Sonntag, 10. September 2017

Konrad Lorenz - Wenig bekannte Tondokumente

Zeitlose Ansprachen und Interviews eines der bedeutendsten Forscher und Mahner des 20. Jahrhunderts

In der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" ist der Leserschaft das Leben und Lebenswerk des deutschen Verhaltensforschers, Philosophen und Naturbewahrers Konrad Lorenz (1903-1989) (Wiki) in mehreren Beiträgen mit großem Nachdruck ans Herz gelegt worden (1, 2). Wer einmal in seinem Leben diese Beiträge tief auf sich hat wirken lassen, dem wird das Bewußtsein von der Bedeutung des Lebenswerkes von Konrad Lorenz für die Geistesgeschichte der Menschheit nicht mehr verloren gehen können.




Insbesondere als Begründer der Evolutionären Erkenntnistheorie hat Konrad Lorenz grundlegendste Beiträge zu unserem heutigen, modernen Weltbild geleistet. Aus dem reichen Erkenntnissen seines Forscherlebens heraus wurde Konrad Lorenz aber in seinen letzten Lebensjahrzehnten auch zu einem der bekanntesten Gesellschaftskritiker seiner Zeit. Fast möchte man sagen, daß es schon zu seiner Zeit - mehr aber noch in unserer Zeit - keinen authentischereren und zugleich allgemein bekannten Gesellschaftskritiker gegeben hat - und gibt - als Konrad Lorenz.

Freilich gibt es andere Gesellschaftskritiker. Viele gibt es. Aber viel zu oft ist das, was sie vertreten, "durchstilisiert" entlang bestimmter gruppenevolutionärer Strategien. Man spürt viel zu oft die Absicht, ist verstimmt und legt die Mahnungen unwirsch beiseite. Dies kann einem bei Konrad Lorenz nie passieren. Hier spricht ein durch und durch freier Mensch, nur sich selbst und der Kultur, der er angehört, verantwortlich.

Nun aber kann man ergänzend zu diesen genannten Beiträgen - und womöglich noch eindrucksvoller als durch jede schriftliche Übermittlung und durch jede Übermittlung über Bildbände - einen Eindruck von dem tiefen Ernst im Denken, Leben und Handeln von Konrad Lorenz auch gewinnen, wenn man sich Vorträge und Reden von ihm anhört, die inzwischen im Internet frei zugänglich geworden sind (3). Und der Sinn dieses Beitrages ist es, auf solche wertvollen Tondokumente hinzuweisen.

Die beiden Langspielplatten "Umweltgewissen" von 1989


So stieß der Autor dieser Zielen erst vor kurzem auf eine erste größere Zusammenstellung von Hördokumenten von Konrad Lorenz, die schon 1989 unter dem Titel "Umweltgewissen" auf zwei Langspielplatten (bzw. Hörkassetten) veröffentlicht worden sind (3). Dabei können diese Hördokumente - laut Angabe - schon seit 2012 auf Youtube frei verfügbar angehört werden*). Auch weil man bei bloßen Hördokumenten nicht abgelenkt wird von Seh-Eindrücken, mögen solche Tondokumente manchmal noch eindrucksvoller in ihrer Wirkung sein als Filmaufnahmen von und mit Konrad Lorenz (die inzwischen ja auch reichlich verfügbar sind [4]).

Man kann Reden und Vorträge, in denen Konrad Lorenz weniger als Wissenschaftler denn als Mahner spricht (3), nicht anhören, ohne selbst von dem tiefen Ernst ergriffen zu werden, in dem Konrad Lorenz seine Gedanken vorträgt. Und somit ist über sie sicherlich noch ein direkterer, unmittelbarerer Eindruck vom Menschen und Menschheitswarner Konrad Lorenz möglich als über andere Formen der Mitteilung.

Auf den beiden Schallplatten "Umweltgewissen" finden sich zum Beispiel auch viele Kerngedanken von Konrad Lorenz angesprochen, und zwar oft auch ganz neu oder anders formuliert als man es von anderen Quellen her kannte. So spricht Konrad Lorenz auf diesen etwa über die "Sinnentleerung der Welt" (3) (im dritten Video). Er äußert Gedanken wie dieser Sinnentleerung entgegen gesteuert werden kann. Diese Gedanken stehen in voller Übereinstimmung mit den Anliegen des vorliegenden Blogs und mit denen der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule". Und so findet man noch viele andere überraschende Gedanken und Handlungen auf diesen beiden Langspielplatten, von denen andernorts (vor allem in Büchern) noch nichts zu hören war.

Diese beiden Langspielplatten aus dem Jahr 1989 sind aber nun - und auch das überraschenderweise - gar nicht einmal die einzigen Tondokumente, die von Konrad Lorenz überliefert sind und inzwischen frei verfügbar geworden sind. Auf der Internetseite von "Konrad Lorenz Haus Altenberg" findet sich eine Zusammenstellung aller frei verfügbaren Tondokumente und Filme von und über Konrad Lorenz, die womöglich regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht wird. Und indem man auf diese Internetseite stößt, stößt man auf einen unglaublich reichen Schatz (4). Auf dieser Seite finden sich auch zahlreiche ausführliche Radio-Interviews mit Konrad Lorenz, sowie Ansprachen anläßlich von Preisverleihungen.

"... was die großen Köpfe der Vergangenheit längst wußten"


Abschließend sei noch auf eine ganz besondere Perle unten den überlieferten Filmaufzeichnungen von Vorträgen von Konrad Lorenz hingewiesen, nämlich auf seinen Vortrag "Soziale Bindungen und die in ihrem Dienste ritualisierten Verhaltensweisen" aus dem Jahr 1972 in Göttingen (5). In diesem Vortrag äußert er eine Fülle von Erkenntnissen, die er unseres Wissens niemals in Schriftform veröffentlicht hat, die aber mehr oder weniger "Intuitionen" im Sinne von Konrad Lorenz darstellen, die oft erst vor wenigen Jahren ihre überraschende wissenschaftliche "Verifikation" erlangt haben.

Dazu gehören mehrere Gedanken über den Menschen als Gruppenwesen, die er am Ende seines Vortrages äußert.

Zu den hier geäußerten, aus den verschiedensten Verhaltensbeobachtungen gewonnen Intuitionen gehört insbesondere auch jene, daß Konrad Lorenz an einer Stelle im Vortrag sagt, daß die intelligentesten Arten einer Gruppe von Fischen oder Vögeln auch die intensivste Paarbindung haben, daß es also zwischen Paarbindung und Intelligenzevolution auf sehr grundlegender Ebene eine Verbindung gibt. Dieser außerordentlich bedeutsame Gedanke wurde erst vor wenigen Jahren von dem aufgeweckten britischen Anthropologen Robin Dunbar und seinen Mitarbeitern anhand von statistischen Artvergleichen verifiziert - und zwar von diesen im Grunde ganz unbeabsichtigt! (Wir berichteten auf unserem Wissenschaftsblog "Studium generale" darüber ausführlicher.) Vor zwei Jahren wiesen wir Robin Dunbar auf diese Inhalte des deutschsprachigen Vortrages von Konrad Lorenz hin und er antwortete uns:
Oh, that is VERY neat! Thanks VERY much for sending me this. You see, science consists in simply rediscovering what the great minds of the past already knew…..
Zu Deutsch also:
Oh, das ist SEHR nett! VIELEN Dank, daß Sie mir das gesendet haben. Sie sehen, Wissenschaft besteht darin, einfach das neu zu entdecken, was die großen Köpfe der Vergangenheit längst wußten.
Und mit diesem hinreißenden Satz, der noch einmal die ganze Bedeutung dieser Film- und Tondokumente von Konrad Lorenz zusammen faßt, sei der vorliegende Beitrag, der wie gesagt eigentlich nur ein Hinweis sein soll, abgeschlossen.

____________________________________________________
*) Es erscheint einem hier nicht zum ersten mal merkwürdig, wie lang bestimmte, wertvolle Video's auf Youtube veröffentlicht sind, ohne daß man jemals auf sie gestoßen ist. (In diesem Fall fünf Jahre lang!) Ob es hier bewußte Manipulationen der Suchalgorithmen gibt, die verhindern, daß man solche früher entdeckt, stehe dahin. (Solche Manipulationen sind ja inzwischen von der Firma Google gut bezeugt.) Jedenfalls wundert sich der Autor dieser Zeilen, der in den letzten Jahren gewiß häufiger nach neuen Video's von und über Konrad Lorenz gesucht hat, daß ihm die Hördokumente, auf die in diesem Beitrag hingewiesen wird, bislang entgangen sind - obwohl sie doch schon im Jahr 2012 veröffentlicht worden sind.
____________________________________________________
  1. Schäfler, Wilhelm: Tierfreund, Erforscher tierischen und menschlichen Verhaltens, Philosoph und Naturbewahrer. Leben und Werk von Konrad Lorenz. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 63, September 1989, S. 1-12
  2. Leupold, Hermin: Wie sind die menschlichen Denk- und Erlebnisfähigkeiten zustandegekommen? Die evolutionäre Entstehung der angeborenen Formen menschlicher Erfahrung. In: In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 72, März 1991, S. 1-11
  3. Lorenz, Konrad: Umweltgewissen. Ein Hörbild mit Stimmdokumenten aus zwei Jahrzehnten begleitet von Bernd Lötsch. 2 Langspielplatten, CBS Schallplatten GesmbH, Wien 1989, https://www.youtube.com/watch?v=Nk8h8etRmjs&t=1s, https://www.youtube.com/watch?v=w_7NBsRYSd4&t=66s, https://www.youtube.com/watch?v=6_-p_Gg-UUc, https://www.youtube.com/watch?v=LSP13I5_osk, https://www.youtube.com/watch?v=6GwhGanh15s, https://www.youtube.com/watch?v=fB9alMDQJ4o; (s.a. Discogs)
  4. Filme und Audiodokumente über Konrad Lorenz. Konrad Lorenz Haus Altenberg, http://klha.at/kl_filme.html [10.9.2017] 
  5. Lorenz, Konrad: Soziale Bindungen und die in ihrem Dienste ritualisierten Verhaltensweisen. Vortrag anläßlich der Tagung Encyclopaedia Cinematographica, Göttingen 3. Oktober 1972, Film des Instituts für den wissenschaftlichen Film, https://www.youtube.com/watch?v=1kTDEpa4cRM&index=6&list=PLV4uV6GKLmOsizq8bRZmmI3o1I_6CAM5x

Samstag, 2. September 2017

"Ich glaube, daß man durch den Tod gezwungen wird, sinnvoll zu leben"

Ernst Peter Fischer, der Konstanzer Wissenschaftshistoriker, äußert viele Grundgedanken der Philosophie von Mathilde Ludendorff, ohne ihren Namen zu nennen

In einem Interview mit dem 70-jährigen Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer (geb. 1947) (Wiki), das Anfang Januar dieses Jahres 2017 veröffentlicht worden ist (1), äußert sich dieser zu sehr grundlegenden Fragen nach dem Sinn des Todesmuß des Lebens und nach dem Sinn des Lebens. Viele seiner Gedanken stehen in hundertprozentiger Übereinstimmung mit der Philosophie von Mathilde Ludendorff (1877-1966) (Wiki). Aber ihren Namen nennt er an keiner einzigen Stelle. Dieses Interview soll im folgenden etwas gründlicher erörtert werden.




Gleich am Anfang des Interviews erörtert Ernst Peter Fischer den Gedanken:
"Der Tod ist nicht gleichzeitig mit dem Leben entstanden." 
Leider ist dieser Satz schon aus rein naturwissenschaftlicher Sicht nicht ganz richtig. Auch bei den weiteren Ausführungen sind leider manche gedanklichen Unschärfen bei der Mitteilung des naturwissenschaftlichen Forschungsstandes festzustellen. Aber man kann die Gedanken, die Fischer äußern will, ja hier noch einmal gedanklich etwas präziser fassen. Denn es ist klar, was er sagen will. Er spricht über die Einführung des gesetzmäßigen Alterstodes in die Evolution beim Übergang des Lebens vom Einzeller zum Vielzeller.

Er vergißt zu erwähnen, daß Einzeller zwar nicht unbedingt einen gesetzmäßigen Alterstod kennen, daß aber Tod sehr wohl Teil ihres Leben ist und daß es den Tod sehr wohl seit der Zeit gibt, seit der es Leben gibt. Denn Einzeller können den Unfalltod sterben. Und sie sterben ihn in der Regel auch. Nur das "Todesmuß", der gesetzmäßige Alterstod, ist nicht gleichzeitig mit dem Leben entstanden. Das ist der Kerngedanke, den Ernst Peter Fischer hier zum Ausdruck bringen will.

