Montag, 17. April 2017

"Größeres wolltest auch du ..."

Bruno Ganz liest Hölderlin 

Soweit man sieht, gehört der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz (geb. 1941) (Wiki) zu den ganz wenigen Vortragenden, von denen man sich Dichtungen von Friedrich Hölderlin gerne vortragen lässt. 


In diesem Video (Yt) liest Bruno Ganz zwei Gedichte Hölderlins, zuerst "Lebenslauf" ("Größeres wolltest auch du ...") (auch Yt) und - ab 1'11 - "Hälfte des Lebens" (auch Yt).

Diese Zufallsentdeckung lässt danach fragen, was man sich überhaupt an gesprochenem Wort oder Schauspielleistungen zum Thema Friedrich Hölderlin im Internet anhören oder ansehen kann. Und eine Durchsicht des dort frei Verfügbaren zeigt, dass viele Künstler, Dichter und Denker, sowie solche, die sich dafür halten - auch so mancherlei Esoteriker - sich an Hölderlin "versucht" haben. Auch viele Rezitatoren. Es mag Geschmackssache sein, ob man darunter allzu viel Genießbares findet oder echt Überzeugendes. Also etwas, das Hölderlin gerecht wird. So findet man etwa Aufnahmen von Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer, in denen sie sich zu Hölderlin äußern und in denen sie aus Hölderlins Dichtungen lesen. Diese Aufnahmen haben Philosophie-geschichtlich sicherlich eine gewisse Bedeutung. Dennoch stehe dahin, ob sie jedermanns Geschmack sein müssen, und ob man sich über diese dem Hölderlin'schen Werk annähern möchte.

Es finden sich auch Ausschnitte aus zwei Spielfilmen, die zu dem Leben von Friedrich Hölderlin erstellt wurden, nämlich von "Hälfte des Lebens" (DDR, 1985) und "Der Feuerreiter" (1998). Beide Spielfilme sind ganz unmöglich. Schon wenige Ausschnitte aus ihnen machen einem das sofort deutlich.

Deshalb kehrt man, nachdem man in vieles rein gehört oder gesehen hat, doch gerne wieder zu Bruno Ganz zurück. Von Bruno Ganz gibt es auch gelesen die Gedichte Diotima (frühe Fassung) (Yt) und Der Neckar (Yt). Außerdem gibt es von ihm gelesen den letzten Gedicht-Entwurf, an dem Hölderlin in seiner Zeit in Bad Homburg gearbeitet hat: Mnemosyne (2. Fassung) (Yt).

"Mnemosyne" und das "Homburger Folienheft"


Dieser Gedicht-Entwurf findet sich auf den letzten Blättern des sogenannten "Homburger Folienheftes", dessen Gedicht-Abfolge womöglich in einem sinnvollen Zusammenhang miteinander stehen, die Hölderlin nämlich womöglich in genau dieser Reihenfolge auch veröffentlichen wollte (Wiki). Doch "Mnemosyne" ist von allen daraus der unfertigste Gedicht-Entwurf. Die Lesung von Bruno Ganz wird vielleicht den einen oder anderen anregen, nach dem Sinn zu fragen, auf den Hölderlin in diesem Gedicht hingearbeitet haben mag. Er wird aus den bislang bekannten Fragmenten nicht deutlich, auch nicht aus dem, was Bruno Ganz vorliest. Aber auch nur aus den scheinbar zusammenhanglosen Fragmenten heraus merkt man, dass es sich wie bei allen späten Dichtungen Hölderlins um sehr Tiefsinniges handelt. Mnemosyne ist die Göttin des Erinnerungsvermögens. Um deutlich zu machen, vor welchen Schwierigkeiten hier die Bearbeiter stehen, sei die erste Seite der Edition des handschriftlichen Entwurfs dieses Gedichtes mit eingestellt (Abb. 1).

Abb. 1: Gedicht-Entwurf "Mnemosyne" in editierter Form (erster Teil)

Hier sind mindestens drei Textschichten zu erkennen, drei Stadien der Erarbeitung und Überarbeitung, bzw. Ergänzung. Jede Textschicht scheint - wenn dann ihren eigenen gedanklichen Zusammenhang zu haben. Ein gedanklicher Zusammenhang mit späteren Textschichten muss aber keineswegs als gar so dicht gegeben sein. Auch dürfte die hier vorgenommene Zuordnung in frühes, mittleres und spätes Stadium schon für sich selbst nicht durchgängig unstrittig sein in der Forschung. Fettdruck jedenfalls zeigt wohl die am spätesten hinzugefügten Zeilen, mittlere Druckstärke ein mittleres Stadium und dünner Druck den angenommenen ersten Entwurf. - Aber dies hier nur, um einen Eindruck zu geben, nicht um zu diesem Thema irgend etwas Erschöpfendes sagen zu wollen.

Es dürfte hier sinnvoll sein, sich einmal in die Hölderlin-Forschung zu vertiefen und zu fragen, was diesbezüglich die bisherigen Früchte der Forschung darstellen. (Leider gibt es auch noch keinen eigenen Wikipedia-Artikel zu "Mnemosyne".)

Hölderlin war ein eigenständiger Philosoph


Abschließend sei noch auf zwei weitere Funde zum Thema Hölderlin aufmerksam gemacht. Zum einen mag es vielleicht bedenkenswert sein wie Christian Reiner die Turmgedichte Hölderlins liest (Yt). (Dazu werden leider mehrmals zu nervöse Filmsequenzen gespielt, diese lenken ab. Es ist zu empfehlen, sich nur auf das Hören zu konzentrieren.)

Und zum zweiten noch, was etwas einseitiger die Ratio, die Vernunft anspricht im Vergleich zu der bisher behandelten Dichtung: Sicher mit Gewinn hört sich der der englischen Sprache Mächtige eine Vorlesung von Edward Kanterian an über "Hölderlins Metaphysik" (1). Der Vorstellungstext macht deutlich, dass hier tatsächlich der aktuelle Forschungsstand referiert wird. Es heißt da über Hölderlin:
More recent research, as undertaken by Dieter Henrich, Michael Franz and others, has shown that he was a genuine philosopher as well, who had an original conception of the relation between art, poetry and metaphysics, and who was a major influence on the young Schelling and especially Hegel. This talk explores Hölderlin's metaphysical ideas in relation to those of thinkers like Kant and Fichte, as formulated in various fragments and letters.
In diese Vorlesung kann man sich übrigens auch über ein Transkript (1) einarbeiten.
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  1. Kanterian, Kdward: Hölderlins Metaphysic. Lecture given in the Aesthetics Research Group Seminar, School of Arts, University of Kent, 23 November 2012, https://www.youtube.com/watch?v=Ox727wSlcgY&t=2443s; Transcript: https://docs.google.com/document/d/1TELF81vGqam91vlgpnL6mY-7y5OIT-YHQXj-g9pBOMk/edit

Donnerstag, 13. April 2017

Die "heiligen Narren" Rußlands

Das russische Volk zog sie oft den Angestellten der etablierten Amtskirche vor

Der französische Schriftsteller Pierre Pascal (1890-1980) (Wiki) (a) gilt als ein Spezialist für die russische Geschichte, Literatur und Kultur. Er lebte von 1916 bis 1933 in Rußland. Sein Aufsatz "Russische Volksfrömmigkeit" ("La Religion du peuple russe") (1) erschien erstmals offenbar 1962 (ebenso 1966, 1969, 1973). Er ist auch gut im Internet zugänglich. Im folgenden sollen aus diesem Aufsatz einige Auszüge zitiert werden über ein volkskundliches Phänomen, für das es - außer vielleicht in Indien - in keinem Land der Welt so viele Beispiele gibt wie im traditionellen Rußland. Nämlich die "heiligen Narren", die Wanderasketen. Das sind Menschen, die mitunter einen märchenhaften Wahnsinn mit der einfältigen Herzenreinheit eines Kindes vereinbaren, und die um dessentwillen vom russischen Volk so geliebt worden sind und nicht nur von diesem, sondern auch von einem so bedeutenden Russen wie Leo Tolstoi.

Ganz selten einmal trifft man womöglich auf solche Menschen auch in Deutschland. Vielleicht häufiger in der Psychiatrie und unter an Schizophrenie Erkrankten als in anderen Gruppen. Um gegebenenfalls solche Menschen etwas genauer "einordnen" und verstehen zu können, mögen auch die Schilderungen von Pierre Pascal eine Hilfe sein.

Dabei sei gleich vorbeugend gesagt, dass es hier nicht darum gehen soll, das Phänomen jener "barfüßigen Propheten" der deutschen frühen 1920er Jahre aufzuklären (Wiki). Auf dem Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" ist schon dargestellt worden, dass ihr Wirken vor allem verstehbar wird vor dem Hintergrund von Okkultlogen, und dass sie zumeist geheime Agenden verfolgt haben, die elitärer Natur waren (etwa Gusto Gräser, Friedrich Hielscher und das ganze Umfeld dieser Leute). Natürlich hat es solche auch im traditionellen Rußland gegeben. Aber sie allein würden die Volkstümlichkeit des Phänomens gewiß nicht erklären. Und die deutschen sogenannten barfüßigen Propheten mögen sich zumeist auch nur äußerlich die russischen als Vorbild genommen haben.

