Dienstag, 1. August 2017

Was zu tun ist am wichtigsten?

Antworten auf Lebensfragen junger Menschen 
- Mitschrift eines Vortrages von Gerold Adam aus dem November 1993

Im November 1993 ist der Physiker, Biologe und philosophische Denker Gerold Adam (1933-1996)(Wiki), Autor der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule", einmal von einem Kreis von Menschen, die sich mehrheitlich etwa auf das 30. Lebensjahr zubewegten, gebeten worden, zu eher konkreteren Orientierungsfragen im Leben einige Worte zu sagen und auch ein Gruppengespräch darüber mitzugestalten (zu "moderieren"). Aus diesem Anlaß hat Gerold Gedanken vorgetragen, die nach der Mitschrift eines Zuhörers mit der vielleicht etwas sperrigen Überschrift versehen worden sind: "Was zu tun ist am wichtigsten?"


Abb. 1: Gerold Adam, 1985

Aber ganz offensichtlich war das die Ausgangsfrage, die dem Mitschreibenden und einigen seiner Freunde in diesem Kreis damals gerade auf dem Herzen brannte. Wenn Menschen das dreißigste Lebensjahr erreichen oder es in näherer Zukunft erreichen werden, stellen sie sich oft schon andere Fragen als zehn Jahre zuvor. Oder sie stellen sie sich in anderer Art als früher. In der Regel hat man dann eine noch etwas unreifere Jugendzeit hinter sich gelassen, man hat eine Berufsausbildung oder ein Studium begonnen oder auch schon abgeschlossen, man hat Familie gegründet oder ist doch gedanklich ernsthafter als zuvor damit beschäftigt.

Aus solchen Lebenszusammenhängen heraus fragt man nun schon in ganz anderer Weise als zuvor, worauf es eigentlich im Leben ankommt, was zu tun eigentlich wichtig sein könnte. (Dies tun natürlich insbesondere Menschen, denen die weit verbreitete Lebenshaltung wie sie etwa in Werbeslogans zum Ausdruck gebracht wird wie "Spiel, Spaß, Spannung - Yogurette"*) zu wenig, zu oberflächlich und zu schal ist im Leben.) Der beschriebene Lebensabschnitt ist nun ein Alter, in dem man schon eine kleine Wegstrecke bewußter gelebten Lebens hinter sich gebracht hat, man kann eine Wegstrecke überblicken, die vielleicht schon die eine oder andere Höhe oder Tiefe mit sich gebracht hat. Man hat seine Kräfte erprobt, man hat vielleicht auch erste Grenzen seiner Kraft kennen gelernt. Aber man hat vielleicht auch noch längst nicht alle Kräfte im Leben entfaltet, die man entfalten kann.

Insgesamt jedenfalls steht man womöglich nun schon ein wenig gesammelter vor der Frage, wo soll es eigentlich mit meinem künftigen Leben hingehen?

Gerold referierte im Zusammenhang mit solchen Fragen nun eine vergleichsweise konkrete Liste von Aufgaben, die zu leisten wichtig sein könnten für Menschen, die sich verantwortlich fühlen für den Fortbestand unseres Volkes und unserer Kultur. Da man einer Zusammenstellung von Lebensaufgaben in einer so konkreten Form an anderer Stelle womöglich noch nicht begegnet ist, sollen diese Gedanken im folgenden einmal - anhand der genannten Mitschrift des Teilnehmers - festgehalten und auch zum besseren Verständnis ausführlicher erläutert werden. Gerold nannte fünf Punkte:

  1. Gestaltung von Ehe und Familie
  2. Selbstteilnahme und bewußte Einbettung in unsere Kultur
  3. Einbindung in das Volksschicksal
  4. Philosophische Sinngebung
  5. Eigenes Schaffen


