Dienstag, 23. Mai 2017

Erinnerung an eine Tote

Ein Teil unseres Lebens ist der Tod. Der Umgang mit ihm ist ein Teil unserer Kultur. Kulturlos ist es, ihn vergessen zu machen oder aus unserem Leben zu verdrängen. Angemessen ist es vielmehr, immer einmal wieder daran zu erinnern, wie Menschen ihrem Erleben beim Tod naher Angehöriger Ausdruck verleihen. Im folgenden soll die Ansprache eines Schwiegersohnes gebracht werden, die dieser im Mai 1996 für seine mit 85 Jahren gestorbene Schwiegermutter gehalten hat. Ihren ganz eigenen Charakter erhält diese Ansprache durch das zusätzliche Wissen darum, daß der Sprechende nur vier Monate nach dieser Totenfeier selbst ganz unerwartet verstorben ist. Ein Mensch charakterisiert sich auch durch die Art, wie er über einen anderen Menschen spricht, was er als wesentlich, was er als unwesentlich wahrnimmt. In diesem Sinne gibt er, wenn er über einen anderen Menschen spricht, auch ein Bild von sich selbst.

Traueranzeige:
Wir trauern um unsere liebe Mutter Ingeborg Sch., 22.10.1911 - 4.5.1996. Nach einem langen erfüllten Leben ist sie unerwartet von uns gegangen. Ihre große Sorge galt ihrer großen Familie und unserem Volk. 


Aus einer Totenfeier


Musik: Langsamer Satz, Es-Dur aus der g-moll Sonate für Flöte von Johann Sebastian Bach (Yt)
Einst

Und wenn ich selber längst gestorben bin,
Wird meine Erde wieder blühend stehen,
Und Saat und Sichel, Schnee und Sommerpracht
Und weißer Tag und blaue Mitternacht
Wird über die geliebte Scholle gehen.

Und werden Tage ganz wie heute sein:
Die Gärten voll vom Dufte der Syringen,
Und weiße Wolken, die im Blauen ziehn,
Und junge Felder seidnes Ährengrün,
Und drüberhin ein endlos Lärchensingen!

Und werden Kinder lachen vor dem Tor
Und an den Hecken grüne Zweige brechen,
Und werden Mädchen wandern Arm in Arm
Und durch den Sommerabend still und warm
Mit leisen Lippen von der Liebe sprechen!

Und wird wie heut' der junge Erdentag
Von keinem Gestern wissen mehr noch sagen,
Und wird wie heut' doch jeder Sommerwind
Aus tausend Tagen, die vergessen sind,
Geheime Süße auf den Flügeln tragen!

                                  Lulu von Strauß und Torney

Musik: Langsamer Satz, h-moll, aus der D-Dur-Sonate von Händel (Yt)



Ansprache


Unsere liebe Inge, unsere liebe Mutter ist nun auf ewig entschlummert.

Vor nur zwei Wochen kam Mutter nach der glatt und glücklich verlaufenen Hüftoperation weitgehend schmerzfrei zu uns zurück. Sie hoffte, nach einem baldigen weiteren Aufenthalt in der Wiederherstellungs-Klinik bald wieder mit Freund Artur in der schönen Hegaulandschaft wandern zu können.

Obwohl nach den anstrengenden Operationen öfters müde, wirkte Mutter durch die kurze Haartracht verjüngt. War es dies oder die Reife der Lebensbahn, Mutters Antlitz hatte irgendwie noch feinere und fraulichere Züge gewonnen. Sonst war sie so wie immer, las gern, erzählte viel und dies meistens mit dem halb überlegenen und halb verlegenen Lächeln, das nur ihr so eigen war.

- Ja, wie schnell, ja, eigentlich innerhalb von nur drei bis vier Tagen hat sich alles geändert ...

Obwohl wir ja alle wegen der anderen schweren Krankheit große Sorge um Mutter haben mußten, schien jede ernste Veränderung so fern ...

Ja - trotz alledem - wir müssen Mutters Tod nun tragen.

Es bleibt uns heute nur, all die schönen und auch ernsten Erlebnisse, die wir mit Mutter teilen konnten, uns zu bewahren. Das Kleine, Zufällige wird mehr und mehr absinken. Und das Wesentliche allen gemeinsamen Tuns und Erlebens, das können wir bewahren und für unser weiteres Leben fruchtbar machen.

Das ist es sicherlich, was Inge wünschen würde, für sich selbst nichts, aber alles für die hohen, bleibenden Werte!

In diesem Sinne wollen wir heute einen Rückblick auf ihre nun abgeschlossene Lebensbahn werfen. Nur weniges kann an dieser Stelle gesagt werden, aber vieles mehr wird sicherlich in diesen Tagen und später in den Gesprächen aufgeweckt werden.

Im Jahr 1911 wurde Inge als die Älteste von fünf Schwestern in Pleß in Ostoberschlesien geboren. Die Laufbahn führte in so viele Gegenden deutscher Sprache und Kultur, vom schönen Wien, wo sie die Kindheit im Elternhaus verlebte, über viele Haltepunkte im Lande Salzburg, in Hessen und schießlich hierher zum Bodensee.

Wie ja auch Helga schon sagte, Höhepunkte der Jugendzeit waren die Überlandfahrten mit dem Wandervogel, von denen eine auch zum schönen Bodensee geführt hatte. Diese Fahrten und der Geist der Gruppe war für das ganze Leben prägend; sie weckten eine lebenslange Liebe zur Landschaft, zur Natur und zu unserer gemeinsamen Kultur. Wie gern und ausführlich hat Mutter uns - sozusagen noch gestern - davon erzählt!

Mutter erhält eine Ausbildung als Krankenschwester und hat auch in diesem Beruf gearbeitet. Aber wie gern hätte sie mehr gelernt, ein Studium begonnen! Doch die wirtschaftlich karge Zeit und das entscheidende Wort des Vaters stand dem Studium entgegen.

Aber immer war Mutter geistig breit interessiert und las und lernte immer.

Nun kommt ein entscheidendes Ereignis. Inge lernt auf einer Bergwanderung einen Künstler und vor allem Maler kennen! Er ist zwar schon 19 Jahre älter und war schon einmal verheiratet. Aber von vornherein verbindet eine gemeinsame Weltanschauung, schon auf den ersten Blick an einem Abzeichen erkannt. Hinzu kommt die gemeinsame Liebe zur Natur, zu den Bergen und zur bildenden Kunst. Nun waren die Heiratsgesetze in Österreich zu jener Zeit konfessionell so einschränkend, daß ein aus einer früheren katholischen Ehe Geschiedener nicht mehr heiraten konnte. So können die beiden erst drei Jahre später die Ehe schließen, als durch den Anschluß Österreichs an das Reich im Jahre 1938 eine freiere Gesetzgebung dies erlaubte.

- Die beiden stellten ihr Leben unter eine neue und eigene Lebens- und Gottauffassung, fern von den herkömmlichen christlichen Religionen.

Nach der Eheschließung 1938 entstand in Tamsweg und dann in Zell am See im Land Salzburg schnell eine große Familie: innerhalb von etwas weniger als 10 Jahren wurden 7 Kinder geboren: 3 Mädchen und 4 Jungen.

Aber nur 12 Jahre des erfüllten Zusammenseins waren geschenkt: Wilhelm Sch. starb unerwartet im Jahre 1950, im Alter von 58 Jahren.

Wir Jüngeren bedauern alle es sehr, daß wir ihn nicht selbst näher kennen gelernt haben. Die Bilder, die er malte, sind ein Spiegel seines Wesens.

Und nun muß ich von der Haltung und Leistung Mutters berichten, die nur zu bewundern und mit Erschütterung zu erfahren ist.

Beim Tod des Vaters war der Jüngste drei und der Älteste zwölf Jahre alt.

Mutter ist es gelungen, allein und trotz sehr bedrängter wirtschaftlicher Lage die sieben Kinder zu gesunden, bescheidenen und tüchtigen Menschen heranzuziehen, die alle eine gute Berufsausbildung erhielten, und von denen zwei sogar ein Hochschulstudium durchlaufen konnten.

Was aber vor allem anrührt, ist, daß Mutter über Jahrzehnte hin immer nur die Gebende war. Immer in allen Lebenslagen mußte sie da sein, alle Fragen allein beantworten, alle Probleme allein meistern, ohne klärende Rücksprache. Immer nur gefordert - aber eigentlich nie selbst von anderen seelisch beschenkt, wie es eine Zweisamkeit ja tun kann.

So wurde Mutter zu dem nach außen etwas herben, aber immer selbstlosen, tatfreudigen Menschen, der aller Naturschönheit und allem Guten aufgeschlossen und von unbestechlicher Wahrheitsliebe geleitet war.

Mutters Tatkraft und Einsatzwille war mit der Betreuung und Erziehung der eigenen sieben Kinder noch nicht erfüllt - sie fühlte sich auch der größeren Lebensgemeinschaft, unserem Volk zutiefst verbunden und verpflichtet - nicht in Worten, nein, im Tun und Wirken!

So half sie tatkräftig bei der Errichtung, Ausstattung (z.B. mit selbstgenähten Vorhängen und Bildern von Vaters Hand) und Betreuung eines Jugendheims im Salzburger Bergland mit. Sie kochte auch für die dort und anderswo abgehaltenen Ferienlager für unsere Jugend.

Und auch später, nachdem die Kinder ihre eigenen, selbständigen Ausbildungs-, Berufs- und Familienwege gingen, war Mutter immer bereit, die Töchter oder Schwiegertöchter zu entlasten, die Kinder vorübergehend zu betreuen.

Aber nun konnte sich die ununterbrochene Verpflichtung endlich mehr und mehr auflockern. Über eine geraume Zeit hinweg, erst im Hessenlande bei ihren Töchtern und dann im Hegau konnte jetzt das eigene Lesen, Lernen und Erleben in den Vordergrund treten. Immer wieder gab es eine kleinere Reise zu Vorträgen und Tagungen. Eine beeindruckend reiche Büchersammlung erzählt von Mutters immerwährendem Wissensdrang.

In diese letzten Jahre fällt auch die gute Freundschaft mit Artur. Gleicher Lebensausblick, stiller und wohltuender Austausch von Gedanken und Herzenswärme waren noch einmal geschenkt!

- So hat sich die Lebensbahn Inge Sch.s in reichem Schaffen und Erleben vollendet. Von diesem ausgefüllten Leben zeugen hier viele Kinder, Enkel und sogar Urenkel.

Im Angesicht dieses erfüllten Lebens sollte die Naturgesetzlichkeit des Todes uns nicht mit Gram und Enttäuschung erfüllen. Viel angemessener ist doch eine tieferlebte heilige Trauer, die zwar eine nah verwandte liebe Seele unwiderruflich schwinden, aber doch die Möglichkeit sieht, sie in der Erinnerung und in gleichem Wollen und verwandten Tun in uns lebendig werden zu lassen.

So können wir das Andenken an unsere liebe Tote am ehesten dadurch in uns wachhalten, daß wir uns ihr Vorbild der Liebe zur Wahrheit, zur Schönheit und das der hieraus erwachsenen Tat- und Gestaltungskraft, Selbstlosigkeit und Anspruchslosigkeit zu eigen machen und diesem Vorbild auf unsere eigene Weise zu entsprechen versuchen, bis auch uns der Mantel der Natur im eigenen Vergehen einhüllt, und die nach uns Kommenden alles weiterführen und weitergeben werden.

*  *  *

Musik: Thema des langsamen Satzes aus Apassionata von Ludwig van Beethoven (Yt)

Samstag, 13. Mai 2017

Charlotte Berend-Corinth - Die große Liebende

Der Maler Lovis Corinth - Im Spiegel der Erinnerungen seiner Ehefrau

Mit Dank für die Bücherspende
von Seiten einer verstorbenen Leserin, 
durch die dieser Beitrag angeregt worden ist.