Und das ist sehr wertvoll, daß er das tut. Dieser Kerngedanke stammt von dem berühmten deutschen Evolutionsforscher August Weismann. Und er ist zugleich der Ausgangspunkt der naturwissenschaftsnahen Philosophie seiner Schülerin Mathilde Ludendorff. Diese Philosophie ist ab dem Jahr 1921 nieder gelegt worden. Würde sich Ernst Peter Fischer auf diese Philosophie beziehen, würde es ihm wohl nicht so schwer fallen, seine Gedanken präziser zu fassen. Das Nichterwähnen dieser Philosophie wenn solche naturwissenschaftlichen im Zusammenhang mit philosophischen Fragen angesprochen werden, kann man heute kaum noch für intellektuell redlich halten.

Denn die philosophische Deutung der evolutionären Einführung des Alterstodes durch Mathilde Ludendorff steht sehr einzigartig da in der Philosophie-Geschichte. Dem Autor dieser Zeilen ist kaum eine Alternative zu dieser sehr grundlegenden philosophischen Deutung bekannt geworden. Diese philosophische Deutung schließt aber zugleich unmittelbar an auch noch an den heutigen Forschungsstand in der Naturwissenschaft, also jenen, auf den sich - unscharf - Ernst Peter Fischer in diesem Interview bezieht. Also darf man Mathilde Ludendorff nicht mit Schweigen übergehen. Denn welcher Gedanke ist naheliegender als ihrer, nämlich daß der materielle Unsterblichkeitswille der lebenden Zellen, der sich in ihrer Tendenz zur Zellteilung und Zellvermehrung Ausdruck verschafft, im Verlauf der Evolution und dann im Verlauf der Kulturgeschichte der Menschheit sich "vergeistigt" hat zu einem Unsterblichkeitwillen bewußter, mit einem Großhirn ausgestatteter Lebewesen? Zum menschlichen Willen, wie Ernst Peter Fischer es ausdrückt, auch bezüglich des Lebensendes "Grenzen überschreiten" zu wollen.

Krebszellen, so sagt Ernst Peter Fischer - im Einklang mit dem gegenwärtigen Forschungsstand - gewinnen die potentielle Unsterblichkeit zurück, schalten also evolutionär primitivere, einfachere Programme an, zerstören dabei aber das Leben des vielzelligen Organismus, zu dem sie angehören. Anhand dieses Umstandes will Fischer aufzeigen, daß auch noch in allen sterblichen Zellen aller Vielzeller die Tendenz vorhanden ist, sich unendlich teilen zu wollen und damit unsterblich zu leben, und dabei aber auf Kosten des Gesamtorganismus zu "wuchern".

Der (gesetzmäßige) Alterstod eines vielzelligen Organismus kommt aber - nach Fischer - gemäß eines Gedankenganges, den er in dem Interview leider ebenfalls viel ausführlicher erläutern müßte, um verständlich zu sein, dadurch zustande, "daß die einzelne Zelle im Gesamtverband des Organismus ihre Aufgabe erfüllt". Und diese Aufgabe besteht unter anderem - aber nur unter anderem - darin, nicht zur Krebszelle zu werden. Ansonsten besteht die Aufgabe der einzelnen Zelle eines Vielzellers vor allem darin, Nervenzellen das Leben zu unterhalten und damit schrittweise in der Evolution größeres Bewußtsein - bis hin zum Großhirn des Menschen - zu ermöglichen. So wie es Fischer ausdrückt, ist es aber natürlich noch keine vollständige Theorie des gesetzmäßigen Alterstodes. Aber immerhin.

Zum Nachdenken von Ernst Peter Fischer über diese Fragen könnte auch dazu gehören, daß er - wenigstens ansatzweise, aber vielleicht ungenügend - um das Nachdenken und die Forschungen meines Onkels, seines Konstanzer Kollegen, des Zellphysiologen Gerold Adam (1933-1996) (Wiki), wußte, für den das Wechselspiel zwischen dem Streben der einzelnen Zelle nach Unsterblichkeit (unendlicher Zellteilungsfähigkeit) und der Einordnung der einzelnen Zelle in einen vielzelligen, aber sterblichen Organismus mit streng gesetzmäßiger Zahl von Zellteilungen je nach Gewebeart das Hauptthema der Forschung seiner beiden letzten Lebensjahrzehnte an der Universität Konstanz war.

Wie wäre es, wenn wir unsterblich leben würden?


Bei einem anderen - eher philosophischen - Gedanken ist Fischer sich dann wieder sicherer, nämlich daß unsterbliches körperliches Leben mit einem bewußten Leben sehr schwer in Einklang zu bringen sein würde, daß vielmehr unser bewußtes Leben deshalb so ereignisreich und tatfroh ist wie es ist, weil wir sterblich sind. Würden wir körperlich viele hundert oder tausend Jahre leben, gäbe es ja keinen Grund, so Fischer, heute das zu tun, was man auch morgen tun könnte. Und der Mensch neigt ja bekanntermaßen dazu "aufzuschieben". Und dieser Gedanke ist natürlich ein sehr leicht nachzuvollziehender Gedanke. Es ist ein Gedanke, der genau so auch schon von Mathilde Ludendorff 1921 geäußert wurde.

An diesen kann auch der Gedanke angeschlossen werden, daß die Evolution selbst vergleichsweise langweilig war, solange es den gesetzmäßigen Alterstod noch nicht gab, daß sie mehrere Milliarden Jahre nur so "vor sich hin tuckerte" im Einzeller-Status, und daß sie ihre unglaubliche spannende, mannigfaltige Artenvielfalt der Vielzelligkeit erst entfaltete als der gesetzmäßige Alterstod eingeführt worden war (sichtbar vor allem ab dem Präkambrium und der Kambrischen Artenexplosion).

Dann sagt Ernst Peter Fischer - wie oben schon angedeutet -, daß das Streben des Menschen immer schon gewesen ist, Grenzen zu überwinden, also natürlich auch die Grenze des Alterstodes. Mathilde Ludendorff hat dies den menschlichen "Unsterblichkeitwillen" genannt. In den vielfältigen menschlichen Religionen auf dieser Erde sind vielfältige Versuche unternommen worden, diese Grenze zu überwinden, sagt Fischer. Und genau das ist auch der Grundgedanke des Buches von Mathilde Ludendorff aus dem Jahr 1921 "Triumph des Unsterblichkeitwillens". Er wird in diesem Buch gleich einleitend angesprochen:
Wie Schatten flüchtig gleiten die Menschengeschlechter über die Erde,
Sie blühn und vergehen und singen dabei das hohe,
Das niemals verstummende Lied unsterblichen Lebens.
"Ich glaube," sagt Fischer, "daß man durch den Tod gezwungen wird, nicht nur biologisch zu existieren, sondern sinnvoll zu leben." - Nun, gezwungen wird man nicht - viele Menschen nutzen ja die Möglichkeit des Vergessens und Verdrängens bezüglich ihres Wissens, daß sie irgend wann sterben müssen. Aber natürlich ist die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit durchaus ein starker Antrieb, wenn nicht einer der stärksten Antriebe dazu, sinnvoll zu leben. Genau das ist wiederum der Grundgedanke der Philosophie von Mathilde Ludendorff. Also darf sie schlichtweg, wenn ein solcher Gedanke geäußert wird, nicht unerwähnt bleiben, denn ihre Philosophie ist Teil der Geistesgeschichte, Teil des naturwissenschaftsnahen Denkens der letzten einhundert Jahre.

Im übrigen ist dieser von Ernst Peter Fischer geäußerte Gedanke natürlich ein Gedanke, dem man noch sehr viel Raum in seiner Seele lassen könnte, auf daß er sich entfalte. Was heißt denn - im Angesicht der Endlichkeit unseres körperlichen Lebens - "sinnvoll" zu leben?, ist natürlich eine Frage, die sich anschließt. Sehr schön ist dazu zum Beispiel auch der Kommentar eines Zuhörers auf Youtube:
"Tolle (...) Antworten. Ich würde ihm gerne die Frage stellen: Wie hält man so tief ins Sein gedacht die politische/gesellschaftliche Realität, die wir uns bereiten, aus?"
Das ist sicherlich eine gute Frage. Und tatsächlich gibt es auf diese Frage auch aus der Wissenschaft schon erste Antworten: Durch Vergessen. Menschen hingegen, die mit dem eigenen Tod konfrontiert werden, die an ihn erinnert werden, sind in ihren moralischen Urteilen rigoroser und kompromißloser, werden leichter zornig. Sie halten die politische, gesellschaftliche Realität also keineswegs unwidersprochen aus. Und das ist sicher einer der Gründe, weshalb in den Medien der Tod ständig verharmlost wird und werden muß in der Form, daß der Fernsehzuschauer und Zeitungsleser zum Darstellungen und Meldungen zu Todesfällen, Mord und Totschlag geradezu in Dauerberieselung überschüttet wird, werden muß, ohne daß das emotional noch tiefere Auswirkungen bei ihm hinterläßt. Und dementsprechend kann seit wenigen Jahrzehnten auch der Tod ganzer Kulturräume (des Abendlandes, der westlichen Welt) fortlaufend erörtert werden in der Medienwelt, ohne daß der Mensch sich noch angemessen aufrafft, um scharf und entschieden auf dieses weltgeschichtliche Geschehen zu reagieren.

Schön ist dann weiterhin, daß Ernst Peter Fischer dem Menschen - und auch den Tieren - nicht die Seele abspricht, sondern daß er den begeisternden Gedanken äußert, daß unsere Wahrnehmung darauf ausgerichtet ist, das Individuelle eines Mitmenschen wahrzunehmen und den Mitmenschen darin mit Achtung zu begegnen. Dies ist ein Gedanke, so kann man hier lernen, der von dem griechischen Philosophen Aristoteles stammt, und aus dem Aristoteles die menschliche Moral abgeleitet hat. Interessant! Im weiteren Verlauf des Interviews wird die Frage erörtert, was aus naturwissenschaftlicher Sicht eigentlich Bewußtsein ist. Fischer sagt an einer Stelle:
"Natürlich wäre jetzt die Aufgabe, dem Ganzen einen philosophischen oder konzeptionellen Überbau zu geben. Aber das wird nicht propagiert."
Diesen Satz kann man ja einmal weitgehend unkommentiert lassen. Wir hatten schon darauf hingewiesen, daß Ernst Peter Fischer ja im Grunde genommen selbst viel Anlaß hat, einen solchen Überbau zu "propagieren", einfach indem er intellektuell redlich aufhört, den Namen Mathilde Ludendorff zu verschweigen.

Ein weiterer schöner Gedanke ist es, daß er sagt, daß Aufklärung und Romantik komplementär zueinander wären, also zwei unterschiedliche Annäherungsweisen an dieselbe Wirklichkeit darstellen würden, die beide notwendig sind zu berücksichtigen wären, wenn das Phänomen Wirklichkeit möglichst vollständig erfasst werden soll. Das ist ein sehr tiefer Gedanke. Schließt er doch auch die Möglichkeit aus, daß man - wozu es heute viele Neigungen gibt - das eine gegen das andere auszuspielen. Nein, erst gemeinsam geben sie ein vollständiges Bild der Wirklichkeit. Fischer leitet diesen Gedanken aus dem komplementären Denken der Physik zum Welle-Teilchen-Dualismus ab. Das Denken in Komplementarität stammt ja unter anderem von den Atomphysiker Niels Bohr. Mit diesem Gedanken ist natürlich eine bedeutende Aufwertung der Geisteswissenschaft gegeben durch einen Naturwissenschaftler, eine Aufwertung, die wiederum vollständig auf der inhaltlichen Linie der Aussagen der Philosophie von Mathilde Ludendorff liegt.

