Sonntag, 22. Juli 2007

Das Gottlied der Kultur

Eine kurze Filmsequenz zur Veranschaulichung des Wesens des Schöpferischen


Es ist ein wesentliches Anliegen dieser digitalen Zeitschrift, das Wesen des (kulturell) Schöpferischen herauszuarbeiten (1). Wenn es dazu auch schon Vorarbeiten gibt (2), so bedürfte doch eine "theoretische" Abhandlung zu diesem Thema sicher noch einer längeren inneren Besinnung, Vorbereitung und dann auch aufwändigerer Darstellungsbemühungen. - Glücklicherweise können wir uns es in Bezug auf dieses Thema zunächst aber auch erst einmal etwas einfacher machen.

Herbert von Karajan, 1987
Sind wir doch hingewiesen worden auf eine kurze Filmsequenz aus dem "Alltagsleben" des gewiß schöpferischen deutschen Komponisten Herbert von Karajan (1908-1989). Ein Filmteam begleitete und dokumentierte im Jahr 1987 die alltägliche Arbeit von Herbert von Karajan (3). Und deshalb war es - tatsächlich rein zufälligerweise - dabei, wie Herbert von Karajan, eine der bedeutendsten Koloratur-Sopranistinnen unserer Zeit entdeckte, nämlich die Koreanerin Sumi Jo (geb. 1962) (Wiki). Ihr Name ist begreiflicherweise zwar heute jedem Musikliebhaber in Südkorea ein Begriff, womöglich aber nicht jedem musikliebhabenden Nichtkoreaner. Also mag der vorliegenden Beitrag auch als Hinweis auf diese Sängerin dienen. Und er mag auch überhaupt darauf aufmerksam machen, daß - insbesondere - klassische Kunstwerke Charakterzüge aufweisen, die "übernational", "übervölkisch" sind, und die deshalb von allen Völkern auf dieser Welt wahrgenommen werden können und für sie ein Zugang zum Göttlichen sein können (1).

Bei dem Video, auf das wir mit diesem Beitrag hinweisen wollen, handelt es sich um ein geradezu erschütterndes Filmdokument, um erschütternde acht Minuten Filmaufnahme (s. Yt, es liegt auch vor: hier und hier mit englischen Untertiteln). Es handelt sich um jene acht Minuten, in denen sich die Weltkarriere der Sopranistin Sumi Jo entschied. Das Besondere und die Seltenheit dieser Filmaufnahmen besteht darin, daß hier der Zuschauer einmal unmittelbar daneben sitzen darf, wie eine solche außergewöhnliche Musikbegabung - quasi mitten aus der Alltagsarbeit heraus - von einem begabten, schöperischen Menschen wie Karajan entdeckt wird.


Bekannterweise hat er viele der begabtesten Musiker unserer Zeit entdeckt. Es sei nur an die Geigerin Anne Sophie Mutter erinnert. Aber natürlich war nicht in jedem Fall ein Filmteam - geradezu wie "nebenbei" - dabei und filmte mit. Man wird also selten so unmittelbar das Geschehen nacherleben können wie hier, würde es auch noch so anschaulich in Worten der Erinnerung nach wiedergegeben werden. In diesen acht Minuten teilt sich dem Zuschauer also die ganze Unmittelbarkeit der Szene mit. Und das ist der Grund, weshalb es sich um aufwühlende Aufnahmen handelt. Man erhält hier quasi einen unverhüllten Blick tief in den "Urquell der Kultur" hinein.

Das Besondere an dieser Aufnahme ist im übrigen nicht nur Reife und Gelassenheit der Äußerungen des 79-jährigen Herbert von Karajan. Das Besondere liegt auch in der unglaublichen Bescheidenheit, ja, in der Andächtigkeit der bei ihm zum ersten mal vorsingenden, noch sehr jungen Sumi Jo. Sie hatte immer schon - wie wir aus ihren späteren Erzählungen wissen - eine große Verehrung für Herbert von Karajan. Sie erzählte, daß sie sich ihr Studium in Rom sehr schwer hatte erarbeiten müssen, daß sie diesem aber fast jede Stunde des Tages widmete, und daß sie schon während dieses Musikstudiums immer ein Bildnis des hoch verehrten Karajan in ihrem Zimmer hängen hatte. Und so versteht man es vielleicht noch etwas besser, daß ihre Äußerungen auch in dieser Filmsequenz von einer großen Andächtigkeit ihm gegenüber getragen sind.

