Donnerstag, 8. März 2018

Wilhelm Furtwängler - Der bedeutendste Dirigent seiner Zeit

Die "Ära Furtwängler" und die "Ära Karajan" 
- Wären sie nicht geeigneter zur Benennung der Epocheneinteilungen des 20. Jahrhunderts überhaupt?

Die politische Geschehen des 20. Jahrhunderts war voller Abgründe, voller Ekelhaftigkeiten. Und doch hat sich parallel dazu eine Höhe der Geistigkeit und Kultur erhalten, die bewundernswert sind. Dieser Umstand ist im Grunde kaum nachvollziehbar. Auf der einen Seite eine solche Verworrenheit, eine solche Vielzahl von Verbrechen an den Völkern und Kulturen. Und auf der anderen Seite schwingt sich das Kulturleben - geradezu mühelos - hinaus zu höchsten Höhen. Wie ist das möglich? Dem denkenden Betrachter darf dieser Umstand viele Fragen aufgeben.

Eine der ersten könnte lauten: Warum sprechen wir hinsichtlich des Zwanzigsten Jahrhunderts eigentlich von dem Jahrhundert der größten Unheilsgestalten der Geschichte, von dem Jahrhundert Stalins, Hitlers, Churchills oder Roosevelts? Warum sprechen wir nicht lieber - zum Beispiel - - - - von dem Jahrhundert Wilhelm Furtwänglers, von dem Jahrhundert Herbert von Karajans? Muß man eine solche Kennzeichnung nicht für viel angemessener halten? Denken wir bei der Eiszeit zuerst an die vielen Grausamkeiten, die zwischen Menschen vorkamen oder an die Höhlenmalereien und Elfenbeinschnitzereien? Denken wir bei der antik-griechischen Kultur zuerst an die vielen Kriege und innerstädtischen Zwistigkeiten oder an die erhabenen Bildwerke und Bauwerke, die wir bis heute bewundern? Denken wir beim Mittelalter an die vielen Grausamkeiten, an die Inquisition oder nicht doch viel eher an die erhabenen Dome?

Gewiß war es das ausgesprochene oder unbewußte Ziel eines großen Teiles der Geschichte- und Kulturgestaltung des 20. Jahrhunderts, uns von eigentlicher Kultur und von der kulturellen Überlieferung früherer Generationen zu trennen. Gewiß. Ist es denn gelungen? Nein, mühelos schwingt sich das Gottlied der Kultur über die Zeiten hinaus und bringt uns in Sphären würdigen Menschseins. Dies gilt auch noch für heutige Zeiten. Und so wollen wir den Blick einmal auf einen der großen, bedeutenden Menschen des 20. Jahrhunderts richten, auf Wilhelm Furtwängler.


Abb. 1: Wilhelm Furtwängler - (Wohl) Nachträglich kolorierte Aufnahme

Wilhelm Furtwängler (1886-1954) (Wikiengl) hat seine Zeitgenossen beeindruckt in einem Ausmaß, das man sich heute kaum noch vorstellen kann. Nur wenn auch heutige Musikexperten (1) und zahllose Dirigenten heutiger Zeit oder in der Zeit nach Wilhelm Furtwängler über Wilhelm Furtwängler sprechen, gewinnt man einen Eindruck davon. Für die meisten Dirigenten seit Wilhelm Furtwängler ist er das große Vorbild. Auch für Herbert von Karajan war er das große Vorbild (neben Toscanini). Vielleicht kann eine wohl nachträglich kolorierte Fotografie Furtwänglers etwas von dem Faszinierenden, Belebenden  der Persönlichkeit Furtwänglers einfangen und deutlich machen (Abb. 1).

Es gibt viele Möglichkeiten, sich über Leben und Persönlichkeit von Wilhelm Furtwängler kundig zu machen, auf Wikipedia, Youtube und in ("Offline-")Bibliotheken (1-34). Als erstes fällt da auf, daß zumindest gegenwärtig eine Annäherung an das Leben von Wilhelm Furtwängler über das englischsprachige Wikipedia viel leichter und differenzierter möglich ist als über das deutschsprachige. Insbesondere auf dieses englischsprachige wird im folgenden auch häufig Bezug genommen, zumal der hier vorliegende Beitrag bis auf weiteres ganz ohne Besuch von Offline-Bibliotheken verfaßt worden ist (der aber dringend zur Klärung vieler weiterer Fragen notwendig wäre).

In einer schon älteren Film-Dokumentation (die derzeit leider nur auf Englisch verfügbar zu sein scheint) (4) wird eine erste respektvolle Begegnung mit seinem Leben möglich. Man gewinnt insbesondere einen Eindruck von den Jugendjahren Furtwänglers, von einem Aufenthalt in Griechenland als junger Mensch als er seinen Vater zu einer Ausgrabung nach Ägina begleitete und von seinen Gefühlen, die er damals in Briefen an seine Verlobte zum Ausdruck brachte. Furtwänglers langjährige Privatsekretärin Berta Geissmar (Wiki, engl) schrieb 1944 über Furtwänglers Jugend (11; zit. n. engl. Wikipedia; eigene Übersetzung):
Furwängler wurde im Skifahren so gut, daß er fast Höchstleistungen darin erreichte. .... Fast jeder Sport zog ihn an: Er liebte Tennis, Segeln, Schwimmen .... Er war ein guter Reiter.
Im Internet findet sich eine Fotografie, auf der zu sehen ist, wie Furtwängler Anfang der 1930er Jahre hoch zu Pferde zu einer Orchesterprobe in Bayreuth ritt. Es wird auch berichtet von seiner Liebe zum Bergsteigen und Klettern. Nach dem Namen seines Bruders ist sogar ein Berggipfel benannt, weil dieser aus dem Bergsteigen einen Beruf gemacht hat. All solchen Dingen wird man eine gewisse Bedeutung zumessen dürfen, wenn man Furtwängler sonst in Bild- und Tondokumenten immer nur als den älteren Dirigenten wahrnehmen kann.