Der Zugang zu einem Maler wie Lovis Corinth (1858-1925) (Wiki) muß nicht jedem leicht fallen. Wer über seine Werke und über diese hinaus noch etwas über den Menschen und Künstler Lovis Corinth erfahren möchte, das diesen Zugang erleichtert, der kann sicher nicht so leicht ein besseres Buch in die Hand bekommen als jene Erinnerungen von Charlotte Berend-Corinth (1880-1967) (Wiki) an ihren Ehemann Lovis Corinth, das sie 1957 mit 77-Jahren niedergeschrieben hat (1).

Ihre Ausführungen über ihren Ehemann und über ihre Ehe mit diesem (1, 2) lesen sich fast noch eindrucksvoller als dessen eigene Autobiographie. Sie können einem den Menschen und Maler Lovis Corinth sehr nahe bringen, ja, tief ans Herz legen. Und das heißt, daß Charlotte Berend ihren Ehemann "kongenial" verstanden haben muß.

Ihr Fortleben nach seinem Tod galt bis zu ihrem eigenen Lebensende seinem Andenken und der Pflege seines Andenkens. Dies geht noch gut aus dem mit 77 Jahren geschriebenen Buch "Lovis" (1958) hervor.

Lovis Corinth hat in seinem Leben immer wiederkehrenden Phasen schwerer Depression gehabt. Diese können natürlich auch rein künstlerische, bzw. menschliche Ursachen gehabt haben. Da Lovis Corinth aber schon im Jahr 1890 Freimaurer geworden war, wird wohl auch schon einmal die Frage gestellt werden dürfen, welche Rolle die Freimaurermitgliedschaft für ihn und sein Leben gespielt hat. Kann ausgeschlossen werden, daß diese depressiven Phasen bedingt oder mitbedingt gewesen sind durch seine Mitgliedschaft in der Freimaurerei? Seine Ehefrau schreibt darüber nichts, deutet darüber auch nichts an. Wir wollen diese Frage dennoch einmal aufgeworfen haben.


Abb. 1: Lovis Corinth - Selbstportrait mit schwarzem Hut, Anfang Februar 1912
Erstes Gemälde nach seinem Schlaganfall vom 19. Dezember 1911

Charlotte Berend-Corinth schildert zunächst den nordamerikanischen Kurort, an dem sie sich aufhält zu jener Zeit, in der sie ihre Erinnerungen niederschreibt (1, S. 12):
... Welch ein hübsches Bild bietet sich mir von hier: Inmitten grüner Rasenflächen sind weiße Petunien gepflanzt, die, von der Sonne durchwärmt, ihren Duft mit der Würze der Tannen vermischen; dahinter ein kleiner See, von Weidenbäumen umstanden, und ein Säulentempelchen mitten darin, das gleich den Bäumen umgekehrt noch ein zweites Mal als zittriges Spiegelbild auf der von zwei buntfiedrigen chinesischen Enten leicht gekräuselten Wasserfläche erscheint.

Ich genieße die freundliche Idylle - doch es bedarf nur eines Wimpernschlags, und sie ist weggewischt, und ich sehe mich, eine Einundzwanzigjährige, in Berlin-Halensee, Ringbahnstraße 24, in meinem Zimmer vor dem Spiegel den kleinen schwarzen Strohhut aufsetzen und die schwarzseidene Bluse glattstreichen ...
... und sie berichtet von dem Tag, an dem sie sich mit ihren Zeichnungen bei dem Maler Lovis Corinth vorstellte, um ihn zu fragen, ob er sie als Schülerin annehmen würde. Und sie berichtet (1, S. 15):
Corinth bertrachtet die erste Seite so ernst und so intensiv, als handelte es sich um eine Zeichnung von Dürers Hand.
Wie versteht sie es, fast jedes Werk von Lovis Corinth, das sie überhaupt nur erwähnt, dem Leser ans Herz zu legen. Erwähnt sie nur in einem Nebensatz eines seiner Werke, möchte man sogleich aufspringen und es zur Hand nehmen, um es selbst zu sehen. Dieser ganze Beitrag ist verfaßt worden, weil wir ständig angeregt worden waren beim Lesen, uns die Werke von Lovis Corinth genauer anzusehen. Gleich auf der ersten Seite hatte sie geschrieben (1, S. 7):
Indes, das Herz zählt die Jahre nicht. Lovis Corinths Gestalt und meine Liebe zu ihm sind in mir nicht verblaßt. Ich werde ihn lieben, so lange ich lebe. Der Schmerz um seinen Verlust durchdrang meine ganze Existenz, verschmolz mit ihr und gab ihr die Richtung. Dies ist die einfache Wahrheit: Mit jedem Pulsschlag denke ich an ihn, der die Mitte meines Daseins war.
In ihrem ersten Buch über ihren Mann, veröffentlicht im Jahr 1948, habe sie versucht (1, S. 8),
das gemeinsame irdische Leben zurück zu beschwören. Oftmals habe ich Lovis unsichtbar in meiner Nähe gespürt. Heute, als alte Frau, bewegt mich neben diesem Menschlichen besonders, und mehr als damals, der Gedanke an sein schöpferisches Gestalten. Unausgesetzt beschäftigt mich Lovis Corinths Lebenswerk.
Wie versteht es Charlotte Berend-Corinth, in ihren Büchern der Nachwelt sowohl die künstlerische wie die menschliche Bedeutung ihres Ehemannes Lovis Corinth aufzuzeigen, ja, ans Herz zu legen. Man steht unmittelbar in ihrem Leben, unmittelbar in ihren Erinnerungen, wenn man ihre Bücher liest. 

"Dies ist die einfache Wahrheit: Mit jedem Pulsschlag denke ich an ihn"


Ihr Buch "Lovis" von 1958 ist selbst ein Kunstwerk. Man könnte der Meinung sein, daß es unter die großen Werke der Weltliteratur einzuordnen ist. Sie hat es mit 77 Jahren verfaßt. Und aus ihm geht hervor: Ihr Leben war auch noch 30 Jahre nach dem Tod von Lovis Corinth eben dieser Lovis Corinth. Und die Erinnerung an ihn. Berend-Corinth ist sich selbst bewußt, wie wenig ihre eigene Haltung und die ihres Mannes in ihr eigenes Jahrhundert paßte. So schreibt sie über ihn (1, S. 138):
"So liebte keiner wie Du" - dies Gedicht des jungen Hölderlin kommt mir in den Sinn -, "die Erd und den Ozean und die Riesengeister, die Helden der Erde umfaßte Dein Herz. Und die Himmel und alle die Himmlischen umfaßte Dein Herz. Auch die Blumen, die Bien auf der Blume umfaßte liebend Dein Herz!" Daß dies in unserem Jahrhundert tatsächlich möglich gewesen sein soll, scheint manch einem schwer begreiflich zu sein,
so schreibt sie und weiter:
"Und das ist nun derselbe Mann", höre ich bisweilen sagen, "der die sich auf den Betten herumwälzenden, sich auf dem Sofa in provozierender Nacktheit darbietenden buhlerischen Frauenkörper gemalt hat - Weiber, die, ob sie nun liegen oder stehen, sich beugen oder am Boden kauern, die Grundnatur der Anima personifizieren, wie nur ein sinnenstrotzender Kerl von einem Mannsbild sie erschaut haben kann. Wie ist das nur zu vereinbaren mit seinen Kinderbildern und den religiösen Darstellungen, die Zeugnisse des profunden Ernstes dieses selben Mannes und Künstlers sind?"
Ihre Erläuterung dazu, ihre Antwort auf diese Frage kann hier nicht vollständig wiedergegeben werden.


Abb. 2: Lovis Corinth und Charlotte Berend, 1902

In ihrem Buch "Lovis" schreibt sie dann über das für Lovis Corinth schicksalsträchtige Jahr 1911 (1, S. 142):
So gingen die Jahre eines arbeitsamen, an Erfolgen reichen und von Frohsinn erfüllten Lebens dahin. Im Jahre 1911 überbot Corinth sich selbst in seiner Produktivität.
Sie zählt die viele Gemälde einzeln auf, die er allein in diesem einen Jahr geschaffen hat. Und sie schreibt weiter (1, S. 143):
Einundsechzig Ölgemälde und ungezählte Zeichnungen, Lithos und Radierungen - zum Teil Illustrationen - brachte er mit gigantischer Schöpferkraft im Lauf dieses einen Jahres hervor. Er hatte das kolossale Gemälde "Das Paradies" begonnen, als er zusammenbrach. In der Nacht des 19. Dezember erlitt Corinth einen Schlaganfall.

Diesen Mann, dem der Körper wie eines Herkules verliehen war, gefällt zu sehen gleich einer Eiche, die der Orkan zerrissen hat - dies mit anzusehen und zu ertragen, erforderte übermenschliche Kraft. Es ist mein fester Glaube, daß Gott sie mir zufließen ließ, damit ich dem so innig Geliebten eine Pflege angedeihen lassen konnte, wie sie von keiner Krankenschwester zu fordern oder zu erwarten war.

Corinth unterwarf sich der schweren Prüfung wahrhaftig wie ein frommer Gottesknecht. Kaum gehorchten ihm seine Hände, als er bereits "Hiob" zeichnete.
Hier die Zeichnung "Hiob und seine Freunde" von 1912.
Mich porträtierte er - während ich, ihn anblickend, am Fußende seines Bettes stand - mit dem Zeichenstift auf einem Blatt, das mir das schönste  von allen erscheint, die er mir gewidmet hat. Da ist nun nichts mehr von der zu übermütigen Scherzen aufgelegten bisherigen Jugendlichkeit. Ein unbeugsamer Wille, ihn um den Preis des eigenen Opfers zu retten, drückt sich in meinen Zügen aus.(...)

Als er endlich aufstehen konnte, sah ich einen Lovis Corinth, wie ich ihn bisher nicht gekannt hatte, vor mir. Hohlwangig, mit weit aufgerissenen Augen, brütete er in seinem Sessel vor sich hin. Als er mit Einwilligung der Ärzte zum ersten Male wieder das Atelier betrat, war bereits der Februar des Jahres 1912 angebrochen. Von mir gestützt, hastete er die Treppe hinauf. Er stürmte auf den großen Spiegel zu und blickte lange, sehr lange hinein. Dann griff er sich den Pinsel und die Palette und malte in fiebernder Eile, während sein von Trauer und Leid umschatteter Blick immer wieder zum Spiegel hinüberglitt, das "Selbstbildnis mit schwarzem Hut". Erschüttert und von schrecklicher Angst um ihn gepeinigt sah ich ihm zu. Meine Empfindungen rissen mich hin und her - doch ich wagte es nicht, mich in diesen Akt schöpferischer Selbstbestätigung einzumischen.
Was für ein tiefes Verständnis entwickelt man für die Gemälde von Lovis Corinth, wenn man sie aus dem Blickwinkel der ihm Nächsten sieht, aus dem Blickwinkel von Charlotte Berend-Corinth. Womöglich erst aus dieser seiner Gebrochenheit der Jahreswende 1911/12 versteht man voll und ganz die selbstbewußten, kraftstrotzenden Gemälde in den Jahren zuvor einerseits - und die zum Teil so ganz anders gearteten Gemälde in der Zeit danach.

Es gibt auch aufregende Filmaufnahmen von drei Minuten, in denen man Lovis Corinth selbst malen sieht in der Zeit nach seinem Schlaganfall (Yt).


Auch diese Aufnahme erhält erst durch die dazu gebrachte Erläuterung von Charlotte Berend, durch ihre Gefühle und Eindrücke beim Betrachten dieser  Aufnahme ihren vollen Wert. Charlotte Berend ist, so wird einem auch dabei deutlich, ein Kulturübermittler von besonderer Bedeutung. Sie konnte der Nachwelt die Bedeutung ihres Mannes ans Herz legen wie wohl kaum ein zweiter Mensch dies getan hat oder überhaupt hätte tun können. (Hier - Yt - noch Erinnerungen der Ehefrau des Filmemachers dieser Aufnahme.)

