenhang mit dieser Reise.

Das Gedicht "Andenken", das letzte Gedicht, das Hölderlin selbst noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht hat, enthält Erinnerungen an seinen Aufenthalt in Bordeaux im März 1802.

In dem noch zu zitierenden Brief sagt er weiterhin, daß es für eine Kultur nichts Schwereres gibt, als das Eigene, Angeborene "frei zu gebrauchen". Wir Deutschen und Abendländer sind diese Aufgabe noch nicht angegangen. Diese Aufgabe ergibt sich daraus, daß jeder Kultur das Eigene, das Angeborene zu sehr Gewohnheit ist und ihr das Leben des Eigenen zu leicht fällt, also daraus, daß ihr das Leben des Eigenen zu selbstverständlich ist. Wir Deutschen und Abendländer haben also, so Hölderlin, unser Eigenes viel zu selbstverständlich gelebt, haben es nie genügend infrage gestellt und mit etwas "ganz anderem" konfrontiert. Für Hölderlin gilt aber, was auch sein Zeitgenosse Goethe in Worte faßte, nämlich:

"Was du ererbt von deinen Vätern - erwirb es, um es zu besitzen."

Dieses Erwerben des Eigenen ist nach Hölderlin jedoch nicht leicht, sondern vielmehr das Gegenteil: das Schwerste. Und dieses Erwerben des Eigenen gelingt nach Hölderlin einer Kultur und einem in dieser Kultur lebenden Künstler erst dadurch, daß er eine "fremde Natur annimmt" und sich dieser "mitteilt".

Abb. 2: Der Hafen von Bordeaux, gemalt von Joseph Vernet, 1759

Merkwürdig genug, daß solche Gedanken in deutschen Landen über 220 Jahre hinweg so selten erörtert worden sind, obwohl doch die ernsthafte Beschäftigung mit Hölderlin schon vor mehr als hundert Jahren in Deutschland und Europa begonnen hat.

Aber Hölderlin hat eben eine Tiefe, aus der heraus sich erst nach und nach immer mehr von dem entfaltet, was in seinem Dichten und Denken alles beschlossen lag und liegt. (Womöglich könnte das in Parallele gesetzt werden zum Grundgedanken der Inhärenz, den der Evolutionsforscher Simon Conway Morris in der biologischen Evolution auf der Erde und in der Kosmologie ebenfalls verwirklicht sieht: Stgen2016, Stgen2017.)

Um sich diesem ungewöhnlichen Gedanken anzunähern, ist es aber sicher sinnvoll, daran zu erinnern, daß das ein Gedanke ist, der sich auch schon in der bedeutenden philosophischen Schrift von Friedrich Schiller "Die ästhetischen Erziehung des Menschen" (Wiki) aus dem Jahr 1795 findet, wo auch von dem Künstler gefordert wird, eine fremde Natur anzunehmen. Durch das Humboldtsche Bildungsideal im Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts ist das Bewußtsein in den Hintergrund getreten, daß antik-griechische Kultur etwas "Fremdes" sein könnte. Erst mit der Germanen-Verehrung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hätte das Bewußtsein dafür wieder wachsen können. Sie war aber wiederum oft so bigott-engstirnig, daß sie sich selten genug durch Hölderlin belehren ließ, daß das Eigene nur dann "frei" gebraucht würde werden können, wenn es sich mit dem Fremden konfrontierte. Es hat bezüglich solcher Gedanken derartige schmähliche "Niederungen" während des Elends des 20. Jahrhunderts gegeben**), daß ein solcher Gedanke erst nach und nach wieder in der Gegenwart Gestalt gewinnen könnte. Schiller jedenfalls schrieb da 1795:

"Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist. Eine wohlthätige Gottheit reiße den Säugling bei Zeiten von seiner Mutter Brust, nähre ihn mit der Milch eines bessern Alters, und lasse ihn unter fernem griechischen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden ist, so kehre er, eine fremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück; aber nicht, um es mit seiner Erscheinung zu erfreuen, sondern furchtbar wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen. Den Stoff zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Form von einer edleren Zeit, ja jenseits aller Zeit, von der absoluten unwandelbaren Einheit seines Wesens entlehnen. Hier aus dem reinen Äther seiner dämonischen Natur rinnt die Quelle der Schönheit herab, unangesteckt von der Verderbniß der Geschlechter und Zeiten, welche tief unter ihr in trüben Strudeln sich wälzen."

Solche Worte überstrahlen Jahrhunderte. Sie sind heute noch so frisch wie vor 230 Jahren. - Wer mit der Milch eines besseren Zeitalters, dem der antiken Griechen, aufgewachsen ist, der kehrt wahrlich "fremd" in sein eigenes Zeitalter zurück. Bei Schiller kommt der Künstler durch dieses Eintauchen ins Fremde, Entfernte, Vergangene zum Eigenen. 

Abb. 3: "Das Wilde, Kriegerische, das rein Männliche" des "südlichen Menschen" - Henri de La Rochejaquelein (1772-1794), der bedeutendste Anführer des Aufstandes in der Vendée, gemalt von Pierre-Narcisse Guérin (1817)

Hölderlin denkt diesen Gedanken aber nun noch deutlich weiter. Er will über die antiken Griechen hinweg zurück zu den Deutschen kommen und zu ihrer eigenen, besonderen Rolle in der Weltgeschichte. Diese kann nicht - wie dies bei Schiller noch dunkel anklingt - nur in der Nachahmung der antiken Griechen bestehen. Dennoch aber lernen die Deutschen erst in der Begegnung mit der "fremden", antik-griechischen Kultur ihr Nationales, Eigenes, ihre eigene besondere Begabung "frei zu gebrauchen". So Hölderlin. Und das ist - für ihn, Hölderlin - das Ziel aller Kunstausübung, ist für ihn der Ausdruck höchster Kultur.

Während des Jahres 1802 weilte Hölderlin also wie gesagt im südlichen Frankreich. Von dort zurückgekehrt, schrieb er im November 1802 aus Nürtingen an seinen Freund Böhlendorf über die "südliche Menschen", denen er dort begegnet sei, und die ihn "mit dem eigentlichen Wesen der Griechen bekannter" gemacht hätten:

"Ich lernte ihre Natur und ihre Weisheit kennen, ihren Körper, die Art, wie sie in ihrem Klima wuchsen, und die Regel, womit sie den übermütigen Genius vor des Elements Gewalt behüteten.
Dies bestimmte ihre Popularität, ihre Art, fremde Naturen anzunehmen und sich ihnen mitzuteilen, darum haben sie ihr Eigentümlichindividuelles, das lebendig erscheint, sofern der höchste Verstand im griechischen Sinne Reflexionskraft ist, und dies wird uns begreiflich, wenn wir den heroischen Körper der Griechen begreifen; sie ist Zärtlichkeit, wie unsere Popularität."