(Man wünschte sich manchmal auch ein bisschen mehr Respekt und Andächtigkeit gegenüber den großen kulturellen Begabungen sonst in unserer Zeit. Mathilde Ludendorff führt es mehrfach aus, daß das andächtige Lauschen auf das Große, das begabte Menschen zu sagen haben, eine Stärke des ostasiatischen Seelentums ausmacht.)

Es heißt, eine solche Stimme wie diejenige von Sumi Jo gäbe es nur ein oder zwei mal innerhalb einer Generation (s. Laphil).

Was geschieht in der Filmsequenz?


Es ist alles "wie im Film". Aber es ist zugleich so real wie es im Film niemals nachgespielt werden könnte. Ein Stoff von epischer Größe: Da kommt ein schüchternes Mädchen zum Vorsingen zu Herbert von Karajan, dem weltberühmten Dirigenten. Sie nennt ihn - wie alle - den "Maestro". Eine Arie von Johann Sebastian Bach hat sie vorbereitet. Nachdem sie mit der Probe derselben durch sind, fragt Karajan, was sie zu Ostern nächstes Jahr vor hätte. Sie sagt, "ach, nichts Besonderes", sie weiß nicht genau (was ihr Manager geplant hat), vielleicht singt sie in Seoul "Rigoletto" oder "Königin der Nacht". Und Karajan antwortet: "Das glaube ich nicht! Das ist zu beängstigend. Sie müssen wissen, das geht wie ein Maschinengewehr ..." Er meint die schnelle Aufeinanderfolge der hohen Töne.

Und sie sagt, sie könne die "Königin der Nacht" singen, es würde auch schon aufgenommen. Karajan sagt aus dem Erstaunen heraus, daß sie eines Tages auch für ihn singen würde. Und er zögert. Und er sagt dann: Ja, aber warum nicht gleich hier - und jetzt? Und sie antwortet überrascht: Was, jetzt? Aber da hat der Pianist schon angefangen zu spielen und sie soll prompt einsetzen ... . . .   .   .   .

- - - Und ein Jahr später singt sie. Für Herbert von Karajan auf den berühmtesten Musikfestspielen der Welt. Zu Ostern in Salzburg. Und eine große Sopranistinnen-Karriere hat begonnen. Herbert von Karajan nannte sie eine "Stimme des Himmels".

- Und man kann nur fasziniert sein von dieser Aufnahme. Wie unkompliziert das abläuft bei Musikern, Künstlern. Und man sagt sich: So ist Leben. So muß Leben sein. So und nicht anders. Großzügig und von Größe erfüllt und dabei doch von größter Einfachheit, geradezu wie "nebenbei", lässig.

Hier noch eine exaktere Wiedergabe dieses Gespräches (Sumi Jo ist übrigens zusammen mit der heute ebenfalls bekannten italienischen Opernsängerin Cecilia Bartoli zum Vorsingen gekommen):
Während der Bach-Arie unterbricht Karajan sie bei einem hohen Ton und sagt: "Das muß ein bißchen härter gesungen werden." Und er winkt ab: "Wenn es falsch ist, macht das gar nichts, wir können es immer korrigieren." Sie singt es noch einmal und Karajan sagt: "Nun war es gut. Nun war der 'Angriff' gut. Es ist als würde etwas explodieren." Und auf ihr nickendes Zustimmen sagt er: "Sie sind sehr intelligent. Nein, nein, wirklich, Sie haben einen Sinn dafür. Man muß es Ihnen nur sagen." - "Noch einmal." Danach freut sich Karajan und sagt irgend etwas Zustimmendes wie: "Gut, meine Liebe, diesmal machten Sie es sehr gut". Und dann: "Nun kommen wir zu ... (?). Was sie jetzt lernen müssen, anfangen müssen zu lernen, ist der ebenmäßige Fluß der Musik. Und das ist hier die allerwichtigste Sache. ..."