Bettler, Pilger, Wanderasketen, Wahrheitssuchende, Narren


Abb. 1: Heiliger Narr - aus einem Gemälde von W.I. Surikov
Nun zurück zur Volkskunde. Pascal also schreibt (1, S. 69f), das russische Volk
"hörte mit Vergnügen von den frommen Abenteuern der Bettelmönche, Wanderasketen und Pilger erzählen."
Und weiter (1, S. 74f):
"Der Pilger, der einmal in das ununterbrochene Gebet eingetreten ist, sieht alles, was ihn umgibt, in einem neuen und wunderbaren Licht: Bäume, Gräser, Vögel, Erde, Luft und Licht, alles verkündet die Liebe Gottes zum Menschen, alles betet und singt zur Ehre Gottes. Auch der Missionar empfängt in seiner kindlichen Reinheit die ersten Aufforderungen zum Gebet von der Natur. Makar Ivanovitsch, der im "Jüngling" von Dostojevskij die Volksfrömmigkeit auf ihrer höheren Stufe symbolisiert, erkennt in jedem Grashalm, im singenden Vogel und in den leuchtenden Sternen das Mysterium Gottes, die unsagbare Schönheit."
Es handelt sich also gerne auch um religiös Erleuchtete oder um solche, denen eine solche Erleuchtung zugeschrieben wird (1, S. 90f):
"Aus diesem Grunde gibt es in diesem Volk die zahlreichen Wahrheitssuchenden (pravdoiskateli), die den modernen Westen in Erstaunen versetzen; jene, die sich einfach ihrer Aufgabe widmen, solche, die Ungerechtigkeit kränkt, solche, die diese Welt des Antichristen verlassen und umherirren; jene, die einer vollkommenen Kirche auf der Spur sind, bis zum geheimnisvollen und unauffindbaren Land der Weißen Gewässer hin; solche, die Gesetzen und Polizei Trotz bieten, um der Menschheit zu dienen; die, die aus der Revolution ein modernes Christentum gemacht haben."
Und weiter (1, S. 91f):
"Die Kirche ist an den Staat gebunden, nur zu oft bemerkt man dies. Sowohl von moralischer als auch von dogmatischer Seite entstehen jetzt Ärgernis, Zweifel, Nachforschungen, Sekten. Von daher erklärt sich z. B. der Erfolg der Duchoborzen ("Geisteskämpfer"), der Anhänger Tolstojs, der Evangeliumschristen, der Stranniki, der Abstinenzler und vieler anderer, die Pässe, Steuern und Militärdienst ablehnten."
Und weiter:
"Der Bauer bricht auf, mit seinem Stock und seinem Brotbeutel, natürlich zu Fuß und begibt sich zu den ihm bekannten heiligen Stätten. Vielleicht ist dies eine benachbarte Einsiedelei, wo ein verehrter Asket wohnt, der in den Herzen liest, Trost und Rat spendet: ein Starez, wie man ihn nennt. Unser Pilger hält sich eine Weile dort auf und kehrt dann, geistig erneuert, zurück; oder er setzt auch seine Wanderung fort und macht eine Rundreise zu den Einsiedeleien der Gegend. Manchmal ziehen sich diese Pilgerfahrten zur Befreiung der Seele über Monate hin."
Pilgerfahrten zur Befreiung der Seele.

Leo Tolstoi hat sie geliebt - die russischen Wanderasketen (Strannik)


Und (1, S. 94f)(Hervorhebungen nicht im Original):
"So gibt es einen höheren Typ der Frömmigkeit, den Stand des Wanderasketen oder Strannik. Wir haben davon eine sehr anschauliche Darstellung in den "Erzählungen eines Pilgers". Der Wanderasket wurde oft durch besondere Umstände zu dieser Lebensform geführt. Ein angeborenes oder erworbenes Gebrechen hat ihn für schwere Arbeiten untauglich gemacht; ein Ereignis, wie der Tod seiner Frau, eine Feuersbrunst oder eine Vision, die ihm den Auftrag gab, haben ihn von seinem Besitz getrennt. Mehr bedarf es nicht, und sein meditativer Geist, seine fromme Seele reißen ihn mit. Als seinen einzigen Besitz nimmt er ein langes Gewand, eine Kappe, einen Bettelsack mit Brotrinden mit sich und geht fort. Er wandert, wie die Pilger, von denen wir schon gesprochen haben, von Kloster zu Kloster, aber unbestimmt und ohne den Gedanken an eine Rückkehr. Überall trifft er auf Gastfreundschaft. Als Gegendienst verrichtet er kleine Arbeiten oder er spricht auch nur. Er berichtet erbauliche Erinnerungen, beschreibt die Wunder der heiligen Stätten, das Tun der Asketen, er bringt die Menschen zum Nachdenken und reißt seine Gastgeber aus ihrem täglichen, irdischen Leben. Wenn er lesen kann und sie nicht, liest er ihnen das Evangelium, die Wüstenväter oder die Heiligenleben vor. Sein Besuch ist ein Fest, ein Wunder und später eine belebende Erinnerung. Russland wurde von Nord nach Süd und von Ost nach West von Tausenden dieser Pilger durchstreift."
Und:
"In Ržev empfing Vater Matfej jeden Tag einige von ihnen, manchmal bis zu vierzig. Tolstoj hat sie gekannt und geliebt. Bunin hat sie beschrieben, Schaljapin hat sie häufig besucht. Der Bauerndichter Jessenin berichtet, dass das Haus seiner Großmutter immer voll von diesen Pilgern, Pilgerinnen und Krüppeln gewesen sei, die in den Ortschaften Legenden und Klagelieder gesungen hätten. Eine solch ungeheuer wichtige und fromme Rolle spielten also die Wanderasketen."

Die "heiligen Narren" Rußlands (Jurodivyj)



Und:
"Der "podvig" geht jedoch noch weiter. In Syrien, der Heimat aller religiösen Exzesse, hatten die Christen der ersten Jahrhunderte die Worte des Apostels: "Die Torheit Gottes ist weiser als die Weisheit der Menschen... [1 Kor 1,25] Wir sind töricht um Christi willen... [1 Kor 4,10]" wörtlich genommen, und es kam zur Erscheinung der "Saloi". Welch’ eine Tat könnte verdienstvoller sein als die, auf das, was das Besondere und Eigene des Menschen und seines Hochmutes ist, nämlich den Verstand, zu verzichten und als Narr zu gelten, um den höchsten Schimpf zu ernten, in die abgrundtiefste Erniedrigung zu fallen, freiwillig, um Christi willen? Sobald sie bekehrt sind, ergreift das Verlangen der Nachfolge die Russen: In Kiev gab es freiwillige Narren, die "Jurodivye", und dieses Phänomen verschwand nie mehr; die Narren verbreiteten sich darauf in Moskau, sie hielten den Verfolgungen der Zivilbehörden, den Verdammungen der aufgeklärten Prälaten des 18. Jahrhunderts, der entrüsteten Verachtung der intellektuellen Gesellschaft und der "Kulturpropaganda" der Sowjets stand. Sie sind noch heute vorhanden.
Sie irren, ebenfalls mit "verigi'" und Eisenmützen, in lächerliche Lumpen gekleidet oder beinahe nackt, umher, betteln, wälzen sich im Schlamm, erregen Spott und bekommen verletzende Worte zu hören, reizen zu grotesken und gehässigen Handlungen. Sie haben Empfindlichkeit und Eigenliebe in sich getötet. Sie erregen Skandal und haben vor nichts Respekt. Sie scheinen aus einer anderen Welt zu kommen. Man verachtet und bewundert sie, und man erkennt ihnen außergewöhnliche Fähigkeiten zu: sie lesen in den Herzen, sie sehen in die Zukunft. Ihre unbedeutendsten Äußerungen versucht man auszulegen. Einst spielten sie auf diese Weise eine Rolle in der Politik: sie geißelten die Mächtigen. Iwan der Schreckliche ließ einen Metropoliten hinrichten, aber er nahm die Schmähung eines Jurodivyj hin. Heute sind sie die Beichtväter des Volkes.
Der Jurodivyj befindet sich überall. Ein Jurodivyj von Kursk bildete den späteren Serafim von Sarov aus. Ein Jurodivyj, ein ehemaliger Pilger aus Palästina, der Mönch geworden war, gründete neben dem Sergij-Kloster die Einsiedelei Gethsemane. Ein Priester aus Uglič namens Peter, den man für einen Jurodivyj hielt (man behandelte ihn als Narren, man schnitt ihn, man legte ihn in seinem Hause an die Kette), wurde 40 Jahre lang, bis zu seinem Tode im Jahre 1866, von Scharen aufgesucht, die begierig nach seinen Ratschlägen waren, und er wurde von den Weisen und Philosophen als geistlicher Lehrer hochgeschätzt: so z.B. von dem Archimandriten und Lehrer Fedor (Bucharev).
Die Schriftsteller haben es nicht versäumt, den Jurodivyj mit mehr oder weniger Verständnis und Sympathie zu beschreiben: Tolstoj in seiner "Kindheit" und Dostoievskij in den "Besessenen", ebenso der Satiriker Saltykov-Schtschedrin und die populären Schriftsteller Gleb Uspenskij und Naumov; Pryjov und Korolenko haben ihm auch Studien gewidmet. Auf jeden Fall bestreitet niemand, dass er ein hervorstehend repräsentativer Typ der russischen Volksfrömmigkeit auf ihrer heroischen Stufe ist."
Diese Ausführungen können aufzeigen, dass das menschliche Seelenleben ein sehr vielfältiges sein kann, und dass Menschen mitunter in der tiefsten Erniedrigung, die Menschen nur möglich ist, womöglich dennoch ein reiches Gotterleben haben können oder doch zumindest Menschen mit warmem, guten Herzen sein können, deren Anwesenheit für andere Menschen ein Segen sein kann.

Kann dem Menschen etwas Wesentlicheres eingeflößt werden als Ehrfurcht vor der Reinheit des Herzens?

/Verfasst: 1.8.2014/

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  1. Pascal, Pierre: Russische Volksfrömmigkeit. In: Kyrios. Zeitschrift für Kirchen- und Geistesgeschichte Osteuropas. 1962, S. 69 - 102. Ergänzende Bemerkungen in [...] von K. Bambauer. Auf: BorisOGleb.de. Offenbar auch als Einzelschrift: Oekumenischer Verl. Edel 1966 (40 S.)

Sonntag, 9. April 2017

Gedanken sammeln

Wir sind ein verkommenes, degeneriertes, verhunztes Volk. Jeder von uns hat daran teil. Wir sind seelische Krüppel. Seelisches Elend vereinsamt oder schafft "Gemeinsamkeit" auf seelisch niedrigem Niveau. Was uns fehlt, sind Ideale. Wer von uns würde sich noch als einen in tieferem Sinne idealistischen Menschen bezeichnen? Wir sind nicht nur verdummt worden, nein, schlimmer noch, dieses Volk hat sich seine Ideale nehmen lassen, seine Visionen, seine Verheißungen. Mit lächerlich kaltem, jämmerlichen Zeug hat es sich anstelle dessen abspeisen lassen.

Ein entscheidender Umbruch kam im Jahr 1945. Eine Welt zerbrach. Andere Umbrüche waren die Jahre 1914, 1918 und auch 1933.

Auch der Umbruch von der Antike zum Mittelalter ist benennbar, die Ausbreitung von Religionen, die erst die Grundlage geschaffen haben, um vormals offene Gesellschaften in geschlossene umzuwandeln.