Vergleich mit Mathilde Ludendorff


In ihren Lebenserinnerungen und andernorts hat Mathilde Ludendorff ihre Ehe mit Erich Ludendorff als eine außergewöhnliche dargestellt. Ebenso auch seinen Tod und ihr eigenes, Jahrzehnte langes "Überleben" seines Todes. Man kann nun als Nachlebender leicht zu der Beurteilung kommen, daß ihre Beschreibung ihrer Ehe eine sehr stark "übersteigerte" Beurteilung gewesen ist. Läßt man die Art wie Charlotte Berendt ihre Ehe schildert und wie sie den Künstler Corinth herauszustellen weiß, auf sich wirken, muß einem auch die Verehrung Mathilde Ludendorffs für ihren Ehemann nicht mehr als gar zu "ungewöhnlich" erscheinen.

Und sieht man sich in der Geistes- und Kulturgeschichte um, trifft man doch immer einmal wieder auf "große Liebende", die ihre eigene Liebe ähnlich groß eingeschätzt haben. Und die nach dem Tod des oder der Geliebten ihr weiteres Leben vor allem im Gedenken an sie, bzw. ihn fortsetzten.

Zu diesen kann man sicherlich Friedrich Hölderlin zählen vor und nach dem Tod von Susette Gontard. Man kann zu ihnen zählen die (erst lange nach seinem Tod bekannt gewordenen) drei deutschen Frauen von Charles Lindbergh, ebenfalls vor und nach dem Tod dieses außergewöhnlichen Menschen (siehe Beiträge dazu auf Parallelblogs). Man kann zu ihnen zählen Jane Goodall vor und nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes. Und man kann zu ihnen sicherlich auch Charlotte Berend-Corinth zählen. Beim Lesen ihres Buches ist man versucht, das Selbstverständnis ihres eigenen Fortlebens nach dem Tod von Lovis Corinth in Beziehung zu setzen zu dem Selbstverständnis des Fortlebens von Mathilde Ludendorff nach dem Tod ihres Ehemannes. Jedenfalls macht das Buch von Berendt-Corinth deutlich, daß wesentliche Aspekte davon keineswegs "einzigartig" waren, sondern eben Aspekte sind von Ehen oder Liebesbeziehungen oder auch nur tiefen Freundschaften, die von den Beteiligten als außergewöhnlich empfunden worden sind. 

Erstveröffentlichung.
Verfaßt: 23.11.2013

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  1. Berend-Corinth, Charlotte: Lovis. Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin 1959 (Verfaßt 1957, Ersterscheinen bei Langen Müller 1958) (Google Bücher)
  2. Berend-Corinth, Charlotte:  Mein Leben mit Lovis Corinth. Hamburg 1948 (verfaßt bis 1937, Ersterscheinen 1948)
  3. Bading, Ingo: Die lärmenden Freier im Hause des Odysseus. Auf: Gesellschaftl. Aufbr. - jetzt!, 10. Januar 2012 
  4. Uhr, Horst. Lovis Corinth. Berkeley: University of California Press, c1990 1990. http://ark.cdlib.org/ark:/13030/ft1t1nb1gf/ (Ebook; auf einer Seite)
  5. Corinth, Lovis: Die Königin Golkonde. 1920/21 (Netzseite
  6. Zeno.
  7. Artvalue. Artvalue 2
  8. Ketterer.
  9. Trieb. Folge von 6 Blatt Lithographien auf Pergament, alle vom Künstler überarbeitet und voll signiert. Um 1920

Günstige Einflüsse ....

.... Um ein guter Mensch zu werden

Um in heutigen Zeiten ein guter Mensch zu werden, bedarf es einer ganzen Batterie von guten Einflüssen. Ein guter Einfluß einmal hier oder einmal dort reicht nicht, reicht lange nicht. Es muß von guten Einflüssen nur so hageln.

Es müssen gute Einflüsse sein aus der Kunst, es müssen gute Einflüsse sein aus der Philosophie, es müssen gute Einflüsse sein aus der Wissenschaft. Aber sie alle reichen nicht hin. Sie alle reichen noch lange nicht hin. Es müssen auch gute Einflüsse sein aus der Zeitgeschichts-Forschung. Aber auch das reicht nicht hin. Es muß natürlich Frühling sein, die herrliche Natur muß sich vor einem entblättern. Man darf den Fluch der Städte nicht um sich spüren, nie, niemals. Man muß der Kindheit ihren Raum lassen, der Kindheit der Menschheit, der Kindheit im eigenen, individuellen Leben, im Leben der eigenen Kinder. Man muß Seen um sich herum haben, Flüsse, Weiden, Bäume aller Art, Vogelgesang aller Art. Es bedarf so vieler guter Einflüsse. Man bedarf des blauen Himmels, dräuender Wolken, der Regengüsse. Und auch das alles reicht noch nicht hin.




Es bedarf der Erinnerung. Der Erinnerung an so und so viele holde, große, erhebende und erhabene Gedanken und Erlebnisse im eigenen Leben und in dem Leben der Großen unserer Kultur, unseres Volkes. Es ist der Bedarf vorhanden, davon über und über zu sammeln und anzuhäufen. Keine Faser Leben darf davon nicht durchtränkt sein.

Und wenn all das da ist - und noch so vieles mehr - und man bedürfte der Liebe nicht, der herrlichen, wessen würde man dann überhaupt bedürfen? Es mag alles da sein - ohne Liebe bleibt alles schal und schmal und trocken und leer - ein Kehrrichthaufen. Ein Kothaufen. Straßenköter, die es hingekackt haben.

Es ist das ein Unverstand unter heutigen Menschen, selbst noch unter den wohlgesinnteren. Daß ihnen nicht - oder selten - klar ist, welcher Fülle guter Einflüsse es bedarf, um echt, gottnah, lebendig zu sein. Das machen sich die wenigsten klar, die Seltensten.

Es bedarf nicht nur dieses Einflusses, jenes Einflusses. Nein, die ganze Kaskade, die ganze Batterie der Kultur muss man auf sich einprasseln lassen, man muss sie aushalten, um auch nur einigermaßen anständig zu werden.

Auch möchten sie nicht - oder selten - den Königsweg der Leiden gehen, nein, nein, den möchten sie nicht gehen. Sie glauben, sie wären dazu da, nur - oder doch zumindest vornehmlich - Glück zu erleben. Haben sie niemals König Lear gesehen, von Shakespeare? Oh, die Verfluchten, die keine Ahnung haben davon, was ein Mensch alles fähig ist auszuhalten. Und was das Schicksal alles fähig ist, Menschen anzutun. Oh, über die Verfluchten.

Der Asket, der Leidende, derjenige, der entbehrt um eines höheren Gutes willen - er darf ihnen nicht zu nahe kommen. Sie fühlen sich nicht wohl in seiner Nähe. Er will mehr als man verlangt, gegenwärtig, in heutigen Zeiten. Oh, das kann er nicht. Nein, nein: Wie kann er nur!

Dieses verfluchte Gesindel! Diese verfluchten Gestalten!

Sollte er die Anforderungen, die er an sich selbst stellt, an sie, seine Mitwelt stellen, oh, so wird er etwas erleben. Oh, oh! So reagiert sie gereizt, so wird sie "empfindlich". Sie stellt die Behauptung auf, man verstünde sie nicht, diese doch so ganz und gar gotterfüllte, gottnahe Mitwelt. Es würde nur nicht ordentlich hingeschaut, es würde nicht wahrgenommen, was sie in ihrer Armut alles zu Markte tragen würde, sie, diese so herrliche Mitwelt.

Ach so, man sieht es nicht? Man nimmt es nicht wahr? Man ist mit Blindheit geschlagen? Oh, über diese Elendigen. Sie wissen nicht, warum man vor ihnen weg laufen muß. Sie haben noch nicht einmal die leiseste Ahnung davon.

Der guten Einflüsse kann man sich nur unterwerfen, sie wirken sich gar nur als gute Einflüsse überhaupt erst aus, auch dann erst, wenn sie hagelweise kommen, wenn Bereitschaft da ist, Aufnahmebereitschaft. Die Seele muß ein Wollen zu ihnen verspüren, die Seele muß ein Wollen wachsen lassen. Es muß sie überfallen wie eine tiefe, lang entbehrte Sehnsucht. Sie muß sich bitter kränken, reiben an so viel Schalheit, Leerheit im Leben, im eigenen, im Leben der anderen und an den bitteren, betrunkenen, kranken, schalen Einflüssen, den schlechten, die von dem Leben der anderen, von ihrer Leerheit ausgeht, von dieser "Sanftheit des Fleisches", das sich nie, nichts und niemals etwas zuleide tun möchte, das das Göttliche nicht verspürt.

Oder, noch schlimmer: das das Göttliche in all dem okkulten, esoterischen Quark sucht, von dem das Angebot - so ungeheuer bezeichnenderweise - in heutigen Zeiten so unglaublich vielseitig und vielfältig ist. Oh, es wird das schon nötig sein, dieses Angebot, so nötig. Die Menschen könnten sich sonst "allein" gelassen fühlen, einsam, nackt, unbekleidet. Aber so ein bisschen Esoterik, so ein bisschen Gedanken-Schnuck hier und Gedanken-Schnuck dort, läßt sie sich warm angezogen fühlen. Und mehr bedürfen sie doch nicht, mehr ist doch nicht der Begehr dieser Armen, Nackten, Kranken.

Sie wollen doch nur eines nicht: frieren.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Zur Evolution des menschlichen Verantwortungsbewußtseins

Eine Mitschrift von Vorträgen Gerold Adams aus dem Jahr 1993

In einem früheren Beitrag (1) wurde kurz erwähnt, daß in der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" ab Januar 1994 eine neue Aufsatzreihe begonnen wurde mit dem Titel „Die stammesgeschichtliche Entstehung des Menschen aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie“. Diese Aufsatzreihe wurde eingeleitet mit dem Aufsatz "Der wesentliche Schritt vom Tier zum Menschen - Eine philosophische Psychologie" (2). In diesem Aufsatz heißt es einleitend:
Eine Aufklärung der Vorgänge der evolutionären Entstehung der Menschenseele sollte es uns erlauben, das besondere menschliche bewußte Erleben besser zu verstehen und von daher zu einer vertieften Selbsterkenntnis und über diese zu einer sinnvolleren Lebensgestaltung zu gelangen. Insbesondere könnte eine solche zutreffende Selbsterkenntnis und gültige Lebensauffassung auch die dringenden Fragen nach dem Sinn der Sonderung der Menschen in unterscheidbare Gruppen, wie Stämme und Völker und zugleich nach den Lebensrechten dieser Gruppierungen beantworten. (...)
Wir wollen wie in den beiden bisherigen (...) Aufsatzreihen über die Evolution wiederum die naturwissenschaftlichen Aussagen zur Entstehung des Menschen denen der Philosophie von Mathilde Ludendorff gegenüber stellen. Die naturwissenschaftlichen Befunde zu unserer Fragestellung werden hier aus den Fachgebieten der Verhaltensforschung, der Soziobiologie, der molekularen Stammbaumanalyse, sowie der Vorgeschichtsforschung herstammen.
Es kann an dieser Stelle nicht der gesamte Aufsatz zitiert werden. Er hatte eine einleitende Funktion und sollte auf das Thema der gesamten Aufsatzreihe hinleiten. Es soll aber hier noch auf Ausführungen an seinem Ende hingewiesen werden. Hier wird nämlich gefragt, welche Gegenkräfte es in der Menschenseele gibt gegen den "unweisen Selbsterhaltungswillen", der den Menschen oft im Widerspruch zum Göttlichen handeln lässt:
Wenn es also der Sinn des Menschenlebens ist, sich in freier Entscheidung dem Göttlichen zuzuwenden und sich ihm zu erschließen, muss der Mensch die Möglichkeit haben, es irgendwie zu erfahren, zu spüren.
Wie ist es dann aber möglich, vom Göttlichen zu erfahren und trotzdem die Freiheit des Entscheides für oder wider zu behalten? Dieser wichtigen und schwierigen Frage wollen wir uns nun zuwenden. 
In der Stammesentwicklung wurde schon in den höheren Tieren das Verhalten der Brutfürsorge angelegt. Aus dieser Wurzel erwacht im Menschen das bewußte Erleben der Elternliebe, insbesondere der Mutterliebe. Dieses drängt das selbstsüchtige Streben nach Lusthäufung und Unlustvermeidung durch den unvollkommenen Selbsterhaltungswillen zugunsten der häufig schmerzhaften und aufopferungsvollen selbstlosen Hingabe an das Wohl des Kindes zurück und schwächt damit die Wahrscheinlichkeit, daß das Ich dem unweisen Selbsterhaltungswillen die Zügel des Handelns überläßt. Im bewußten Erleben der Elternliebe wird diese gegenüber der tierlichen Brutpflege vergeistigt und kann zum seelischen Aufstieg des Ichs und zur Erfüllung des Lebenssinnes führen.
Ein weiteres sehr starkes Band zur Erfüllung des göttlichen Sinns des Menschenlebens wird von der Philosophie mit dem Begriff Gottesstolz umrissen, der eigentlich genauer mit dem Begriff Gottverantwortung, d. h. dem Erleben der Würde und Verantwortung des Menschen zur Erfüllung seines göttlichen Lebenssinnes beschrieben werden kann (3, S. 36):
"Der Mensch erlebt in seiner Seele die Ahnung seines hohen Menschenamtes. Es ist dies ein Erleben der Würde, gepaart mit Verantwortung und der Forderung innerseelische Freiheit als der notwendigen Voraussetzung würdigen Lebens. Ich habe dieses Erleben Gottesstolz genannt."
In einem späteren Beitrag soll dieser oft mißverstandene Begriff Gottesstolz, oder besser Gottverantwortung, näher erläutert werden. Dabei soll gezeigt werden, daß dieses Erleben ebenfalls eine starke stammesgeschichtlich entstandene Wurzel hat, die im bewußten Erleben des Menschen vergeistigt vorliegt und zum seelischen Aufstieg führen kann.
Es wird dann noch der Wille zur Schönheit, zur Wahrheit und zum Guten in der Menschenseele behandelt. Darauf soll jetzt nicht weiter eingegangen werden. Der im gebrachten Zitat angekündigte "spätere Beitrag" ist nie erschienen. Gerold Adam (1933-1996), ein Konstanzer Biologe und der Verfasser dieser Zeilen, ist schon drei Jahre später, im Herbst 1996 mit 63 Jahren gestorben. 

