Samstag, 12. November 2016

Romain Rolland und Richard Strauß - Zwei Kulturvermittler am Beginn des 20. Jahrhunderts

"Das Werk des heroischen Ekels ..." - Erkundungen zu einem französischen Schriftsteller und zu einem deutschen Komponisten

Der französische Dozent für Musikgeschichte und nachmalige Verfasser eines Musiker-Romanes Romain Rolland (1866-1944) (Wiki) veröffentlichte im Jahr 1903 ein Buch über Ludwig van Beethoven, das in den damaligen Jahren weite Verbreitung fand. Es beginnt mit Worten, die wie eine Fanfare klingen:
Dumpf ist die Luft um uns. Unter einer schweren Glocke verdorbener Dünste liegt erschlafft das alte Europa. Ein Materialismus ohne Größe lastet auf dem Denken. (...) Da kommen die Stunden, in denen die Stärksten zusammen brechen unter dem Schmerz. (...) Jenen zu helfen, schließe ich den Kreis der Helden, der Freunde um sie, der großen Seelen, die für das Gute gelitten haben. (...) Folgen wir all denen, die kämpfen wie sie, einsam, zerstreut über die Jahrhunderte. Es fallen alle Schranken der Zeit, das Volk der Helden erstehe! (...) Der Anführer dieser Legion der Helden sei Beethoven, der Starke, Reine.
Was für ein Mensch muss Romain Rolland gewesen sein, so fragt man sich unwillkürlich beim Lesen solcher Worte, wenn er derartiges schreiben konnte? Über das Leben und das Werk von Romain Rolland, so merkt man allein anhand solcher Worte, muss viel Bewegendes zu erfahren sein. Und vielleicht werden wir hier auf dem Blog auch noch einmal zusammen tragen, was darüber zusammenzutragen sein könnte. In dem zweiten und dritten Lebensjahrzehnt von Rolland spielte ein deutscher Komponist eine nicht geringe Rolle für seine eine kulturelle Orientierung, nämlich Richard Strauß (1864-1949). Und wenn man sich mit dem Leben und Werk von Richard Strauß beschäftigt und versucht, zu einer allgemeineren Einordnung zu kommen, so wird man schließlich vielleicht darauf stoßen, dass das Gültigste und Beständigste über Richard Strauß von eben jenem Romain Rolland gesagt worden sein mag. Rolland erzählt etwa, wie er eine Aufführung der Sinfonie "Ein Heldenleben" von Richard Strauß erlebte:
Es war einem zumute wie dem heiligen Laurentius, den man auf seinem Rost mit weißglühenden Spießen umdrehte ... Man bäumte sich, schnappte nach Luft ... Die markdurchdringenden  Trompetenstöße  schürten  die  Feuersbrunst.  Das  Wehen  des Geistes entfesselte Gegenstürme, Orkane; Städte wurden auf Leitern erstürmt, ein Völkertumult, den ein eiserner Wille lenkte; finstere Abgründe taten sich auf, in die der musikalische  Gedanke  hineinzustürzen  drohte;  aber  immer  wieder  sprang  er  mit unglaublicher Elastizität empor. Man schritt auf des Messers Schneide ...
Rolland erzählt hier, wie er eine Aufführung der Sinfonie "Ein Heldenleben" von Strauß im Jahr 1898 in Köln als 32-Jähriger erlebte (7, S. 69f; Hervorhebung nicht im Original):
Das artige, aus der Fassung gebrachte Publikum hätte gerne gepfiffen. Aus Rücksicht auf den alten Wüllner [den Dirigenten] zollte es Beifall, doch ging ein beunruhigendes Kopfschütteln durch den Saal. Ein Teil der Orchestermitglieder bog sich vor Lachen ... Ich lachte nicht, ich biss die Zähne zusammen, ich zitterte am ganzen Körper; mein Herz begrüßte den jungen wiedererstandenen Siegfried. – Ich machte mir jedoch nichts vor; mir war durchaus klar, dass die Mittelmäßigkeit seines melodischen Gefühls kaum das eines Mendelssohn übertraf, aber die harmonisch-rhythmische Erfindung, das instrumentale Wetterleuchten, die dramatische Intelligenz, der Wille waren gigantisch. Noch heute denke ich, dass der Pfeil des Lebens bei Strauss niemals höher gestiegen ist als damals.
Dieser letzte Satz sei trotz Hervorhebung wiederholt: "Noch heute denke ich, dass der Pfeil des Lebens bei Richard Strauss niemals höher gestiegen ist als damals."

Abb. 1: Romain Rolland
Sind das Worte, die helfen zu einer abschließenderen, gültigen Beurteilung und historischen Einordnung des Werkes von Richard Strauß? Fast möchten wir es meinen. Ist es denn nicht wirklich richtig zu sagen, was so manchem mehr als schwant: Richard Strauß, das ist die Musik auf ihrem beginnenden Weg in den Niedergang? Die Musik von Richard Strauß reißt uns nicht mit wie die Musik aus der Zeit des Barock über die klassische Zeit hinweg bis in die romantische Epoche hinauf, bis hin zu Robert Schumann. Wo immer wir auch bei Richard Strauß hineinhören, drängt sich uns dieser Eindruck auf: Er war ein typischer "Neutöner" wie man das um 1900 herum nannte. Und sicherlich wurde er mit viel Recht so genannt. Lässt sich mit dem heutigen historischen Abstand schon besser unterscheiden, was am damals "neutönenden" Werk von Richard Strauß bleibend ist und was nur ein Ausdruck der damaligen pompösen, kulturell so oft im Äußeren verbleibenden Kaiserzeit?

Es bleibt ein Verwundern, warum einem Komponisten wie Richard Strauß überhaupt so lange so viel Verehrung erwiesen wurde. Reicht allein der Wille zum absoluten Kunstwerk, nicht aber das Vollbringen eines solchen aus, um eine solche Verehrung zu rechtfertigen? Im folgenden kann es vorläufig nur darum gehen, Richard Strauß als kulturgeschichtliches Phänomen zu betrachten und einzuordnen, als ein Phänomen mehr des Wollens als des Vollbringens. Man kann in die eben genannte Komposition ("Ein Heldenleben") ja hinein hören. Am besten dirigiert von Richard Strauß selbst (im Jahr 1941: Yt). Aber man sollte womöglich wirklich darauf achten, dass man nicht "gebraten" wird, und dass man Richard Strauß'ens Selbsteinschätzung, er sei ein bedeutender Komponist, nicht unbesehen übernimmt. 1968 lautete das Urteil eines Musikhistorikers über "Ein Heldenleben" (7, S. 72):
Als Symphoniker ist Strauß mit diesem Werk unbestreitbar auf dem Höhepunkt angelangt, und den Rang als Vollender der Spezies Symphonische Dichtung läuft ihm niemand unter den Lebenden ab.
Auch dieses Urteil muss nicht unbesehen übernommen werden (Wiki). Dreiunddreißig Jahre war Richard Strauß alt, als er "Ein Heldenleben" komponierte. Seit vier Jahren war er verheiratet, seit einem Jahr war er Vater eines Sohnes. Und in dieser sinfonischen Dichtung soll sich nun auch - man möchte doch mehr oder weniger schmunzeln - einiges aus seinem Eheleben wiederspiegeln. So verriet Strauß dem anfragenden Romain Rolland das folgende (7, S. 70):
Meine Frau ist es, die ich darstellen wollte. (...) Sie ist sehr kompliziert. (...) Zu Anfang folgt ihr der Held, nimmt ihren Ton auf, den sie gerade gesungen hat; immer wieder entflieht sie. Dann sagt er schließlich: "Geh du nur. Ich bleibe hier!" Und er zieht sich in seine Gedanken, in seinen eigenen Ton zurück. Dann aber sucht sie ihn ...
Ein "Programm" für diese sinfonische Dichtung brauche man aber dennoch nicht zu lesen:
Es genügt zu wissen, dass es einen Helden im Kampf mit seinen Feinden beschreibt.
Rolland trifft mit seinen Worten vielleicht besser als es Richard Strauß mit Tönen traf, wenn er schrieb, in der Sinfonie "Heldenleben" gäbe es
eine geißelnde Verachtung, ein böses Lachen, wie wir es fast nie bei Beethoven finden. Wenig Güte. Es ist das Werk des heroischen Ekels.
Was für ein Wort:
Es ist das Werk des heroischen Ekels.
Ob damit das abschließende Urteil gesprochen ist? Könnte uns ein solches "Werk des heroischen Ekels" nicht eigentlich tatsächlich willkommen sein? Aber müsste uns ein solches Werk dann nicht dennoch weitaus grundlegender überzeugen? Ist es nicht auch in dieser Hinsicht mehr "Wollen" als "Vollbringen"? Wer weiß denn schon, ob nicht genau ein solches "Werk des heroischen Ekels" eher der Wunschvorstellung von Romain Rolland entsprang als dass eine solche Wunschvorstellung sich mit diesem Werk auch schon verwirklicht hätte ... In allen Äußerungen jedenfalls erkennen wir Romain Rolland - im Vergleich zu Richard Strauß - als den Echteren, den Reiferen, den Tieferen. So viel scheint uns festzustehen.

Abb. 2: Richard Strauß, 1918 (Wiki)
Seine Worte wirken unmittelbar, treffen zielsicherer als jeder Ausschnitt einer Sinfonie von Richard Strauß. Was für ein Anliegen, welche Größe spricht aus solchen Worten. Beim Verfassen des vorliegenden Beitrags war anfangs versucht worden, das Bleibende bei Richard Strauß zu finden. Was wir aber eigentlich bei der Erarbeitung desselben nach und nach immer deutlicher entdeckten, das war Romain Rolland, jener, der sich mit Richard Strauß aus nächster Nähe beschäftigt hat.

War die Musik von Richard Strauß nur ein Ausdruck der bombastischen, wild erregten, nervös gewordenen wilhelminischen Kaiserzeit (6)? Der Ausdruck einer Zeit, die sich selbst eben nicht durch echt-heroischen Ekel sich selbst gegenüber "überwand"? Ein Ausdruck des Geistes der Großstadt mit ihren drei- und vierstöckigen Mietskasernen?

Es sei jedoch auch das genannt, was ohne Zweifel feststehen dürfte. Es ist dies der Umstand, dass Richard Strauß ein beeindruckender Dirigent seiner Zeit gewesen ist. Die Musiker haben gerne und - was sehr selten sein soll - ohne jede Kritik unter ihm gespielt. So wird es in Erinnerungen berichtet (9). Er war - in heutigen Begriffen - ein "Stardirigent".

Womöglich ist es diese Eigenschaft, um derentwillen Richard Strauß auch künftigen Generationen in Erinnerung bleiben wird, und zwar, was eben wichtig ist: mit Recht in Erinnerung bleiben wird.

Und was ebenfalls ohne Zweifel feststeht, ist, dass der Vater von Richard Strauß, Franz Strauß, ein bedeutender Orchester-Hornist unter Richard Wagner gewesen ist. Und dass er zugleich ein eigenwilliges, selbstständig denkendes "Original" gewesen ist. Sein Sohn berichtet (7, S. 10f):
Für meinen Vater war die Mitwirkung in Oper und Konzert stets eine feierliche Handlung.
Schon allein der Umstand, dass der Sohn dies so betont, zeigt doch, dass der Sohn auch von der Möglichkeit wusste, dass Berufsmusiker eine solche Mitwirkung anders empfinden konnten*)? Das oben schon erwähnte Kopfschütteln und Lachen, das seine eigenen Kompositionen auslösen konnten, wird womöglich nicht zum geringsten zu solchen Möglichkeiten beigetragen haben ...?!!!? Dieser Vater und hervorragende Blechmusiker schrieb an seinen Sohn über dessen Oper "Don Juan" 1889 (7, S. 48):
Hoffentlich wirst Du durch die Aufführung Deines Werkes überzeugt worden sein, dass Du künftig mit der Behandlung des Bleches etwas sparsamer und vorsichtiger sein musst und nicht zuviel auf den äußeren Glanz und mehr auf inneren Gehalt bedacht sein musst. 
Väter und ihre Ratschläge. Sie treffen - mitunter - den Nagel auf den Kopf. Aber was nutzt es? Es sind ja "nur" die Väter ... Und Väter stehen ja so manchem "Heldenleben" im Wege in jener Zeit des Wilhelminismus .... Lag aber nicht doch der Vater womöglich richtig? Hätte der "heroische Ekel" seines Sohnes einfach mit noch mehr "innerem Gehalt" zur Darstellung gebracht werden müssen ....?