Das Schlimmste heute ist: wir können nicht mehr an Zukunft glauben, daran, dass unser Volk ein Wiederauferstehen hat. Das liegt daran, dass keine Verankerung erkennbar ist oder wird, bzw. womöglich ständig neu zersetzt und zerstört wird, wo immer sie nur erkennbar wird, eine Verankerung, an die angekettet eine Wiederauferstehung möglich wird. Diese Wiederauferstehung muss ohne satanistische Eliten, Geheimdienste und verborgene Thinktanks vonstatten gehen, sie erst muss die echt-offene Gesellschaft schaffen, anstelle all der bisherigen angeblich offenen Gesellschaften, die aber tatsächlich nur eine Simulation derselben waren, ein schöner Schein.

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Distanziert sein - und doch nicht ohne großes, sehr, sehr großes Wohlwollen dem Leben gegenüber:
Paul Cézanne - Die Kartenspieler - 1895 

Es erfordert viel Entsagung, viel Trauer, viel Insich-Gekehrtheit, viel Aufopferungsbereitschaft - kein seelischer Krüppel zu sein. Es erfordert, auch im physischen Erschöpfungszustand, im Zustand der Müdigkeit, des Alles-egal-Seins "besonnen" zu bleiben, in sich zu bleiben. Es erfordert, sich nicht den Kräften der Seichtheit, der Oberflächlichkeit anheim zu geben, sich nicht fallen zu lassen.

Viele Ansätze sind erkennbar, viel gutes Wollen. Im dumpfen Innern ist ein Wollen, ein Wollen des Meidens der Seichtheit, der Oberflächlichkeit, der bisherigen erkennbar. Es ist nicht "Dummheit", das Wollen, es ist ein Sehnen, das zur Höhe führt. Und auch im Aufschwung, im ersten Erstarken darf nicht gleich wieder dem "Frieden-Wollen", dem Glücksstreben Platz gegeben werden. Dann lieber das Gefühl der Leere aushalten.

Reichtum ergibt sich nicht durch voreiliges Hinüberschwenken, Hinübertaumeln zum Glück. Man bestärke sich darin, Entbehrungen auszuhalten. Irgendwann muss man doch alt genug dafür sein. Irgendwann.

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Es gibt Menschen, denen fallen schon von ihrer Natur her moralische Anstrengungen schwer. Eine angeborene ausgeprägtere Neigung zum sich Gehenlassen in Trägheit und Gemütlichkeit gibt es bei manchem Menschentypus geradezu angeborenermaßen. Sie tritt um so deutlicher hervor, um so älter diese Menschen werden. Wird diese Schwäche zusätzlich noch ergänzt durch eine Erziehung in der Kindheit, in der Verwöhnung des Kindes sehr im Vordergrund stand, kann dies sehr leicht dazu führen, dass solche Menschen - insbesondere im Alter - nur noch in Ruhe gelassen werden wollen von Menschen, die energischer, stärker im Wollen und in der Tatkraft, im Durchsetzen des von ihnen erkannten Guten sind. Tritt dann noch als dritte Eigenschaft großer Beharrungswille, mangelnde Veränderungsbereitschaft hinzu, dann fühlen sich diese am wohlsten, wenn sie von solchen eben genannten veränderungswilligen Tat-Menschen ganz in Ruhe gelassen werden und wenn diese nicht ihre eigenen Tat- und Veränderungs-Normen auf sie selbst anwenden. Sind zwei Menschen von so unterschiedlichem Typus miteinander verheiratet, kann das auf die Dauer zu schweren Spannungen führen. Denn der eine strebt nach Tatkraft und Unabhängigkeit, Klarheit im Urteil über alle Dinge, auch im Bereich des Menschlichen. Der andere möchte gerne nicht gar zu viel über sich selbst und andere wissen, möchte gerne das meiste eher im Vagen lassen.

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Wer bereit ist, sich auf menschliche Stärke einzulassen, der ist auch bereit, sich auf menschliche Schwäche einzulassen, sie zumindest zu tolerieren. Wer aber die Stärke nicht sehen möchte, dem ist es auch schwer möglich, Schwäche zu ertragen.

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An das Göttliche muss man sich gewöhnen, so wie man sich vom Göttlichen entwöhnen kann. Das nimmt Zeit in Anspruch.

Es gilt, ein gottwacher Mensch zu werden. Das wird man nicht über Nacht. Reifeprozesse erfordern ihre Zeit, dürfen aber auch nicht unterbrochen und gestört werden.

Ein ernster Wille ist schon Voraussetzung. Mit Leichtsinn und Leichtfertigkeit sind solche Reifeprozesse allein nicht in Gang zu bringen oder zu halten.

Wenn auch der Frohsinn und der Humor große, oftmals sogar wesentliche bis wesentlichste Helfer sein können. Alles kommt darauf an, dass sie echt, nicht erkünstelt sind.

Es ist eine schwere Bergtour. Die Erinnerung daran, dass wahrhaftig nicht viel Zeit bleibt in diesem Leben, solche Reifeprozesse Wirklichkeit werden zu lassen, kann ein Helfer sein. Und sie ist es sehr oft.

Solche Reifeprozesse bedeuten sehr oft Vereinsamung. Denn allzu oft erkennt man, dass sie nicht vereinbar sind damit, sich allzu eng und intensiv mit Mitmenschen einzulassen.

Enttäuschungen sind unausweichlich. Enttäuschungen über sich selbst, tiefe, ebenso wie Enttäuschungen über die Mitwelt. Denn der Mensch ist ja andererseits keineswegs darauf ausgelegt, als Einsiedler zu leben.

In heutiger Zeit sich einerseits für Kulturerhaltung einzusetzen, zum anderen zu wissen, dass das Überleben von Kultur bedroht ist durch mangelnde Zahl an Nachkommen, bedeutet, dass einem das Gründen einer Familie ein heiliges Anliegen sein muss, heiliger noch als zu anderen Zeiten, als ein solches Gründen eigentlich selbstverständlich war.

Die Erfahrung zeigt, dass dies die gefährlichste Klippe im Leben für die seelische Weiterentwicklung ist oder sein kann.

Wünschenswert und enorm hilfreich ist es, einen gottwachen Menschen als Ehepartner zu finden. Aber selbst wenn man einen solchen findet, ja, um so gottwacher und begabter er ist, um so mehr, um so mehr können sich zugleich auch die Klippen mehren. Gegenseitige Beeinflussungen, Verletzungen wie gemeinsame seelische Aufflüge wirken sich unter gottwachen Menschen viel einschneidender aus als sonst unter Menschen.

Und dann erst beginnt die wahre Kunst der Lebensgestaltung. Weise Wahl wird - geradezu von Tag zu Tag - notwendiger denn je.

Hiermit ist der schnelle seelische Wandel gemeint.

Auch eine ernste, verantwortungsvolle Aufgabe, die das Überleben der Gruppe sichert, kann Helfer sein im Aufstieg. Das Hinwenden zu den göttlichen Wünschen, das ernste Leben und Erleben von Elternliebe und Gottesstolz, unbekümmert um die Art, wie solche wesentlichen Eigenschaften von der Mitwelt erlebt und gelebt werden, unbekümmert um das eigene Sehnen nach Glück, Lust und Zufriedenheit.

Helfer im Aufstieg.

Musik kann hilfreich sein, Gemeinschaftserleben, Jahresfeste, der Not sich ausliefern, in der sich unser Volk heute befindet, dem Wahrheitswillen gerecht werden, der in uns lebt.

Dem Wahrheitswillen gerecht werden, der in uns lebt - - -

Ein reicher seelischer Aufschwung ist möglich.

Es sei noch daran erinnert, dass einige Menschen eine bessere Voraussetzung für seelischen Aufstieg mit bringen als andere.

Eine ausgeglichene, von Extremen möglichst fern gehaltene Kindheit kann sehr hilfreich sein. Hilfreich kann sein, in der Jugend nicht unter zu negative Einflüsse zu geraten.

Sehr hilfreich kann sein, unter günstigen menschlichen Einflüssen zu stehen oder diese aufzusuchen.

Heute ist der Dreck turmhoch über uns geschichtet, dass er schon wieder eine Hilfe ist. Denn man muss sich bei ihm nicht mehr viele Gedanken machen, ob man ihn richtig einschätzt oder nicht. Denn Dreck bleibt immer Dreck.

Zwar ist es nicht schön, nur von Unrat umgeben zu sein. Aber zu erkennen, dass es so ist, kann ja auch eine Art Erleichterung sein.

"Wer auf sein Elend tritt, steht höher," sagte schon Hölderlin.

Freitag, 7. April 2017

"Hört auf zu gebären, das Leben ist voller Leid"

Picassos "Blaue Periode"

"Hört auf zu gebären, das Leben ist voller Leid," scheint auf Picasso's Gemälde "Das Leben" aus dem Jahr 1903 der darauf abgebildete Freund Picasso's zu der gleichfalls darauf abgebildeten Mutter von Picasso (der Frau mit dem Kind im Arm) zu sagen.  

Abb. 1: Pablo Picasso - Das Leben - 1903

Wie kam es zu diesem Bild? Bis 1900 lebte Pablo Picasso (1881-1973) in Barcelona und besuchte 1901 - auf Anregung des eben genannten Freundes, Carlos Casagemas (1881-1901) (Wiki) - und mit diesem zusammen das erste mal Paris. Auch Casagemas war Maler. In Paris lernten sie die ebenfalls auf dem Gemälde abgebildete Tänzerin des Moulin Rouge, Germaine Pichot, kennen. In dem Wikipedia-Artikel zu ihr findet sich etwas wieder von dem im Grunde recht komplizierten und dramatischen Geschehen, das den Hintergrund zu diesem Gemälde gibt (Wiki):
Germaine Pichot (...) heiratete einen Mann namens Florentin. Unter diesem Namen lernte sie Picasso in Paris kennen, als er im Jahr 1900 mit seinem Freund Carles Casagemas dort eintraf. Während Picasso eine Affäre mit Germaines Freundin oder Verwandter Louise Lenoir, die unter dem Namen Odette bekannt war, begann, verliebte sich Casagemas in Germaine, musste aber feststellen, dass er impotent war. Nach einer Reise nach Spanien, die er zusammen mit Picasso angetreten hatte, kehrte Casagemas 1901 ohne diesen nach Paris zurück. Bei einer Feier im Restaurant L'Hippodrome am 17. Februar 1901 gab Casagemas einen Schuss auf Germaine ab, der diese aber nicht, wie wohl beabsichtigt, tötete.
In der Annahme, dass er sie getötet habe, richtete er dann seine Waffe auf sich selbst und rief "So, und jetzt ich". Auf Wikipedia heißt es:
Danach richtete Casagemas die Waffe auf sich selbst und brachte sich eine Kopfverletzung bei, an der er wenig später starb.
Auf den Bildern von Picasso ist nach dem Tod seines Freundes viel Trauer zu sehen. 