1. Gestaltung von Ehe und Familie


In seinen Ausführungen ging Gerold schrittweise vor vom Allgemeineren zum Besonderen. Also von dem, was jeder tun kann hin zu dem, was Vereinzelte aufgrund von Begabung und Neigung besser tun können als andere, das aber für alle anderen ebenso wichtig ist. Als erste wichtige Aufgabe nannte er - das mag nun zunächst einigermaßen selbstverständlich klingen - die Gestaltung von Ehe und Familie: „Definitionssicherung durch die Familie“, heißt es in der Mitschrift. Gemeint ist damit wohl: Aufgabenstellungen im Leben, die im Widerspruch stehen zum Gründen und Leben von Familie können von vornherein weitgehend als eher unwichtige ausgeschlossen werden für die weiteren Überlegungen. Denn sie sichern ja den Fortbestand unserer Kultur aufgrund der heutigen demographischen Entwicklung nicht. Gerold hat diesen Gedanken jedenfalls auch sonst häufiger erörtert (z.B.: 1). Gerold führte zu diesem Punkt 1993 nun unter anderem aus:
Eine heile Ehe kann ein Aufwachsen der Kinder zu seelisch gesunden Menschen ermöglichen.
Dieses Thema haben Werner Preisinger, Gerold Adam und andere zu anderen Gelegenheiten unter anderem anhand der Forschungen des Biologen Adolf Portmann (1897-1982) über das "extrauterine Frühjahr" des Menschen und die Bedeutung der langen Kindheit des Menschen in ausführlichen Aufsätzen oder Vorträgen erörtert (z.B.: 2-4). Auch hat Gerold gelegentlich darauf hingewiesen, daß Kinder etwa zwischen dem sechsten und dem achten Lebensjahr am Vorbild des gleichgeschlechtlichen Elternteils Verhaltensmuster lernt oder auf diese geprägt wird, die es dann auch selbst später in Paarbeziehungen leben wird. Nicht zuletzt deshalb - aber sicherlich noch aus vielen weiteren Gründen heraus hier die Betonung auf "heile Ehe". Darüber wäre natürlich noch viel zu sagen. Doch gehen wir in der Mitschrift weiter (die übrigens nicht vom Verfasser des vorliegenden Blogbeitrages stammt):
Formung des Kindes durch sein Hineinwachsen in seine Sprache und Kultur.
Die Forschung erkennt von Jahr zu Jahr mehr, wie bedeutsam und irreversibel der prägungsähnliche Erwerb der Muttersprache für das gesamte künftige Leben eines Menschen ist. Dieser Umstand ist hier zunächst angesprochen. Die Bedeutung der Muttersprache für den Fortbestand der Kultur hat Gerold bei vielen Gelegenheiten hervor gehoben, auch in Beiträgen der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule". Aber auch sonst ist hier für die Eltern - nach Gerold - ein weites Aufgabenfeld gegeben. Sie können Einfluß nehmen auf die geistigen und mitmenschlichen Anregungen, die Kinder in ihrer Kindheit erhalten, etwa indem sie ein mitmenschliches Zusammenleben vorleben, das vorbildlich ist für die Kinder und ihrem Gedeihen förderlich, das sie seelisch stark macht für all die vielleicht schweren Aufgaben, die ihnen als erwachsene Menschen einmal gestellt sein werden.

Dies kann auch etwa geschehen, indem die Eltern jene Geschichten auswählen, die abends vor dem Schlafengehen vorgelesen werden. Dieses Vorlesen vor dem Schlafengehen war Gerold beispielsweise immer etwas sehr Wichtiges. Und Gerold wußte schöne Bücher, die man aus diesem Anlaß vorlesen kann (z.B.: 5, 6). Ebenso war ihm wichtig die Auswahl der Spielfilme, die die Eltern - natürlich - zusammen mit ihren Kindern ansehen. Aus diesen Gedanken heraus ergibt sich dann auch die konkretere Forderung, die von Gerold in diesem Zusammenhang außerdem noch gestellt wurde:
Dabei Beschränkung der Ansprüche, so daß ein Verdiener die Familie ernähren kann.
So heißt es in der Mitschrift. Diese Forderung ergibt sich daraus, daß es von der Natur her so vorgesehen ist und für Kinder eindeutig besser ist, im Elternhaus aufzuwachsen als die streßreiche Fremd- und "Kollektiv"-Erziehung in der Kinderkrippe, in Kindertagesstätten, sowie im nachmittäglichen Hort der Schule zu erfahren, die ja gelegentlich auch mit gutem Grund Orte genannt wurden, wo Kinder "geparkt" würden. Die Wissenschaft weiß zum Beispiel inzwischen noch deutlicher als noch 1993, daß Kinder in außerfamiliärer Betreuung einen Blutspiegel des Streßhormons Kortisol aufweisen, der dem eines schwer kranken Kindes entspricht. Die Folgen einer Jahre langen Fremdbetreuung sind deutlich reduzierte Fähigkeiten im Umgang insbesondere mit seelisch wesentlichem Belastungs- und Veränderungsstreß im Erwachsenenalter und damit im Umgang mit seelischer Reifung überhaupt. Diese seelische Schwäche wirkt sich aus in Richtung auf eine Mentalität der Anpassung an vorherrschende Gewohnheiten. Es fällt schwerer, einen eigenen Lebenstil auch dann zu leben, wenn die Umwelt einen ganz anderen Lebensstil pflegt.