"Der spöttische und verschlafene Strauß"


Fiel diesem Richard Strauß denn nicht insgesamt alles ein wenig zu leicht in seinem Leben (6)? In diesem wilhelminischen Zeitalter des äußerern Glanzes? Weshalb er dann offenbar der Schwierigkeiten in seiner Ehe geradezu bedurfte - wie er sich selbst dessen bewusst war und wie er auch wiederholt zum Ausdruck gebracht hat (10)? Trefflich gekennzeichnet mag die Person von Richard Strauß vielleicht auch schon sein durch die Beobachtung von Romain Rolland, der Strauß während einer Aufführung seines "Don Quixote" in Paris im Jahr 1898 erlebt hat, wo das Publikum ihm selbst als jungem Dirigenten keineswegs so viel Ehrfurcht entgegenbrachte wie dem erwähnten alten Dirigenten in Köln (zit. n. 7, S. 65):
Dem spöttischen und verschlafenen Strauss scheint das alles gleichgültig zu sein.
Ob dieser eine Satz nicht - abgesehen von den oben zitierten anderen Sätzen Rolland's über Strauß - nicht sehr trefflich als Lebensmotto für Person und Werk von Richard Strauß überhaupt dienen könnte? Man beachte übrigens auch, dass in der Gegenwart von Richard Strauß auch noch in seinen Altersjahren nicht das geringste Wort der Kritik an Richard Wagner geäußert werden durfte, ohne dass der Haussegen nicht für mehrere Tage schief hängen konnte wie einer seiner Söhne berichtet. Wird nicht dadurch auch die Haltung von Richard Strauß sich selbst und seinem Schaffen gegenüber sehr trefflich gekennzeichnet?

Mit dem zeitgleich lebenden Komponisten Gustav Mahler (1860-1911) verband Strauß eine 24-jährige, auf gegenseitiger Wertschätzung beruhende Freundschaft (1). Der empfindsame Gustav Mahler hat den - zumal nach 1898 - nur von offenbar wenigen Selbstzweifeln geplagten "spöttischen, verschlafenen, gleichgültigen" Richard Strauß Zeit seines Lebens als menschlich ein wenig zu unzugänglich, ja, mitunter sogar als verständnislos empfunden. Er schrieb dies häufig an seine Frau Alma Mahler. Im Vergleich zu Richard Strauß wurde Gustav Mahler gerne auch einmal als der konservativere und anlehnungsbedürftigere der beiden empfunden.

"Neue Tatkraft nur durch die Befreiung vom Christentum"


Dabei war der Anspruch des Richard Strauß an sich selbst keineswegs gering. Er wird auch gut deutlich anlässlich des frühen Todes seines Freundes Gustav Mahler im Mai 1911. Dieser Tod riss Richard Strauß dann doch noch einmal ein wenig aus seiner inzwischen offenbar immer mehr überhand nehmenden bourgoisen "spöttischen, verschlafenen Gleichgültigkeit" und seinem bourgeoisen Seelenfrieden. Strauß war, wie sein Sohn Franz erzählt, tagelang unfähig zur Arbeit und hat in dieser Zeit kaum etwas gesagt (2). Er notierte sich in seinem Kalender (zit. n. 3, S. 216; s.a. 1, S. 210f):
Gustav Mahler nach schwerer Krankheit am 19. Mai verschieden.
Der Tod dieses hochstrebenden, idealen, energischen Künstlers ein schwerer Verlust.
Die ergreifenden Memoiren Wagners mit Rührung gelesen.
Lectüre Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation Leop. Ranke: durch sie wird mir hell bestätigt, dass alle dort die Cultur fördernden Elemente seit Jahrhunderten nicht mehr lebenskräftig, wie alle großen politischen u. religiösen Bewegungen nur eine Zeitlang wirklich befruchtend wirken können.
Dies sind die vorbereitenden Gedanken, um wieder auf Gustav Mahler zu sprechen zu kommen und auf das, was ihn, Richard Strauß und sein Heldenleben, von Gustav Mahler, aber auch von Richard Wagner unterscheidet. Er, Richard Strauß, sieht sich als den Verkünder eines "neuen Menschen", einer neuen Weltepoche, während Mahler und Wagner - und alle Komponisten vor ihnen? - dem Christentum noch zu sehr verhaftet gewesen wären. So also wie die vielen Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts nach dem Aufschwung der Rennaisance in eine Wiedergeburt des Christentums (durch Martin Luther) "zurückgesunken" seien, ohne dass dies langfristig wirklich befruchtend hätte wirken können. So jedenfalls scheint sich der - im Gegensatz zu dem von ihm bewunderten Friedrich Nietzsche - wenig von Selbstzweifeln geplagte Nietzscheaner und Kirchenfreie Richard Strauß gesehen zu haben. Und er schreibt mit dieser gedanklichen Vorbereitung:   
Der Jude Mahler konnte im Christentum noch Erhebung gewinnen. Der Held Rich. Wagner ist als Greis durch den Einfluss Schopenhauers wieder zu ihm herabgestiegen.
Mir ist es absolut deutlich, dass die deutsche Nation nur durch Befreiung vom Christentum neue Tatkraft gewinnen kann. Sind wir wirklich weiter als zur Zeit der politischen Union Karls V. und des Papstes? Wilhelm II. und Pius?
Ich will meine Alpensinfonie: den Antichrist nennen, als da ist: sittliche Reinigung aus eigener Kraft, Befreiung durch die Arbeit, Anbetung der ewigen herrlichen Natur.
Das sind schöne Worte. Um solcher Worte willen begannen wir ursprünglich, Interesse an Richard Strauß zu entwickeln - und entdeckten: Romain Rolland. Wenn nun bloß die Taten, nämlich die hier angesprochene geschaffene Musik als mit diesen Worten im Einklang empfunden werden könnte! Welche Freudentänze wären dann aufzuführen? Aber die Frage ist doch, ob die Umsetzung dieser Worte in der hier genannten "Alpensinfonie" für heutige Ohren wirklich überzeugend gelungen ist. Die Sinfonie "Der Antichrist", an der Strauß seit 1899 gearbeitet hat, wurde vier Jahre später, am 28. Oktober 1915, in Berlin unter dem Titel "Alpensinfonie" uraufgeführt (Wikiweise, Wiki). Strauß hatte einen Namenswechsel vorgenommen - - - um beim christlichen Establishment nicht anzuecken ... Und so also kündigt sich das "Werk eines heroischen Ekels" an ... ? Worte und Taten - ja, ja, es können mitunter Abgründe zwischen ihnen liegen.

"... Dass man eigentlich zum Kitsch die meiste Begabung hat ..."


Richard Strauß scheint aber mitunter auch so die eine oder andere Selbsteinsicht gehabt zu haben. So schrieb er in den 1930er Jahren an seinen Freund und Librettisten Stefan Zweig über Themen für eine künftige Oper (4):
Am besten liegen mir süddeutschem Bourgeois Gemütskisten; aber solche Treffer wie das Arabelladuett und das Rosenkavalierterzett gelingen nicht immer. Muss man 70 Jahre alt werden, um zu erkennen, dass man eigentlich zum Kitsch die meiste Begabung hat?
Nein, man muss noch älter werden, denn er meinte diese Selbsterkenntnis ja gar nicht ernst und rang mit ihr nicht wie ein "Held", sondern schrieb weiter:
Aber Spaß beiseite, haben Sie kein neues gemütvolles Stöffchen für mich?
"Spaß beiseite" ...

Vielleicht ist dann doch der Tonfall von modernen Fernsehdokumentationen, die nicht alles gar so tragisch und ernst nehmen bei einem solchen "spöttischen, verschlafenen Gleichgültigen" über weite Strecken seiner Musik angemessener als sein eigener Blick auf sein Werk. In solchen wird gerne als Tonbeispiel die Einleitung der sinfonischen Dichtung "Also sprach Zarathustra" (Tondichtung frei nach Friedrich Nietzsche)" (Wiki) gewählt (siehe etwa einleitend hier: Yt; dirigiert von Herbert von Karajan hier: Yt;  dirigiert von Richard Strauß selbst 1944 in Wien hier: Yt).

Diese Musik hat jeder schon einmal irgendwo gehört. Aber nicht jeder hat sie bislang namentlich dem Komponisten Richard Strauß zugeordnet und seiner sinfonischen Dichtung "Zarathustra" - und damit dem Namen Friedrich Nietzsche. Der frühbegabte Richard Strauß hat sich 1893, mit 28 Jahren, auf einer Ägyptenreise begonnen, mit den Büchern von Friedrich Nietzsche auseinanderzusetzen. An seinen Vater, den Hornisten, schrieb er darüber (zit. n. Piribauer 2001, s.a.: Epoch Times 1914):
Als ich in Ägypten mit Nietzsches Werken bekannt geworden, dessen Polemik gegen die christliche Religion mir besonders aus dem Herzen gesprochen war, wurde meine seit meinem fünfzehnten Jahr mir unbewusste Antipathie gegen diese Religion, die den Gläubigen von der eigenen Verantwortung für sein Tun und Lassen (durch die Beichte) befreit, bestärkt und begründet.
Strauß soll später aus der Kirche ausgetreten sein. (Bezeichnenderweise ist es nicht leicht herauszubekommen, in welchem Jahr er das tat.) Von ihm sind mancherlei Zeugnisse zu seiner Nietzsche-Lektüre überliefert (zusammengestellt etwa von Susanne Stähr: 5). Schon in seiner Oper "Guntram" finden sich die Worte:
Mein Leben bestimmt
Meines Geistes Gesetz;
Mein Gott spricht
Durch mich selbst nur zu mir.
Interessant ist, dass sich Richard Strauß um dieser Sätze willen mit seinem Lehrer Alexander Ritter entzweit hat. Für Alexander Ritter stand das Gesetz von Orden und Geheimorden höher als des eigenen "Geistes Gesetz" (7, S. 50) ... - Wie für so viele bis heute. (Die Oper "Guntram" hat mit der Thematik von Geheimorden und Logenmorden zu tun, dieser Umstand könnte auch noch einmal umfangreicher aufgearbeitet und eingeordnet werden.)

Warum mussten sich die Menschen und Komponisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts - etwa ab Richard Wagner - mit dem Christentum so heftig auseinandersetzen und damit ringen? Bzw. warum ausgerechnet auch Musiker? Weil Musiker Zeitgenossen sind und nicht - zwangsläufig - aus ihrer Zeit heraus können. Vielleicht gelang ihnen allen noch nicht zu schaffen, was zu schaffen wäre im Angesicht der Fortdauer überkommener religiöser Anschauungen und Organisationen, nämlich
ein Werk des heroischen Ekels
durch dass dann endlich und schließlich
die deutsche Nation neue Tatkraft gewinnen kann.
Tondichterinnen und Tondichter - wo eigentlich seid ihr?

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*) Dass Berufsmusiker heutzutage zum Beispiel mit konstanter und penetranter Regelmäßigkeit Konzerte, an denen sie mitwirken, "Mucken" (Wiki) nennen, ist eine der vielen sehr sonderbaren Erscheinungen des heutigen Musiklebens, die unverständlich sind und immer bleiben werden. Von der inneren Einstellung, die mit der Verwendung von solchen Ausdrücken verbunden ist, kann man sich nur angewidert abwenden. Sie hätte nur insofern Berechtigung, als eben doch immer einmal wieder Kompositionen zur Aufführung gelangen, die unter Musikern und Zuhörern mit Berechtigung Kopfschütteln hervorrufen könnten.
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  1. Blaukopf, Herta: Gustav Mahler - Richard Strauß - Briefwechsel 1888-1911. Piper-Verlag, München, Zürich 1980 
  2. Hartmut Haenchen: Stichworte  zu  Richard  Strauss   (1864-1949) „Eine  Alpensinfonie“  1915, http://www.haenchen.net/fileadmin/media/pdf/strauss_alpensinfonie.pdf
  3. Charles Youmansmir: Mahler & Strauss in Dialogue. Indiana University Press, Bloomington 2016 (Google Bücher
  4. Thomas, Ernst: Rezension: Briefwechsel Richard Strauß / Stefan Zweig, hrsg. v. W. Schuh (S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 1957), in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.1958, http://www.gbv.de/dms/faz-rez/580125_FAZ_0061_BuZ5_0005.pdf 
  5. Stähr, Susanne: Glaubensfragen Folge 29: Richard Strauss. Auf: Der Lucerne Festival Blog, 29. August 2012, https://blog.lucernefestival.ch/blog/2012/08/29/glaubensfragen-folge-29-richard-strauss/
  6. Michael Schmidt: Richard Strauss oder: Der ambivalente Musikzauberer. Deutschlandfunk, 25.7.2010, http://www.deutschlandfunk.de/richard-strauss-oder-der-ambivalente-musikzauberer.1184.de.html?dram:article_id=185395 
  7. Deppisch, Walter: Richard Strauß in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1968
  8. Kerstin Piribauer: "Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine Luft der Höhe ist" - Nietzsches Denken in den Tondichtungen von Richard Strauss. Richard Strauß-Institut, 2001, http://www.richard-strauss-institut.de/elektra/2001_02.php3
  9. Adam, Peter (Buch und Regie): Richard Strauß - Remembered. A Blackford Carrington Production in association with BBC Television, 2-stündige Filmdokumentation, Großbritannien 1984, https://www.youtube.com/watch?v=O0ImK5CpSmo 
  10. Klonovsky, Michael: Strauss' liebes Zornbrötlein. Richard Strauss' Ehefrau Pauline. In: Die Weltwoche 19/2014, http://www.michael-klonovsky.de/artikel/item/217-strauss-liebes-zornbroetlein 

Montag, 7. November 2016

"Sieben Jahre vor Erscheinen der Phänomenologie seines Freundes Hegel"

Originalausgaben der Werke Friedrich Hölderlins aus den Jahren 1842 und 1846, lesbar auf "Google Play Bücher", enthalten eine fast vergessene, sehr authentische Lebensbeschreibung dieses Dichters nach den Mitteilungen seines Bruders 

Auf einem Tablet kann man heute (auf der "App" "Google Play Bücher") zahllose Klassiker der deutschen und der Weltliteratur des 19. Jahrhunderts und früherer Jahrhunderte lesen. So kann man dort beim Stöbern mit Suchworten wie "Hölderlin kostenlos" auf die frühesten Hölderlin-Ausgaben von Christoph Theodor Schwab aus den Jahren 1843 und 1846 stoßen, die dort über wenige Tablet-Klicks abrufbar sind (1, 2).

