Donnerstag, 15. November 1990

Schreiben an die Leser

November 1990
Liebe Leser und Freunde der Deutschen Volkshochschule,

wieder geht ein Jahr zu Ende. Es hat unserem Volk neben viel Schwerem auch eine große Freude gebracht: die staatliche Vereinigung mit Mitteldeutschland, von der aus wir eine Wiederbelebung alles Wirkens für die deutschen Belange erhoffen, zu der wir auch beitragen wollen.

So sehen wir eine wichtige Aufgabe darin, unsere Zeitschrift auch den dafür Aufgeschlossenen in Mitteldeutschland bekannt und verfügbar zu machen. Da von jeder Folge eine bestimmte Anzahl von zusätzlichen Exemplaren gedruckt werden, stehen genügend (Werbe-)Hefte für diesen Zweck zur Verfügung. Bitte nennen Sie uns doch Anschriften mitteldeutscher Familien, von denen Sie ein Interesse annehmen können. Doch einfacher wäre es, wenn Sie selbst je einen Satz (z. B. der letzten fünf) Folgen bei uns anfordern (die wir gern kostenlos abgeben), um diese dann selbst an Freunde und Bekannte in Mitteldeutschland zu senden.

Wir erinnern an dieser Stelle auch wieder daran, daß jüngere Leser (Schüler, Lehrlinge und Studenten) die Deutsche Volkshochschule kostenlos beziehen können.

Auf das Ergebnis unserer Arbeit in Gestalt der Folgen des vergangenen Jahres glauben wir, - vor allem angesichts der bescheidenen Zahl an Mitarbeitern und Autoren - mit einer gewissen Genugtuung sehen zu können. Wir haben eine Reihe von Themen behandeln können, die uns für die Volkserhaltung im Sinne der Gotterkenntnis Ludendorff wesentlich erscheinen. Dabei konnten wir auch mehr als früher unserem Ziel entsprechen, die Hefte dadurch vielseitiger zu machen, daß wir in jeder Folge mehrere Themenbereiche zu Wort kommen lassen. So soll auch weiter unser Ziel sein, grundlegend wichtige, über dem Tagesgeschehen stehende wissenschaftlich-philosophische Beiträge im Sinne der Zielsetzung der Deutschen Volkshochschule in verständlicher und abwechslungsreicher Weise darzustellen.

An dieser Stelle sei auch Gelegenheit genommen zu erläutern, welche Ziele die etwas anspruchsvolleren, weil umfangreicheren und wohl auch schwierigeren Aufsätze, wie die über das Anthropische Prinzip (Folge 62 - 1989) und das Quantenvakuum (Folge 67 - 1990) haben. Es handelt sich hier um „Jahrhunderterkenntnisse“ einer so reichen, überraschenden und tiefgehenden Übereinstimmung und Ergänzung zwischen Ergebnissen der modernen Naturwissenschaften und der Gotterkenntnis, wie sie zur Zeit der philosophischen Schau Mathilde Ludendorffs noch nicht möglich waren. Aufsätze dieser Art können wohl ihrem Gehalt nach als Ergänzung oder Erläuterung zu den philosophischen Werken angesehen werden und sollten unseres Erachtens auch in zehn oder zwanzig Jahren noch gültig und frisch sein. Sie werden auch in kommenden Beiträgen genauer ausgeführt werden, wie sie auch auf den Herbsttagungen Gegenstand ausführlicher Erörterung in Vorträgen und Aussprachen waren und sein werden.

Mit diesen Beiträgen hoffen wir, in eine weitere (auch wissenschaftliche) Öffentlichkeit hineinwirken zu können, und sind unseren Lesern dankbar, daß sie über den Bezug und damit die Sicherung des Bestehens der Zeitschrift dazu beitragen, daß solche Einsichten überhaupt veröffentlicht werden und dazu dienen können, das Vertrauen zur Gotterkenntnis zu wecken und zu verbreiten.

Wir danken auch herzlich für die vielen kleineren und größeren Spenden, ohne die wir unsere Arbeit nicht hätten leisten können. Wir bitten zugleich um Verständnis dafür, wenn wir uns entsprechend der knappen Zahl von (anderweitig berufstätigen) Mitarbeitern bisher nicht immer oder nur verspätet für die Spende bedanken konnten. Wir bitten auch weiterhin um Ihre Mitarbeit in dieser oder anderer Weise.