Eine Vortragsmitschrift aus dem Jahr 1993


Doch gibt es die stichwortartige Mitschrift eines Vortrages, den Gerold damals nur vier Monate zuvor, also im September 1993, über genau diese Thematik gehalten hatte. Diese Mitschrift soll im vorliegenden Beitrag dokumentiert werden. Mit dieser Mitschrift besteht die Möglichkeit, wenigstens in groben Umrissen zu verstehen, was dieser Aufsatz hätte enthalten können, zumindest von seiner naturwissenschaftlichen Seite her.

Wie kam die Mitschrift zustande? Die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" hielt damals alljährlich einwöchige Herbsttagungen im Salzburger Land ab. In einem kurzen Bericht über diejenige Tagung des Jahres 1993 heißt es (DVHS, Folge 87, Sept. 1993, 3. Umschlagseite):
Seit 1988 findet nun jährlich einmal unsere Herbsttagung im schönen Salzburgerland statt. Veranstaltungsvorträge, kleine Wanderungen, gemeinsames Singen, Musizieren und Gespräche machen diese kurze Zeit zu einem gehaltvollen, schönen Erlebnis. Im Mittelpunkt der Tagung stand das Thema „Das Werden der Menschenseele“. In insgesamt 10 Vorträgen wurden die modernen Ergebnisse der Verhaltensphysiologie und der Soziobiologie dargestellt und weiterhin herausgearbeitet, ob und inwieweit sich hier Übereinstimmungen mit den Erkenntnissen der Philosophie von M. Ludendorff ergeben. Für die Teilnehmer war es eine faszinierende Erfahrung, anhand von detaillierten Beispielen zu sehen, daß sich die naturwissenschaftlichen und die philosophischen Erkenntnisse zu einer Gesamtaussage ergänzen und in einem Übergangsbereich miteinander übereinstimmen.
Auf dieser Tagung war also offensichtlich ein erster mündlich vorgetragener Einstieg in jene Thematik gegeben worden, der dann ab Januar 1994 die genannte neue Aufsatzreihe gewidmet wurde. In dieser Aufsatzreihe kam es zu Lebzeiten von Gerold Adam (also bis 1996) zur Veröffentlichung von insgesamt fünf Aufsätzen, außerdem zählte er noch einen vorausgegangenen Aufsatz hinzu, also: sechs. Diese sechs Aufsätze können als sehr inhaltsreich bezeichnet werden, schon allein ablesbar an der reichhaltig ausgewerteten aktuellen Forschungsliteratur bis zum Jahr 1994.

Es dürfte manche Anhaltspunkte dafür geben, daß sie eine bleibende Geltung in der Geschichte der Philosophie der Biologie des ausgehenden 20. Jahrhunderts behalten werden. In diesen sechs Aufsätzen kam nun zwar vieles zur Veröffentlichung, worüber Gerold Adam mündlich nicht vorgetragen hat. Es kam andererseits aber zu seinen Lebzeiten noch längst nicht alles das zur Veröffentlichung, worüber er zu unterschiedlichen Gelegenheiten mündlich vorgetragen hatte.

Aus jener Vortragsmitschrift, um die es im vorliegenden Beitrag geht, und die am Ende dieses Beitrages dokumentiert werden soll, kann recht gut rekonstruiert werden, über was Gerold Adam auf der genannten Tagung in zentralen Teilen vorgetragen hat. Diese Mitschrift hat über weite Strecken so gut das Wesentliche festgehalten, daß jemand, der Gerold Adam und sein Denken recht gut kannte, aus ihr sofort alles nachvollziehen konnte, was in diesem Vortrag an Neuem gegeben worden war und zum Ausdruck gekommen war. Schon diese Mitschrift konnte solche Leser, die den Vortrag selbst nicht gehört hatten, ähnlich ins Herz treffen, als wären sie selbst bei dem Vortrag anwesend gewesen.

Im folgenden soll versucht werden, den wesentlichsten Teil dieser Mitschrift - nämlich ihren Anfangsteil - in einen für jeden Leser nachvollziehbaren Fließtext umzusetzen. Der weitgehend unkommentierte Originaltext der Mitschrift wird dann am Schluß gebracht und soll dort für sich stehen und sprechen. Aber die stichwortartige Mitschrift kann natürlich zunächst jemandem, der entweder die Philosophie von Mathilde Ludendorff nicht gut kennt oder sich mit den grundlegenden Konzepten der modernen Soziobiologie und Evolutionären Anthropologie noch nicht bekannt gemacht hat, nicht leicht in ihrem Sinn erschließen. Und so kann auch diese Mitschrift nur eine Anregung sein, sich die genannten Themenbereiche anderweitig zu erschließen.

Die Evolution der menschlichen Seelenfähigkeiten


Für die mündliche Vortragsreihe auf der Tagung wurde in der Mitschrift keine Überschrift festgehalten. Sie könnte benannt gewesen sein „Die Evolution des menschlichen Verantwortungsbewußtseins“ oder "der Gruppenverantwortung". Zwar wird in den Vorträgen auch wieder die Elternliebe erwähnt. Und der mit ihr verbundene Altruismus wird natürlich auch quasi ständig mit behandelt. Aber die Überschneidungen zwischen philosophischer und naturwissenschaftlicher Aussage, bzw. gegenseitige Ergänzungen und Erläuterungen sind ja hinsichtlich der Brutfürsorge und Elternliebe bei Menschen, Tieren (- und übrigens auch Pflanzen!) vergleichsweise leichter zueinander in Bezug zu setzen. Das wird einer der Gründe sein, weshalb Gerold auf den elterlichen Altruismus in seinem Vortrag nicht den Schwerpunkt seiner Ausführungen gelegt hat. Übrigens gibt es in der Evolution ja weite Übergangsbereiche was die Evolution von der Brutfürsorge hin zur Gruppenverantwortung betrifft. Jedenfalls kreisten seine Ausführungen rund um jenen Altruismus, der eben von Gerold auch „Gruppenverantwortung“ benannt worden ist.

Gerold erinnert in seinem Vortrag zunächst an die Aussage der Philosophie von Mathilde Ludendorff, daß das Göttliche in der Menschenseele Eingang fände über die „göttlichen Wünsche“. Es sind damit angesprochen - kann aber an dieser Stelle nicht ausführlicher erläutert werden - die vier göttlichen Wünsche zum Wahren, Guten und Schönen, sowie zum göttlich gerichteten Fühlen von Liebe und Haß.

Gerold trifft hierbei eine (ihm auch sonst) wichtige Unterscheidung. Auf sie ist er auch bei anderen Gelegenheiten zu sprechen gekommen. Er sagt nämlich, daß das Erleben des Göttlichen im Menschen auf zweierlei Arten stattfinden könne. Einmal über eine starke seelische Erschütterung (hier als „tiefstes Erlebnis“ notiert). Diese kann ausgelöst werden durch große Freude oder großes Leid (bzw. eben solches Erleben von Lust oder Unlust). Gerold bezeichnete die Musik Beethovens als typisch für diese Art des Erlebens. (Das kann auch gekennzeichnet sein durch starke Hormonausschüttungen - Streßhormone, Glückshormone etc..) Und diesem Erleben stellt Gerold ein andersartiges Gotterleben gegenüber. Hierbei handele es sich um ein „stilles, ruhiges Besinnen“. Nämlich auf diese göttlichen Wünsche (gegebenenfalls auch auf die Gewissens-Wertungen, die sich für den einzelnen aus diesen ergeben, und die dabei immer wieder neu "geeicht" und überprüft werden könnten). Die Musik von J. S. Bach könne als typisch für ein solches "stilles, ruhiges Besinnen" angesehen werden. - Laut Mitschrift fragt Gerold dann:
„Wie sind die Ausstrahlungen des Göttlichen entstanden?“
Natürlich ist die Frage in der hier festgehaltenen Kurzform mißverständlich. Aus dem Gesamtzusammenhang wird klar, gemeint ist: Wie ist (evolutiv) die Möglichkeit entstanden, daß sich die Ausstrahlungen des Göttlichen bis in die menschliche Seele hinein auswirken können, bzw. dort wahrgenommen und bewußt erlebt werden können? Und Gerold antwortet nun, daß die „Wurzeln (hierfür) bereits im Tierreich“ angelegt gewesen seien. Und um diesen Umstand zu erläutern, werden dann die weiteren Ausführungen gegeben.

Neben die eben genannten vier göttlichen Wünsche, die von der erwachsenen Menschenseele zunächst eher unklar und diffus erlebt würden (und zu denen es von Seiten der soziobiologischen Forschung zahlreiche, auch von Gerold in der genannten Aufsatzreihe erläuterte Erklärungsansätze gibt), setzt, bzw. postuliert die philosophische Psychologie Mathilde Ludendorffs zusätzlich noch das Erleben von „Gottesstolz“ und „Mutterliebe“ als starke, nun sogar sehr direkt und unverfälscht erlebte „Strahlen des Göttlichen“ in die Menschenseele hinein.



Abb. 1: Titelseite der Zeitschrift DVHS vom Januar 1994
Darauf: Republikanische Büste um 30 v. Ztr.
Terrakotta, Höhe 33,5 cm
Boston Museum of Fine Arts

Mutterliebe und Gottesstolz


Und Gerold formuliert nun zunächst diese beiden zentralen Begriffe der Ludendorff'schen Philosophie um in die heute leichter nachvollziehbaren Begriffe „Elternliebe“ und „Gottverantwortung“. (Es geschieht das ganz zwanglos im Einklang und im Sinne dieser Philosophie.) Er sagt zu diesen Erlebnis- und Handlungsbereichen, daß es - aus der Sicht der Philosophie von Mathilde Ludendorff - eine „freie Entscheidung“ auf Seiten des Menschen gibt, wie diese Ausstrahlungen des Göttlichen in die menschliche Seele hinein er- und damit gelebt werden („ausgeübt“ werden), das heißt: ob sie entfaltet werden oder ob der einzelne Mensch sie unentfaltet läßt oder gar verkümmern läßt im Laufe seines Lebens.