Ein eindrucksvoller Text aus dem Jahr 1842


Und obwohl der Autor dieser Zeilen schon allerhand von und über Friedrich Hölderlin gelesen hat, auch Forschungsliteratur, auch manches in den wertvollen Studien von Dieter Henrich und seines Schülerkreises über Hölderlin - der Text "Lebensumstände des Dichters - Aus den Mitteilungen seines Bruders und seiner Freunde", datiert auf "Stuttgart im Oktober 1842" (1), also noch vor dem Lebensende Hölderlins, dieser Text war ihm noch unbekannt. Und dieser Text hat es in sich.

Abb. 1: Ein Tablet ersetzt Bücher überraschend gut
Er wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Halbbruder von Friedrich Hölderlin erarbeitet und atmet deshalb noch sehr viel von einer Authentizität, die es in späteren Texten über Hölderlin ja nie wieder geben konnte. Gerade auch deshalb ist er so berührend. Viele Einzelheiten werden so geschildert, dass sie nachvollziehbarer erscheinen als man sie jemals in einer Biographie von Seiten Dritter über Hölderlin hat finden kann. So dass sich geradezu die Frage im Hinterkopf aufdrängt: Haben denn all diese Biographen überhaupt diesen Text ausreichend berücksichtigt?

In diesem Text von 1842 wird das umfangreiche philosophische Studium Hölderlins - beginnend mit Kant - schon gebührend und wiederholt heraus gestellt. Für diesen Text ist es selbstverständlich, dass Hölderlin Philosoph ist, in ihm muss es nicht erst lang und breit "bewiesen" werden. Und über das Verhältnis von Hölderlin zu Susette Gontard finden sich in ihm so authentische Sätze wie (1, S. VIII):
Vor einem schwäbischen Landsmanne, der ihn besuchte und als Gast des Hauses den freundlichsten Empfang fand, sandte er der sorglich hin und her wandelnden das höchste Lob nach, das sein Mund erteilen konnte, indem er jenem zuflüsterte: "nicht wahr, eine Griechin?"

Schiller und Goethe haben Hölderlins Bedeutung verkannt - wusste man schon 1842


Und noch bevor die Schiller-Begeisterung in Deutschland überhaupt ihren Höhepunkt erreicht hatte, wurden in diesem Text von 1842 schon so ungewöhnliche, unzeitgemäße Sätze niedergeschrieben wie der folgende, und zwar über die Ratschläge Schillers an Hölderlin (1, S. VII):
Sein berühmter Landsmann Schiller, der ihn "seinen liebsten Schwaben" nannte, war ängstlich besorgt für ihn und gab ihm allerlei weise Regeln, ohne zu ahnen, dass der Durchbruch zur lauteren Kunst bei Hölderlin noch schneller und reiner erfolgen sollte als bei ihm selbst.
Das ist ein starker Satz. Da stellt sich einer im Jahr 1842 im Urteil über einen Friedrich Schiller. Und mehr noch: Aus heutiger Sicht möchte man dieses Urteil sofort teilen. Heute. Aber: Es wurde 1842 niedergeschrieben! Ähnlich auch wird über den daselbst auszugsweise zitierten Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe über Hölderlin gesagt (1, S. XI)
Die hohe und von Mustern und Lenkern unabhängige Eigentümlichkeit des Dichters war von den Meistern aus diesen Proben noch nicht erkannt worden.
Auch dies ein starkes Urteil - und heute sicherlich ein für gültig anzuerkennendes. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass in der Hölderlin-Literatur immer darauf hingewiesen wird, dass die Bedeutung Hölderlins erst seit 1910 - durch Norbert von Hellingrath - in Deutschland allgemeiner bewusst geworden sei. Diese Einschätzung muss durchaus eine Differenzierung erfahren, wenn man von diesem Text von 1842 weiß und von der großen Hochachtung, von der dieser Text gegenüber dem Schaffen Hölderlins durchdrungen ist.

Wissen um die Gemeinsamkeit des Philosophierens von Hölderlin und Hegel - 1842


Über die Zeit, als Hölderlin mit Susette Gontard in Bad Driburg weilte, wird berichtet (1, S. IX):
Während dieser Abwesenheit Hölderlins von Frankfurt hatte Hegel an ihn ein jetzt eben (durch Rosenkranz) veröffentlichtes Gedicht gerichtet, in welchem des Dichters Manier so unverkennbar ist, als die eigentümliche Lebensanschauung des Philosophen. Dasselbe erinnert den Freund an den alten Bund, "der freien Wahrheit nur zu leben."
Und weiter heißt es:
Hölderlin beschäftigte sich in derselben Zeit, neben dem Studium der Philosophie auch mit Botanik und Mathematik, strebte überhaupt nach größerer Vielseitigkeit und schien sich mehr und mehr mit der Welt zu versöhnen.
Auch diese Umstände liest man, als läse man sie zum ersten mal (1, S. XII):
Nach seiner Zurückkunft in Homburg widmete sich Hölderlin wieder mit aller Anstrengung seinen literarischen Arbeiten und vollendete ein schon in Frankfurt begonnenes Drama "Agis", dessen Manuskript zu Anfang dieses Jahrhunderts noch vorhanden war, später sich bei der Registratur der Zeitung für die elegante Welt befand, an die es Conz zum Behufe von Mitteilungen eingesendet hatte, und zuletzt mit seinem ganzen Inhalte verloren gegangen ist.

"Das Abendrot des griechischen Tages"


Verloren gegangen!?! Was tut dieser Conz? Er gibt das Originalmanuskript weg, ohne vorher eine Abschrift anzufertigen? - Der spartanische König Agis wird an einer zentralen Stelle im "Hyperion" genannt und man kann aus dieser ableiten, welchen Grundgedanken dieses Drama Hölderlins bestimmt hat. In Hölderlins Roman Hyperion heißt es:
... Endlich nach wenigen flüchtigen Worten bat mich Diotima, einiges von Agis und Kleomenes zu erzählen; ich hätte die großen Seelen oft mit feuriger Achtung genannt und gesagt, sie wären Halbgötter, so gewiss, wie Prometheus, und ihr Kampf mit dem Schicksal von Sparta sei heroischer, als irgend einer in den glänzenden Mythen. Der Genius dieser Menschen sei das Abendrot des griechischen Tages, wie Theseus und Homer die Aurore desselben. Ich erzählte und am Ende fühlten wir uns alle stärker und höher. ...
Der spartische König Agis wollte - in Zeiten des gesellschaftlichen Niedergangs und Zerfalls - die altspartanische Lebensweise in seinem Volk wieder zum Leben erwecken. Aber er tat dies zu einer Zeit, als die Mehrheit seines Volkes dazu schon nicht mehr bereit war und das Volk deshalb kurz vor dem Erlöschen seiner historischen Eigenart stand. So wie heute Deutschland. Neben dem griechischen Philosophen Empedokles also widmete Hölderlin dieser geschichtlichen Person des Agis ein zweites Drama! Was hätte man von dem Inhalt dieses Dramas alles zu erwarten. Wie paßgenau würde der Inhalt dieses Dramas passen gerade auf unsere Tage. Und sonderbar genug: Auf dieses wichtige Werk Hölderlins ist in der Hölderlin-Forschung kaum ausreichend das Augenmerk gerichtet worden. Es muss ja in gleicher Wertigkeit Beachtung finden wie der Empedokles! - - - Und dann auch dieser schönen Abschnitt (1, S. XIVf):
Bald aber bestimmte ihn der Wunsch, die große Natur der Schweiz, in welche er früher nur einen kurzen Ausflug gemacht hatte, näher kennen zu lernen und wieder Ruhe für seine Lieblingsbeschäftigung zu gewinnen. (...) Von dort aus schrieb er an seinen Halbbruder einen Brief, der einen tiefen Blick in sein Inneres tun lässt. In demselben finden sich (sieben Jahre vor Erscheinen der Phänomenologie seines Freundes Hegel) die merkwürdigen Worte: "A Deo principium. Wer dies versteht und hält, ja bei dem Leben des Lebens! der ist frei und kräftig, und freudig und alles Umgekehrte ist chimäre und vergehet in so ferne in Nichts. Und so sei denn auch unter uns bei dieser Bundeserneuerung, die gewiss nicht Zeremonie oder Laune ist, a Deo prinipium. Wie wir sonst zusammendachten, denke ich noch, nur angewandter! Alles unendliche Einigkeit, aber in diesem Allem ein vorzüglich Einiges und Einigendes, das, an sich, kein Ich ist, und dieses sei unter uns Gott!"  
Von weitreichendem Erkenntnishorizont zeugen die Worte "sieben Jahre vor Erscheinen der Phänomenologie seines Freundes Hegel". Hier lebten Leute vom Geiste eines Dieter Henrich schon über hundert Jahre vor Dieter Henrich! Und dann dieser Abschnitt über die - sagenumwobene - Rückreise Hölderlin von Bordeaux nach Stuttgart (1, S. XVIf):
Seit Ostern 1802 hatte seine Familie keine Nachrichten mehr von dem Dichter. Aus dieser Ungewissheit wurde sie auf eine schmerzliche Weise gerissen, als im Anfang Juli's desselben Jahres Hölderlin plötzlich im traurigsten Gemütszustande bei der Mutter in Nürtingen eintraf. Unerwartet schnell hatte er im Juni 1802 seine Stelle zu Bordeaux verlassen, Frankreich (wie es heißt mit Inbegriff von Paris) in den heißesten Sommertagen von einer Grenze bis zur anderen zu Fuße durchreist, sich flüchtig seinen Freunden in Stuttgart (...) gezeigt, und war so in die Heimat gekommen. Wie es scheint, hatte er noch in Bordeaux Nachricht von der Krankheit Diotima's, und vielleicht schon auf der Reise die Kunde von ihrem Tode vernommen.

"Sieben Jahre vor Erscheinen der Phänomenologie seines Freundes Hegel"


Ein Brief Sinclairs darüber, geschrieben am 30. Juni, erreichte Hölderlin in Nürtingen. Und über die Zeit danach (1, S. XVII):
In seinen brieflichen Mitteilungen aus dieser Zeit (...) begegnen wir dem nachdenklichen Ausdruck: "höchste Bewegung und Phänomenalisierung der Begriffe."
Abb. 2: Lesen in Dresden, September 1945
Fotograf: Richard Peter, sen. (Deutsche Fotothek)
Für die Zeit zwischen 1806 und 1842 wird von den Autoren natürlich (und sicherlich fälschlicherweise) Hölderlins "Irrsinn" angesetzt. Über diesen Zeitraum schreiben sie auch (1, S. XIX):
Ein philosophisches System, dessen Keim auch in seinem eigenen Bewusstsein sich entwickeln wollte, die Erfindung eines genialen Freundes und Landsmanns (gemeint: Schellings), ist von dem rastlosen Sinnen eines andern auch weltberühmten Freundes (gemeint: Hegels) ausgebrütet worden und hat, die Sonne selbst verdunkelnd, mit Adlerstolz seinen Schwingen entfaltet.
Dieser vergleichsweise kurze Text von 1842 ersetzt ohne Frage ganze dicke Forschungsstudien und wortreiche Biographien über Hölderlin. Wer hatte diesen kurzen Text schon jemals in der Hand? Und jetzt ist er nur wenige Tablet-Klicks entfernt.