"Ihre Popularität", ihre "Volkseigentümlichkeit" also ist "Zärtlichkeit" - so wie die unsere, so wie die von uns Deutschen. Wer aber hätte das sagen dürfen außer Hölderlin? Wie weit ist Hölderlin seiner Zeit voraus. Wie sehr sieht er voraus, daß wir, wir herzlosen, nüchternen Abendländer die Aufgabe haben, in diese Zärtlichkeit hinein zu kommen, in die uns eigene Volkseigentümlichkeit. 

Hölderlin schrieb natürlich im heute so benannten Zeitalter der Empfindsamkeit. Er konnte deshalb eine Eigenschaft wie "Zärtlichkeit" als "Charakter unserer Kultur", also seiner damaligen viel leichter begreifen als wir heute. Eine solche Kennzeichnung unserer heutigen Kultur würde natürlich einigermaßen bizarr anmuten - in der kulturellen Verrohung und Verflachung, in dem kulturellen Unernst unserer Zeit. Man bedenke aber, daß sich das "Zeitalter der Empfindsamkeit" als so empfindsam nicht empfunden hat. Daß es sich vor allem gegen die Rohheit und Barbarei all der Jahrhunderte vom Mittelalter an, aufgelehnt hat, gewehrt hat und sich noch lange nicht vollständig von diesen losgerissen hatte. (Wie der weitere Geschichtsablauf bis heute ja zur Genüge zeigt ...)

Die antiken Griechen in "schöner Leidenschaft" übertreffen

Mit solchen Worten knüpfte Hölderlin an Gedanken an, die er schon ein Jahr zuvor, eine Woche vor seiner Abreise nach Südfrankreich, am 4. Dezember 1801 an Böhlendorf geschrieben hatte:

"Wir lernen nichts schwerer als das Nationelle frei gebrauchen. Und wie ich glaube, ist gerade die Klarheit der Darstellung uns ursprünglich so natürlich wie den Griechen das Feuer vom Himmel. Eben deswegen werden diese eher in schöner Leidenschaft (…) als in jener homerischen Geistesgegenwart und Darstellungsgabe zu übertreffen sein.
Es klingt paradox. Aber ich behaupte es noch einmal und stelle es Deiner Prüfung und Deinem Gebrauche frei: das eigentlich Nationelle wird im Fortschritt der Bildung immer der geringere Vorzug werden. Deswegen sind die Griechen des heiligen Pathos weniger Meister, weil es ihnen angeboren war, hingegen sind sie vorzüglich in Darstellungsgabe, von Homer an, weil dieser außerordentliche Mensch seelenvoll genug war, um die abendländische junonische Nüchternheit für sein Apollonsreich zu erbeuten, und so wahrhaft das Fremde sich anzueignen.
Bei uns ist's umgekehrt. Deswegen ist's auch so gefährlich, sich die Kunstregeln einzig und allein von griechischer Vortrefflichkeit zu abstrahieren. Ich habe lange daran laboriert und weiß nun, daß außer dem, was bei  den Griechen und uns das Höchste sein muß, nämlich dem lebendigen Verhältnis und Geschick, wir nicht wohl etwas gleich mit ihnen haben dürfen.
Aber das Eigene muß so gut gelernt sein wie das Fremde. Deswegen sind uns die Griechen unentbehrlich. Nur werden wir ihnen gerade in unserm eigenen, Nationellen nicht nachkommen, weil, wie gesagt, der freie Gebrauch des Eigenen das Schwerste ist."

Hölderlin will die antiken Griechen also "in schöner Leidenschaft" übertreffen. Wer sich klar macht, wie hoch Hölderlin über das Pathos und die "Leidenschaft" der antiken Griechen gedacht hat, der erst kann nachvollziehen, worauf es Hölderlin hier ankommt, welche Art von "Bildungsprogramm", "Kunstprogramm", welche Art von künftiger künstlerischer Ausrichtung er hier für die Deutschen formuliert und diesem im eigenen Schaffen folgt. 

Abb. 4: "An der luftigen Spitz" - Bec d'Ambès (Wiki) - Der Zusammenfluß von Dordogne (vorn) und Garonne (hinten) zur Gironde, von einem Rebhügel am rechten Ufer der Dordogne aus gesehen - Auf dem linken Ufer der Garonne hinten links vom Bildrand liegt Bordeaux - Nach rechts hin strömt die Gironde dem Atlantische Ozean zu (Wiki)

Hölderlin fordert von den Deutschen, was er in umgekehrter Weise Homer als Leistung zuspricht: Homer hat die südliche, griechische angeborene Begabung für Pathos und Leidenschaft "gebändigt" durch "junonische Nüchternheit" und dadurch er hat er sein Kunstwerk zu den Göttern erhoben. ("Junonisch" ist abgeleitet von der römischen Göttin Juno, der Gattin des Jupiter. Juno ist in der Antike die griechische Göttin Hera parallel gesetzt worden, der Gattin des Zeus.)

Umgekehrt muß nun aber der Deutsche und der Abendländer seine angeborene Nüchternheit und Klarheit erst durch die Leidenschaft und den Pathos in - für ihn, den "nüchternen" Abendländer exzentrischer Weise - zu den Göttern empor heben und schafft erst dadurch jenes Kunstwerk, in dem das ihm Eigene in vollendetstem Maße zum Ausdruck kommt und durch den es zu den Göttern empor gehoben wird.*****)

Wo fanden die antiken Griechen die ihnen fremde "junonische Nüchternheit"? - Antwort: In der indogermanischen Religion und Kultur

Für uns finden diese Gedanken gleich eine Fortsetzung und so sei dies gleich an dieser Stelle eingeschoben: Worin fanden denn dann die antiken Griechen die ihnen fremde - aber notwendige - "junonische Nüchternheit"? Das Abendland war damals doch noch kaum in ihren Gesichtskreis getreten, hatte sich ja selber noch kaum gefunden (wozu als erstes Schriftkultur notwendig wäre). Selbst von der römischen Göttin Juno dürften sie vergleichsweise wenig erfahren haben. Und was an östlichen oder orientalischen Einflüssen zu ihnen kam, trug viel eher fast immer "dionysischen Charakter", verstärkte also den ihnen eigenen Charakter des Leidenschaftlichen und Feurigen und Ungebändigten. 

Nun, heute wissen wir es durch die Archäogenetik: die Vorfahren der antiken Griechen waren der Sprache und Genetik nach "südliche", "mediterrane Menschen", mit - angenommener Weise - dementsprechender auch südlicher Begabung zu Pathos, Leidenschaft und Ekstase. Sie wurden dann aber - ab 2.200 v. Ztr. - Menschen, die eine Sprache, Religion und Kultur aus dem Norden, von einer stärker indogermanisch beeinflußten Kultur angenommen haben. (Nach ihrer Überlieferung: von den Hyperboräern [s. Stgen2023].) Durch diese also vor allem kam "junonische Nüchternheit" zu ihnen. Die indogermanische "junonisch-nüchterne" Kultur bändigte die ungezügelten Leidenschaften des südlichen Menschen in gerade ausreichendem Maße und schuf so das klassische Griechenland, das bis in seine Endzeit hinein im Spannungsfeld dieser beiden von Hölderlin benannten Tendenzen steht und daraus seine kulturschöpferischen Kräfte gewinnt. 