Abb. 2: Pablo Picasso - Die Tragödie - 1903

Im äußeren Leben ging es bei Picasso - bei großer materieller Armut - folgendermaßen weiter (Wiki):
Nach seiner Rückkehr nach Paris im Mai 1901 brach Picasso mit Odette und fing eine Beziehung mit Germaine an.
Und weiter:
"La Vie" war ursprünglich anders angelegt als es sich heute präsentiert: Der junge Mann auf dem Gemälde war zunächst ein Selbstporträt Picassos, ehe dieser das Bild änderte und dem Mann die Züge Casagemas' und der zunächststehenden jungen Frau die Germaines gab.
Die Entstehungsgeschichte dieses Gemäldes ist also von einem dramatischeren Geschehen bestimmt, als man es ihm auf den ersten Blick ansehen würde. Die sich hier andeutenden wechselnden Liebesverhältnisse, die man auch in manchen Biographien der etwa zeitgleich lebenden expressionistischen Maler des deutschen Sprachraumes findet - etwa in Dresden rund um die "Brücke", mündeten in jener Zeit bei Picasso auch in verschiedene, erhalten gebliebene kleinere Werke. So soll Picasso in dieser Zeit auch das Gemälde "La Doleur" (1902) gemalt haben.

Abb. 3: Pablo Picasso - Der alte Gitarrenspieler - 1903/04

In den kleineren Werken spiegelt sich aber natürlich weniger jener Gehalt wieder, der in seinen bedeutendsten Werken enthalten ist, nämlich der Umstand, dass der Tod seines Freundes - und sicherlich auch die eigenen Liebeserfahrungen - bei Picasso eine mehrere Jahre anhaltende Traurigkeit auslösten. Sie werden zusammenfassend als die Bilder der "Blauen Periode" bezeichnet (Wiki):
Diese Arbeiten (...) gehören heute zu seinen bekanntesten, obwohl er in der Zeit ihrer Entstehung Schwierigkeiten hatte, sie zu verkaufen.
Zu dem Gemälde "Das Leben" aus dem Jahr 1903 hat Picasso selbst nie eine Deutung gegeben. Die Ansichten in der Kunstwissenschaft über seine Deutung gehen weit auseinander. Es heißt, dass es dem Betrachter - womöglich mehr oder weniger bewusst - weite Deutungsspielräume offen gelassen hätte. Dass ja auch für Picasso selbst die Aussage des Gemäldes nicht von Anfang an feststand, ist ja schon seiner angedeuteten Entstehungsgeschichte zu entnehmen: Er wollte eigentlich sich selbst malen. Aber der Gedanke an den Freund drängte sich in den Vordergrund und musste verarbeitet werden.

Auffallend scheint vor allem die abwehrende Geste des Mannes gegenüber der Frau mit dem Kind zu sein. Es ist nahe liegend, dass sie aussagen soll: Ach, hättest du mich nie geboren.

Es gibt eine Liste der Arbeiten von Picasso zwischen 1901 und 1910 (Wiki), sie bietet einen Überblick. Die Blaue Periode wird auf die Jahre 1901 bis 1904 datiert. Ab 1904 begann sich sein Mal-Stil zu ändern. Und ab 1907 wurde er zunehmend abstrakter.

Abb. 3: Pablo Picasso - Frau mit Krähe - 1904

In der Blauen Periode entstanden etwa "Melancholische Frau", "Sitzende Frau", "Die Suppe", "Mutterschaft", "Die Tragödie", "Der alte Gitarrenspieler" (Wiki).

1904 entstand auch das Gemälde "Frau mit einer Krähe" (Femme à la corneille), das vielleicht den tiefsten Punkt der Depression von Picasso bezeichnet: Eine sehr, sehr blasse Frau, ihre Gesichtsfarbe ist im Grunde kahl-weiß. Und sie streichelt eine Krähe. Man wird eine Krähe von ihrem Wesen her eher als das Gegenteil eines zugewandten, lebensnahen "Streicheltieres" empfinden. Diese Geste mag die tiefe Entfremdung gegenüber allem Leben zum Ausdruck bringen.

Man ist auch geneigt, im Gesicht der Frau Haß zu lesen. Sieht man dieses Gemälde aber im Zusammenhang mit allen anderen Gemälden aus der Blauen Periode, tritt der Eindruck wieder zurück, dass auf diesem Gesicht Haß oder gar Bosheit die dominanten Anteile sein könnten (3). In dem vielleicht vorausgegangenen Gemälde "Frau mit Helmfrisur" ("Femme au chignon", 1904) findet sich ein ähnlich kaltes, ausdrucksloses, desillusioniertes Frauengesicht (Wiki).

Abb. 4: Pablo Picasso  
Frau mit Helmfrisur
1904
Auf die Blaue Periode folgte die Rosa Periode (1904 bis 1906) (Wiki). In dieser nimmt die Melancholie des Künstlers - wie die Farbe Rosa schon für sich selbst aussagt - etwas unbeschwertere Züge an. Aber es wird sicher gesagt werden dürfen: Ohne die Blaue Periode wäre Picasso nicht jener Picasso geworden, als der er in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Sie ist sicherlich ein grundlegendes Lebens- und Kunststadium gewesen, sonst würden die in dieser Lebensphase entstandenen Werke nicht heute noch als so bedeutend empfunden werden.

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  1. Reyes Jiménez de Garnica, Malén Gual (Hrsg.): Journey through the Blue. La Vie. (Catalogue of the exhibition celebrated at Museu Picasso, Barcelona, october 10th 2013 to january 19th 2014). Institut de Cultura de Barcelona: Museu Picasso, Barcelona 2013
  2. Museu Picasso zur Ausstellung, bcn.cat, abgerufen am 05. April 2017
  3. Mit diesem Gemälde befasste sich 1982 auch das französische Fernsehen anlässlich seiner Versteigerung (Yt).

Samstag, 25. März 2017

"Du seiest so allein in der schönen Welt ...."

Einiges zu Friedrich Hölderlin's Altersjahren

An den deutschen Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843), an sein Streben und sein Lebensschicksal kann nicht oft genug erinnert werden. Die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" hat mit einer intensiven Auseinandersetzung mit dem geistigen Erbe Hölderlins im Jahr 1990 begonnen (s. 9-12). Es kann als von großer Dringlichkeit empfunden werden, dass diese Auseinandersetzung weiter geführt wird, dass man nicht nachlässt in dem Bemühen, sich mit einem der größten deutschen Dichter und Denker ins Benehmen zu setzen. Im vorliegenden Beitrag sollen einmal zwei Lebenszeugnisse aus den Altersjahren Hölderlins, in denen Hölderlin - angeblich - geisteskrank gewesen ist, gebracht werden.

Ein Gedicht Hölderlins


Als erstes Lebenszeugnis aus Hölderlins Altersjahren in Tübingen soll hier auf ein Gedicht hingewiesen sein, das mit den berühmten, betroffen machenden Worten endet:
Du seiest so allein in der schönen Welt,
Behauptest du mir immer, Geliebter! das
Weist aber du nicht - - -
So lauten die letzten - abgebrochenen - Zeilen eines Gedichtes, das Friedrich Hölderlin in den ersten Jahren seines Lebens im Hause des Tübinger Tischlers Zimmer (ab Mai 1807) - neben unzähligen anderen Dichtungen - geschaffen hat, das aber als eine der wenigen von diesen vielen anderen für uns erhalten geblieben ist.

Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind,

Ich dir noch kennbar bin, die Vergangenheit

O du Theilhaber meiner Leiden!

Einiges Gute bezeichnen dir kann,


So sage, wie erwartet die Freundin dich?

In jenen Gärten, da nach entsezlicher

Und dunkler Zeit wir uns gefunden?

Hier an den Strömen der heiligen Urwelt.


Das muß ich sagen, einiges Gutes war

In deinen Bliken, als in den Fernen du

Dich einmal fröhlich umgesehen

Immer verschlossener Mensch, mit finstrem


Aussehn. Wie flossen Stunden dahin, wie still

War meine Seele über der Wahrheit, daß

Ich so getrennt gewesen wäre?

Ja! ich gestand es, ich war die deine.


Wahrhafftig! wie du alles Bekannte mir

In mein Gedächtniß bringen und schreiben willst,

Mit Briefen, so ergeht es mir auch

Daß ich Vergangenes alles sage.


Wars Frühling? war es Sommer? die Nachtigall

Mit süßem Liede lebte mit Vögeln, die

Nicht ferne waren im Gebüsche

Und mit Gerüchen umgaben Bäum' uns.


Die klaren Gänge, niedres Gesträuch und Sand

Auf dem wir traten, machten erfreulicher

Und lieblicher die Hyacinthe

Oder die Tulpe, Viole, Nelke.


Um Wänd und Mauern grünte der Epheu, grünt'

Ein seelig Dunkel hoher Alleeen. Offt

Des Abends, Morgens waren dort wir

Redeten manches und sahn uns froh an.


In meinen Armen lebte der Jüngling auf,

Der, noch verlassen, aus den Gefilden kam,

Die er mir wies, mit einer Schwermuth,

Aber die Nahmen der seltnen Orte


Und alles Schöne hatt' er behalten, das

An seeligen Gestaden, auch mir sehr werth

Im heimatlichen Lande blühet

Oder verborgen, aus hoher Aussicht,


Allwo das Meer auch einer beschauen kann,

Doch keiner seyn will. Nehme vorlieb, und denk

An die, die noch vergnügt ist, darum,

Weil der entzükende Tag uns anschien,


Der mit Geständniß oder der Hände Druck

Anhub, der uns vereinet. Ach! wehe mir!

Es waren schöne Tage. Aber

Traurige Dämmerung folgte nachher.


Du seiest so allein in der schönen Welt,

Behauptest du mir immer, Geliebter! das

Weist aber du nicht,

. . . . . . . . . . . . . . . . . .


