Samstag, 7. Oktober 2017

Sind Instinkte durch Punktmutationen entstanden oder durch "phänotypische Plastizität"?

Das "Plasticity first-model of evolution" löst das bisherige, darwinische "Mutation first-Modell der Evolution" ab

Phänotypische Plastizität wird von der Naturwissenschaft zunehmend stärker als das grundlegendere Prinzip der Artbildung in der Evolution in Erwägung gezogen. In der Geschichte des biologischen und naturwissenschaftsnahen Denkens ist dies schon hundert Jahre zuvor so vorgeschlagen und erörtert worden.

In einem neuen Artikel im "Science Magazine" (1) ist hinsichtlich der evolutionären Entstehung der Instinkte von einem Modell die Rede, das die (epigenetische) "Plastizität" der Handlungsabfolge (Instinkte) bei ihrer Erstentstehung in den Vordergrund stellt, dem das bisherige evolutionäre Modell gegenüber steht, das "Punktmutationen" verantwortlich machte für die Entstehung von gerne auch sehr komplexen instinktiven, angeborenen Handlungsabfolgen.

Abb. 1: Weiblicher Archaeoattacus edwardsii (Saturniidae) aus Indien
(Herkunft: Wikipedia)

"Epigenetik und die Evolution der Instinkte" (April 2017)


"Epigenetics and the evolution of instincts" ist der Aufsatz überschrieben, also "Epigenetik und die Evolution der Instinkte". Gleich einleitend heißt es, daß bis heute nur wenig darüber bekannt ist, wie Tiere ihre angeborenen Instinkte evoluiert haben. Tiere können angeborenermaßen ja oft die überraschendsten Dinge tun. Sie können lange Reihen von zum Teil recht komplizierten Handlungsabfolgen ausführen, ohne diese jemals gelernt zu haben (dazu am Ende dieses Aufsatzes noch ein Beispiel). Und dazu schreiben die Autoren nun weiter (1):
"Von Instinkten wird im allgemeinen angenommen, daß sie evolutionär ursprünglicher sind als erlerntes Verhalten."
(Original: "Instincts are widely held to be ancestral to learned behavior.")
Richtig! Man erinnert sich. So hat es - zum Beispiel - der Begründer der Verhaltenswissenschaft, Konrad Lorenz (1903-1989) in "Die Rückseite des Spiegels" dargestellt (2). Und so ist es auch in verschiedenen Überblicksdarstellungen referiert worden (3, 4). Die Autoren schreiben nun weiter über diese Instinkte (1):
"Einige Instinkte sind auf der zellulären und molekularen Ebene inzwischen elegant analysiert worden, aber allgemeine Prinzipien darüber, wie sie entstanden sind, gibt es noch nicht."
("Some have been elegantly analyzed at the cellular and molecular levels, but general principles do not exist.")
Allgemeine Prinzipien also, Einsichten darüber, wie Instinkte eigentlich auf der molekulargenetischen und Nervenzell-Ebene hervorgebracht werden, sind noch nicht formuliert worden. Jetzt, wo es so schlicht ausgesprochen wird, wo es einem in so schlichten Worten vor Augen geführt wird, wird einem das wohl überhaupt erst in vollem Umfang bewußt. Und allein ein solcher Satz erweitert den Denkhorizont bedeutend. Die Anstrengungen der traditionellen Verhaltensforschung - ausgehend von Konrad Lorenz - waren ja doch vornehmlich nur mit dem Phänotyp beschäftigt gewesen, so wird einem bewußt. Und sie nahmen die Instinkte zunächst einmal einfach als gegeben hin und haben sie nur ("deskriptiv") beschrieben.

Bei der Beschreibung ihrer evolutionären Entstehung hat man sich dann nur ganz kruder metaphorischer Bilder bedient. Konrad Lorenz vor allem - und viele in seinen Fußstapfen - bedienten sich des Bildes, daß sie sagten, daß angeborenes Verhalten von "der Art" "gelernt" worden sei über viele Millionen Jahre hinweg (eben durch Punktmutationen und anschließende Selektion) (2). Wenn wir die Aussage des vorliegenden Science-Artikels richtig verstehen, so sei hier schon eingeschoben, scheint er zunächst nicht davon auszugehen, daß der von ihm angenommene "Lernprozeß der Art" oder "Lernprozeß" bei Entstehung der Art über Punktmutationen Millionen von Jahre in Anspruch nahm. Grundsätzlich scheint er nicht auszuschließen, daß dieser "Lernprozeß" von einem Lebewesen während seiner eigenen Lebensdauer begonnen und abgeschlossen worden ist, dabei aber eben über epigenetische Mechanismen als Gedächtnis eingeprägt und - zugleich - vererbt worden ist (siehe unten). Exaktere Vorstellungen als eben formuliert, scheint es darüber noch nicht zu geben (siehe unten), denn der ganze hier formulierte Gedanke ist ja überhaupt sehr neu. Aber eine solche, eben beschriebene Möglichkeit scheint zumindest eher als die beim derzeitigen Stand angemessene Erklärung angesehen zu werden als eine andere, die viele Millionen Jahre benötigt. Aber dazu gleich noch mehr. Zunächst schreiben die Autoren weiter (1) (Hervorhebung nicht im Original):
"Gegründet auf aktueller Forschung argumentieren wir stattdessen, daß die Instinkte aus dem Lernen evoluiert sind, und daß sie deshalb von den gleichen allgemeinen Prinzipien geleitet werden, die das Lernen erklären.
("Based on recent research, we argue instead that instincts evolve from learning and are therefore served by the same general principles that explain learning.")
Das ist eine sehr auffallende Aussage. Denn was tun die Autoren denn, wenn sie das so - geradezu klassisch schlicht - formulieren?

Umsturz eines Weltbildes


Versuchen wir eine allgemeinere Einordnung. Es gibt wissenschaftliche Artikel, die - mögen sie auch noch so kurz sein (1) - durch das Aussprechen nur weniger Gedanken auf die Möglichkeit des Umsturzes eines ganzen Weltbildes hinweisen. Dazu kann es natürlich eines umfangreichen Vorlaufes bedürfen, der nach und nach das bisherige Welterklärungsmodell ausgehöhlt hat, als in sich widerspruchsvoll hat erkennen lassen und als im Widerspruch stehend zu einer Fülle inzwischen neu erkannter Tatsachen. Es könnte dazu eines Vorlaufs bedürfen, der auch schon alternative, angemessenere Erklärungsmodelle als zunehmend sinnvoll und als im Einklang mit allem weiter anwachsenden Wissen über unsere Welt und ihr Werden hat erkennen lassen. Sollte aber ein solcher Vorlauf einmal gegeben sein - von gerne einmal mehreren Jahrzehnten Forschung - dann kann es mitunter nur noch eines leichten Fingertips bedürfen und es könnte erkennbar werden die Möglichkeit, daß in näherer Zukunft ein großes, seit fast hundertfünfzig Jahren weltbeherrschendes Welterklärungsmodell krachend und geradezu unheimlich-lautlos in sich zusammen stürzen wird.

Und viele Umstehende könnten sich plötzlich des Entsetzens bewußt werden ob der Leere, die ein solches Zusammenstürzen zurück lassen würde. Aber mehr noch könnte unter den Umstehenden sich zunächst ein Entsetzen ausbreiten ob der Krudität und Groteskheit jenes geistig ziemlich "verarmt" daher kommenden Welterklärungsmodells, dessen Zusammensturz sich da gerade als Möglichkeit so deutlich abzeichnet im Licht der neuen Erkenntnisse und Fragestellungen in der Forschung. Es wird der Umstand deutlich, daß das neodarwinistische Welterklärungsmodell eine Frucht jenes materialistischen Zeitalters ist, in dem es zuerst formuliert worden ist.

Und das Entsetzen könnte um so größer sein, um so mehr sich die Umstehenden erinnern und bedenken, wie viele Millionen Menschen sich an dem bisherigen Welterklärungsmodell - bewußt oder unbewußt - orientiert hatten, wie oft selbst noch die bedeutendsten Denker des letzten Jahrhunderts im Grunde gar keine Alternative zu diesem Welterklärungsmodell für möglich hielten und für nötig erachtet hatten. Plötzlich könnte ihre womöglich geistige Armut und Phantasielosigkeit mit einem Schlag als deutliche Möglichkeit hervorschimmern aus der vorherigen Unerkennbarkeit der Dinge.

Solche Gefühle und Eindrücke können sich aufdrängen bei dem Lesen und Überdenken der wenigen, geradezu "klassisch" "eingemeißelten" Gedanken, die in diesem neuen Aufsatz des "Science Magazine" (1) enthalten sind. So könnte es einem umso eher ergehen, um so mehr man sich zuvor schon mit seit fast hundert Jahren vorliegenden alternativen Erklärungsmodellen von Seiten der naturwissenschaftsnahen Philosophie beschäftigt hat (3-7, 16). Eine Sichtweise, die hier schon Jahrzehnte lang vorlag, wird nun - ohne daß die meisten Naturwissenschaftler jemals von ihr etwas erfahren hatten - fast wortidentisch von eben dieser Naturwissenschaft übernommen.


"... daß die Instinkte aus dem Lernen evoluiert sind ..."



Die Autoren sagen mit dem oben angeführten Zitat dasselbe, was von biologischen und naturwissenschaftsnahen Denkern schon vor hundert Jahren fast wortidentisch auch gesagt worden ist. Und solche Aussagen waren bislang als so ziemlich die angreifbarsten Aussagen solcher Denker empfunden worden. Schließlich war es schlimmer, "wissenschaftsferner" "Lamarckismus". Hier auf dem Blog sollen als Beispiel für solche Aussagen im folgenden Aussagen zur Evolutionsdeutung von Seiten der Philosophie anhand denen von Mathilde Ludendorff (1877-1966) (Wiki) angeführt werden. Mit dieser Denkerin haben wir uns schon in anderen Zusammenhängen beschäftigt. Als Schülerin August Weismanns und Assistentin Emil Kraepelins hatte sie bei zwei der bedeutendsten Vertreter naturwissenschaftlichen Denkens ihrer Zeit wissenschaftlich gelernt, bzw. mit diesen zusammen gearbeitet. Ihr erster Ehemann war Biologe, sie selbst arbeitete als Psychiaterin.

Liest man heute Bücher dieser Frau, entsteht unweigerlich in einem der Gedanke, daß man sie zumindest als erste "Evolutionäre Psychologin" im deutschen Sprachraum bezeichnen sollte. Das muß auch gelten so sehr man sie um verschiedener anderweitiger politischer Ansichten willen vordergründig verdammen mag oder wenn man einfach das Urteil übernimmt, das in den "großen Medien" Jahrzehnte lang von dieser Frau gezeichnet worden ist. Das wird zum Beispiel sehr schnell deutlich, wenn man sie in ihrem schon 1919 erschienenen Buch "Erotische Wiedergeburt" eine Deutung der menschlichen - sowohl weiblichen wie männlichen - Sexualität geben sieht ausgehend von einer durchgängig evolutionären Argumentation. Selbst heutige Sexualpsychologen dürften sich da noch vieles von ihr abgucken können. (Und schon gar vor dem heutigen Wissensstand, wonach viele Verhaltensgene des Menschen in der Artenevolution sehr weit zurück verfolgt werden können.) Und eine ähnliche Bedeutung mag sie darum auch für andere Gebiete haben.