Es handelt sich hierbei deshalb vermutlich um einen außerordentlich bedeutsamen Themenbereich, um so bedeutsamer, wenn man sich verdeutlicht, daß in der Evolution selbst alle größeren evolutiven Stufen im Wesentlichen eine Erweiterung der elterlichen Aufgaben mit sich brachten, weil zugleich die Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit der Nachkommenschaft größer wurde. (Siehe etwa den Übergang von Reptilien zu Säugetieren, von Nacktsamern zu Bedecktsamern, um nur die bekanntesten und anschaulichsten Evolutionstrends diesbezüglich im Tier- und Pflanzenreich zu benennen.) Der Evolution selbst also ist offensichtlich die Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit der Nachkommenschaft und die elterliche Pflege und der Schutz derselben etwas außerordentlich Zentrales gewesen bis heute.

Und dieser Umstand kann natürlich auch philosophisch gedeutet werden und wurde es auch schon.


2. Selbstteilnahme und bewußte Einbettung in unsere Kultur


Als nächste Aufgabe nannte Gerold „Selbstteilnahme und bewußte Einbettung in unsere Kultur“. Das bezog sich sowohl auf jeden Einzelmenschen für sich, als auch auf das Leben der Familie und natürlich in der überfamiliären Gemeinschaft der Menschen gleicher Kultur: „Inseln der deutschen Kultur schaffen“, sagte er hierzu. Das kann durch Teilnahme am Vereinsleben der eigenen örtlichen Gemeinde sein (Mitsingen etwa im Chor oder Teilnahme an anderen örtlichen kulturellen Veranstaltungen), das kann vieles andere auf dieser Linie mehr sein: "Das eigene Tun regt die Kinder zum Nachdenken an." Man solle, wenn man könne, musizieren, man solle tanzen, man solle Jahresfeste und Familienfeiern gestalten:
Was die Schule verschüttet oder abtötet, selbständig erwerben,
hielt die Mitschrift fest. Hier geht es also im Wesentlichen darum, die überlieferte Kultur als Mensch, in der Familie und darüber hinaus auch zu leben und sie nicht als etwas Museales, Ungelebtes, Abseitiges links liegen zu lassen.

Natürlich könnte dazu dann auch etwa das Lesen der Dichter und Denker unserer Kultur gehören. Etwa damit ihre Worte nicht wahr würden, die da lauten "Wozu Dichter in dürftiger Zeit?" (Hölderlin) oder (Weinheber):
Lebt ein Leib ohne Herz? Und du, Volk, lebst ohne die Kunst?
Abb. 2: Gerold Adam, 1989
Ein halbes Jahr vor dieser Gesprächsrunde hatte Gerold die selbstverständliche Teilnahme der Menschen früherer Generationen an ihrer eigenen Kultur und ihre Einbettung in dieselbe einmal ausführlicher anhand des Kulturlebens der schlesischen Stadt Skotschau aufgezeigt (7). (Er hatte dazu einen Aufsatzentwurf des Autors dieser Zeilen deutlich erweitert und dann als eigenen veröffentlicht.) In dieser Stadt lebten Dichter, Maler, Historiker, Politiker oder sie wurden in dieser Stadt geboren. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben sei vor allem - neben der Schule und den Kirchen - durch die freiwillige Feuerwehr und die Gesangvereine getragen gewesen wie anschaulich geschildert wird. Gerold sprach dann von der hohen Begabungsdichte unter den schlesischen Deutschen und hielt schließlich fest:
Daß solche Begabungen sich herausbilden und entfalten können, beruht auf der Pflege des Gemeinschaftssinnes und des Kulturlebens, wie sie für die ostdeutschen Kleinstädte Skotschau, Bielitz, Teschen u. a. kennzeichnend war. (...) So kann die kleine Stadt Skotschau uns die Grundlagen aufzeigen, auf denen wahre Kulturleistungen erwachsen können und deren wesentliche Züge es zu erhalten gilt, wenn unsere Kultur weiterleben soll.
Was sollte diesen Worten noch hinzugefügt werden!