Abb. 5: Lormont, am rechten Ufer der Garonne, gegenüber von Bordeaux (Postkarte)

Dies ist ein Interpretationsrahmen, den wir sehr spannend finden, und der uns sehr gut zu den neuesten Erkenntnissen der Archäogenetik zu passen scheint, die ja nach einem solchen neuen Interpretationsrahmen auch geradezu "schreien" und der durch sie zugleich - erstmals - vollste Bekräftigung erhält. 

Womöglich wird man sogar sagen können, daß der Interpretationsrahmen Hölderlins erst durch die neuesten Erkenntnisse der Archäogenetik seine volle Schlagkraft und Treffsicherheit beweist. Oder noch genauer: Dieser Interpretationsrahmen Hölderlins konnte vor den Erkenntnissen der Archäogenetik längst nicht so viel Zugkraft gewinnen, brachte längst nicht so viel Überzeugungskraft mit sich. Denn bis zum Jahr 2022 wäre es ja viel schwerer gewesen, die Menschen davon zu überzeugen, daß uns die antiken Griechen viel "fremder" sind als das den meisten Denkenden wirklich bewußt war. 

Davon kann sich auch der Verfasser dieser Zeilen nicht ausnehmen. Er hatte immer gedacht, die antiken Griechen wären vornehmlich "blonde Indogermanen" gewesen. Aber das stimmt ja nun gar nicht. Das stellte nur ein gewisses kulturelles Ideal der antiken Griechen dar, war keineswegs eine im täglichen Stadtbild gelebte Wirklichkeit.

Die Antigone-Übersetzung Hölderlins

Um seiner genannten Einsichten und Erfahrungen willen hat Hölderlin dann auch seine "Antigone" so ungewöhnlich exzentrisch übersetzt, daß die Zeitgenossen davon ganz abgestoßen waren und die Übersetzung schon für Zeichen von Verrücktheit angesehen haben. Aber Hölderlin hatte es ja nicht für antike Griechen übesetzt. Sie brauchten eine solche Exzentrizität ja nicht, sie lag ihnen ja sowieso schon im Blut. Deren Leidenschaft war ja gerade durch die Nüchternheit der Dichtung der "Antigone" "schön" gebändigt. Aber Hölderlin sah, daß die Deutschen allein durch solche Nüchternheit, durch die sich die antiken Griechen "bändigten", dem Gehalt solcher antiken Tragödien gar nicht wirklich nahe kamen, weil sie viel zu leicht bei sich blieben, beim Eigenen blieben in der Rezeption dieser Tragödie, viel zu sehr in ihrer Nüchternheit blieben. In seinen "Anmerkungen zur Antigone" schreibt er über die "griechischen Vorstellungen":

"Ihre Haupttendenz ist, sich fassen zu können, weil darin ihre Schwäche lag, dahingegen die Haupttendenz in den Vorstellungsarten unserer Zeit ist, etwas treffen zu können, Geschick zu haben, da das Schicksallose (...) unsere Schwäche ist."

Mit Schicksalslosigkeit spielt Hölderlin zugleich auf die Leidenschaftslosigkeit des "Ancient regime" und des ihm vorausgehenden christlich-bigotten Mittelalters an. (Leidenschaftslos zumindest in Vergleich mit der griechischen Antike.) Etwas anderes hatten Menschen in Europa bis dahin nicht kennen gelernt. Das wirklich Große und Heroische, zu dem der Abendländer als Schicksal fähig ist, war damals noch lange nicht in die Welt getreten. Das geschah erst im 20. Jahrhundert, unter anderem mit dem - durch Hölderlins Denken (über Hegel) angestoßenen - Marxismus, unter anderem mit Friedrich Nietzsche. Und nachdem dieses 20. Jahrhundert vorbei ist, und sicherlich kein Abendländer mehr wird sagen können, daß das Schicksallose für sich genommen unsere Schwäche wäre, wissen wir: Schicksal genug hatten wir inzwischen, Schicksal genug, Abgründe genug. Wir Deutschen, die Völker des Erdballs insgesamt in den letzten hundert Jahren. Mehr als genug ..... 

Im November 1802 faßt Hölderlin am Ende seines Briefes an Böhlendorf seine diesbezüglichen Gedanken noch einmal prägnant zusammen:

"Mein Lieber! ich denke, daß wir die Dichter bis auf unsere Zeit nicht kommentieren werden, sondern daß die Sangart überhaupt wird einen andern Charakter nehmen und daß wir darum nicht aufkommen, weil wir, seit den Griechen, wieder anfangen, vaterländisch und natürlich, eigentlich originell zu singen."

"Nicht aufkommen", weil das ja, wie Hölderlin schon sagte, das Schwerste ist, weil sich die abendländische Kultur nun diesem Schwersten gegenüber sieht und von dem hier zu erobernden "Feuer des Himmels" im ersten Anblick nieder gedrückt wird. 

Abb. 6: Blick vom Schloßturm Lormont (Wiki) flußabwärts auf die Garonne, bei Bordeaux

Hölderlin will also insgesamt sagen: Wir Deutschen und Abendländer sind zu "gefaßt". Unsere Aufgabe ist es nicht, "um Fassung zu ringen" (wie bei den Griechen), sondern umgekehrt, aus zu viel "Fassung" herauszutreten, exzentrisch, ungebändigt, "fassungslos" dem Äther nahe zu kommen - und dabei dann das Besondere, Einzigartige zu "treffen", punktgenau, "buchstabengetreu" - ganz so wie dies in seinen späten Dichtungen und Übersetzungen in einem ersten Ansatz geschieht. Mit diesen hat Hölderlin uns und unserer Kultur die ersten Schneisen gelegt, begonnen, die Wege zu bahnen. Soweit übersehbar, hat er das weit und breit als einziger seines Jahrhunderts und auch noch unseres Jahrhunderts getan. Am 28. September 1803 sollte er die Antigone-Übersetzung an Wilmans senden und dazu schreiben:

"Ich hoffe, die griechische Kunst, die uns fremd ist, durch Nationalkonvenienz und Fehler, mit denen sie sich immer herumbeholfen hat, dadurch lebendiger als gewöhnlich dem Publikum darzustellen, daß ich das Orientalische, das sie verleugnet hat, mehr heraushebe und ihren Kunstfehler, wo er vorkommt, verbessere."

Was für Worte: "Das Orientalische, das sie verleugnet hat". Ja, mit der Archäogenetik verstehen wir viel viel klarer, wovon Hölderlin hier spricht.

In welchem Verhältnis steht Nietzsche zu diesen Entwürfen Hölderlins?

Es wäre übrigens auch noch einmal zu überprüfen, in welchem Verhältnis Friedrich Nietzsche mit seiner Schrift "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" (Wiki) der Sache nach etwas zum Verständnis Hölderlins beigetragen hätte oder dessen Gedanken weiter geführt hätte. In dieser Schrift setzt er dem in sich sicheren und klaren (indogermanischen) "Apollinischen" das exzentrische und ungezügelte, frei schweifende (südlich-orientalische) "Dionysische" entgegen.