Die geistigen Gehalte der Philosophie dieser Frau wurden aufgrund der politischen Zusammenhänge, in denen sie sich bewegt hat, bis heute kaum wahrgenommen. Wie bei jedem anderen Denker auch, muß man aber nicht die politischen Einstellungen teilen, wenn man psychologische oder philosophische Einsichten für bedenkenswert hält. Insbesondere nimmt ihre Philosophie den Ausgangspunkt von der Erkenntnis August Weismanns von der Unsterblichkeit der Einzeller und der Einführung des gesetzmäßigen Alterstodes beim Übergang zur Mehrzelligkeit. Auch auf diesem Gebiet dürften ihre philosophischen Deutungen an Bedeutung nicht verloren haben. Und nun eben auch in Bezug auf eine so grundlegende Frage wie die Artbildung selbst. Sie führt aus - vor dem Hintergrund des Wissens ihrer Zeit und ihrer philosophischen Deutung, daß die Evolution auf ein Ziel hin ausgerichtet sei -, daß neue Instinkte entstehen durch das "Aufleuchten des Schöpfungszieles" im ersten Vorfahren einer neuen Art, im "genialsten seiner Artgenossen" während des von dieser Philosophie (und natürlich auch von anderen Denkern und Forschern ihrer Zeit) angenommenen "plastischen Zeitalters" (der Artbildung), ein "Aufleuchten", das - ausgelöst durch erdweite Katastrophen ("Todesnot") sich dann von diesem ersten Vorfahren, diesem ersten Vertreter einer neuen Art aus über die Generationen hinab weiter vererbt habe. Im wörtlichen Zitat (5, S. 243, zit. auch in: 6, S. 5):
Das Schöpfungsziel, das über dem Werden der Lebewesen als sinnvolles Maß an Finalität steht, flammt wie eine flüchtige göttliche Erleuchtung in dem Einzelwesen auf und erwirkt das Werden der höheren Stufe. So mangelhaft dieses Bild für einen Vorgang, der sich nicht beschreiben läßt, auch sein mag, so hilft es doch, dem Geschehen zu folgen. (...) Wir sahen, daß die Lebewesen in Todesnot in flüchtiger göttlicher Erleuchtung neue Anlagen und Abwehrinstinkte erwarben. 
Auch von der Philosophie aus wurde also ein solches "plasticity-first"-Modell der Artbildung noch sehr vage und unscharf formuliert. Aber das Prinzip, daß Plastizität und nicht Zufallsmutationen am Anfang dieses Prozesses stehen, ist hier schon klar formuliert worden, man möchte fast sagen: vorausgesagt worden.

Und in dem von uns hier behandelten neuen Artikel (1) wird nun ebenfalls diskutiert ein "plasticity first model of evolution", das dem bisherigen "mutation first model of evolution" als Alternative an die Seite gestellt wird. Man könnte sagen: Genau das ist eine der grundlegendsten Thesen und Ausgangspunkte zur Formulierung eines neuen philosophischen Gebäudes gewesen (7). Und zugleich werden damit auch die modernen Evolutionsmodelle jenseits des Neodarwinismus immer konkreter. Es geht das alles natürlich deutlich in jene Richtung, die traditioneller Weise als der böse, böse Lamarckismus verdammt worden ist. Joachim Bauer hatte 2008 in "Das kooperative Gen" diesbezüglich den damaligen Forschungsstand schon sehr eindrucksvoll dargestellt (8).


Neurologische Forschungen an Bienen, Fliegen und Nagetieren wiesen den Weg


In dem neuen Science-Artikel wird dann hingewiesen auf jene Forschungen, die dieses neue "plasticity first-model" stützen würden (1):
"Jüngste Forschungsergebnisse über Bienen und Fliegen zeigen, daß sowohl angeborene wie erlernte Antworten auf Geruchswahrnehmungen über dieselben Nerven-Schaltkreise verschaltet sind."
("Recent results from bees and flies show that both innate and learned olfactory responses are governed by the same neural circuits.")
Also angeborene und erlernte Geruchs-Antworten sind bei Bienen und Fliegen von denselben Nervenbahnen gesteuert. Wieder einmal darf man darüber erstaunt sein, daß diese Erkenntnis so ganz neu zu sein scheint nach dem Wortlaut dieses Artikels. Dabei könnte man sich doch fragen: Nanu? Darauf ist man noch nicht früher gekommen? Und vor allem auch der so kluge Konrad Lorenz sollte eine solche Möglichkeit noch gar nicht in Betracht gezogen haben? Unter einer solchen Fragestellung wären seine Gesammelten Werke noch einmal genau zu studieren. Weiter heißt es auf ähnlicher Linie (1):
"Ebenso überlappen sich bei Nagetieren die Nerven-Schaltkreise für angeborene und erlernte Reaktionen auf furchteinflößende Wahrnehmungen - und die Serotonin-Modulierung in der Amygdala bestimmt, welche Reaktion die stärkste ist."
("Similarly, in rodents, the neural circuits organizing innate and learned fear responses overlap, and serotonin modulation in the amygdala determines which response is strongest.")
Bei dieser Gelegenheit erinnert man sich daran, daß zu Zeiten von Konrad Lorenz (2) das "Schichtendenken" eine große Rolle spielte. Auf dieses wurde auch erst jüngst etwa von dem Hirnforscher Gerhard Roth in der traditionellen Weise Bezug genommen (9). Hoimar von Ditfurth hatte - von diesem Gedanken angeregt - in seinem viel gelesenen Buch "Der Geist fiel nicht vom Himmel" (1976) deshalb eine "Paläontologie der Seele" gegeben, in der er instinktives und erlerntes Verhalten quasi gehirnanatomisch getrennt voneinander angesiedelt gesehen hatte (10). Reflexketten und angeborene Instinkte waren für ihn im Stammhirn und Zwischenhirn lokalisiert, erlerntes Verhalten war für ihn im Großhirn - oder im Übergangsfeld zum Großhirn - lokalisiert. Womöglich ist dieses Bild aus heutiger Sicht also erheblich zu modifizieren, bzw. womöglich wird diesbezüglich künftig manches deutlich differenzierter zu sehen sein. Die heutigen Überlegungen regen zu umfangreichem Überdenken der ganzen gehirnanatomischen Situation an.

Sind Instinkte "Erinnerungen des Urahnen" ("ancestral memory")?


Beziehungsweise: Die Frage stellt sich vor diesem Hintergrund ganz neu: Wie konnte aus dem streng Instinkt-gebundenen Verhalten ursprünglicherer Tierformen allmählich eine größere Bandbreite individuell erlernbaren und damit fehlerbehafteten Lernens entstehen? Wie konnten beide Ebenen nebeneinander her bestehen (ohne sich - sozusagen - "in die Quere" zu kommen)? Es wird spannend sein, diesbezüglich die Erkenntnisse der nächsten Jahre zu verfolgen.

Die Autoren zitieren auch den Aufsatz "Birds, behavior, and anatomical evolution" des früh verstorbenen Evolutionsforschers und Genetikers Alan C. Wilson von 1983, in dem viele Zusammenhänge - zumindest vom Prinzip her - schon in ähnlicher Weise umrissen worden waren. Gerold Adam (1933-1996) (Autorenname: Hermin Leupold) wies schon Anfang der 1990er Jahre in Vorträgen darauf hin, daß sich gerade auch in den Ergebnissen der Zugvogel-Forschung (wie sie etwa an der Vogelwarte Radolfzell und andernorts betrieben wird) andeutet, daß beschleunigte Evolution möglich wird durch eine Kombination von Genetik und Epigenetik und daß genau das bei der oft überraschend schnellen populationsweiten Änderung des Verhaltens von Zugvögeln eine Rolle zu spielen scheint.

Die "Science"-Autoren weisen darauf hin, daß es schon lange Hinweise darauf gibt, daß streßbedingte Änderungen von Ablesezuständen der Gene an die nächste Generation weiter gegeben werden können. Sie machen sich dann im weiteren die folgenden Gedanken (1):
Man betrachte die Frage der Entstehung eines Instinktes im Lichte dessen, was wir über die Entstehung von Gedächtnis wissen. Lernen hängt mit der erfahrungsabhängigen Verstärkung bestimmter Synapsen zusammen. Wenn Lernen definiert wird durch das Schlagwort "what fires together, wires together" -
- hierbei handelt es sich um eine Kurzfassung der sogenannten "Hebbsche Lernregel" (Wiki), die besagt, daß je häufiger ein Neuron A gleichzeitig mit Neuron B aktiv ist, umso bevorzugter die beiden Neuronen aufeinander reagieren werden -
wie werden Instinkte dann während der Entwicklung verschaltet bei Abwesenheit von erfahrungsabhängiger neuronaler Signalweiterleitung?
Das gemeinsame Reagieren von Nervenbahnen muß also schon - irgendwie - in den Genen, bzw. in der genomischen Prägung (Epigenetik) verschaltet sein. Die Autoren (1):
Im Fall des menschlichen Sprechens und Hörens wird die neuronale Entwicklung durch die Erfahrung im Uterus bestimmt. Könnten epigenetische Mechanismen, die Änderungen in der Genablesung in Bezug auf langfristige Erinnerungen regulieren, eine ähnliche Rolle spielen während jener Entwicklung, die zur Formung von Instinkten führt?"
("Consider the question of the formation of an instinct in light of what we know about the formation of a memory. Learning involves experience-dependent strengthening of specific synapses. If learning is defined by the notion that neurons that 'fire together, wire together', how do instincts get wired during development in the absence of experience-dependent neuronal firing? In the case of human speech and hearing, neural development is shaped by experience in utero. Could epigenetic mechanisms that regulate changes in gene expression related to long-term memories play similar roles during development to form instincts?")
Man spürt förmlich, wie dicht sich mit solchen Erörterungen und Fragestellungen einerseits die aktuelle Forschung an das annähert, was Mathilde Ludendorff vor fast hundert Jahren erörtert hat. Und man spürt andererseits, welche Fülle von weiteren Fragen sich aus dieser neuen, grundlegenden Richtungsänderung in den Fragestellungen ergeben. Der abschließende Satz des "Science"-Artikels nähert sich im Wortlaut am dichtesten an Formulierungen an, wie sie schon vor fast hundert Jahren von der Philosophie verwendet worden sind. Er lautet (1):
Wenn man einen Instinkt als das "ererbte Gedächtnis'" an eine bestimmte Antwort auf die Umwelt betrachtet, könnte das hilfreich sein dabei, die physikalischen Grundlagen des Gedächtnisses zu verstehen."
("Considering an instinct as an "ancestral memory" of a specific response to the environment may help to guide efforts to understand the physical basis of memory.")
Also sie meinen: Wenn man den Instinkt als eine "Erinnerung des Urahnen" oder als "Erinnerung der Vorfahren" betrachtet (wie "ancestral memory" auch übersetzt werden könnte) - und genau so ist dsa ja schon vor hundert Jahren getan worden (siehe oben) -, nämlich als eine Erinnerung an eine spezifische Antwort auf Umwelt-Herausforderungen, dann könnte das, so die Autoren, auch bei der wissenschaftlichen Bemühung helfen, die physische Grundlage des (menschlichen und tierlichen) Gedächtnisses überhaupt zu verstehen. Da eben auch diese - erstaunlicherweise! - noch kaum verstanden ist.

Aber es wird auch sofort deutlich, daß hier nicht nur die Frage nach dem evolutionären Entstehen der Instinkte im Raum steht. Gemeinsam mit den Instinkten sind ja bekanntlich auch alle sonstigen Körpermerkmale evoluiert. Es steht also noch viel mehr im Raum wenn es um ein "plasticity-first"-Modell der Evolution geht. Und das alles wird auch in der Forschungsliteratur gegenwärtig schon sehr breit erörtert (11).

Aussagen zur Evolutionsdeutung, die schon vor hundert Jahren getätigt wurden, erscheinen in neuem Licht



Dieser "Science"-Artikel möchte seiner Intention, seiner Absicht nach zunächst einmal nur neue Perspektiven für die neurologische Forschung an Insekten und anderen Tieren aufzeigen. Für uns bedeutet dieser Artikel aber mehr. Er wirft uns geradezu um durch die Eindeutigkeit, aufgrund deren man nun geradezu gezwungen ist, schon sehr früh von der Philosophie gegebene Deutungen ernst zu nehmen. Es wird selbst solchen Menschen, die schon bereit sind, solche Deutungen insgesamt einigermaßen ernst zu nehmen, so ergehen wie dem Autor dieser Zeilen, nämlich daß man geradezu schockiert darüber ist, wie wenig ernst man viele der Deutungen und Ausführungen bislang genommen hatte. Man hat sie für sehr "vage" Beschreibungen erachtet und deshalb auch nicht als sehr wichtige erachtet bezüglich dessen, wie es bei der Artbildung zugegangen sein könnte.

Mit diesem kleinen "Science"-Aufsatz fällt man tief in eine Einsicht hinein, in vielfältige Einsichten dahingehend, wie sehr Ausführungen früherer Denker - wie etwa denjenigen von Mathilde Ludendorff - ernst und gerne auch wörtlich zu nehmen sein könnten. Solche Ausführungen sind vor dem neuen Hintergrund ganz neu zu sichten. Zum ersten mal stellt sich die Frage: Was wurde von solchen Denkern denn eigentlich konkret zu der Thematik gesagt? Und was haben Forscher, die solche Aussagen ernst nahmen (Gerold Adam) dazu konkret gesagt? Hier ist ein neues Lesen angesagt, ein Lesen, das mit einem deutlich vergrößerten Verständnis des Gelesenen einher gehen kann.