3. Einbindung in das Volksschicksal


Als dritte Aufgabe nannte Gerold im November 1993 laut Mitschrift „Bewußte Selbsteinbindung und -verpflichtung (hinsichtlich) der Übernahme des Volksschicksals“. Damit war ein weiterer, großer Themen- und Aufgabenbereich angesprochen. Die Mitschrift hielt fest, dies würde geschehen
durch Teilnahme an der Geschichte - im Guten wie im Tragischen.
An der Geschichte der eigenen Kultur, des eigenen Volkes kann man Anteil nehmen, in sie kann man sich hinein gestellt fühlen und aus dieser Geschichte heraus kann man handeln, wenn man sie kennen gelernt hat und insbesondere auch, wenn man eine gefühlsmäßige Verbindung zu ihr empfindet. Gerold sagte deshalb: "Tiefe und prägende Erlebnisse" seien diesbezüglich wichtig "im Hinblick auf die Weitergabe an die Kinder".

Tiefe und prägende Erlebnisse werden ermöglicht, so sei an dieser Stelle ergänzt, in vielfältigsten Bereichen. Natürlich durch Wandern in der Natur, in der heimatlichen Landschaft, durch Besichtigung gewachsener Kultur in Dörfern und Städten, durch das Aufsuchen von Kunstwerken. Auch dies wieder kann zum Beispiel durch das Vorlesen wertvoller, altersentsprechender Literatur ermöglicht werden oder durch das gemeinsame Ansehen in dieser Hinsicht wertvoller Spielfilme. Etwa die wertvolle Verfilmung von Biographien von bedeutenden Musikern, Künstlern, Erfindern oder Geschichtegestaltern.

Es wäre hier wichtig, so heißt es in der Mitschrift, das "Sammeln und Werten", damit ist gemeint: Das Sammeln und Werten desjenigen, was in dieser Hinsicht sinnvoller Weise an die Kinder und Jugendlichen herangetragen werden kann und was ihnen solche tiefen und prägenden Erlebnisse ermöglicht.

Wichtig sei also weiterhin das "Gestalten zur Unterrichtung anderer". Also etwa in Darstellungen ein Bild geben über kulturerhaltendes und -förderndes Gemeinschaftsleben (z.B.: 7).

Gerold sprach aber hier insbesondere auch das Bild an, das wir uns über unsere jüngere Geschichte machen, das unser Selbstverständnis als Kultur und Volk bestimmt, und aus dem heraus wir dann auch leben.

Bei all dem handele es sich, so die Mitschrift, um einen "ungeheuer wichtigen Kulturauftrag". Gerold meinte dies gerade auch in Hinblick auf die Aufarbeitung der Zeitgeschichte, der Geschichte der Ursachen, des Verlaufs und der Folgen des Ersten, ebenso wie des Zweiten Weltkrieges. Wer Gerold kannte, weiß, wie wichtig ihm diese Themen waren. In der Mitschrift ist diesbezüglich über die Gegenwart des Jahres 1993 festgehalten:
Günstige Zeit, da die Geschichtsfälschungen im Moment wie von selbst zerfallen, nur offensichtlich interessiert es niemanden.
Gerade über die vielen Geschichtsfälschungen, die damals wie von selbst zerfielen, sind in jener Zeit auf Anregung von Gerold hin in der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" viele Aufsätze erschienen, bzw. von ihm selbst verfaßt worden (z.B.: 8-10). Es war Gerold ein großes Anliegen, daß solche Überblicksaufsätze verfaßt, veröffentlicht und gründlich aufgenommen würden. Er setzte viel Herzblut daran.