Mit all dem referiert Gerold zunächst einmal im wesentlichen nur Aussagen der Philosophie von Mathilde Ludendorff. Er sagt dann aber Worte über die Gottverantwortung, die - zumindest im Jahr 1993 - auch bei Menschen, die sich mit der Philosophie Mathilde Ludendorffs schon beschäftigt hatten, ein ganz neues Verständnis dieses Ludendorff'schen Konzeptes erschließen konnten. Es wird deutlich, dass dieses neue Verständnis auch in Auseinandersetzung mit der neuesten Naturwissenschaft gewonnen worden war. Dieses neue Verständnis ist hier enthalten in der folgenden, aufzählenden Kurzform der Mitschrift:
... Wie sind die Ausstrahlungen des „Göttlichen“ entstanden?
Wurzeln bereits im Tierreich.
Elternliebe:
Freie Entscheidung, wie es ausgeübt wird. Gottesstolz (besser Gottverantwortung). Kern: Verantwortung. Selbstverantwortung Grund zum Handeln
Wurzel: Abwehr von Feinden und Gefahren
Verantwortung höherer Wert als Verpflichtung
ist verbunden mit Altruismus
z. B. Herdenboß, Patriarch
Naturwissenschaftliche Befunde zu bisher o.g. ....
Die Begriffe Herdenboß und Patriarch können zum Beispiel anspielen auf Alpha-Männchen in einer Gruppe von Schimpansen oder Gorillas oder anderer in Gruppen lebender Affen. Diese müssen ja ihre Stellung oft über Rangkämpfe und über Koalitionen innerhalb der Gruppe absichern. Man muß sich bei der hier zitierten Mitschrift immer bewußt machen, daß es sich ja nur um das stichworttartige Mitschreiben von Kerngedanken der mündlichen Ausführungen handelt. Aber schon in diesen wenigen Worten mag viel enthalten sein, wenn man den Gedanken hinterher geht. Deshalb wäre dazu manche Erläuterung zu geben für Leser, die sich mit solchen Themen noch nicht sehr intensiv beschäftigt haben. Zunächst: Natürlich ist der Gedanke sofort einleuchtend, daß Verantwortung noch einen höheren Wert darstellt als eine Verpflichtung. Das kann einer der Gedanken sein, über die es sich hier womöglich lohnt, selbständig weiter zu denken.

Hier soll aber zunächst einmal festgehalten werden, daß über eine sich hier andeutende Art des Verständnisses eines zentralen Konzeptes der Philosophie von Mathilde Ludendorff, nämlich des sogenannten "Gottesstolzes", so zuvor - also vor 1993 - noch nirgendwo gesprochen worden war. Das war etwas Neues, also von Gerold selbständig Erlebtes zum einen einfach durch eigenes selbst gestaltetes, gelebtes Leben. Zum anderen aber eben auch in Auseinandersetzung mit der Philosophie Mathilde Ludendorffs in Gegenüberstellung zu dem damals neuesten naturwissenschaftlichen Forschungsstand.

"Die Aufwärtsentwicklung des Menschen ist durch konkurrierende Gruppen zu Stande gekommen"


Und in den weiteren - stichwortartig mit geschriebenen - Ausführungen wurde das dann auf der Tagung von Gerold eben sehr genau und detailliert erläutert, was in diesen wenigen Worten enthalten sein konnte. Diese dürfte von ihrem Sinngehalt jeder sofort verstehen, der sich mit den grundlegenden Konzepten der Soziobiologie und der Evolutionären Anthropologie schon vertraut gemacht hat (etwa über Bücher von Eckard Voland, Wolfgang Wickler oder zahlreicher anderer). Das soll an dieser Stelle zunächst erst einmal noch nicht alles ausführlich erläutert werden. Deutlich wird aber schon, wie eng Gerold die Bezugnahme von Philosophie und Naturwissenschaft hier überall sieht und behandelt. Und diesen Umstand mag man schon einmal für sich als sehr begeisternd empfinden.

Gerold behandelte zum Beispiel sehr ausführlich die Forschungen rund um die Nacktmulle und war begeistert von dem von ihm genannten Forscher Richard D. Alexander, der damals mehrere sehr wegweisende Gedanken innerhalb der Soziobiologie aufgeworfen hatte, auf die sich Gerold dann auch bezieht.

Es sei hier erst einmal nur abschließend noch auf den Satz hingewiesen, der in der Mitschrift festgehalten ist als eine Art Zusammenfassung:
Die Aufwärtsentwicklung des Menschen ist durch konkurrierende Gruppen entstanden.
Diese Aussage - eine zentrale These von Richard D. Alexander (8) - dürfte innerhalb der Soziobiologie des Jahres 1993 noch eine deutliche Minderheiten-Meinung dargestellt haben. Inzwischen hat sich diesbezüglich in der Forschung unglaublich viel getan. Es kam zu einer Wiederbelebung des zuvor verdammten Konzeptes der "Gruppenselektion", es kam in diesem Zusammenhang zu Konzepten der sogenannten "Mehrere-Ebenen-Selektion" (multi-level-selection). Und es kam zur Superorganismus-Theorie. Keine derselben hat bis heute vollständige Anerkennung gefunden, aber jede ist ein wichtiger Bestandteil der Debatte. Auf diesem Forschungsgebiet ist weiterhin viel in Bewegung.

Und deshalb ließe sich die zitierte Aussage von Gerold Adam gut und differenziert in Beziehung setzen zu dem heutigen Kenntnis- und Diskussionsstand. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, aber sicherlich eines der anschaulichsten: Man wird von der Intelligenz-Evolution des aschkenasischen Judentums in den letzten tausend Jahren (Wiki) sagen können, daß sie in einer Konkurrenzsituation erfolgt ist innerhalb eines Minderheitenvolkes, das bestrebt war, gegenüber einer Mehrheitsbevölkerung seine kulturellen und genetischen Eigenschaften zu erhalten und damit zugleich seine religiösen Ziele zu erreichen.

Ein anderer Bereich, der hier her gehört, sind soziobiologische Forschungen rund um das Konzept des "commitment" (4), also des Verantwortungsgefühls innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft und für das Weiterbestehen derselben, sei es eine Ehe, eine Familie, eine ehrenamtliche Gruppierung, eine Firma oder auch eine Partei oder ein Volk. Und natürlich kann all dies auch in Bezug gesetzt werden zu den von Peter Sloterdijk thematisierten "thymotischen Energien" (5-7). Auch diese Energien können ja - nach der Philosophie Mathilde Ludendorffs - als ein Ausfluß des Gottesstolzes, der Gottverantwortung, sowie der Gruppenverantwortung erachtet und behandelt werden. Damit sei zunächst einmal genug der einleitenden Erläuterung gesagt.

Die Vortragsmitschrift


(Vortrag von Gerold Adam, September 1993)


göttliche Wünsche …
… Einmal tiefstes Erlebnis
Einmal stilles, ruhiges Besinnen.
Wie sind die Ausstrahlungen des „Göttlichen“ entstanden?
Wurzeln bereits im Tierreich.
Elternliebe:
Freie Entscheidung, wie es ausgeübt wird. Gottesstolz (besser Gottverantwortung). Kern: Verantwortung. Selbstverantwortung Grund zum Handeln
Wurzel: Abwehr von Feinden und Gefahren
Verantwortung höherer Wert als Verpflichtung
ist verbunden mit Altruismus
z.B. Herdenboß, Patriarch

Naturwissenschaftliche Befunde zu bisher o.g.
quantitative Beschreibung der Mutation und Selektion → Neodarwinismus

wie bildet sich altruistisches Verhalten in der Evolution? (z.B. Verzicht auf Nachkommen?)
Ab 1964 erste Erklärungen dafür durch Hamilton.
Darwin: fitness spielt Hauptrolle bei Evolution des Einzelnen, bestimmt Selektion der Gene
Fitneß: Evolutionserfolg, Zahl der Nachkommen
Hamilton: Fortpflanzung der Gene durch Vermehrung der Verwandten möglich → „inklusive Fitneß“ = eigene + Verwandte bestimmt die Selektion der Gene
Soziobiologie:
„Inklusive Fitneß“ bestimmt die Selektion der Gene. Sie enthält zusätzliche ...
Einschließlicher Evolutionserfolg (Zahl der Nachkommen) = inklusive Fitneß

Abb. 2: Aus der handschriftlichen Mitschrift die an dieser Stelle von Gerold
an die Tafel geschriebene mathematische Gleichung
Alle Gene müssen zu ihrer eigenen Vervielfältigung, Vermehrung im Genbestand wirken (in Nachkommen) (im Erbbestand) ==> auch Altruismusgene müssen sich halten.

Altruismus z. B. bei Bienen (Arbeiterbienen zu 75 % identisch, zu 50 % mit Königin) z. B. bei Honigameisen: Honigtöpfe

[Bis hier ist also das grundlegende Konzept der Verwandtenselektion nach William D. Hamilton erläutert worden und seine Anwendung zur Erklärung von Eusozialität im Tierreich, also insbesondere von Staatenbildung mit Klassen, die sich selbst nicht fortpflanzen. Nun folgt der große Schritt, daß eben Richard D. Alexander sich fragte: Das gibt es bei wirbellosen Tieren recht oft, sollte es das dann nicht auch bei Wirbeltieren geben? Und er sagte dann genau voraus, unter welchen Bedingungen es das bei Wirbeltieren geben sollte. Und erst danach wurde die Tierart der Nacktmulle entdeckt, und daß sie genau das erfüllt, was Alexander vorausgesagt hat. Das hat Gerold sicher genauer erläutert, ist aber hier nicht mitgeschrieben worden. IB] 

Mittwoch, 15.9.93

Staatenbildung bei Wirbeltieren: nach Prinzip wie bei Termiten: Nahrung weit verstreut, pflegebedürftige Jungtiere, mehrere Generationen …
Nacktmulle in Afrika 1 Königin, 60 - 200 Tiere, 5 normale Tiere a 30 Gramm
Nur die Königin pflanzt sich fort.
Untersuchungen an verwandten Mullen ergaben, daß die Staatenbildung des Heterocephalus glaber (Nacktmull) nicht zwingend ist.

Grundformel der Soziobiologie (Wickler/Seibt, Prinzip Eigennutz, S. 176) r > E/Z nur in diesem Rahmen kann sich die soziale Hilfeleistung in der Evolution erhalten.
r = Verwandtschaftsgrad von Wohltäter zu Empfänger
E = „Einbuße“, d. h. verminderter Fortpflanzungserfolg bei Wohltäter durch „Wohltat“
Z = „Zuwachs“, d. h. zusätzlicher Fortpflanzungserfolg beim Empfänger der Wohltat.

Mensch hat die Neigung, sich in Gruppen abzugrenzen durch ähnliche Kleidung in der Gruppe entgegen der Kleidung anderer Gruppen, Dialekt … usw.
Vorteil: Verwandtschaftsgrad kann besser erkannt werden!

Prinzip Eigennutz passt nicht, da Gene kein Ich besitzen
                
Inwieweit lässt sich Schönheit auch oft als nützlich beschreiben? Sechseck = stabil + raumsparend …


[An dieser Stelle erörterte Gerold offenbar den Gedanken, daß sich in der Evolution Eigenschaften evolutionsstabil halten können, ohne daß sie dafür immer ausgesprochenermaßen "nützlich" sein müssen. Warum das an dieser Stelle erörtert wird, bleibt allerdings in der Mitschrift unklar. Es folgt dann ein ganz neuer Gedankengang, beruhend auf [8].]

Anlage erhöht die Wahrscheinlichkeit, in eine bestimmte Richtung zu handeln (altruistisch)

Alexander, Richard D. in Englisch (8), Quelle von Eckart Voland, Funkkolleg (Psychobiologie - Verhalten bei Mensch und Tier, 1986)
An der Wurzel der Evolution stand als Einheit eine Menschengruppe / Stamm, die zu anderen in Konkurrenz stand.
→ enge Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern einer Gruppe und Bekämpfung der Mitglieder fremder Gruppen
Voraussetzung:
Erkennung der eigenen Verwandten
→ Höherentwicklung durch Kennzeichnung wie Kleider, Haartracht usw.
→ Höherentwicklung des Gehirns!
→ zunächst diente auch die Sprache dazu. z. B. Heute noch üblich, viel Gemeinschaftskontakt durch Gespräche: wie geht’s?
Nachbar Huber ist doof, du bist gut usw. siehe auch polit. Reden!
Grenze bei ca. 160 Menschen abhängig vom Zeitaufwand
nimmt ständig zu: Schimpansen ca. 30%   ihrer Zeit
Menschen ca. 40 % der wachen Zeit!!!