Das, was in solchen früheren philosophischen Entwürfen (wie denjenigen von Mathilde Ludendorff) ausgeführt wurde, erweist sich einmal mehr keineswegs nur als "irgend welche" Theorien. Womöglich sogar als Theorien, die sehr arg in Widerspruch stehen könnte zu zentralen Aussagen der modernen Evolutionstheorie. Im Gegenteil: Die Möglichkeit steht im Raum, daß solche Aussagen auch in dieser zentralen Frage - nämlich der Mechanismen der Artbildung in der Evolution - der Naturwissenschaft über Jahrzehnte voraus waren. Daß sie auch in vielen anderen Bereichen der Naturwissenschaft voraus waren, ist andernorts schon dargestellt worden (z. B.: 3, 4), bzw. drängt sich das dem Kenntnisreichen oft ja geradezu auf.

Es wird auch deutlicher als jemals: So wie Naturwissenschaft und Philosophie (z. B. Schopenhauer) seit Jahrzehnten und Jahrhunderten gearbeitet haben, nämlich von der menschlichen Selbsterfahrung aus auf tierliches Leben zu schließen, ja, auf Evolution insgesamt, genau so könnte es auch jetzt wieder hilfreich werden, dies bei der Klärung der neu aufgeworfenen Fragen zu bedenken. Denn was Lernen ist, was Plastizität im Verhalten bedeutet - wer sollte davon mehr wissen als der Mensch? Bzw. wo sollte das anschaulicher erforscht werden können als beim Menschen selbst? Der Mensch könnte also - mit diesen neu aufgeworfenen Fragestellungen - wieder vermehrt von sich auf Tiere, bzw. auf Evolution schließen. Und genau so war ja auch das Vorgehen früherer Denker auf diesem Gebiet recht häufig. Sie sprachen sich selbst und genialen Menschen aller Zeitalter "Intuitionen", "intuitives Erkennen" zu, das sie - in einer vagen Analogie - auch den genialsten Vertretern einer Art zusprachen bei der Artbildung.

Daß aber das Prinzip des Schießens von menschlicher Erfahrung auf tierliche Erfahrung allerhand Schwierigkeiten haben kann bezüglich der Anerkennung in der Wissenschaft, davon kann man sich in der Biographie etwa der Verhaltensforscherin Jane Goodall ein anschauliches Bild verschaffen. Sie sprach Schimpansen ähnliche Gefühle zu wie sie sie selbst als Mensch hatte - und wurde fast von einer ganzen Forschergeneration anfangs als "unwissenschaftlich" herabgestuft


Gab es Intelligenz schon, bevor es Großhirne gab?

   
Was aber hier alles zu erklären ist, soll noch einmal an einem konkreten Beispiel erläutert werden, das im Jahr 1981 der deutsche Sachbuchautor Hoimar von Ditfurth (1921-1989) in der Einleitung Anfang seines Buches "Im Anfang war der Wasserstoff" bekannt gemacht hat (12). Mit einer sehr ausführlichen Beschreibung des Tarnverhaltens der Raupe des Schmetterlings Attacus edwardsii (Wiki) (englisch "Edwards Atlas Moth" genannt) machte er dieses Beispiel recht populär (s. Abb. 1). Man findet heute im Internet manche, die sich auf dasselbe berufen (12).

Dieser Schmetterling ist in Indien und Südostasien in feuchten Gebieten verbreitet und gehört zu den größten Schmetterlingen der Welt. Hoimar von Ditfurth entnahm sein Wissen zu ihm dem Buch "Mimicry" (13) von Wolfgang Wickler, eines Schülers von Konrad Lorenz.

Kurz gefaßt tarnt die Raupe dieses Schmetterlings ihr Verpuppungsstadium - ganz angeborenermaßen - dadurch, daß sie ein Blatt abbeißt und es mit Spinnfäden erneut anhängt und sich dann an dieses Blatt anheftet. Das Blatt verwelkt und umhüllt damit die Puppe, die so "versteckt" ist. Schon das Abbeißen des Blattes und erneute Anhängen stellt einen erstaunlichen Vorgang dar. Noch überraschender ist aber, daß diese Raupe zugleich auch noch mehrere andere Blätter abbeißt und wieder anhängt, die dann ebenfalls verwelken. Dies hat einen großen Vorteil. Ein Vogel als Freßfeind wird selbst wenn er nun verwelkte Blätter als Nahrungsquelle untersuchen würde, bald wieder davon ablassen, da er mit größerer Wahrscheinlichkeit leere als ein volles Blatt vorfinden wird.

Wie aber kann die Raupe auf einen so genialen Einfall der Tarnung kommen, auf den noch nicht einmal der menschliche Leser kommen würde, so fragte Hoimar von Ditfurth. Insgesamt will Hoimar von Ditfurth auch mit diesem Beispiel herausarbeiten, was so unzählige Beispiele von Mimicry so eindrucksvoll belegen, nämlich daß Intelligenz in dieser Welt schon vorhanden war, bevor bewußte Intelligenz in Form des Menschen evoluiert ist, ja, daß es dazu noch nicht einmal eines Großhirnes bedurfte (12, S. 16):
In Wirklichkeit verfügen wir, wie es scheint, nur deshalb über Bewußtsein und Intelligenz, weil die Möglichkeiten von Bewußtsein und Intelligenz in dieser Welt von Anfang an angelegt waren und nachweisbar sind.   
Und die zutiefst philosophische Aussage, daß Intelligenz schon in der Welt ist, bevor der Mensch als bewußtes Lebenwesen sie als solche wahrnehmen kann, weiter zu erläutern und zu veranschaulichen, ist dann das Anliegen des gesamten genannten Buches von Hoimar von Ditfurth. Es war das aber natürlich auch schon der Grundgedanke von naturwissenschaftsnahen Philosophien früherer Denker.

Und auch mit beiden stellt sich weiterhin die bis heute ganz ungeklärte Frage, wie außerordentlich überraschend intelligentes Verhalten von Tieren aufgezeigt werden kann, die noch nicht einmal ein auffallend komplexes Nervensystem haben. Woher stammt hier die Fähigkeit zum "Lernen", zur "Intuition"? Diese Frage ist bis heute von der Wissenschaft noch ganz ungeklärt. Sie sagte ja bislang so ganz langweilig, daß die Zufallsschritte genetischer Punktmutationen zu Veränderungen im angeborenen Verhalten der Tiere führten, die dann aufgrund der Selektion in ihrer Umwelt sich erhalten haben über Nachkommenschaft oder die aufgrund von mangelnder Lebenstauglichkeit ausgestorben sind. Dies ist grob zusammen gefaßt die Lehre des Neodarwinismus. Richard Dawkins hat sich - zum Beispiel in seinem Buch "Gipfel des Unwahrscheinlichen" - viel Mühe gegeben nachzuweisen, daß aus vielen solcher Zufallsschritte dennoch evolutionär etwas Sinnvolles entstehen kann und würden wir es auch als den "Gipfel des Unwahrscheinlichen" ansehen. So richtig daran geglaubt haben wird er wohl selbst niemals.

Aber wie kann eigentlich so überraschend intelligentes Verhalten von überraschend einfach strukturierten Tieren in der Evolution hervorgebracht werden? Auch das genannte evolutionäre Modell, das auf Deutsch etwa "Phänotypische Veränderbarkeit zuerst" genannt werden könnte, hat hier noch sehr, sehr viel zu klären.

Aber alles deutet darauf hin, daß die Erklärung von früheren, lange vernachlässigten Denkern zur Artbildung in der Evolution den tatsächlichen Sachverhalten wesentlich näher gekommen sein kann als alle Erklärungen des so lange Zeit allein in den Vordergrund gestellten Charles Darwin und all seinen unkritischen Nachfolgern.


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  1. Robinson, Gene E.; Barron, Andrew B.: Epigenetics and the evolution of instincts. In: Science Mag., 7. April 2017, http://science.sciencemag.org/content/356/6333/26
  2. Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. 1973
  3. Leupold, Hermin (d.i. Gerold Adam): Wie sind die menschlichen Denk- und Erlebnisfähigkeiten zustande gekommen? Die evolutionäre Entstehung der angeborenen Formen menschlicher Erfahrung. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 72, März 1991, S. 1-11
  4. Leupold, Hermin: Der wesentliche Schritt von Tier zum Menschen. Eine philosophische Psychologie. Erster Beitrag einer Aufsatzreihe zum Rahmenthema "Die stammesgeschichtliche Entstehung des Menschen aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie". In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 89, Januar 1994, S. 1-11 
  5. Ludendorff, Mathilde: Wunder der Biologie im Lichte der Gotterkenntnis meiner Werke. 1. Band. Stuttgart: Hohe Warte, Pähl 1950
  6. Leupold, Hermin (Gerold Adam): Die stammesgeschichtliche Höherentwicklung der Lebewesen. Widersprüche zwischen naturwissenschaftlicher und philosophischer Erklärung der transspezifischen Evolution? In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 82, November 1992, S. 1-7
  7. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. Verlag Hohe Warte, Pähl 1959 (Erstauflage 1921)
  8. Bauer, Joachim: Das kooperative Gen. 2008
  9. Roth, Gerhard: Wie das Gehirn die Seele macht.
  10. Ditfuth, Hoimar von: Der Geist fiel nicht vom Himmel. Die Evolution unseres Bewußtseins. 1976
  11. Levis, Nicholas A.; Pfennig, David W.: Evaluating ‘Plasticity-First’ Evolution in Nature - Key Criteria and Empirical Approaches. Trends in Ecology & Evolution 31(7) · April 2016, http://www.cell.com/trends/ecology-evolution/fulltext/S0169-5347(16)00091-4
  12. Ditfurth, Hoimar: Im Anfang war der Wasserstoff. 1972, https://www.dtv.de/_files_media/title_pdf/leseprobe-33015.pdf, https://machtderpolitentscheidung.files.wordpress.com/2014se/01/ditfurth_hoimar_von-im_anfang_war_der_wasserstoff.pdf (Martin Kriele 2007Esoterikforum 2012, (Heise 2016)
  13. Wickler, Wolfgang: Mimikry. Nachahmung und Täuschung in der Natur. Kinder-Verlag, München 1968 und viele Folgeauflagen bis 2002
  14. Brownrigg, Doug: Rearing the Edwards Atlas Moth. 2014, https://www.youtube.com/watch?v=2bTJWyyCtn0 (ab Minute 6)
  15. Grochowalski, Adam: Attacus atlas moth development. https://www.youtube.com/watch?v=7KOPIqv1xy4
  16. Ludendorff, Mathilde: Schöpfungsgeschichte. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (Erstauflage 1923)
  17. Wikipedia-Artikel "Phenotypic plasticity, https://en.wikipedia.org/wiki/Phenotypic_plasticity

Sonntag, 10. September 2017

"... Was die großen Köpfe der Vergangenheit längst wußten ..."

Konrad Lorenz, der Forscher und Mahner, in wenig bekannten aber begeisternden Film- und Tondokumenten

Im Jahr 1972 hielt der Begründer der Verhaltenswissenschaft Konrad Lorenz (1903-1989) (Wiki) in Göttingen einen Vortrag mit dem vergleichsweise abstrakten Titel "Soziale Bindungen und die in ihrem Dienste ritualisierten Verhaltensweisen" (5). Soweit übersehbar äußerte er in diesem Vortrag mehrere bedeutsame Erkenntnisse, die in Schriftform so von ihm niemals veröffentlicht worden sind. Sie stellen aber mehr oder weniger "Intuitionen" dar, die oft erst Jahrzehnte später - sprich erst vor wenigen Jahren - ihre außerordentlich überraschende wissenschaftliche "Verifikation" erlangt haben, also den gültigeren, allgemeinen Nachweis, daß - und wie sehr - diese Intuitionen der Wirklichkeit entsprechen.