Im zweiten Teil des Interviews wird sehr oft deutlich, daß es Fischer selbst noch an dem von ihm geforderten philosophischen Überbau fehlt, einem Überbau nämlich, der klar ausspricht, daß es eine zweite Seite der Wirklichkeit gibt, die dem Menschen über das Werterleben, über das ästhetische Erleben, über das Erleben des Wahren, Guten und Schönen zugänglich ist, und daß erst im Erschließen des Erlebens dieser zweiten Seite der Wirklichkeit der Sinn des Menschenlebens hier auf dieser Erde erfüllt wird. Hier könnte sich Ernst Peter Fischer von seinem verstorbenen Kollegen Gerold Adam, der diese zweite Seite der Wirklichkeit - ebenfalls im Anschluß an den Philosophen Nicolai Hartmann - und im Anschluß an die Philosophin Mathilde Ludendorff - gedanklich genauer gefaßt und wissenschaftsgeschichtlich eingeordnet hat, womöglich noch manches sagen lassen (2).

__________________________________________________

  1. Huemer, Werner: „Der Tod ist nicht gleichzeitig mit dem Leben entstanden“ - Zu Besuch bei Ernst Peter Fischer. ThantaosTV, 4.1.2017, https://www.youtube.com/watch?v=0bmEnFKl5rE
  2. Leupold, Hermin (d.i. Gerold Adam): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Die Deutsche Volkshochschule, Bühnsdorf 2001, 2014

Dienstag, 1. August 2017

Was zu tun ist am wichtigsten?

Antworten auf Lebensfragen junger Menschen 
- Mitschrift eines Vortrages von Gerold Adam aus dem November 1993

Im November 1993 ist der Physiker, Biologe und Philosoph Gerold Adam (1933-1996)(Wiki), Autor der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule", einmal von einem Kreis von Menschen, die sich mehrheitlich etwa auf das 30. Lebensjahr zubewegten, gebeten worden, zu eher konkreteren Orientierungsfragen im Leben einige Worte zu sagen und auch ein Gruppengespräch darüber mitzugestalten (zu "moderieren"). Aus diesem Anlaß hat Gerold Gedanken vorgetragen, die nach der Mitschrift eines Zuhörers mit der vielleicht etwas sperrigen Überschrift versehen worden sind: "Was zu tun ist am wichtigsten?"


Abb. 1: Gerold Adam, 1985

Aber ganz offensichtlich war das die Ausgangsfrage, die dem Mitschreibenden und einigen seiner Freunde in diesem Kreis damals gerade auf dem Herzen brannte. Wenn Menschen das dreißigste Lebensjahr erreichen oder es in näherer Zukunft erreichen werden, stellen sie sich oft schon andere Fragen als zehn Jahre zuvor. Oder sie stellen sie sich in anderer Art als früher. In der Regel hat man dann eine noch etwas unreifere Jugendzeit hinter sich gelassen, man hat eine Berufsausbildung oder ein Studium begonnen oder auch schon abgeschlossen, man hat Familie gegründet oder ist doch gedanklich ernsthafter als zuvor damit beschäftigt.

Aus solchen Lebenszusammenhängen heraus fragt man nun schon in ganz anderer Weise als zuvor, worauf es eigentlich im Leben ankommt, was zu tun eigentlich wichtig sein könnte. (Dies tun natürlich insbesondere Menschen, denen die weit verbreitete Lebenshaltung wie sie etwa in Werbeslogans zum Ausdruck gebracht wird wie "Spiel, Spaß, Spannung - Yogurette"*) zu wenig, zu oberflächlich und zu schal ist im Leben.) Der beschriebene Lebensabschnitt ist nun ein Alter, in dem man schon eine kleine Wegstrecke bewußter gelebten Lebens hinter sich gebracht hat, man kann eine Wegstrecke überblicken, die vielleicht schon die eine oder andere Höhe oder Tiefe mit sich gebracht hat. Man hat seine Kräfte erprobt, man hat vielleicht auch erste Grenzen seiner Kraft kennen gelernt. Aber man hat vielleicht auch noch längst nicht alle Kräfte im Leben entfaltet, die man entfalten kann.

Insgesamt jedenfalls steht man womöglich nun schon ein wenig gesammelter vor der Frage, wo soll es eigentlich mit meinem künftigen Leben hingehen?

Gerold referierte im Zusammenhang mit solchen Fragen nun eine vergleichsweise konkrete Liste von Aufgaben, die zu leisten wichtig sein könnten für Menschen, die sich verantwortlich fühlen für den Fortbestand unseres Volkes und unserer Kultur. Da man einer Zusammenstellung von Lebensaufgaben in einer so konkreten Form an anderer Stelle womöglich noch nicht begegnet ist, sollen diese Gedanken im folgenden einmal - anhand der genannten Mitschrift des Teilnehmers - festgehalten und auch zum besseren Verständnis ausführlicher erläutert werden. Gerold nannte fünf Punkte:

  1. Gestaltung von Ehe und Familie
  2. Selbstteilnahme und bewußte Einbettung in unsere Kultur
  3. Einbindung in das Volksschicksal
  4. Philosophische Sinngebung
  5. Eigenes Schaffen


1. Gestaltung von Ehe und Familie


In seinen Ausführungen ging Gerold schrittweise vor vom Allgemeineren zum Besonderen. Also von dem, was jeder tun kann hin zu dem, was Vereinzelte aufgrund von Begabung und Neigung besser tun können als andere, das aber für alle anderen ebenso wichtig ist. Als erste wichtige Aufgabe nannte er - das mag nun zunächst einigermaßen selbstverständlich klingen - die Gestaltung von Ehe und Familie: „Definitionssicherung durch die Familie“, heißt es in der Mitschrift. Gemeint ist damit wohl: Aufgabenstellungen im Leben, die im Widerspruch stehen zum Gründen und Leben von Familie können von vornherein weitgehend als eher unwichtige ausgeschlossen werden für die weiteren Überlegungen. Denn sie sichern ja den Fortbestand unserer Kultur aufgrund der heutigen demographischen Entwicklung nicht. Gerold hat diesen Gedanken jedenfalls auch sonst häufiger erörtert (z.B.: 1). Gerold führte zu diesem Punkt 1993 nun unter anderem aus:
Eine heile Ehe kann ein Aufwachsen der Kinder zu seelisch gesunden Menschen ermöglichen.
Dieses Thema haben Werner Preisinger, Gerold Adam und andere zu anderen Gelegenheiten unter anderem anhand der Forschungen des Biologen Adolf Portmann (1897-1982) über das "extrauterine Frühjahr" des Menschen und die Bedeutung der langen Kindheit des Menschen in ausführlichen Aufsätzen oder Vorträgen erörtert (z.B.: 2-4). Auch hat Gerold gelegentlich darauf hingewiesen, daß Kinder etwa zwischen dem sechsten und dem achten Lebensjahr am Vorbild des gleichgeschlechtlichen Elternteils Verhaltensmuster lernt oder auf diese geprägt wird, die es dann auch selbst später in Paarbeziehungen leben wird. Nicht zuletzt deshalb - aber sicherlich noch aus vielen weiteren Gründen heraus hier die Betonung auf "heile Ehe". Darüber wäre natürlich noch viel zu sagen. Doch gehen wir in der Mitschrift weiter (die übrigens nicht vom Verfasser des vorliegenden Blogbeitrages stammt):
Formung des Kindes durch sein Hineinwachsen in seine Sprache und Kultur.
Die Forschung erkennt von Jahr zu Jahr mehr, wie bedeutsam und irreversibel der prägungsähnliche Erwerb der Muttersprache für das gesamte künftige Leben eines Menschen ist. Dieser Umstand ist hier zunächst angesprochen. Die Bedeutung der Muttersprache für den Fortbestand der Kultur hat Gerold bei vielen Gelegenheiten hervor gehoben, auch in Beiträgen der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule". Aber auch sonst ist hier für die Eltern - nach Gerold - ein weites Aufgabenfeld gegeben. Sie können Einfluß nehmen auf die geistigen und mitmenschlichen Anregungen, die Kinder in ihrer Kindheit erhalten, etwa indem sie ein mitmenschliches Zusammenleben vorleben, das vorbildlich ist für die Kinder und ihrem Gedeihen förderlich, das sie seelisch stark macht für all die vielleicht schweren Aufgaben, die ihnen als erwachsene Menschen einmal gestellt sein werden.

Dies kann auch etwa geschehen, indem die Eltern jene Geschichten auswählen, die abends vor dem Schlafengehen vorgelesen werden. Dieses Vorlesen vor dem Schlafengehen war Gerold beispielsweise immer etwas sehr Wichtiges. Und Gerold wußte schöne Bücher, die man aus diesem Anlaß vorlesen kann (z.B.: 5, 6). Ebenso war ihm wichtig die Auswahl der Spielfilme, die die Eltern - natürlich - zusammen mit ihren Kindern ansehen. Aus diesen Gedanken heraus ergibt sich dann auch die konkretere Forderung, die von Gerold in diesem Zusammenhang außerdem noch gestellt wurde:
Dabei Beschränkung der Ansprüche, so daß ein Verdiener die Familie ernähren kann.
So heißt es in der Mitschrift. Diese Forderung ergibt sich daraus, daß es von der Natur her so vorgesehen ist und für Kinder eindeutig besser ist, im Elternhaus aufzuwachsen als die streßreiche Fremd- und "Kollektiv"-Erziehung in der Kinderkrippe, in Kindertagesstätten, sowie im nachmittäglichen Hort der Schule zu erfahren, die ja gelegentlich auch mit gutem Grund Orte genannt wurden, wo Kinder "geparkt" würden. Die Wissenschaft weiß zum Beispiel inzwischen noch deutlicher als noch 1993, daß Kinder in außerfamiliärer Betreuung einen Blutspiegel des Streßhormons Kortisol aufweisen, der dem eines schwer kranken Kindes entspricht. Die Folgen einer Jahre langen Fremdbetreuung sind deutlich reduzierte Fähigkeiten im Umgang insbesondere mit seelisch wesentlichem Belastungs- und Veränderungsstreß im Erwachsenenalter und damit im Umgang mit seelischer Reifung überhaupt. Diese seelische Schwäche wirkt sich aus in Richtung auf eine Mentalität der Anpassung an vorherrschende Gewohnheiten. Es fällt schwerer, einen eigenen Lebenstil auch dann zu leben, wenn die Umwelt einen ganz anderen Lebensstil pflegt.

Es handelt sich hierbei deshalb vermutlich um einen außerordentlich bedeutsamen Themenbereich, um so bedeutsamer, wenn man sich verdeutlicht, daß in der Evolution selbst alle größeren evolutiven Stufen im Wesentlichen eine Erweiterung der elterlichen Aufgaben mit sich brachten, weil zugleich die Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit der Nachkommenschaft größer wurde. (Siehe etwa den Übergang von Reptilien zu Säugetieren, von Nacktsamern zu Bedecktsamern, um nur die bekanntesten und anschaulichsten Evolutionstrends diesbezüglich im Tier- und Pflanzenreich zu benennen.) Der Evolution selbst also ist offensichtlich die Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit der Nachkommenschaft und die elterliche Pflege und der Schutz derselben etwas außerordentlich Zentrales gewesen bis heute.

Und dieser Umstand kann natürlich auch philosophisch gedeutet werden und wurde es auch schon.


2. Selbstteilnahme und bewußte Einbettung in unsere Kultur


Als nächste Aufgabe nannte Gerold „Selbstteilnahme und bewußte Einbettung in unsere Kultur“. Das bezog sich sowohl auf jeden Einzelmenschen für sich, als auch auf das Leben der Familie und natürlich in der überfamiliären Gemeinschaft der Menschen gleicher Kultur:
Inseln der deutschen Kultur schaffen,
sagte er hierzu. Das kann durch Teilnahme am Vereinsleben der eigenen örtlichen Gemeinde sein (Mitsingen etwa im Chor oder Teilnahme an anderen örtlichen kulturellen Veranstaltungen), das kann vieles andere auf dieser Linie mehr sein:
Das eigene Tun regt die Kinder zum Nachdenken an.
Man solle, wenn man könne, musizieren, man solle tanzen, man solle Jahresfeste und Familienfeiern gestalten:
Was die Schule verschüttet oder abtötet, selbständig erwerben,
hielt die Mitschrift fest. Hier geht es also im Wesentlichen darum, die überlieferte Kultur als Mensch, in der Familie und darüber hinaus auch zu leben und sie nicht als etwas Museales, Ungelebtes, Abseitiges links liegen zu lassen.

