Montag, 9. März 1992

Josef Weinheber (1892-1945)

Josef Weinheber wäre am 9. Lenzing/März hundert Jahre alt geworden. Weinheber kann als einer der größten deutschen Lyriker dieses Jahrhunderts gelten.

Aus einfachen Verhältnissen und einer zerrütteten Ehe stammend, verliert er mit neun Jahren den Vater und lebt bis zu seinem 16. Lebensjahr im Waisenhaus Mödling bei Wien. In seinem zwölften Lebensjahr stirbt die Mutter, im dreizehnten sein Onkel und Vormund. Auch seine beiden Schwestern sterben früh. Die schwere Jugend hinterläßt bleibende seelische Spuren.

Weinheber wird nach mehreren Anläufen zu einer praktischen Berufsausbildung Beamter bei der Postverwaltung (1911-1932). Nach der Pensionierung im Jahre 1932 bilden die Einnahmen aus den Gedichtbänden einen wesentlichen Teil seines Lebensunterhaltes.

Abb.: Aufgeschlagen: Die Deutsche Volkshochschule, März 1992
Auf dem Titelbild: Josef Weinheber, Ölskizze von Dr. Joseph Schmidt, 1943
Erst spät gelangt der Dichter zu künstlerischer Eigenständigkeit und gültigen Werken (1922-1930). Künstlerische Reife und Anerkennung seines Werkes findet Weinheber vor allem in der Schaffensperiode 1930-1938 (1-4). Dies ist die Zeit des "höchstgespannten menschlichen Pathos in der Dichtung Weinhebers" (5, S. 450), das vielfach, aber fälschlich mit der Sprache des Dritten Reiches in Zusammenhang gebracht wird. Es sei daran erinnert, daß es zum Anschluß Österreichs an das Reich erst im Jahr 1938 kam. Wichtiger ist: Weinheber stand in scharfem seelischen und kulturpolitischen Gegensatz zum Nationalsozialismus. Dies kommt unter anderem in seiner erschütternden, prophetischen Vision "Zeitloses Lied" (1, S. 91), dem Hymnus "Dem kommenden Menschen" (5, S. 321) und in dem hier wiedergegebenen Gedicht "Künstler und Volk" (1, S. 23) zum Ausdruck.

In der letzten Schaffensperiode 1939-1945 wird die deutsche Sprache, ihre Erhaltung und Heiligung zum zentralen Inhalt in Weinhebers Werk (6-8). Die folgenden Worte Weinhebers zu diesem Anliegen sind wenig bekannt und wohl zeitlos gültig.

"Kunst erschüttert nicht. Kunst hebt den Zufall auf. Kunst ist etwas Geistiges: Der einfachste und kürzeste Gottesbeweis." (9, S. 75) "Sprache ist die Wirklichkeit des Geistigen. Ein Volk verliert seine Würde nicht durch verlorene Kriege, sondern durch den Verfall seiner Sprache, und der eigentliche Hochverräter ist der Sprachverderber." (9, S. 68)

Wilhelm Schäfler

  1. Weinheber, J: Adel und Untergang. Gedichte (1934) Albert Langen/Georg Müller, München
  2. Weinheber, J: Wien wörtlich. Gedichte (1935), gl. Verlag
  3. Weinheber, J: Späte Krone. Gedichte (1936), gl. Verlag
  4. Weinheber, J: Zwischen Göttern und Dämonen. Vierzig Oden (1938), gl. Verlag
  5. Jenaczek, Friedrich: Geleitwort, Zeittafel, Bibliographie. In: Josef Weinheber: Gedichte, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1966
  6. Weinheber, J: Kammermusik. Gedichte (1939) Albert Langen/Georg Müller, München
  7. Weinheber, J.: Hier ist das Wort. Gedichte (1947) Otto Müller Verlag, Salzburg
  8. Weinheber, J: Dokumente des Herzens. Aus dem Gesamtwerk ausgewählte Gedichte. Albert Langen/Georg Müller, München 1944
  9. Weinheber, J: Im Namen der Kunst (1935). In: Josef Weinheber: Sämtliche Werke, IV. Band: Prosa, Herausg. F. Jenaczek, Otto Müller Verlag, Salzburg 1970


Künstler und Volk

Lebt ein Leib ohne Herz? Und du
Volk, lebst ferne der Kunst? Adelst die Hände nicht,
die den Traum deiner Stirn, getreu,
binden an das Gesetz? Siehe die bildenden!

Wie? Du leidest, und Leid beraubt
dich, zu horchen hinab, wo das Geheimnis ruht?
Wann denn hätte nicht jeglich Leid
Ehr gezollt dem Gefäß, Ehrfurcht des Leidens Maß,


Ruhm dem Herzen? Du duldest, Volk:
Aber, bittrer allein, duldet dein Genius.
Not des Leibs, sie vergeht im Leib,
doch das Opfer der Kunst, da es vergeblich war,

kann nicht hingehn. Es zeugt, es weist
allem spätern Geschlecht stumm die Entartung vor.
Denn so leidet kein Hungernder;
und der Sterbende wird besser, fürwahr, erlöst.