Zu diesen Intuitionen, die er aus den verschiedensten Verhaltensbeobachtungen während seines langen Lebens gewonnen hat, und die er durch den ganzen Vortrag hindurch breit referiert, gehört insbesondere auch jene, daß Konrad Lorenz an einer Stelle im Vortrag sagt, daß die intelligentesten Arten einer Gruppe von Fischen oder Vögeln auch die intensivste Paarbindung haben, daß es also zwischen Paarbindung und Intelligenzevolution auf sehr grundlegender Ebene einen Zusammenhang gibt. Er behandelt also lang und breit die unterschiedlichsten Erscheinungen, die mit der Paarbindung bei unterschiedlichsten Tierarten verbunden sind und sagt dann (21.38'ff):
Es ist also ganz sicher so, daß die Bindung auf individuellen Kommunikationen beruht, die also individuell verschieden sein müssen. Es setzt also die individuelle Bindung immer schon eine gewisse Lernfähigkeit, eine hohe Lernfähigkeit auf dem Gebiete der Gestaltwahrnehmung und auch sonst voraus. Damit stimmt eine sehr interessante Korrelation, daß nämlich innerhalb einer Tiergruppe seien es die Fische oder die Entenvögel oder die Hühnervögel immer gerade die Klügsten, die Lernfähigsten diejenigen sind, bei denen die besten Paarbindungen stattfinden.
Konrad Lorenz gibt viele gute Beispiele für den Hintergrund und die Konsequenzen dieses Zusammenhangs. Er kommt später auch auf aggressives Verhalten und Rangordnungs-Verhalten zu sprechen. Und am Ende spricht er sogar über menschliche Gruppen und die individuellen Freundschaften, auf die sie aufgebaut sind. Nämlich ab Minute 47.53', wo er zusammen faßt:
Also Bindungen, persönliche Bindungen sind die Basis alles fruchtbaren Zusammenhaltens von kleinen menschlichen Gruppen.
Und dann kommt er auf jene seiner Intuitionen zu sprechen, die den Menschen als Gruppenwesen betreffen. Hier äußert er schon im Jahr 1972 viele Gedanken, die ebenfalls erst in den letzten Jahrzehnten (ebenfalls nicht zuletzt durch die Forschungen von Robin Dunbar) vielfältige Bestätigung, Ergänzung und Erweiterung erfahren haben durch die naturwissenschaftliche Forschung, etwa insbesondere im Bereich der Social Brain-Theorien. (Das im einzelnen nachzuweisen, kann an dieser Stelle vorerst nicht geleistet werden.)

Der erstgenannte außerordentlich bedeutsame Gedanke wurde erst vor zehn Jahren - 2007 - von dem aufgeweckten britischen Anthropologen Robin Dunbar und seinen Mitarbeitern anhand von statistischen Artvergleichen verifiziert - und zwar von diesen im Grunde ganz unbeabsichtigt. Darüber ist an anderer Stelle von uns schon 2007 berichtet worden (6, 7). Und ein Jahr später wurde in einer anderen Studie auch die Evolution von Altruismus mit Paarbindung in Verbindung gebracht (8). Schließlich haben neun Jahre später auch andere Wissenschaftler diesen Stab aufgenommen und gehen diesen Gedanken in allgemeinerer Weise nach (9, 10). Konrad Lorenz wäre über diese Forschungen hell begeistert, daran kann kein Zweifel bestehen.

Vor zwei Jahren nun hatten wir das eingangs erwähnte Video von Konrad Lorenz entdeckt (an einer Stelle, wo es zwischenzeitlich wieder aus dem Netz genommen ist). Und wir wiesen Robin Dunbar auf die Inhalte dieses deutschsprachigen Vortrages von Konrad Lorenz hin. Robin Dunbar antwortete:
Oh, that is VERY neat! Thanks VERY much for sending me this. You see, science consists in simply rediscovering what the great minds of the past already knew…..
Zu Deutsch also:
Oh, das ist SEHR nett! VIELEN Dank, daß Sie mir das gesendet haben. Sie sehen, Wissenschaft besteht schlicht darin, das erneut zu entdecken, was die großen Köpfe der Vergangenheit schon längst gewußt haben.
Mit diesem wunderschönen Satz, der die Bedeutung von Film- und Tondokumenten von Konrad Lorenz mehr als deutlich machen kann, soll der vorliegende Beitrag eingeleitet sein.

Die beiden Langspielplatten "Umweltgewissen" von 1989


Das Leben und Lebenswerk des Verhaltensforschers, Philosophen und Naturbewahrers Konrad Lorenz (1903-1989) (Wiki) ist der Leserschaft der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" in verschiedenen Beiträgen aus tiefer Begeisterung heraus dargestellt worden (1, 2). Wer diese Beiträge auf sich hat wirken lassen, dem sollte das Bewußtsein von der großen Bedeutung des Lebenswerkes von Konrad Lorenz für die Geistesgeschichte der Menschheit nicht mehr abhanden kommen können.




Insbesondere als Begründer der Evolutionären Erkenntnistheorie hat Konrad Lorenz grundlegendste Beiträge zu unserem heutigen, modernen Weltbild geleistet. Aus dem reichen Erkenntnissen seines Forscherlebens heraus wurde Konrad Lorenz in seinen letzten Lebensjahrzehnten zusätzlich aber auch noch zu einem der bekanntesten Gesellschaftskritiker seiner Zeit. Fast möchte man sagen, daß es schon zu seiner Zeit keinen authentischeren, thematisch breit aufgestellten und allgemein bekannten Gesellschaftskritiker gegeben hat als Konrad Lorenz. Und das mag auch noch für unsere heutige Zeit gelten.

Freilich gibt es andere Gesellschaftskritiker. Viele gibt es. Aber viel zu oft ist das, was sie vertreten, "durchstilisiert" entlang bestimmter "gruppenevolutionärer Strategien". Man spürt viel zu oft die Absicht, ist verstimmt und legt die Mahnungen unwirsch beiseite. Dies kann einem bei Konrad Lorenz nicht passieren. Hier spricht ein freier Mensch, nur sich selbst, der Wahrheit und der Kultur, der er angehört, verantwortlich.

Nun aber soll der vorliegende Beitrag dazu dienen, die genannten Beiträgen in der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" dadurch zu ergänzen, daß auf die vielfältigen, inzwischen bekannt und leicht zugänglich gewordenen Ton- und Filmdokumente von und mit Konrad Lorenz aufmerksam gemacht wird. Diese sind womöglich noch eindrucksvoller als jede schriftliche Übermittlung und jede Übermittlung über Bildbände. Sie geben einen Eindruck von dem tiefen Ernst im Denken, Leben und Handeln von Konrad Lorenz (3).

Der Autor dieser Zielen stieß erst vor wenigen Wochen auf eine frühere, größere Zusammenstellung von Hördokumenten von Konrad Lorenz, die schon 1989 unter dem Titel "Umweltgewissen" auf zwei Langspielplatten (bzw. Hörkassetten) veröffentlicht worden sind (3). Dabei können diese Hördokumente - laut Angabe - schon seit 2012 auf Youtube frei verfügbar angehört werden*). Auch weil man bei bloßen Hördokumenten nicht abgelenkt wird von Seh-Eindrücken, mögen solche Tondokumente manchmal noch eindrucksvoller in ihrer Wirkung sein als Filmaufnahmen von und mit Konrad Lorenz (die inzwischen ja auch reichlich verfügbar sind [4]).

Man kann Reden und Vorträge, in denen Konrad Lorenz weniger als Wissenschaftler denn als Mahner spricht (3), nicht anhören, ohne selbst von dem tiefen Ernst ergriffen zu werden, in dem Konrad Lorenz seine Gedanken vorträgt. Und somit ist über sie sicherlich noch ein direkterer, unmittelbarerer Eindruck vom Menschen und Menschheitswarner Konrad Lorenz möglich  geworden als über andere Formen der Mitteilung. Dies womöglich gerade auch für die Jugend, der es heute mitunter schwerer als früher zu fallen scheint, sich an ernsthaftere, populärwissenschaftliche Literatur in Bücherschränken und Buchhandlungen heranzuwagen.

Auf den beiden Schallplatten "Umweltgewissen" finden sich zum Beispiel auch viele Kerngedanken von Konrad Lorenz angesprochen, und zwar oft auch ganz neu oder anders formuliert als man es von anderen Quellen her kannte. So spricht Konrad Lorenz auf diesen etwa über die "Sinnentleerung der Welt" (3) (im dritten Video). Er äußert Gedanken, wie dieser Sinnentleerung entgegen gesteuert werden kann. Diese Gedanken stehen in voller Übereinstimmung mit den Anliegen des vorliegenden Blogs und mit denen der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule". Und so findet man noch viele andere überraschende Gedanken und Handlungen auf diesen beiden Langspielplatten, von denen andernorts (vor allem in Büchern) noch nichts zu hören war.

Diese beiden Langspielplatten aus dem Jahr 1989 sind aber nun - und auch das überraschenderweise - gar nicht einmal die einzigen Tondokumente, die von Konrad Lorenz überliefert sind und inzwischen frei verfügbar geworden sind. Auf der Internetseite von "Konrad Lorenz Haus Altenberg" findet sich eine Zusammenstellung aller frei verfügbaren Tondokumente und Filme von und über Konrad Lorenz, die womöglich regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht wird. Und indem man auf diese Internetseite stößt, stößt man auf einen unglaublich reichen Schatz (4). Auf dieser Seite finden sich auch zahlreiche ausführliche Radio-Interviews mit Konrad Lorenz, sowie Ansprachen anläßlich von Preisverleihungen.


/Überarbeitet und 
ergänzt: 26.9.17/

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*) Es erscheint einem hier nicht zum ersten mal merkwürdig, wie lang bestimmte, wertvolle Video's auf Youtube veröffentlicht sind, ohne daß man jemals auf sie gestoßen ist. (In diesem Fall fünf Jahre lang!) Ob es hier bewußte Manipulationen der Suchalgorithmen gibt, die verhindern, daß man solche früher entdeckt, stehe dahin. (Solche Manipulationen sind ja inzwischen von der Firma Google gut bezeugt.) Jedenfalls wundert sich der Autor dieser Zeilen, der in den letzten Jahren gewiß häufiger nach neuen Video's von und über Konrad Lorenz gesucht hat, daß ihm die Hördokumente, auf die in diesem Beitrag hingewiesen wird, bislang entgangen sind - obwohl sie doch schon im Jahr 2012 veröffentlicht worden sind. (Oder sind wir in früheren Jahren über sie hinweg gegangen, da es sich "nur" um Hördokumente gehandelt hat? Das soll an dieser Stelle nicht völlig ausgeschlossen sein.)
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  1. Schäfler, Wilhelm: Tierfreund, Erforscher tierischen und menschlichen Verhaltens, Philosoph und Naturbewahrer. Leben und Werk von Konrad Lorenz. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 63, September 1989, S. 1-12
  2. Leupold, Hermin: Wie sind die menschlichen Denk- und Erlebnisfähigkeiten zustandegekommen? Die evolutionäre Entstehung der angeborenen Formen menschlicher Erfahrung. In: In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 72, März 1991, S. 1-11
  3. Lorenz, Konrad: Umweltgewissen. Ein Hörbild mit Stimmdokumenten aus zwei Jahrzehnten begleitet von Bernd Lötsch. 2 Langspielplatten, CBS Schallplatten GesmbH, Wien 1989, https://www.youtube.com/watch?v=Nk8h8etRmjs&t=1s, https://www.youtube.com/watch?v=w_7NBsRYSd4&t=66s, https://www.youtube.com/watch?v=6_-p_Gg-UUc, https://www.youtube.com/watch?v=LSP13I5_osk, https://www.youtube.com/watch?v=6GwhGanh15s, https://www.youtube.com/watch?v=fB9alMDQJ4o; (s.a. Discogs)
  4. Filme und Audiodokumente über Konrad Lorenz. Konrad Lorenz Haus Altenberg, http://klha.at/kl_filme.html [10.9.2017] 
  5. Lorenz, Konrad: Soziale Bindungen und die in ihrem Dienste ritualisierten Verhaltensweisen. Vortrag anläßlich der Tagung Encyclopaedia Cinematographica, Göttingen 3. Oktober 1972, Film des Instituts für den wissenschaftlichen Film, https://www.youtube.com/watch?v=1kTDEpa4cRM&index=6&list=PLV4uV6GKLmOsizq8bRZmmI3o1I_6CAM5x
  6. Bading, Ingo: Ist die monogame Bindung der Kern aller Intelligenz-Evolution auf der Erde? Die sensationellen neuen Thesen des britischen Anthropologen Robin Dunbar. Auf: Studium generale, 31. August 2008 (zuerst 15.11.2007), http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/08/ist-die-monogame-bindung-der-kern-aller.html
  7. Bading, Ingo: Das menschliche Gehirn ist evoluiert, "um zu lieben". Auf: Studium generale, 16. November 2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/11/das-menschliche-gehirn-ist-evoluiert-um.html
  8. Bading, Ingo: Stand die monogame Lebensweise an der stammesgeschichtlichen Wurzel allen komplex-sozialen Lebens auf der Erde? Auf: Studium generale, 31. August 2008, http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/08/stand-die-monogame-lebensweise-der.html
  9. Jacqueline R. Dillard: Disentangling the Correlated Evolution of Monogamy and Cooperation. In: Trends in Ecology & Evolution 31(7), May 2016, https://www.researchgate.net/publication/301829279_Disentangling_the_Correlated_Evolution_of_Monogamy_and_Cooperation 
  10. Jacqueline R. Dillard and David F. Westneat: Monogamy and Cooperation Are Connected Through Multiple Links - Why does cooperation evolve most often in monogamous animals. In: The Scientist, 1. August 2016, http://www.the-scientist.com/?articles.view/articleNo/46608/title/Opinion--Monogamy-and-Cooperation-Are-Connected-Through-Multiple-Links/

Samstag, 2. September 2017

"Ich glaube, daß man durch den Tod gezwungen wird, sinnvoll zu leben"

Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer äußert Grundgedanken der Philosophie von Mathilde Ludendorff und beklagt, daß ein entsprechender "philosophischer, konzeptioneller Überbau nicht propagiert" wird.

