Samstag, 12. November 2016

Romain Rolland und Richard Strauß - Im Ringen um eine neue Musikkultur für das 20. Jahrhundert

"Das Werk des heroischen Ekels ..." - Erkundungen zu einem französischen Schriftsteller und zu einem deutschen Komponisten

Der französische Dozent für Musikgeschichte und nachmalige Verfasser eines Musiker-Romanes Romain Rolland (1866-1944) (Wiki) veröffentlichte im Jahr 1903 ein Buch über Ludwig van Beethoven, das in den damaligen Jahren weite Verbreitung fand. Es beginnt mit Worten, die wie eine Fanfare klingen:
Dumpf ist die Luft um uns. Unter einer schweren Glocke verdorbener Dünste liegt erschlafft das alte Europa. Ein Materialismus ohne Größe lastet auf dem Denken. (...) Da kommen die Stunden, in denen die Stärksten zusammen brechen unter dem Schmerz. (...) Jenen zu helfen, schließe ich den Kreis der Helden, der Freunde um sie, der großen Seelen, die für das Gute gelitten haben. (...) Folgen wir all denen, die kämpfen wie sie, einsam, zerstreut über die Jahrhunderte. Es fallen alle Schranken der Zeit, das Volk der Helden erstehe! (...) Der Anführer dieser Legion der Helden sei Beethoven, der Starke, Reine.
Was für ein Mensch muß Romain Rolland gewesen sein, so fragt man sich unwillkürlich beim Lesen solcher Worte, wenn er derartiges schreiben konnte? Über das Leben und das Werk von Romain Rolland, so merkt man allein anhand solcher Worte, muß viel Bewegendes zu erfahren sein. Und vielleicht werden wir hier auf dem Blog auch noch einmal zusammen tragen, was darüber zusammenzutragen sein könnte. In Rolland's zweiten und dritten Lebensjahrzehnt spielte ein deutscher Komponist eine nicht geringe Rolle für seine kulturelle Orientierung, und zwar Richard Strauß (1864-1949). Wenn man sich mit dem Leben und Werk von Richard Strauß beschäftigt und versucht, zu einer allgemeineren Einordnung desselben zu kommen, wird man vielleicht darauf stoßen, daß das Gültigste und Beständigste über Richard Strauß eben gerade von jenem Romain Rolland gesagt worden ist, der mit solchen Fanfarenstößen ein Buch über Beethoven ankündigen konnte. Rolland erzählt etwa, wie er eine Aufführung der Sinfonie "Ein Heldenleben" von Richard Strauß erlebte:
Es war einem zumute wie dem heiligen Laurentius, den man auf seinem Rost mit weißglühenden Spießen umdrehte ... Man bäumte sich, schnappte nach Luft ... Die markdurchdringenden  Trompetenstöße  schürten  die  Feuersbrunst.  Das  Wehen  des Geistes entfesselte Gegenstürme, Orkane; Städte wurden auf Leitern erstürmt, ein Völkertumult, den ein eiserner Wille lenkte; finstere Abgründe taten sich auf, in die der musikalische  Gedanke  hineinzustürzen  drohte;  aber  immer  wieder  sprang  er  mit unglaublicher Elastizität empor. Man schritt auf des Messers Schneide ...
Rolland erzählt hier, wie er eine Aufführung der Sinfonie "Ein Heldenleben" von Strauß im Jahr 1898 in Köln als 32-Jähriger erlebte (7, S. 69f; Hervorhebung nicht im Original):
Das artige, aus der Fassung gebrachte Publikum hätte gerne gepfiffen. Aus Rücksicht auf den alten Wüllner [den Dirigenten] zollte es Beifall, doch ging ein beunruhigendes Kopfschütteln durch den Saal. Ein Teil der Orchestermitglieder bog sich vor Lachen ... Ich lachte nicht, ich biß die Zähne zusammen, ich zitterte am ganzen Körper; mein Herz begrüßte den jungen wiedererstandenen Siegfried. – Ich machte mir jedoch nichts vor; mir war durchaus klar, daß die Mittelmäßigkeit seines melodischen Gefühls kaum das eines Mendelssohn übertraf, aber die harmonisch-rhythmische Erfindung, das instrumentale Wetterleuchten, die dramatische Intelligenz, der Wille waren gigantisch. Noch heute denke ich, daß der Pfeil des Lebens bei Strauß niemals höher gestiegen ist als damals.
Dieser letzte Satz sei trotz Hervorhebung wiederholt: "Noch heute denke ich, daß der Pfeil des Lebens bei Richard Strauß niemals höher gestiegen ist als damals."