Diese Entgegensetzung ist erstmals von dem Hölderlin-Jugendfreund F. W. J. Schelling formuliert worden (Wiki), also dürfte wohl doch auch der Grundgedanke von Nietzsche in letzter Instanz auf Hölderlin zurück gehen, von dem seine Jugendfreunde Schelling und Hegel durch die besten philosohischen Ideen beschenkt worden sind. (Winckelmann und Schlegel werden allerdings auch als solche bezeichnet, die diesen Gegensatz schon umsonnen haben.) Wie wir oben aber schon gelesen haben, hat Hölderlin selbst das nicht so formelhaft begriffen. Läßt er doch den Homer 

"die abendländische junonische Nüchternheit für sein Apollonsreich erbeuten".

Nach diesem Zitat steht Apollon eher auf der Seite des Dionysischen. Und das dürfte auch historisch richtiger sein, schließlich ist Apoll kein ursprünglich indogermanischer Gott, sondern war ebenfalls ursprünglich ein orientalischer Orakel-Gott (siehe Stg2023). Auch hier wieder würden wir (wie so oft) sehen, daß Hölderlin "treffsicherer" war als seine Freunde.

Daß Nietzsche mit seinem "Zarathustra" dann ansatzweise durchaus etwas im Sinne der Forderungen Hölderlins geleistet hat, wird man nur wenig bezweifeln wollen. Von Hölderlin aus gesehen, wären das aber nur erste, marginale Anfänge der von ihm vorausgesehenen künftigen Kulturentwicklung. (Wobei Nietzsche auch viel zu viel Anlaß zur Mißdeutung und zum Mißbrauch gegeben hat - mit seinem Sozialdarwinismus und seinem "Willen zur Macht".)

Wir möchten außerdem bemerken, daß die Auseinandersetzungen mit der orphischen Weltauffassung (Wiki) uns Abendländer aus unserer Gesetztheit und Nüchternheit heraus reißen kann, und daß überall, wo Bezug genommen wurde auf Orpheus, sicherlich wichtige Schritte unternommen wurden (durch R. M. Rilke etwa).

Peter Szondi - "Dem eigenen Ursprung als einem fremden begegnen"

All diese Hölderlin'schen Gedanken hat der Hölderlin-Forscher ungarisch-jüdischer Herkunft Peter Szondi (1929-1971) (Wiki) schon 1967 in die Formel gefaßt (zit. n. Wiki),

"dem eigenen Ursprung als einem fremden (zu) begegnen".

Wir sind uns nicht ganz sicher, ob diese Formel nicht zu Mißverständnissen verleiten könnte. Wir sehen nicht, daß Hölderlin es so gemeint hatte.

Wir stießen auf diese Worte auf Wikipedia in dem Abschnitt über die Wirkungsgeschichte von Johann Joachim Winckelmann. Da wird darauf hingewiesen, daß Hölderlin die bloße Nachahmung der Griechen - die von Winckelmann gefordert worden war - in der späteren Phase seines Schaffens ablehnte. 

Abb. 7: Tanzgruppe in Bordeaux in traditioneller Kleidung, 1950er Jahre

Und wir führen diese Formel hier nur deshalb an, weil sie einerseits so tiefen Gehalt zu bergen scheint, daß man sie für ein Zitat von Friedrich Hölderlin selbst hält. Auf Wikipedia wird derzeit diesem Eindruck nicht entgegen getreten (Wiki). Genauere Recherche zeigt aber: Diese Worte stammen von Peter Szondi. Im "Hölderlin-Handbuch" lasen wir dann: Das Verhältnis der griechischen Antike zur "hesperischen" (abendländischen) Moderne hat Hölderlin behandelt (Hölderlin-Handbuch, S. 417):

  • in dem Brief an Böhlendorf vom 4. Dezember 1801 
  • in dem Aufsatzfragment "Gesichtspunkt, aus dem wir das Altertum anzusehen haben" und 
  • in den "Anmerkungen zur Antigone"

All das haben wir dann in dem vorliegenden Beitrag aufgearbeitet. Aber auch hier, im Hölderlin-Handbuch, wird ausgeführt, daß Hölderlin in dem erstgenannten Brief schreibt:

Nicht das Fremde des antiken Vorbilds sei nachzubilden, sondern das im Eigenen als Fremdes liegende "Ungebildete". Dabei fordert Hölderlin nicht die Aufgabe des Fremden zugunsten des Eigenen: "Die Griechen sind dem hesperischen Dichter unentbehrlich, weil er in ihrer Kunst dem eigenen Ursprung als einem Fremden begegnet." (Szondi 1970)

Hölderlin-Forschern also ist dieses Wort von Peter Szondi sehr wichtig. Es klingt ja auch tief. Szondi hatte eine Professur für Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin inne und beendete sein Leben mit 42 Jahren durch Freitod im Halensee in Berlin.

Man möchte doch auch vermuten, daß in dem Wort von Szondi - zugleich - eine jüdische Sichtweise auf die Welt widerklingt, bzw. vielleicht gegebenfalls auch eine jüdische Selbstvergewisserung. Denn dem eigenen Ursprung als einem fremden zu begegnen, könnte ja auch aus jüdischer Sicht ein Anliegen sein. Das Wort "Ursprung" hat Hölderlin unseres Wissens nach aber so nie benutzt und würde er so auch nie benutzen. Ihm war ja auch zum Beispiel das Wort "Urteil" sehr wichtig und er erweiterte es zur "Ur-Teilung" in seinem Text "Urteil und Sein". Insofern halten wir es für gefährlich, so schwere Worte wie "Ursprung" Hölderlin in Zusammenhängen unterzuschieben, in denen er sie selbst nicht verwendet hat (soweit uns bislang übersehbar), sondern sich vielmehr anders ausgedrückt hat (wie oben referiert).

In Auseinandersetzungen rund um solche Fragen stoßen wir aber auch auf andere aufwühlende Ausführungen. Etwa auf diese (Wolfgang Binder 1987, S. 183):  

Die Griechen, sagten wir, haben die Klarheit gefunden, die uns natürlich ist. Nicht als ob uns unsere bloß schematische Klarheit der erfüllten griechischen zu vergleichen wäre. Was man sich erwirbt, das besitzt man, und man weiß, was man besitzt, weil man es einer widerstrebenden Natur abverlangt hat. Was einem angeboren ist, das besitzt man gerade nicht, weil man es bloß ist und unreflektiert lebt. Die Vorstellung, das erste der einen Seite sei mit dem zweiten der anderen Seite identisch und umgekehrt, hat in der Hellas-Hesperien-Diskussion manche Verwirrung gestiftet.

Es dürfte viel Sinn machen, sich diese Hellas-Hesperien-Diskussion in der Forschung der letzten Jahrzehnten noch einmal sehr genau anzuschauen und sie auf ihre Fruchtbarkeit für die hier umrissene künftige Kulturgestaltung hin zu untersuchen.****) Hat man gesehen, was zu tun ist? Oder hat man es - wie so oft - "zerredet"? 