Natürlich könnte dazu dann auch etwa das Lesen der Dichter und Denker unserer Kultur gehören. Etwa damit ihre Worte nicht wahr würden, die da lauten "Wozu Dichter in dürftiger Zeit?" (Hölderlin) oder (Weinheber):
Lebt ein Leib ohne Herz? Und du, Volk, lebst ohne die Kunst?
Abb. 2: Gerold Adam, 1989
Ein halbes Jahr vor dieser Gesprächsrunde hatte Gerold die selbstverständliche Teilnahme der Menschen früherer Generationen an ihrer eigenen Kultur und ihre Einbettung in dieselbe einmal ausführlicher anhand des Kulturlebens der schlesischen Stadt Skotschau aufgezeigt (7). (Er hatte dazu einen Aufsatzentwurf des Autors dieser Zeilen deutlich erweitert und dann als eigenen veröffentlicht.) In dieser Stadt lebten Dichter, Maler, Historiker, Politiker oder sie wurden in dieser Stadt geboren. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben sei vor allem - neben der Schule und den Kirchen - durch die freiwillige Feuerwehr und die Gesangvereine getragen gewesen wie anschaulich geschildert wird. Gerold sprach dann von der hohen Begabungsdichte unter den schlesischen Deutschen und hielt schließlich fest (7):
Daß solche Begabungen sich herausbilden und entfalten können, beruht auf der Pflege des Gemeinschaftssinnes und des Kulturlebens, wie sie für die ostdeutschen Kleinstädte Skotschau, Bielitz, Teschen u. a. kennzeichnend war. (...) So kann die kleine Stadt Skotschau uns die Grundlagen aufzeigen, auf denen wahre Kulturleistungen erwachsen können und deren wesentliche Züge es zu erhalten gilt, wenn unsere Kultur weiterleben soll.
So zentrale Aussagen eines Aufsatzes von Gerold aus dem gleichen Jahr.


3. Einbindung in das Volksschicksal


Als dritte Aufgabe nannte Gerold im November 1993 laut Mitschrift „Bewußte Selbsteinbindung und -verpflichtung (hinsichtlich) der Übernahme des Volksschicksals“. Damit war ein weiterer, großer Themen- und Aufgabenbereich angesprochen. Die Mitschrift hielt fest, dies würde geschehen
durch Teilnahme an der Geschichte - im Guten wie im Tragischen.
An der Geschichte der eigenen Kultur, des eigenen Volkes kann man Anteil nehmen, in sie kann man sich hinein gestellt fühlen und aus dieser Geschichte heraus kann man handeln, wenn man sie kennen gelernt hat und insbesondere auch, wenn man eine gefühlsmäßige Verbindung zu ihr empfindet. Gerold sagte deshalb: "Tiefe und prägende Erlebnisse" seien diesbezüglich wichtig "im Hinblick auf die Weitergabe an die Kinder".

Tiefe und prägende Erlebnisse werden ermöglicht, so sei an dieser Stelle ergänzt, in vielfältigsten Bereichen. Natürlich durch Wandern in der Natur, in der heimatlichen Landschaft, durch Besichtigung gewachsener Kultur in Dörfern und Städten, durch das Aufsuchen von Kunstwerken. Auch dies wieder kann zum Beispiel durch das Vorlesen wertvoller, altersentsprechender Literatur ermöglicht werden oder durch das gemeinsame Ansehen in dieser Hinsicht wertvoller Spielfilme. Etwa die wertvolle Verfilmung von Biographien von bedeutenden Musikern, Künstlern, Erfindern oder Geschichtegestaltern.

Es wäre hier wichtig, so heißt es in der Mitschrift, das "Sammeln und Werten", damit ist gemeint: Das Sammeln und Werten desjenigen, was in dieser Hinsicht sinnvoller Weise an die Kinder und Jugendlichen herangetragen werden kann und was ihnen solche tiefen und prägenden Erlebnisse ermöglicht.

Daran anknüpfend sei wichtig das "Gestalten zur Unterrichtung anderer". Also etwa in Darstellungen ein Bild geben über kulturerhaltendes und -förderndes Gemeinschaftsleben (z.B.: 7).

Gerold sprach aber hier insbesondere auch das Bild an, das wir uns über unsere jüngere Geschichte machen, das unser Selbstverständnis als Kultur und Volk bestimmt, und aus dem heraus wir dann auch leben.

Bei all dem handele es sich, so die Mitschrift, um einen "ungeheuer wichtigen Kulturauftrag". Gerold meinte dies gerade auch in Hinblick auf die Aufarbeitung der Zeitgeschichte, der Geschichte der Ursachen, des Verlaufs und der Folgen des Ersten, ebenso wie des Zweiten Weltkrieges. Wer Gerold kannte, weiß, wie wichtig ihm diese Themen waren. In der Mitschrift ist diesbezüglich über die Gegenwart des Jahres 1993 festgehalten:
Günstige Zeit, da die Geschichtsfälschungen im Moment wie von selbst zerfallen, nur offensichtlich interessiert es niemanden.
Gerade über die vielen Geschichtsfälschungen, die damals wie von selbst zerfielen, sind in jener Zeit auf Anregung von Gerold hin in der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" viele Aufsätze erschienen, bzw. von ihm selbst verfaßt worden (z.B.: 8-10). Es war Gerold ein großes Anliegen, daß solche Überblicksaufsätze verfaßt, veröffentlicht und gründlich aufgenommen würden. Er setzte viel Herzblut daran.

4. Philosophische Sinngebung


Als vierte wichtige Aufgabe benannte er dann laut der Mitschrift, daß es Menschen geben müsse, die sich mit der „philosophischen Sinngebung“ unseres Lebens auseinandersetzten. Diese Aufgabe wäre, so sagte Gerold „sehr wichtig, aber auch schwierig“. In der Mitschrift ist festgehalten, wo hier Schwierigkeiten liegen könnten:
a) nicht jeder ist Philosoph oder hat Neigung zum Philosophieren, d. h. zur Annahme philosophischer Erkenntnisse
b) Wann ist eine philosophische Sinngebung lebendig und fruchtbar? Dogma ist tot. Dogma aufzunehmen, ist wie Leichen essen, man geht am Leichengift ein.
Abb. 3: Gerold Adam, 1994
Der Autor dieser Zeilen weiß aus eigener Erfahrung, wie Gerold immer wieder Anregung gegeben hat, sich mit Philosophie zu beschäftigen, entweder indem er selbst hierüber Vorträge hielt oder Aufsätze veröffentlichte oder auch einfach durch persönliches Zusprechen, Philosophie etwa an der Universität zu studieren und sich dabei nicht entmutigen zu lassen.

Als der Autor dieser Zeilen Gerold etwa davon berichtete, daß er während seines Philosophie-Nebenfach-Studiums in Mainz von Professor Rudolf Malter bei der Rückgabe einer mit "sehr gut" benoteten Proseminar-Arbeit über Kant das Bedauern ausgesprochen erhielt, daß gerade oft die Begabteren nur im Nebenfach Philosophie studieren würden, während sich unter den Hauptfach-Studenten so viele Unbegabtere fänden, schlug Gerold vor, Herrn Malter doch einmal zu fragen, welche beruflichen Perspektiven er denn nach der Absolvierung eines Hauptfach-Studiums Philosophie sähe. Dies nur als eines von vielen sehr konkreten Beispielen, die hier genannt werden könnten.

Als "Lösungsweg", um zahlreiche Schwierigkeiten bei der Beschäftigung mit Philosophie zu überwinden, nannte Gerold laut Mitschrift dann die folgenden drei Punkte:
  1. Fehler der Selbstüberhebung vermeiden
  2. das Vorhandene halten, soweit es vertrauenswürdig ist, eventuell erweitern. In anderen Lebensbereichen (Wissenschaft) muß das Vorhandene übernommen werden, aber nicht als Dogma
  3. möglichst viel Selbstprüfung (unter dem Vorbehalt der Bestätigung) 
Gerold spricht sich also für ein behutsames Vorgehen aus im Umgang mit der philosophischen Überlieferung unseres Kulturraumes. Im ersten Punkt sprach er zunächst einmal die gefährliche Eitelkeit an, die sich nicht selten bei jenen findet, die sich intensiver mit bestimmten philosophischen Fragen beschäftigen und dann - oft aus einer gewissen Unreife heraus - im Grunde ganz ungerechtfertigte Selbstsicherheit hinsichtlich der von ihnen vertretenen Überzeugungen aufzeigen. Diese Selbstüberhebung macht oft starr und läßt keine Weiterentwicklung mehr zu.

Im zweiten Punkt legt er interessanterweise nahe, mit der philosophischen Überlieferung in ähnlich behutsamer Weise umzugehen wie das auch in der Naturwissenschaft geschieht. Daß es also einerseits wenig Sinn macht, gleich "alles" zu bezweifeln. Daß es aber auch andererseits ebenso wenig Sinn macht, "alles" als ungeprüftes Dogma hinzunehmen.

Und im dritten Punkt nennt er das Hauptprinzip der Aufklärung und der Wissenschaft überhaupt, nämlich: so viel wie möglich selbst zu prüfen.

Aufgrund solcher Grundsätze jedenfalls könne, so Gerold laut Mitschrift, die "Übernahme von totem Geistesgut vermieden werden". Daß das vermieden würde, war Gerold sozusagen das Allerwesentlichste. Totes Geistesgut nämlich tötet die Seele. Und wenn nur noch philosophische Aussagen nachgeplappert werden, weil sie nicht mehr selbst gelebt sind oder weil der eigene persönliche Bezug zu ihnen verloren gegangen ist oder nie bestand, also die innere Anteilnahme, dann geht man an solchem unverdauten, toten Geistesgut seelisch zugrunde.

Gerold meint also, der philosophische Bewußtseinsstand, der einmal erreicht worden ist in der Kulturentwicklung, solle geprüft werden, solle gehalten werden, soweit er vertrauenswürdig ist und solle behutsam erweitert werden, soweit das möglich und notwendig geworden ist. Er vergleicht hier die Entwicklung der Philosophie mit der Entwicklung anderer Bereiche der Wissenschaft, in denen man auch das Vorhandene zwar natürlich zuerst aufnehmen müsse, es aber niemals als totes Dogma auffassen und übernehmen dürfe.
 
In diesem Zusammenhang besonders wies er laut Mitschrift auf die Arbeit der Zeitschrift „Die Deutsche Volkshochschule“ hin, in der man versuchen würde, dieser Aufgabe gerecht zu werden:
Zum Beispiel Versuch der „Deutschen Volkshochschule“, diesen Weg zu erleichtern durch Aufbereitung der philosophischen Aussagen und den Vergleich mit heutigen Fakten und modernen Erkenntnissen der Wissenschaft.
Gemeint ist hier insbesondere der Vergleich mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft, aber ebenso mit der Philosophie und ganz allgemein mit dem Erkenntnis- und Bewußtseinsstand in der Geisteswissenschaft.

5. Eigenes Schaffen


Und schließlich kommt Gerold - natürlich aus eigener Erfahrung heraus - zu dem Größten und Wertvollsten, was er als zu tun am wichtigsten erachtete, nämlich: das "eigene Schaffen". Laut Mitschrift sagte er:
Eigenes Schaffen höchste und vielleicht wichtigste Stufe.
Und das ist so schön an Gerold, daß er keinen wesentlichen Aspekt ausläßt, nein, daß er sogar die wesentlichsten Aspekte auch als die wesentlichsten Aspekte benennt.

Es ist das ein Gedanke, der einem auch beim eigenen Lesen des Buches "Das Gottlied der Völker" (11) kommen kann: Ein Kulturvolk, das über viele Jahrhunderte hinweg bedeutendes "eigenes Schaffen" aufwies, geht zu Grunde, wenn es in nachfolgenden Generationen nicht weiter lebendiges "Neuschaffen" auf möglichst vielen kulturellen Gebieten aufweist. Denn ein Kulturvolk, das einmal damit begonnen hat, Kulturwerke zu schaffen, dessen schon geschaffene Kultur ist eine stetige Aufforderung zum weiteren Schaffen (11). Und diese Aufforderung wirkt als Beschleunigung des kulturellen Niederganges, wenn Menschen ihr gar keine Aufmerksamkeit mehr zukommen lassen, wenn Menschen kein ihnen, den Kunstwerken angemessenes, würdiges Verhalten mehr an den Tag legen.

Hier also lag für Gerold das Allerwichtigste, das zu tun wäre. Und natürlich war Gerold auch hier bewußt, daß nicht jeder Mensch für eigenes Schaffen begabt wäre, schon gar nicht für jedes denkbare Schaffensgebiet.