In einem Interview mit dem 70-jährigen Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer (geb. 1947) (Wiki), das Anfang Januar dieses Jahres 2017 veröffentlicht worden ist (1), äußert sich dieser zu sehr grundlegenden Fragen nach dem Sinn des Todesmuß des Lebens und nach dem Sinn des Lebens. Viele seiner Gedanken stehen in hundertprozentiger Übereinstimmung mit der Philosophie von Mathilde Ludendorff (1877-1966) (Wiki). Aber ihren Namen nennt er an keiner einzigen Stelle. Dieses Interview soll im folgenden etwas gründlicher erörtert werden.




Gleich am Anfang des Interviews erörtert Ernst Peter Fischer den Gedanken:
"Der Tod ist nicht gleichzeitig mit dem Leben entstanden." 
Leider ist dieser Satz schon aus rein naturwissenschaftlicher Sicht nicht ganz richtig. Auch bei den weiteren Ausführungen sind leider manche gedanklichen Unschärfen bei der Mitteilung des naturwissenschaftlichen Forschungsstandes festzustellen. Aber man kann die Gedanken, die Fischer äußern will, ja hier noch einmal gedanklich etwas präziser fassen. Denn es ist klar, was er sagen will. Er spricht über die Einführung des gesetzmäßigen Alterstodes in der Evolution beim Übergang des Lebens vom Einzeller zum Vielzeller.

Die Einführung des gesetzmäßigen Alterstodes in der Evolution


Er vergißt zu erwähnen, daß Einzeller zwar nicht unbedingt einen gesetzmäßigen Alterstod kennen, daß aber Tod sehr wohl Teil ihres Leben ist und daß es den Tod sehr wohl seit der Zeit gibt, seit der es Leben gibt. Denn Einzeller können den Unfalltod sterben. Und sie sterben ihn in der Regel auch. Nur das "Todesmuß", der gesetzmäßige Alterstod, ist nicht gleichzeitig mit dem Leben entstanden. Das ist der Kerngedanke, den Ernst Peter Fischer hier zum Ausdruck bringen will.

Und das ist sehr wertvoll, daß er das tut. Dieser Kerngedanke stammt von dem berühmten deutschen Evolutionsforscher August Weismann. Und er ist zugleich der Ausgangspunkt der naturwissenschaftsnahen Philosophie seiner Schülerin Mathilde Ludendorff. Diese Philosophie ist ab dem Jahr 1921 nieder gelegt worden. Würde sich Ernst Peter Fischer auf diese Philosophie beziehen, würde es ihm wohl nicht so schwer fallen, seine Gedanken präziser zu fassen. Das Nichterwähnen dieser Philosophie wenn solche naturwissenschaftlichen im Zusammenhang mit philosophischen Fragen angesprochen werden, kann man heute kaum noch für intellektuell redlich halten.

Denn die philosophische Deutung der evolutionären Einführung des Alterstodes durch Mathilde Ludendorff steht sehr einzigartig da in der Philosophie-Geschichte. Dem Autor dieser Zeilen ist kaum eine Alternative zu dieser sehr grundlegenden philosophischen Deutung bekannt geworden. Diese philosophische Deutung schließt aber zugleich unmittelbar an auch noch an den heutigen Forschungsstand in der Naturwissenschaft, also jenen, auf den sich - unscharf - Ernst Peter Fischer in diesem Interview bezieht. Also darf man Mathilde Ludendorff nicht mit Schweigen übergehen. Denn welcher Gedanke ist naheliegender als ihrer, nämlich daß der materielle Unsterblichkeitswille der lebenden Zellen, der sich in ihrer Tendenz zur Zellteilung und Zellvermehrung Ausdruck verschafft, im Verlauf der Evolution und dann im Verlauf der Kulturgeschichte der Menschheit sich "vergeistigt" hat zu einem Unsterblichkeitwillen bewußter, mit einem Großhirn ausgestatteter Lebewesen? Zum menschlichen Willen, wie Ernst Peter Fischer es ausdrückt, auch bezüglich des Lebensendes "Grenzen überschreiten" zu wollen.

Krebszellen, so sagt Ernst Peter Fischer - im Einklang mit dem gegenwärtigen Forschungsstand - gewinnen die potentielle Unsterblichkeit zurück, schalten also evolutionär primitivere, einfachere Programme an, zerstören dabei aber das Leben des vielzelligen Organismus, dem sie angehören. Anhand dieses Umstandes will Fischer aufzeigen, daß auch noch in allen sterblichen Zellen aller Vielzeller die Tendenz vorhanden ist, sich unendlich teilen zu wollen und damit unsterblich zu leben, und dabei aber auf Kosten des Gesamtorganismus zu "wuchern".

Der (gesetzmäßige) Alterstod eines vielzelligen Organismus kommt aber - nach Fischer - gemäß eines Gedankenganges, den er in dem Interview leider ebenfalls viel ausführlicher erläutern müßte, um verständlich zu sein, dadurch zustande, "daß die einzelne Zelle im Gesamtverband des Organismus ihre Aufgabe erfüllt". Und diese Aufgabe besteht unter anderem - aber nur unter anderem - darin, nicht zur Krebszelle zu werden. Ansonsten besteht die Aufgabe der einzelnen Zelle eines Vielzellers vor allem darin, Nervenzellen das Leben zu unterhalten und damit schrittweise in der Evolution größeres Bewußtsein - bis hin zum Großhirn des Menschen - zu ermöglichen. So wie es Fischer ausdrückt, ist es aber natürlich noch keine vollständige Theorie des gesetzmäßigen Alterstodes. Aber immerhin.

Zum Nachdenken von Ernst Peter Fischer über diese Fragen könnte auch dazu gehören, daß er - wenigstens ansatzweise, aber vielleicht ungenügend - um das Nachdenken und die Forschungen meines Onkels, seines Konstanzer Kollegen, des Zellphysiologen Gerold Adam (1933-1996) (Wiki), wußte, für den das Wechselspiel zwischen dem Streben der einzelnen Zelle nach Unsterblichkeit (unendlicher Zellteilungsfähigkeit) und der Einordnung der einzelnen Zelle in einen vielzelligen, aber sterblichen Organismus mit streng gesetzmäßiger Zahl von Zellteilungen je nach Gewebeart das Hauptthema der Forschung seiner beiden letzten Lebensjahrzehnte an der Universität Konstanz war.

Mit Bewußtsein unsterblich leben?


Bei einem anderen - eher philosophischen - Gedanken ist Fischer sich dann wieder sicherer, nämlich daß unsterbliches körperliches Leben mit einem bewußten Leben sehr schwer in Einklang zu bringen sein würde, daß vielmehr unser bewußtes Leben deshalb so ereignisreich und tatfroh ist wie es ist, weil wir sterblich sind. Würden wir körperlich viele hundert oder tausend Jahre leben, gäbe es ja keinen Grund, so Fischer, heute das zu tun, was man auch morgen tun könnte. Und der Mensch neigt ja bekanntermaßen dazu "aufzuschieben". Und dieser Gedanke ist natürlich ein sehr leicht nachzuvollziehender Gedanke. Es ist ein Gedanke, der genau so auch schon von Mathilde Ludendorff 1921 geäußert wurde.

An diesen kann auch der Gedanke angeschlossen werden, daß die Evolution selbst vergleichsweise langweilig war, solange es den gesetzmäßigen Alterstod noch nicht gab, daß sie mehrere Milliarden Jahre nur so "vor sich hin tuckerte" im Einzeller-Status, und daß sie ihre unglaubliche spannende, mannigfaltige Artenvielfalt der Vielzelligkeit erst entfaltete als der gesetzmäßige Alterstod eingeführt worden war (sichtbar vor allem ab dem Präkambrium und der Kambrischen Artenexplosion).

Dann sagt Ernst Peter Fischer - wie oben schon angedeutet -, daß das Streben des Menschen immer schon gewesen ist, Grenzen zu überwinden, also natürlich auch die Grenze des Alterstodes. Mathilde Ludendorff hat dies den menschlichen "Unsterblichkeitwillen" genannt. In den vielfältigen menschlichen Religionen auf dieser Erde sind vielfältige Versuche unternommen worden, diese Grenze zu überwinden, sagt Fischer. Und genau das ist auch der Grundgedanke des Buches von Mathilde Ludendorff aus dem Jahr 1921 "Triumph des Unsterblichkeitwillens". Er wird in diesem Buch gleich einleitend angesprochen:
Wie Schatten flüchtig gleiten die Menschengeschlechter über die Erde,
Sie blühn und vergehen und singen dabei das hohe,
Das niemals verstummende Lied unsterblichen Lebens.
"Ich glaube," sagt Fischer, "daß man durch den Tod gezwungen wird, nicht nur biologisch zu existieren, sondern sinnvoll zu leben." - Nun, gezwungen wird man nicht - viele Menschen nutzen ja die Möglichkeit des Vergessens und Verdrängens bezüglich ihres Wissens, daß sie irgend wann sterben müssen. Aber natürlich ist die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit durchaus ein starker Antrieb, wenn nicht einer der stärksten Antriebe dazu, sinnvoll zu leben. Genau das ist wiederum der Grundgedanke der Philosophie von Mathilde Ludendorff. Also darf sie schlichtweg, wenn ein solcher Gedanke geäußert wird, nicht unerwähnt bleiben, denn ihre Philosophie ist Teil der Geistesgeschichte, Teil des naturwissenschaftsnahen Denkens der letzten einhundert Jahre.

Ein angemessener "philosophischer, konzeptioneller Überbau"


Im übrigen ist dieser von Ernst Peter Fischer geäußerte Gedanke natürlich ein Gedanke, dem man noch sehr viel Raum in seiner Seele lassen könnte, auf daß er sich entfalte. Was heißt denn - im Angesicht der Endlichkeit unseres körperlichen Lebens - "sinnvoll" zu leben?, ist natürlich eine Frage, die sich anschließt. Sehr schön ist dazu zum Beispiel auch der Kommentar eines Zuhörers auf Youtube:
"Tolle (...) Antworten. Ich würde ihm gerne die Frage stellen: Wie hält man so tief ins Sein gedacht die politische/gesellschaftliche Realität, die wir uns bereiten, aus?"
Das ist sicherlich eine gute Frage. Und tatsächlich gibt es auf diese Frage auch aus der Wissenschaft schon erste Antworten: Durch Vergessen. Menschen hingegen, die mit dem eigenen Tod konfrontiert werden, die an ihn erinnert werden, sind in ihren moralischen Urteilen rigoroser und kompromißloser, werden leichter zornig. Sie halten die politische, gesellschaftliche Realität also keineswegs unwidersprochen aus. Und das ist sicher einer der Gründe, weshalb in den Medien der Tod ständig verharmlost wird und werden muß in der Form, daß der Fernsehzuschauer und Zeitungsleser zum Darstellungen und Meldungen zu Todesfällen, Mord und Totschlag geradezu in Dauerberieselung überschüttet wird, werden muß, ohne daß das emotional noch tiefere Auswirkungen bei ihm hinterläßt. Und dementsprechend kann seit wenigen Jahrzehnten auch der Tod ganzer Kulturräume (des Abendlandes, der westlichen Welt) fortlaufend erörtert werden in der Medienwelt, ohne daß der Mensch sich noch angemessen aufrafft, um scharf und entschieden auf dieses weltgeschichtliche Geschehen zu reagieren.