1900 bis 1907 - Furtwänglers erste große Liebe


Abb. 2: Bertele von Hildebrand
Die erste große Liebe eines Lebens kann einen großen Glanz und hellen Schein über das ganze weitere Leben werfen. So jedenfalls scheint es bei Wilhelm Furtwängler gewesen zu sein. Er und seine Geschwister waren in guter Freundschaft verbunden mit den Kindern des Bildhauers Adolf von Hildebrand (1847-1921) (Wiki, engl). Man musizierte gemeinsam, man machte gemeinsame Touren in die Berge. Und eine der Töchter der Hildebrands war Bertele von Hildebrand. Beide lernten sich im Jahr 1900 kennen als Furtwängler 15 Jahre alt war. Schon ein Jahr später verlobten sie sich. Und sie blieben fünf Jahre miteinander verlobt, bis zu Furtwänglers 20. Lebensjahr. Es scheint sich bei beiden um frühreife Menschen gehandelt zu haben. Sie bezeichneten beide die Verlobung später als Ehe. 1909 heiratete Bertele den Komponisten Walter Braunfels (1882-1954) (Wiki) (33). Und es wird berichtet, was Bertele nach dem Tod beider Männer über ihre Beziehung zu Furtwängler erzählte (34, S. 32):
Die Beziehungen zwischen Wilhelm Furtwängler und Walter Braunfels blieben zeitlebens davon überschattet, daß der Komponist Bertele von Hildebrand geheiratet hatte, die mit Wilhelm Furtwängler verlobt gewesen war. Drei Jahre nach beider Tod schilderte Bertele Braunfels die entscheidende Begegnung mit dem gleichaltrigen „Willy“ im Dezember 1900: „den jungen Furtwängler sah ich erst wieder, als er vierzehn Jahre alt war. ... Er war vollkommen ausgewachsen (wurde da auch gleich 15 Jahre alt), sehr schlank und groß; blondes wild gelocktes Haar; sehr starke Augenbrauen über seinen feurigen, schönen, ausdrucksvollen Augen. ..... Er hatte etwas Sieghaftes und machte mir gleich einen riesen Eindruck. ... Im darauffolgenden Winter verlobten wir uns. ... Wir glichen Zweien, die tief verbunden in großer Liebe durch Länder ziehen. Nicht versunken ineinander, sondern in die Herrlichkeit, die uns aufging und uns umgab, und das Hauptland war die Musik, durch das er mich führte. Nach fünf Jahren fühlten wir „die Qualen der langen Verlobung, waren längst reif zu heiraten, aber viel zu jung. ... Er schrieb auch viel weniger, kam dann zu Weihnachten auf ein paar Tage und löste selbst die Verlobung auf. ... Plötzlich wachte er dann auf und das war furchtbar. ... Er schrieb mir: All das vom Fortgehen ist ja falsch, ich will dich wiedersehen so bald wie möglich, ich laß mir meine Hoffnung nicht nehmen.“ Furtwänglers Werben blieb jedoch vergeblich, Bertele von Hildebrand hatte sich inzwischen Walter Braunfels zugewandt, den sie 1909 heiratete. Die Briefe, die Willy und Bertele während ihrer Verlobungszeit gewechselt hatten - sie bezeichneten sie im Rückblick als Ehe - bewahrten sie beide auf.
Abb. 3: Bertele von Hildebrand
in der Verlobungszeit mit Furtwängler
Vielleicht ist es so: Wer einmal im Leben so starke, nach innen gekehrte und gerichtete Liebe erlebt hat und wer zugleich manche geniale Begabung in sich trägt, für den muß es nicht das unwahrscheinlichste Geschehen sein, wenn aus ihm eine bedeutendere Gestalt für das Kulturleben werden kann. Eine große Liebe kann durch ein ganzes Leben tragen. 1907, als Furtwängler 21 Jahre alt war, starb sein Vater. Furtwängler mußte nun selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Und dies tat er mit Dirigieren.

Eine BBC-Radiodokumentation aus dem Jahr 1964 (3), veröffentlicht zehn Jahre nach dem Tod Wilhelm Furtwänglers, kann einen sehr begeistern. In ihr erhält man einen geradezu hinreißenden Zugang zu dem Musizieren Furtwänglers. Zu dieser Zeit zitterte ja sozusagen die Erinnerung an Furtwänglers Musizieren in der Musikwelt weltweit noch "nach". Dieser Umstand kommt in vielen gebrachten Interviews zum Ausdruck. Um sich in die englische Sprache der Sendung hinein zu hören, macht es wirklich Sinn und es lohnt sich, einzelne Passagen der Sendung zwei mal zu hören.

Vierzehn Jahre später dirigierte Furtwängler im Jahr 1921 einmal in Hannover die 8. Sinfonie Bruckners (3)(5'03ff). Einen Tag nach dem Konzert sagte der dortige Orchesterleiter zu seinem Schüler: "Ja, es war ein wundervolles, wundervolles Konzert, aber er holt die Seele aus einem heraus, deshalb kann man so etwas höchstens zwei mal im Monat machen, es wäre sonst zu harte Arbeit für uns." Aufführungen von Bruckner-Sinfonien waren es, mit denen Furtwängler überhaupt seine ersten Erfolge hatte.