Eine Kultur bleibt jedenfalls nur dann lebendig, wenn nicht nur das bisher schöpferisch Geschaffene und Gestaltete über Tradition und Kulturpflege weiter gegeben werde, sondern wenn auch immer wieder kulturell Neues schöpferisch geschaffen werde. Es müsse, so die Mitschrift, ein gesundes Gleichgewicht geben zwischen der Kulturbewahrung und -weitergabe auf der einen Seite, sowie der Kulturerneuerung und dem kulturellen Neuschaffen auf der anderen. Damit in Zusammenhang sagte er auch:
Wir sind nur dann gültig und überzeugend, wenn wir alles, unser Sein als Volk und Kultur und alle Erkenntnisse lebendig neu aus unserer Zeit heraus und in unserer Zeit stehend gestalten.
Auch das ist ein außerordentlich schöner Satz. In ihm ist insbesondere enthalten eine Ablehnung allgemeiner bloßer "Rückwärtsgewandtheit". Als Aufgabe leitete er daraus ab für junge Menschen, die in die verantwortlichen Positionen von Familie und Gesellschaft hinein wachsen laut Mitschrift:
Selbst aktiv werden und handeln, kreativ sein:
  • Komponieren
  • Malen, Zeichnen
  • Schreiben von Erzählungen und Märchen, Gedichten
  • klare Deutung der Geschichte: gute, kurze und vollständige Zusammenfassungen
  • deutsche Naturwissenschaft weiter führen
Und auch das ist ein echtes Gerold-Wort: "Deutsche Naturwissenschaft weiter führen". Genau das hat er ja selbst getan als Zellphysiologe und Alternsforscher, der seine eigenen naturwissenschaftlichen Fragen und Forschungen hinsichtlich der Gesetzmäßigkeiten der Artbildung in Bezug setzte zu den Grundaussagen der Philosophie von Mathilde Ludendorff, nämlich daß erst die Einführung des Alterstodes in der Evolution den Aufschwung in der Evolution der Lebewesen bis hin zum bewußten Leben ermöglichte. (Darüber einmal mehr an einem anderen Ort.) Gerold sagte im November 1993 außerdem noch:
Wer schreiben kann, muß schreiben, wer komponieren kann, muß komponieren ...
Der Grundtenor seiner Ausführungen war, daß es außerordentlich bedauerlich wäre, wenn vorliegende Begabungen für das eigene Schaffen nicht entfaltet würden und wenn sie über die Lebenszeit hinweg ungenutzt gelassen würden, unentfaltet blieben, verschüttet blieben oder würden. Er wußte um einige in seiner Zuhörerschaft, die für einiges begabt waren. Und seine Worte waren auch als Appell an sie gemeint und wurden als solche verstanden.

Dementsprechend hat der Autor dieser Zeilen auch sehr viel Erfahrung damit, wie viel Mühe Gerold aufgewandt hat, wenn er bezüglich solcher Dinge von einzelnen Menschen, die sich noch in der Entwicklung befanden, um Rat und Hilfe angegangen wurde. Wer ihn diesbezüglich fragte, konnte sich seiner Unterstützung sicher sein. Denn ein noch größeres Herzensanliegen als kulturell schöpferisches Neuschaffen zu fördern, das hatte Gerold nicht. Es entsprach dies seiner größten Sehnsucht.


Nachbemerkungen



Zu anderen Gelegenheiten hat Gerold geäußert, daß er seine ihm noch verbleibende Lebenszeit etwa zu gleichen Teilen aufteilen würde auf die folgenden drei Lebensbereiche: 1. seine Wissenschaft (also sein "eigenes Schaffen"), 2. seine Familie, 3. seine Arbeit für die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" und für die damit verbundenen Tagungen und Gruppenfreizeiten über das Jahr hinweg verteilt. Der Autor dieser Zeilen darf die persönliche Einschätzung anfügen, daß er in seinem Leben diesbezüglich keinen vorbildlicheren Menschen kennen gelernt hat als Gerold Adam. Daß er keinen Menschen kennen gelernt hat, bei dem Wort und Tat so restlos miteinander im Einklang gestanden haben.

Insgesamt ist zu sagen, daß diese Prioritätenliste von Gerold natürlich in dem Sinne vorgetragen worden ist, daß es sich hierbei um seine persönliche Prioritätenliste handele. Und natürlich sollte das Vortragen derselben ein Beispiel, eine Anregung zum eigenen Nachdenken sein. Ob und in welchem Umfang sich der einzelne dieselbe nun für das eigene Leben zueigen machte, war ihm natürlich selbst überlassen. Dazu ist er ja ein erwachsener Mensch. Die verantwortliche Selbstgestaltung des eigenen Lebens kann niemand abgenommen werden. Sie ist es auch allein, aus der die schöpferischen Kräfte zur Gestaltung des Menschenlebens erst geboren werden.**)

Vielleicht macht es abschließend noch Sinn zu sagen, daß Gerold sein Leben immer sehr stark unter dem Blickwinkel gesehen und bewertet hat, daß dieses unser Leben auf eine sehr begrenzte Dauer beschränkt ist, die - im Rückblick - "wie im Fluge" vergangen sein kann. Er teilte diesbezüglich die Einschätzung seines wissenschaftlichen Freundes und Förderers Max Delbrück (1906-1981) (Wiki), der einmal das Zitat von Samuel Beckett brachte:
They give birth astride of a grave, the light gleams an instant, then it's night once more.
(Zu Deutsch: Geboren über einem Grab, strahlt einen Augenblick das Licht - und dann ist schon wieder Nacht.)
Gerold selbst brachte dazu auch einmal bei anderer Gelegenheit in seinem letzten Lebensjahr die Worte des italienischen Dichters Salvatore Quasimodo:
Ognuno sta solo sul cuore della terra
trafitto da un raggio di sole:
ed é subito sera.
Gerold übersetzte sie auf Deutsch mit:
Hingestellt auf diese Erde
getroffen von einem Sonnenstrahl
- und schon ist es Abend.


____________________________________________________________
*) Werbespruch aus den 1980er Jahren für eine Schokoladensorte
**) Es wird vielleicht dem einen oder anderen Leser auffallen, daß in dieser Prioritätenliste eine Aufgabe, die genannt werden könnte "Erforschung des Wirkens geheimer Hintergrundmächte und Unterrichtung über dasselbe" keine Erwähnung findet. Das war Gerold. Wie kann dieser Umstand für heutige Leser erläutert werden? Nun, dazu gibt es mehreres zu sagen. Dieses Thema wird von vielen Menschen behandelt, denen die Erhaltung unserer Kultur wesentlich ist. Ja, man könnte sagen, daß dies heute fast das ausschließliche Thema ist, das Menschen interessiert, und mit dem sie sich beschäftigen. Dies war auch schon 1993 so. So war etwa damals der größte Teil der Ludendorff-Zeitschrift "Mensch & Maß" solchen politischen Themen gewidmet. Hier sah Gerold schon allein deshalb wenig Handlungsbedarf, weil sich dafür noch am ehesten Menschen interessierten und engagierten. Das gilt für die von ihm hier genannten Aufgaben keineswegs.

Natürlich mag die Nichterwähnung weiterhin dem Umstand geschuldet sein, daß das Jahr 1993 eine "Wahrheitsbewegung", eine "alternative Öffentlichkeit" wie sie sich in den letzten zehn Jahren - insbesondere durch das Internet - entwickelt haben, noch nicht gegeben hat. Aber auch schon 1993 galt jemand, der sich mit einem solchen Thema beschäftigte, als "Verschwörungstheoretiker". Und Gerold bedachte dieses Arbeitsgebiet durchaus mit interessierter Aufmerksamkeit. So war ihm schon damals nicht entgangen, daß die offizielle Version der Ermordung des amerikanischen Präsidenten J. F. Kennedy mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der Wahrheit entsprach. Ähnliches war ihm auch zum Mord an Alfred Herrhausen klar, da er das Buch "Das RAF-Syndrom" gelesen hatte und zu lesen weiter empfahl. All das erregte seinen Zorn ebenso wie etwa die Rede Richard von Weizsäckers zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes.

Der genannte Umstand heißt also keineswegs, daß ihm der politische Bereich völlig unwichtig gewesen wäre. Aber er betonte oft, daß aus diesem selbst keine Erneuerung käme. Deshalb führte er diesen Bereich auch mit großem Recht nicht unter diesen fünf wesentlichen Hauptaufgaben an. Um es kurz zu fassen, könnte man vielleicht sagen, daß er niemals gesagt hätte, daß die Arbeit der Kriminalpolizei - als so umfassend ihre Arbeit auch zu fordern wäre und zu ergänzen wäre - die wichtigste und wesentlichste Arbeit zur Erhaltung einer großen gewachsenen Kultur wäre.

____________________________________________________________
  1. Adam, Gerold: Wie stellt ein Land seine notwendige Geburtenrate sicher? Wie viele Kinder sollte eine Familie haben? (undatierte Vortragsmitschrift)
  2. Preisinger, Werner:  Die langen Jahre der Kindheit. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 64, November 1989, S. 1-15
  3. Preisinger, Werner: Die philosophische Deutung des langsamen Heranreifens. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 64, November 1989, S. 16-22
  4. Adam, Gerold: Freiheit und Bindung - Freiheit und Fremdbestimmung - Individualismus und Egoismus. Mitschrift, Vortrag auf der Herbsttagung der Deutschen Volkshochschule 1994
  5. Brachvogel, Albert Emil: Friedemann Bach. Roman. 1858
  6. Amenda, Alfred (d. i. Alfred Karrasch): Appassionata. Ein Lebensroman Beethovens. 1958
  7. Eilers, Gustav (d. i. G. Adam): Skotschau - Eine Stadt in Oberschlesien. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 84, März 1993, S. 9-18
  8. Eilers, Gustav (d. i. G. Adam): Die Schlacht um Stalingrad. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 88, November 1993, S. 7-10
  9. Rösner, Heinrich: Zum Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges im Jahre 1941. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 91, Mai 1994, S. 6-16
  10. Rösner, Heinrich: Die Invasion der Alliierten in der Normandie vor 50 Jahren. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 92, Juli 1994, S. 16-22  
  11. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kulturen. 1936

Dienstag, 4. Juli 2017

Von der Weisheit einer deutschen Sage des Mittelalters

Die Sage vom eisernen Landgrafen von Thüringen

Es gibt deutsche Sagen, deren Inhalt überzeitlichen Charakter hat, und die sehr direkt in die Seele von Menschen greifen können, die noch heute leben und zum Handeln aufgefordert sind. Zu diesen Sagen gehört die jene vom "Hart geschmiedeten Landgraf". 

Abb. 1: Landgraf Ludwig der Eiserne (1128-1172)
Grabstein in Eisenach
Fotograf: Wolfgang Sauber (Wiki)

Diese Sage ist sehr kurz. Sie soll im folgenden vollständig wiedergegeben werden (1). Denn es mag ja durchaus viele geben, die das Wort "Landgraf, werde hart" schon einmal gehört haben. Aber kennt man auch die Geschichte dazu? Die Sage handelt interessanterweise gar nicht einmal von einer Sagengestalt, sondern von einer historischen Gestalt der deutschen Geschichte, nämlich des Landgrafen von Thüringen, Ludwig des Eisernen (1128-1172) (Wiki). Dieser war mit der Schwester Jutta des deutschen Kaisers Friedrich Barbarossa verheiratet. So lautet sie:

Der hart geschmiedete Landgraf

Zu Ruhla im Thüringerwald liegt eine uralte Schmiede, und sprichwörtlich pflegte man von langen Zeiten her einen strengen, unbiegsamen Mann zu bezeichnen: er ist in der Ruhla hart geschmiedet worden.