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  1. Hölderlin, Friedrich: Gedichte. J. G. Cotta'scher Verlag, Stuttgart, Tübingen 1843 [vorangestellt: G. S., Chr. S.: Lebensumstände des Dichters. Aus den Mitteilungen seines Bruders und seiner Freunde]
  2. Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke. Hrs. von Christoph Theodor Schwab. Erster Band: Gedichte und Hyperion. J. G. Cotta'scher Verlag, Stuttgart, Tübingen 1846
  3. Friedrich Hölderlin. Ernst Balde, Cassel 1853 (200 S.)

Dienstag, 6. September 2016

Lore Waldvogel spricht über Mathilde Ludendorff

Die naturwissenschaftsnahe Philosophin Mathilde Ludendorff in einem aktuellen Interview behandelt

Abb. 1: Rotes Waldvögelein
Fotograf: Thomas Huntke (Wiki)
Auf unserem politischen Parallelblog ist schon auf einen Aufsatz verwiesen worden, der im "Occidental Observer" über Mathilde Ludendorff erschienen ist (GA-j!, 16.05.2016). Er stammte aus der Feder von Lore Waldvogel, einer promovierten Literatur- und Religionswissenschaftlerin.

Von dieser Lore Waldvogel ist nun auch ein vierzig Minuten langes Gespräch veröffentlicht worden, in dem sie über Mathilde Ludendorff befragt wird (Yt.).

Man ist sehr überrascht, wie durchdacht, grundlegend und zugleich gegenwartsnah sich die Teilnehmer in diesem Gespräch äußern. Das Gespräch ist der Teil 4 des Podcast (00:32:41 bis 01:12:18), betitelt "Völkischer Feminismus - Lore Waldvogel im Gespräch über Mathilde Ludendorff".

Dem Gespräch ist unter anderem zu entnehmen: Lore Waldvogel liest in den Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff Dinge, die auch jene, die schon einmal einen Blick in sie geworfen haben sollten, dort noch nicht entdeckt haben werden. Zum Beispiel dass Mathilde Ludendorff an der Charite in Berlin Medizin studiert hat.

Vor allem aber ist es erfreulich, dass in diesem Gespräch ganz unverkrampft über sehr wesentliche Themen gesprochen wird. Natürlich wird erkennbar, dass Lore Waldvogel noch viel mehr hätte sagen können. So hat sie noch nichts Ausführliches zum Themenkreis "schöpferische Frau", bzw. "schöpferischer Mensch" gesagt, Themen, die man anhand des philosophischen Werkes von Mathilde Ludendorff natürlich sehr gut erarbeiten kann, und was auch in der Literatur schon geschehen ist. Wozu auch schon hier auf dem Blog ein Aufsatz erschienen ist (1).

Es mag ein ganz willkürlicher Vergleich sein, ein Vergleich der Lebenserinnerungen Mathilde Ludendorffs (2) mit dem Buch "Claras Kinder" von einer Tochter von Robert und Clara Schumann (3). Der Vergleich ergibt sich, wenn man just zu jener Zeit, in der das Interview veröffentlicht wird, im letzteren Buch liest. Und es ist ein sehr schönes Buch über Clara Schumann. Man hat noch nie so viel Hochachtung bekommen gegenüber Clara und Robert Schumann als durch dieses Buch. Und man hat auch viel Interesse bekommen, noch viel mehr über beider Leben und ihre Musik zu erfahren und darüber zu lernen.



Und doch, so muss man sich - aus dem Vergleich heraus - sagen, packt einen nur ein einziges Kapitel aus den Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff gleich noch viel umfassender als noch so schöne Erinnerungen der Eugenie Schumann. Welch ein Reichtum in so wenigen Worten oft. Was für ganz unterschiedliche Lebensbereiche werden auf so wenigen Seiten angesprochen. Man meint, dass eigentlich schon jeder Mediziner davon profitieren müsste, diese Erinnerungen zu lesen und diesen Blick auf das eigene Fach zur Kenntnis zu nehmen. Etwa auch Menschen, die über die Medizingeschichte der Charite arbeiten.

Dieses Gespräch muss man sich mehrere male anhören. Weil in ihm sehr viele wesentliche Themen angesprochen sind und weil Lore Waldvogel vorbildlich differenziert argumentiert. Sie hat von Mathilde Ludendorff wirklich schon vieles verstanden. Sie macht in der Wiedergabe ihrer Gedanken - soweit übersehbar - keine inhaltlichen Fehler. Und das will doch recht viel heißen. Bzw., dies macht deutlich, dass die vielen gedankenlosen, oberflächlichen Fehler, die sonst in der Wiedergabe der Gedanken Mathilde Ludendorffs gemacht werden, wirklich nicht nötig sind, auch von Seiten von Menschen, die sich - wie Lore Waldvogel - noch nicht sehr umfassend mit dem philosophischen Werk dieser Frau beschäftigt haben.

In dem Gespräch sind auch viele Dinge sozusagen "zwischen den Zeilen" enthalten. Die Rolle der Frau und Mutter in modernen Wissensgesellschaften hat Mathilde Ludendorff sehr differenziert durchdacht und das gibt Lore Waldvogel außerordentlich genau und differenziert wieder. Man muss ihr und Walter Spatz sehr danken für dieses Gespräch.

Das Gespräch gab uns Veranlassung, hier auf dem Blog einen älteren Beitrag der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" digital zugänglich zu machen (Gedanken zu einer zeitlosen Frage). Dies mag gerne als der Versuch einer Fortsetzung dieses Gespräches angesehen werden.
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  1. Bading, Ingo: "Das Genie ringt sich durch" - Ein weiser Satz oder Irrtum? Begabung für das Schaffen auf kulturellem Gebiet - ringt es sich geradezu zwangsläufig durch? Oder türmen sich Gefahren um die Verwirklichung einer Begabung? Auf: Studiengruppe Naturalismus, 25. Dezember 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2012/08/frau-und-musik.html; in Fraktur auch hier: http://sei-beseelt.blogspot.de/2012/12/das-genie-ringt-sich-durch-ein-weiser.html
  2. Ludendorff, Mathilde: Durch Forschung Schicksal zum Sinn des Lebens. 2. Band der Lebenserinnerungen. Ludendorffs Verlag, München 1937 
  3. Schumann, Eugenie: Claras Kinder. Mit einem Nachwort von Eva Weissweiler. Dittrich-Verlag, Köln 1991
  4. Peter-Alexander Bösel: Der Kurfürstendamm - Berlins Prachtboulevard. 2008 (Google Bücher)

Sonntag, 10. Juli 2016

"…Denn sieh', es steht still das Werden der Arten!"

Ausgangsbedingungen, Ablauf und Ende der biologischen Evolution
- Sind sie "bedingt" durch ein Ziel?

Abb. 1: Brauner Mausmaki (Microcebus rufus), Madagaskar
(Fotograf: Alex Dunkel)
Der britische Paläontologe Simon Conway Morris (geb. 1951) hat 2013 einen Aufsatz herausgebracht (1), in dem sehr grundlegende, neue Gedankengänge über die biologische Evolution der Arten auf unserer Erde enthalten sind. In diesem Aufsatz arbeitet er auf so etwas hinaus wie eine Erweiterung des "Anthropischen Prinzips" der Astrophysik und Kosmologie (Wiki) auf die Biologie.

Dabei werden viele neue Gedanken erörtert, etwa der Gedanke der Inhärenz, insbesondere aber der Gedanke, wonach die biologische Evolution die Grenzen der erreichbaren Komplexität im Wesentlichen auch schon erreicht habe. Und diese Gedanken werden aus der breiten Auseinandersetzung mit der neuesten Forschungsliteratur abgeleitet.

Zu dem Gedanken, dass die biologische Evolution auf der Erde zu Ende sein könnte, kündigte Simon Conway Morris schon im September 2013 eine wissenschaftliche Konferenz in Cambridge an für das Folgejahr unter dem Titel "Gibt es Grenzen für die Evolution?" ("Are there limits to evolution?") (MoL 9/2013). Sie hat im September 2014 stattgefunden (MoL 10/2014). Viele Tagungsbeiträge erschienen im Dezember 2015 in einem Themenheft der Zeitschrift "Interface Focus" (2). Zwischenzeitlich war das Thema im August 2015 im "Journal of Theoretical Biology" (3) aufgegriffen worden.

Das heißt also, die Anfangsbedingungen des Universums, die Feinabstimmung seiner Naturkonstanten, sowie die physikalischen, chemischen und biochemischen Beschaffenheiten, die sich später und eher zufällig und sehr speziell hier bei uns auf der Erde ergeben haben, schränken laut dieses Gedankens sehr stark ein,
  1. was evoluieren kann in diesem Universum,
  2. wie es evoluieren kann und
  3. wie weit es evoluieren kann.
Conway Morris arbeitet darauf hinaus, dass diese Dinge schon sehr früh in der Evolution festgelegt sind in sehr einfachen Organismen (er nennt das "Inhärenz", die er an einer Stelle auch als "Homunculus-artig" bezeichnet). Er arbeitet darauf hinaus aufzuzeigen, dass der Ablauf der Evolution mit diesen frühen Anfangsbedingungen ziemlich stark vorgegeben ist und gar nicht so viel anders ablaufen könnte, wenn sie noch einmal ablaufen würde irgendwo anders im Universum. Am Wesentlichsten aber ist - und am Neuesten von allem, was er sagt -, dass die Evolution vermutlich auch nicht mehr weiter gehen kann als sie bis heute fortgegangen ist, dass sie alles das an Komplexität, was sie erreichen kann - vor allem das Großhirn des Menschen, aber auch aufzeigbar an vielen anderen Bereichen - auch schon erreicht hat. Auf diesen letzteren zentralen Gedanken werden wir uns im folgenden fokussieren, wenn wir auch zugleich beschreiben wollen, wie Conway Morris ihn in seine übrigen gedanklichen Auseinandersetzungen einfügt.

Denn auch das Prinzip der Inhärenz sagt ja - so wie das schon zuvor von Conway Morris in das grundlegende biologische Denken eingeführte Prinzip der Konvergenz -, dass es so etwas wie "Voraussicht" gibt in der Evolution, so etwas wie Zielgerichtetheit, dass schon sehr früh festgelegt ist, was sich erst später mit Hilfe des früh Festgelegten entfaltet und entfalten kann.