4. Philosophische Sinngebung


Als vierte wichtige Aufgabe benannte er dann laut der Mitschrift, daß es Menschen geben müsse, die sich mit der „philosophischen Sinngebung“ unseres Lebens auseinandersetzten. Diese Aufgabe wäre, so sagte Gerold „sehr wichtig, aber auch schwierig“. In der Mitschrift ist festgehalten, wo hier Schwierigkeiten liegen könnten:
a) nicht jeder ist Philosoph oder hat Neigung zum Philosophieren, d. h. zur Annahme philosophischer Erkenntnisse
b) Wann ist eine philosophische Sinngebung lebendig und fruchtbar? Dogma ist tot. Dogma aufzunehmen, ist wie Leichen essen, man geht am Leichengift ein.
Abb. 3: Gerold Adam, 1994
Der Autor dieser Zeilen weiß aus eigener Erfahrung, wie Gerold immer wieder dazu Anregung gegeben hat, sich mit Philosophie zu beschäftigen, entweder indem er selbst hierüber Vorträge hielt oder Aufsätze veröffentlichte oder auch einfach durch persönliches Zusprechen, Philosophie etwa an der Universität zu studieren und sich dabei nicht entmutigen zu lassen.

Als der Autor dieser Zeilen Gerold etwa davon berichtete, daß er während seines Philosophie-Nebenfach-Studiums in Mainz von Professor Rudolf Malter bei der Rückgabe einer mit "sehr gut" benoteten Proseminar-Arbeit über Kant das Bedauern ausgesprochen erhielt, daß gerade oft die Begabteren nur im Nebenfach Philosophie studieren würden, während sich unter den Hauptfach-Studenten so viele Unbegabtere fänden, schlug Gerold vor, Herrn Malter doch einmal zu fragen, welche beruflichen Perspektiven er denn nach der Absolvierung eines Hauptfach-Studiums Philosophie sähe. Dies nur als eines von vielen Beispielen, die hier genannt werden könnten.

Als "Lösungsweg", um zahlreiche Schwierigkeiten bei der Beschäftigung mit Philosophie zu überwinden, nannte Gerold laut Mitschrift dann die folgenden drei Punkte:
  1. Fehler der Selbstüberhebung vermeiden
  2. das Vorhandene halten, soweit es vertrauenswürdig ist, eventuell erweitern. In anderen Lebensbereichen (Wissenschaft) muß das Vorhandene übernommen werden, aber nicht als Dogma
  3. möglichst viel Selbstprüfung (unter dem Vorbehalt der Bestätigung) 
Gerold spricht sich also für ein behutsames Vorgehen aus im Umgang mit der philosophischen Überlieferung unseres Kulturraumes. Im ersten Punkt sprach er zunächst einmal die gefährliche Eitelkeit an, die sich nicht selten bei jenen findet, die sich intensiver mit bestimmten philosophischen Fragen beschäftigen und dann - oft aus einer gewissen Unreife heraus - im Grunde ganz ungerechtfertigte Selbstsicherheit hinsichtlich der von ihnen vertretenen Überzeugungen aufzeigen. Diese Selbstüberhebung macht oft starr und läßt keine Weiterentwicklung mehr zu.

Im zweiten Punkt legt er interessanterweise nahe, mit der philosophischen Überlieferung in ähnlich behutsamer Weise umzugehen wie das auch in der Naturwissenschaft geschieht. Daß es also einerseits wenig Sinn macht, gleich "alles" zu bezweifeln. Daß es aber auch andererseits ebenso wenig Sinn macht, "alles" als ungeprüftes Dogma hinzunehmen.

Und im dritten Punkt nennt er das Hauptprinzip der Aufklärung und der Wissenschaft überhaupt, nämlich: so viel wie möglich selbst zu prüfen.