Landgraf Ludwig zu Thüringen und Hessen war anfänglich ein gar milder und weicher Herr, demütig gegen jedermann; da huben seine Junkern und Edelinge an stolz zu werden, verschmähten ihn und seine Gebote; aber die Untertanen drückten und schatzten sie aller Enden. Es trug sich nun ein Mal zu, daß der Landgraf jagen ritt auf dem Walde, und traf ein Wild an; dem folgte er nach so lange, daß er sich verirrte, und ward benächtiget. Da gewahrte er eines Feuers durch die Bäume, richtete sich danach und kam in die Ruhla, zu einem Hammer oder Waldschmiede. Der Fürst war mit schlechten Kleidern angetan, hatte sein Jagdhorn umhängen. Der Schmied frug: wer er wäre? "Des Landgrafen Jäger." Da sprach der Schmied: "Pfui des Landgrafen! wer ihn nennet, sollte alle Mal das Maul wischen, des barmherzigen Herrn!" Ludwig schwieg, und der Schmied sagte zuletzt: "Herbergen will ich dich heut; in der Schuppen da findest du Heu, magst dich mit deinem Pferde behelfen; aber um deines Herrn willen will ich dich nicht beherbergen." Der Landgraf ging beiseit, konnte nicht schlafen. Die ganze Nacht aber arbeitete der Schmied, und wenn er so mit dem großen Hammer das Eisen zusammen schlug, sprach er bei jedem Schlag: "Landgraf werde hart, Landgraf werde hart, wie dies Eisen!" und schalt ihn, und sprach weiter: "Du böser, unseliger Herr! was taugst du den armen Leuten zu leben? siehst du nicht, wie deine Räte das Volk plagen und mären dir im Munde?" Und erzählte also die liebe lange Nacht, was die Beamten für Untugend mit den armen Untertanen übeten. Klagten dann die Untertanen, so wäre niemand, der ihnen Hülf täte; denn der Herr nähme es nicht an, die Ritterschaft spottete seiner hinterrücks, nennten ihn Landgraf Metz, und hielten ihn gar unwert. Unser Fürst und seine Jäger treiben die Wölfe ins Garn, und die Amtleute die roten Füchse (die Goldmünzen) in ihre Beutel. Mit solchen und andern Worten redete der Schmied die ganze lange Nacht zu dem Schmiedegesellen; und wenn die Hammerschläge kamen, schalt er den Herrn, und hieß ihn hart werden wie das Eisen. Das trieb er an bis zum Morgen; aber der Landgraf fassete alles zu Ohren und Herzen, und ward seit der Zeit scharf und ernsthaftig in seinem Gemüt, begunnte die Widerspenstigen zwingen und zum Gehorsam bringen. Das wollten etliche nicht leiden, sondern bunden sich zusammen, und unterstunden sich gegen ihren Herrn zu wehren.

Diese Sage ist erstaunlicherweise schon 300 Jahre nach dem Tod des Landgrafen aufgeschrieben worden. Wir erfahren (Wiki):
Während Ludwigs Herrschaft wurde die Bevölkerung Thüringens vom Adel häufig tyrannisiert und drangsaliert. Daraufhin begann er gegen diese Zustände hart einzugreifen, was ihm schließlich auch seinen Beinamen einbrachte. Um diese Taten Ludwigs rankt sich auch eine Sage, die 1421 von Johannes Rothe aufgezeichnet wurde. Danach habe der Landgraf eines Abends unerkannt in einer Schmiede in Ruhla ein Nachtlager gefunden. Der Schmied habe auf seinen Landesherrn und die Zustände im Land heftig geflucht und schließlich gerufen: „Landgraf, werde hart!“ Diese Worte hätten den Landgrafen schließlich bewogen, gegen das Raubrittertum einzuschreiten. Der Sage nach soll er die Missetäter vor einen Pflug gespannt und einen Acker umgraben lassen haben.
Es ist das eine Sage, die eine Charakterschwächen der Deutschen aufs Korn nimmt, die gerade in heutigen Zeiten einmal wieder besonders stark ausgeprägt ist: ihre Gutmütigkeit.


Abb. 2: Postkarte aus dem Jahr 1912


Im Grunde muß doch heute fast jeder Deutsche zum Schmied in Ruhla in die Schule gehen. Es ist dort eine Lehrzeit von nicht weniger als zehn Jahren zu veranschlagen. Man bringe sich eine gute Freundin mit - so wie Jutta, die Schwester des Kaisers -, um diese schwere Lehr- und Leidenszeit emotional gut durchzuhalten und um dabei ein Mensch zu bleiben (3).

_____________________________________________
  1. Der hart geschmiedete Landgraf. In: Heinz Rölleke: Das große Deutsche Sagenbuch. Albatros-Verlag 2001, http://gutenberg.spiegel.de/buch/sagen-aus-th-58/26
  2. Jutta Assel; Georg Jäger: Sagenmotive auf Postkarten - Eine Dokumentation. Der Schmied von Ruhla oder: Landgraf werde hart! und Der Edelacker. Eingestellt: Januar 2015, http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/legenden-maerchen-und-sagenmotive/der-edelacker.html
  3. Ludendorff, Mathilde: Vom tiefen Leid gottnaher Menschenliebe. In: diess.: Von der Moral des Lebens. Verlag Hohe Warte, Pähl 1977, S. 108-115

Freitag, 16. Juni 2017

Vom notwendigen Sieg der indogermanischen Gottauffassung auf unserer Erde

Die heutigen - erdweiten, gesellschaftlichen - Erschütterungen kündigen ihn an.

Er ist dementsprechend unerbittlich und unaufhaltbar.

Abb. 1: Ein Steinadler - Der Götterbote des Zeus
Fotograf: Richard Bartz
(Wiki)
Der Absurditäten auf unserer Erde sind es schon lange zu viel geworden. Viel zu lange. Eine Woge von Schlamm und Müll "geistiger", moralischer, kultureller Art umspült diesen Erdball. Und wer noch alle Sinne beieinander hat,  der sagt doch schon lange: Es ist genug, es ist über genug, es ist dreimal genug. Und so rufen denn die wenigen wach Gebliebenen: Hört her, ihr Völker: Wir, die Indogermanen, nehmen das Schicksal des Erdballs nun wieder in unsere Hand. Es ist schmählich unseren Händen entwunden worden. Und wir werden es wieder gestalten nach unserer eigenen Art.

Und wir werden laut und gebieterisch rufen - und dieser Ruf allein schon wird genügen -: Aufhören, - aufhören, aufhören, aufhören. Und die indogermanischen Götter werden angerufen werden, die Sonne, der Mond und die Sterne zum Zeugnis, daß diese Dreck- und Schmutzwelle nicht würdig ist dieses Erdballes. Und im Zeichen dieser Götter findet sich die Kraft, die erforderlich ist, um sich aus dieser dumpfen, alten, ekelhaften, mit vormodernen Eierschalen bedeckten Welt zu lösen. Um sich aus einer Welt zu lösen, die in ihrem politischen - und menschlichen - Angesicht und Alltag gar zu abartig, unförmig hereinragt in unsere Gegenwart, geradezu wie ein irrer, wirrer Traum des abartigsten Wahnsinnes. Hereinragt - während sich im Herzen der Welt längst die Umwandlung vollzogen hat.... 


"Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet." 
(Gneisenau, Militärreformer, an seinen König - 1811)


"Sehen wir uns ins Gesicht. Wir sind Hyperboreer."
(Friedrich Nietzsche/Der Antichrist)


Ohne Pathos sprechen - warum? Den Thymos, der in uns lebt, außer acht lassen? Ist er nicht unser? Ist er nicht des Gottes angemessen, der in unserer Brust lebt? Und möchte er nicht Gehör finden, Widerklang? Ist dieses Gehör nicht zutiefst und grundlegend notwendig?

- - - Und so sei denn also gefragt: Diese irrsinnige Destabilisierung in der heutigen Welt, deutet sie nicht darauf hin, daß etwas Großes, etwas ganz Neues auf dieser Erde im Werden ist? Kann nicht das der Sinn derselben allein sein? Und dieses beklemmende Schweigen, das um dieses Große liegt, ist es nicht vor allem erst einmal darin begründet, daß wir kaum noch Worte verwenden wollen zur Kennzeichnung dieses Großen, dieses Neuen? Da uns alle Worte längst aus dem Munde genommen worden sind, herum gedreht worden sind, verdreht worden sind, um uns - - - zu "Affen" einer "neuen Weltordnung" zu machen? Da alle Worte verbraucht sind, aller hohle Pathos? Alle Verheißungen. "Make the world safe for democracy." Solche Sätze schallen heute wie Höllengelächter aus den abartigen, archaischen Höhlen ("Thinktanks") unserer Zeit ... Aber diese höllische Begleitmusik, sie wird notwendig sein. Sie wird unbedingt notwendig sein. Jede Zeit, die dem Untergang reif ist, muß ihr Kainsmal auf der Stirn tragen ... Das heuchlerische, schiefe, verbogene Kainsmal unserer Zeit lautet: "Make the world safe for democracy". Und: "Ende der Geschichte" im versumpften "Delta der Beliebigkeit", aus dem nur noch eines heraus schimmert: die Fratze des absolut und abartig Bösen.

Notwendig ist diese höllische Begleitmusik verlogener und lächerlicher Verheißungen. Weil diese alten, religiösen Mächte das Heraufkommen des Neuen fürchten. Ja, sie fürchten es. Sie müssen es - ihrer Natur nach - fürchten mehr wie der bocksbeinige Teufel das Weihwasser. Ihrer unglaublichen Verbrechen sind so viele geschehen, in einem solchen unglaublichen Unmaß. Und dennoch ist der Sieg dieses Neuen ihr Untergang. Schluß, aus - nur noch dumpfes, trockenes, lautloses in sich Zusammenfallen eines irrsinnigen Machwerks von Lüge in Qualm und Schwefel. Aber die Stimmen der Gemarteten, Geschändeten und Germordeten werden noch Jahrhunderte nachhallen durch die Weltgeschichte hindurch. Ja, all das wissen sie. Das wissen sie seit hunderten von Jahren. Und deshalb allein wehren sie sich mit dem Irrsinn der Verzweifelten, mit Händen, mit Füßen gegen ihren Untergang. Und es sollte nicht zu glauben sein? ... Oh, doch: sie haben ein zähes Leben, sie haben ein unglaublich zähes Leben, diese alten religiösen Mächte. Und sie suchen das Neue seit spätestens zweihundert Jahren mit allen Mitteln und immer umfassender und zielgenauer, ja, wissenschaflich, methodisch präzise: - - - Zu sezieren, zu zerreden, zu zersetzen, zu zerstören, abzuwürgen, umzubringen. Wie sie so vieles umgebracht haben. - - -

Abb. 2: Ein Steinadler im Flug -
Der Götterbote späht nach dem Land der Verheißung
Die Gedankenlosigkeit, die Oberflächlichkeit der Massen, die menschlich überfordert sind, ist ihnen die wesentlichste Hilfe und der beste Schutz. Aber sie müssen dazu vor allem auch alle materiellen Finanzressourcen auf dieser Erde auf sich bündeln, und mit diesen immensen Finanzressourcen Meinungen bilden, Stimmungen erzeugen, Völker aufeinander hetzen, Haß, Krieg und Unfrieden in die Welt tragen, wo sie nur können, die Verdummung und grenzenlose Bequemlichkeit fördern, wo sie nur können. Und sie brauchen das Geld, um den zehntausenden ihrer Helfershelfer, ihrer ihnen notwendigen "Judasse" in den Völkern dieser Welt den ihnen doch so notwendigen Judaslohn zukommen zu lassen. Auch weil die von ihnen beherrschten Völker ohne diese ungeheure Beraubung fast wie von selbst reich und selbständig werden könnten, allein aufgrund ihres Wohlstandes. So aber sollen sie jedes selbständigen Handelns beraubt sein, hilflos sein und als blödsinnige, willenlose Heloten dem Finanzkapital dienen und nach seiner Pfeife tanzen, wie immer es dieses will.

Die wesentlichste Frage aber ist: Worum handelt es sich bei dem Neuen?


- - - Worum aber handelt es sich bei dem Neuen? Um die moderne Formulierung der indogermanischen Gottauffassung, um das neue Losungswort, das die Völker der indogermanischen Welt zur Besinnung bringt, das sie innehalten läßt - in Entsetzen -, das sie aufblicken läßt, hinauf zu den Möglichkeiten, den riesigen, großen Möglichkeiten menschlichen Seins, das sie wieder Perspektiven gewinnen läßt (1-3). Ihnen, denen alle, alle Perspektiven genommen worden waren, zerredet worden waren. Jene Völker indogermanischer Weltauffassung, die neunzig Prozent der wesentlichsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit der letzten dreitausend Jahre Weltgeschichte hervorgebracht haben (4), und die deshalb auch heute noch - und weiterhin - der Möglichkeit nach die einsam geborenen, stolzen, adlig geborenen, würdevollen, ebenmäßig gebauten Erben und Träger des Fortschrittsgedankens der Menschheit sind.