Sowohl die astrophysikalischen Forschungen zum Anthropischen Prinzip wie Simon Conway Morris kommen mit solchen Entwicklungen stimmen schon fast in der Wortwahl, bzw. in der Formulierung ihrer grundlegenden Gedanken mit der Wortwahl und der Art der Gedanken der Evolutionären Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) in ihrem Buch "Schöpfungsgeschichte" (1923) überein. Ohne dass die Forscher mit hoher Wahrscheinlichkeit von Mathilde Ludendorff jemals ein Wort gelesen haben werden. "Wie von selbst" also würde sich gegenwärtig die wissenschaftliche Forschungsliteratur zu Übereinstimmungen mit grundlegenden Erkenntnissen der Philosophie von Mathilde Ludendorff kommen. Mathilde Ludendorff hat ihre grundlegenden Gedanken 1923 folgendermaßen formuliert (7, S. 68f):
Im Anfang war der Wille Gottes zur Bewusstheit. Bewusstheit aber bedingt Erscheinung und so war der Wille Gottes, in Erscheinung zu treten.
Und auch die weiteren Stufen der Kosmologie und Evolution formuliert Mathilde Ludendorff jeweils mit solchen Worten, dass das Schöpfungsziel dieses oder jenes "bedingt". Und da dieses oder jenes "bedingt" wird, um das Schöpfungsziel zu erreichen, tritt es dann in Erscheinung. Aber es tritt eben immer nur insoweit in Erscheinung, als es vom Schöpfungsziel "bedingt" ist. Es wird also - nach Mathilde Ludendorff - nichts Überflüssiges geschaffen. Der Zufall, die Freiheit hat ihren Platz in der Evolution. Aber nicht, insoweit die Gesamtrichtung der Entwicklung davon betroffen ist. Hier gibt es keine Freiheit, keine Willkür nach Mathilde Ludendorff. Und selbst in seinen Formulierungen kommt Simon Conway Morris dieser philosophischen Deutung der Kosmologie und Evolution nun nahe, wie wir sehen werden. Bei Mathilde Ludendorff findet sich auch folgende Aussage (7, S. 141):
Die göttliche Erscheinung, welche noch nicht erreichtes Willensziel Gottes ist, aber erfüllt ist vom Schöpfungziele, vermeidet vorzeitige Höchstentfaltung einzelner Anlagen und verbirgt unter der Hülle der Einfachheit die Werkstatt göttlichen Schaffens.
Ein im Grunde sehr erstaunlicher Satz. Wie kommt man eigentlich zu einem solchen? Was hat Anlass zu diesem Satz gegeben. Dieser Frage soll an dieser Stelle erst einmal nicht nachgegangen werden. Was aber nun hochgradig spannend ist, dass ist der Umstand, dass diese philosophische Aussage sehr gut passt zu der These von Simon Conway Morris zum Thema "Inhärenz". Auch dieses Prinzip nämlich besagt, dass "unter der Hülle der Einfachheit" - so kann man durchaus sagen: "die Werkstatt göttlichen Schaffens" verborgen ist. Nämlich dahingehend, dass schon den einfachsten Lebewesen Strukturen "inhärent" sind, so Conway Morris, die später die der Evolution mögliche "Höchstentfaltung einzelner Anlagen" erlauben. Höchstentfaltung bis zum Menschen - mehr nicht. Mathilde Ludendorff hatte zu der eben zitierten Erkenntnis mit folgendem Gedankengang hingeleitet (7):
Schauen wir zurück auf die unübersehbare Fülle von Tieren und Pflanzen, die geworden! Viele Arten scheinen sehr bedeutsam und hochentwickelt und erreichten dennoch nicht Bewusstheit, weil nur ein mattes Nachzittern der schöpferischen Erleuchtung in ihnen lebte und ihnen die Wege wies. Und nun suchen wir unter ihnen die wenigen, welche die Träger der großen Schöpfungstufen zur Bewusstheit waren: Die Zellkugel Pandorina, das Zellbläschen Volvox und die schlichte wurmähnliche Spindel: der Amphioxus. Wie einfach und unauffällig, wie unbeachtet und eher verachtet scheinen sie uns unter der Menge der vielgestaltigen Tiere und Pflanzen. Unterscheiden sie sich nicht ganz in dem gleichen Sinne wie jene kindlichsten unter den Kindern, die erwachenden Genialen, sich von all den frühreifen, frühtoten Wunderkindern unterscheiden. (...) Dieser Unterschied ist kein Zufall, sondern er wiederholt sich mit Gesetzmäßigkeit. Es will auch dieser Schöpfungsabschnitt uns noch eine Weisheit künden. (...) Die Schöpfung des vergänglichen Wesens gibt uns ein geheimes Erkennungsmerkmal der Erscheinungen, welche auserwählt sind, Träger der hellsten göttlichen Offenbarung zu werden, denn sie sagt uns: ...
Und nun folgen jene Worte, die zuvor schon zitiert worden waren, nämlich:
Die göttliche Erscheinung, welche noch nicht erreichtes Willensziel Gottes ist, aber erfüllt ist vom Schöpfungziele, vermeidet vorzeitige Höchstentfaltung einzelner Anlagen und verbirgt unter der Hülle der Einfachheit die Werkstatt göttlichen Schaffens.
Und das ist genau der Grundgedanke des von Conway Morris in den Vordergrund gerückten Prinzips der Inhärenz. Kommen wir nun also zu dem Aufsatz aus dem Jahr 2013 von Conway Morris. In diesem will er vier sehr allgemeine Punkte über die Evolution der Arten herausarbeiten. Der Aufsatz ist im englischen Originaltext im Internet frei verfügbar (1). Da er aber auch für einen Leser, der englischsprachige wissenschaftliche Texte ansonsten recht flüssig lesen kann, sehr anspruchsvoll zu lesen ist, bzw. mehrmals sehr gründlich durchgegangen werden muss, bis man seinen Grundgedanken und alle seine Verzweigungen voll verstanden und nachvollzogen hat, sollen im folgenden in einem ersten Schritt wichtige Passagen desselben zur leichteren Nachvollziehbarkeit einfach ins Deutsche übersetzt werden. Dabei werden einige biologische Details von unserer Seite noch einmal (zumeist mit Verweis auf Wikipedia-Artikel) erläutert, allerdings nicht alle. Wenn noch Begriffe und Verständnisfragen beim deutschsprachigen Leser offen bleiben, kann auch von unserer Seite nur auf Wikipedia oder ähnliche Wissensquellen verwiesen werden als Auskunftsort, wo man sich weitere Auskünfte verschaffen kann.

Als ersten Punkt will Conway Morris in seinem Aufsatz darlegen (1, S. 135), dass 
sich die nachgewiesenermaßen jeweils ursprünglichsten (primitivsten) Repräsentanten einer Organismen-Gruppe in Untersuchungen wiederholt als "unerwartet" komplex heraus stellen. Viele solcher Beispiele sind inzwischen verfügbar, aber am eindrucksvollsten sind unter diesen immer noch die Eukaryoten. 
Eukaryoten sind alle Organismen, deren Zellen einen Zellkern aufweisen, im Gegensatz zu den ursprünglicheren Prokaryoten, die keinen Zellkern aufweisen (siehe: Wikipedia). (Dazu zählen auch die drei Arten, die von Mathilde Ludendorff genannt wurden: Pandorina, Volvox und Amphioxus, also das Lanzettfischchen.) Damit zusammenhängend will Conway Morris als zweiten Punkt das Thema Inhärenz ("inherency") herausarbeiten. Er schreibt hierüber (1, S. 135):
Zum zweiten gibt es das Phänomen der evolutionären Inhärenz, die Beobachtung, dass vieles von dem, was erforderlich ist für das Entstehen einer komplexen Form schon in einem wesentlich früheren Stadium evoluiert ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Protein Kollagen, lebenswichtig als ein Strukturmolekül in allen Vielzellern. Aber seine Ursprünge liegen nicht nur tiefer in der eukaryotischen Geschichte, sondern in dieser waren seine Funktionen nachgewiesenermaßen auch noch ganz andere. Inhärenz weist darauf hin, dass viel von der späteren Komplexität im Entstehen begriffen ist - geradezu Homunculus-ähnlich - viel tiefer im Artenstammbaum als es allgemein erwartet worden ist.
Das Thema Inhärenz hat er schon zehn Jahre zuvor, 2003, in der Einleitung seines damals erschienenen, bahnbrechenden Buches über die evolutionären Konvergenzen angesprochen (4, S. 5-8). Der hier behandelte Aufsatz von 2013 ist sowieso eigentlich vor allem eine gedankliche Fortsetzung seines Buches von 2003. Das Thema Inhärenz hat Conway Morris dann auch in einem neuen Buch im Jahr 2015 "The Runes of Evolution" (5) behandelt. Als dritten Punkt will Conway Morris im Jahr 2013 herausarbeiten, dass wachsende biologische Komplexität oft auch dann vorliegt, wenn Organismen im Spiel sind, die hierbei in der Regel als "Vereinfachungen" oder "Regressionen" unbeachtet bleiben. Er nennt als Beispiel unter anderem die parasitischen, wurmartigen Rhombozoen (Rautentiere) und Wimperntierchen (Ciliaten), die im Nierentrakt von Kopffüsslern (Cephalopoden) leben.

Da man von diesen als Nichtbiologe in der Regel noch nie etwas gehört haben wird, auch nicht unbedingt als Biologe, sei über diese hier zunächst Wikipedia zitiert (Wiki):
Die Tiere leben in den Exkretionsorganen von Kopffüßern. Sie werden meist als deren Parasiten betrachtet. Da sie durch Ansäuerung ihres Milieus die Ammoniak-Exkretion ihres Wirtes fördern, kann man sie auch als Endosymbionten auffassen. Die Infektionsrate von Cephalopoden mit Rhombozoen ist generell sehr hoch, in vielen Populationen sind beinahe alle Kopffüßer betroffen. In Jungtieren überwiegen dabei in der Regel Nematogene, in älteren Tieren Rhombogene, ohne dass genau bekannt wäre, warum. Die Rhombozoa treten meist nur in einer oder in wenigen nahe verwandten Cephalopoden-Arten auf, sie sind also wirtsspezifisch. Eine einzelne Kopffüßer-Art kann dabei allerdings von mehreren Rhombozoen-Arten infiziert werden. So sind z.B. an der kalifornischen Küste 18 Arten von Rhombozoa bekannt, die acht Kopffüßer-Arten befallen.
Dies hier nur als kurze eingefügte Erläuterung.

Conway Morris nennt diese nun eigentlich nur im Vorübergehen in den folgenden Ausführungen (1, S. 136):
Viele solcher Beispiele wie die Rhombozoen (Rautentiere)/Wimperntierchen-Verbindung mit den Nierenorganen der Kopffüssler (Cephalopoden) oder - als ein alternatives Beispiel - die Bewohner eines Insekten-Mikrobioms - sind in intimer Weise symbiotisch und es kann argumentiert werden, dass sie ebenso komplex sind wie manche bekannteren Systeme.
Es muss später noch einmal genauer hingeschaut werden, warum Conway Morris dieser Gedanke so wichtig ist. Jedenfalls als vierten und letzten Punkt geht es ihm um folgendes (1, S. 136):
Schließlich präsentiere ich Belege dafür, dass biologische Systeme den Grenzen von Komplexität nahe gekommen sind oder sie in einigen Fällen schon erreicht haben. Dies ist belegbar durch Beispiele so unterschiedlich wie die Extremophilen, das Nerven- und Sinnessystem, Enzyme wie Rubisco, komplexe Symbiosen und funktionale Komplexe wie Zähne oder die Tagmatisierung der Gliederfüßler (Arthropoden). 
All diese Beispiele werden im folgenden noch genauer erläutert. Hier sei zum Verständnis des Begriffes Tagmatisierung zunächst nur auf Wikipedia verwiesen (s. Tagmata). Conway Morris schreibt dann weiter:
Das Paradoxon ist, dass obwohl der Evolution die Dinge ausgegangen sind, die sie tun kann, im Falle des Wissens und der Weisheit das genaue Gegenteil der Fall zu sein scheint. Hier haben wir das Ende der Komplexität noch nicht erreicht.
Conway Morris möchte seinen Aufsatz zunächst lediglich als eine "Tour d'horizon" verstanden wissen hinsichtlich der gegebenen Thematik, also als einen ersten, sichtenden Überblick, aber als einen solchen (1, S. 136),
dessen zentraler Tenor es paradoxerweise ist, nach den Grenzen dessen zu suchen, was möglich ist.
Einige Seiten später benennt Conway Morris seine vier Themen noch einmal kürzer formuliert folgendermaßen (1, S. 141):
a) Wie einfach sind die Ausgangspunkte?, b) Was liegt dem Prozess inhärent zugrunde?, c) Ist Komplexität irreversibel? und d) Sind äußerste Grenzen für biologische Komplexität vorhanden? In all diesen Fällen schlage ich vor, dass die Antworten nicht jene sind, an die die heutigen Neodarwinisten denken. (...) Ich will eine Reihe empirischer Beobachtungen vortragen, die nahelegen, dass die Möglichkeiten von Komplexität begrenzt sind mit einer paradoxen Ausnahme: uns selbst.

Ist der Hyperraum des biologisch Möglichen ausgeschöpft?