Hölderlins Reise nach Bordeaux

Das soll aber in diesem Beitrag im weiteren nicht mehr geschehen. Im weiteren wollen wir uns einfach noch sehr konkret mit der Reise Hölderlins nach Bordeaux und zurück beschäftigen, um vielleicht aus dem Leben- und Schicksalssumfeld, aus dem heraus Hölderlin damals seine Gedanken entwickelte, vielleicht auch noch etwas besser diese Gedanken selbst zu verstehen. Eine Woche vor Beginn der Reise, am 4. Dezember 1801 schreibt er an seinen Freund Böhlendorf:

"Mit nächstem will ich Dir aus der Nachbarschaft Deines Spaniens, nämlich aus Bordeaux, schreiben, wohin ich als Hauslehrer und Privatprediger in einem deutsch-evangelischen Hause nächste Woche abreise. Ich werde den Kopf ziemlich beisammenhalten müssen, in Frankreich, in Paris; auf den Anblick des Meeres, auf die Sonne der Provence freue ich mich auch." 

Die "Sonne der Provence" verlegt Hölderlin hier einfach einmal fröhlich in die Gegend um Bordeaux, obwohl die Provence ja eigentlich im Südosten Frankreichs, weit weg von Bordeaux liegt. Schon dieser Umstand macht darauf aufmerksam, daß für Hölderlin die Erfahrung Bordeaux gleichbedeutend war mit der Erfahrung "Süden" überhaupt.  Am 10. Dezember, also noch vor Weihnachten, begibt sich Hölderlin auf die Reise. "Reise" heißt für Hölderlin vor allem: Fußreise, Wandern. Er könnte zwischendurch auch Postkutschen benutzt haben, die Dauer der jeweiligen "Reisen" legt aber auch nahe, daß er weite Strecken zu Fuß zurück gelegt hat. Wie es ja auch in früheren Jahren schon oft seine Art gewesen war.

Da er über Paris reisen will, "geht" er von Nürtingen zunächst nach Straßburg. Dort wird er aber als verdächtiger Ausländer 14 Tage festgehalten. Was heißt verdächtiger Ausländer? 1799 war Napoleon Bonaparte durch Staatsstreich Erster Konsul in Frankreich geworden. Er hatte im Februar 1801 Frieden mit Österreich geschlossen, fürchtete aber hochverräterische Umtriebe. 1803 hat er eine solche Verschwörung gegen ihn auch tatsächlich durch Hinrichtung vormaliger Revolutiosgeneräle unterdrückt und eingeschüchtert. Am 9. Januar 1802 schreibt Hölderlin dann überraschenderweise aus Lyon an seine Mutter:

"Ich muß Ihnen noch sagen, daß mir die Reise über Lyon, als einem Fremden, von der Obrigkeit in Straßburg angeraten worden ist. Ich sehe also Paris nicht. Ich bin auch damit zufrieden."

Über Lyon ist es ein ähnlicher Umweg wie es ein solcher über Paris gewesen wäre. Zu Fuß braucht man von Nürtingen über Straßburg nach Lyon 120 Stunden (laut G-Maps). Wenn Hölderlin in Straßburg laut den Quellen 14 Tage festgehalten worden war, würden für den Weg selbst 15 Tage übrig bleiben. Und das würde heißen, daß er täglich acht Stunden hätte wandern müssen. Hölderlin spricht aber außerdem auch noch von Überschwemmungen und anderen Widrigkeiten, die die Reise verlängert hätten, so daß er gut auch einmal zehn Stunden täglich unterwegs gewesen sein könnte (oder aber für einzelne Strecken eben doch auch einmal eine Postkutsche genommen haben könnte). 

Durch die gefürchteten, überschneiten Höhen der Auvergne

Der Weg nach Lyon führte also grob über Schlettstadt, Colmar und Cernay durch das Elsaß, sowie über Belfort, Montbeliard und Besancon durch Burgund. Und das alles Ende Dezember und Anfang Januar, also im tiefsten Winter. Der Weg ist vor einem Jahrzehnt einmal von einem Deutschen - auch im Winter - abgewandert worden (Knubben). Dieser kam dabei noch im 21. Jahrhundert durch einsame und abgelegene Dörfer. Hölderlin schreibt dann aus Lyon auch:

"Ich bin noch müde, liebe Mutter! von der langen kalten Reise."

Der Weg von Lyon nach Bordeaux geht dann über Clermont-Ferrand mitten durch das Zentralmassiv, mitten durch die Auvergne. 

Abb. 8: Die Brücke "de la Guillotière" in Lyon, Aquarell von Jean-Jacques de Boissieu  (1736-1810) um 1760 (Städelsches Kunstmuseum Frankfurt am Main) (W)

Ab Naves, Tulle und Ussac kommt er dann in das wärmere, südwestliche Frankreich hinunter. Am 28. Januar 1802, knapp 20 Tage nach seiner Abreise aus Lyon, meldet er seiner Mutter seine glückliche Ankunft in Bordeaux:

"Diese letzten Tage bin ich schon in einem schönen Frühlinge gewandert, aber kurz zuvor, auf den gefürchteten überschneiten Höhen der Auvergne, in Sturm und Wildnis, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauhen Bette - da hab ich auch ein Gebet gebetet, das bis jetzt das beste war in meinem Leben und das ich nie vergessen werde."

Der Konsul Meyer, der ihn als Hauslehrer eingeladen hatte, bewohnte in Bordeaux ein für damalige Zeiten hoch modernes, gerade erst neu erbautes Palais. Es ist noch heute erhalten. Der Hausherr besaß auch ein Weingut an der Gironde, am breiten Fluß, zu dem sich Garonne und Dordogne hinter Bordeaux vereinigten, um in den Atlantischen Ozean zu münden. Vielleicht hat Hölderlin auch den Pointe de Grave (Wiki) kennengelernt, die Landspitze an der Mündung der Gironde in das Meer, in den Atlantischen Ozean. Der Hausherr begrüßte Hölderlin mit den Worten "Sie werden glücklich sein". Und nach allem, was man erfährt, war Hölderlin dies in diesem Haus auch. Nach seiner Abreise stellte ihm der Konsul das "schönste Zeugnis" aus wie er an seinen Geschäftspartner Landauer in Stuttgart schrieb.

"Das Feuer des Himmels und die Stille der Menschen"

Das Interesse Hölderlin's am "südlichen Menschen", den er in Bordeaux kennen lernte, war auch mitgeleitet von seinem Wissen um die blutigen Kämpfe in der Vendée, etwa 180 Kilometer weiter nördlich zwischen den Jahren 1793 bis 1796. In blutigen Kämpfen sind hier erbitterte Aufstände gegen die Französische Revolution niederschlagen worden (Wiki). Nach seiner Rückkehr aus Bordeaux schrieb Hölderlin im November 1802 an Böhlendorf:

"Ich habe Dir lange nicht geschrieben, bin indes in Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde gesehn, die Hirten des südlichen Frankreichs und einzelne Schönheiten, Männer und Frauen, die in der Angst des patriotischen Zweifels und des Hungers erwachsen sind.
Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels, und die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur und ihre Eingeschränktheit und Zufriedenheit, hat mich beständig ergriffen, und wie man Helden nachspricht, kann ich wohl sagen, daß mich Apollo geschlagen.
In den Gegenden, die an die Vendée grenzen, hat mich das Wilde, Kriegerische interessiert, das rein Männliche, dem das Lebenslicht unmittelbar wird in den Augen und Gliedern und das im Todesgefühle sich wie in einer Virtuosität fühlt und seinen Durst, zu wissen, erfüllt.
Das Athletische des südlichen Menschen, in den Ruinen des antiken Geistes, machte mich mit dem eigentlichen Wesen der Griechen bekannter. ..."