Abb. 1: Romain Rolland
Sind das Worte, die helfen zu einer abschließenderen, gültigen Beurteilung und historischen Einordnung des Werkes von Richard Strauß? Fast möchten wir es meinen. Ist es denn nicht wirklich richtig zu sagen, was so manchem mehr als schwant: Richard Strauß, das ist die Musik auf ihrem beginnenden Weg in den Niedergang? Die Musik von Richard Strauß reißt uns nicht mit wie die Musik aus der Zeit des Barock über die klassische Zeit hinweg bis in die romantische Epoche hinauf, bis hin zu Robert Schumann. Wo immer wir auch bei Richard Strauß hineinhören, drängt sich uns dieser Eindruck auf: Er war ein typischer "Neutöner" wie man das um 1900 herum nannte. Und sicherlich wurde er mit viel Recht so genannt. Lässt sich mit dem heutigen historischen Abstand schon besser unterscheiden, was am damals "neutönenden" Werk von Richard Strauß bleibend ist und was nur ein Ausdruck der damaligen pompösen, kulturell so oft im Äußeren verbleibenden Kaiserzeit?

Es bleibt ein Verwundern, warum einem Komponisten wie Richard Strauß überhaupt so lange so viel Verehrung erwiesen wurde. Reicht allein der Wille zum absoluten Kunstwerk, nicht aber das Vollbringen eines solchen aus, um eine solche Verehrung zu rechtfertigen? Im folgenden kann es vorläufig nur darum gehen, Richard Strauß als kulturgeschichtliches Phänomen zu betrachten und einzuordnen, als ein Phänomen mehr des Wollens als des Vollbringens. Man kann in die eben genannte Komposition ("Ein Heldenleben") ja hinein hören. Am besten dirigiert von Richard Strauß selbst (im Jahr 1941: Yt). Aber man sollte womöglich wirklich darauf achten, daß man nicht "gebraten" wird, und daß man Richard Strauß'ens Selbsteinschätzung, er sei ein bedeutender Komponist, nicht unbesehen übernimmt. 1968 lautete das Urteil eines Musikhistorikers über "Ein Heldenleben" (7, S. 72):
Als Symphoniker ist Strauß mit diesem Werk unbestreitbar auf dem Höhepunkt angelangt, und den Rang als Vollender der Spezies Symphonische Dichtung läuft ihm niemand unter den Lebenden ab.
Auch dieses Urteil muß nicht unbesehen übernommen werden (Wiki). Dreiunddreißig Jahre war Richard Strauß alt, als er "Ein Heldenleben" komponierte. Seit vier Jahren war er verheiratet, seit einem Jahr war er Vater eines Sohnes. Und in dieser sinfonischen Dichtung soll sich nun auch - man möchte doch mehr oder weniger schmunzeln - einiges aus seinem Eheleben wiederspiegeln. So verriet Strauß dem anfragenden Romain Rolland das folgende (7, S. 70):
Meine Frau ist es, die ich darstellen wollte. (...) Sie ist sehr kompliziert. (...) Zu Anfang folgt ihr der Held, nimmt ihren Ton auf, den sie gerade gesungen hat; immer wieder entflieht sie. Dann sagt er schließlich: "Geh du nur. Ich bleibe hier!" Und er zieht sich in seine Gedanken, in seinen eigenen Ton zurück. Dann aber sucht sie ihn ...
Ein "Programm" für diese sinfonische Dichtung brauche man aber dennoch nicht zu lesen:
Es genügt zu wissen, daß es einen Helden im Kampf mit seinen Feinden beschreibt.
Rolland trifft mit seinen Worten vielleicht besser als es Richard Strauß mit Tönen traf, wenn er schrieb, in der Sinfonie "Heldenleben" gäbe es
eine geißelnde Verachtung, ein böses Lachen, wie wir es fast nie bei Beethoven finden. Wenig Güte. Es ist das Werk des heroischen Ekels.
Was für ein Wort:
Es ist das Werk des heroischen Ekels.
Ob damit das abschließende Urteil gesprochen ist? Könnte uns ein solches "Werk des heroischen Ekels" nicht eigentlich tatsächlich willkommen sein? Aber müßte uns ein solches Werk dann nicht dennoch weitaus grundlegender überzeugen? Ist es nicht auch in dieser Hinsicht mehr "Wollen" als "Vollbringen"? Wer weiß denn schon, ob nicht genau ein solches "Werk des heroischen Ekels" eher der Wunschvorstellung von Romain Rolland entsprang als daß eine solche Wunschvorstellung sich mit diesem Werk auch schon verwirklicht hätte ... In allen Äußerungen jedenfalls erkennen wir Romain Rolland - im Vergleich zu Richard Strauß - als den Echteren, den Reiferen, den Tieferen. So viel scheint uns festzustehen.