Conway Morris führt dann in Auseinandersetzung mit dem Komplexitätsforscher Chris Lucas aus, dass die Komplexität evoluierender Systeme keineswegs - wie Chris Lucas meint - Vorhersagbarkeit vermissen lasse. Conway Morris bezieht sich dafür natürlich auf die Grundaussage seines Buches aus dem Jahr 2003 und schreibt in Übereinstimmung mit dieser (1, S. 137):
An dieser Stelle ist es wertvoll festzustellen, dass ein gewisser Führer in Richtung Vorhersagbarkeit vorliegt in der Allgegenwärtigkeit evolutionärer Konvergenz. Dies ist ein wichtiger Umstand angesichts der Luca'schen Beobachtung, dass "in jedem komplexen System viele Kombinationen der Teile möglich sind, so viele, dass wir zeigen können, dass die meisten Kombinationen während der gesamten Geschichte des Universums noch kein einziges mal aufgetreten sind". Dieser Gedanke legt nahe, dass zwar im Prinzip der kombinatorische Raum aller biologischen Möglichkeiten immens ist, die Wirklichkeit, die durch evolutionäre Konvergenz aufgedeckt wird, aber jene ist, dass einige, wenn nicht die meisten Kombinationen schon ausprobiert worden sind und sich als solche herausgestellt haben, die nicht geglückt sind (Original: "not found wanting").
Für die Formulierung "not found wanting" kann man auch zahlreiche andere Übersetzungen ins Deutsche wählen, auch solche, die dem Grundgedanken der philosophischen Deutung von Mathilde Ludendorff näher kommen, sagen wir mit der Formulierung: die sich als solche herausgestellt haben, die nicht vermisst werden. Dieser Umstand mag aufzeigen, dass wir es - typisch für die Texte von Conway Morris - einerseits mit einer durchgehend naturwissenschaftlichen Argumentation zu tun haben, seine Texte aber gleichzeitig als philosophische gelesen werden können. (Auf diesen Umstand wiesen wir schon in unserer Amazon-Rezension zu seinem Buch von 2003 hin, die damals manche Zustimmung gefunden hat.) Conway Morris nimmt also den argumentativen Faden seines Buches aus dem Jahr 2003 wieder auf, der gegen das neodarwinische Paradigma gerichtet war, repräsentiert einstmals durch ebenfalls ans Philosophische streifende Bücher wie Jaques Monod's "Zufall und Notwendigkeit" (1970), später durch Steven Jay Gould's "Zufall Mensch" (1989) (10), und zuletzt auch, wie Conway Morris ausführt, durch "Elsasser's unendliche Zahlen" (1, S. 138),
die voraussetzen, dass jede mögliche Kombination mit gleicher Wahrscheinlichkeit ins Dasein tritt, überleben und sich vermehren kann.
Conway Morris schreibt zu diesen letzteren:
Aber dies ist natürlich extrem unwahrscheinlich. Sei es mit Bezug auf lebensfreundliche Aminosäuren (sowie ihrer Chiralität), sei es mit Bezug auf den genetischen Code oder  in Hinsicht auf Konvergenzen auf dem Gebiet der Enzyme - und das ist erst der Anfang der Geschichte - kann argumentiert werden, dass das Substrat der Möglichkeiten, die vorherbestimmt sind durch die physikochemischen Bedingungen des Universums, sicherstellen, dass praktisch die Gesamtheit des biologischen Möglichkeitenraumes ("biological hyperspace") unbesucht bleiben wird, nicht weil es dafür bisher zu wenig Zeitraum gegeben hat, sondern weil die hypothetischen Alternativen niemals wirklich funktionieren werden.
Mit diesen Fragen hatte sich Conway Morris schon in den ersten grundlegenden Kapiteln seines Buches von 2003 beschäftigt (4). Diese wurden leider in der vorgelegten deutschen Übersetzung seines Buches nicht mit aufgenommen, worauf wir ebenfalls schon in unserer Rezension hinwiesen, und was zeigte, dass der Verlag und (oder) der Übersetzer nicht ausrechend Sensibilität hatten für die sehr grundlegende Bedeutung dieser Kapitel für das Gesamtargument des damaligen Buches von Conway Morris.

Exkurs: ... Und warum ist es gerade dieser Feierabend-Blog, der das Thema im deutschsprachigen Raum als erster behandelt?


Bei dieser Gelegenheit fragt man sich übrigens auch, warum wir mit diesem Blogbeitrag die ersten sind, die den hier behandelten Aufsatz und Grundgedanken von Conway Morris aus den Jahren 2013 und 2015 erörtern und ihn dazu zunächst einmal nur in weiten Teilen ins Deutsche übersetzen müssen. Nämlich um den anspruchsvoll zu lesenden englischen Originaltext zu verstehen, und um damit seine Gedanken überhaupt bekannt zu machen und um schließlich in einem letzten Schritt auch eine erste Bewertung und Einordnung derselben vorzunehmen. Was letzteres sowohl naturwissenschaftlich wie natürlich auch philosophisch geschehen kann, bzw. in Bezugnahme zu schon vorliegenden Aussagen der Philosophie.

Sucht man im deutschsprachigen Internet der letzten drei Jahre nach dem Namen Simon Conway Morris, findet man wirklich den einen oder anderen sehr anregenden allgemeineren Aufsatz. Aber in keinem werden die in dem vorliegenden Blogbeitrag enthaltenen Gedanken erörtert. Ist dieser Umstand nicht schade? Spannendste und anspruchsvollste, herausfordernde Erörterungen über Grundfragen der Gesamtdeutung unseres Wissens von der Welt werden - in diesem Fall seit drei Jahren - gar nicht aufgenommen, gar nicht geführt. (Dabei kann sich doch schon einmal die Frage stellen: Sind Erörterungen über Inhalte solcher Aufsätze nicht würdiger der Kultur unseres Abendlandes als Erörterungen sagen wir ... über die Kriminalitätsrate unter Flüchtlingen ....?) - Aber es ist ja nicht das erste mal, dass dieser Feierabend-Blog im deutschsprachigen Raum früher als andere Wissenschaftsautoren Themen aufgreift, die später auch viele andere Autoren im deutschsprachigen Raum noch häufiger behandeln werden. So ging es uns ja auch schon - zum Beispiel - mit dem Conway Morris-Buch von 2003.

Aus der Sicht der Evolutionären Psychologie und Philosophie von Mathilde Ludendorff (1877-1966) bekommt man eben oft einen schärferen, präzisionsgenaueren Blick  auf neuere Entwicklungen in der Naturwissenschaft als jene, die diese Philosophie nicht mit in Rechnung stellen. So möchten wir meinen.

Simon Conway Morris jedenfalls schreibt weiter (1, S. 138):
Wenn diese Annahme - dass hypothetische biologische Alternativen nicht funktionieren - sich bestätigen sollte, dann ist das Leben nicht nur extrem fein austariert ("finely poised") zwischen nicht zu verwirklichenden Möglichkeiten, die entweder quasi-kristallin oder chaotisch sind (siehe Macklem, 2008), sondern die Evolution ist gezwungen, entlang der Silberminen der Lebensfähigkeit zu navigieren, welche eine Handvoll Routen definieren über eine ansonsten wüste und tote Landschaft.
Gemeint ist die Landschaft des Hyperraumes der zumindest prinzipiell denkbaren Möglichkeiten, biologische Strukturen zu schaffen:
Wenn, wie ich vermute, das Leben ebenso fein abgestimmt ist ("fine-tuned"), wie der Rest des Universums, dann können die Grenzen für Komplexität besser eingeschätzt werden.
Hier deutet sich an, worauf schon anfangs hingewiesen worden ist. Conway Morris arbeitet hin auf eine Erweiterung des astrophysikalischen Anthropischen Prinzips auf die biologische Evolution. Conway Morris hat sich in vielen früheren Jahren in internationalen Projektgruppen sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, ob es im Universum Alternativen zu der Form komplexen Lebens auf unserer Erde gegen kann und wenn ja, in welcher Form. Siehe zu dieser Fragestellung allgemein Wikipedia (Ausserirdisches LebenAstrobiologie). Auch dies ein Grund mehr, ihm sehr genau zuzuhören.

Inhärenz - Den "einfachen" evolutionären Anfangsbedingungen und Ausgangspunkten wohnt überraschenderweise die Möglichkeit zu großer Komplexität "inne"


Folgen wir weiter den Ausführungen von Conway Morris. Schwämme bestehen, so führt er aus, aus 15 unterschiedlichen Zelltypen, Menschen aus ungefähr 215 unterschiedlichen Zelltypen (1, S. 139). Conway Morris fragt sich jedoch, ob dieser offensichtliche Unterschied tatsächlich - wie von anderen vorgeschlagen - als ein guter Maßstab für wachsende biologische Komplexität erachtet werden sollte. Er tut dies mithilfe des folgenden Gedankenganges (1, S. 139/140):
Zunächst müssen wir vorsichtigt darin sein, die Komplexität von einigen "primitiven" Organismen zu unterschätzen. In dieser Hinsicht gibt uns der Keulenpolyp (Clava multicornis) eine nützliche Lehre. Denn er zeigt ein "überraschend" komplexes Verhalten. Dieser Umstand wird untermauert durch eine auffallende Polarisation seines Nervensystems und eine Anordnung seiner Sinneszellen und ebenso durch ein "unerwartetes" Ausmass seiner neuralen Organisation und zellulären Vielfalt. (...) Wenn es um morphologisch so "einfache" Gruppen wie die Schwämme und die Nesseltiere (Cnidaria) geht, dann steht die relativ geringe Anzahl von Zelltypen in einem krassen Gegensatz zu dem Ausmass ihrer genomischen Komplexität. (...) In Hinsicht auf die Nesseltiere oder zumindest ihrem Modellorganismus, nämlich der Seeanemone Nematostealla, gilt: "viel der genomischen Komplexität hinsichtlich des Geninhalts - und der Genstruktur ist schon in den gemeinsamen Vorfahren aller Eumetazoa vorhanden". Dies schließt das Nervensystem ein, wichtige Komponenten, die nicht nur bei den Schwämmen evoluiert sind, sondern sogar weit früher unter den Prä-Metazoen. (...) Das heißt, der molekularen Beschaffenheit der Schwämme und ähnlicher Gruppen von Organismen sind die Potentiale, bzw. Möglichkeiten für komplexere Lebenssysteme innewohnend (inhärent). Aus dieser Sicht ist das Auftreten jener komplexen Nervensysteme, das sich schon in den Planula (einer Larvenform der Nesseltiere) angekündigt hat, sehr wahrscheinlich, wenn nicht sogar unvermeidlich.
Sprich, frühe Ausgangsbedingungen in der Evolution des Organischen bedeuten schon für sich eine große Wahrscheinlichkeit, bzw. Unvermeidlichkeit dahingehend, dass aus ihnen, wenn genügend Zeit zur Verfügung steht, bestimmte andere, komplexere Strukturen evoluieren können. Conway Morris schreibt dann weiter im Hinblick darauf, dass das menschliche Gehirn die bislang komplexeste, bekannte Struktur im Weltall ist (1, S. 140, Hervorhebung nicht im Original):
Es ist immer noch wertvoll daran zu erinnern, dass der spezifische Weg zu Komplexität vor nicht weniger als 1,5 Milliarden Jahren begann. Warum schon damals? Weil damals der Zeitpunkt war, an dem das Sichtbarwerden jener genetischen Komponenten der Pilze und Pflanzen, die wir später im Nervensystem von Tieren finden (Mineta et. al., 2003), als erster Zeitpunkt gewählt werden kann, an dem ein zukünftiges Nervensystem wahrscheinlich wird, wenn nicht sogar sehr wahrscheinlich. Man bemerke ebenfalls, dass Mineta et. al. nicht einfach identifizieren einen sehr allgemeinen Satz von Proteinen in Pilzen und Pflanzen, sondern einen, der in der Folge eine spezifische Verwendung findet in verschiedenen nervlichen Kategorien (wie als Neurotransmitter, Nervendifferenzierung etc.). Es ist unwahrscheinlich, dass Nervensysteme selbst sehr viel älter als 580 Millionen Jahre sind (Pecoits et. al., 2012), Gehirne (oder etwas ihnen nahe Kommendes) folgten nur wenig später (und sicher um 530 Millionen Jahre vor heute). Nachfolgend erfolgte bei den Wirbeltieren ein zumindest vielfaches Anwachsen der Gehirngröße. Aber diese stürmische Encephalisation (anteilige evolutionäre Gewichtzunahme des Gehirns abgeglichen mit dem Körpergewicht) wurde, wie es scheint, erst in effektiver Weise initiiert ungefähr in den letzten 20 Millionen Jahren (derzeitige Daten weisen auf etwa 18 Millionen Jahre für Delphine, etwa 7 Millionen Jahre für Hominiden und vielleicht eine ähnliche Zeit für die Neukaledonienkrähen. (...) Diese Zeiträume erinnern uns daran, dass von einer Perspektive - jener von Nervensystemen - Komplexität lange auf sich hat warten lassen. Aber als das Wachstum an Komplexität Geschwindigkeit aufnahm, geschah dies vielleicht exponentiell und noch eindrucksvoller: mit einer gewissen Synchronizität.
Man kann natürlich unzählige andere Beispiele aus der Biologie wählen und es wäre ein Fehler anzunehmen, dass die Dinge voranschreiten entsprechend eines irgendwie ausgemachten Zeitplanes. Die Photosynthese zum Beispiel datiert zurück ziemlich sicher auf mindestens 3,5 Milliarden Jahre und es ist (...) offensichtlich nicht so, dass der Mechanismus der Photosynthese seit dem Archaikum besonders verbessert worden wäre.
Der Gedanke, dass es - ganz offensichtlich - eine Synchronizität in der Evolution verschiedener Organismengruppen gibt, fehlte uns noch in dem Buch aus dem Jahr 2003. Dabei ist es doch zum Beispiel offensichtlich, dass die Bedecktsamer (Angiospermen) etwa synchron evoluierten mit den Säugetieren und dass beide male - wie schon der Name sagt - eine Intensivierung der Nachkommenfürsorge einen Kernbereich des Evolutionsgeschehens überhaupt darstellte (Schutz des Samens durch "Bedeckung", Fürsorge um die Nachkommen durch Schwangerschaften und "Säugen"). (Wie ja Conway Morris scheinbar bis heute noch nicht den Gedanken geäußert hat, dass Zuwachs an Komplexität in der Evolution nur allzu oft zentral etwas mit dem Bereich Nachkommenfürsorge zu tun hat. Aber das nur am Rande.)