Insbesondere die Wiedergabe des Cembalo-, bzw. Klaviersolos des Brandenburgischen Konzerts Nr. 5 von Johann Sebastian Bach, gespielt von Wilhelm Furtwängler selbst, zieht einen unmittelbar in Bann (3) (etwa 11'00). Und auch das, was Berthold Goldschmidt, Hans Keller und Daniel Barenboim über Furtwänglers Bach-Interpretation sagen, ist sehr interessant (3) (10'25-16'32):
Die Kritik mochte Furtwänglers Bach nicht, obwohl sie den enormen Erfolg seiner Aufführung der Brandenburgischen Konzerte anerkannte. Bei der nächsten Probe sagte Furtwängler dazu: "Zu viele Menschen denken, daß wenn sie von der Musik von Bach nicht gelangweilt sind, sie nicht im richtigen Stil gespielt worden ist."
Auch die gebrachte Interpretation einer Bruckner-Sinfonie, zu der womöglich ansonsten nicht jeder leicht Zugang finden würde, spricht unmittelbar an. Ab 44'33 erzählt eine Tochter - offenbar eines Fahrers oder Hausmeisters von Furtwängler über diesen (3) (44'33):
Ich erinnere mich immer an seine Kraft sich zu konzentrieren, die etwas wirklich sehr Außerordentliches war. Seine Art, in der er aus dem gewöhnlichen, alltäglichen Leben heraus und hinüber wechseln konnte zu seinem eigenen Leben. Zum Beispiel konnte er eine halbe Stunde vor dem Beginn seines Konzerts beim Essen sitzen und wenn mein Vater kam und sagte: "Sie müssen jetzt kommen, der Wagen steht schon draußen", dann konnte er sagen: "Oh, ... warten Sie einen Moment, ich möchte ein kleines Nickerchen machen." Und auf seinem Stuhl sitzend schlief er für fünf Minuten ein. Und als er wieder aufwachte, war er in einer völlig anderen Welt. Man konnte ihn immer noch ansprechen und er antwortete auf die Fragen. Aber irgendwie war er weit weg.
Er konnte zwei Stunden im Garten sitzen und ganz ohne Partitur vor einem imaginären Orchester dirigieren, ohne sich um die Kinder zu kümmern, die um ihn herum spielten, so erzählt sie.

Der "Damenwald" hinter Wilhelm Furtwängler


Über Furtwänglers sehr besonderes Verhältnis zu Frauen berichtet die langjährige Privatsekretärin, mit der Furtwängler auch lange Telefonate führte, die später von der Gestapo abgehört wurden, womit man ihn während des Dritten Reiches auch zu erpressen versuchte (zit. n. Wiki):
Er war ein Genie, zusammengesetzt aus intellektueller Direktheit und fast exzessiver Schüchternheit, dessen Ängstlichkeit ihn bei jedem gesellschaftlichen Anlaß geradezu unsichtbar machte, der aber eine so große Anziehungskraft auf Frauen ausübte, daß sie, wenn sie nicht seinem musikalischen Genie zum Opfer fielen, stark von seiner Persönlichkeit eingenommen wurden.
A "genius compounded of intellectual directness and an almost excessive shyness: whose timidity made him efface himself in any gathering, but who had such a great attraction for women that, if they did not fall victim to his musical genius, [they] were fascinated by his personality."
Und von solchen Frauen scheint es unglaublich viele gegeben zu haben. Seine zweite Ehefrau spricht von einem ganzen "Damenwald", der hinter Furtwängler gestanden habe, als sie ihn 1940 kennenlernte (7). Indem man sich diese Frauenbekanntschaften ansieht, bekommt man zugleich auch einen guten Einblick in das deutsche Kulturbürgertum der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Denn diese Frauen stammen mehrmals aus recht bekannten Familien. Im Internet findet man dazu aber einstweilen nur bruchstückhafte Ausschnitte. Das folgende wird also künftig nach Bibliotheksbesuch noch zu ergänzen sein.

Furtwängler hatte zwei Söhne und vier Töchter: Wilhelm (Geburtsjahr nicht bekannt), Dagmar (geb. 1920), Friederike (geb. 1921), Iva (geb. 1922), Almut (geb. 1934) und Andreas, sein letztes Kind (36). Sie hatten wohl alle andere Mütter.

Seit 1911 kannte Furtwängler die Schauspielerin Elisabeth Huch (1883-1956), eine Tochter der deutschen Schriftstellerin Marie Huch (1853-1934) (Wiki), (Diese war wiederum Tochter des deutschen Schriftstellers Friedrich Gerstäcker (1816-1872) (Wiki), eines zu seiner Zeit sehr bekannten und viel gelesenen Reiseschriftstellers. Er schrieb im etwas "gefühlvollen" Stil der damaligen Zeit.) Furtwängler wollte Elisabeth Huch heiraten. Aber da sie zwei Jahre älter war als er, wollte sie darauf nicht eingehen. Und das, obwohl er zeitlebens für sie die große Liebe ihres Lebens war und blieb. So berichtet es ihre gemeinsame Tochter Friederike Huch (spätere verheiratete Kunz) 2010 (8). Als sie ihn später dann doch heiraten wollte, so erzählt die Tochter weiter,
war er berühmt geworden und hatte unendlich viele Erlebnisse.
Gemeint ist natürlich: mit Frauen. Aus diesen Frauenbekanntschaften, -affären und aus den Beziehungen mit diesen gingen mehrere uneheliche Kinder hervor. 1920 wurde (offenbar) Furtwänglers uneheliche Tochter Dagmar Bella geboren (MyHeritage), die spätere Pianistin Dagmar Bella-Sturli (1920-1999), die (offenbar) mit ihrem Vater auch Konzerte gab (s. Google Gruppen). Außerdem gab es noch den unehelichen Sohn Wilhelm "Willi" Furtwängler.

Abb. 4: Wilhelm Furtwängler, 1920er Jahre
1921 wurde die schon genannte Tochter Friederike Huch in München geboren. Sie ist Anfang der 1940er Jahre Schauspielerin geworden und wurde selbst nach dem Krieg Mutter von sieben Kindern. In einem Interview des Jahres 2010 blickt sie sehr gelassen auf ein rundum erfülltes Leben zurück. Sie sagt auch, daß sie ein ausgesprochenes Wunschkind ihrer Mutter gewesen war (8). Und ähnliches berichtet Furtwänglers zweite Ehefrau Elisabeth auch über die anderen unehelichen Kinder Furtwänglers, die in dieser Zeit geboren wurden (n. Shirakawa):
Die Frauen, von denen er Kinder hatte, waren alle über dreißig und sie wußten alle sehr genau, was sie taten - Sie verstehen, was ich meine. Wilhelm aber hatte niemals im geringsten die Absicht, sie zu heiraten, auch wenn er mit ihnen immer in gutem Einvernehmen blieb.
Eine seiner Geliebten war eine Frau Hutchinson, die 1922 die gemeinsame Tochter Iva Hutchinson auf die Welt brachte. Er hatte offenbar mit Mutter und Tochter noch bis 1935 einen gemeinsamen Haushalt. Sie lebten in München. 1935 aber kam es aber (offenbar) zu einer Trennung mit ihr. Die Beziehung hatte unter den langen Zeiten der Abwesenheit Furtwänglers gelitten. Eine Bekannte war bei einem Gespräch beider miteinander anwesend und schrieb anschließend in einem Privatbrief (GB):
Da er die Frau zu lange allein ließ, ist nun vieles schwierig geworden. (...) Darum reist er ab.
Verstanden war dies von ihr so, daß Furtwängler um der Trennung von dieser Frau willen 1935 die ihm angebotene Stelle in New York annehmen wollte, die er dann doch nicht annahm, was auch viele politische Gründe und Folgen hatte.