Abb. 2: Richard Strauß, 1918 (Wiki)
Seine Worte wirken unmittelbar, treffen zielsicherer als jeder Ausschnitt einer Sinfonie von Richard Strauß. Was für ein Anliegen, welche Größe spricht aus solchen Worten. Beim Verfassen des vorliegenden Beitrags war anfangs versucht worden, das Bleibende bei Richard Strauß zu finden. Was wir aber eigentlich bei der Erarbeitung desselben nach und nach immer deutlicher entdeckten, das war Romain Rolland, jener, der sich mit Richard Strauß aus nächster Nähe beschäftigt hat.

War die Musik von Richard Strauß nur ein Ausdruck der bombastischen, wild erregten, nervös gewordenen wilhelminischen Kaiserzeit (6)? Der Ausdruck einer Zeit, die sich selbst eben nicht durch echt-heroischen Ekel sich selbst gegenüber "überwand"? Ein Ausdruck des Geistes der Großstadt mit ihren drei- und vierstöckigen Mietskasernen?

Es sei jedoch auch das genannt, was ohne Zweifel feststehen dürfte. Es ist dies der Umstand, daß Richard Strauß ein beeindruckender Dirigent seiner Zeit gewesen ist. Die Musiker haben gerne und - was sehr selten sein soll - ohne jede Kritik unter ihm gespielt. So wird es in Erinnerungen berichtet (9). Er war - in heutigen Begriffen - ein "Stardirigent".

Womöglich ist es diese Eigenschaft, um derentwillen Richard Strauß auch künftigen Generationen in Erinnerung bleiben wird, und zwar, was eben wichtig ist: mit Recht in Erinnerung bleiben wird.

Und was ebenfalls ohne Zweifel feststeht, ist, daß der Vater von Richard Strauß, Franz Strauß, ein bedeutender Orchester-Hornist unter Richard Wagner gewesen ist. Und daß er zugleich ein eigenwilliges, selbstständig denkendes "Original" gewesen ist. Sein Sohn berichtet (7, S. 10f):
Für meinen Vater war die Mitwirkung in Oper und Konzert stets eine feierliche Handlung.
Schon allein der Umstand, daß der Sohn dies so betont, zeigt doch, daß der Sohn auch von der Möglichkeit wußte, daß Berufsmusiker eine solche Mitwirkung anders empfinden konnten*)? Das oben schon erwähnte Kopfschütteln und Lachen, das seine eigenen Kompositionen auslösen konnten, wird womöglich nicht zum geringsten zu solchen Möglichkeiten beigetragen haben ...?!!!? Dieser Vater und hervorragende Blechmusiker schrieb an seinen Sohn über dessen Oper "Don Juan" 1889 (7, S. 48):
Hoffentlich wirst Du durch die Aufführung Deines Werkes überzeugt worden sein, daß Du künftig mit der Behandlung des Bleches etwas sparsamer und vorsichtiger sein mußt und nicht zuviel auf den äußeren Glanz und mehr auf inneren Gehalt bedacht sein mußt. 
Väter und ihre Ratschläge. Sie treffen - mitunter - den Nagel auf den Kopf. Aber was nutzt es? Es sind ja "nur" die Väter ... Und Väter stehen ja so manchem "Heldenleben" im Wege in jener Zeit des Wilhelminismus .... Lag aber nicht doch der Vater womöglich richtig? Hätte der "heroische Ekel" seines Sohnes einfach mit noch mehr "innerem Gehalt" zur Darstellung gebracht werden müssen ....?