Soweit - von Seite 135 bis 142 - die nur einleitenden Gedanken von Conway Morris (1). Ab Seite 142 geht er seine vier genannten Punkte nacheinander durch unter folgenden Zwischenüberschriften: 1. Wie einfach sind die Ausgangspunkte?, 2. Evolutionäre Inhärenz, 3. Komplexitätszunahme in Umkehr ("reversing complexity"), 4. Gibt es für biologische Komplexität Grenzen? Schauen wir uns diese Abschnitte genauer an.

Zu 1.: Wie einfach sind die Ausgangspunkte?


.... / das ist künftig hier noch zu ergänzen! /

Zu 2.: Evolutionäre Inhärenz


Conway Morris schreibt (1, S. 145):
Es ist ein Gemeinplatz, dass die Evolution keine Voraussicht besitzt. Das stimmt, übersieht aber die Tatsache, dass wenn eine Struktur einmal entstanden ist, in vielen Fällen dann auch dahingehend argumentiert werden kann, dass dann eine bestimmte Stufe von Komplexität sehr wahrscheinlich, wenn nicht unvermeidlich geworden ist. Derelle et. al. (2007) schreiben über die Homeodomain-Proteine und sie argumentieren, dass ihr frühes Auftreten indiziert, "dass die Eukaryoten schon als Ganzes" 
also als gesamte Gruppe
"an Vielzelligkeit angepasst sind" (S. 217). Und ähnliches kann geschlussfolgert werden für die SNARE's. In gewisser Hinsicht ist diese molekulare Inhärenz keineswegs die Ausnahme, nämlich soweit diese als mehr oder weniger synonym erachtet werden kann zu dem evolutionären Prinzip der Kooption. Hierbei wird eine Komponente, die in einem Kontext evoluiert ist, in einem gänzlich nichtverwandten Kontext verwendet (oder - wenn einem ein anderes Wort lieber ist: gehijackt). Die Kristalle der Augen sind das vielleicht bekannteste Beispiel nicht nur um ihrer konvergenten Verwendung, sondern weil die Reihe der Proteine, die in unzähligen unterschiedlichen Tieraugen kooptiert wurden, in Mikroben ursprünglich völlig andere Funktionen hatten, wobei sie oft mit Stresskontrolle zu tun hatten. Aber Kooption und Inhärenz sind nicht bloß unterschiedliche Seiten derselben Medaille. Man erwähne das Wort "Kooption" und die meisten evolutionären Biologen werden klug mit ihren Köpfen nicken. Doch seine Allgegenwärtigkeit wird unterschätzt. 
Man nehme doch zum Beispiel den kuriosen Fall des Kollagens, ohne den Tiere angesichts seiner zentralen Rolle als Strukturprotein nicht existieren können. Wenn auch im Vorübergehen die eindrucksvollen Beispiele seiner konvergenten Evolution in Viren (Li et al., 2004), Bakterien (Waller et al., 2005) und Pilzen (Wang & St. Leger, 2006), erwähnt seien, möchte man doch erwarten, dass Kollagen bei der Entstehung der Tiere evoluiert ist. Für einige Proteine wie jene der Hox-Familie gilt dies auch offensichtlich. Nicht aber für das Kollagen. Denn es kommt in Choanoflagellaten vor und diese sind eine Schwesterruppe der Tiere. Der spezifische Choanoflagellat allerdings, das Taxon Monosiga, ist einzellig und sein Kollagen spielt ganz klar keine strukturelle Rolle (King et al., 2008). Was also macht es? Es gibt einen Hinweis, dass es ursprünglich benutzt wurde im Signalaustausch von Zellen (Heino, 2007). Aber Kooption für ein eine solche strukturelle Rolle heißt, dass es keineswegs lächerlich ist zu sagen, dass den Choanoflagellaten unsere Achillessehne inhärent war. Und hier liegt der Unterschied zwischen Kooption und Inhärenz. Und zwar weil das letztere das erstere subsumiert aber ebenso die Implikation von hoher Wahrscheinlichkeit oder Unvermeidlichkeit hat. In anderen Worten, komplexe Formen können nicht anders als entstehen nicht nur weil es eine "Landschaft" gibt, über die die Evolution gezwungen ist zu navigieren, sondern weil viele der Teilkomponenten schon evoluiert sind.
Mit dem Begriff "Inhärenz" will Conway Morris jedoch ausdrücklich nicht auf die sogenannten Hox-Gene hinaus, also auf sehr grundlegende Entwicklungs-Gene, die heute in der Forschung sehr in Mode sind, und die mit sogenannten "tiefen Homologien" in Verbindung gebracht werden, wobei ihnen eine sehr grundlegende Bedeutung zugesprochen wird (etwa durch den Forscher Gehring). Was Conway Morris hierzu als Einwand formuliert, schwante auch dem Schreiber dieser Zeilen schon sehr dunkel, als er einstens mit diesem Thema im Biologiestudium konfrontiert war (1, S. 147):
Es gibt selten (oder gar nicht) eine Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen einem Entwicklungsgen und einer Struktur.
Das belegt er auch mit entsprechenden Beispielen. Für ihn ist dagegen (1, S. 148):
Inhärenz viel ehrgeiziger darin zu untersuchen, ob Evolution nicht von bestimmten Organisationsprinzipien abhängt,
also solchen, die grundlegender sind, als die Verschaltung eines bestimmten Entwicklungsgens für angeblich nur eine einzige Funktion (etwa Augen) über weite Bereiche des Artenstammbaums hinweg. Conway Morris führt hingegen Beispiele an, nach denen diese Annahme noch nicht einmal für das oft genannte Hox-Gen für Augen gilt, das gerne auch einmal ganz andere Funktionen in der Entwicklung steuern kann.

Zu 3.: Komplexitätszunahme in Umkehr ("reversing complexity")


/ .... ist künftig hier noch zu ergänzen /

Zu 4.: Gibt es Grenzen für biologische Komplexität?


Conway Morris fragt (1, S. 150):
Können wir die Meinung vertreten, dass das Leben die Grenzen des biologischen Universums - wie auch immer definiert - schon erreicht hat? Die Schlussfolgerung wäre, dass dann der Raum zur weiteren Erforschung von Komplexität recht deutlich eingeschränkt wäre. Weil uns eine Beschreibung des biologischen Hyperraumes fehlt, ist es sehr schwierig, mehr als einige Hinweise zu geben, die auf sehr unterschiedliche Beispiele Bezug nehmen. Da aber zumindest einige dieser Beispiele - wie die Einschränkungen des Nervensystems - von sehr allgemeinen Faktoren abhängen - wie der Allometrie und des Energieverbrauchs, haben wir Vertrauen, dass unsere Schlussfolgerungen nicht völlig flügellahm daher kommen aufgrund von Umständen, die nur wenig Allgemeinheit für sich beanspruchen können.
Schon die Tatsache, dass viele Lösungen für ein bestimmtes Problem des Lebens (etwa in extremen Temperaturen in heißen Quellen zu leben) mehrmals konvergent erreicht worden sind, ist für Conway Morris dann ein erster Hinweis darauf, dass es für solche Probleme gar nicht so viele andere Lösungen gibt, dass also hierfür die Grenzen des biologisch Möglichen - wahrscheinlich - schon ausgereizt sind (1, S. 151f):
Diese Kombination aus Konvergenz und molekularer Feinabstimmung (fine-tuning) legt nahe, dass Extremophile ein brauchbares Gebiet sind, um Komplexität zu untersuchen. (...) Bakterien werden niemals in 150 Grad leben oder in einer Umgebung mit einer Wasseraktivität weniger als 0,6.
Zur Thematik Wasseraktivität siehe einmal erneut Wikipedia (s. "Aw-Wert"). Auf dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel "Water activity" gibt es auch eine entsprechende Liste, unter welchen Bedingungen Mikroorganismen diesbezüglich leben können. Conway Morris weiter:
Vielleicht können sie es "draußen" (im Universum) oder in einigen noch nicht erforschten Regionen unseres Planeten aber wenn es sich nach und nach bestätigen sollte, dass die umschriebenen Rahmenbedingungen ("envelope") nicht zu durchbrechen sind, dann sagt uns diese Grenze etwas über die allgemeinen Begrenzungen dessen, was Leben kann und was es - noch wichtiger - nicht kann.
Weiter sagt er (1, S. 152):
Die Tatsachen legen nahe, dass - mit einer wesentlichen Ausnahme - es nicht nur eine Grenze für biologische Komplexität gibt, sondern dass die Evolution diese - analog zu den Extremophilen - auch schon so gut wie erreicht hat. (...) Meine Absicht ist es hier, ein Forschungsprogramm vorzuschlagen, dass diesbezüglich über den gegenwärtigen neodarwinischen Rahmen hinausschaut.
Als ein wesentliches Beispiel bringt er dann das Protein RuBisCO. Über dieses kann man sich wieder leicht auf Wikipedia kundig machen (Wiki). Auf dem englischsprachigen heißt es (engl.):
The inability of the enzyme to prevent the reaction with oxygen greatly reduces the photosynthetic capacity of many plants.
In der Wissenschaft ist man sich einig, dass das am häufigsten vorkommende Protein auf unserer Erde (weil es sich in allen Blättern findet für die Photosynthese) zugleich eines der am ineffektivsten arbeitenden Proteine ist. Und dennoch konnte bislang die Natur - trotz aller Bemühungen seit 3,5 Milliarden Jahren - auf diesem Gebiet nicht "verbessert" werden. Ein wesentliches Argument für Conway Morris. Schließlich kommt er zu seinem abschließenden Argument (1, S. 155):
Von allen Grenzen der Komplexität ist aber die vielleicht interessanteste jene, die die Evolution des Nervensystems betrifft. Es ist gut bekannt, dass Nervensysteme in Hinsicht auf den Energieumsatz lähmend teuer sind: die Retina der  Schmeißfliege nimmt für sich allein außergewöhnliche 8 Prozent des totalen Energieumsatzes des Insekts in Anspruch (Laughlin et. al., 1998). Ebenso gibt es eine eindrucksvolle Literatur über die vielfältigen Wege, auf denen Nervensysteme mit größter Effektivität genutzt werden können bei geringstem Verbrauch von Energie. Auf ihren unterschiedlichen Wegen macht diese deutlich, dass wie komplex Nervensysteme auch immer werden sollten, es abschließende Grenzen dessen gibt, was schlussendlich möglich ist. Das heißt nicht, dass es eine einzige Lösung gibt. Und in diesem Kontext mag man feststellen, dass obwohl Enzephalisation normalerweise verbunden ist mit Gewebe-Wärmebildung, dies offensichtlich für den Oktopus (die Krake) nicht gilt. Wenn wir jedoch die Evolution des Säugetier-Gehirns betrachten, dann scheint es - wie Hofmann (2001) gezeigt hat - endgültige Grenzen zu geben für alle weitere Größenzunahme und damit implizit auch für seine Komplexität. Zum Teil drehen sich diese Grenzen rund um die Fähigkeit eines Gehirns in Bezug darauf, dass es sich, wenn es seine Größe ständig erweitert, sich weiterhin um effektive Integration bemühen muss (...). Von gleicher Bedeutung ist, dass die unterschiedlichen Allometrien der grauen und weißen Substanz eine absolute Grenze für die Gehirngröße mit sich zu bringen scheinen, so dass es nicht mehr als um das Dreifache in seiner Größe zunehmen kann (Hofmann, 2001).
Das heißt, hier erreichen wir eine höchste Stufe der Komplexität, zumindest auf biologischer Ebene. Wir können nicht mit 65 Kilometer pro Stunde laufen (obwohl ein Spurt mit zirka 44 Kilometer pro Stunde keinesfalls vernachlässigbar ist)
(siehe dazu Wikipedia),
noch fliegen (aber ein Gin Tonic in 11,5 Kilometer Höhe hat seine Vorzüge), noch den Pazifik schwimmend durchqueren (aber der Freitauch-Rekord über eine Strecke von 243 Meter verdient gewiss eine Ehrenbezeugung). Aber wir können jeden anderen Organismus, der jemals evoluiert ist, im Denken übertrumpfen. Doch haben wir ebenfalls die Grenzen neuraler Komplexität erreicht und die Fähigkeit zu fragen - ganz abgesehen davon zu verstehen - die nächste Reihe von Fragen? Ich glaube das nicht, aber das ist, wie man so sagt, eine völlig andere Geschichte.
So die raunenden letzten Worte von Conway Morris in diesem Aufsatz. Es wird deutlich, dass es einige Hinweise gibt, dass die Evolution zu Ende ist. Aber zugleich wird deutlich, dass vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus noch keineswegs mit letzter Sicherheit gesagt werden kann, dass es tatsächlich so ist.