Aufgrund solcher Grundsätze jedenfalls könne, so Gerold laut Mitschrift, die "Übernahme von totem Geistesgut vermieden werden". Daß das vermieden würde, war Gerold sozusagen das Allerwesentlichste. Totes Geistesgut nämlich tötet die Seele. Und wenn nur noch philosophische Aussagen nachgeplappert werden, weil sie nicht mehr selbst gelebt sind oder weil der eigene persönliche Bezug zu ihnen verloren gegangen ist, also die innere Anteilnahme, dann geht man an solchem unverdauten, toten Geistesgut seelisch zugrunde.

Gerold meint also, der philosophische Bewußtseinsstand, der einmal erreicht worden ist in der Kulturentwicklung, solle geprüft werden, solle gehalten werden, soweit er vertrauenswürdig ist und solle behutsam erweitert werden, soweit das möglich und notwendig geworden ist. Er vergleicht hier die Entwicklung der Philosophie mit der Entwicklung anderer Bereiche der Wissenschaft, in denen man auch das Vorhandene zwar natürlich zuerst aufnehmen müsse, es aber niemals als totes Dogma auffassen und übernehmen dürfe.
 
In diesem Zusammenhang besonders wies er laut Mitschrift auf die Arbeit der Zeitschrift „Die Deutsche Volkshochschule“ hin, in der man versuchen würde, dieser Aufgabe gerecht zu werden:
Zum Beispiel Versuch der „Deutschen Volkshochschule“, diesen Weg zu erleichtern durch Aufbereitung der philosophischen Aussagen und den Vergleich mit heutigen Fakten und modernen Erkenntnissen der Wissenschaft.
Gemeint ist hier insbesondere der Vergleich mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft, aber ebenso mit der Philosophie und ganz allgemein mit dem Erkenntnis- und Bewußtseinsstand in der Geisteswissenschaft.

5. Eigenes Schaffen


Und schließlich kommt Gerold - natürlich aus eigener Erfahrung heraus - zu dem Größten und Wertvollsten, was er als zu tun am wichtigsten erachtete, nämlich: das "eigene Schaffen". Laut Mitschrift sagte er:
Eigenes Schaffen höchste und vielleicht wichtigste Stufe.
Und das ist so schön an Gerold, daß er keinen wesentlichen Aspekt ausläßt, nein, daß er sogar die wesentlichsten Aspekte auch als die wesentlichsten Aspekte benennt.

Es ist das ein Gedanke, der einem auch beim eigenen Lesen des Buches "Das Gottlied der Völker" (11) kommen kann: Ein Kulturvolk, das über viele Jahrhunderte hinweg bedeutendes "eigenes Schaffen" aufwies, geht zu Grunde, wenn es in nachfolgenden Generationen nicht weiter lebendiges "Neuschaffen" auf möglichst vielen kulturellen Gebieten aufweist. Denn ein Kulturvolk, das einmal damit begonnen hat, Kulturwerke zu schaffen, dessen schon geschaffene Kultur ist eine stetige Aufforderung zum weiteren Schaffen (11). Und diese Aufforderung wirkt als Beschleunigung des kulturellen Niederganges, wenn Menschen ihr gar keine Aufmerksamkeit mehr zukommen lassen.

Hier also lag für Gerold das Allerwichtigste, das zu tun wäre. Und natürlich war Gerold auch hier bewußt, daß nicht jeder Mensch für eigenes Schaffen begabt wäre, schon gar nicht für jedes denkbare Schaffensgebiet.

Eine Kultur bleibt jedenfalls nur dann lebendig, wenn nicht nur das bisher schöpferisch Geschaffene und Gestaltete über Tradition und Kulturpflege weiter gegeben werde, sondern wenn auch immer wieder kulturell Neues schöpferisch geschaffen werde. Es müsse, so die Mitschrift, ein gesundes Gleichgewicht geben zwischen der Kulturbewahrung und -weitergabe auf der einen Seite, sowie der Kulturerneuerung und dem kulturellen Neuschaffen auf der anderen. Damit in Zusammenhang sagte er auch:
Wir sind nur dann gültig und überzeugend, wenn wir alles, unser Sein als Volk und Kultur und alle Erkenntnisse lebendig neu aus unserer Zeit heraus und in unserer Zeit stehend gestalten.
Als Aufgabe leitete er daraus ab für junge Menschen, die in die verantwortlichen Positionen von Familie und Gesellschaft hinein wachsen laut Mitschrift:
Selbst aktiv werden und handeln, kreativ sein:
  • Komponieren
  • Malen, Zeichnen
  • Schreiben von Erzählungen und Märchen, Gedichten
  • klare Deutung der Geschichte: gute, kurze und vollständige Zusammenfassungen
  • deutsche Naturwissenschaft weiter führen
Er sagte:
Wer schreiben kann, muß schreiben, wer komponieren kann, muß komponieren.
Der Grundtenor dieser Ausführungen war, daß es außerordentlich bedauerlich wäre, wenn vorliegende Begabungen für das eigene Schaffen nicht entfaltet würden und wenn sie über die Lebenszeit hinweg ungenutzt gelassen würden, unentfaltet blieben.