Schön ist dann weiterhin, daß Ernst Peter Fischer dem Menschen - und auch den Tieren - nicht die Seele abspricht, sondern daß er den begeisternden Gedanken äußert, daß unsere Wahrnehmung darauf ausgerichtet ist, das Individuelle eines Mitmenschen wahrzunehmen und den Mitmenschen darin mit Achtung zu begegnen. Dies ist ein Gedanke, so kann man hier lernen, der von dem griechischen Philosophen Aristoteles stammt, und aus dem Aristoteles die menschliche Moral abgeleitet hat. Interessant! Im weiteren Verlauf des Interviews wird die Frage erörtert, was aus naturwissenschaftlicher Sicht eigentlich Bewußtsein ist. Fischer sagt an einer Stelle:
"Natürlich wäre jetzt die Aufgabe, dem Ganzen einen philosophischen oder konzeptionellen Überbau zu geben. Aber das wird nicht propagiert."
Diesen Satz kann man ja einmal weitgehend unkommentiert lassen. Wir hatten schon darauf hingewiesen, daß Ernst Peter Fischer ja im Grunde genommen selbst viel Anlaß hat, einen solchen Überbau zu "propagieren", einfach indem er intellektuell redlich aufhört, den Namen Mathilde Ludendorff zu verschweigen.

Ein weiterer schöner Gedanke ist es, daß er sagt, daß Aufklärung und Romantik komplementär zueinander wären, also zwei unterschiedliche Annäherungsweisen an dieselbe Wirklichkeit darstellen würden, die beide notwendig sind zu berücksichtigen wären, wenn das Phänomen Wirklichkeit möglichst vollständig erfasst werden soll. Das ist ein sehr tiefer Gedanke. Schließt er doch auch die Möglichkeit aus, daß man - wozu es heute viele Neigungen gibt - das eine gegen das andere auszuspielen. Nein, erst gemeinsam geben sie ein vollständiges Bild der Wirklichkeit. Fischer leitet diesen Gedanken aus dem komplementären Denken der Physik zum Welle-Teilchen-Dualismus ab. Das Denken in Komplementarität stammt ja unter anderem von den Atomphysiker Niels Bohr. Mit diesem Gedanken ist natürlich eine bedeutende Aufwertung der Geisteswissenschaft gegeben durch einen Naturwissenschaftler, eine Aufwertung, die wiederum vollständig auf der inhaltlichen Linie der Aussagen der Philosophie von Mathilde Ludendorff liegt.

Im zweiten Teil des Interviews wird sehr oft deutlich, daß es Fischer selbst noch an dem von ihm geforderten philosophischen Überbau fehlt, einem Überbau nämlich, der klar ausspricht, daß es eine zweite Seite der Wirklichkeit gibt, die dem Menschen über das Werterleben, über das ästhetische Erleben, über das Erleben des Wahren, Guten und Schönen zugänglich ist, und daß erst im Erschließen des Erlebens dieser zweiten Seite der Wirklichkeit der Sinn des Menschenlebens hier auf dieser Erde erfüllt wird. Hier könnte sich Ernst Peter Fischer von seinem verstorbenen Kollegen Gerold Adam, der diese zweite Seite der Wirklichkeit - ebenfalls im Anschluß an den Philosophen Nicolai Hartmann - und im Anschluß an die Philosophin Mathilde Ludendorff - gedanklich genauer gefaßt und wissenschaftsgeschichtlich eingeordnet hat, womöglich noch manches sagen lassen (2).

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  1. Huemer, Werner: „Der Tod ist nicht gleichzeitig mit dem Leben entstanden“ - Zu Besuch bei Ernst Peter Fischer. ThantaosTV, 4.1.2017, https://www.youtube.com/watch?v=0bmEnFKl5rE
  2. Leupold, Hermin (d.i. Gerold Adam): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Die Deutsche Volkshochschule, Bühnsdorf 2001, 2014

Dienstag, 1. August 2017

Was zu tun ist am wichtigsten?

Antworten auf Lebensfragen junger Menschen 
- Mitschrift eines Vortrages von Gerold Adam aus dem November 1993

Im November 1993 ist der Physiker, Biologe und Philosoph Gerold Adam (1933-1996)(Wiki), Autor der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule", einmal von einem Kreis von Menschen, die sich mehrheitlich etwa auf das 30. Lebensjahr zubewegten, gebeten worden, zu eher konkreteren Orientierungsfragen im Leben einige Worte zu sagen und auch ein Gruppengespräch darüber mitzugestalten (zu "moderieren"). Aus diesem Anlaß hat Gerold Gedanken vorgetragen, die nach der Mitschrift eines Zuhörers mit der vielleicht etwas sperrigen Überschrift versehen worden sind: "Was zu tun ist am wichtigsten?"


Abb. 1: Gerold Adam, 1985

Aber ganz offensichtlich war das die Ausgangsfrage, die dem Mitschreibenden und einigen seiner Freunde in diesem Kreis damals gerade auf dem Herzen brannte. Wenn Menschen das dreißigste Lebensjahr erreichen oder es in näherer Zukunft erreichen werden, stellen sie sich oft schon andere Fragen als zehn Jahre zuvor. Oder sie stellen sie sich in anderer Art als früher. In der Regel hat man dann eine noch etwas unreifere Jugendzeit hinter sich gelassen, man hat eine Berufsausbildung oder ein Studium begonnen oder auch schon abgeschlossen, man hat Familie gegründet oder ist doch gedanklich ernsthafter als zuvor damit beschäftigt.

Aus solchen Lebenszusammenhängen heraus fragt man nun schon in ganz anderer Weise als zuvor, worauf es eigentlich im Leben ankommt, was zu tun eigentlich wichtig sein könnte. (Dies tun natürlich insbesondere Menschen, denen die weit verbreitete Lebenshaltung wie sie etwa in Werbeslogans zum Ausdruck gebracht wird wie "Spiel, Spaß, Spannung - Yogurette"*) zu wenig, zu oberflächlich und zu schal ist im Leben.) Der beschriebene Lebensabschnitt ist nun ein Alter, in dem man schon eine kleine Wegstrecke bewußter gelebten Lebens hinter sich gebracht hat, man kann eine Wegstrecke überblicken, die vielleicht schon die eine oder andere Höhe oder Tiefe mit sich gebracht hat. Man hat seine Kräfte erprobt, man hat vielleicht auch erste Grenzen seiner Kraft kennen gelernt. Aber man hat vielleicht auch noch längst nicht alle Kräfte im Leben entfaltet, die man entfalten kann.

Insgesamt jedenfalls steht man womöglich nun schon ein wenig gesammelter vor der Frage, wo soll es eigentlich mit meinem künftigen Leben hingehen?

Gerold referierte im Zusammenhang mit solchen Fragen nun eine vergleichsweise konkrete Liste von Aufgaben, die zu leisten wichtig sein könnten für Menschen, die sich verantwortlich fühlen für den Fortbestand unseres Volkes und unserer Kultur. Da man einer Zusammenstellung von Lebensaufgaben in einer so konkreten Form an anderer Stelle womöglich noch nicht begegnet ist, sollen diese Gedanken im folgenden einmal - anhand der genannten Mitschrift des Teilnehmers - festgehalten und auch zum besseren Verständnis ausführlicher erläutert werden. Gerold nannte fünf Punkte:

  1. Gestaltung von Ehe und Familie
  2. Selbstteilnahme und bewußte Einbettung in unsere Kultur
  3. Einbindung in das Volksschicksal
  4. Philosophische Sinngebung
  5. Eigenes Schaffen


1. Gestaltung von Ehe und Familie


In seinen Ausführungen ging Gerold schrittweise vor vom Allgemeineren zum Besonderen. Also von dem, was jeder tun kann hin zu dem, was Vereinzelte aufgrund von Begabung und Neigung besser tun können als andere, das aber für alle anderen ebenso wichtig ist. Als erste wichtige Aufgabe nannte er - das mag nun zunächst einigermaßen selbstverständlich klingen - die Gestaltung von Ehe und Familie: „Definitionssicherung durch die Familie“, heißt es in der Mitschrift. Gemeint ist damit wohl: Aufgabenstellungen im Leben, die im Widerspruch stehen zum Gründen und Leben von Familie können von vornherein weitgehend als eher unwichtige ausgeschlossen werden für die weiteren Überlegungen. Denn sie sichern ja den Fortbestand unserer Kultur aufgrund der heutigen demographischen Entwicklung nicht. Gerold hat diesen Gedanken jedenfalls auch sonst häufiger erörtert (z.B.: 1). Gerold führte zu diesem Punkt 1993 nun unter anderem aus:
Eine heile Ehe kann ein Aufwachsen der Kinder zu seelisch gesunden Menschen ermöglichen.
Dieses Thema haben Werner Preisinger, Gerold Adam und andere zu anderen Gelegenheiten unter anderem anhand der Forschungen des Biologen Adolf Portmann (1897-1982) über das "extrauterine Frühjahr" des Menschen und die Bedeutung der langen Kindheit des Menschen in ausführlichen Aufsätzen oder Vorträgen erörtert (z.B.: 2-4). Auch hat Gerold gelegentlich darauf hingewiesen, daß Kinder etwa zwischen dem sechsten und dem achten Lebensjahr am Vorbild des gleichgeschlechtlichen Elternteils Verhaltensmuster lernt oder auf diese geprägt wird, die es dann auch selbst später in Paarbeziehungen leben wird. Nicht zuletzt deshalb - aber sicherlich noch aus vielen weiteren Gründen heraus hier die Betonung auf "heile Ehe". Darüber wäre natürlich noch viel zu sagen. Doch gehen wir in der Mitschrift weiter (die übrigens nicht vom Verfasser des vorliegenden Blogbeitrages stammt):
Formung des Kindes durch sein Hineinwachsen in seine Sprache und Kultur.
Die Forschung erkennt von Jahr zu Jahr mehr, wie bedeutsam und irreversibel der prägungsähnliche Erwerb der Muttersprache für das gesamte künftige Leben eines Menschen ist. Dieser Umstand ist hier zunächst angesprochen. Die Bedeutung der Muttersprache für den Fortbestand der Kultur hat Gerold bei vielen Gelegenheiten hervor gehoben, auch in Beiträgen der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule". Aber auch sonst ist hier für die Eltern - nach Gerold - ein weites Aufgabenfeld gegeben. Sie können Einfluß nehmen auf die geistigen und mitmenschlichen Anregungen, die Kinder in ihrer Kindheit erhalten, etwa indem sie ein mitmenschliches Zusammenleben vorleben, das vorbildlich ist für die Kinder und ihrem Gedeihen förderlich, das sie seelisch stark macht für all die vielleicht schweren Aufgaben, die ihnen als erwachsene Menschen einmal gestellt sein werden.

Dies kann auch etwa geschehen, indem die Eltern jene Geschichten auswählen, die abends vor dem Schlafengehen vorgelesen werden. Dieses Vorlesen vor dem Schlafengehen war Gerold beispielsweise immer etwas sehr Wichtiges. Und Gerold wußte schöne Bücher, die man aus diesem Anlaß vorlesen kann (z.B.: 5, 6). Ebenso war ihm wichtig die Auswahl der Spielfilme, die die Eltern - natürlich - zusammen mit ihren Kindern ansehen. Aus diesen Gedanken heraus ergibt sich dann auch die konkretere Forderung, die von Gerold in diesem Zusammenhang außerdem noch gestellt wurde:
Dabei Beschränkung der Ansprüche, so daß ein Verdiener die Familie ernähren kann.
So heißt es in der Mitschrift. Diese Forderung ergibt sich daraus, daß es von der Natur her so vorgesehen ist und für Kinder eindeutig besser ist, im Elternhaus aufzuwachsen als die streßreiche Fremd- und "Kollektiv"-Erziehung in der Kinderkrippe, in Kindertagesstätten, sowie im nachmittäglichen Hort der Schule zu erfahren, die ja gelegentlich auch mit gutem Grund Orte genannt wurden, wo Kinder "geparkt" würden. Die Wissenschaft weiß zum Beispiel inzwischen noch deutlicher als noch 1993, daß Kinder in außerfamiliärer Betreuung einen Blutspiegel des Streßhormons Kortisol aufweisen, der dem eines schwer kranken Kindes entspricht. Die Folgen einer Jahre langen Fremdbetreuung sind deutlich reduzierte Fähigkeiten im Umgang insbesondere mit seelisch wesentlichem Belastungs- und Veränderungsstreß im Erwachsenenalter und damit im Umgang mit seelischer Reifung überhaupt. Diese seelische Schwäche wirkt sich aus in Richtung auf eine Mentalität der Anpassung an vorherrschende Gewohnheiten. Es fällt schwerer, einen eigenen Lebenstil auch dann zu leben, wenn die Umwelt einen ganz anderen Lebensstil pflegt.