Das bisherige Herstellungsverfahren der Zeitschrift im Lichtsatz ist nicht über die Bezugsgebühren allein finanzierbar; das war nur über Spenden möglich. Obwohl die Bezieherzahl auch in den letzten Jahren seit dem Tode von Werner Preisinger im wesentlichen aufrecht erhalten werden konnte, führte das Ableben mancher älterer, spendenfreudiger Bezieher und die Umschichtung auf jüngere Leser zu einem Rückgang der Spenden.

Wir beabsichtigen daher, in Zukunft den Satz in einer der für Computer eingerichteten Frakturschriften selbst vorzunehmen, und diese dann im Offsetverfahren drucken zu lassen. Die Druckkosten einer Folge würden bei diesem Verfahren - bei einem unseres Erachtens noch gut annehmbaren Erscheinungsbild - gegenüber dem jetzigen etwa halbiert und könnten durch die Bezugsgebühren gedeckt werden. Voraussetzung hierfür ist die Anschaffung eines Computers.

Bitte wirken Sie unter den durch die "geschichtlichen" Ereignisse gegebenen Möglichkeiten auch weiterhin tatkräftig an unserer schönen und großen Aufgabe der Volkserhaltung und Gotterhaltung mit.

Mit herzlichen Grüßen zum Jahreswechsel und guten Wünschen für das Jahr 1991
Die Deutsche Volkshochschule e. V.



Abb.: Die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" ist seit 1979 in über 150 Folgen erschienen 


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Dezember 1992

In den Folgen des vergangenen Jahres konnten wir eine Fülle von Themen behandeln, die uns für Lebens-, Volks- und Gotterhaltung im Sinne der Gotterkenntnis Ludendorff besonders wichtig erschienen. Wir hoffen, daß auch unser Bemühen um bessere Verständlichkeit und mehr Vielseitigkeit der Themenbereiche deutlich wird. Wir freuen uns auch, berichten zu können, daß die jährliche Herbsttagung der Deutschen Volkshochschule in diesem Jahr mit einer weiter erhöhten Teilnehmerzahl stattfinden und wichtige Themen in der Form von Vorträgen mit Aussprachen vermitteln konnte.

Unsere Zeitschrift hat Wesentliches auszusagen; wir hoffen, daß sie mit weiterer Verbreitung wichtige Beiträge zu den großen und lebenserfüllenden Aufgaben der Volkserhaltung und der Gotterhaltung leisten kann.

Es sollte vielleicht darauf hingewiesen werden, daß außer der Deutschen Volkshochschule keine andere Zeitschrift ganz und ausschließlich der philosophischen Erkenntnis von Mathilde Ludendorff und ihrer reichen Wechselwirkung mit den heutigen Natur- und Kulturerkenntnissen gewidmet ist. Nur in der dauernden Auseinandersetzung mit den Lebensfragen unserer und früherer Zeit und durch ihre fruchtbaren Antworten kann die Gotterkenntnis lebendig bleiben.


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Juli 1993

Sehr geehrte Leser,
liebe Freunde der Deutschen Volkshochschule,

wie Sie ja wissen, erfüllen alle Mitarbeiter der Deutschen Volkshochschule ihre Aufgaben ehrenamtlich, d. h. neben ihrem Beruf, ihrer Familie und sonstigen Verpflichtungen. Aus diesem Grund, und infolge der kleinen Zahl der Mitarbeiter wird jedem von uns ein erheblicher Einsatz abgefordert. Andererseits stellen wir an die wissenschaftliche und philosophische Richtigkeit aller Beiträge unserer Zeitschrift und unserer Tagungen erhebliche Ansprüche, von denen wir nicht abrücken wollen. Wir bitten um Verständnis, wenn in der Vergangenheit aus solchen Gründen Folgen unserer Zeitschrift nicht immer rechtzeitig erscheinen konnten. Andererseits glauben wir auch, ein wenig stolz darauf sein zu können, noch jedes Jahr 6 Folgen unserer Zeitung mit zeitlos gültigem Inhalt und in einer doch angemessenen Form herausgebracht zu haben. Wir meinen auch, daß man diese philosophischen Abhandlungen nirgendwo anders finden kann, so daß unserer Zeitschrift bisher nicht ersetzbar zu sein scheint.