Und der Autor dieser Zeilen hat sehr viel Erfahrung damit, wie viel Mühe Gerold aufgewandt hat, wenn er bezüglich solcher Dinge von einzelnen Menschen, die sich noch in der Entwicklung befanden, um Rat und Hilfe gefragt wurde. Wer ihn diesbezüglich um Hilfe anging, der konnte sich restlos auf die Unterstützung von Gerold verlassen. Denn ein größeres Herzensanliegen als kulturell schöpferisches Neuschaffen zu fördern, hatte Gerold niemals.


Nachbemerkungen



Zu anderen Gelegenheiten hat Gerold geäußert, daß er seine ihm noch verbleibende Lebenszeit etwa zu gleichen Teilen aufteilen würde auf die folgenden drei Lebensbereiche: 1. seine Wissenschaft (also sein "eigenes Schaffen"), 2. seine Familie, 3. seine Arbeit für die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" und für die damit verbundenen Tagungen und Gruppenfreizeiten über das Jahr hinweg verteilt. Der Autor dieser Zeilen darf die persönliche Einschätzung anfügen, daß er in seinem Leben kein vorbildlicheres Leben und keinen vorbildlicheren Menschen kennen gelernt hat als Gerold Adam. Dass er keinen Menschen kennen gelernt hat, bei dem so restlos wie bei Gerold Wort und Tat miteinander im Einklang gestanden haben.

Aber natürlich war diese Prioritätenliste von Gerold in dem Sinne vorgetragen worden, daß es sich hierbei um seine persönliche Prioritätenliste handele. Und natürlich sollte das Vortragen derselben eine Anregung zum eigenen Nachdenken sein. Ob und in welchem Umfang sich der einzelne dieselbe nun für das eigene Leben zueigen machte, war ihm weiterhin ganz selbst überlassen. Dazu ist er ja ein erwachsener, selbstverantwortlicher Mensch. Und die verantwortliche Selbstgestaltung des eigenen Lebens kann ihm niemand abnehmen.**)

Vielleicht macht es abschließend noch Sinn zu sagen, daß Gerold sein Leben immer sehr stark unter dem Blickwinkel gesehen und bewertet hat, daß dieses unser Leben auf eine sehr begrenzte Lebensdauer beschränkt ist, die - im Rückblick - "wie im Fluge" vergangen sein kann. Er teilte diesbezüglich das Erleben seines wissenschaftlichen, väterlichen Freundes Max Delbrück (1906-1981) (Wiki), der einmal das Zitat von Samuel Beckett brachte:
They give birth astride of a grave, the light gleams an instant, then it's night once more.
(Zu Deutsch: Geboren über einem Grab, einen Augenblick strahlt das Licht - und dann ist erneut Nacht.)
Gerold selbst brachte dazu auch einmal bei anderer Gelegenheit in seinem letzten Lebensjahr die Worte des italienischen Dichters Salvatore Quasimodo:
Ognuno sta solo sul cuore della terra
trafitto da un raggio di sole:
ed é subito sera.
Gerold übersetzte sie auf Deutsch mit:
Hingestellt auf diese Erde
getroffen von einem Sonnenstrahl
- und schon ist es Abend.