[Das sind Ausführungen aus dem Zusammenhang der Social brain-Theory, wie sie Robin Dunbar nachmals - 1996/98 - in seinem Buch „Klatsch und Tratsch“ erläutert hat, und wie sie bis 1993 nur in Einzelaufsätzen vorgelegen hatten, die Gerold also auch alle schon zur Kenntnis genommen hatte. Es handelt sich um Dunbar's Theorie, daß aus der sozialen Fellpflege (Grooming), der Menschenaffen 30 % ihrer wachen Lebenszeit widmen, mit sozial ähnlicher Bedeutung die menschliche Sprache hervorgegangen sei, nämlich vornehmlich für den „Klatsch und Tratsch“ innerhalb von menschlichen Gruppen mit bis zu 150 Angehörigen - „Dunbars Number“, jenen Gesprächen, denen Menschen ca. 40 % ihrer wachen Lebenszeit widmen. I.B.]

beachte auch Bestreben, sich anzupassen! (an Sprache, Kultur und politische und geschichtl. Ansichten …)
Es werden auch Zwänge eingesetzt
z. B. Verbannung, Verstellung (um zu parasitieren)

Summe: die Aufwärtsentwicklung des Menschen ist durch konkurrierende Gruppen entstanden.

Mensch sucht sich aus dem vorhandenen Kulturangebot (Eltern, Schule …) seinen Neigungen, Anlagen entsprechende Dinge heraus und lebt sie.

Kulturelle Ideale führen z. B. zur Veränderung von Genhäufigkeiten (z. B. schlanke Menschen schöner, besser als dicke …)
Grundthese: Erbgut = Resonanzboden
Gene machen den Menschen dazu geneigt, derjenigen Kulturform Unterbau zu schaffen, die/der das Überleben der Gene fördert.
Äußert sich vor allem in/bei Fortpflanzung.
Statistik: Partner in der Ehe: gleich zu gleich gesellt sich gern

Gene müssen gleiche Gene erkennen

→ Kultur ist eingespannt zur vermehrten Fortpflanzung (in sehr vielen Bereichen)
religiöse Inhalte sehr stark wirksam, da sie hohe Ansprüche stellen und tief erlebt werden, bzw. auch wichtig für das Überleben sind (Maiskochen)


[Gerold hatte einmal irgendwo etwas davon gelesen, dass das Kochen von Mais bei bestimmten nordamerikanischen Indianern mit starken religiösen Gefühlen belegt war, wodurch - so Gerold - die Beibehaltung dieser Überlebenstechnik bestens gesichert war. Ungefähr so ist hier der Sinn. Vielleicht hatte er damit die "Green Corn Ceremony" [Wiki] gemeint oder etwas Vergleichbares. Siehe auch Ausführungen über die große religiöse Bedeutung des Mais bei den Navajo: Gladys Amanda Reichard: Navaho Religion - A Study of Symbolism [1950 und viele Folgeauflagen] [GB]. I.B.]

Soziobiologie nicht ausreichend, um Kultur vollständig zu erklären, es darf jedoch auch kein Widerspruch zwischen Kultur und Evolutionsgesetzen geben.

Frau Ludendorff beschreibt die Volksseele:
Gottlied der Völker allerhöchstes Ziel

[Am Ende wird also wieder ein Ausblick auf die philosophische Deutung der Evolution menschlicher Gruppen und Völker durch Mathilde Ludendorff gegeben, insbesondere die von ihr gegebene Wertung, daß die Vielfalt der menschlichen Kulturen auf der Erde der höchste Wert in diesem Weltall darstellt. IB]

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  1. Bading, Ingo: 1979 - Die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" wird gegründet. Auf: Die Deutsche Volkshochschule, Digitale Zeitschrift, 25.3.2017, http://fuerkultur.blogspot.de/1979/05/1979-die-zeitschrift-die-deutsche.html
  2. Leupold, Hermin (d.i. Gerold Adam): Der wesentliche Schritt vom Tier zum Menschen. Eine philosophische Psychologie. Erster Aufsatz um Rahmenthema „Die stammesgeschichtliche Entstehung des Menschen aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie“. In: Die Deutsche Volkshochschule (Ratekau), Folge 89, Januar 1994, S. 1-11
  3. Ludendorff, Mathilde: Aus der Gotterkenntnis meiner Werke. Ludendorffs Verlag, München 1935
  4. Boyd, Robert; Richerson, Peter J.: The Evolution of Subjective Commitment to Groups: A Tribal Instincts Hypothesis. Randolph M. Nesse (ed.): Evolution and the Capacity for Commitment. New York 2001, 186-220
  5. Sloterdijk, Peter: Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006
  6. Bading, Ingo: "Müssen wir zur eigenen Verteidigung selbst zorniger werden?" Auf: Studium generale, 11. April 2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/04/mssen-wir-zur-eigenen-verteidigung.html
  7. Bading, Ingo: Peter Sloterdijk - "thymotische Energien" zu Ende denken. Auf: Studium generale, 4. Juli 2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/07/peter-sloterdijk-thymotische-energien.html
  8. Alexander, Richard D.: Evolution of the Human Psyche. In: Paul Mellars, C. Stringer (Ed.): The Human Revolution. Behavioral and Biological Perspecitves on the Origins of Modern Humans. Edinburgh 1989, S. 455-514

Montag, 17. April 2017

"Größeres wolltest auch du ..."

Bruno Ganz liest Hölderlin 

Soweit man sieht, gehört der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz (geb. 1941) (Wiki) zu den ganz wenigen Vortragenden, von denen man sich Dichtungen von Friedrich Hölderlin gerne vortragen lässt. 


In diesem Video (Yt) liest Bruno Ganz zwei Gedichte Hölderlins, zuerst "Lebenslauf" ("Größeres wolltest auch du ...") (auch Yt) und - ab 1'11 - "Hälfte des Lebens" (auch Yt).

Diese Zufallsentdeckung lässt danach fragen, was man sich überhaupt an gesprochenem Wort oder Schauspielleistungen zum Thema Friedrich Hölderlin im Internet anhören oder ansehen kann. Und eine Durchsicht des dort frei Verfügbaren zeigt, dass viele Künstler, Dichter und Denker, sowie solche, die sich dafür halten - auch so mancherlei Esoteriker - sich an Hölderlin "versucht" haben. Auch viele Rezitatoren. Es mag Geschmackssache sein, ob man darunter allzu viel Genießbares findet oder echt Überzeugendes. Also etwas, das Hölderlin gerecht wird. So findet man etwa Aufnahmen von Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer, in denen sie sich zu Hölderlin äußern und in denen sie aus Hölderlins Dichtungen lesen. Diese Aufnahmen haben Philosophie-geschichtlich sicherlich eine gewisse Bedeutung. Dennoch stehe dahin, ob sie jedermanns Geschmack sein müssen, und ob man sich über diese dem Hölderlin'schen Werk annähern möchte.

Es finden sich auch Ausschnitte aus zwei Spielfilmen, die zu dem Leben von Friedrich Hölderlin erstellt wurden, nämlich von "Hälfte des Lebens" (DDR, 1985) und "Der Feuerreiter" (1998). Beide Spielfilme sind ganz unmöglich. Schon wenige Ausschnitte aus ihnen machen einem das sofort deutlich.

Deshalb kehrt man, nachdem man in vieles rein gehört oder gesehen hat, doch gerne wieder zu Bruno Ganz zurück. Von Bruno Ganz gibt es auch gelesen die Gedichte Diotima (frühe Fassung) (Yt) und Der Neckar (Yt). Außerdem gibt es von ihm gelesen den letzten Gedicht-Entwurf, an dem Hölderlin in seiner Zeit in Bad Homburg gearbeitet hat: Mnemosyne (2. Fassung) (Yt).

"Mnemosyne" und das "Homburger Folienheft"


Dieser Gedicht-Entwurf findet sich auf den letzten Blättern des sogenannten "Homburger Folienheftes", dessen Gedicht-Abfolge womöglich in einem sinnvollen Zusammenhang miteinander stehen, die Hölderlin nämlich womöglich in genau dieser Reihenfolge auch veröffentlichen wollte (Wiki). Doch "Mnemosyne" ist von allen daraus der unfertigste Gedicht-Entwurf. Die Lesung von Bruno Ganz wird vielleicht den einen oder anderen anregen, nach dem Sinn zu fragen, auf den Hölderlin in diesem Gedicht hingearbeitet haben mag. Er wird aus den bislang bekannten Fragmenten nicht deutlich, auch nicht aus dem, was Bruno Ganz vorliest. Aber auch nur aus den scheinbar zusammenhanglosen Fragmenten heraus merkt man, dass es sich wie bei allen späten Dichtungen Hölderlins um sehr Tiefsinniges handelt. Mnemosyne ist die Göttin des Erinnerungsvermögens. Um deutlich zu machen, vor welchen Schwierigkeiten hier die Bearbeiter stehen, sei die erste Seite der Edition des handschriftlichen Entwurfs dieses Gedichtes mit eingestellt (Abb. 1).

Abb. 1: Gedicht-Entwurf "Mnemosyne" in editierter Form (erster Teil)

Hier sind mindestens drei Textschichten zu erkennen, drei Stadien der Erarbeitung und Überarbeitung, bzw. Ergänzung. Jede Textschicht scheint - wenn dann ihren eigenen gedanklichen Zusammenhang zu haben. Ein gedanklicher Zusammenhang mit späteren Textschichten muss aber keineswegs als gar so dicht gegeben sein. Auch dürfte die hier vorgenommene Zuordnung in frühes, mittleres und spätes Stadium schon für sich selbst nicht durchgängig unstrittig sein in der Forschung. Fettdruck jedenfalls zeigt wohl die am spätesten hinzugefügten Zeilen, mittlere Druckstärke ein mittleres Stadium und dünner Druck den angenommenen ersten Entwurf. - Aber dies hier nur, um einen Eindruck zu geben, nicht um zu diesem Thema irgend etwas Erschöpfendes sagen zu wollen.

Es dürfte hier sinnvoll sein, sich einmal in die Hölderlin-Forschung zu vertiefen und zu fragen, was diesbezüglich die bisherigen Früchte der Forschung darstellen. (Leider gibt es auch noch keinen eigenen Wikipedia-Artikel zu "Mnemosyne".)

Hölderlin war ein eigenständiger Philosoph


Abschließend sei noch auf zwei weitere Funde zum Thema Hölderlin aufmerksam gemacht. Zum einen mag es vielleicht bedenkenswert sein wie Christian Reiner die Turmgedichte Hölderlins liest (Yt). (Dazu werden leider mehrmals zu nervöse Filmsequenzen gespielt, diese lenken ab. Es ist zu empfehlen, sich nur auf das Hören zu konzentrieren.)