Zu unserem Bemühen gehört auch das ansprechende, äußere Erscheinungsbild der Zeitschrift, insbesondere das Schriftbild. Wir bitten Sie auch weiterhin, unsere Arbeit und damit das Überleben der Deutschen Volkshochschule durch Ihre Unterstützung zu sichern.

In der festen Überzeugung, daß uns dies gemeinsam durch unseren Einsatz und Ihre Unterstützung gelingen wird, verbleiben wir mit freundlichen Grüßen
Die Deutsche Volkshochschule e. V.


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November 1995

Ein Wort an unsere Leser

Wir danken Ihnen herzlich für Ihre Unterstützung und auch für eine ganze Reihe von Zuschriften. Diese sind immer willkommen, weil sie uns neben den Gesprächen auf der Herbsbsttagung einen wichtigen Widerklang der Beiträge geben. Die so gegebenen Anregungen werden in praktisch allen Fällen aufgenommen und gehen in die weiteren Zeitschriftenbeiträge ein, auch wenn dies nicht immer offensichtlich ist.

Ein wiederholter Leserwunsch ist der nach einer leichter verständlichen Darstellung mancher Aufsätze, insbesondere von Hermin Leupold. Dieser Wunsch ist natürlich das Anliegen und ernste Bemühen aller Verfasser von Beiträgen unserer Zeitschrift. Es gibt jedoch  Stoffinhalte, die weniger anschaulich sind als andere. Dazu gehören etwa die sehr unanschaulichen Zusammenhänge bei der Bestätigung von Aussagen der Philosophie von M. Ludendorff über die Entstehung des Urstoffes in und aus dem Äther durch moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse über das Quantenvakuum und seine Rolle in der Weltentstehung. Auch Kants Erkenntnisse sind nicht ganz einfach darzustellen; man vergleiche hier einmal ganz objektiv, wie verschiedene Autoren sich dabei "die Zähne ausgebissen haben".

In diesem Zusammenhang möchten wir nochmals darauf hinweisen, daß die Deutsche Volkshochschule wohl die einzige Zeitschrift ist, die die Philosophie von Mathilde Ludendorff ganz und gar allen Bereichen der heutigen Erkenntnis und der heutigen Lebensfragen gegenüberstellt und an diesen prüft. Damit erfüllt sie eine dringende, aber bisher kaum erfüllte Forderung der Philosophin an die späteren Generationen. Und bei diesem hohen Anspruch einer Auseinandersetzung mit dem ganzen Wissen unserer Zeit können auch schwierige Fragen nicht ausgespart werden, wobei wir aber überzeugt sind und uns bemühen, daß diese doch auch jedem wirklich Aufgeschlossenen, wenn vielleicht auch mit einigem geistigen Aufwand, zugänglich sind.

Wir bitten unsere Leser also zu beachten, daß die Deutsche Volkshochschule auch diese zweite Aufgabe der Klärung neben der der Belehrung und zugleich mit ihr wahrnimmt.

Wilhelm Schäfler
(für die Schriftleitung)

Wir wünschen allen unseren Lesern frohe und besinnliche Weihnachten und ein gesundes, gutes Neues Jahr.

Samstag, 1. September 1990

Friedrich Hölderlin

Versuch zur Erfassung seines Werkes

Der tiefere Gehalt der Dichtungen Hölderlins ist im wesentlichen nur erlebbar und daher schwierig zu nennen. So blieb die Aussage seines Werkes zu allen Zeiten in gewisser Weise verborgen.

Trotzdem - aber den genannten Umständen durchaus nicht widersprechend  war er für mehr als hundert Jahre der wohl klarste Verkünder einer neuen, unserem Wesen gemäßen Lebens- und Gottschau.