Dieser Umstand ist ihrem Genom eingeboren und ihrer Kultur, ihrer Sprache eingeboren. - Nein, der Gott hat sie angerufen (5). Und wie könnten sie sich ihrer Verantwortung entziehen? Nein, sie werden ruhig zu ihm aufblicken, ihrem Gott. Sie werden ihm klar ins Gesicht sehen, denn es ist ihr eigenes Gesicht. Und sie kennen sein Gebot, das Gebot ihrer Artung.

Diese begabten Indogermanen, deren Vorfahren die Sonne auf ihrem Wagen verehrten, den Mond verehrten, Zeus, den Vater des strahlenden Himmels verehrten, Eos, die Göttin der goldglänzenden Morgenröte verehrten, die das heilige Zwillingsgespann der Pferde verehrten, den Donar und den Thor (Wiki) - - - einst begannen sie damit in ihrer abgelegenen Urheimat weit draußen an der Wolga (Wiki) (6-8; 13-15). Dort schulten sie ihren Geist an den schnellen Pferden, die sie domestizierten. Und von dort haben sie ihre Religion und ihr Wahrheitssehnen über den ganzen Erdball getragen in jenen sechstausend Jahren Weltgeschichte, die wesentlich von ihnen bestimmt und getragen gewesen sind.

Abb 3: Der Wohnturm Friedrich Hölderlins
in Tübingen bis 1843
Welche Völker waren streitlustiger als die Indogermanen, kampfeslustiger als die Indogermanen, wandelfroher, veränderungsbereiter als sie?*) Die heutigen Völker, die sich ihre Nachkommen nennen (oder schimpfen) sind übrig Gebliebene des großen indogermanischen Völkersterbens der Spätantike zwischen Altai-Gebirge und Taklamakan im Osten und dem Gibraltar im Westen. Ja, es handelte sich um ein großes indogermanisches Völkersterben. Denn sie, die Weltgeschichte, ist großzügig und verschwenderisch in ihrem Hervorbringen und in ihrem Untergehenlassen auch noch der herrlichsten Erscheinungen der Weltgeschichte. Darin unterscheidet sie sich nicht von der Natur selbst, aus der sie, die Weltgeschichte hervorging, und deren kontinuierliche Fortentwicklung sie darstellt. Diese übrig Gebliebenen also, sie wurden dann als solche - völlig ahnungslos - von einer der merkwürdigsten Religionen der Weltgeschichte überwältigt (9, 10), noch ehe sie ganz zur Besinnung gekommen waren darüber, um was es sich hier eigentlich handelte. Sie wurden überwältigt von einer Religion genannt Christentum, die ein Indogermane vom Schlage des Römers Publius Cornelius Tacitus (58-120 n. Ztr.) (Wiki) noch wenige Jahrhunderte zuvor wie selbstverständlich als eine der minderwertigsten denkbaren Religionen überhaupt gekennzeichnet hatte. Aber das half ihnen nicht, denn die Kultur der Römer war untergegangen. In unendlich schwerem Leid, in unendlich schwerer Entfremdung von sich selbst mußten sie sich deshalb empor arbeiten aus dem aberwitzigen, abartigen Dunkel des Mittelalters bis hin schließlich zur Helligkeit und Würdigkeit aufgeklärten bürgerlichen Seins im europäischen 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

- Einer ihrer weitsichtigsten Vertreter, Friedrich Hölderlin (1770-1843), dichtete Anfang des 19. Jahrhunderts im Rückblick und noch selbst unter den schweren seelischen Erschütterungen seines Zeitalters stehend:
Nämlich vom Abgrund haben
Wir angefangen und gegangen
Dem Leuen gleich, in Zweifel und in Ärgernis ...
Diese Völker, sie verstehen heute ihr Schicksal nicht. Sie verstehen es nicht mehr. Ihnen ist die ihnen eigene Stimme, die ihnen eigene Herzensstimme genommen worden. Schon vor langer Zeit. Jene Herzensstimme, die schon seit vielen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden für die Völker der Welt philosophiert und formt und singt und erfindet und forscht - sie verstehen ihr eigenes Herz nicht mehr. Und sie werden darum irre an vielem, ja an allem. "Germany must perish" schreien, jubeln, hecheln, ja geifern viele unter ihnen von Wladiwostok diesseits des Pazifik einmal rund um den Erdball herum bis San Franzisco jenseits des Pazifik. "Tochter Zion freue dich am Untergang der weißen Rasse" jubeln sie. In ihrem grenzenlosen Unverstand, in ihrer grenzenlosen Abgeschnittenheit von aller Vernunft und von aller religiösen Innigkeit. "Bomber Harris do it again" schreien sie, schimpfen und zetern sie voller Haß auf jenes "heilige Herz der Völker", das 
wehrlos Rat gibt rings
den Königen und den Völkern,
(Hölderlin) und das längst jene moderne indogermanische Gottauffassung zur Fomulierung gebracht hat (1-3), einsam, groß, stark, unerbittlich in seinen Wäldern, überschattet von seinen Bergen, kaum von einem menschlichen Ohr belauscht dabei, kaum von einem menschlichen Auge beobachtet dabei. Oben an den Hängen des Kramer bei Garmisch-Partenkirchen, auf den Höhen der "festgebaueten Alpen".

Abb. 4: Blick vom Kramer-Plateau bei Garmisch auf das Zugspitz-Massiv
- Hier lebte 1920/21 Mathilde Ludendorff und gab ihren großen philosophischen Intuitionen Wortfassung

Aber der Gott, der es sah (5), er blickte weit. Er blickte weit voraus - - - als er dieser Formulierung ansichtig ward. - - -

"Es scheint nicht, daß die jetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne," hatte der genialste Vertreter indogermanischen Geistes seiner Zeit, Friedrich Hölderlin, noch 125 Jahre zuvor gesagt (wobei er im Sprachgebrauch der damaligen Zeit die Biologie in die Physik mit einschloß) (2). 125 Jahre später aber war es schon anders geworden. Da konnte ausgesprochen werden, was "vor Augen ihr lag", der "Germania", nämlich "wie eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein" muß. Da konnte ihr Wortfassung gegeben werden, der indogermanischen Philosophie unserer Zeit, der Philosophie der Freiheit, die Hölderlin von einem späteren Zeitalter erwartete in großer seherischer Sicherheit (1, 2).

Und als die Formulierung gegeben war, da schrieb schon damals eine Frau in Deutschland über die schweren Erschütterungen ihres Zeitalters unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg (11):
... Aber welch unfaßliches Wunder sind doch in diesem trostarmen Reiche die Scharen der siegessicheren Völkischen und darüber hinaus der siegesfrohen Schar derer, die noch nicht ahnen, daß und weshalb sie zu den Völkischen gehören. (...) Gerade weil es sich nicht um die Beherrschung eines Volkes oder einer Gruppe von Völkern, sondern um die tatsächlich vollendete Weltherrschaft der Diener von Lug und List handelt, sehen wir nur ganz wenige, matte Seelen verzagend ausrufen: "Zu spät erkannt, hier ist Rettung nicht mehr möglich," hören wir nur ganz wenige mutarme Herzen von der Todesstunde, von dem Untergange unseres Volkes faseln. Die Vielen aber, in denen das Blut der Ahnen noch lebendig kreist, in denen Erbweisheit noch wach wohnt, die sehen wir gerade angesichts der vollendeten Allherrschaft der List- und Lug-Diener mit einem male so siegesfroh, ja siegessicher werden. Erbweisheit ist es, die dies Wunder schuf, denn vor vielen Jahrtausenden saßen unsere Ahnen zu Füßen der Seherin. Sie aber kündete ihnen, daß einmal der Tag auf Erden kommen wird, wo Fenrewolf und Mitgartschlange die Welt beherrschen werden und das Göttliche bedrohen. Sie kündete von dem großen Endringen des Göttlichen mit diesen finsteren Mächten und - von dem herrlichen Siege des Guten, der endgültigen Tilgung dieser Mächte der Finsternis.
Aber wir sind in unserer Siegessicherheit nicht auf Erbweisheit allein angewiesen. So wie in jenen Urzeiten der Menschwerdung der erste Mensch in furchtbarer Todesnot alles Lebendigen aus unterbewußter Tierheit erwachte, so ist in der Stunde der höchsten Todesnot des Gottesbewußtseins in unserem Volke gewaltige Gottoffenbarung erwacht und sie läßt uns nicht nur das Notwendige dieser einmalig erfüllten Herrschaft der Diener von List und Lug, nicht nur die Sicherheit des Sieges des Guten in dem letzten großen Ringen wissen, sondern sie läßt uns auch die Gesetze erschauen, die während der ganzen Zeit des Endringens in der Menschheit unseres Sternes herrschen. ...
Sie schrieb von der "Allmacht der reinen Idee", denn sie allein war zur einsamen und reinsten Verkünderin indogermanischer Gottauffassung geworden. "Triumph des Unsterblichkeitwillens" (12), so hatte sie in ewiger, unzerstörbarer - noch aus der tiefsten Vernichtung und Verachtung wiederauferstehender - indogermanischer Geisteshaltung gejubelt.

Und diese unsere indogermanische Gottauffassung und Geisteshaltung, sie siegt, in uns, mit uns, mit ihr und allen, die ihres Geistes sind (s. 10). Wenn wir sie in uns siegen lassen.


/Manches 
umformuliert:
30.8.2017/

__________________________________________________

*) Schon 1982 wurde über sie festgestellt (6, S. 25):
Es hat in der Weltgeschichte viele hochentwickelte Kulturen gegeben, in Kunst und Religion, in Organisation und Dichtkunst und vielem anderen der abendländischen ebenbürtig. Doch keine wies jenes schonungslose Vorwärtsdrängen im kriegerischen wie im friedlichen Sinne auf, wie es den Indoeuropäern innewohnte, jenes "novarum rerum cupidum", das "Begierigsein auf Neues", jenes offene Aufnehmen fremder Kulturelemente, die dann dem eigenen Volkscharakter angepaßt wurden.

_______________________________________________________

  1. Schäfler, Wilhelm: Friedrich Hölderlin - Versuch zur Erfassung seines Werkes. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 69, September 1990, S. 21-24; erneut: http://fuerkultur.blogspot.de/1990/09/friedrich-holderlin.html
  2. Leupold, Hermin: Antworten auf Grundfragen zur menschlichen und kosmischen Existenz. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 71, Januar 1991, S. 1-4; erneut: http://fuerkultur.blogspot.de/2017/06/antworten-auf-grundfragen-zur.html
  3. Bading, Ingo: Der Absturz der Religionen vom Gotterleben Und die Rückkehr zu demselben über Kunst, Wissenschaft und Philosophie. In: Die Deutsche Volkshochschule - Digitale Zeitschrift, 17. Februar 2016, http://fuerkultur.blogspot.de/2016/02/der-absturz-der-religionen-vom.html
  4. Murray, Charles: Human Accomplishment. The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950, Harper Collins 2003
  5. Hölderlin, Friedrich: Germanien (Hymne). http://gutenberg.spiegel.de/buch/friedrich-h-262/165
  6. Schmöckel, Reinhard: Hirten, die die Welt veränderten. Der vorgeschichtliche Aufbruch der europäischen Völker. Rowohlt, Hamburg 1982
  7. Anthony, David W.: The Horse, the Wheel and Language. How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World, Princeton University Press 2007 (Wiki, Archive)
  8. Krause, Johannes (Direktor, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena): Die genetische Herkunft der Europäer. Vortrag am 26. Januar 2016 im Rahmen der Vorlesungsreihe "Vom Selbstverständnis der Naturwissenschaften" am Einstein-Forum in Potsdam, Gesprächsleitung: Dr. Matthias Kroß, Potsdam
  9. von Zydowitz, Kurt: Glaubensumbruch, ein Verhängnis. 700 Jahre germanisch-deutsche Geschichte. Verlag Mein Standpunkt, Westerstede, 1976
  10. Hunke, Sigrid: Europas eigene Religion. Der Glaube der Ketzer. Bergisch Gladbach 1983
  11. von Kemnitz, Mathilde (spätere Ludendorff): Die Allmacht der reinen Idee. Völkischer Verlag, Pasing 1924
  12. von Kemnitz, Mathilde (spätere Ludendorff): Triumph des Unsterblichkeitwillens. 1921
  13. Anthony, David W.; Brown, Dorcas R.: The Secondary Products Revolution, Horse-Riding, and the Mounted Warfare. In: Journal of World Prehistory, 24/2011, S. 131-160
  14. Haak, Wolfgang et al (u.a. David W. Anthony, David Reich): Massive migration from the steppe was a source for Indo-European languages in Europe. Nature, 11. Juni 2015, https://www.academia.edu/28416535/Haak_et_al_2015_Massive_migration_from_the_steppe_was_a_source_for_Indo-European_languages_in_Europe 
  15. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen - Wie entstanden die modernen europäischen Völker? - Ancient-DNA-Forscher David Reich berichtet über den aktuellen Forschungsstand. Auf: Studium generale, 2. Juli 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html