Dieses Gedicht wurde erstmals 1921 in "Zwei Vorträgen" von Norbert von Hellingrath und dann in einer Hölderlin-Gesamtausgabe desselben Jahres veröffentlicht. (Digital zugänglich z. B. auch hier: U. Harsch.)

Was wissen wir über die Entstehung dieses Gedichtes? In der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe heißt es 1983 unter anderem (5), dass Hölderlin - gut bezeugt durch seinen Hausherren Zimmer - in den ersten Jahren seines Aufenthaltes im Tübinger Turm außerordentlich viele Gedichte geschrieben habe. Es wird vermutet, dass zu dem wenigen, was sich von diesen vielen Gedichten erhalten hat, dieses eine gehört. Und es wird weiter geschrieben:
Vermutlich spiegeln diese Ansätze den von Sinclair erwähnten Plan zu einem dritten Band des "Hyperion".
Friedrich Hölderlin wollte also zu seinem Briefroman "Hyperion" noch einen dritten Band schreiben, in dem also offenbar Diotima aus der Schattenwelt an Hyperion einen solchen Brief schreibt. Übrigens ist ja auch sein Drama "Agis" verloren. Es sollte doch einmal überprüft werden, ob die vielen Verluste hinsichtlich des Werkes von Friedrich Hölderlin nicht etwa nur "fahrlässig" wie bisher zumeist angenommen, sondern womöglich sogar mehr oder weniger bewusst zustande gekommen sind.*) 2010 war dieses Gedicht der Ausgangspunkt für eine neue Hölderlin-Studie von Seiten eines italienischen Germanisten (6). Der Inhalt und die These dieser Studie wird in einer Amazon-Rezension folgendermaßen wiedergegeben:
Bevilacqua nimmt die Schizophrenie Hölderlins sehr ernst und dies ist für ihn einer der Gründe, die 51 Verse des Gedichtes "Wenn aus der Ferne" aus der Turmzeit nicht Hölderlin zu zuschreiben. Neben rein medizinischen Gründen führt der italienische Germanist aber auch eine Reihe stilistischer Gründe an, dieses Gedicht für etwas zu halten, was man heute Fälschung nennt. Dem steht die Schwierigkeit gegenüber, daß dieses Gedicht in der Handschrift Hölderlins überliefert ist. Mit kriminalistischem Spürsinn versucht Bevilacqua, diesen gewichtigen Grund als Gegenargument aus dem Weg zu räumen. Das Buch liest sich sehr spannend und da Argumente und Gegenargumente offen liegen, kann sich der Leser selbst ein gutes Bild machen, ob er der Argumentation Bevilacquas folgen will.
Man fragt sich, welchen Drang solche Germanisten beseelt, dieses Gedicht Hölderlins zu einer Fälschung zu erklären. Nun, dieser hält sich dabei womöglich an das Hölderlin-Wort "Alles prüfe der Mensch, damit er die Freiheit lern, aufzubrechen, wohin er will". In einer anderen Amazon-Rezension zu dieser Studie (aus dem September 2011) liest man die beruhigenderen Worte:
Die Überbewertung biografischer Daten führt zu Fehlinterpretationen, die dann als Beleg dafür benutzt werden, Hölderlin geistige Verwirrung zu unterstellen. Demnächst erscheint im ATHENA Vg. als 23. Band der "Beiträge zur Kulturwissenschaft" eine Gegendarstellung zum traditionellen Hölderlinbild, die vom Biografischen Abstand nimmt, das Wort des Dichters wieder in den Mittelpunkt stellt und Hölderlins Schaffen in allen Lebensphasen rehabilitiert.
Es scheint das also immer noch nötig zu sein (7). Hölderlin mag also auch heute noch - - - sehr "allein" sein "in der schönen Welt". Dabei sind ja viele Hölderlin-Forscher - mit und seit Pierre Bertaux (4) - zu der Einsicht gekommen, dass Friedrich Hölderlin gar nicht geisteskrank war, sondern dies nur - nach den Worten des Hölderlin-Freundes Sinclair - eine “angenommene Äußerungsart” war, um sich der politischen Verfolgung, sowie den Zudringlichkeiten und Verständnislosigkeiten sogar seiner engsten Freunde und überhaupt seiner Zeitgenossen zu entziehen. (Siehe dazu auch seine Tragödie "Empedokles".) Der einzige Mensch, der ihn voll verstanden hatte - Susette Gontard - war im übrigen schon 1803 sehr plötzlich gestorben. (Sie war kurz vor ihrem Tod noch sehr gesund gewesen, war in Gesellschaft bewundert worden. Sie hatte sich dann bei den Röteln ihrer Kinder angesteckt und ist daran dann überraschend schnell gestorben. "Dahingewelkt", würde man wohl im Sprachduktus der damaligen Zeit sagen.)

"Der Mann steht erstaunlich da"


Abb. 1: Stahlstich von Xaver Steifensand nach einer Zeichnung von Wilhelm Kaulbach
zu "Wallenstein’s Tod" von Friedrich Schiller, erster Aufzug, erster Auftritt 

Nun noch ein zweites Lebenszeugnis. Der Hölderlin-Biograph Christoph Theodor Schwab (1821–1883) besuchte im Jahr 1841 - also zwanzig bis dreißig Jahre später Hölderlin mehrfach, der immer noch im selben Haus lebte - nun bei der Tochter des Tischlers Zimmer, deren Vater verstorben war. Schwab berichtet unter anderem (zit. n. 1, S. 18):
25. Febr. (...) Heute ging ich wieder hin. (...) Er war freundlich und sprach ziemlich viel und deutlich. (...) Zimmers Tochter erzählte mir, dass er an den neu herausgekommenen Stahlstichen von Kaulbach zu Schillers Werken in Einem Band, die man ihm zeigte, eine große Freude gehabt habe, besonders habe ihm die Scene aus Wallenstein (nach meiner Ansicht auch die beste) gefallen, er habe gesagt: "Der Mann steht erstaunlich da". Überhaupt hat er für Kunst noch viel Sinn und Urteil.
Die hier erwähnte Ausgabe von Stahlstichen war 1840 herausgekommen (2; s.a. 3). (Dieser Bericht Schwabs ist auch behandelt in der Frankfurter Ausgabe der Gesammelten Werke Hölderlins, Bd. 9, 1983, S. 336f.) Schauen wir noch, zu welchem Geschehen dieses Bild die Erläuterung geben sollte. Es handelt sich um Wallensteins Entschluß zu handeln. Wallenstein sagt über die ihm angeblich günstige Konstellation der Planeten (Wallensteins Tod):
Nicht Zeit ists mehr zu brüten und zu sinnen,
Denn Jupiter, der glänzende, regiert
Und zieht das dunkel zubereitete Werk
Gewaltig in das Reich des Lichts - Jetzt muß
Gehandelt werden, schleunig, eh die Glücks-
Gestalt mir wieder wegflieht überm Haupt,
Denn stets in Wandlung ist der Himmelsbogen.
Der Betrachter des Bildes sieht natürlich zugleich, dass dieser Entschluss Wallensteins zum Handeln zugleich sein Ende ist. Auch dieses Kunsturteil Hölderlins aus dem Jahr 1841 zeigt, dass er noch in seinen letzten Lebensjahren seelischer Anteilnahme sehr wohl fähig war, dass er seelische Aufgeschlossenheit zeigte.

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*) Friedrich Hölderlin war der Anreger und Jugendfreund Georg Friedrich Wilhelm Hegels, jenes Philosophen, der seit 1804 von Goethe und Niethammer weiter empfohlen wurde und im geistigen - und damit auch politischen Leben - von Jahr zu Jahr einflussreicher werden sollte. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch von Bedeutung, dass Hölderlins Freund Sinclair schon 1815 "überraschend" mit 39 Jahren auf dem Wiener Kongreß starb, ebenso Hegel 1830 mit 61 Jahren. Über die Ursachen des Todes von Hegel ist sich die Forschung - wieder einmal - keineswegs einig.
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  1. Beck, Adolf: Aus den letzten Lebensjahren Hölderlins. Neue Dokumente. S. 15ff, http://www.hoelderlin-gesellschaft.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Jahrbuch_194849/194849_15.pdf 
  2. Stahlstiche zu Schiller’s Werken in Einem Bande nach Zeichnungen von W. Kaulbach. Stuttgart, Tübingen: Cotta, 1840. Bl. 7-8
  3. Schiller in Detmold Eine Ausstellung zum 200. Todestag des Klassikers. Auf: http://www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus-unserer-arbeit/ausstellungen/ausstellung-2005-1/3-teil.html
  4. Bertaux, Pierre: Friedrich Hölderlin. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/M. 1978
  5. Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. von D. E. Sattler. 20 Bde. und 3 Supplemente. Stroemfeld Verlag, Frankfurt a. M. 1975–2008 („Frankfurter Ausgabe“). Bd. 9: Dichtungen nach 1806, Mündliches. Verlag Roter Stern, Frankfurt am Main 1983, S. 37 (lesbar auf Google Bücher)
  6. Bevilacqua, Giuseppe: Eine Hölderlin-Frage. Wahnsinn und Poesie beim späten Hölderlin (Germanistische Texte und Studien) 2010 (Amaz.)
  7. Horowski, Reinhard: Hölderlin war nicht verrückt. Eine Streitschrift. Klöpfer & Meyer, (lesbar auf Google Bücher)
  8. Kreuzer, Johann (Hrsg.): Hölderlin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Springer-Verlag, Stuttgart 2016 (lesbar auf Google Bücher)
  9. Leupold, Hermin: Gedenken an Friedrich Hölderlin. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 68, Juli 1990, S. 1-3, http://fuerkultur.blogspot.com/1990/07/gedenken-friedrich-holderlin.html
  10. Schäfler, Wilhelm: Friedrich Hölderlin. Versuch zur Erfassung seines Werkes. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 69, September 1990, S. 21-24, http://fuerkultur.blogspot.de/1990/09/friedrich-holderlin.html
  11. Leupold, Hermin: Antworten auf Grundfragen zur menschlichen und kosmischen Existenz. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 71, Januar 1991, S. 1-4
  12. Leupold, Hermin (posthum): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution des Weltalls und des Bewußtseins. Die Deutsche Volkshochschule, 23845 Bühnsdorf, 2001

Mittwoch, 1. März 2017

Die kalte Ratio und die vernunftmäßige Aufklärung können die modernen Gesellschaften allein nicht retten

Die nichtrationale Seite der Wirklichkeit und ihre Erfahrung über das "Werterleben" muss nach und nach in den Mittelpunkt aller Bemühungen innerhalb der alternativen Öffentlichkeit gestellt werden. Über ihr Wesen muss nach und nach intensiver nachgedacht werden als bisher, es muss endlich der Anfang damit gemacht werden, dass sie und ihr Wesen und ihre Ausdrucksformen erörtert werden.