Ursprünge und Wandlungen


Entsprechend den Zeitumständen und dem ursprünglichen Berufsziel erhielt Hölderlin seine Schulbildung in Klosterschulen und verbrachte die Zeit seines Theologiestudiums im Tübinger Stift. Sicherlich waren auch die hierbei gewonnenen Lebenserfahrungen mit verantwortlich dafür, dass er sich von den christlichen Glaubensvorstellungen löste. Aus Gewissensgründen trat er nach Abschluss des Theologiestudiums den evangelischen Pfarrdienst nicht an und musste sich als Hauslehrer und Hofmeister erhalten.

Im Drama "Empedokles" bricht sein Zorn gegen eine kirchliche Bevormundung religiösen Erlebens in folgenden Worten aus:
Denn wohl hab‘ ichs gefühlt, ...,
Daß ihr des Herzens freie Götterliebe
Bereden möchtet zu gemeinem Dienst,
Und daß ichs treiben sollte, so wie ihr.
Hinweg! ich kann vor mir den Mann nicht sehn,
Der Heiliges wie ein Gewerbe treibt;
Dein Angesicht ist falsch und kalt und tot,
Wie deine Götter sind.
In einem seiner tiefsten Gedichte "Brot und Wein", vor allem in der achten Strophe, sieht er nach dem leuchtenden "Tag" (d.h. der gotterfüllten Kultur des Griechentums) Christus die Nacht, (d. h. das Ende dieser Hoch-Zeit) verkünden und schwinden (1, S. 33):
Mit dieser Deutung löscht Hölderlin die Glorie des Christentums aus. Was seit zweitausend Jahren im Rahmen der Kirche als Religion, als einzige Gottoffenbarung gelehrt wird, ist ihm gottferne Dunkelheit.
Diese Ablehnung kirchlicher und christlicher Gläubigkeit hat ihren tieferen, zureichenden Grund darin, daß Hölderlin seit seiner frühen Jugend ein unmittelbares, mit allen Fasern erlebtes, inniges Verhältnis zum Göttlichen eigen ist:

"Im Arme der Götter" wuchs er auf, fühlte er sich geborgen. Wie seine Gedichte immer wieder sagen, spürt er das Göttliche in Land und Fluß, in Berg und Hain, in Luft und Himmel, aber ebenso im Innerseelischen, in Freundschaft, Güte und edler Tat. Viele Namen setzt er für das Göttliche, er nennt es Äther, Licht, Erde, Natur; er ruft die alten Götternamen der Griechen. Aber all dies ist für Hölderlin nur Ausdruck oder Name eines alles Sein umfassenden Göttlichen. Das Zeichen der Seelengemeinschaft mit den beiden Freunden im Tübinger Stift, Hegel und Schelling, war Ausdruck solchen Erlebens: "hen kai pan" (griech. = Eins und zugleich Alles).


Abb 1: Der Wohnturm Hölderlins
in Tübingen 1807 bis 1843

Grundlegende philosophische Einsichten


Hölderlin hat anfänglich behutsam versucht, solche Lebens- und Gottschau auch in philosophischer (Prosa-)Sprache zu fassen und hat dabei wohl als erster die Grundeinsichten zum Ausdruck gebracht, die dann Grundlage des "Deutschen Idealismus" (vor allem im Sinne der philosophischen Werke Hegel und Schelling) geworden sind. Diese Gedanken Hölderlins können wie folgt umrissen werden (2, S. 391ff; vgl. auch die Zitate in 3):

In der Entwicklung des Menschengeschlechts tritt der Mensch (das menschliche Bewusstsein) aus der bewusstlosen (unterbewussten) Einheit mit dem Göttlichen heraus, erwacht zum Bewusstsein im Gegenüber, im Getrenntsein vom Göttlichen und kann im eigenen freien Wollen diesen Gegensatz wieder auflösen durch bewusste Vereinigung mit dem Göttlichen ("... dies ist allein in schöner, heiliger, göttlicher Empfindung möglich"). Diese Gedanken kehren in Hölderlins Werken in dichterischer Fassung, aber auch in seinen ästhetischen Schriften immer wieder und bilden den Ausgangspunkt weiterer tiefer Einsichten, z.B. über Ursprung und Wirkung der Dichtung.