Ein erstes Zwischenresümee


Der von diesem Blog hoch verehrte britische Paläontologe Simon Conway Morris, der in seinem Buch von 2003 die These vertrat "Unvermeidlich Menschen in einem einsamen Universum", hat 2013 nachgelegt und einen neuen Gedanken veröffentlicht, nach dem der Mensch und andere Produkte der Evolution nicht nur unvermeidlich aus der Evolution hervorgehen, wenn sie hier auf der Erde oder anderwärts einmal angefangen hat, sondern nach dem das Leben auch gar keine größere Komplexität erreichen kann, als es hier auf der Erde schon erreicht hat. Dieser Gedanke wird 2015 im "Journal of Theoretical Biology" folgendermaßen zusammen gefasst (3):
Er argumentiert, dass es Grenzen für die Komplexität des Lebens gibt und dass diese Grenzen schon erreicht worden sind. Er nimmt an, dass die Vorherrschaft von konvergenter Evolution indiziert, dass es ein endliches Set von Strategien gibt, die Organismen nutzen können. Wenn das Tonband des Lebens erneut abgespielt würde, würden dieselben Ergebnisse erreicht, weil die Selbstorganisation und die sich gegenseitig ausschließenden Begrenzungen in der Entwicklung es für Organismen erforderlich machen, jenen begrenzten Raum des Möglichkeiten-Raumes zu besuchen, der ihnen erreichbar ist. In seinem zweiten Argument fragt sich Conway Morris, warum einige Strukturen, die offensichtlich schlecht funktionieren, über Millionen von Jahren unverändert geblieben sind. Warum wurde Rubisco nicht über die Jahre effizienter, ein Prozess, der seine Komplexität erhöht haben würde? In Conway Morris Sichtweise ist Evolution nicht fähig, diesen Schritt zu tun, weil das System auf seinem Höhepunkt von Komplexität angekommen ist. Diese herausfordernde Annahme ist bis heute noch nicht ausreichend überprüft worden.  
Original: He argues that there are limits to the complexity of life and that these limits have already been touched. He asserts that the prevalence of convergent evolution indicates that there is a finite set of strategies that organisms can use. If the tape of life was played again, the same results would ensue, because self-organization and the conflicting constraints in development bind organisms to visit a limited area of the possibility space otherwise available. In his second argument, Morris wonders why some structures which clearly perform poorly have remained almost unchanged for millions of years. Why has not Rubisco become more efficient over the years, a process that would likely increase its complexity? In Morris׳s view, evolution is unable to take that step, because the system has arrived at its peak complexity. This daring suggestion has not yet been properly tackled.
Die Evolutionäre Psychologin und Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) kommt in ihrer philosophischen Deutung der Entwicklungsgeschichte des Lebens auf der Erde zu der intuitiv gewonnenen und durch eine einheitliche philosophische Argumentation abgestützten Erkenntnis, dass mit der Entstehung bewussten Lebens auf der Erde, also mit der Entstehung des Menschen die Kosmologie und die Evolution hier auf der Erde ihr Ziel erreicht haben und darum seither aufgehört haben, grundlegend Neues zu schaffen. Das Weltall entstand und im Weltall entstand nach und nach größere Komplexität, weil das Ziel der Kosmologie und Evolution die Hervorbringung bewussten Lebens war. Da nur dieses Ziel erreicht werden sollte, konnte nach Erreichen dieses Zieles die Evolution zum Stillstand kommen, so die Aussage der Philosophie von Mathilde Ludendorff.

Das war zu den Zeiten als diese intuitive, in ein philosophisches Gedankengebäude eingefügte Erkenntnis niederschrieben worden ist und noch bis vor wenigen Jahren eine - aus naturwissenschaftlicher Sicht - unglaublich kühne, waghalsige, wenn nicht ganz und gar "unseriöse" Aussage. Eine typisch "vitalistische" oder "kreationistische". Welche naturwissenschaftlichen Hinweise sollte es bis dato geben für die Wahrheit einer solchen philosophischen Aussage wie (6, S. 68; 7, S. 49  ):
"Da stunden stille die Wege des Werdens auf Erden
      (...)
Nicht wurde mehr Art und Gestaltung," 
bzw. der philosophischen Aussage:
"…denn sieh', es steht still das Werden der Arten!"
nämlich mit dem Erreichen bewussten Lebens auf dieser Erde? Welche naturwissenschaftlichen Hinweise sollte es bis dato geben für die Wahrheit einer solchen philosophischen Aussage wie (7):
Und wir begreifen es wohl, wie unmöglich sich eine Aufwärtsentwicklung der Tiere und Pflanzen auf Erden nach der Menschwerdung mit Gottes Erhabenheit über Raum, Zeit und Kausalität vereinen lässt! (...) Nein, es bedeutet nichts anderes als ein ohnmächtiges Haftenbleiben in dem Vernunfterkennen und ein Fernsein vom Wesen Gottes, wenn wir nicht selbstverständlich erwarten, dass nach der Menschwerdung (...) aus all der nichtbewussten Tierheit, auch nicht aus den höchstentwickelten unterbewussten Tieren, eine höhere Art wurde.
Naturwissenschaftliche Hinweise hierfür hat es bis zum Jahr 2013 - nach Kenntnis des Verfasers dieser Zeilen - nicht gegeben. Und genau 90 Jahre nach Ersterscheinen des Buches "Schöpfungsgeschichte" von Mathilde Ludendorff legt der namhafte Paläontologe Simon Conway Morris genau für eine solche These rein naturwissenschaftliche Argumente vor. Aber man schaue genau hin. Im Leben des Simon Conway Morris war ebenso erstaunlich "früh" alles da, wie in den Organismen, die er untersucht. Denn schon in seinem 2003 veröffentlichten, grundlegenden Buch "Life's Solution - Inevitable Humans in a Lonely Universe" finden sich die Worte (4, S. 301):
Die Wirklichkeit der Konvergenz bringt vier Implikationen für die Evolution mit sich, insbesondere die unausweichliche Notwendigkeit, die Themen zu überdenken der Anpassung, von Trends, des Fortschritts und (ein Gegenstand, der überraschenderweise vernachlässigt wurde): ob die Evolution zumindest lokal ihre Potentiale erschöpfen kann.
Soweit übersehbar spricht er in seinem Buch von 2003 diese letztere Implikation ansonsten gar nicht weiter an. Auf diese Implikation ist er also erst zehn Jahre später erstmals umfangreicher zu sprechen gekommen in einem Aufsatz aus dem Jahr 2013. Und dabei scheint er die Annahme längst aufgegeben zu haben, dass die Evolution nur "lokal" ihre Potentiale erschöpfen kann. (Oder meinte er mit "lokal" die Erde und die Region des Universums, in der sie angesiedelt ist?)

"Das Leben ist ebenso fein abgestimmt wie der Rest des Universums"


Simon Conway Morris hat - wie wir gerade entdecken - auch einen eigenen Internetblog "Map of Life", sowie eine Internetseite ("Map of Life"). In seinem Buch "The Runes of Evolution", das letztes Jahr erschien, schreibt er (5, S. 6):
What also emerges is the astonishing sensitivity of these (and many other) evolutionary systems. Repeatedly we find a breathtaking precision of operation, be it the operation of the Johnston’s organ (a sort of ear) of the mosquito or the infrared detector of the buprestid fire-beetle. One can make a general argument that in their different ways these sensory systems have effectively reached the limits of the physical universe, at least as far as biology is concerned.
Also auch die "atemberaubende Präzision" komplizierter Sinnesorgane von Tieren ist für ihn ein Hinweis darauf, dass diese die Grenzen des physikalischen Universums erreicht haben, zumindest soweit das etwas mit Biologie zu tun hat.

Wie deutlich geworden ist, ist der vorliegenden Blogartikel nur eine erste Sichtung dieser neuen Gedankenwelt. Sie ist in den künftigen Wochen nach und nach noch zu ergänzen und zu vervollständigen. Da aber schon mehrere Wochenenden dazu benutzt wurden, diesen Blogartikel soweit zu schreiben, soll er erst einmal in dieser Unvollständigkeit veröffentlicht werden. 
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  1. Conway Morris, Simon: Life - The final frontier for complexity? In: C. H. Lineweaver, P. C. W. Davies, M. Ruse (eds.): Complexity and the Arrow of Time. Cambridge University Press, 2013, S. 135-162; freies pdf.: http://uberty.org/wp-content/uploads/2016/01/Charles_H._Lineweaver_Complexity.pdf
  2. Zeitschrift "Interface Focus", Theme issue ‘Are there limits to evolution?’ organized by Simon Conway Morris, Jennifer F. Hoyal Cuthill and Sylvain Gerber, 06 December 2015; volume 5, issue 6, http://rsfs.royalsocietypublishing.org/content/5/6; Einleitung hier: https://www.researchgate.net/publication/283332901_Hunting_Darwin's_Snark_Which_maps_shall_we_use
  3. Gustavo V. Barrosoa, David R. Luzb: On the limits of complexity in living forms.  In: Journal of Theoretical Biology, Volume 379, 21 August 2015, Pages 89–90, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0022519315002143
  4. Conway Morris, Simon: Life's Solution. Inevitable Humans in a Lonely Universe. Cambridge University Press, Cambridge 2003, 2005; dt.: Jenseits der Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press 2008
  5. Conway Morris, Simon: The Runes of Evolution. 2015, https://www.templetonpress.org/sites/default/files/Runes_Evolution.pdf
  6. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. Verlag Hohe Warte, Pähl 1959 (Erstauflage 1921)
  7. Ludendorff, Mathilde: Schöpfungsgeschichte. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (Erstauflage 1923)
  8. Ludendorff, Mathilde: Wunder der Biologie im Lichte der Gotterkenntnis meiner Werke. - 1. Band. Stuttgart: Hohe Warte, Pähl 1950
  9. Grampp, Karl: "…denn sieh', es steht still das Werden der Arten!" - Können auch nach der Menschwerdung noch Tier- und Pflanzenarten entstehen? 9/2000, Auf: Ludendorff.info, pdf., http://ludendorff.info/Abhandlungen/Artenentstehung.pdf
  10. Gould, Stephen Jay: Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur. Deutscher Taschenbuch-Verlag (engl: Wonderful Life: The Burgess Shale and the Nature of History, 1989)
  11. Dawkins, Richard: The Ancestor's Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Life. Phoenix Paperback, London 2005 [Erstauflage 2004]; dt: Geschichten vom Ursprung des Lebens. Eine Zeitreise auf Darwins Spuren. Ullstein, 2008
  12. Conway Morris, Simon (ed.): The Deep Structure of Biology. Is Convergence Sufficiently Ubiquitous to Give a Directional Signal? Tempelton Press 2008
  13. Meinecke, Erich: Paradigmenwechsel in der Biologie? In: Mensch & Maß, Folge 5, 9.3.2006
  14. Bading, Ingo: Ist die Evolution zielgerichtet? Auf: Wissen bloggt, 24.11.2011, http://www.wissenbloggt.de/?p=7742
  15. Conway Morris, Simon: If the Evolution of Intelligence is Inevitable, then What are the Metaphysical Consequences? In: The Science and Religion Dialogue - Past and Future.  Ed. by Michael Welker, Peter Lang, Frankfurt u.a. 2014, http://www.uni-heidelberg.de/fiit/aktuelle_projekte/AusgewaehltePublikationen.html
  16. Raagard, Ingrid: „Aliens sehen uns ähnlich“ - Gibt es im Weltall doch kleine, grüne Männchen? In: Bild-Zeitung, 21.7.2015, http://www.bild.de/news/mystery-themen/ausserirdische/cambridge-professor-aliens-sehen-uns-aehnlich-41719546.bild.html
  17. Leupold, Hermin: Warum ist das Weltall so wie es ist? Das Anthropische Prinzip der Kosmologie und seine philosophische Bedeutung. 3. Aufsatz der Aufsatzreihe "Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie". In: Die Deutsche Volkshochschule, 1989, Folge 62 
  18. Leupold, Hermin: Evolution - „Schöpfung“ oder Ablauf eines „Uhrwerkes“. Grenzen der Kausalität bei der Kristallbildung. 6. Aufsatz der Aufsatzreihe "Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie". In: Die Deutsche Volkshochschule, 1991, Folge 74