Es handelt sich hierbei deshalb vermutlich um einen außerordentlich bedeutsamen Themenbereich, um so bedeutsamer, wenn man sich verdeutlicht, daß in der Evolution selbst alle größeren evolutiven Stufen im Wesentlichen eine Erweiterung der elterlichen Aufgaben mit sich brachten, weil zugleich die Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit der Nachkommenschaft größer wurde. (Siehe etwa den Übergang von Reptilien zu Säugetieren, von Nacktsamern zu Bedecktsamern, um nur die bekanntesten und anschaulichsten Evolutionstrends diesbezüglich im Tier- und Pflanzenreich zu benennen.) Der Evolution selbst also ist offensichtlich die Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit der Nachkommenschaft und die elterliche Pflege und der Schutz derselben etwas außerordentlich Zentrales gewesen bis heute.

Und dieser Umstand kann natürlich auch philosophisch gedeutet werden und wurde es auch schon.


2. Selbstteilnahme und bewußte Einbettung in unsere Kultur


Als nächste Aufgabe nannte Gerold „Selbstteilnahme und bewußte Einbettung in unsere Kultur“. Das bezog sich sowohl auf jeden Einzelmenschen für sich, als auch auf das Leben der Familie und natürlich in der überfamiliären Gemeinschaft der Menschen gleicher Kultur:
Inseln der deutschen Kultur schaffen,
sagte er hierzu. Das kann durch Teilnahme am Vereinsleben der eigenen örtlichen Gemeinde sein (Mitsingen etwa im Chor oder Teilnahme an anderen örtlichen kulturellen Veranstaltungen), das kann vieles andere auf dieser Linie mehr sein:
Das eigene Tun regt die Kinder zum Nachdenken an.
Man solle, wenn man könne, musizieren, man solle tanzen, man solle Jahresfeste und Familienfeiern gestalten:
Was die Schule verschüttet oder abtötet, selbständig erwerben,
hielt die Mitschrift fest. Hier geht es also im Wesentlichen darum, die überlieferte Kultur als Mensch, in der Familie und darüber hinaus auch zu leben und sie nicht als etwas Museales, Ungelebtes, Abseitiges links liegen zu lassen.

Natürlich könnte dazu dann auch etwa das Lesen der Dichter und Denker unserer Kultur gehören. Etwa damit ihre Worte nicht wahr würden, die da lauten "Wozu Dichter in dürftiger Zeit?" (Hölderlin) oder (Weinheber):
Lebt ein Leib ohne Herz? Und du, Volk, lebst ohne die Kunst?
Abb. 2: Gerold Adam, 1989
Ein halbes Jahr vor dieser Gesprächsrunde hatte Gerold die selbstverständliche Teilnahme der Menschen früherer Generationen an ihrer eigenen Kultur und ihre Einbettung in dieselbe einmal ausführlicher anhand des Kulturlebens der schlesischen Stadt Skotschau aufgezeigt (7). (Er hatte dazu einen Aufsatzentwurf des Autors dieser Zeilen deutlich erweitert und dann als eigenen veröffentlicht.) In dieser Stadt lebten Dichter, Maler, Historiker, Politiker oder sie wurden in dieser Stadt geboren. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben sei vor allem - neben der Schule und den Kirchen - durch die freiwillige Feuerwehr und die Gesangvereine getragen gewesen wie anschaulich geschildert wird. Gerold sprach dann von der hohen Begabungsdichte unter den schlesischen Deutschen und hielt schließlich fest (7):
Daß solche Begabungen sich herausbilden und entfalten können, beruht auf der Pflege des Gemeinschaftssinnes und des Kulturlebens, wie sie für die ostdeutschen Kleinstädte Skotschau, Bielitz, Teschen u. a. kennzeichnend war. (...) So kann die kleine Stadt Skotschau uns die Grundlagen aufzeigen, auf denen wahre Kulturleistungen erwachsen können und deren wesentliche Züge es zu erhalten gilt, wenn unsere Kultur weiterleben soll.
So zentrale Aussagen eines Aufsatzes von Gerold aus dem gleichen Jahr.


3. Einbindung in das Volksschicksal


Als dritte Aufgabe nannte Gerold im November 1993 laut Mitschrift „Bewußte Selbsteinbindung und -verpflichtung (hinsichtlich) der Übernahme des Volksschicksals“. Damit war ein weiterer, großer Themen- und Aufgabenbereich angesprochen. Die Mitschrift hielt fest, dies würde geschehen
durch Teilnahme an der Geschichte - im Guten wie im Tragischen.
An der Geschichte der eigenen Kultur, des eigenen Volkes kann man Anteil nehmen, in sie kann man sich hinein gestellt fühlen und aus dieser Geschichte heraus kann man handeln, wenn man sie kennen gelernt hat und insbesondere auch, wenn man eine gefühlsmäßige Verbindung zu ihr empfindet. Gerold sagte deshalb: "Tiefe und prägende Erlebnisse" seien diesbezüglich wichtig "im Hinblick auf die Weitergabe an die Kinder".

Tiefe und prägende Erlebnisse werden ermöglicht, so sei an dieser Stelle ergänzt, in vielfältigsten Bereichen. Natürlich durch Wandern in der Natur, in der heimatlichen Landschaft, durch Besichtigung gewachsener Kultur in Dörfern und Städten, durch das Aufsuchen von Kunstwerken. Auch dies wieder kann zum Beispiel durch das Vorlesen wertvoller, altersentsprechender Literatur ermöglicht werden oder durch das gemeinsame Ansehen in dieser Hinsicht wertvoller Spielfilme. Etwa die wertvolle Verfilmung von Biographien von bedeutenden Musikern, Künstlern, Erfindern oder Geschichtegestaltern.

Es wäre hier wichtig, so heißt es in der Mitschrift, das "Sammeln und Werten", damit ist gemeint: Das Sammeln und Werten desjenigen, was in dieser Hinsicht sinnvoller Weise an die Kinder und Jugendlichen herangetragen werden kann und was ihnen solche tiefen und prägenden Erlebnisse ermöglicht.

Daran anknüpfend sei wichtig das "Gestalten zur Unterrichtung anderer". Also etwa in Darstellungen ein Bild geben über kulturerhaltendes und -förderndes Gemeinschaftsleben (z.B.: 7).

Gerold sprach aber hier insbesondere auch das Bild an, das wir uns über unsere jüngere Geschichte machen, das unser Selbstverständnis als Kultur und Volk bestimmt, und aus dem heraus wir dann auch leben.

Bei all dem handele es sich, so die Mitschrift, um einen "ungeheuer wichtigen Kulturauftrag". Gerold meinte dies gerade auch in Hinblick auf die Aufarbeitung der Zeitgeschichte, der Geschichte der Ursachen, des Verlaufs und der Folgen des Ersten, ebenso wie des Zweiten Weltkrieges. Wer Gerold kannte, weiß, wie wichtig ihm diese Themen waren. In der Mitschrift ist diesbezüglich über die Gegenwart des Jahres 1993 festgehalten:
Günstige Zeit, da die Geschichtsfälschungen im Moment wie von selbst zerfallen, nur offensichtlich interessiert es niemanden.
Gerade über die vielen Geschichtsfälschungen, die damals wie von selbst zerfielen, sind in jener Zeit auf Anregung von Gerold hin in der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" viele Aufsätze erschienen, bzw. von ihm selbst verfaßt worden (z.B.: 8-10). Es war Gerold ein großes Anliegen, daß solche Überblicksaufsätze verfaßt, veröffentlicht und gründlich aufgenommen würden. Er setzte viel Herzblut daran.

4. Philosophische Sinngebung


Als vierte wichtige Aufgabe benannte er dann laut der Mitschrift, daß es Menschen geben müsse, die sich mit der „philosophischen Sinngebung“ unseres Lebens auseinandersetzten. Diese Aufgabe wäre, so sagte Gerold „sehr wichtig, aber auch schwierig“. In der Mitschrift ist festgehalten, wo hier Schwierigkeiten liegen könnten:
a) nicht jeder ist Philosoph oder hat Neigung zum Philosophieren, d. h. zur Annahme philosophischer Erkenntnisse
b) Wann ist eine philosophische Sinngebung lebendig und fruchtbar? Dogma ist tot. Dogma aufzunehmen, ist wie Leichen essen, man geht am Leichengift ein.
Abb. 3: Gerold Adam, 1994
Der Autor dieser Zeilen weiß aus eigener Erfahrung, wie Gerold immer wieder Anregung gegeben hat, sich mit Philosophie zu beschäftigen, entweder indem er selbst hierüber Vorträge hielt oder Aufsätze veröffentlichte oder auch einfach durch persönliches Zusprechen, Philosophie etwa an der Universität zu studieren und sich dabei nicht entmutigen zu lassen.

Als der Autor dieser Zeilen Gerold etwa davon berichtete, daß er während seines Philosophie-Nebenfach-Studiums in Mainz von Professor Rudolf Malter bei der Rückgabe einer mit "sehr gut" benoteten Proseminar-Arbeit über Kant das Bedauern ausgesprochen erhielt, daß gerade oft die Begabteren nur im Nebenfach Philosophie studieren würden, während sich unter den Hauptfach-Studenten so viele Unbegabtere fänden, schlug Gerold vor, Herrn Malter doch einmal zu fragen, welche beruflichen Perspektiven er denn nach der Absolvierung eines Hauptfach-Studiums Philosophie sähe. Dies nur als eines von vielen sehr konkreten Beispielen, die hier genannt werden könnten.

Als "Lösungsweg", um zahlreiche Schwierigkeiten bei der Beschäftigung mit Philosophie zu überwinden, nannte Gerold laut Mitschrift dann die folgenden drei Punkte:
  1. Fehler der Selbstüberhebung vermeiden
  2. das Vorhandene halten, soweit es vertrauenswürdig ist, eventuell erweitern. In anderen Lebensbereichen (Wissenschaft) muß das Vorhandene übernommen werden, aber nicht als Dogma
  3. möglichst viel Selbstprüfung (unter dem Vorbehalt der Bestätigung) 
Gerold spricht sich also für ein behutsames Vorgehen aus im Umgang mit der philosophischen Überlieferung unseres Kulturraumes. Im ersten Punkt sprach er zunächst einmal die gefährliche Eitelkeit an, die sich nicht selten bei jenen findet, die sich intensiver mit bestimmten philosophischen Fragen beschäftigen und dann - oft aus einer gewissen Unreife heraus - im Grunde ganz ungerechtfertigte Selbstsicherheit hinsichtlich der von ihnen vertretenen Überzeugungen aufzeigen. Diese Selbstüberhebung macht oft starr und läßt keine Weiterentwicklung mehr zu.

Im zweiten Punkt legt er interessanterweise nahe, mit der philosophischen Überlieferung in ähnlich behutsamer Weise umzugehen wie das auch in der Naturwissenschaft geschieht. Daß es also einerseits wenig Sinn macht, gleich "alles" zu bezweifeln. Daß es aber auch andererseits ebenso wenig Sinn macht, "alles" als ungeprüftes Dogma hinzunehmen.

Und im dritten Punkt nennt er das Hauptprinzip der Aufklärung und der Wissenschaft überhaupt, nämlich: so viel wie möglich selbst zu prüfen.

Aufgrund solcher Grundsätze jedenfalls könne, so Gerold laut Mitschrift, die "Übernahme von totem Geistesgut vermieden werden". Daß das vermieden würde, war Gerold sozusagen das Allerwesentlichste. Totes Geistesgut nämlich tötet die Seele. Und wenn nur noch philosophische Aussagen nachgeplappert werden, weil sie nicht mehr selbst gelebt sind oder weil der eigene persönliche Bezug zu ihnen verloren gegangen ist oder nie bestand, also die innere Anteilnahme, dann geht man an solchem unverdauten, toten Geistesgut seelisch zugrunde.

Gerold meint also, der philosophische Bewußtseinsstand, der einmal erreicht worden ist in der Kulturentwicklung, solle geprüft werden, solle gehalten werden, soweit er vertrauenswürdig ist und solle behutsam erweitert werden, soweit das möglich und notwendig geworden ist. Er vergleicht hier die Entwicklung der Philosophie mit der Entwicklung anderer Bereiche der Wissenschaft, in denen man auch das Vorhandene zwar natürlich zuerst aufnehmen müsse, es aber niemals als totes Dogma auffassen und übernehmen dürfe.
 