In den letzten Tagen hatten wir einen Austausch mit einem befreundeten Blogger innerhalb der alternativen Öffentlichkeit. Aus diesem Austausch sollen im folgenden die wesentlicheren Gedanken gebracht werden, die in ihm von unserer Seite aus vorgebracht wurden. Oftmals fällt es leichter, in Rede und Widerrede die eigentlich wichtigen Dinge zu erörtern, als nur aus der eigenen inneren Kontemplation und Besinnung heraus.
/ Zu unserem Artikel hier ist noch gestern gleich auch eine Antwort veröffentlicht worden (3)./

Fangen wir also an:

Es ist eine klare Unterscheidung zu treffen zwischen Vernunft-Erkenntnissen, wie sie in der Wissenschaft im Allgemeinen und auch im Alltags- und Berufsleben im Vordergrund stehen auf der einen Seite und dem seelischen Erleben und der daraus gewonnen "Gotterkenntnis" wie das durch die Philosophie benannt wird (Mathilde Ludendorff) auf der anderen Seite. Man kann der Meinung sein, dass es unübersehbar ist, dass unser Volk oder die Völker der Nordhalbkugel so klug, intelligent und aufgeklärt sein mögen wie immer sie wollen und wie immer man das wünschen mag: Wenn nicht der moralische Wille vorhanden ist, als moderne Wissensgesellschaft zu überleben, wenn nicht der aus dem seelischen Erleben geborene Zorn vorhanden ist, wenn nicht die sittliche Reife vorhanden ist - und das sind alles Dinge, die nicht vornehmlich in der Vernunft wurzeln und geboren werden, sondern eben im seelischen Erleben - wenn wir nicht jeder von uns eine einheitliche, in sich geschlossene Persönlichkeit werden, eine unbeugsame, dann wird alle noch so wertvolle, bloß rationale Aufklärung nichts helfen.

Die kalte Ratio allein kann nicht die Retterin moderner Gesellschaften sein


"Volksschöpfung" wie Erich Ludendorff das genannt hat, besteht immer aus zwei Dingen: 1. aus der Vernunft-Erkenntnis, der Aufklärung, 2. aus der "Gott-Erkenntnis", dem Schaffen einer Einheit im kulturellen, weltanschaulichen Bereich, dort wo Moral geformt wird, wo die sittliche Haltung von Einzelmenschen und ganzen Völkern geformt werden. Und auf letzteres zielte Erich Ludendorff, zielten beide Ludendorffs vor allem und in letzter Instanz. Sie waren um die Zahl der Anhänger und Abonnenten nicht in erster Linie besorgt. Sie waren darum besorgt, dass die inhaltliche Linie tadellos ist. Das war die erste Priorität. Soweit man sehen kann, sehen sich heute noch die meisten politischen Aufklärer bislang nicht in erster Linie als ein "moral entrepreneur" (wie das in der Wissenschaft einmal benannt wurde) oder anders ausgedrückt als ein Kulturrevolutionär.

Abb.: Der moderne Mensch in seiner Angefochtenheit
Vincent van Gogh, Selbstbildnis, Paris 1887
Aber die meisten großen politischen Bewegungen der Vergangenheit waren zugleich kulturelle Bewegungen, haben die moralischen Grundlagen der Gesellschaft geändert oder versucht, das zu tun. Hierfür gibt es innerhalb der alternativen Öffentlichkeit soweit übersehbar, nur wenige Ansätze, nur wenig "Gespür", dass hier ein weites Feld des Nachdenkens, der Erörterung überhaupt offen steht. Und hier steht wie ein alternativloser Monolith im Raum der gewonnene Stand der Philosophie im 20. Jahrhundert (Mathilde Ludendorff), der alles das bietet, was fehlt.

Man mag zum Beispiel die isländischen Sagas des Mittelalters lesen (1). Sie gehören zur Weltliteratur (Wiki). Und in ihnen findet man viele Aspekte des Menschentypus der Zukunft. Der vormittelalterliche Mensch, der nicht so in sich gespalten war wie der mittelalterliche Mensch, der in sich geschlossene, einheitliche Mensch, der aus einer großen Einheit, aus einem großen, in sich geschlossenen moralischen Wollen heraus gehandelt hat. Da wollte Erich Ludendorff hin. Und diesbezüglich ist alles bloße "Vernünfteln" ziemlich zweitrangig. Es ist gar nicht einfach, diese Einheit im Menschlichen wieder zugewinnen. Aber Vernunft-Konstruktionen helfen bei einer solchen Art von Volksschöpfung für sich genommen nicht weiter.

Nun kann man den Begriff "sittliche Reife" ja gerne auch einen "abstrakten Begriff" nennen. Aber will man etwa sagen, dass das Wesen der Kultur durch die Vernunft zu erfassen ist? Also das Wesen des Schönen (was ist das: schön?), das Wesen des Wahren, das Wesen des Guten? Das Wesen, der Gehalt von auf das Wesentliche gerichteter Liebe und von entsprechendem Hass? Kommt man dem Wesen des Wahren zum Beispiel schon allein mit der Forderung nahe und schöpft es vollständig aus, wenn man sagt, es dürfe nicht gelogen werden?

Man mag philosophisch keine großen Interessen haben. Man könnte aber der Meinung sein, dass jemand, dem es so angelegen ist, der Welt und der Menschheit zu einem besseren Zustand zu verhelfen - wie das für viele Autoren in der alternativen Öffentlichkeit gelten mag -, dass sie sich doch wenigstens ein annähernd richtiges Bild davon verschaffen sollten, was - zum Beispiel - einem Immanuel Kant Anliegen war, als er "Die Kritik der reinen Vernunft" schrieb und was den Philosophen des Deutschen Idealismus Anliegen war. Ging es dem Philosophen Fichte in seinen "Reden an die deutsche Nation" bloß um einen "abstrakten Begriff" von Sittlichkeit und Moral und Charakter? Hat er nur "aus dem Bauch heraus" argumentiert?

Gibt es nichts Wesentliches und Wertvolles, was durch die Vernunft nicht erfasst werden kann?


Gibt es nichts Wesentliches und Wertvolles, was durch die Vernunft nicht erfasst werden kann? All das halte ich für grundlegende Fragen. Ebenso zum Beispiel die Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Wer hat auf solche Fragen eine Antwort? Und kann die Antwort auf solche Fragen wesenhaft eine Vernunft-Antwort sein?

In der derzeit am besten bewerteten Amazon-Rezension zu Rüdiger Safranski's Schiller-Biographie heißt es:
Schillers Werke sind nämlich keineswegs von vorgestern, sondern sie haben nach wie vor eine hohe Aktualität und jeder, der sich in irgendeiner Form künstlerisch betätigt, sollte seine Kunstphilosophie kennen. Nicht umsonst heißt es in Schillers letztem vollendeten Werk, dem szenischen Gedicht "Die Huldigung der Künste":
Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke,
Frei schwing ich mich durch alle Räume fort,
Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke,
Und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort,
vor allem aber "der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" (Über die ästhetische Erziehung des Menschen)." 
Und mit diesem Zitat soll gesagt sein: Das niedrige intellektuelle Niveau der heutigen Deutschen beklagen und einen deutschen Dichter und Denker wie Friedrich Schiller als "unmodern" bezeichnen, das passt keineswegs zusammen. Niemand wird Deutschland retten können, niemand, der sich nicht zu Friedrich Schiller in seiner ganzen Bandbreite bekennt. Ich halte es für Niveaulosigkeit sondergleichen, Dichter und Denker des 19. Jahrhunderts als solche und nur weil sie solche sind, schon abzuwerten. Was ist denn das für eine Ehrfurchtslosigkeit vor den großen kulturellen Überlieferungen unseres Volkes? Dafür habe ich keinerlei Verständnis und sage mit Schiller:
Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist. Eine wohltätige Gottheit reiße den Säugling bei Zeiten von seiner Mutter Brust, nähre ihn mit der Milch eines bessern Alters und lasse ihn unter fernem griechischen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden ist, so kehre er, eine fremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück; aber nicht, um es mit seiner Erscheinung zu erfreuen, sondern furchtbar wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen.
Also, kulturelles deutsche Bildungsideal ist es, seinem Jahrhundert fremd zu sein. Weil man um bessere Jahrhunderte weiß. Warum soll eine solche These in irgendeiner Form "unmodern" sein oder unpassend in welchem Diskurs auch immer? Was soll das!? Auf dem 19. Jahrhundert oder überhaupt auf irgendeinem Jahrhundert was dessen geistige, kulturelle Leistungen betrifft, herumzureiten - ?

Sind die deutschen Dichter und Philosophen des 19. Jahrhunderts - "unmodern"?


Könnte es sein, dass sich mancher Mitautor in der alternativen Öffentlichkeit, wenn man ihn auf Herz und Nieren prüft, als ein kulturloser Barbar herausstellt? Kulturlosigkeit durch die akademische "Kultur der Kritik" des 20. Jahrhunderts (um einmal einen Buchtitel von Kevin MacDonald zu zitieren)? Auf vielen Blogs findet man allein nur den Namen Friedrich Schiller kein einziges mal genannt. Aber sehr häufig Namen der "westlichen" Popkultur des 20. Jahrhunderts (in der Regel der Zeit nach 1945). Und jetzt werden einem diese vielen Blogautoren sicher auch erklären (können), warum es so viel wertvoller und wesentlicher ist, sich mit Personen der Popkultur oder Schauspielern zu beschäftigen als mit Friedrich Schiller. Aber dann kann man dazu nur noch eines sagen: Dann handelt man wie ein kulturloser Barbar.

Es sollte einen wundern, wenn man dann der erste wäre, der darauf überhaupt nur aufmerksam wird. Aber einer muss ja mal die Aufmerksamkeit auf alle diese Dinge richten.