"Der spöttische und verschlafene Strauß"


Fiel diesem Richard Strauß denn nicht insgesamt alles ein wenig zu leicht in seinem Leben (6)? In diesem wilhelminischen Zeitalter des äußerern Glanzes? Weshalb er dann offenbar der Schwierigkeiten in seiner Ehe geradezu bedurfte - wie er sich selbst dessen bewußt war und wie er auch wiederholt zum Ausdruck gebracht hat (10)? Trefflich gekennzeichnet mag die Person von Richard Strauß vielleicht auch schon sein durch die Beobachtung von Romain Rolland, der Strauß während einer Aufführung seines "Don Quixote" in Paris im Jahr 1898 erlebt hat, wo das Publikum ihm selbst als jungem Dirigenten keineswegs so viel Ehrfurcht entgegenbrachte wie dem erwähnten alten Dirigenten in Köln (zit. n. 7, S. 65):
Dem spöttischen und verschlafenen Strauß scheint das alles gleichgültig zu sein.
Ob dieser eine Satz nicht - abgesehen von den oben zitierten anderen Sätzen Rolland's über Strauß - sehr treffend als Lebensmotto für Person und Werk von Richard Strauß überhaupt dienen könnte? Man beachte übrigens auch, daß in der Gegenwart von Richard Strauß auch noch in seinen Altersjahren nicht das geringste Wort der Kritik an Richard Wagner geäußert werden durfte, ohne daß der Haussegen für mehrere Tage schief hängen würde. So hat es einer seiner Söhne berichtet. Wird nicht dadurch auch die Haltung von Richard Strauß sich selbst und seinem Schaffen gegenüber sehr gut gekennzeichnet?

Mit dem zeitgleich lebenden Komponisten Gustav Mahler (1860-1911) verband Strauß eine 24-jährige, auf gegenseitiger Wertschätzung beruhende Freundschaft (1). Der empfindsame Gustav Mahler hat den - zumal nach 1898 - nur von offenbar wenigen Selbstzweifeln geplagten "spöttischen, verschlafenen, gleichgültigen" Richard Strauß Zeit seines Lebens als menschlich ein wenig zu unzugänglich, ja, mitunter sogar als verständnislos empfunden. Er schrieb dies häufig an seine Frau Alma Mahler. Im Vergleich zu Richard Strauß wurde Gustav Mahler gerne auch einmal als der konservativere und anlehnungsbedürftigere der beiden empfunden.

"Neue Tatkraft nur durch die Befreiung vom Christentum"


Dabei war der Anspruch des Richard Strauß an sich selbst keineswegs gering. Er wird auch gut deutlich anläßlich des frühen Todes seines Freundes Gustav Mahler im Mai 1911. Dieser Tod riß Richard Strauß dann doch noch einmal ein wenig aus seiner inzwischen offenbar immer mehr überhand nehmenden bourgoisen "spöttischen, verschlafenen Gleichgültigkeit" und seinem bourgeoisen Seelenfrieden. Strauß war, wie sein Sohn Franz erzählt, tagelang unfähig zur Arbeit und hat in dieser Zeit kaum etwas gesagt (2). Er notierte sich in seinem Kalender (zit. n. 3, S. 216; s.a. 1, S. 210f):
Gustav Mahler nach schwerer Krankheit am 19. Mai verschieden.
Der Tod dieses hochstrebenden, idealen, energischen Künstlers ein schwerer Verlust.
Die ergreifenden Memoiren Wagners mit Rührung gelesen.
Lectüre Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation Leop. Ranke: durch sie wird mir hell bestätigt, daß alle dort die Cultur fördernden Elemente seit Jahrhunderten nicht mehr lebenskräftig, wie alle großen politischen u. religiösen Bewegungen nur eine Zeitlang wirklich befruchtend wirken können.
Dies sind die vorbereitenden Gedanken, um wieder auf Gustav Mahler zu sprechen zu kommen und auf das, was ihn, Richard Strauß und sein Heldenleben, von Gustav Mahler, aber auch von Richard Wagner unterscheidet. Er, Richard Strauß, sieht sich als den Verkünder eines "neuen Menschen", einer neuen Weltepoche, während Mahler und Wagner - und alle Komponisten vor ihnen? - dem Christentum noch zu sehr verhaftet gewesen wären. So also wie die vielen Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts nach dem Aufschwung der Rennaisance in eine Wiedergeburt des Christentums (durch Martin Luther) "zurückgesunken" seien, ohne daß dies langfristig wirklich befruchtend hätte wirken können. So jedenfalls scheint sich der - im Gegensatz zu dem von ihm bewunderten Friedrich Nietzsche - wenig von Selbstzweifeln geplagte Nietzscheaner und Kirchenfreie Richard Strauß gesehen zu haben. Und er schreibt mit dieser gedanklichen Vorbereitung:   
Der Jude Mahler konnte im Christentum noch Erhebung gewinnen. Der Held Rich. Wagner ist als Greis durch den Einfluß Schopenhauers wieder zu ihm herabgestiegen.
Mir ist es absolut deutlich, daß die deutsche Nation nur durch Befreiung vom Christentum neue Tatkraft gewinnen kann. Sind wir wirklich weiter als zur Zeit der politischen Union Karls V. und des Papstes? Wilhelm II. und Pius?
Ich will meine Alpensinfonie: den Antichrist nennen, als da ist: sittliche Reinigung aus eigener Kraft, Befreiung durch die Arbeit, Anbetung der ewigen herrlichen Natur.
Das sind hinreißende Worte. Um solcher Worte willen hatten wir ursprünglich begonnen, Interesse für Richard Strauß zu entwickeln. Wenn nun bloß die Taten, nämlich die hier angesprochene geschaffene Musik als mit diesen Worten in Einklang stehend empfunden werden könnte! Aber die Frage ist doch, ob die Umsetzung dieser Worte in der hier genannten "Alpensinfonie" für heutige Ohren wirklich überzeugend gelungen ist. Die Sinfonie "Der Antichrist", an der Strauß seit 1899 gearbeitet hat, wurde vier Jahre später, am 28. Oktober 1915, in Berlin unter dem Titel "Alpensinfonie" uraufgeführt (Wikiweise, Wiki). Strauß hatte einen Namenswechsel vorgenommen - - - um beim christlichen Establishment nicht anzuecken ... Und so also kündigt sich das "Werk eines heroischen Ekels" an ... ? Worte und Taten - ja, zwischen ihnen können Abgründe liegen.