Und dann überlegt er und fragt: "Was machen Sie zu Ostern nächstes Jahr?" - "Nächstes Jahr? Ostern? Nichts so Besonderes." - "Sie gehen nach Seoul?" - "Ich werde die 'Königin der Nacht' singen oder 'Rigoletto'." - Karajan hat nicht richtig verstanden: "Sie singen was?" - "'Königin der Nacht'." - "Sie singen die 'Königin der Nacht'?" - "Ja." - "Das ist nicht wahr! Nein, das ist nicht wahr." - "Ich liebe es auch nicht ... Es ist zu schwer." - "Wirklich? Ja, haben Sie es schon gesungen? Oder werden Sie es singen?" - "Ich werde es singen. Ich kann es. Ja, ich habe eine Aufnahme zu machen mit Philipps." - "Wer ist der Dirigent?" - "Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts." - Karajan ... nimmt die Bach-Noten vom Tisch und bedeckt damit sein Gesicht. Sie fragt: "Warum? Mögen Sie es nicht?" Karajan: "Nein, weil: ich kann nicht wirklich sagen, warum. Denn es ist eine Sache, die ist hart zu machen. Wenn es eingeübt ist, dann ist es wirklich wie ein Maschinengewehr. Rrrrtatatata. Beängstigend!" - Sie blickt zu Boden. - "So, was mache ich nun mit Ihnen?" - Er streift sich mit der Hand über den Kopf und sagt: "Eines Tages, da werden Sie aber für mich singen!" Und nach einigem Zögern: "Na gut, warum eigentlich singen Sie es nicht für mich?" - Sie lächelt, hat es noch gar nicht begriffen, was er will. In der Zeit klingen schon die Klaviertöne. Karajan hat dafür das Zeichen gegeben. Und erst jetzt beginnt ihr zu dämmern, was er will. Und sie fragt: "Jetzt?"

- Und jetzt kommt die schönste Szene: Sie verdreht die Augen in dem Sinne: Das ist doch unmöglich. Und dann singt sie auch schon los. Zwischendurch unterbricht sie sich, lacht: "Ich hab doch gar keine Noten!" - Aber Karajan blickt sie voll an und hört ihr gespannt zu. Sie singt weiter.

Und dann, als sie durch ist, ruft Karajan irgend etwas Erstauntes. - Und sie immer noch ganz aus dem Häuschen: "Maestro, das ist doch unmöglich! In meinem Kopf dreht sich alles!" Alle lachen. Und sie sagt noch irgend etwas Unverständliches. - Karajan aber schüttelt nur den Kopf: "Ich kann es immer noch nicht glauben." Sie sagt: "Am Abend, da kann ich es singen." Karajan winkt beschwichtigend ab und sagt: "Sie müssen wissen: Ich höre immer das, was ich hören will." Sie wirft noch irgend etwas ein. Doch Karajan darauf: "Nein, das ist gut. Natürlich ist es eine andere Sache (am Abend). Aber wie Sie es singen ist es rein (sauber) wie nur irgendwas." Und: "Wo werden Sie es aufnehmen?" Sie: "Ich weiß nicht. Denn mein Manager kümmert sich um alles." Er: "Sie können es singen. Da gibt es keinen Zweifel. Aber es muß durchgearbeitet werden. Ich weiß, was es heißt: Sonntag Abend ist die erste Probe. Und dann singen Sie. Unten ist das Orchester, das niemals Piano spielt. In einem durch Mezzoforte. Und der Dirigent gibt Ihnen Zeichen, daß er Sie nicht hört auf der Bühne, Sie sollen lauter singen. ... Und dann singen Sie es Dienstag und Donnerstag und am Samstag und zehntausend Dollar und sie gehen weg. Und das bißchen von Ihrer Stimme haben Sie verloren." - Sie: "Haben Sie vielen Dank für Ihre Ratschläge ..." - Er: "Warum schauen Sie so traurig?" - Sie: "Ich bin nicht traurig." Und dann endet Video. Leider!
Vielleicht kann auch die - und sei es nur vermeintliche - hier angedeutete Trauer eine Deutung erfahren. Denn mit dieser Szene legte sich ein schweres Schicksal, eine schwere Verantwortung noch auf eine sehr junge Sängerin. Vielleicht lauschte sie auch nur den ersten Ahnungen hinterher, die das für sie bedeuten sollte. - Die erstellte Filmdokumentation geht dann weiter mit einer Konzertprobe mit Karajan. - - - Auf Youtube finden sich noch allerhand schöne Aufnahmen von Sumi Jo. Vielleicht sollte die folgende Auswahl diesbezüglich noch einmal überprüft werden (da sie schon 2007 zusammen gestellt wurde entsprechend des damals Vorhandenen). Aber sie bleibe erst einmal so stehen.