Ach, ein Volk, das nicht hört, sein Herz
nicht mehr hört, ist vorbei. Jeder Altar versöhnt
den ihm eigenen Gott. Ein Rauch-
werk ins Leere ist Hohn, frevelnder. Denk es, Volk!

Josef Weinheber


/entnommen: 
Die Deutsche Volkshochschule, 
Folge 78, März 1992, S. 18f/

Mittwoch, 1. Januar 1992

Gedanken zu einer zeitlosen Frage

Über die Jahrhunderte ist es ein wichtiges Anliegen geblieben, über die seelisch tiefe und auf Dauer gegründete Gemeinschaft zwischen Mann und Frau den Bestand an heilen Familien als Grundlage aller größeren Gemeinschaften wie Volk und Staat zu sichern. Wir geben daher im folgenden Gedanken von Christoph Martin Wieland wieder, die er vor etwa 125 Jahren niedergelegt hat, und die trotz einer etwas zeitgebundenen Ausdrucksweise auch heute noch zum Nachdenken und verantwortlichen Handeln in diesem Bereich anregen können.

Auszug aus dem Erziehungsroman "Die Geschichte des Agathon":

... aus wahrer Wohlmeinenheit gegen das Beste der Menschheit wünschen wir nichts weniger als daß es jemals gelingen möchte, den Amor völlig zu entgöttern, seiner Schwingen und seiner Pfeile zu berauben, und aus der Liebe eine bloße regelmäßige Stillung eines physischen Bedürfnisses zu machen. (...)
Hier also unser Rat! "Meine jungen Freunde, Aegisthus macht sich bloß deswegen ein Geschäfte daraus, die schöne Klytämnestra zu verführen, weil er weder Verstand noch Mut genug hatte, etwas Löbliches zu tun. Beschäftigt euch, meine Freunde! Müßiggang ist euer gefährlichster Feind. Beschäftigt euch mit den Vorbereitungen zu eurer Bestimmung - oder mit ihrer würklichen Erfüllung. Bewerbet euch um die Verdienste, von denen die Hochachtung der Vernünftigen und der Nachwelt die Belohnung ist, und um die Tugend, welche allein den innerlichen Wohlstand unsers Wesens ausmacht. (...) Mittel gegen die Liebe? dafür behüte uns der Himmel! – oder wenn ihr dergleichen wollt, so findet ihr sie bei allen moralischen Quacksalbern, und – in allen Apotheken. Unser Rat geht gerade auf das Gegenteil. Wenn ihr ja lieben wollt oder müßt – nun, so kommt alles, glaubet mir, auf den Gegenstand an. Findet ihr eine Aspasia, eine Leontium, eine Ninon – so bewerbet euch, wenn ihr könnt, um ihre Freundschaft. Die Vorteile, die ihr daraus für euern Kopf, für euern Geschmack, für eure Sitten – ja, meine Herren, für eure Sitten, und selbst für die Pflichten eurer Bestimmung, von einer solchen Verbindung ziehen werdet, werden euch für die Mühe belohnen." - "Gut! Aspasien! Ninons! wo sollen wir diese aufsuchen" – "Auch rat ich euch nicht, sie zu suchen; die Rede ist nur von dem Falle, wenn ihr sie fändet." - "Aber, wenn wir keine finden?" – "So suchet die vernünftigste, tugendhafteste und liebenswürdigste Frau auf, die ihr finden könnet. Hier erlauben wir euch zu suchen, nur nicht (um euch einen Umweg zu ersparen) unter den Schönsten. Ist sie liebenswürdig, so wird sie euch desto stärker einnehmen; ist sie tugendhaft, so wird sie euch nicht verführen; ist sie klug, so wird sie sich von euch nicht verführen lassen. Ihr könnet sie also ohne Gefahr lieben." – "Aber dabei finden wir unsre Rechnung nicht; die Frage ist, wie wir es anstellen sollen, um von ihr wieder geliebt zu werden." – "Allerdings; dies wird eben die Kunst sein! Ich wehre euch nicht, den Versuch zu machen; und ich stehe euch dafür, wenn sie und ihr jedes das Seinige tut, so werdet ihr euern Roman zehn Jahre durch ohne sonderlichen Schaden fortführen, und, wofern ihr euch nicht etwann einfallen laßt, ihn in eben so viel Bänden heraus zu geben, so wird die Welt wenig dagegen zu erinnern haben."

(entnommen: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 77, Januar 1992, S. 8f)
(s.a. Kapitel 66 auf: Gutenberg)




Abb.: Michelangelo, Sixtinische Kapelle, Das erste Menschenpaar (Wiki)