Am 22. Mai 1923 heiratete Furtwängler die gleichaltrige Dänin Zitla Lund, eine außerordentlich schöne Frau, die er erst drei Monate zuvor kennen gelernt hatte. Zitla Lund war zum Zeitpunkt des Kennenlernens in zweiter Ehe mit einem Millionär verheiratet gewesen. Aber Furtwänglers außerordentlicher Charme scheint ausgereicht zu haben dafür, daß sie sich sofort scheiden ließ, um Furtwängler zu heiraten. Elisabeth Furtwängler erzählte dem Furtwängler-Biographen Shirakawa, daß Zitla ihr einmal gesagt habe, daß sie so wohlhabend geblieben wäre, wenn sie mit ihrem zweiten Ehemann zusammen geblieben wäre, und daß sie sich wundern muß, warum sie ihn für Furtwängler verlassen habe. (Die zweite Ehefrau Wilhelm Furtwänglers macht in vielen ihrer Äußerungen einen gefühlsmäßig außerordentlich "nüchternen", ja, unbeseelten Eindruck, so daß man sich wundern muß, daß Furtwängler mit ihr sein letztes Lebensjahrzehnt verheiratet war. Das Interview mit ihr muß nicht unbedingt den besten Eindruck von Furtwängler selbst und auch von ihr geben. Auch in den eben getätigten Ausführungen hebt sie außerordentlich materielle Motive für das Bedauern darüber hervor, sich haben scheiden zu lassen um eines anderen Mannes willen.) Die Anziehung zwischen Zitla Lund und Wilhelm Furtwängler scheint nicht von langer Dauer gewesen zu sein, beide scheinen schon ziemlich bald nach der Hochzeit andere Beziehungen eingegangen zu sein.

Die Schauspielerin Irmgard (Irme) Schwab (1905-1995) (MyHeritage) scheint eine gebürtige Polin gewesen zu sein (GB) (?). Sie bekam 1934 die gemeinsame Tochter Almut, spätere verheiratete Hahn. In der Ausgabe der Furtwängler-Briefe aus dem Jahr 1965 sind auch Briefe an seine Tochter Almut enthalten und es ist in den Briefen von ihr die Rede (GB). Bis 1941 hatte er fünf bekannte uneheliche Kinder. Und manche vermuteten, daß es noch uneheliche Kinder gab, die nicht bekannt wurden. (Wenn jetzt die Menschen - wie der Autor dieser Zeilen - auf MyHeritage ihre Gene sequenzieren lassen, könnten noch weitere Nachkommen Furtwänglers festgestellt werden.)






Auf die berufliche Karriere Furtwänglers soll im vorliegenden Beitrag nicht eingegangen werden, auch nicht auf die vielen überlieferten Tonaufnahmen von Konzerten, die Furtwängler gegeben hat. Auf Youtube kann man sich von ihnen vielfältige Eindrücke verschaffen.

1933 - Für Furtwängler sind die Nationalsozialisten eine "Schweinerei"


Kraftvoll setzte sich Furtwängler 1933 und danach für deutsches Kulturbewußtsein ein. Es ist eine Freude, Furtwängler zu erleben, wie geradezu "saftig" er es jenen Nationalsozialisten wieder und wieder "gab", die dafür kein Gespür hatten. Und es ist hochgradig bedauerlich, daß so viele Verehrer Furtwänglers im In- und Ausland sich darüber noch heute oft so wenig scheinen freuen zu können, nur weil Furtwängler in späteren Jahren des Dritten Reiches - gegen seine eigenen Prinzipien - zwei oder drei Konzerte mit eindeutigerem politischen Bezug gegeben hat. Meines Erachtens fällt das kaum ins Gewicht, wenn man sieht, mit welcher lebendigen Freudigkeit der Furtwängler die nationalsozialistische Regierung aus tiefster Seele verachtet und gehaßt hat und wie er auch - zumindest in den Anfangsjahren - dabei aus seinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht hat. In der deutschen Musik geschah damals das gleiche wie in der deutschen Physik und Naturwissenschaft: Hervorragende Wissenschaftler jüdischer Herkunft verloren ebenso ihre Stellen wie hervorragende Künstler jüdischer Herkunft. Wilhelm Furtwängler stand an der Spitze des deutschen Musiklebens. Er wurde seiner Stellung vollkommen gerecht. Anfang Mai 1933 schrieb er an Josef Goebbels ein sehr, sehr schönes Schreiben, aus dem nur die folgenden Kernsätze gebracht seien. Den Kampf der Nationalsozialisten gegen die Verflachung des Kulturlebens begrüßte Furtwängler, aber, so schrieb er weiter:
 