Hier singt sie die "Königin der Nacht" und es wird ein kleiner Überblick über die "Legende" dieser Sängerinnen-Karriere gegeben (Yt).



Hier singt sie den "Frühlingsstimmen" -Walzer von Johann Strauß,
Die Lerche in blaue Höh' entschwebt,
der Tauwind weht so lau;
sein wonniger milder Hauch belebt
und küsst das Feld, die Au.
Der Frühling in holder Pracht erwacht, – ah, ah, ah –
alle Pein zu End' mag sein,
alles Leid, entfloh'n ist es weit!

Schmerz wird milder, frohe Bilder,
Glaub' an Glück kehrt zurück;
Sonnenschein – ah – dringt nun ein, – ah –
alles lacht, ach, ach, erwacht!
Sonnenschein …

Die Lerche in blaue Höh' entschwebt, …



Hier singt sie "Wiener Blut" von demselben.
Ich spür' es,
das Wiener Blut.
Wiener Blut,
Wiener Blut!
Eig'ner Saft,
Voller Kraft,
Voller Glut,
Du erhebst,
Du belebst
Unser'n Mut!
Wiener Blut!
Wiener Blut!
Was die Stadt
Schönes hat,
In dir ruht!
Wiener Blut,
Heiße Flut!
Allerort
Gilt das Wort:
Wiener Blut!
Und hier erzählt sie ein bißchen, wie sie sich auf einen Auftritt vorbereitet. Und hier gibt es ein sehr interessantes 25-minütiges Interview aus dem Jahr 2005 mit Sumi Jo im "New York Public Radio", in der sie einiges über ihr Leben und ihren Beruf erzählt. Auch über die Oper des nächsten Abends "La Sonambula" ("Die Schlafwandlerin"), eine Oper des Italieners Vincenzo Bellini (1801-1835).

- - - Wenn man also einmal im Leben nicht mehr weiter weiß, ... dann kommt - vielleicht, mitunter - eine "Stimme von Himmel". Und die sagt einem dann wieder, wozu dieses Universum, dieses Leben, diese Welt gut ist. Möglicherweise nur allein um der Schönheit des Lebens willen, die sich in solcher Musik ausdrückt. Und damit Leben und Kunst, Kunst und Leben wieder miteinander verschmelzen, so wie es vor Urzeiten war.

