Montag, 17. April 2017

"Größeres wolltest auch du ..."

Bruno Ganz liest Hölderlin 

Soweit man sieht, gehört der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz (geb. 1941) (Wiki) zu den ganz wenigen Vortragenden, von denen man sich Dichtungen von Friedrich Hölderlin gerne vortragen lässt. 


In diesem Video (Yt) liest Bruno Ganz zwei Gedichte Hölderlins, zuerst "Lebenslauf" ("Größeres wolltest auch du ...") (auch Yt) und - ab 1'11 - "Hälfte des Lebens" (auch Yt).

Diese Zufallsentdeckung lässt danach fragen, was man sich überhaupt an gesprochenem Wort oder Schauspielleistungen zum Thema Friedrich Hölderlin im Internet anhören oder ansehen kann. Und eine Durchsicht des dort frei Verfügbaren zeigt, dass viele Künstler, Dichter und Denker, sowie solche, die sich dafür halten - auch so mancherlei Esoteriker - sich an Hölderlin "versucht" haben. Auch viele Rezitatoren. Es mag Geschmackssache sein, ob man darunter allzu viel Genießbares findet oder echt Überzeugendes. Also etwas, das Hölderlin gerecht wird. So findet man etwa Aufnahmen von Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer, in denen sie sich zu Hölderlin äußern und in denen sie aus Hölderlins Dichtungen lesen. Diese Aufnahmen haben Philosophie-geschichtlich sicherlich eine gewisse Bedeutung. Dennoch stehe dahin, ob sie jedermanns Geschmack sein müssen, und ob man sich über diese dem Hölderlin'schen Werk annähern möchte.

Es finden sich auch Ausschnitte aus zwei Spielfilmen, die zu dem Leben von Friedrich Hölderlin erstellt wurden, nämlich von "Hälfte des Lebens" (DDR, 1985) und "Der Feuerreiter" (1998). Beide Spielfilme sind ganz unmöglich. Schon wenige Ausschnitte aus ihnen machen einem das sofort deutlich.

Deshalb kehrt man, nachdem man in vieles rein gehört oder gesehen hat, doch gerne wieder zu Bruno Ganz zurück. Von Bruno Ganz gibt es auch gelesen die Gedichte Diotima (frühe Fassung) (Yt) und Der Neckar (Yt). Außerdem gibt es von ihm gelesen den letzten Gedicht-Entwurf, an dem Hölderlin in seiner Zeit in Bad Homburg gearbeitet hat: Mnemosyne (2. Fassung) (Yt).

"Mnemosyne" und das "Homburger Folienheft"


Dieser Gedicht-Entwurf findet sich auf den letzten Blättern des sogenannten "Homburger Folienheftes", dessen Gedicht-Abfolge womöglich in einem sinnvollen Zusammenhang miteinander stehen, die Hölderlin nämlich womöglich in genau dieser Reihenfolge auch veröffentlichen wollte (Wiki). Doch "Mnemosyne" ist von allen daraus der unfertigste Gedicht-Entwurf. Die Lesung von Bruno Ganz wird vielleicht den einen oder anderen anregen, nach dem Sinn zu fragen, auf den Hölderlin in diesem Gedicht hingearbeitet haben mag. Er wird aus den bislang bekannten Fragmenten nicht deutlich, auch nicht aus dem, was Bruno Ganz vorliest. Aber auch nur aus den scheinbar zusammenhanglosen Fragmenten heraus merkt man, dass es sich wie bei allen späten Dichtungen Hölderlins um sehr Tiefsinniges handelt. Mnemosyne ist die Göttin des Erinnerungsvermögens. Um deutlich zu machen, vor welchen Schwierigkeiten hier die Bearbeiter stehen, sei die erste Seite der Edition des handschriftlichen Entwurfs dieses Gedichtes mit eingestellt (Abb. 1).

Abb. 1: Gedicht-Entwurf "Mnemosyne" in editierter Form (erster Teil)

Hier sind mindestens drei Textschichten zu erkennen, drei Stadien der Erarbeitung und Überarbeitung, bzw. Ergänzung. Jede Textschicht scheint - wenn dann ihren eigenen gedanklichen Zusammenhang zu haben. Ein gedanklicher Zusammenhang mit späteren Textschichten muss aber keineswegs als gar so dicht gegeben sein. Auch dürfte die hier vorgenommene Zuordnung in frühes, mittleres und spätes Stadium schon für sich selbst nicht durchgängig unstrittig sein in der Forschung. Fettdruck jedenfalls zeigt wohl die am spätesten hinzugefügten Zeilen, mittlere Druckstärke ein mittleres Stadium und dünner Druck den angenommenen ersten Entwurf. - Aber dies hier nur, um einen Eindruck zu geben, nicht um zu diesem Thema irgend etwas Erschöpfendes sagen zu wollen.

Es dürfte hier sinnvoll sein, sich einmal in die Hölderlin-Forschung zu vertiefen und zu fragen, was diesbezüglich die bisherigen Früchte der Forschung darstellen. (Leider gibt es auch noch keinen eigenen Wikipedia-Artikel zu "Mnemosyne".)

Hölderlin war ein eigenständiger Philosoph


Abschließend sei noch auf zwei weitere Funde zum Thema Hölderlin aufmerksam gemacht. Zum einen mag es vielleicht bedenkenswert sein wie Christian Reiner die Turmgedichte Hölderlins liest (Yt). (Dazu werden leider mehrmals zu nervöse Filmsequenzen gespielt, diese lenken ab. Es ist zu empfehlen, sich nur auf das Hören zu konzentrieren.)

Und zum zweiten noch, was etwas einseitiger die Ratio, die Vernunft anspricht im Vergleich zu der bisher behandelten Dichtung: Sicher mit Gewinn hört sich der der englischen Sprache Mächtige eine Vorlesung von Edward Kanterian an über "Hölderlins Metaphysik" (1). Der Vorstellungstext macht deutlich, dass hier tatsächlich der aktuelle Forschungsstand referiert wird. Es heißt da über Hölderlin:
More recent research, as undertaken by Dieter Henrich, Michael Franz and others, has shown that he was a genuine philosopher as well, who had an original conception of the relation between art, poetry and metaphysics, and who was a major influence on the young Schelling and especially Hegel. This talk explores Hölderlin's metaphysical ideas in relation to those of thinkers like Kant and Fichte, as formulated in various fragments and letters.
In diese Vorlesung kann man sich übrigens auch über ein Transkript (1) einarbeiten.
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  1. Kanterian, Kdward: Hölderlins Metaphysic. Lecture given in the Aesthetics Research Group Seminar, School of Arts, University of Kent, 23 November 2012, https://www.youtube.com/watch?v=Ox727wSlcgY&t=2443s; Transcript: https://docs.google.com/document/d/1TELF81vGqam91vlgpnL6mY-7y5OIT-YHQXj-g9pBOMk/edit