Dienstag, 23. Mai 2017

Eine Totenfeier

Der Tod ist ein Teil unseres Lebens. Sich auf ihn zu besinnen, den Umgang mit ihm zu pflegen, ist Teil unserer über Jahrhunderte gewachsenen Kultur. Kulturlos ist es, ihn vergessen zu machen, ihn - ebenso wie menschliches Leid überhaupt - aus dem Leben zu verdrängen, um stattdessen nur dem oberflächlichen, schalen persönlichen Glücksstreben hinterher zu rennen. Es ist vielmehr als angemessen zu bezeichnen, immer einmal wieder daran zu erinnern, wie Menschen in unserer Zeit ihrem Erleben beim Tod naher Angehöriger Ausdruck verleihen. Aus diesem Grund soll im folgenden die Ansprache eines Schwiegersohnes wiedergegeben werden, die dieser im Mai 1996 für seine mit 85 Jahren gestorbene Schwiegermutter gehalten hat. Ihren ganz eigenen Charakter erhält diese Ansprache durch das zusätzliche Wissen darum, daß der Sprechende nur vier Monate nach dieser Totenfeier selbst - und ganz unerwartet - verstorben ist. Durch die Art, wie ein Mensch über einen anderen Menschen spricht, was er als wesentlich, was er als unwesentlich wahrnimmt und benennt, charakterisiert sich dieser auch selbst. In diesem Sinne gibt er, wenn er über einen anderen Menschen spricht, auch ein Bild von sich selbst. Die folgende Ansprache stammt von Gerold Adam (1933-1996). (I.B.)

Traueranzeige:
Wir trauern um unsere liebe Mutter Ingeborg Sch., 22.10.1911 - 4.5.1996. Nach einem langen erfüllten Leben ist sie unerwartet von uns gegangen. Ihre große Sorge galt ihrer großen Familie und unserem Volk. 


Aus einer Totenfeier


Musik: Langsamer Satz, Es-Dur aus der g-moll Sonate für Flöte von Johann Sebastian Bach (Yt)
Einst

Und wenn ich selber längst gestorben bin,
Wird meine Erde wieder blühend stehen,
Und Saat und Sichel, Schnee und Sommerpracht
Und weißer Tag und blaue Mitternacht
Wird über die geliebte Scholle gehen.

Und werden Tage ganz wie heute sein:
Die Gärten voll vom Dufte der Syringen,
Und weiße Wolken, die im Blauen ziehn,
Und junge Felder seidnes Ährengrün,
Und drüberhin ein endlos Lärchensingen!

Und werden Kinder lachen vor dem Tor
Und an den Hecken grüne Zweige brechen,
Und werden Mädchen wandern Arm in Arm
Und durch den Sommerabend still und warm
Mit leisen Lippen von der Liebe sprechen!

Und wird wie heut' der junge Erdentag
Von keinem Gestern wissen mehr noch sagen,
Und wird wie heut' doch jeder Sommerwind
Aus tausend Tagen, die vergessen sind,
Geheime Süße auf den Flügeln tragen!

                                  Lulu von Strauß und Torney

Musik: Langsamer Satz, h-moll, aus der D-Dur-Sonate von Händel (Yt)



Ansprache


Unsere liebe Inge, unsere liebe Mutter ist nun auf ewig entschlummert.

Vor nur zwei Wochen kam Mutter nach der glatt und glücklich verlaufenen Hüftoperation weitgehend schmerzfrei zu uns zurück. Sie hoffte, nach einem baldigen weiteren Aufenthalt in der Wiederherstellungs-Klinik bald wieder mit Freund Artur in der schönen Hegaulandschaft wandern zu können.

Obwohl nach den anstrengenden Operationen öfters müde, wirkte Mutter durch die kurze Haartracht verjüngt. War es dies oder die Reife der Lebensbahn, Mutters Antlitz hatte irgendwie noch feinere und fraulichere Züge gewonnen. Sonst war sie so wie immer, las gern, erzählte viel und dies meistens mit dem halb überlegenen und halb verlegenen Lächeln, das nur ihr so eigen war.

- Ja, wie schnell, ja, eigentlich innerhalb von nur drei bis vier Tagen hat sich alles geändert ...

Obwohl wir ja alle wegen der anderen schweren Krankheit große Sorge um Mutter haben mußten, schien jede ernste Veränderung so fern ...

Ja - trotz alledem - wir müssen Mutters Tod nun tragen.

Es bleibt uns heute nur, all die schönen und auch ernsten Erlebnisse, die wir mit Mutter teilen konnten, uns zu bewahren. Das Kleine, Zufällige wird mehr und mehr absinken. Und das Wesentliche allen gemeinsamen Tuns und Erlebens, das können wir bewahren und für unser weiteres Leben fruchtbar machen.

Das ist es sicherlich, was Inge wünschen würde, für sich selbst nichts, aber alles für die hohen, bleibenden Werte!

In diesem Sinne wollen wir heute einen Rückblick auf ihre nun abgeschlossene Lebensbahn werfen. Nur weniges kann an dieser Stelle gesagt werden, aber vieles mehr wird sicherlich in diesen Tagen und später in den Gesprächen aufgeweckt werden.

Im Jahr 1911 wurde Inge als die Älteste von fünf Schwestern in Pleß in Ostoberschlesien geboren. Die Laufbahn führte in so viele Gegenden deutscher Sprache und Kultur, vom schönen Wien, wo sie die Kindheit im Elternhaus verlebte, über viele Haltepunkte im Lande Salzburg, in Hessen und schießlich hierher zum Bodensee.

Wie ja auch Helga schon sagte, Höhepunkte der Jugendzeit waren die Überlandfahrten mit dem Wandervogel, von denen eine auch zum schönen Bodensee geführt hatte. Diese Fahrten und der Geist der Gruppe war für das ganze Leben prägend; sie weckten eine lebenslange Liebe zur Landschaft, zur Natur und zu unserer gemeinsamen Kultur. Wie gern und ausführlich hat Mutter uns - sozusagen noch gestern - davon erzählt!

Mutter erhält eine Ausbildung als Krankenschwester und hat auch in diesem Beruf gearbeitet. Aber wie gern hätte sie mehr gelernt, ein Studium begonnen! Doch die wirtschaftlich karge Zeit und das entscheidende Wort des Vaters stand dem Studium entgegen.

Aber immer war Mutter geistig breit interessiert und las und lernte immer.

Nun kommt ein entscheidendes Ereignis. Inge lernt auf einer Bergwanderung einen Künstler und vor allem Maler kennen! Er ist zwar schon 19 Jahre älter und war schon einmal verheiratet. Aber von vornherein verbindet eine gemeinsame Weltanschauung, schon auf den ersten Blick an einem Abzeichen erkannt. Hinzu kommt die gemeinsame Liebe zur Natur, zu den Bergen und zur bildenden Kunst. Nun waren die Heiratsgesetze in Österreich zu jener Zeit konfessionell so einschränkend, daß ein aus einer früheren katholischen Ehe Geschiedener nicht mehr heiraten konnte. So können die beiden erst drei Jahre später die Ehe schließen, als durch den Anschluß Österreichs an das Reich im Jahre 1938 eine freiere Gesetzgebung dies erlaubte.

- Die beiden stellten ihr Leben unter eine neue und eigene Lebens- und Gottauffassung, fern von den herkömmlichen christlichen Religionen.

Nach der Eheschließung 1938 entstand in Tamsweg und dann in Zell am See im Land Salzburg schnell eine große Familie: innerhalb von etwas weniger als 10 Jahren wurden 7 Kinder geboren: 3 Mädchen und 4 Jungen.

Aber nur 12 Jahre des erfüllten Zusammenseins waren geschenkt: Wilhelm Sch. starb unerwartet im Jahre 1950, im Alter von 58 Jahren.

Wir Jüngeren bedauern alle es sehr, daß wir ihn nicht selbst näher kennen gelernt haben. Die Bilder, die er malte, sind ein Spiegel seines Wesens.

Und nun muß ich von der Haltung und Leistung Mutters berichten, die nur zu bewundern und mit Erschütterung zu erfahren ist.

Beim Tod des Vaters war der Jüngste drei und der Älteste zwölf Jahre alt.

Mutter ist es gelungen, allein und trotz sehr bedrängter wirtschaftlicher Lage die sieben Kinder zu gesunden, bescheidenen und tüchtigen Menschen heranzuziehen, die alle eine gute Berufsausbildung erhielten, und von denen zwei sogar ein Hochschulstudium durchlaufen konnten.

Was aber vor allem anrührt, ist, daß Mutter über Jahrzehnte hin immer nur die Gebende war. Immer in allen Lebenslagen mußte sie da sein, alle Fragen allein beantworten, alle Probleme allein meistern, ohne klärende Rücksprache. Immer nur gefordert - aber eigentlich nie selbst von anderen seelisch beschenkt, wie es eine Zweisamkeit ja tun kann.

So wurde Mutter zu dem nach außen etwas herben, aber immer selbstlosen, tatfreudigen Menschen, der aller Naturschönheit und allem Guten aufgeschlossen und von unbestechlicher Wahrheitsliebe geleitet war.

Mutters Tatkraft und Einsatzwille war mit der Betreuung und Erziehung der eigenen sieben Kinder noch nicht erfüllt - sie fühlte sich auch der größeren Lebensgemeinschaft, unserem Volk zutiefst verbunden und verpflichtet - nicht in Worten, nein, im Tun und Wirken!

So half sie tatkräftig bei der Errichtung, Ausstattung (z.B. mit selbstgenähten Vorhängen und Bildern von Vaters Hand) und Betreuung eines Jugendheims im Salzburger Bergland mit. Sie kochte auch für die dort und anderswo abgehaltenen Ferienlager für unsere Jugend.

Und auch später, nachdem die Kinder ihre eigenen, selbständigen Ausbildungs-, Berufs- und Familienwege gingen, war Mutter immer bereit, die Töchter oder Schwiegertöchter zu entlasten, die Kinder vorübergehend zu betreuen.

Aber nun konnte sich die ununterbrochene Verpflichtung endlich mehr und mehr auflockern. Über eine geraume Zeit hinweg, erst im Hessenlande bei ihren Töchtern und dann im Hegau konnte jetzt das eigene Lesen, Lernen und Erleben in den Vordergrund treten. Immer wieder gab es eine kleinere Reise zu Vorträgen und Tagungen. Eine beeindruckend reiche Büchersammlung erzählt von Mutters immerwährendem Wissensdrang.

In diese letzten Jahre fällt auch die gute Freundschaft mit Artur. Gleicher Lebensausblick, stiller und wohltuender Austausch von Gedanken und Herzenswärme waren noch einmal geschenkt!

- So hat sich die Lebensbahn Inge Sch.s in reichem Schaffen und Erleben vollendet. Von diesem ausgefüllten Leben zeugen hier viele Kinder, Enkel und sogar Urenkel.

Im Angesicht dieses erfüllten Lebens sollte die Naturgesetzlichkeit des Todes uns nicht mit Gram und Enttäuschung erfüllen. Viel angemessener ist doch eine tieferlebte heilige Trauer, die zwar eine nah verwandte liebe Seele unwiderruflich schwinden, aber doch die Möglichkeit sieht, sie in der Erinnerung und in gleichem Wollen und verwandten Tun in uns lebendig werden zu lassen.

So können wir das Andenken an unsere liebe Tote am ehesten dadurch in uns wachhalten, daß wir uns ihr Vorbild der Liebe zur Wahrheit, zur Schönheit und das der hieraus erwachsenen Tat- und Gestaltungskraft, Selbstlosigkeit und Anspruchslosigkeit zu eigen machen und diesem Vorbild auf unsere eigene Weise zu entsprechen versuchen, bis auch uns der Mantel der Natur im eigenen Vergehen einhüllt, und die nach uns Kommenden alles weiterführen und weitergeben werden.

*  *  *

Musik: Thema des langsamen Satzes aus Apassionata von Ludwig van Beethoven (Yt)