Abb. 2: Erich Sperling - Trauernde
(aus: 4)
Sie sind zugleich auch Grundlage zentraler philosophischer Aussagen bei Hegel und Schelling geworden, gewinnen aber in der ausführlichen Wortfassung dieser Philosophen wenig an zusätzlicher Leuchtkraft (fast gehen sie in deren umfangreichen Werken "verloren"). Diese Gefahren philosophischer Umschreibungen von kaum sagbaren, nur dem Erlebnis zugänglichen Einsichten hat Hölderlin klar gespürt und daher bewusst den Weg einer Fassung des (Gott-) Erlebens in der Form des Gleichnisses im lyrischen Gedicht gewählt.

Leider sind dem heutigen Leser manche der verwandten Gleichnissen nicht mehr ganz vertraut. So verbirgt sich Hölderlins tiefe Einsicht in die Verwandtschaft von Anlage und Eigenart indogermanischen Gotterlebens in dem Gleichnis des Adlers (des Zeusboten), der vom Indus herkommend (indogermanische Gottauffassung der Veden) über den Parnassos (hellenische Gottauffassung) schließlich in das Herz Europas einkehrt (vgl. die Gedichte "Der Adler", "Germanien"). Ähnliche Gedanken enthält auch das Gedicht "Gesang des Deutschen" (vgl. 3, S. 2f), in dem der Genius der (indogermanischen) Kulturen ausgehend von Griechenland ("Attika") von Land zu Land wandelt und vielleicht bei uns seine Heimstatt findet.

Für den Verfasser ist es erschütternd zu sehen, wie Hölderlin um eine gültige Fassung seiner Gotteinsicht ringt und dann unter Selbstbescheidung wiederholt seine Hoffnung und sichere prophetische Erwartung ausdrückt, dass diese heilende und heiligende neue Gestaltung religiösen Erlebens bald gegeben, und dass dies wohl in Deutschland geschehen werde (vgl. "Brot und Wein", "Wie wenn am Feiertage ...", bzw. "Gesang des Deutschen", "Germanien", u.a.). So ruft er in der gleichnamigen Elegie Germanien, "die stillste Tochter des Gottes", ("alldienend gleich der schweigenden Mutter Erd", vgl. "Gesang des Deutschen", 3, S. 2f) auf, nach langem Schweigen endlich die ersehnte Weisheit zu geben:
Und nenne, was vor Augen dir ist,
Nicht länger darf Geheimnis mehr
Das Ungesprochene bleiben.
Nachdem es lange verhüllt ist;
Muß zwischen Tag und Nacht
Einstmals ein Wahres erscheinen.
Dreifach umschreibe du es,
Doch ungesprochen auch, wie es da ist,
Unschuldige, muß es bleiben.
O nenne, Tochter du der heiligen Erd!
Einmal die Mutter. Es rauschen die Wasser am Fels
Und Wetter im Wald, und bei dem Namen derselben
Tönt auf aus alter Zeit Vergangengöttliches wieder,
Wie anders ists! und rechthin glänzt und spricht
Zukünftiges auch erfreulich aus den Fernen.
Doch in der Mitte der Zeit
Lebt ruhig mit geweihter
Jungfräulicher Erde der Äther,
Und gerne, zur Erinnerung, sind
Die Unbedürftigen, sie
Gastfreundlich bei den Unbedürftgen
Bei deinen Feiertagen,
Germania, wo du Priesterin bist
Und wehrlos Rat gibst rings
Den Königen und den Völkern.
Wer (wie der Verfasser) diese Erwartung in der mehr als hundert Jahre nach Hölderlin gegebenen Gotterkenntnis (Mathilde Ludendorffs) erfüllt sieht oder sehen möchte, wird zugleich auch den Spiegel sehr ernst betrachten, mit dem Hölderlin im vorletzten Brief Bellarmins des Werkes Hyperion einige der weniger schönen Seiten deutschen Wesens wiedergibt.

So sollen diese Ausführungen mit dem hohen Anspruch Hölderlins schließen, den er an die Deutschen stellt (1, S. 42):
An der Fahne allein soll niemand unser Volk erkennen, es muß sich alles verjüngen, es muß von Grund aus anders sein ... Nichts, auch das kleinste, das alltäglichste nicht ohne den Geist und die Götter!