Wenn dieser Kampf sich auch gegen wirkliche Künstler richtet, ist das nicht im Interesse des Kulturlebens. Schon weil Künstler, wo es auch sei, viel zu rar sind, als daß irgendein Land sich leisten könnte, ohne kulturelle Einbuße auf ihr Wirken zu verzichten. Es muß deshalb klar ausgesprochen werden, daß Männer wie Walter, Klemperer, Reinhardt usw. auch in Zukunft in Deutschland mit ihrer Kunst zu Worte kommen müssen. Deshalb noch einmal: Unser Kampf gelte dem wurzellosen, zersetzenden, verflachend destruktiven Geiste, nicht aber dem wirklichen Künstler, der in seiner Art immer, wie man seine Kunst auch einschätzen möge, ein gestaltender ist und als solcher aufbauend wirkt. 
Ich unterstreiche seine Worte drei und vier mal. Im Juni 1933 notierte er sich in Vorbereitung auf ein Gespräch mit Goebbels (zit. n. Wiki): 
Die jüdische Frage in der Sphäre der Musik: eine Rasse brillanter Leute! 
(Rückübersetzt von: "The Jewish question in musical spheres: a race of brilliant people!")
Auch diesen Satz unterstreiche ich drei oder vier mal und freue mich an ihm. Die führenden Gestalten der NSDAP waren - was solche Fragen betrifft - Barbaren. Punkt. 1934 nannte Furtwängler Hitler öffentlich einen "Feind der Menschheit" und die politische Situation in Deutschland eine "Schweinerei". Und daran soll man sich nicht freuen? Im September 1935 berichtete der Bariton Oskar Jölli, ein Parteimitglied, an die Gestapo, daß Furtwängler gesagt hatte (zit. n. Wiki):
Die an der Macht sollten alle erschossen werden, es wird sich nichts ändern, so lange das nicht geschehen ist.
Ob man Erschießen befürworten soll, bleibe dahin gestellt. Das ist einem Rechtsstaat nicht angemessen. Erich Ludendorff zum Beispiel hatte in jener Zeit gefordert, sie sollten alle vor Gericht gestellt werden, das hätte ja reichen sollen. Bis Januar 1936 durfte Furtwängler auf Befehl Hitlers nicht mehr dirigieren. Dann boten ihm Hitler und Goebbels teure Geschenke an. Furtwängler lehnte sie ab. Hitler gegenüber war er keineswegs derart bestechlich wie es etwa selbst der Reichspräsident Paul von Hindenburg gewesen war, dessen Bereitschaft zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler mit seinem hoch verschuldeten ostpreußischen Gut Neudeck "erkauft" werden konnte von den Nationalsozialisten (siehe Beiträge dazu auf unserem Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!"). In Bayreuth kam es erneut zu einem Gespräch zwischen Hitler und Furtwängler. Ein Mitglied der Familie Wagner - Friedelind Wagner (1918-1991) (Wiki, engl) - erlebte es persönlich mit und berichtete darüber (in Rückübersetzung) (zit. n. Wiki): 
Ich erinnere mich, daß sich Hitler an Furtwängler wandte und ihm sagte, daß er sich dazu durchringen solle, sich für Propagandazwecke der Partei benutzen zu lassen, und ich erinnere mich, daß Furtwängler das kategorisch ablehnte. Hitler wurde wütend und sagte Furtwängler, daß für diesen Fall ein Konzentrationslager für ihn bereit stünde. Furtwängler antwortete leise: "In diesem Fall, Herr Reichskanzler, wäre ich wenigstens in guter Gesellschaft." Hitler konnte noch nicht einmal antworten und verließ den Raum. 
(Rückübersetzung von: I remember Hitler turning to Furtwängler and telling him that he would now have to allow himself to be used by the party for propaganda purposes, and I remember that Furtwängler refused categorically. Hitler flew into a fury and told Furtwängler that in that case there would be a concentration camp ready for him. Furtwängler quietly replied: "In that case, Herr Reichskanzler, at least I will be in very good company." Hitler couldn't even answer, and vanished from the room.)
Was für herrliche Worte, die da einem Diktator ins Angesicht gesprochen wurden. Furtwängler brachte Hitler dieselbe Haltung entgegen wie zu gleicher Zeit - unter anderem - das Ehepaar Erich und Mathilde Ludendorff, dem Hitler ja auch verschiedentlich mit KZ und Ermordung drohte. Und über all das soll man sich nicht freuen? Nun, vieles davon wurde ja damals in der großen Öffentlichkeit gar nicht bekannt. Und zumindest der große italienische Dirigenten-Kollege Furtwänglers, Toscanini, freute sich gar nicht über Furtwängler. Er kritisierte auf den Salzburger Festspielen desselben Jahres Furtwängler dafür, daß er überhaupt für das Dritte Reich arbeite. Furtwängler versuchte, sich durchgehend an den Grundsatz zu halten, daß er Politik und Kunst voneinander streng trennte. Nur bei ganz wenigen Gelegenheiten gelang es den Nationalsozialisten, ihn zu übertölpeln oder mehr oder weniger zu erpressen, diesen Grundsatz nicht einzuhalten. Furtwängler jedenfalls war klar wie selten jemand dem deutschen Widerstand gegen Hitler und den Nationalsozialismus zuzurechnen.


Abb. 5: Furtwängler und der Bühnenbildner Emil Preetorius (Wiki) in Bayreuth 1937

Furtwängler kritisierte in einem Brief an Winifred Wagner, den er zugleich an Hitler, Göring und Goebbels schickte, daß sie das Erbe Richard Wagners verraten würde, indem sie rassische und nicht künstlerische Maßstäbe bei der Wahl der Künstler anwende würde, und indem sie ihr "Vertrauen in die Macht des autoritären Staates" setze.  Furtwängler war also immer noch absolut freimütig.


Furtwängler hatte in seiner Jugend von einem Schüler seines Vaters zeitweise Klavierunterricht erhalten. Es war dies der Archäologen, Kunsthistoriker und Musikwissenschaftler Walter Riezler (1878-1965) (Wiki), der damals auch Hauslehrer in der Familie von Hildebrand war. 1933 hat Riezler - als Befürworter der modernen Kunst - seine Stellung als Museumsleiter in Stettin verloren, ebenso wie die von ihm heraus gegebene Kunstzeitschrift "Form". 1936 veröffentlichte Riezler aus seiner Zurückgezogenheit heraus ein Beethoven-Buch. Furtwängler schrieb dafür das Vorwort. 1938 erschien das Buch auch in den USA (35).

Gleich nach dem Anschluß Österreichs im März 1938 sah Furtwängler eine Hakenkreuzfahne in dem Wiener Konzertsaal, in dem er dirigieren sollte. Er ließ sie abhängen, bevor er anfing zu dirigieren. Weiterhin: absolut freimütig.

1939 nahm er den Orden der Ehrenlegion der französischen Regierung an. Das wurde in Deutschland als Affront empfunden und in der deutschen Presse durfte darüber nicht berichtet werden. Er handelte weiter absolut freimütig.