Es ist ganz unglaublich, welche Antworten man mitunter auf die oben gestellten Fragen erhält, etwa auf die Frage danach, ob es etwas gibt, das nicht durch die Ratio erfasst werden könne. Solche Antworten können mitunter so grotesk platt, ungebildet und geschichtslos geurteilt klingen, dass es geradezu kracht. Aber man versteht schon. Die parawissenschaftlichen Propagandalehren der "Kultur der Kritik" des 20. Jahrhunderts entstanden ja sicherlich aus dem Bemühen und der Tendenz heraus, den modernen Medienkonsum jeder Kultur zu berauben. Und dann kommt barbarische Kulturlosigkeit dabei heraus.

Ihr Autoren der alternativen Öffentlichkeit! Zieht Euch doch einmal etwas an. Beschäftigt Euch doch nicht immer nur mit - Krimis. Sei es ausgedachten oder Krimis der Wirklichkeit. Ohne Kultur stehen wir ganz nackt da. Goethe findet man auf einem dieser Blogs einmal erwähnt in dem Tenor, dass man sich auf Goethe und Fußball einigen könne als Minimalkonsens einer Gesellschaft. Sonst fällt der Name Goethe in vielen Jahren nicht ein einziges mal. Da stehen also Goethe und Fußball auf einer Ebene. Auch auf unserem eigenen Blog hier fallen solche Namen verzweifelt wenig. Und man kann doch zu der Meinung kommen, dass hier etwas übel im Argen liegt. Und dass einem das spät genug auffällt.

Meine Frage ist nicht, was heute Zustand ist und was heute - aufgrund von Machtverhältnissen und aus manipulativer Absicht heraus - für Kinos, Theater und für die Musikbeschallung der Massen produziert wird. Sondern wo der Bereich ist, aus dem heraus eine Erneuerung einer Gesellschaft allein bewerkstelligt werden kann. Und ich sage und behaupte und verteidige, dass dieser Bereich im Wesentlichen ein Bereich jenseits der Ratio ist, und dass es als Kulturrevolutionär notwendig ist, sich zu befähigen, über diesen Bereich Aussagen zu treffen. Die Ratio allein rettet uns nicht. Weil der Mensch nicht allein von der Ratio lebt. Weil der Mensch überall dort, wo er zutiefst Mensch ist, eben nicht die Ratio in den Vordergrund stellt.

Ein Sonnenuntergang ist durch Vernunft und Vernünfteln nicht adäquat zu erfassen. Mit Hilfe der Ratio kann der Naturwissenschaftler nur erklären, wie er physisch entsteht (Brechung von Lichtstrahlen durch Luftschichten, etc.). Über den ästhetischen Gehalt eines Sonnenuntergangs hat er mit dieser nüchternen ,rationalen Erklärung noch gar nichts gesagt. Gar nichts. In einem frühen Blogbeitrag zitierten wir einmal ein Nietzsche-Zitat (das von Peter Sloterdijk gebracht worden war):
"Das verächtlichste Geschöpf unter der Sonne ist der Mensch ohne Sehnsucht."
Sehnsucht ist kein rationales Konzept. Und zu einem Konzept wie Sehnsucht weiß vermutlich keiner der vielen, von manchem zitierten Theoretiker der Postmoderne und der "Kultur der Kritik" irgendetwas Gehaltvolles zu sagen, wenn es über Dinge wie "Bedürfnisbefriedigung" und "Sehnsüchte der Massen" hinausgehen sollte. Um nur einmal einen Aspekt zu nennen.


"Das verächtlichste Geschöpf unter der Sonne ist der Mensch ohne Sehnsucht"


Und in der Tat: es gibt unter den Philosophen und Denkern des 20. Jahrhunderts nur wenige, die gültig über die nichtrationale Seite der Wirklichkeit sprechen können. Deshalb ist über diese wenigen zu sprechen. Man hört sich ja gerne Alternativen zu diesen wenigen an. Es sind eben nur wenige bekannt. Wenn man weitere kennen lernen könnte, würde man sich darüber freuen. Dieter Henrich ist mit all seinen Hölderlin-Deutungen nicht schlecht. Sigrid Hunke ist mit "Europas andere Religion" nicht schlecht. Es gibt vieles, was den Stand der Philosophie des 20. Jahrhunderts, wie er durch Mathilde Ludendorff repräsentiert wird, ergänzt. Ersetzen kann diesen Stand kein weiterer Autor. Das möchten wir hier postulieren, nachdem wir uns lange genug im Reiche des Geistes umgetan haben.

Wer Kulturlosigkeit benennt und kritisiert, muss Alternativen kennen und benennen. Warum sonst alles nur zynisch benennen und kritisieren? Das wird mit der Zeit dumm und dumpf. Man will doch irgendwo hin mit seiner Kritik. Man will doch durch Kritik Platz schaffen für Besseres. Also muss das Bessere auch positiv benannt werden. Und ich will auch exakt den Grund nennen, warum es benannt werden muss: Weil wir ohne Wurzeln im Metaphysischen ständig weiter manipuliert werden und manipulierbar bleiben. Weil damit die Manipulation begann. Dass man uns aus dem Metaphysischen heraus riss. 

Wenn ich einen Weg aufzeigen will weg von der Manipulation, muss ich einen Weg aufzeigen hin zum Metaphysischen. Dort allein ist jene Kraft, die zu vielen Arten von Aushalten und Durchhalten befähigt, die den notwendigen "langen Atem" verleiht. Denn mit schnellen Erfolgen rechnete doch (und auch das nur bis vor wenigen Monaten) nur noch ein Björn Höcke. Um dieses langen Atems willen forderte General Ludendorff 1935 von der Wehrmacht-Generalität nicht: "Kritisiert die herrschenden Verhältnisse, lernt sie durchschauen". Das war ihm sowieso selbstverständlich. Nein, er richtete den Blick ins Positive, er forderte: "Machet des Volkes Seele stark". Also: Lasst seine Sehnsucht wachsen, wahr, wahrhaftig zu sein, nicht in diesem erstickenden Meer der Lüge zu leben, lehrt es Sehnsucht nach Reinheit, nach Wahrheit, nach Schönheit.


Aber dazu ist erstes Erfordernis anzuerkennen die Tatsache: All diese so wertvollen Eigenschaften sind nichtrational, werden durch den Versuch rationalen Erfassens entwürdigt, entweiht. Kritisieren und "entzaubern" können inzwischen Tausende von Autoren in der alternativen Öffentlichkeit. Und sie bewirken: Nichts. Es wird Zeit, den Blick ins Positive zu richten und zu fragen: Welchem positiven Gehalt muss man sich denn zuwenden, wenn das Negative in seiner ganzen Nacktheit und Bloßheit vor aller Augen stehen soll, damit es sich von selbst erledigt und niemand mehr großartige Analysen verfassen muss, die doch immer nur eines sagen, nämlich dass Lüge Lüge ist und Böses böse ist.

Das Wesen der Kunst und des Künstlerischen ist das Absichtslose. Das Wesentliche dessen, was die meisten analysieren in der alternativen Öffentlichkeit oder meinen analysieren zu müssen, ist das Manipulative. Oder unterstellt man etwa, Gestalten und Schauspieler der Popkultur wären durch reinen Zufall oder ohne Absicht zu dem geworden, was man von ihnen behaupten und unterstellen kann? Warum soll man sich dauernd und stetig, Jahre lang mit den irrwitzig gewordenen Absichten, Manipulations-Absichten irgendwelcher Spinner und Verbrecher beschäftigen - - - anstatt sich gleich dem Wesen der Kultur hinzuwenden, das nämlich darin besteht, nicht mit der Absicht herüberzukommen zu manipulieren.

"Man spürt die Absicht und ist verstimmt"


Daher ja auch kommt der schöne Satz "Man spürt die Absicht und ist verstimmt." Und auf wie viele Gelegenheiten ist er anwendbar.

Alles Menschliche, was nicht Kunst, was nicht Kultur ist (im Sinne der Deutung wie sie in der Philosophie des 20. Jahrhunderts gegeben worden ist - aber auch wie es das Kulturbewusstsein des Bildungsbürgertums des 19. Jahrhunderts sowieso schon ausgemacht hat), ist für die Erfüllung des menschlichen Lebens wertlos, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Es lenkt von den wesentlichen Dingen ja erst ab.

Indem man sie noch großartig kritisiert, lenkt man ein weiteres mal die Aufmerksamkeit seiner Leserschaft auf Wertloses, anstatt sie gleich auf Wertvolles, Wertbehaftetes hinzulenken. Die meisten Figuren der Popkultur, der nach 1945 "lizensierten" und vom CIA geförderten Kultur können einen doch nur anekeln. Die zugrunde liegende Konstellation "Krimi" selbst zum Beispiel schon kann einen doch nur anekeln. Der Krimi ist doch übrigens ein "Kultur"-Produkt Englands des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wenn man das recht in Erinnerung hat. Der besserwisserische Gestus in fast allen Krimis kann einen doch nur anwidern. Der besserwisserische Gestus von Krimiautoren ebenfalls. Das ist doch die kulturlose Barbarei Englands, gegen die sich schon Heinrich Heine gewehrt hat, gegen die sich die Deutschen seit 1914 wehren.

Noch niemals hat irgend jemand behauptet, dass ein Krimi - in schriftlicher oder filmischer Form - etwas kulturell Wertvolles darstellen würde. Oder etwa doch? Krimis sprechen die Bedürfnisse nach "Sensation" beim "Konsumenten" an. Das Anliegen eines Friedrich Schiller in "Die ästhetische Erziehung des Menschen" ist ein gänzlich anderes. Ja, er hat auch "Der Geisterseher" geschrieben. Aber in dem Augenblick, in dem er merkte, dass das Interesse des Publikums am Fortgang der Geschichte ein anderes war, als er, Schiller, es selbst an der Fortentwicklung seiner Geschichte hatte, in dem Augenblick war ihm diese ganze Sache verleidet, hat er das Werk abgebrochen, ist es Fragment geblieben. Wie sehr möchte man so vielen Krimi-Autoren wünschen, dass sie diese künstlerische und menschliche Reife eines Friedrich Schiller auch besessen hätten oder besitzen würden und irgendwann einmal aufhören würden, "Fragmente" übrig lassen würden und sich dann auf Wertvolles konzentrieren würden.