Wilhelm Schäfler

(entnommen aus: Die Deutsche Volkshochschule, 
Folge 69, September 1990, S. 21-24)

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  1. von Unruh, Friedrich Franz: Friedrich Hölderlin. Georg Truckenmüller Verlag, Stuttgart 1942
  2. Hunke, Sigrid: Europas andere Religion. Econ Verlag, Düsseldorf 1969
  3. Gedenken an Friedrich Hölderlin. Die Deutsche Volkshochschule, Folge 68 (1990) 1, http://fuerkultur.blogspot.de/1990/07/gedenken-friedrich-holderlin.html
  4. M.G. Davidson: Kunst in Deutschland 1933-1945. Bd. 1 Skulpturen, Grabert-Verlag, Tübingen 1988

Sonntag, 1. Juli 1990

Gedenken an Friedrich Hölderlin

(20. März 1770 - 7. Juni 1843)
Wir gedenken des deutschen Dichters Friedrich Hölderlin anläßlich des 220. Jahrestages seines Geburtstages. Hölderlins zu gedenken heißt, sich zugleich die neue Lebens- und Gottschau ins Bewußtsein zu rufen, die er voraussah und zu verkünden suchte. Hölderlin verstehen heißt, die Notwendigkeit seiner glühenden Forderung zu fühlen, daß "alles von Grund aus anders" werde. "A Deo principium" hieß Hölderlins Losung; "alles im Tiefsten vom Göttlichen her bestimmt", so sollten auch wir von einer späteren und fortgeführten gedanklichen Grundlage her unser Wollen umreißen.
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O selige Natur! Ich weiß nicht, wie mir geschiehet, wenn ich mein Auge erhebe vor deiner Schöne ... und mir ist, als löste der Schmerz der Einsamkeit sich auf ins Leben der Gottheit.
Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.
Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden ...
(Hyperion)
Die selige Einigkeit, das Sein, im einzigen Sinne des Wortes, ist für uns verloren, und wir mussten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten.
(Entwurf einer Vorrede zu Hyperion)
Der Mensch sucht also .... seine Bestimmung zu erreichen, welche darin besteht, daß er sich als Einheit in Göttlichem ... enthalten, so wie umgekehrt, das Göttliche, ... in sich, als Einheit enthalten erkenne. ... dies ist allein in schöner heiliger, göttlicher Empfindung möglich, ...
(Über die Verfahrensweise des poetischen Geistes)
                                                                                                            Hölderlin 
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                         Gesang des Deutschen


O heilig Herz der Völker, o Vaterland!

Allduldend, gleich der schweigenden Mutter Erd',

Und allverkannt, wenn schon aus deiner

Tiefe die Fremden ihr Bestes haben!


Sie erndten den Gedanken, den Geist von dir,

Sie pflüken gern die Traube, doch höhnen sie

Dich, ungestalte Rebe! daß du

Schwankend den Boden und wild umirrest.


Du Land des hohen ernsteren Genius!

Du Land der Liebe! bin ich der deine schon,

Oft zürnt' ich weinend, daß du immer

Blöde die eigene Seele läugnest.


Doch magst du manches Schöne nicht bergen mir;

Oft stand ich überschauend das holde Grün,

Den weiten Garten hoch in deinen

Lüften auf hellem Gebirg' und sah dich.


An deinen Strömen gieng ich und dachte dich,

Indeß die Töne schüchtern die Nachtigall

Auf schwanker Weide sang, und still auf

Dämmerndem Grunde die Welle weilte.


Und an den Ufern sah ich die Städte blühn,

Die Edlen, wo der Fleiß in der Werkstatt schweigt,

Die Wissenschaft, wo deine Sonne

Milde dem Künstler zum Ernste leuchtet.


Kennst du Minervas Kinder? sie wählten sich

Den Oelbaum früh zum Lieblinge; kennst du sie?

Noch lebt, noch waltet der Athener

Seele, die sinnende, still bei Menschen,


Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr

Am alten Strome grünt und der dürftge Mann

Die Heldenasche pflügt, und scheu der

Vogel der Nacht auf der Säule trauert.