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  1. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kulturen. Ludendorffs-Verlag, München 1936
  2. Bading, Ingo: "Das Genie ringt sich durch" - Ein weiser Satz oder Irrtum? In: Die Deutsche Volkshochschule - Digitale Zeitschrift, 25. Dezember 2012, http://fuerkultur.blogspot.de/2012/12/das-genie-ringt-sich-durch-ein-weiser.html
  3. Froemke, Susan; Gelb, Peter; Dickson, Deborah: Karajan at the Salzburg Festival. Rehearsal (Probe) and backstage from the Salzburg Festival. Deutsch: Karajan in Salzburg, 1 h 22 min, Sony, 1988, http://www.medici.tv/en/documentaries/karajan-in-salzburg-deborah-dickson-susan-froemke/, auch https://www.youtube.com/user/cagin/videos


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/zuerst 2007 auf Stud. gen.;
hier neu eingestellt am 2.6.17,
überarbeitet 16.6.17/

Donnerstag, 31. Mai 2007

Charles Lindbergh ist souverän gestorben

Charles Lindbergh, der berühmte Erst-Überflieger des Atlantischen Ozeans, ist souverän gestorben. Eher durch Zufall ist man an eine Biographie über diesen Amerikaner geraten (1). Ein aufregendes Leben (1902 - 1974). Abbruch des Studiums, Kunst-, Post- und Militärflieger, schließlich die bis zu jenem Zeitpunkt in der Geschichte nie dagewesene Popularität eines einzelnen, ganz bescheidenen, jungen Menschen aufgrund der Atlantik-Überquerung im Jahr 1927.

Seine Ehe mit der Schriftstellerin Anne Morrow Lindbergh. Die Entführung und Ermordung ihres ersten Baby's. Die weiteren sechs Kinder. Das geradezu zwanghafte, ständige "Unterwegs-Sein" in der ganzen Welt. Die Kontakte zur Wissenschaft, zur Technik, zur Politik, auch zum nationalsozialistischen Deutschland. Schließlich der führende Kopf des Widerstandes gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg (1939 - 1941) ("America First"). Viele halten ihn für einen geeigneten Präsidentschafts-Kandidaten. Doch seine Niederlage in dieser Auseinandersetzung prägt das geschichtliche Urteil über ihn bis heute: "Defaitist, "Nazi", "Antisemit".

Schließlich aktiver Militärflieger im Krieg gegen Japan. Im Alter noch einmal zusammen mit seinen Kindern aktive Teilnahme an der Umweltschutzbewegung. Alle diese "Stationen meines Lebens" (so der deutsche Titel seiner Lebenserinnerungen) sind aufregend genug von einem in seiner Jugend äußerlich so schlacksig daher kommenden, jungenhaft wirkenden Amerikaner, der vom Typ her äußerlich zumeist sehr "easy-going" wirkt.

Aber was auch immer sonst an seinem Leben bestaunens- oder beklagenswert sein mag, sein Tod war außerordentlich souverän (1, S. 504-516). Am 24. Juli 1974 sagen die Ärzte dem krebskranken Lindbergh in einem Krankenhaus in New York, nachdem eine Chemotherapie nicht durchgeschlagen ist, dass sie ihm "keine Hoffnung auf Genesung" mehr machen können.
Sie wollten die Chemotherapie intensivieren, gaben ihm aber nur noch ein paar Wochen. Lindbergh, der den Tod noch weit von sich wies, stellte alle möglichen medizinischen Fragen. "Es ist als ob das Feuer der Krankheit in ihm wütet und ihn verschlingt," versicherte Anne (...) (seine Frau). "Er hatte immer ein feuriges Wesen, und so passt es irgendwie zu ihm."
Seine Kinder versammeln sich um ihn, kommen aus aller Welt angereist. Auch der jüngste Sohn, mit dem er bis dahin über viele Jahre hin in erbittertem Streit gelebt hatte. Lindbergh trifft letzte Absprachen über seine unveröffentlichten Lebenserinnerungen ("Autobiography of Values"). Er geht sein Testament noch einmal durch. Und er setzt überall zwischen die Namen seiner Kinder nun auch noch den Namen seines jüngsten Sohnes.