Und zum zweiten noch, was etwas einseitiger die Ratio, die Vernunft anspricht im Vergleich zu der bisher behandelten Dichtung: Sicher mit Gewinn hört sich der der englischen Sprache Mächtige eine Vorlesung von Edward Kanterian an über "Hölderlins Metaphysik" (1). Der Vorstellungstext macht deutlich, dass hier tatsächlich der aktuelle Forschungsstand referiert wird. Es heißt da über Hölderlin:
More recent research, as undertaken by Dieter Henrich, Michael Franz and others, has shown that he was a genuine philosopher as well, who had an original conception of the relation between art, poetry and metaphysics, and who was a major influence on the young Schelling and especially Hegel. This talk explores Hölderlin's metaphysical ideas in relation to those of thinkers like Kant and Fichte, as formulated in various fragments and letters.
In diese Vorlesung kann man sich übrigens auch über ein Transkript (1) einarbeiten.
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  1. Kanterian, Kdward: Hölderlins Metaphysic. Lecture given in the Aesthetics Research Group Seminar, School of Arts, University of Kent, 23 November 2012, https://www.youtube.com/watch?v=Ox727wSlcgY&t=2443s; Transcript: https://docs.google.com/document/d/1TELF81vGqam91vlgpnL6mY-7y5OIT-YHQXj-g9pBOMk/edit

Donnerstag, 13. April 2017

Die "heiligen Narren" Rußlands

Das russische Volk zog sie oft den Angestellten der etablierten Amtskirche vor

Viele Menschen werden heute psychiatrisch behandelt, die womöglich in früheren Jahrhunderten auf ganz andere Weise ihr Leben hingebracht hätten. Hier sind insbesondere aus dem russischen Kulturraum Lebensformen überliefert, die vielleicht manchen Anhaltspunkt geben könnten dazu, dass sogar verhaltensauffällige Menschen und Menschen, die auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind, da sie keine regelmäßige Berufsarbeit mehr leisten können, dennoch als Segen von ihrer Mitwelt empfunden werden können.

Da die Sichtweise auf solche Menschen im russischen Kulturraum traditioneller Weise eine etwas andere war, könnte ein Blick in die Verhältnisse dort auch auf größere Spielräume in der Sichtweise auf solche Menschen hier bei uns hinweisen.

Der französische Schriftsteller Pierre Pascal (1890-1980) (Wiki) (a) gilt als ein Spezialist für die russische Geschichte, Literatur und Kultur. Er lebte lange Jahre in Russland (von 1916 bis 1933). Sein Aufsatz "Russische Volksfrömmigkeit" ("La Religion du peuple russe") (1) erschien erstmals 1962 (sowie 1966, 1969 und 1973). Er ist auch ganz gut im Internet zugänglich. Im folgenden sollen aus diesem Aufsatz einige Auszüge zitiert werden über ein volkskundliches Phänomen, für das es - außer vielleicht in Indien - in keinem Land der Erde so viele und vielfältige Beispiele gibt wie im traditionellen Rußland. Nämlich die "heiligen Narren", die Wanderasketen. Das sind Menschen, die mitunter einen märchenhaften Wahnsinn mit der einfältigen Herzenreinheit eines Kindes vereinbaren, und die um dessentwillen vom russischen Volk so geliebt worden sind und nicht nur von diesem, sondern auch von einem so bedeutenden Schriftsteller wie Leo Tolstoi.

Ganz selten einmal trifft man auf solche Menschen womöglich auch in Deutschland. Vielleicht häufiger in der Psychiatrie und unter an Schizophrenie Erkrankten als in anderen Gruppen. Um gegebenenfalls solche Menschen etwas genauer "einordnen" und verstehen zu können, mögen auch die Schilderungen von Pierre Pascal eine Hilfe sein.

Dabei sei gleich vorbeugend und einschränkend gesagt, dass es hier nicht darum gehen soll, das Phänomen jener "barfüßigen Propheten" der deutschen frühen 1920er Jahre aufzuklären (Wiki). Auf dem Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" ist schon dargestellt worden, dass ihr Wirken vor allem verstehbar wird vor dem Hintergrund von Okkultlogen, und dass sie zumeist geheime Agenden verfolgt haben, die elitärer Natur waren (etwa Gusto Gräser, Friedrich Hielscher und das ganze Umfeld dieser Leute). Natürlich hat es solche auch im traditionellen Rußland gegeben. Und auch diese sind zum Verständnis politischer Zusammenhänge oft auf keinen Fall zu vernachlässigen. Aber sie allein würden die Volkstümlichkeit des Phänomens gewiß nicht erklären. Und die deutschen sogenannten "barfüßigen Propheten" mögen sich zumeist auch nur äußerlich die russischen als Vorbild genommen haben.

Bettler, Pilger, Wanderasketen, Wahrheitssuchende, Narren


Abb. 1: Heiliger Narr - aus einem Gemälde von W.I. Surikov
Der Schriftsteller Pascal schreibt also in seiner Schrift "Russische Volksfrömmigkeit" von 1962 (1, S. 69f), das russische Volk
"hörte mit Vergnügen von den frommen Abenteuern der Bettelmönche, Wanderasketen und Pilger erzählen."
Und weiter (1, S. 74f):
"Der Pilger, der einmal in das ununterbrochene Gebet eingetreten ist, sieht alles, was ihn umgibt, in einem neuen und wunderbaren Licht: Bäume, Gräser, Vögel, Erde, Luft und Licht, alles verkündet die Liebe Gottes zum Menschen, alles betet und singt zur Ehre Gottes. Auch der Missionar empfängt in seiner kindlichen Reinheit die ersten Aufforderungen zum Gebet von der Natur. Makar Ivanovitsch, der im "Jüngling" von Dostojevskij die Volksfrömmigkeit auf ihrer höheren Stufe symbolisiert, erkennt in jedem Grashalm, im singenden Vogel und in den leuchtenden Sternen das Mysterium Gottes, die unsagbare Schönheit."
Es handelt sich also gerne auch um religiös Erleuchtete oder um solche, denen eine solche Erleuchtung zugeschrieben wird (1, S. 90f):
"Aus diesem Grunde gibt es in diesem Volk die zahlreichen Wahrheitssuchenden (pravdoiskateli), die den modernen Westen in Erstaunen versetzen; jene, die sich einfach ihrer Aufgabe widmen, solche, die Ungerechtigkeit kränkt, solche, die diese Welt des Antichristen verlassen und umherirren; jene, die einer vollkommenen Kirche auf der Spur sind, bis zum geheimnisvollen und unauffindbaren Land der Weißen Gewässer hin; solche, die Gesetzen und Polizei Trotz bieten, um der Menschheit zu dienen; die, die aus der Revolution ein modernes Christentum gemacht haben."
Und weiter (1, S. 91f):
"Die Kirche ist an den Staat gebunden, nur zu oft bemerkt man dies. Sowohl von moralischer als auch von dogmatischer Seite entstehen jetzt Ärgernis, Zweifel, Nachforschungen, Sekten. Von daher erklärt sich z. B. der Erfolg der Duchoborzen ("Geisteskämpfer"), der Anhänger Tolstojs, der Evangeliumschristen, der Stranniki, der Abstinenzler und vieler anderer, die Pässe, Steuern und Militärdienst ablehnten."
Und weiter:
"Der Bauer bricht auf, mit seinem Stock und seinem Brotbeutel, natürlich zu Fuß und begibt sich zu den ihm bekannten heiligen Stätten. Vielleicht ist dies eine benachbarte Einsiedelei, wo ein verehrter Asket wohnt, der in den Herzen liest, Trost und Rat spendet: ein Starez, wie man ihn nennt. Unser Pilger hält sich eine Weile dort auf und kehrt dann, geistig erneuert, zurück; oder er setzt auch seine Wanderung fort und macht eine Rundreise zu den Einsiedeleien der Gegend. Manchmal ziehen sich diese Pilgerfahrten zur Befreiung der Seele über Monate hin."
Pilgerfahrten zur Befreiung der Seele.

Leo Tolstoi hat sie geliebt - die russischen Wanderasketen (Strannik)


Und (1, S. 94f)(Hervorhebungen nicht im Original):
"So gibt es einen höheren Typ der Frömmigkeit, den Stand des Wanderasketen oder Strannik. Wir haben davon eine sehr anschauliche Darstellung in den "Erzählungen eines Pilgers". Der Wanderasket wurde oft durch besondere Umstände zu dieser Lebensform geführt. Ein angeborenes oder erworbenes Gebrechen hat ihn für schwere Arbeiten untauglich gemacht; ein Ereignis, wie der Tod seiner Frau, eine Feuersbrunst oder eine Vision, die ihm den Auftrag gab, haben ihn von seinem Besitz getrennt. Mehr bedarf es nicht, und sein meditativer Geist, seine fromme Seele reißen ihn mit. Als seinen einzigen Besitz nimmt er ein langes Gewand, eine Kappe, einen Bettelsack mit Brotrinden mit sich und geht fort. Er wandert, wie die Pilger, von denen wir schon gesprochen haben, von Kloster zu Kloster, aber unbestimmt und ohne den Gedanken an eine Rückkehr. Überall trifft er auf Gastfreundschaft. Als Gegendienst verrichtet er kleine Arbeiten oder er spricht auch nur. Er berichtet erbauliche Erinnerungen, beschreibt die Wunder der heiligen Stätten, das Tun der Asketen, er bringt die Menschen zum Nachdenken und reißt seine Gastgeber aus ihrem täglichen, irdischen Leben. Wenn er lesen kann und sie nicht, liest er ihnen das Evangelium, die Wüstenväter oder die Heiligenleben vor. Sein Besuch ist ein Fest, ein Wunder und später eine belebende Erinnerung. Rußland wurde von Nord nach Süd und von Ost nach West von Tausenden dieser Pilger durchstreift."
Und:
"In Ržev empfing Vater Matfej jeden Tag einige von ihnen, manchmal bis zu vierzig. Tolstoj hat sie gekannt und geliebt. Bunin hat sie beschrieben, Schaljapin hat sie häufig besucht. Der Bauerndichter Jessenin berichtet, dass das Haus seiner Großmutter immer voll von diesen Pilgern, Pilgerinnen und Krüppeln gewesen sei, die in den Ortschaften Legenden und Klagelieder gesungen hätten. Eine solch ungeheuer wichtige und fromme Rolle spielten also die Wanderasketen."

Die "heiligen Narren" Rußlands (Jurodivyj)



Und:
"Der "podvig" geht jedoch noch weiter. In Syrien, der Heimat aller religiösen Exzesse, hatten die Christen der ersten Jahrhunderte die Worte des Apostels: "Die Torheit Gottes ist weiser als die Weisheit der Menschen... [1 Kor 1,25] Wir sind töricht um Christi willen... [1 Kor 4,10]" wörtlich genommen, und es kam zur Erscheinung der "Saloi". Welch’ eine Tat könnte verdienstvoller sein als die, auf das, was das Besondere und Eigene des Menschen und seines Hochmutes ist, nämlich den Verstand, zu verzichten und als Narr zu gelten, um den höchsten Schimpf zu ernten, in die abgrundtiefste Erniedrigung zu fallen, freiwillig, um Christi willen? Sobald sie bekehrt sind, ergreift das Verlangen der Nachfolge die Russen: In Kiev gab es freiwillige Narren, die "Jurodivye", und dieses Phänomen verschwand nie mehr; die Narren verbreiteten sich darauf in Moskau, sie hielten den Verfolgungen der Zivilbehörden, den Verdammungen der aufgeklärten Prälaten des 18. Jahrhunderts, der entrüsteten Verachtung der intellektuellen Gesellschaft und der "Kulturpropaganda" der Sowjets stand. Sie sind noch heute vorhanden.
Sie irren, ebenfalls mit "verigi'" und Eisenmützen, in lächerliche Lumpen gekleidet oder beinahe nackt, umher, betteln, wälzen sich im Schlamm, erregen Spott und bekommen verletzende Worte zu hören, reizen zu grotesken und gehässigen Handlungen. Sie haben Empfindlichkeit und Eigenliebe in sich getötet. Sie erregen Skandal und haben vor nichts Respekt. Sie scheinen aus einer anderen Welt zu kommen. Man verachtet und bewundert sie, und man erkennt ihnen außergewöhnliche Fähigkeiten zu: sie lesen in den Herzen, sie sehen in die Zukunft. Ihre unbedeutendsten Äußerungen versucht man auszulegen. Einst spielten sie auf diese Weise eine Rolle in der Politik: sie geißelten die Mächtigen. Iwan der Schreckliche ließ einen Metropoliten hinrichten, aber er nahm die Schmähung eines Jurodivyj hin. Heute sind sie die Beichtväter des Volkes.
Der Jurodivyj befindet sich überall. Ein Jurodivyj von Kursk bildete den späteren Serafim von Sarov aus. Ein Jurodivyj, ein ehemaliger Pilger aus Palästina, der Mönch geworden war, gründete neben dem Sergij-Kloster die Einsiedelei Gethsemane. Ein Priester aus Uglič namens Peter, den man für einen Jurodivyj hielt (man behandelte ihn als Narren, man schnitt ihn, man legte ihn in seinem Hause an die Kette), wurde 40 Jahre lang, bis zu seinem Tode im Jahre 1866, von Scharen aufgesucht, die begierig nach seinen Ratschlägen waren, und er wurde von den Weisen und Philosophen als geistlicher Lehrer hochgeschätzt: so z.B. von dem Archimandriten und Lehrer Fedor (Bucharev).
Die Schriftsteller haben es nicht versäumt, den Jurodivyj mit mehr oder weniger Verständnis und Sympathie zu beschreiben: Tolstoj in seiner "Kindheit" und Dostoievskij in den "Besessenen", ebenso der Satiriker Saltykov-Schtschedrin und die populären Schriftsteller Gleb Uspenskij und Naumov; Pryjov und Korolenko haben ihm auch Studien gewidmet. Auf jeden Fall bestreitet niemand, dass er ein hervorstehend repräsentativer Typ der russischen Volksfrömmigkeit auf ihrer heroischen Stufe ist."
Diese Ausführungen können aufzeigen, dass das menschliche Seelenleben ein sehr vielfältiges sein kann, und dass Menschen mitunter in der tiefsten Erniedrigung, die Menschen nur möglich ist, womöglich dennoch ein reiches Gotterleben haben können oder doch zumindest Menschen mit warmem, guten Herzen sein können, deren Anwesenheit für andere Menschen ein Segen sein kann.