"... Daß man eigentlich zum Kitsch die meiste Begabung hat ..."


Richard Strauß scheint aber mitunter auch so die eine oder andere Selbsteinsicht gehabt zu haben. So schrieb er in den 1930er Jahren an seinen Freund und Librettisten Stefan Zweig über Themen für eine künftige Oper (4):
Am besten liegen mir süddeutschem Bourgeois Gemütskisten; aber solche Treffer wie das Arabelladuett und das Rosenkavalierterzett gelingen nicht immer. Muß man 70 Jahre alt werden, um zu erkennen, daß man eigentlich zum Kitsch die meiste Begabung hat?
Nein, man muß noch älter werden, denn er meinte diese Selbsterkenntnis ja gar nicht ernst und rang mit ihr nicht wie ein "Held", sondern schrieb weiter:
Aber Spaß beiseite, haben Sie kein neues gemütvolles Stöffchen für mich?
"Spaß beiseite" ...

Vielleicht ist dann doch der Tonfall von modernen Fernsehdokumentationen, die nicht alles gar so tragisch und ernst nehmen bei einem solchen "spöttischen, verschlafenen Gleichgültigen" über weite Strecken seiner Musik angemessener als sein eigener Blick auf sein Werk. In solchen wird gerne als Tonbeispiel die Einleitung der sinfonischen Dichtung "Also sprach Zarathustra" (Tondichtung frei nach Friedrich Nietzsche)" (Wiki) gewählt (siehe etwa einleitend hier: Yt; dirigiert von Herbert von Karajan hier: Yt;  dirigiert von Richard Strauß selbst 1944 in Wien hier: Yt).

Diese Musik hat jeder schon einmal irgendwo gehört. Aber nicht jeder hat sie bislang namentlich dem Komponisten Richard Strauß zugeordnet und seiner sinfonischen Dichtung "Zarathustra" - und damit dem Namen Friedrich Nietzsche. Der frühbegabte Richard Strauß hat sich 1893, mit 28 Jahren, auf einer Ägyptenreise begonnen, mit den Büchern von Friedrich Nietzsche auseinanderzusetzen. An seinen Vater, den Hornisten, schrieb er darüber (zit. n. Piribauer 2001, s.a.: Epoch Times 1914):
Als ich in Ägypten mit Nietzsches Werken bekannt geworden, dessen Polemik gegen die christliche Religion mir besonders aus dem Herzen gesprochen war, wurde meine seit meinem fünfzehnten Jahr mir unbewußte Antipathie gegen diese Religion, die den Gläubigen von der eigenen Verantwortung für sein Tun und Lassen (durch die Beichte) befreit, bestärkt und begründet.
Strauß soll später aus der Kirche ausgetreten sein. (Bezeichnenderweise ist es nicht leicht herauszubekommen, in welchem Jahr er das tat.) Von ihm sind mancherlei Zeugnisse zu seiner Nietzsche-Lektüre überliefert (zusammengestellt etwa von Susanne Stähr: 5). Schon in seiner Oper "Guntram" finden sich die Worte:
Mein Leben bestimmt
Meines Geistes Gesetz;
Mein Gott spricht
Durch mich selbst nur zu mir.
Interessant ist, daß sich Richard Strauß um dieser Sätze willen mit seinem Lehrer Alexander Ritter entzweit hat. Für Alexander Ritter stand das Gesetz von Orden und Geheimorden höher als des eigenen "Geistes Gesetz" (7, S. 50) ... - Wie für so viele bis heute. (Die Oper "Guntram" hat mit der Thematik von Geheimorden und Logenmorden zu tun, dieser Umstand könnte auch noch einmal umfangreicher aufgearbeitet und eingeordnet werden.)