Zu Hause sterben

Ein wenig später erschreckte er alle Anwesenden mit einer unerwarteten Forderung. "Ich will heim", sagte er zu Anne, "nach Maui."
Er will nicht im Krankenhaus sterben, sondern auf Hawaii. Dies ist einer seiner letzten Wohn- und Lebensorte. Alle Ärzte raten ab. Alles wird immer wieder neu erwogen. Alles zögert. Schließlich wird der Hausarzt in Hawaii Dr. Milton Howell angerufen und Lindbergh erklärt ihm:
"Milton, ich habe hier elf Ärzte ... und sie sagen, sie können mir nicht mehr helfen. Ich habe noch acht bis zehn Tage, und ich will zum Sterben nach Hause. Lieber lebe ich noch zwei Tage in Maui als zwei Monate in diesem Krankenhaus in New York."
Obwohl alle die Köpfe schütteln, besorgt sind, ob er überhaupt noch den Flug überlebt, setzt er es durch.
Die Ärzte warfen dem Patienten vor, er wolle nichts mehr von der Medizin wissen. Lindbergh erwiderte, die Medizin habe getan, was sie tun konnte, das Problem sei nun nicht mehr medizinischer, sondern philosophischer Natur.
In erster Reaktion muss man als Leser geradezu schmunzeln darüber, was da in New Yorker Krankenhäusern im Jahr 1973 alles so "debattiert" worden ist. Auch bei vielem, was nun folgt. Aber es wird spürbar, dass hinter all dem mehr steckt. Es klingt schon in diesem schlichten Satz an, dass und wie ernst Charles Lindbergh über den Tod an sich dachte. Dass es Lindbergh ernst ist, wird auch an kleinen Details erkennbar:
Ein junger Arzt untersuchte Lindbergh flüchtig - nach der Landung in Honolulu - und sagte fröhlich, er werde im Handumdrehen wieder gesund sein. Obwohl der junge Mann es gut gemeint hatte, ärgerte sich Lindbergh über seine törichte Bemerkung und schimpfte ihn aus.
Zu Milton Howell sagte er schließlich zur Begrüßung:
"Ich weiß, dass ich sterben muss ... Ich weiß, dass ich nur noch wenig Zeit habe. Ich will nichts Unnötiges. Ich will keine großen Worte." Er bat Howell, ihm dabei zu helfen, seinen Tod "konstruktiv zu gestalten".
Lindbergh's ganze Familie ist schließlich in dem Landhaus über dem Meer auf Hawaii versammelt. Alles ist geheim. Denn sonst wäre die Ruhe vor der Weltpresse dahin.
Lindbergh begann diese Reise wie alle anderen mit Checklisten. Meist widmete er morgens, wenn er sich relativ stark fühlte, alle Kraft den letzten Vorbereitungen und gab genau an, wie er jeden Schritt seines Abschieds ausgeführt haben wollte. "Dermaßen detailliert," schrieb Jon (ein Sohn) in ein Tagebuch, "dass wir anderen alle entsetzt sind. Wie spricht man über solche Dinge mit jemandem, der einem so nahesteht, und der sterben muß. Es mag ganz vernünftig sein, aber man muß sich erst daran gewöhnen ... Er betrachtet den Tod als ein letztes Abenteuer und stürzt sich mit aller Kraft auf seine Vorbereitung."

"Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer ..."