Nach Beginn des Krieges weigerte sich Furtwängler allezeit, in von Deutschland besetzten Gebieten - insbesondere in dem von ihm sehr geliebten Frankreich - zu konzertieren. Nur bei einem Konzert in Prag machte er eine Ausnahme. Und dort spielte er den Nationalkomponisten der Tschechen: Smetana.


1940 - Seine zweite Ehe bahnt sich an


Nun noch ein Blick in sein Privatleben in dieser Zeit. Zwischen 1936 und 1940 war Wilhelm Furtwängler - unter anderem - mit Maria Daelen befreundet und liiert, eine Ärztin, die vorher schon mit vielen anderen Männern liiert war. Sie stammte aus der ersten Ehe ihrer Mutter Katharina von Kardorff-Oheimb (1879-1962) (Wiki). Letztere war eine privat, frauenrechtlich und politisch umtriebige Frau gewesen. Sie galt zeitweise - Mitte der 1920er Jahre - als politische Beraterin des deutschen Reichskanzlers Gustav Stresemann
(Wiki). Sie war in ihrem Leben mit vier Ehemännern verheiratet und hatte sechs Kinder bekommen. Ihr bekannter und einflußreicher liberaler politischer Salon in Berlin wurde - beispielsweise - 1930 in einem Gedicht von Kurt Tucholsky verspottet. Der Tenor des Gedichtes lautete: Sie könne noch so geziert-betulich-geistreich fortschrittlich sein in ihrem Salon, die roten Arbeiterbataillone seien "schneller" als sie und würden über sie und ihr Wirken hinweg gehen. Und wie nebenbei wirft dieses Gedicht ein Licht auf die Frage, warum so viele Deutsche damals die NSDAP gewählt haben. - Über ihre Tochter Maria Daelen nun lernte Furtwängler auch deren jüngere Halbschwester kennen, die damalige Elisabeth Ackermann, die aus der zweiten Ehe der gemeinsamen Mutter hervorgegangen war. Im Juni 1940 wurde diese Elisabeth Ackermann mit vier Kindern Kriegerwitwe, nachdem ihr erster Mann als Soldat in Paris beim Hantieren mit Schußwaffen tödlich verunglückt war. Viele Details über ihr Leben hat diese Elisabeth Furtwängler (1910-2013) (Wiki) erst 2007 in einem Buch veröffentlicht, über das es im Klappentext heißt (Amaz, 2007):

Mit vier Kindern und im Alter von 30 Jahren wird sie Kriegerwitwe und lernt 1940 den 25 Jahre älteren Dirigenten kennen. Er ist mit Maria, ihrer Lieblingsschwester liiert. Daß er sich für Elisabeth entscheidet, ist der Ausgangspunkt tiefgreifendster Konflikte. Davon zeugen die etwa 500 Briefe, von denen in diesem Buch zum ersten Mal eine prägnante Auswahl abgedruckt wird. Die Dokumente zeigen ganz neue Facetten des Musikgenies Furtwängler und geben einen tiefen Einblick in das Innenleben seiner ihm ergebenen und doch selbstbewußten Ehefrau.
In dieses Buch also muß unbedingt noch ein Blick geworfen werden, wenn ein vollständiges Bild von Person und Wirken von Wilhelm Furtwängler gewonnen werden soll. Im Sommer 1941 schickt Wilhelm Furtwängler Elisabeth Ackermann sein Porträt mit Widmung und zeigt ihr sein Haus in Potsdam. Seinen Annäherungsversuch, der heute recht eindeutig als "sexuelle Belästigung" gelten würde, weist sie da noch mit einem kräftigen Rippenstoß zurück. Aber am 1. Januar 1942 fahren die beiden Schwestern nach Wien, um Furtwängler zu treffen. Und dort verliebt sich Elisabeth in Wilhelm Furtwängler. Das charakterisiert sie im Interview sehr schön. Es sei gewesen, wie wenn Amor seine Pfeile versendet und dabei ganz "Unschuldige" träfe. Eine irre Zeit! Und irgendwie auch irre Leute. Nun durfte sie Furtwängler auch küssen. Und sie war am Abend danach damit "zufrieden". Und nun begann ein intensiver Briefwechsel zwischen Wilhelm Furtwängler und Elisabeth Ackermann. Im Juni 1942 sahen sie sich in Heidelberg wieder, wo die Mutter Furtwänglers lebte. Furtwängler sprach ihr gegenüber gleich von Ehe. Elisabeth sagte im Interview noch lange nach seinem Tod dazu:
Ehe - der Furtwängler, ausgerechnet er, mit diesem - ich meine, wie soll ich sagen - "Damenwald" hinter ihm!
Wie gesagt: Irre Leute. Nun, und doch wurde diese Ehe schließlich geschlossen, in aller Heimlichkeit. Aber das "Ja!" habe Furtwängler sehr laut heraus gerufen auf dem Standesamt.



Abb.: Wilhelm Furtwängler (1944?)


1944 - "Große Hochachtung bringt der Führer Furtwängler entgegen"


Zurück zur Politik. Zu dieser können im vorliegenden Beitrag natürlich noch nicht alle Zusammenhänge vollständig dargestellt werden. Aber am 4. März 1944 schreibt Joseph Goebbels in sein Tagebuch:

Große Hochachtung bringt der Führer Furtwängler entgegen. Er hat sich in nationalen Fragen tadellos benommen; das werden wir ihm nach dem Kriege nicht vergessen. Der Führer hat angeordnet, daß ihm ein Bunker gebaut ...
Dieser Bunker wurde ihm tatsächlich in sein Wohnhaus in Berlin gebaut. Furtwängler weigerte sich aber, ihn zu benutzen. Er ließ sich weiterhin nicht kurzerhand "Geschenke" geben. Goebbels schrieb weiter in sein Tagebuch:

Er ist nie Nationalsozialist gewesen, hat auch nie ein Hehl daraus gemacht.
Das hätte Juden und Emigranten ausgereicht, um ihn als einen der ihren zu erachten, als eine Schlüsselfigur der sogenannten "inneren Emigration". Furtwänglers Haltung gegenüber ihnen, den Nationalsozialisten, hätte sich nie geändert. Er sei eine "Persönlichkeit aus einem Guß", auch sei er im Bombenkrieg nicht aus Berlin "ausgerissen wie viele andere sogenannte Künstler", sondern habe sich voll in den Dienst seines Berliner Publikums gestellt. Englisch (zit. n. Wiki):
"Furtwängler has never been a National Socialist. Nor has he ever made any bones about it. Which Jews and emigrants thought was sufficient to consider him as one of them, a key representative of so-called 'inner emigration'. Furtwängler['s] stance towards us has not changed in the least ...."
Nun, was von dem "Lob" eines Joseph Goebbels zu halten ist - nach der einen oder anderen Richtung hin - ist ja allgemein bekannt. Wenn es im Dritten Reich auch viele "falsche Fufziger", verlogene Politiker gab - Goebbels war sicherlich einer der verlogensten unter ihnen. Der Justizminister Gürtler sagte dazu in anderem Zusammenhang, daß Goebbels es fertig brächte, noch aus der hell leuchtendsten Wahrheit ein Lüge zu machen.

1946 - Wilhelm Furtwänglers "Entnazifizierung"


Ein Mann wie Wilhelm Furtwängler mußte "entnazifiziert" werden, man glaubt es kaum. Und nichts ist kennzeichnender für diese sogenannte "Entnazifizierung" wie dieser Umstand. Der zum Deutschenhasser und "Antideutschen" gewandelte deutsche Schriftsteller Thomas Mann, der schließlich sogar Kriegsverbrechen wie die Zerstörung seiner Heimatstadt Lübeck schönredete, schrieb - wie konnte es wohl anders sein - eine Schrift gegen Wilhelm Furtwängler, den auch er bis 1933 verehrt hatte. Am 6. August 1946 hatte ein "Deutscher Prüfungsausschuß" festgestellt:
Der Deutsche Prüfungsausschuß ist der Ansicht, daß Herrn Dr. Wilhelm Furtwängler das Dirigieren gestattet werden kann. Der Ausschuß ist nicht der Ansicht, daß Herrn Dr. Furtwängler zur Zeit eine direktorale Tätigkeit übertragen werden sollte.
In der Begründung hieß es:
Belastend für Herrn Dr. Furtwängler ist, daß er den Widerstand, den er anfangs gegen die kulturpolitischen Forderungen des Dritten Reiches leistete, 1935 aufgab und von diesem Zeitpunkt ab - zumindest für die deutsche Öffentlichkeit - mit dem Gewicht seiner künstlerischen Bedeutung den kulturellen Interessen des Dritten Reiches diente. Diesem Verhalten stand keine antifaschistische Aktion von Bedeutung gegenüber.
Nun, er hatte nicht den kulturellen Interessen des Dritten Reiches gedient, sondern den kulturellen Interessen Deutschlands. Aber das konnten Leute wie Thomas Mann und Menschen seines Geistes damals nicht mehr auseinander halten. Furtwängler beantragte schließlich auf eigenen Wunsch einen Entnazifizierungsprozeß gegen sich. Das Vorgespräch dazu fand am 10. Dezember 1946, die Verhandlung fand am 11. und 17. Dezember 1946 statt. Furtwängler sagte darin gegen die Kritik von Thomas Mann (zit. n. Kanzog 2013):
Meint Thomas Mann wirklich, daß man im Deutschland Himmlers nicht Beethoven musizieren durfte? Konnte er sich nicht denken, daß niemals Menschen es nötiger hatten, es inniger und schmerzlicher ersehnten, Beethoven und seine Botschaft der Freiheit und Menschenliebe zu hören, zu erleben, als gerade die Deutschen, die unter dem Terror Himmlers leben mußten? Ich konnte Deutschland in seiner tiefsten Not nicht verlassen!
Erst in letzter Zeit findet mehr Berücksichtigung, daß Furtwängler in Deutschland den Unterhalt zu zahlen hatte für fünf Kinder, daß diese Kinder unter seinem Schutz standen, ebenso deren Mütter. Wie konnte er sich da - ohne große Not - einfach aus dem Staube machen? Es gibt da viele Umstände zu berücksichtigen. Darüber soll an dieser Stelle auch gar kein abschließendes Urteil gefällt werden. Am 1. Juli 1947 - nachdem er als "Minderbelasteter" eingestuft worden war von der Entnazifierungsbehörde - schrieb Furtwängler einen persönlichen Brief an Thomas Mann und bat ihn um eine Aussprache. In seiner Antwort zeigte sich Thomas Mann unversöhnlich und sagte das von Furtwängler gewünschte Treffen ab. Auf einen zweiten Brief Furtwänglers antwortete Mann gar nicht mehr. In sein Tagebuch schrieb er nur: "Neues, langes Schreiben von Furtwängler, töricht."


Abb. 6: Sonderbarerweise rücken einem auch nur "irgendwie" kolorierte Aufnahmen
Menschen aus der Zeit der Schwarz-Weiß-Fotografie viel näher

Ein Klima des Hasses und der Unversöhnlichkeit zwischen zwei erklärten Gegnern des Nationalsozialismus und Hitlers. Man glaubt es kaum.

1951 - "Das Größte und das Wesentlichste an der Zauberflöte ist der Adel der Natur"