Wenn er davon spricht, daß die Menschen "im Todesgefühle sich wie in einer Virtuosität" fühlen, dann sieht er zunächst natürlich eigene Lebenseinstellungen und Weltsichten in die Menschen vor Ort hinein und spricht vielleicht sogar noch mehr über sich selbst als über die Menschen, die er dort kennen lernte. Man weiß ja, daß er in den Jahren zuvor an der Tragödie "Der Tod des Empedokles" gearbeitet hatte.

Vielleicht wird man auch sagen können: die Menschen damals hatten eine Sehnsucht nach einem "Wilhelm Tell", nach einem ursprünglicheren Menschen, eine Sehnsucht, der Friedrich Schiller gerade in jener Zeit begann, Ausdruck zu verleihen (Wiki).

Abb. 9: Friedrich Beißner - Früher Beitrag zur "Hellas-Hesperien-Diskussion", 1932/33, 1961

Und welchen Helden spricht Hölderlin nun nach, wenn er sagt, daß ihn "Apollo geschlagen" hätte? Bei dieser Gelegenheit gibt es Anlaß, sich klar zu machen: Ausgerechnet der "griechischste" aller griechischen Götter stand im Trojanischen Krieg gegen die Griechen! Er hält zu den Trojanern. Apoll hatte die Mauern von Troja errichten helfen und brachte die Griechen während des Krieges wiederholt in die furchtbarsten Katastrophen (Wiki): Agamemnon hatte die Tochter des Apollon-Priesters Chryses geraubt, die dieser zurückforderte und nicht erhielt, woraufhin Apoll die Pest über das Heer der Griechen sandte. Erst dann rückten die Griechen zerknirscht die Tochter heraus.

Agamemnon forderte aber nun - als Ersatz - die Briseis und beschwor damit dann den berühmten Zorn des Achill herauf, der schon für sich allein den Griechen den aller größten Schaden brachte. Doch auch ohne Achill kämpften sich die Griechen vorwärts, bis der urgewaltige Kriegsruf des Apoll die Griechen bis zu ihren Schiffen zurück trieb und die Trojaner neuerlich tapfer vordringen ließ. Der Held Patroklos konnte dann von Hektor erschlagen werden - weil Apoll ihm beistand. Achill selbst hatte vor dem Krieg schon zwei Söhne des Apoll erschlagen. Und nun nahm Apoll blutige Rache, indem er den Pfeil des Paris in die Ferse des Achill lenkte. Insgesamt hatten die Griechen also wahrlich Grund genug zu sagen, sie wären von "Apoll geschlagen" gewesen, nämlich im Kampf um Troja. Und diesen Helden nun also spricht Hölderlin nach, wenn er von sich sagt, daß auch er in seinem Lebensringen "von Apollo geschlagen" wäre. ... Die Götter sind, so kann man es als Mensch empfinden, neidisch auf allzu großes Glück der Menschen ...

Und was hat es mit der "Angst des patriotischen Zweifels" auf sich? Sie fragt "Wie soll es weitergehen mit unserem schönen Frankreich?" Sie ergab sich für Hölderlin aus den Mißbräuchen, die sowohl vor wie während der Französischen Revolution statthatten, und in denen sich für ernstere Beobachter Zuversicht und Sorgen zu ähnlichen Teilen mischten. Die Aufständischen der Vendée sahen die Mißbräuche seit Ausbruch der Revolution, diejenigen, die die Aufständischen bekämpften, sahen die Mißbräuche vor der Revolution. Beide Seiten hatten Grund genug zur "Angst des patriotischen Zweifels" - in einem solchen Krieg gegen die eigenen Landsleute.

Die Briefteilte, die diesem Zitat folgten, hatten wir schon ganz oben angeführt.

Ende Mai 1802 - In Paris

Der Grund für die so bald schon wieder erfolgte Abreise aus Bordeaux ist der Forschung bislang nicht zugänglich geworden. Susette Gontard ist erst am 12. Juni erkrankt, dies kann nicht der Anlaß gewesen sein. Außerdem wäre Hölderlin, wenn die Nachricht von einer ernsthaften Erkrankung ihrerseits der Anlaß für seine Abreise gewesen wäre, direkt nach Deutschland gereist und hätte nicht noch den Umweg über Paris genommen, um dort im Louvre die "Antiken" zu sehen.

Sicher ist zunächst nur: Am 16. April schreibt er noch sehr vage an die Mutter:

"Ich hoffe auch das, was meine Lage mir gibt, allmählich zu verdienen und einmal, wenn ich in die Heimat wiederkomme, der wahrhaft vortrefflichen Menschen, denen ich hier verbunden bin, nicht ganz unwürdig zu sein."

"Einmal" - diese Zeilen setzen also noch voraus, daß er auf lange in Bordeaux bleiben würde. Aber schon vier Wochen später, am 10. Mai 1802 erhält er in Bordeaux seinen Ausreise-Paß nach Straßburg, am 7. Juni 1802 erhält er dann das Visum für Kehl. Der Konsul Meyer stellt in seinem Briefwechsel mit Landauer in Stuttgart Hölderlin nach seiner Abreise nur das "schönste Zeugnis" aus (Höld.-Handb, S. 47f) wie wir schon sagten. Äußerer Unfrieden kann also auch nicht Anlaß für die Abreise gewesen sein.

Aber Hölderlin war auch schon aus Jena sehr "plötzlich" abgereist. Hölderlin hat seine Hausmeisterstelle in Frankfurt sehr "plötzlich" aufgegeben.

Waren die Eindrücke zu stark für ihn? Fühlte er sich auf die Dauer in Bordeaux zu entwurzelt? Suchte er, "Mutterboden"? Suchte er Heimat? Fühlte er sich in Bordeaux - auf welche Weise auch immer - "mißbraucht"? Er berichtet ja am Ende des Jahres ausdrücklich davon, daß er in Frankreich "von Apoll geschlagen" gewesen sei. Wollte er, wenn er schon krank war, tiefe Niedergeschlagenheit, Trauer und Erschütterungen zu verarbeiten hatte, dann dafür doch lieber zu Hause sein? Solche Überlegungen erscheinen uns bis auf weiteres die plausible Erklärungen zu sein.