O heilger Wald! o Attika! traf Er doch

Mit seinem furchtbarn Strale dich auch, so bald,

Und eilten sie, die dich belebt, die

Flammen entbunden zum Aether über?


Doch, wie der Frühling, wandelt der Genius

Von Land zu Land. Und wir? ist denn Einer auch

Von unsern Jünglingen, der nicht ein

Ahnden, ein Räthsel der Brust, verschwiege?


Den deutschen Frauen danket! sie haben uns

Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,

Und täglich sühnt der holde klare

Friede das böse Gewirre wieder.


Wo sind jezt Dichter, denen der Gott es gab,

Wie unsern Alten, freudig und fromm zu seyn,

Wo Weise, wie die unsre sind? die

Kalten und Kühnen, die Unbestechbarn!


Nun! sei gegrüßt in deinem Adel, mein Vaterland,

Mit neuem Nahmen, reifeste Frucht der Zeit!

Du lezte und du erste aller

Musen, Urania, sei gegrüßt mir!


Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig Werk,

Das von dir zeuge, sinnest ein neu Gebild,

Das einzig, wie du selber, das aus

Liebe geboren und gut, wie du, sei –


Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,

Daß wir uns alle finden am höchsten Fest? –

Doch wie erräth der Sohn, was du den

Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?


                                                        Hölderlin



(Urania = Muse der Geschichte)
(digitale Version von --> hier)


Dieses Gedenken ist entnommen den ersten drei Seiten der Folge 68 der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" vom Juli 1990. Hier erfolgte - als Hinführung - ein erstes Gedenken an Friedrich Hölderlin. Die Bedeutung dieses Philosophen und Dichters für die Kultur- und Philosophie-Geschichte der Menschheit wurde in vielen späteren Ausgaben dieser Zeitschrift nach und nach dann immer grundlegender herausgestellt (1-5). Das soll hier auf dem Blog ebenfalls nach und nach dokumentiert - und ggfs. weitergeführt - werden. 

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"... Der Boden ist grüner geworden, offner das Feld ..."
(Fotograf: Benjamin Gimmel)
Schon in der Folge davor - vom Mai 1990 - war ein Aufsatz mit dem Titel "'Äther' oder 'Quantenvakuum'"? - Der Ätherbegriff in Naturwissenschaft und Philosophie" erschienen (1). Auch ihm war schon ein Auszug aus Hölderlins "Hyperion" beigestellt gewesen:
Der Boden ist grüner geworden, offner das Feld. Unendlich steht, mit der freudigen Kornblume gemischt, der goldene Weizen da, und licht und heiter steigen tausend hoffnungsvolle Gipfel aus der Tiefe des Hains. Zart und groß durchirret den Raum jede Linie der Fernen; wie Stufen gehn die Berge bis zur Sonne unaufhörlich hinter einander hinauf. Der ganze Himmel ist rein. Das weiße Licht ist nur über den Aether gehaucht, und, wie ein silbern Wölkchen, wallt der schüchterne Mond am hellen Tage vorüber.
(Hyperion)                                                                                                     Hölderlin

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  1. Leupold, Hermin: "Äther" oder "Quantenvakuum"? - Der Ätherbegriff in Naturwissenschaft und Philosophie. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 67, Mai 1990, S. 1-14
  2. Leupold, Hermin: Gedenken an Friedrich Hölderlin. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 68, Juli 1990, S. 1-3, http://fuerkultur.blogspot.com/1990/07/gedenken-friedrich-holderlin.html
  3. Schäfler, Wilhelm: Friedrich Hölderlin. Versuch zur Erfassung seines Werkes. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 69, September 1990, S. 21-24, http://fuerkultur.blogspot.de/1990/09/friedrich-holderlin.html
  4. Leupold, Hermin: Antworten auf Grundfragen zur menschlichen und kosmischen Existenz. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 71, Januar 1991, S. 1-4
  5. Leupold, Hermin (posthum): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution des Weltalls und des Bewußtseins. Die Deutsche Volkshochschule, 23845 Bühnsdorf, 2001