In diesem Zusammenhang besonders wies er laut Mitschrift auf die Arbeit der Zeitschrift „Die Deutsche Volkshochschule“ hin, in der man versuchen würde, dieser Aufgabe gerecht zu werden:
Zum Beispiel Versuch der „Deutschen Volkshochschule“, diesen Weg zu erleichtern durch Aufbereitung der philosophischen Aussagen und den Vergleich mit heutigen Fakten und modernen Erkenntnissen der Wissenschaft.
Gemeint ist hier insbesondere der Vergleich mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft, aber ebenso mit der Philosophie und ganz allgemein mit dem Erkenntnis- und Bewußtseinsstand in der Geisteswissenschaft.

5. Eigenes Schaffen


Und schließlich kommt Gerold - natürlich aus eigener Erfahrung heraus - zu dem Größten und Wertvollsten, was er als zu tun am wichtigsten erachtete, nämlich: das "eigene Schaffen". Laut Mitschrift sagte er:
Eigenes Schaffen höchste und vielleicht wichtigste Stufe.
Und das ist so schön an Gerold, daß er keinen wesentlichen Aspekt ausläßt, nein, daß er sogar die wesentlichsten Aspekte auch als die wesentlichsten Aspekte benennt.

Es ist das ein Gedanke, der einem auch beim eigenen Lesen des Buches "Das Gottlied der Völker" (11) kommen kann: Ein Kulturvolk, das über viele Jahrhunderte hinweg bedeutendes "eigenes Schaffen" aufwies, geht zu Grunde, wenn es in nachfolgenden Generationen nicht weiter lebendiges "Neuschaffen" auf möglichst vielen kulturellen Gebieten aufweist. Denn ein Kulturvolk, das einmal damit begonnen hat, Kulturwerke zu schaffen, dessen schon geschaffene Kultur ist eine stetige Aufforderung zum weiteren Schaffen (11). Und diese Aufforderung wirkt als Beschleunigung des kulturellen Niederganges, wenn Menschen ihr gar keine Aufmerksamkeit mehr zukommen lassen, wenn Menschen kein ihnen, den Kunstwerken angemessenes, würdiges Verhalten mehr an den Tag legen.

Hier also lag für Gerold das Allerwichtigste, das zu tun wäre. Und natürlich war Gerold auch hier bewußt, daß nicht jeder Mensch für eigenes Schaffen begabt wäre, schon gar nicht für jedes denkbare Schaffensgebiet.

Eine Kultur bleibt jedenfalls nur dann lebendig, wenn nicht nur das bisher schöpferisch Geschaffene und Gestaltete über Tradition und Kulturpflege weiter gegeben werde, sondern wenn auch immer wieder kulturell Neues schöpferisch geschaffen werde. Es müsse, so die Mitschrift, ein gesundes Gleichgewicht geben zwischen der Kulturbewahrung und -weitergabe auf der einen Seite, sowie der Kulturerneuerung und dem kulturellen Neuschaffen auf der anderen. Damit in Zusammenhang sagte er auch:
Wir sind nur dann gültig und überzeugend, wenn wir alles, unser Sein als Volk und Kultur und alle Erkenntnisse lebendig neu aus unserer Zeit heraus und in unserer Zeit stehend gestalten.
Auch das ist ein außerordentlich schöner Satz. In ihm ist insbesondere enthalten eine Ablehnung allgemeiner bloßer "Rückwärtsgewandtheit". Als Aufgabe leitete er daraus ab für junge Menschen, die in die verantwortlichen Positionen von Familie und Gesellschaft hinein wachsen laut Mitschrift:
Selbst aktiv werden und handeln, kreativ sein:
  • Komponieren
  • Malen, Zeichnen
  • Schreiben von Erzählungen und Märchen, Gedichten
  • klare Deutung der Geschichte: gute, kurze und vollständige Zusammenfassungen
  • deutsche Naturwissenschaft weiter führen
Und auch das ist ein echtes Gerold-Wort: "Deutsche Naturwissenschaft weiter führen". Genau das hat er ja selbst getan als Zellphysiologe und Alternsforscher, der seine eigenen naturwissenschaftlichen Fragen und Forschungen hinsichtlich der Gesetzmäßigkeiten der Artbildung in Bezug setzte zu den Grundaussagen der Philosophie von Mathilde Ludendorff, nämlich daß erst die Einführung des Alterstodes in der Evolution den Aufschwung in der Evolution der Lebewesen bis hin zum bewußten Leben ermöglichte. (Darüber einmal mehr an einem anderen Ort.) Gerold sagte im November 1993 außerdem noch:
Wer schreiben kann, muß schreiben, wer komponieren kann, muß komponieren ...
Der Grundtenor seiner Ausführungen war, daß es außerordentlich bedauerlich wäre, wenn vorliegende Begabungen für das eigene Schaffen nicht entfaltet würden und wenn sie über die Lebenszeit hinweg ungenutzt gelassen würden, unentfaltet blieben, verschüttet blieben oder würden. Er wußte um einige in seiner Zuhörerschaft, die für einiges begabt waren. Und seine Worte waren auch als Appell an sie gemeint und wurden als solche verstanden.

Dementsprechend hat der Autor dieser Zeilen auch sehr viel Erfahrung damit, wie viel Mühe Gerold aufgewandt hat, wenn er bezüglich solcher Dinge von einzelnen Menschen, die sich noch in der Entwicklung befanden, um Rat und Hilfe angegangen wurde. Wer ihn diesbezüglich fragte, konnte sich seiner Unterstützung sicher sein. Denn ein noch größeres Herzensanliegen als kulturell schöpferisches Neuschaffen zu fördern, das hatte Gerold nicht. Es entsprach dies seiner größten Sehnsucht.


Nachbemerkungen



Zu anderen Gelegenheiten hat Gerold geäußert, daß er seine ihm noch verbleibende Lebenszeit etwa zu gleichen Teilen aufteilen würde auf die folgenden drei Lebensbereiche: 1. seine Wissenschaft (also sein "eigenes Schaffen"), 2. seine Familie, 3. seine Arbeit für die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" und für die damit verbundenen Tagungen und Gruppenfreizeiten über das Jahr hinweg verteilt. Der Autor dieser Zeilen darf die persönliche Einschätzung anfügen, daß er in seinem Leben diesbezüglich keinen vorbildlicheren Menschen kennen gelernt hat als Gerold Adam. Daß er keinen Menschen kennen gelernt hat, bei dem Wort und Tat so restlos miteinander im Einklang gestanden haben.

Insgesamt ist zu sagen, daß diese Prioritätenliste von Gerold natürlich in dem Sinne vorgetragen worden ist, daß es sich hierbei um seine persönliche Prioritätenliste handele. Und natürlich sollte das Vortragen derselben ein Beispiel, eine Anregung zum eigenen Nachdenken sein. Ob und in welchem Umfang sich der einzelne dieselbe nun für das eigene Leben zueigen machte, war ihm natürlich selbst überlassen. Dazu ist er ja ein erwachsener Mensch. Die verantwortliche Selbstgestaltung des eigenen Lebens kann niemand abgenommen werden. Sie ist es auch allein, aus der die schöpferischen Kräfte zur Gestaltung des Menschenlebens erst geboren werden.**)

Vielleicht macht es abschließend noch Sinn zu sagen, daß Gerold sein Leben immer sehr stark unter dem Blickwinkel gesehen und bewertet hat, daß dieses unser Leben auf eine sehr begrenzte Dauer beschränkt ist, die - im Rückblick - "wie im Fluge" vergangen sein kann. Er teilte diesbezüglich die Einschätzung seines wissenschaftlichen Freundes und Förderers Max Delbrück (1906-1981) (Wiki), der einmal das Zitat von Samuel Beckett brachte:
They give birth astride of a grave, the light gleams an instant, then it's night once more.
(Zu Deutsch: Geboren über einem Grab, strahlt einen Augenblick das Licht - und dann ist schon wieder Nacht.)
Gerold selbst brachte dazu auch einmal bei anderer Gelegenheit in seinem letzten Lebensjahr die Worte des italienischen Dichters Salvatore Quasimodo:
Ognuno sta solo sul cuore della terra
trafitto da un raggio di sole:
ed é subito sera.
Gerold übersetzte sie auf Deutsch mit:
Hingestellt auf diese Erde
getroffen von einem Sonnenstrahl
- und schon ist es Abend.


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*) Werbespruch aus den 1980er Jahren für eine Schokoladensorte
**) Es wird vielleicht dem einen oder anderen Leser auffallen, daß in dieser Prioritätenliste eine Aufgabe, die genannt werden könnte "Erforschung des Wirkens geheimer Hintergrundmächte und Unterrichtung über dasselbe" keine Erwähnung findet. Das war Gerold. Wie kann dieser Umstand für heutige Leser erläutert werden? Nun, dazu gibt es mehreres zu sagen. Dieses Thema wird von vielen Menschen behandelt, denen die Erhaltung unserer Kultur wesentlich ist. Ja, man könnte sagen, daß dies heute fast das ausschließliche Thema ist, das Menschen interessiert, und mit dem sie sich beschäftigen. Dies war auch schon 1993 so. So war etwa damals der größte Teil der Ludendorff-Zeitschrift "Mensch & Maß" solchen politischen Themen gewidmet. Hier sah Gerold schon allein deshalb wenig Handlungsbedarf, weil sich dafür noch am ehesten Menschen interessierten und engagierten. Das gilt für die von ihm hier genannten Aufgaben keineswegs.

Natürlich mag die Nichterwähnung weiterhin dem Umstand geschuldet sein, daß das Jahr 1993 eine "Wahrheitsbewegung", eine "alternative Öffentlichkeit" wie sie sich in den letzten zehn Jahren - insbesondere durch das Internet - entwickelt haben, noch nicht gegeben hat. Aber auch schon 1993 galt jemand, der sich mit einem solchen Thema beschäftigte, als "Verschwörungstheoretiker". Und Gerold bedachte dieses Arbeitsgebiet durchaus mit interessierter Aufmerksamkeit. So war ihm schon damals nicht entgangen, daß die offizielle Version der Ermordung des amerikanischen Präsidenten J. F. Kennedy mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der Wahrheit entsprach. Ähnliches war ihm auch zum Mord an Alfred Herrhausen klar, da er das Buch "Das RAF-Syndrom" gelesen hatte und zu lesen weiter empfahl. All das erregte seinen Zorn ebenso wie etwa die Rede Richard von Weizsäckers zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes.

Der genannte Umstand heißt also keineswegs, daß ihm der politische Bereich völlig unwichtig gewesen wäre. Aber er betonte oft, daß aus diesem selbst keine Erneuerung käme. Deshalb führte er diesen Bereich auch mit großem Recht nicht unter diesen fünf wesentlichen Hauptaufgaben an. Um es kurz zu fassen, könnte man vielleicht sagen, daß er niemals gesagt hätte, daß die Arbeit der Kriminalpolizei - als so umfassend ihre Arbeit auch zu fordern wäre und zu ergänzen wäre - die wichtigste und wesentlichste Arbeit zur Erhaltung einer großen gewachsenen Kultur wäre.

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  1. Adam, Gerold: Wie stellt ein Land seine notwendige Geburtenrate sicher? Wie viele Kinder sollte eine Familie haben? (undatierte Vortragsmitschrift)
  2. Preisinger, Werner:  Die langen Jahre der Kindheit. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 64, November 1989, S. 1-15
  3. Preisinger, Werner: Die philosophische Deutung des langsamen Heranreifens. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 64, November 1989, S. 16-22
  4. Adam, Gerold: Freiheit und Bindung - Freiheit und Fremdbestimmung - Individualismus und Egoismus. Mitschrift, Vortrag auf der Herbsttagung der Deutschen Volkshochschule 1994
  5. Brachvogel, Albert Emil: Friedemann Bach. Roman. 1858
  6. Amenda, Alfred (d. i. Alfred Karrasch): Appassionata. Ein Lebensroman Beethovens. 1958
  7. Eilers, Gustav (d. i. G. Adam): Skotschau - Eine Stadt in Oberschlesien. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 84, März 1993, S. 9-18
  8. Eilers, Gustav (d. i. G. Adam): Die Schlacht um Stalingrad. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 88, November 1993, S. 7-10
  9. Rösner, Heinrich: Zum Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges im Jahre 1941. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 91, Mai 1994, S. 6-16
  10. Rösner, Heinrich: Die Invasion der Alliierten in der Normandie vor 50 Jahren. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 92, Juli 1994, S. 16-22  
  11. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kulturen. 1936