Warum mußten sich die Menschen und Komponisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts - etwa ab Richard Wagner - mit dem Christentum so heftig auseinandersetzen und damit ringen? Bzw. warum ausgerechnet auch Musiker? Weil Musiker Zeitgenossen sind und nicht - zwangsläufig - aus ihrer Zeit heraus können. Vielleicht gelang ihnen allen noch nicht zu schaffen, was zu schaffen wäre im Angesicht der Fortdauer überkommener religiöser Anschauungen und Organisationen, nämlich
ein Werk des heroischen Ekels
durch daß dann endlich und schließlich
die deutsche Nation neue Tatkraft gewinnen kann.
Hier blieben womöglich noch Aufgaben übrig. Tondichterinnen und Tondichter, seid ihr euch dessen bewußt?

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*) Daß Berufsmusiker heutzutage zum Beispiel mit konstanter und penetranter Regelmäßigkeit Konzerte, an denen sie mitwirken, "Mucken" (Wiki) nennen, ist eine der vielen sehr sonderbaren Erscheinungen des heutigen Musiklebens, die unverständlich sind und immer bleiben werden. Von der inneren Einstellung, die mit der Verwendung von solchen Ausdrücken verbunden ist, kann man sich nur angewidert abwenden. Sie hätte nur insofern Berechtigung, als eben doch immer einmal wieder Kompositionen zur Aufführung gelangen, die unter Musikern und Zuhörern mit Berechtigung Kopfschütteln hervorrufen könnten.
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  1. Blaukopf, Herta: Gustav Mahler - Richard Strauß - Briefwechsel 1888-1911. Piper-Verlag, München, Zürich 1980 
  2. Hartmut Haenchen: Stichworte  zu  Richard  Strauß   (1864-1949) „Eine  Alpensinfonie“  1915, http://www.haenchen.net/fileadmin/media/pdf/strauss_alpensinfonie.pdf
  3. Charles Youmansmir: Mahler & Strauß in Dialogue. Indiana University Press, Bloomington 2016 (Google Bücher
  4. Thomas, Ernst: Rezension: Briefwechsel Richard Strauß / Stefan Zweig, hrsg. v. W. Schuh (S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 1957), in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.1958, http://www.gbv.de/dms/faz-rez/580125_FAZ_0061_BuZ5_0005.pdf 
  5. Stähr, Susanne: Glaubensfragen Folge 29: Richard Strauß. Auf: Der Lucerne Festival Blog, 29. August 2012, https://blog.lucernefestival.ch/blog/2012/08/29/glaubensfragen-folge-29-richard-strauss/
  6. Michael Schmidt: Richard Strauss oder: Der ambivalente Musikzauberer. Deutschlandfunk, 25.7.2010, http://www.deutschlandfunk.de/richard-strauss-oder-der-ambivalente-musikzauberer.1184.de.html?dram:article_id=185395 
  7. Deppisch, Walter: Richard Strauß in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1968
  8. Kerstin Piribauer: "Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine Luft der Höhe ist" - Nietzsches Denken in den Tondichtungen von Richard Strauss. Richard Strauß-Institut, 2001, http://www.richard-strauss-institut.de/elektra/2001_02.php3
  9. Adam, Peter (Buch und Regie): Richard Strauß - Remembered. A Blackford Carrington Production in association with BBC Television, 2-stündige Filmdokumentation, Großbritannien 1984, https://www.youtube.com/watch?v=O0ImK5CpSmo 
  10. Klonovsky, Michael: Strauß' liebes Zornbrötlein. Richard Strauß' Ehefrau Pauline. In: Die Weltwoche 19/2014, http://www.michael-klonovsky.de/artikel/item/217-strauss-liebes-zornbroetlein 

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