Schiller hat sich über das Wesen von Kultur und Kunst Gedanken gemacht. Er war Kultur- und Kunstphilosoph, er war nicht ein Vertreter der so seichten, billigen "Kultur der Kritik" wie sie im 20. Jahrhundert so unglaubliche Ausmaße angenommen hat. Dabei war ihm das Theater "als moralische Anstalt" wichtig. Die moderne "Kultur der Kritik" ist doch eigentlich nur Kultur- und Kunstphilosophie entkleidet jedes Metaphysik-Bezuges, indem - zum Beispiel - gesagt wird: alle Medien und alle transportierten Inhalte sind gleichwertig. Sind sie nicht! :) Oh Gott, sie sind nicht gleichwertig! Hallo! Sie sind es nicht!!!

Vor 1945 wusste das jeder Mensch, der sich nur ein bisschen mit Kultur beschäftigt hat (und er hat das bestimmt nicht in Hitler- oder Goebbels-Reden gelernt). Und heute will man mit großartigen Bemühungen dartun, dass nicht alles gleichwertig ist, was in der Medienwelt geschieht, arbeitet aber einen starken, unhintergehbaren Kulturbegriff gar nicht heraus, der es erlauben würde, Kultur und Kunst von bloß manipulativer Medienwelt zu unterscheiden, von bloß manipulierbaren Konsumenten zu unterscheiden.

Damit bleibt alles manipulativ, auch nach der vorgelegten Analyse. Denn man hat ja nicht das Wesen dessen benannt, was nichtmanipulativ ist.


Wo fängt jenes Wesen der Kultur an, das nicht manipulativ und manipulierbar ist?


Wer hat sich eigentlich schon einmal mit dem Philosophen Wilhelm Dilthey beschäftigt? Er war der erste oder einer der ersten, der die grundlegend unterschiedlichen Herangehensweisen zwischen Geistes- und Naturwissenschaft herausgearbeitet hat. Auch bei ihm wird man feststellen, dass für ihn die nichtrationale Seite der Wirklichkeit im Zentrum des Erkenntnisanspruchs der Geisteswissenschaften steht. Aber wahrscheinlich ist er auch - - - "veraltet", seit die manipulierten und manipulativen parawissenschaftlichen akademischen Diskurse der "Kultur der Kritik" sich wie Gedanken-Viren ausgebreitet haben.

Dass in den letzten 100 Jahren in der Kunstphilosophie bleibende Neuerkenntnisse erlangt worden wären, womit will man das aufzeigen und begründen? Ist man von moderner Kunst- und Kunstphilosophie wirklich befriedigt? Ich merke, dass viele durch geschichtslose, parawissenschaftliche, akademische Diskurse im Umfeld der "Kultur der Kritik" heute viel zu sehr selbst umerzogen und manipuliert sind, um offen zu sein für die große Kunstphilosophie, die das antike Griechenland und die insbesondere Deutschland seit Johann Joachim Winckelmann hervorgebracht haben, und die man sich auch von Rüdiger Safranski referieren lassen kann, die der von uns verehrte Professor Rudolf Malter in Mainz referieren konnte, und an der man als wurzelloser und geschichtsloser Parawissenschaftler der "Kultur der Kritik" scheinbar keinen Anteil mehr nehmen kann oder will.

Bei vielen Äußerungen von Menschen in der alternativen Öffentlichkeit spürt man dann auch eine gewisse Abwertung des Kulturellen heraus in dem Sinne, dass es sich ja hier "nur" um - - - "Schöngeistiges" handeln würde. Die großen Künstler haben sich gegen diese Abwertung alle gewehrt. Sie hätten sich nicht für die Kunst, für die Kultur eingesetzt, wenn es "nur" etwas Abseitiges, "Schöngeistiges" wäre, was mit dem Lebensalltag, mit dem politischen Machtverhältnissen nichts zu tun hätte.

Die Kunst und die Kultur stehen mit dem gesamten Leben eines Volkes in allertiefstem Zusammenhang. Wenn sie es nicht tun, dann wäre das eben schon ein Zeichen dafür, dass es sich nicht um echteste Kunst oder Kultur handelt, sondern eben um Scheinkunst, um Machwerke. Scheinkunst und Machwerke freilich können "abseits" stehen. Sie werden von seelisch lebendigen Menschen nicht vermisst.

Es ist dem modernen, seelenlosen Menschen von heute schwer zu vermitteln, dass etwas so wenig Greifbares, "Handfestes" wie die Kunst und die Kultur etwas Wichtigeres sein soll, als die Politik, das Politische, das Wirtschaftliche. Es ist aber schlichtweg so. Zu sagen, eines Menschen Kulturverständnis wäre "19. Jahrhundert", tut einem Menschen, der zugleich tief im naturwissenschafltichen Wissen der Gegenwart verwurzelt ist, nicht weh. Was hätte das 20. Jahrhundert an Kulturellem zu bieten, was das 19. Jahrhundert aufwiegen würde? Was soll man da nennen? Der Expressionismus in der Malerei und Dichtung, auch noch die Neue Sachlichkeit. Aber was danach kommt, spricht in der Regel wenige an außer kleine exklusive Zirkel. Wer will denn - zum Beispiel - Zwölftonmusik hören?

Es ist also die Rede von Dingen, die ein reiches Innenleben erschließen. Diese sind unabhängig von "teuren" Musik- und Theateraufführungen. Bei so etwas handelt es sich nicht per se um etwas Elitäres. Die Lebensreformbewegung der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bemühte sich vielfältig um "Kunst fürs Volk", auch die Arbeiterbewegung tat das, auch die Nazis taten das, viele Verlage taten das, bspw. Reclam, Diederichs. Die Namen sind im Grunde Legion. Und so lange ist das alles auch noch gar nicht her. Interessant allerdings, dass man an alles das heute erst wieder erinnern muss.

Es ist also verstärkt zu fragen nach heutiger Kultur, die reiches Innenleben erschließt. Nach solcher, die mich ernst macht, mich erschüttert, Katharsis bewirkt. Solche Dinge müssen Menschen doch wichtig sein, die gesellschaftlichen Wandel zum Besseren wollen.

Aber unser Zeitalter ist das Zeitalter des schrankenlosen Nihilismus, des Materialismus, des Atheismus. Das ist die kunst- und sinnfernste Zeit, die überhaupt nur denkbar ist. Es ist doch vermessen, ihr zu unterstellen, dass sie kulturell ähnlich fruchtbar wäre oder sein könne wie frühere Jahrzehnte und Jahrhunderte. Das geht doch gar nicht.

Niemand ist dazu aufgefordert worden, mit überkommenen, abgelebten Formen letztlich mittelalterlicher Religiosität zugleich auch das Kulturbewusstsein des Abendlandes - wie es sich bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts - unter den kulturbewussten Menschen herausgebildet hatte, über Bord zu werfen. Warum also tun wir es? Warum setzen wir diese lebendige Tradition nicht fort?

Es sind heute die Naturwissenschaften, die am sinnvollsten, weil am schärfsten umrissen vom nichtrationalen Bereich der Wirklichkeit sprechen


Insgesamt ist zu sagen: In diesen Ausführungen ging es vor allem darum, einen Standpunkt erst einmal zu formulieren, sozusagen ins "Unreine" hinein. Und es sollte dazu sicher noch angemerkt werden, dass eine argumentativ dichtere und gültigere Darstellung dieses Standpunktes in Buchform bereits vorliegt. Diese kann leicht unterschätzt werden in ihrem Gehalt (2). Dort wird dann auch klar heraus gearbeitet, in welchem Bereich man heutzutage am sinnvollsten und am schärfsten umrissen von einer „nichtrationalen Seite“ der Wirklichkeit überhaupt sprechen kann. Nämlich im Bereich der Naturwissenschaft: Relativitätstheorie, Quantentheorie, Komplexitätstheorie haben uns schon seit Jahrzehnten gesagt, dass es in der Natur klar umrissene nichtrationale Aspekte gibt, für die wir innerhalb unserer Ratio keine geeigneten Erkenntniswerkzeuge mehr haben, da unsere Ratio ein Ergebnis des evolutionären Prozesses hier auf der Erde ist und wir keine Werkzeuge zum Erkennen dieser Dinge brauchten, um hier auf dieser Erde zu überleben („Evolutionäre Erkenntnistheorie“). So wie Nicolai Hartmann, Konrad Lorenz an einer Erkenntnistheorie des naturwissenschaftlichen Erkennens gearbeitet haben, so muss nun auch eine Erkenntnistheorie für die nichtrationalen Aspekte der Wirklichkeit und unseres Erlebens erarbeitet werden. Erkenntniskategorien und Seinskategorien müssen aufeinander passen auch bezüglich der nichtrationalen Aspekte der Wirklichkeit, damit auch hier Erkenntnis - oder vielleicht besser: Einsicht, Nachvollzug - möglich wird. Hier hat die Philosophie des 20. Jahrhunderts (M. Ludendorff u.a.) schon mancherlei Vorarbeit geleistet (2).

Es sollte aber darauf hingewiesen werden, dass schon seit vielen Jahrzehnten an einer Erkenntnistheorie des nichtrationalen Bereiches gearbeitet wird, an einer Biologie des Wahren, Guten und Schönen und an der Erforschung dessen, wie das menschliche Erleben des Wahren, Guten und Schönen evoluiert ist, wie zum Beispiel Altruismus evoluiert ist, wie unsere Schönheitspräferenzen auf mannigfaltigen Gebieten evoluiert sind und wie schließlich auch unser rationaler Erkenntnisapparat (für die Erkenntnis des Wahren auf dem Gebiet des Rationalen) evoluiert ist. Auf dieser Basis ist durchaus ein naturwissenschaftsnaher Konsens zu formulieren, der über die individuelle nichtrationale Erfahrung des Einzelnen hinausgeht (2).

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  1. Sammlung Thule, Altnordische Dichtung und Prosa, Bde.1-24, herausgegeben von Felix Niedner und Gustav Neckel, Jena, 1912–1930, Bd. 10 Fünf Geschichten aus dem westlichen Nordland (Walter Heinrich Vogt, Frank Fischer)
  2. Leupold, Hermin (d.i. Gerold Adam): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Die Deutsche Volkshochschule, Bühnsdorf 2001, 2014
  3. Hermsdorf, Daniel: Aufklärung, Irrationales, Seele - Antwort an Ingo Bading. Auf : filmdenken.de, 1. März 2017, http://filmdenken.de/aufklaerung-irrationales-seele-antwort-an-ingo-bading/