Kann dem Menschen etwas Wesentlicheres eingeflößt werden als Ehrfurcht vor der Reinheit des Herzens?

/Verfasst: 1.8.2014/

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  1. Pascal, Pierre: Russische Volksfrömmigkeit. In: Kyrios. Zeitschrift für Kirchen- und Geistesgeschichte Osteuropas. 1962, S. 69 - 102. Ergänzende Bemerkungen in [...] von K. Bambauer. Auf: BorisOGleb.de. Offenbar auch als Einzelschrift: Oekumenischer Verl. Edel 1966 (40 S.)

Sonntag, 9. April 2017

Gedanken sammeln

Wir sind ein verkommenes, degeneriertes, verhunztes Volk. Jeder von uns hat daran teil. Wir sind seelische Krüppel. Seelisches Elend vereinsamt oder schafft "Gemeinsamkeit" auf seelisch niedrigem Niveau. Was uns fehlt, sind Ideale. Wer von uns würde sich noch als einen in tieferem Sinne idealistischen Menschen bezeichnen? Wir sind nicht nur verdummt worden, nein, schlimmer noch, dieses Volk hat sich seine Ideale nehmen lassen, seine Visionen, seine Verheißungen. Mit lächerlich kaltem, jämmerlichen Zeug hat es sich anstelle dessen abspeisen lassen.

Ein entscheidender Umbruch kam im Jahr 1945. Andere Umbrüche sind die bekannten Einschnitte (1914, 1918 und 1933).

Auch der Umbruch von der Antike zum Mittelalter ist benennbar, die Ausbreitung von Religionen, die erst die Grundlage geschaffen haben, um vormals offene Gesellschaften in geschlossene umzuwandeln.

Das Schlimmste heute ist: wir können nicht mehr an Zukunft glauben, daran, daß unser Volk ein Wiederauferstehen hat. Das liegt daran, daß keine Verankerung erkennbar ist oder wird, bzw. womöglich ständig neu zersetzt und zerstört wird, wo immer sie nur erkennbar wird, eine Verankerung, an die angekettet eine Wiederauferstehung möglich wird. Diese Wiederauferstehung muss ohne satanistische Eliten, Geheimdienste und verborgene Thinktanks vonstatten gehen, sie erst muss die echt-offene Gesellschaft schaffen, anstelle all der bisherigen angeblich offenen Gesellschaften, die aber tatsächlich nur eine Simulation derselben waren, ein schöner Schein.

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Distanziert sein - und doch nicht ohne großes, sehr, sehr großes Wohlwollen dem Leben gegenüber:
Paul Cézanne - Die Kartenspieler - 1895 

Es erfordert viel Entsagung, viel Trauer, viel Insich-Gekehrtheit, viel Aufopferungsbereitschaft - kein seelischer Krüppel zu sein. Es erfordert, auch im physischen Erschöpfungszustand, im Zustand der Müdigkeit, des Alles-egal-Seins "besonnen" zu bleiben, in sich zu bleiben. Es erfordert, sich nicht den Kräften der Seichtheit, der Oberflächlichkeit anheim zu geben, sich nicht fallen zu lassen.

Viele Ansätze sind erkennbar, viel gutes Wollen. Im dumpfen Innern ist ein Wollen, ein Wollen des Meidens der Seichtheit, der Oberflächlichkeit, der bisherigen erkennbar. Es ist nicht "Dummheit", das Wollen, es ist ein Sehnen, das zur Höhe führt. Und auch im Aufschwung, im ersten Erstarken darf nicht gleich wieder dem "Frieden-Wollen", dem Glücksstreben Platz gegeben werden. Dann lieber das Gefühl der Leere aushalten.

Reichtum ergibt sich nicht durch voreiliges Hinüberschwenken, Hinübertaumeln zum Glück. Man bestärke sich darin, Entbehrungen auszuhalten. Irgendwann muss man doch alt genug dafür sein. So besonders lang ist ein menschliches Leben ja nun wirklich nicht.

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Es gibt Menschen, denen fallen schon von ihrer Natur her moralische Anstrengungen schwer. Eine angeborene ausgeprägtere Neigung zum sich Gehenlassen in Trägheit und Gemütlichkeit gibt es bei manchem Menschentypus geradezu angeborenermaßen. Sie tritt um so deutlicher hervor, um so älter diese Menschen werden. Wird diese Schwäche zusätzlich noch ergänzt durch eine Erziehung in der Kindheit, in der Verwöhnung des Kindes sehr im Vordergrund stand, kann dies sehr leicht dazu führen, daß solche Menschen - insbesondere im Alter - nur noch in Ruhe gelassen werden wollen von Menschen, die energischer, stärker im Wollen und in der Tatkraft, im Durchsetzen des von ihnen erkannten Guten sind. Tritt dann noch als dritte Eigenschaft großer Beharrungswille, mangelnde Veränderungsbereitschaft hinzu, dann fühlen sich diese am wohlsten, wenn sie von solchen eben genannten veränderungswilligen Tat-Menschen ganz in Ruhe gelassen werden und wenn diese nicht ihre eigenen Tat- und Veränderungs-Normen auf sie selbst anwenden. Sind zwei Menschen von so unterschiedlichem Typus miteinander verheiratet, kann das auf die Dauer zu schweren Spannungen führen. Denn der eine strebt nach Tatkraft und Unabhängigkeit, Klarheit im Urteil über alle Dinge, auch im Bereich des Menschlichen. Der andere möchte gerne nicht gar zu viel über sich selbst und andere wissen, möchte gerne das meiste eher im Verborgenen lassen.

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Wer bereit ist, sich auf menschliche Stärke einzulassen, der ist auch bereit, sich auf menschliche Schwäche einzulassen, sie zumindest zu tolerieren. Wer aber die Stärke nicht sehen möchte, dem ist es auch schwer möglich, Schwäche zu ertragen.

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An das Göttliche muss man sich gewöhnen, so wie man sich vom Göttlichen entwöhnen kann. Das nimmt Zeit in Anspruch.

Es gilt, ein gottwacher Mensch zu werden. Das wird man nicht über Nacht. Reifeprozesse erfordern ihre Zeit, dürfen aber auch nicht unterbrochen und gestört werden.

Ein ernster Wille ist schon Voraussetzung. Mit Leichtsinn und Leichtfertigkeit sind solche Reifeprozesse allein nicht in Gang zu bringen oder zu halten.

Wenn auch der Frohsinn und der Humor große, oftmals sogar wesentliche bis wesentlichste Helfer sein können. Alles kommt darauf an, daß sie echt, nicht erkünstelt sind.

Es ist eine schwere Bergtour. Die Erinnerung daran, daß wahrhaftig nicht viel Zeit bleibt in diesem Leben, solche Reifeprozesse Wirklichkeit werden zu lassen, kann ein Helfer sein. Und sie ist es sehr oft.

Solche Reifeprozesse bedeuten sehr oft Vereinsamung. Denn allzu oft erkennt man, daß sie nicht vereinbar sind damit, sich allzu eng und intensiv mit Mitmenschen einzulassen.

Enttäuschungen sind unausweichlich. Enttäuschungen über sich selbst, tiefe, ebenso wie Enttäuschungen über die Mitwelt. Denn der Mensch ist ja andererseits keineswegs darauf ausgelegt, als Einsiedler zu leben.

In heutiger Zeit sich einerseits für Kulturerhaltung einzusetzen, zum anderen zu wissen, daß das Überleben von Kultur bedroht ist durch mangelnde Zahl an Nachkommen, bedeutet, daß einem das Gründen einer Familie ein heiliges Anliegen sein muss, heiliger noch als zu anderen Zeiten, als ein solches Gründen eigentlich selbstverständlich war.

Die Erfahrung zeigt, daß dies die gefährlichste Klippe im Leben ist für die seelische Weiterentwicklung - oder doch sein kann.

Wünschenswert und enorm hilfreich ist es, einen gottwachen Menschen als Ehepartner zu finden. Aber selbst wenn man einen solchen findet, ja, um so gottwacher und begabter er ist, um so mehr, um so mehr können sich zugleich auch die Klippen mehren. Gegenseitige Beeinflussungen, Verletzungen wie gemeinsame seelische Aufflüge wirken sich unter gottwachen Menschen viel einschneidender aus als sonst unter Menschen.

Und dann erst beginnt die große Kunst der Lebensgestaltung. Das Segeln auf dem offenen, freien Meer. Nur frische Seeluft um einen, ziehende Möwen, Sonne. Oh, weise Wahl wird dann - geradezu von Tag zu Tag - notwendiger denn je. Jeder Sturm, jeder Orkan kann das Schiff auf die Klippen werfen.

Und hiermit ist der schnelle seelische Wandel gemeint - der Absturz ins Bodenlose, der Aufflug in Höhen und Weiten, unbegrenzt.

Auch eine ernste, verantwortungsvolle Aufgabe, die das Überleben der Gruppe sichert, kann Helfer sein im Aufstieg. Das Hinwenden zu den göttlichen Wünschen, das ernste Leben und Erleben von Elternliebe und Gottesstolz, unbekümmert um die Art, wie solche wesentlichen Eigenschaften von der Mitwelt erlebt und gelebt werden, unbekümmert um das eigene Sehnen nach Glück, Lust und Zufriedenheit.

Helfer im Aufstieg.

Musik kann hilfreich sein, Gemeinschaftserleben, Jahresfeste, der Not sich ausliefern, in der sich unsere Kultur, unser Volk heute befinden, dem Wahrheitswillen gerecht werden, der in uns lebt.

Dem Wahrheitswillen gerecht werden, der in uns lebt - - -

Ein reicher seelischer Aufschwung ist möglich.

Es sei noch daran erinnert, daß einige Menschen eine bessere Voraussetzung für seelischen Aufstieg mit bringen als andere.

Eine ausgeglichene, von Extremen möglichst fern gehaltene Kindheit kann sehr hilfreich sein. Hilfreich kann sein, in der Jugend nicht unter zu negative Einflüsse zu geraten.

Sehr hilfreich kann sein, unter günstigen menschlichen Einflüssen zu stehen oder diese aufzusuchen.

Heute ist der Dreck turmhoch über uns geschichtet, daß er schon wieder eine Hilfe ist. Denn man muss sich bei ihm nicht mehr viele Gedanken machen, ob man ihn richtig einschätzt oder nicht. Denn Dreck bleibt immer Dreck.

Zwar ist es nicht schön, nur von Unrat umgeben zu sein. Aber zu erkennen, daß es so ist, kann ja auch eine Art Erleuchtung sein. Zumindest eine Art.

Friedrich Hölderlin: "Wer auf sein Elend tritt, steht höher."