/ Ergänzung 22.3.25: Es gilt immer auch mitzubedenken, daß die Illuminaten im Leben Hölderlins eine Rolle spielten, daß Menschen, die keinem Geheimbund angehörten, in jenen Zeiten "weiter gegeben" wurden von Ort zu Ort (16). Vielleicht fühlte sich Hölderlin ab einem bestimmten Zeitpunkt von diesen Kräften "mißbraucht". /

Ende Mai ist Hölderlin dann in Paris und besucht die "Antiken" im Louvre. Dieser ist in diesem Jahr 1802 zum "Musée Napoléon" umbenannt worden. Hölderlin verläßt dann Straßburg in Richtung Kehl am 7. Juni und besucht von dort seine Freunde in Stuttgart. Am 12. Juni 1802 bricht bei Susette Gontard die Krankheit aus. Soweit wir wissen, ahnt Hölderlin nichts. Zehn Tage später, am 22. Juni ist sie in Frankfurt am Main dann schon - mit 33 Jahren - gestorben. Den Brief, in dem Sinclair Hölderlin die Mitteilung von ihrem Tod machte, schickte er nach Bordeaux, weil er noch gar nichts von der Rückkehr von Hölderlin wußte. Hölderlin hatte Sinclair also auch gar nicht Auskunft über seine Rückreise gegeben. Dieser Brief langte bei Hölderlin in Stuttgart dann erst Anfang Juli ein.***) 

***

Dem Gedicht "Andenken", in dem sich die Erfahrung des Bordeaux-Aufenthaltes widerspiegelt, hat Dieter Henrich ein ganzes Buch gewidmet. Auf der Grundlage desselben wird ausgeführt (Lefebvre/Handbuch):

Die schöne Garonne, die Stadt Bordeaux und die Gärten werden von dem (damals fast 90 m) hoch liegenden Hügel von Lormont auf dem rechten Ufer der Garonne aus gegrüßt, 1 km nordöstlich von der Stadtmitte: Dort befinden sich der in die Garonne tief fallende Bach (heute eine steile Gasse zum Fluß hinunter), der Ulmwald, die Eichen, die Silberpappeln, die Mühle (auf der damaligen Landkarte als Moulin de Mercadet verzeichnet), unten am Fluß entlang die Stege. Der Ort mit seiner Fähre befand sich auf der ehemaligen Route d'Espagne der Santiago-Pilger und war vor allem für seine Werften bekannt. Eine von der Höhe vom Fluß her sichtbare Kapelle war von allen Schiffern und Seeleuten wegen ihrer schützenden Exvotos bekannt. Er war aber auch ein sehr bekannter Belustigungsort. (...) An Feiertagen, am 22. März zum Beispiel ("wenn gleich ist Nacht und Tag"), wurde hier getanzt, getrunken und gesungen. (...)
Nachdem der Dichter in der ersten Strophe den Strom, die Stadt und die Gärten von der hohen Klippe von Lormont aus gegrüßt hat, kommt er auf die Seeleute in den letzten zwei Strophen zu sprechen, deren Segelschiffe am von Lormont aus gut sichtbaren Bec D'Ambes (die "luftige Spiz") vorbeiziehen, das heißt gerade an dem Ort, wo Garonne und Dordogne ineinander münden und die "meerbreite" Gironde bilden. Das Gedicht protokolliert mit großer Genauigkeit einen bestimmten Tag (22.3.1802) an einem bestimmten Ort.

Wenn Hölderlin dem Nordost-Wind eine besondere Bedeutung zuspricht, dann spielt hier vielleicht eine Rolle, daß dem Nordost auch im zentralen Mittelmeer-Raum auf der Insel Malta eine Bedeutung zugesprochen wird, nämlich als "Gregale", als "griechischer Wind". Ein Wind also, der grob gesagt von Hellas hinüber nach "Hesperien", nach Westen weht. Ein ähnlicher Wind (allerdings mit wechselnder Windrichtung) wird im östlichen Mittelmeerraum als "Euroklydon" bezeichnet.

Als Hölderlin in Bordeaux selbst weilte, konnte ihm der Nordost auch deshalb der liebste unter den Winden sein, weil er von Frankfurt am Main her kam, dem Lebensort von Susette Gontard (s. Baumann 2020, S. 18).

Wenn Hölderlin aber in der vierten Strophe nach den Freunden und Gefährten fragt, dann stellt er sie sich als Seeleute und Fernreisende vor, die - mit dem Nordost - längst nach Indien abgereist sind. Und von diesen ist dann bis zum Ende des Gedichtes nur noch die Rede. Denn "mancher trägt Scheue, an die Quelle zu gehn", nämlich ans Meer, "es beginnet nämlich der Reichtum / Im Meere". Sie aber, seine Gefährten, sie scheuen das Meer nicht, "sie," - die Seeleute - "wie Maler, bringen zusammen / Das Schöne der Erd", sie führen den "geflügelten Krieg", nämlich die Seefahrt und dabei können sie an einsamen Gestaden stranden und dort trostlos den "entlaubten Mast" hinauf schauen, während in der Heimat "die Lieb auch heftet fleißig die Augen" und sehnsüchtig ihre Rückkehr erwartet:

Andenken  
 
Der Nordost wehet,
Der liebste unter den Winden
Mir, weil er feurigen Geist
Und gute Fahrt verheißet den Schiffern.
Geh aber nun und grüße
Die schöne Garonne,
Und die Gärten von Bordeaux
Dort, wo am scharfen Ufer
Hingehet der Steg und in den Strom
Tief fällt der Bach, darüber aber
Hinschauet ein edel Paar
Von Eichen und Silberpappeln!
 
Noch denket das mir wohl und wie
Die breiten Gipfel neiget
Der Ulmwald, über die Mühl,
Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum,
An Feiertagen gehn
Die braunen Frauen daselbst
Auf seidnen Boden,
Zur Märzenzeit,
Wenn gleich ist Nacht und Tag,
Und über langsamen Stegen,
Von goldenen Träumen schwer,
Einwiegende Lüfte ziehen.
 
Es reiche aber,
Des dunkeln Lichtes voll,
Mir einer den duftenden Becher,
Damit ich ruhen möge; denn süß
Wär unter Schatten der Schlummer.
Nicht ist es gut,
Seellos von sterblichen
Gedanken zu sein. Doch gut
Ist ein Gespräch und zu sagen
Des Herzens Meinung, zu hören viel
Von Tagen der Lieb,
Und Taten, welche geschehen.
 
Wo aber sind die Freunde? Bellarmin
Mit dem Gefährten? Mancher
Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;
Es beginnet nämlich der Reichtum
Im Meere. Sie,
Wie Maler, bringen zusammen
Das Schöne der Erd und verschmähn
Den geflügelten Krieg nicht, und
Zu wohnen einsam, jahrlang, unter
Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen
Die Feiertage der Stadt,
Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht. 
 
Nun aber sind zu Indiern
Die Männer gegangen,
Dort an der luftigen Spitz
An Traubenbergen, wo herab
Die Dordogne kommt,
Und zusammen mit der prächtgen Garonne meerbreit
Ausgehet der Strom.
Es nehmet aber
Und gibt Gedächtnis die See,
Und die Lieb auch heftet fleißig die Augen,
Was bleibet aber, stiften die Dichter.