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*) Werbespruch aus den 1980er Jahren für eine Schokoladensorte
**) Es wird vielleicht dem einen oder anderen Leser auffallen, daß in dieser Prioritätenliste eine Aufgabe, die genannt werden könnte "Erforschung des Wirkens geheimer Hintergrundmächte und Unterrichtung über dasselbe" keine Erwähnung findet. Das war Gerold. Wie kann dieser Umstand für heutige Leser erläutert werden? Nun, dazu gibt es mehreres zu sagen. Dieses Thema wird von vielen Menschen behandelt, denen die Erhaltung unserer Kultur wesentlich ist. Ja, man könnte sagen, daß dies heute fast das ausschließliche Thema ist, das Menschen interessiert, und mit dem sie sich beschäftigen. Dies war auch schon 1993 so. So war etwa damals der größte Teil der Ludendorff-Zeitschrift "Mensch & Maß" solchen politischen Themen gewidmet. Hier sah Gerold schon allein deshalb wenig Handlungsbedarf, weil sich dafür noch am ehesten Menschen interessierten und engagierten. Das gilt für die von ihm hier genannten Aufgaben keineswegs.

Natürlich mag die Nichterwähnung weiterhin dem Umstand geschuldet sein, daß das Jahr 1993 eine "Wahrheitsbewegung", eine "alternative Öffentlichkeit" wie sie sich in den letzten zehn Jahren - insbesondere durch das Internet - entwickelt haben, noch nicht gegeben hat. Aber auch schon 1993 galt jemand, der sich mit einem solchen Thema beschäftigte, als "Verschwörungstheoretiker". Und Gerold bedachte dieses Arbeitsgebiet durchaus mit interessierter Aufmerksamkeit. So war ihm schon damals nicht entgangen, daß die offizielle Version der Ermordung des amerikanischen Präsidenten J. F. Kennedy mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der Wahrheit entsprach. Ähnliches war ihm auch zum Mord an Alfred Herrhausen klar, da er das Buch "Das RAF-Syndrom" gelesen hatte und zu lesen weiter empfahl. All das erregte seinen Zorn ebenso wie etwa die Rede Richard von Weizsäckers zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes.

Der genannte Umstand heißt also keineswegs, daß ihm der politische Bereich völlig unwichtig gewesen wäre. Aber er betonte oft, daß aus diesem selbst keine Erneuerung käme. Deshalb führte er diesen Bereich auch mit großem Recht nicht unter diesen fünf wesentlichen Hauptaufgaben an. Um es kurz zu fassen, könnte man vielleicht sagen, daß er niemals gesagt hätte, daß die Arbeit der Kriminalpolizei - als so umfassend ihre Arbeit auch zu fordern wäre und zu ergänzen wäre - die wichtigste und wesentlichste Arbeit zur Erhaltung einer großen gewachsenen Kultur wäre.

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  1. Adam, Gerold: Wie stellt ein Land seine notwendige Geburtenrate sicher? Wie viele Kinder sollte eine Familie haben? (undatierte Vortragsmitschrift)
  2. Preisinger, Werner:  Die langen Jahre der Kindheit. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 64, November 1989, S. 1-15
  3. Preisinger, Werner: Die philosophische Deutung des langsamen Heranreifens. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 64, November 1989, S. 16-22
  4. Adam, Gerold: Freiheit und Bindung - Freiheit und Fremdbestimmung - Individualismus und Egoismus. Mitschrift, Vortrag auf der Herbsttagung der Deutschen Volkshochschule 1994
  5. Brachvogel, Albert Emil: Friedemann Bach. Roman. 1858
  6. Amenda, Alfred (d. i. Alfred Karrasch): Appassionata. Ein Lebensroman Beethovens. 1958
  7. Eilers, Gustav (d. i. G. Adam): Skotschau - Eine Stadt in Oberschlesien. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 84, März 1993, S. 9-18
  8. Eilers, Gustav (d. i. G. Adam): Die Schlacht um Stalingrad. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 88, November 1993, S. 7-10
  9. Rösner, Heinrich: Zum Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges im Jahre 1941. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 91, Mai 1994, S. 6-16
  10. Rösner, Heinrich: Die Invasion der Alliierten in der Normandie vor 50 Jahren. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 92, Juli 1994, S. 16-22  
  11. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kulturen. 1936