Jede Einzelheit wird durchgegangen. Das Grab, dessen Ort er sich schon früher ausgesucht hatte, soll jetzt schon ausgehoben werden. Dies tun seine Söhne. Die Entwässerung des Grabes wird sachlich durchdiskutiert. Das Holz des Sarges - "sägerauh", "einheimisch", "zolldicke Bretter" - ohne alle Schnörkel. Lindbergh legt Wert auf die Auskleidung des Sarges mit "biologisch abbaubaren Materialien". Noch nicht einmal eine metallene Gürtelschnalle will er an der Hose haben. Alle Einzelheit des Grabsteines und seiner Inschrift werden festgelegt. Ein Psalm aus der Bibel soll darauf stehen:
"Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer ..."
(Die nicht eingemeißelte Fortsetzung dieser Zeilen lautet: "... so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.")
Als nächstes wandten sie ihre Aufmerksamkeit der Begräbniszeremonie zu. Lindbergh wollte vor der Beerdigung einen kurzen Gottesdienst, am Grab ein Gebet und ein geistliches Lied, und einen oder zwei Tage später einen nur wenig längeren Gedenkgottesdienst. Er verbat sich jegliche Lobreden. Statt dessen wollte er mehrere Textstellen der unterschiedlichsten Denker vorlesen lassen als sichtbares Zeichen seiner Überzeugung, dass keine Kultur oder Religion ein Monopol auf die Wahrheit habe. Anne legte ihm eine Reihe von Texten vor, aus denen er Jesajas, Bernhard von Clairvaux, Gandhi, Augustinus, die Mundaka-Upanischaden und ein Navajo-Gebet auswählte. Anne schlug ihrem Mann auch mehrere Lieder vor. Als sie ihm eins vor sang, das sie für geeignet hielt, schüttelte Charles den Kopf und sagte, das sei nicht gut. "Aber die Melodie ist von Bach", erwiderte Anne, "etwas Besseres gibt es nicht." - "Die Musik ist in Ordnung", erwiderte Charles, "aber die Worte sind kitschig." Anne überlegte, was sich da machen ließ, aber er löste das Problem: "Wir nehmen einfach hawaiische Lieder," sagte er, "da versteht keiner, was es heißt."
 Lindbergh bittet auch den Arzt, die Familie vor der Weltpresse zu vertreten:
"Dann hätte ich gern, dass sie ihre Fragen beantworten. Ich wünsche mir, dass dabei eine gewisse Würde bewahrt bleibt, was Sie gewiss gut können."

"Der Tod ist gleich hier, neben dir."

Stundenlang saß zumindest ein Familienmitglied bei Lindbergh, wenn er zwischen seinen Nickerchen oder am Abend seinen Erinnerungen nach hing - an seine Mutter, an "Brother", an die frühen Tage der Luftfahrt, an den Krieg. Auch "America First" war ihm noch gegenwärtig, und eines Tages sagte er zu Land (einem Sohn): "Lass nicht zu, dass deine Mutter mich großartig verteidigt." Jeden Abend musste man ihm berichten, wie weit sein Grab war. Eines abends fragte Anne Charles im Kreise der Söhne, ob er beschreiben wolle, wie er sich fühle, denn, so sagte sie, "du erlebst jetzt etwas, was wir alle einmal durchmachen müssen". Er antwortete, er habe bisher nicht erkannt, dass "der Tod ständig so nahe ist - er ist gleich hier, neben dir", und er fühle sich dabei völlig "entspannt""Für euch, die ihr zuschaut, ist es schwerer als für mich", fügte er hinzu.
Am 25. August war das Grab fertig. Als Lindbergh am Abend ein Ventil für seine bereitliegende Sauerstoffmaske verstellen wollte,
damit er mehr Luft bekam, fiel sein Arm herab und er versank ins Koma. Anne, Land und eine Krankenschwester blieben die ganze Nacht hindurch bei ihm, und seine Frau hielt seine Hand. Am nächsten Morgen, Montag, den 26. August, schien Lindbergh friedlich da zu liegen. Nach einem zeitigen Frühstück gingen Anne und Land ins Schlafzimmer; da atmete er kaum noch. (...) Mehr als zehn Minuten saßen sie da, und es wurde immer stiller im Zimmer. "Und dann", erinnerte sich Land, "ging er einfach."
Stillschweigend verließen alle den Raum und ließen Anne mit Charles allein. Sie küsste ihn ein letztes Mal. Gern wäre sie noch länger mit ihm allein geblieben. - - - Seine Lebenserinnerungen "Stationen meines Lebens" erschienen 1978. Sie endeten mit den Worten:
"Nach meinem Tod kehren die Moleküle, aus denen ich bestanden habe, zur Erde und zum Himmel zurück. Sie kamen von den Sternen. Ich stamme von den Sternen."
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  1. Berg, A. Scott: Charles Lindbergh. Karl Blessing Verlag, München 1999