 

/  Deutung und Erläuterung 
des Begriffes "Popularität"
in diesem Text nun 
besser gefaßt: 28.12.23  /

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*) Dieter Henrich hat erstmals die große philosophische Bedeutung Friedrich Hölderlins in aller Deutlichkeit heraus gearbeitet und hat damit reichste Anregungen für weitere Forschungen und für die künftige Kulturentwicklung Deutschlands und Europas gegeben.  Ihm sei in Dankbarkeit dieser Beitrag gewidmet, der in einigen ( uns viel zu großen ) Fußstapfen von Henrich wandelt ....
**) Man denke etwa - nur als Beispiel - an Erörterungen des deutschen Philosophen Eduard Baumgarten mit NS-Partei-Philosophen im Jahr 1939 in Buderose, in denen er genau diesen Gedanken gegenüber einer grenzenlosen Borniertheit und Engstirnigkeit hervorheben mußte (St.gr. Nat.2011).
***) Eine sehenswerte Filmdokumentation zu Hölderlin ist 2020 erschienen (11). Etwa im November 2022 ist auf Youtube der Kommentar dazu hinterlassen worden: "@scottthompson7635 vor 3 Monaten (bearbeitet) An excellent production. Ausgezeichnet! Ich fühle den Einfluß von Pierre Bertaux. I will watch it many times, and it will make me cry each time. Gern würde ich diesen Film für eine Englisch-sprechende Zuhörerschaft übersetzen. Obwohl sie nicht eine sehr große Menge ist, gibt es trotzdem  hier - eben hier in San Francisco - ein wachsendes Interesse für Hölderlin."
****) Nachtrag 10.6.23: Peter Szondi knüpft in seinen Forschungen insbesondere an die Dissertation des Germanisten Friedrich Beißner (1905-1977) (Wiki) aus dem Jahr 1932 an, die 1961 in zweiter Auflage erschien. 2017 erschien ein Nachdruck (13). Beißner gehörte - nach Norbert von Hellingrath - zu den wichtigsten frühen Hölderlin-Forschern des 20. Jahrhunderts (14). Seine Dissertation behandelt im ersten Teil die Pindar-Übertragungen und im zweiten Teil die Sophokles-Übertragungen Hölderlin. Das siebte und letzte Kapitel des zweiten Teiles - und des ganzen Buches - lautet "Griechenland und Hesperien". 
*****) Nachtrag 12.1.24: Eine der aktuellsten Zusammenfassungen zum Thema ist übrigens 2020 erschienen (15). - Ob im Zusammenhang mit der Hellas-Hesperien-Erörterung schon einmal dem Gedanken nachgegangen worden ist, daß die Musik Beethoven's als jene Art von Kunstäußerung gewertet werden könnte, die dieser Forderung Hölderlins hinreichend gerecht geworden ist? (Und daß Richard Strauß eine ähnliche Notwendigkeit auch durchaus sah und in ähnliche Richtung strebte, ihr aber womöglich dann doch in der Praxis nicht gerecht werden konnte [DVHS2016]?) Und daß hier auch einer der Ursprünge liegen könnte für die Vorliebe Hölderlins für die Musik eines Scarlatti? Schon allein die zeitlichen Parallelen sind ja außerordentlich überraschend: Beethoven begann seine 3. Sinfonie, die "Eroica" 1802 zu komponieren, also zu eben jener Zeit, in der Hölderlin diese Gedanken nieder schrieb. Das "Heiligenstädter Testament" Beethovens als Ausdruck der inneren Krise und Wende bei Beethoven entstand im Oktober 1802, fast zur gleichen Zeit wie der zweite Brief Hölderlins an Böhlendorf.

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  1. Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke und Briefe. Zwei Bände. Hrsg. von Günter Mieth. Carl Hanser Verlag, München, Wien 1970, 5. Auflage 1989
  2. Szondi, Peter: Der andere Pfeil. Zur Entstehungsgeschichte von Hölderlins hymnischem Spätstil. Insel, Frankfurt am Main 1963
  3. Szondi, Peter: Hölderlin-Studien. Mit einem Traktat über philologische Erkenntnis. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1967, 1970
  4. Binder, Wolfgang: Hölderlin und Sophokles. In: Friedrich Hölderlin. Studien von Wolfgang Binder. Frankfurt am Main 1987 
  5. Lefebvre, Jean-Pierre: Frankreich (Dezember 1801-Juni 1802). In: Hölderlin-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg. von Johann Kreuzer. J. B. Metzler, Stuttgart 2002 / 2011 (GB), S. 46-50
  6. Löhr, Christiane: Briefe. In: Hölderlin-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg. von Johann Kreuzer. J. B. Metzler, Stuttgart 2002 / 2011 (GB), S. 410-419
  7. Knubben, Thomas: Hölderlin. Eine Winterreise. Mit einer Carte Itinéraire von 1806 auf der Innenseite. Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2011 (Amaz)
  8. Schäfer, Barbara: Wandern wie der Dichter - Auf den Spuren von Hölderlin nach Frankreich. Rez. Knubben 2011. In: Tagesspiegel 2012
  9. Keuschnig, Gregor: Rez. von Knubben 2011, https://www.begleitschreiben.net/thomas-knubben-hoelderlin-eine-winterreise/
  10. Henrich, Dieter: Der Gang des Andenkens. Beobachtungen und Gedanken zu Hölderlins Gedicht. Klett-Cotta. 1986
  11. Schmutte, Hedwig; Lambert, Rolf (Buch und Regie): Friedrich Hölderlin - Dichter sein - Unbedingt! Along Mekong Productions mit SWR und Arte 2020, https://youtu.be/LYhBvEGhIEA, auch: https://youtu.be/MFX7pF2IN-g [darin als Hölderlin der Schauspieler Thorsten Hierse] 
  12. Baumann, Eberhard: Das Geheimnis wird Licht. Friedrich Hölderlins Gedicht "Andenken". Die blaue Eule, Essen 1997; erneut 2020 (GB)
  13. Beissner, Friedrich: Hölderlins Übersetzungen aus dem Griechischen. J. B. Metzler, Stuttgart 1933 (Dissertation Göttingen 1932) (194 S.); zweite Auflage 1961, 2017 (GB)
  14. Ennen, Jörg: 75 Jahre Hölderlin-Archiv in der Württembergischen Landesbibliothek. In: WLBforum 2016 (pdf)
  15. Schäfer, Rainer: Aus der Erstarrung. Hellas und Hesperien im "freien Gebrauch des Eigenen" beim späten Hölderlin. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2020 (GB)
  16. Gaier, Ulrich: "Das böse Gewirre". In: Gaier, Ulrich; Lawitschka, Valerie; Metzger, Stefan; Rapp, Wolfgang; Waibel, Violetta: Hölderlin Texturen 4. "Wo sind jetzt Dichter?" Homburg, Stuttgart 1798-1800. Hrsg. v. d. Hölderlin-Gesellschaft Tübingen in Zusammenarbeit mit der Deutschen Schillergesellschaft Marbach, 2002, S. 57-98