Es ist eine Tonaufnahme überliefert, in der Wilhelm Furtwängler 1951 Fragen von Musikstudenten an der Hochschule für Musik in Berlin beantwortet (2). Hier kann man manche schöne Äußerung von ihm hören. Man hört auch sein berühmtes "Zögern" heraus, wie er noch während des Sprechens um Ausdruck ringt. Über die Auswahl von Sängerinnen sagt er bei diesem Anlaß etwa die schönen Worte (2):
Ich weiß aus Erfahrung soundso viele Fälle, wo Sängerinnen, die ich für technisch ziemlich mäßig hielt, viel mehr gewirkt haben als andere, die technisch absolut fabelhaft waren.
Ist es nicht so? Was hilft alle Vollkommenheit in der technischen Beherrschung einer Sache, wenn das eine fehlt: die Seele? Oder wenn auch nur die Fähigkeit fehlt, Seele wirksam nach außen mitzuteilen. Es wird gesprochen über die Natur der Mozart-Oper "Die Zauberflöte" und wie man sie aufführen solle (1951; 9'20):
Sie meinen also, ob man's (aufführen solle) als Märchen, ob man's als Weihefestspiel oder ob man's als Singspiel oder als Operette (aufführen solle)? [Heiterkeit im Publikum] Ja, ... das liegt an der Zauberflöte. Das ist ein einzigartiges Werk in dieser Beziehung. (...) Das Genre der Zauberflöte ist eigentlich auch nicht zu definieren als solches. (...) Es ist zum Teil eine Freimaurer-Oper (...), zum Teil ist es zu einem Vorgänger der späteren Operette [geworden - durch die nachmalige Entwicklung] ... - allerdings in einer ganz hohen Weise, nicht wahr. Es ist der Versuch, wie soll man sagen, absolut gemeinverständlich, bis zum äußersten gemeinverständlich zu sein, ohne irgendetwas von den hohen, den höchsten Ambitionen auf zu geben, die Mozart in sich trug. Und das ist das Einzigartige daran. Und es ist ganz falsch, es ist meiner Meinung nach ein falscher Intellektualismus, sozusagen, wenn man das nun restringieren will auf irgend etwas. Wenn man also nur das Märchen sieht oder wenn man es als große Schau-Oper macht oder nur als Weihe-Festspiel. Man muß eben verstehen, daß da die ganze Natur drin ist. ... Hier ist eine Idee, daß grade keine Idee (da) ist, sondern etwas viel Größeres. Darin liegt das ganz Einzigartige dieses Werkes. ... Die Zauberflöte ist das reifste und das unbegreiflichste Werk der ganzen Weltliteratur.
Und er sagt (2; Min. 13'09):
Das Größte und das Wesentlichste an der Zauberflöte ist der Adel der Natur, der aus allem, jeder musikalischen Bildung spricht. Und dieser Adel, das ist Eigentum von Mozart. Das heißt also, nicht nur des Menschen Mozart, man kann auch sagen, des ganzen Menschentums, was hinter ihm steht, das ist ganz Europa in gewissem Sinne. Aber nicht nur die Epoche, sondern ein ganz- .... Und dieses Menschentum ist eigentlich das Wesentliche. (...) Warm, schlicht, einfach und edel. (...) Diese Art von hoher Naivität. Das ist so schwer, weil wir heute im allgemeinen unsere Naivität verloren haben und sie wieder suchen.
Als Wilhelm Furtwängler starb, stand sofort als ein Nachfolger allerorten Herbert von Karajan bereit. Und soweit man sieht, ist er allseits als würdiger Nachfolger Wilhelm Furtwänglers empfunden worden. Über ihn soll ebenfalls noch ein Beitrag erscheinen, so daß die größte Zeit des 20. Jahrhunderts abgedeckt worden ist: Die "Ära Furtwängler" (1922-1954) und die "Ära Karajan" (1955-1989), jene Epocheneinteilung des 20. Jahrhunderts, die vermutlich die einzig erinnerungswürdige ist. Karajan jedoch lebte und erlebte nicht den erschütternden Zwiespalt, den Wilhelm Furtwängler noch kurz vor seinem Tod mit 68 Jahren spürte, nämlich daß er zeitlebens glaubte, in seinem Leben - eigentlich - versagt zu haben. Noch während seiner letzten Krankheit schrieb Furtwängler in einem Brief (zit. n. 3; 1'21'00)(eigene Rückübersetzung aus dem Englischen):
Die Arbeit eines Dirigenten ist am Abend nach dem Konzert vorbei. Deshalb ist das Dirigieren eine Tätigkeit, die auf (verwehendem) Klang beruht. Im Angesicht der Nachwelt ist eine vollendete Komposition mehr wert als ein ganzes Leben als Dirigent. Deshalb erscheint mir Komponieren als die dringlichere Aufgabe. Unglücklicherweise verführten mich die Umstände der Welt und ich widmete dieser Aufgabe zu wenig Zeit. Heute hat mich meine schwere Krankheit an mein Versäumnis erinnert.
Was ist unsere Antwort auf dieses fast letzte Lebenszeugnis Furtwänglers?

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  1. Kaiser, Joachim: Warum gilt Furtwängler als größter Dirigent aller Zeiten? Kaisers Klassik-Kunde, Folge 11. In: Süddeutsche Zeitung, 27. Juli 2009, http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/30009/kaisers-klassik-blog, https://youtu.be/TTLm8EsC2KU
  2. Werner Egk und seine Studenten befragen Wilhelm Furtwängler. Aufgenommen am 27. Februar 1951 in der Hochschule für Musik in Berlin), https://youtu.be/adHEtPF4sy8
  3. Wilhelm Furtwängler 1886-1954. A commemorative programme on the tenth anniversary of his death. Transmitted by the BBC Third Programme on Monday 30th November 1964, Compiled and introduced by Christopher Nupen, Produced by Christopher Sykes, 1 Std., 20 Min., https://youtu.be/9NTO1VItLmE
  4. Furtwängler Dokumentation - Wilhelm Furtwängler Interviews und Biographie. 1 Stunde. Auf Englisch. o. J., https://youtu.be/L2D_vGdwsUo
  5. Wright, Stephen: Pultstars unseres Jahrhunderts. 1. und 2. Teil. 1994https://www.youtube.com/watch?v=0VA_tvZYpPI
  6. Szábo, István: Taking Sides. Spielfilm, 2001https://youtu.be/V5fo4hEe1RQ
  7. Jan Schmidt-Garre: So war er. Maria Furtwängler blickte auf ihr Leben mit dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Bayerischer Rundfunk, pars media 2004, https://youtu.be/TYtzewocufs?t=5m6s
  8. Furtwängler-Tochter Friederike Kunz erzählt von Wilhelm Furtwängler (Juli 2010). Youtube-Kanal "Music Film Art" von Ute Neumerkel, 2012, https://youtu.be/r8yxzMJSmGQ
  9. Friederike Kunz erzählt - Kostproben aus 2 DVDs Familiengeschichte. Ohne Datum, http://uteneumerkel.de/filme_Kunz_Kostproben.html
  10. Briefwechsel Furtwängler - Goebbels. Deutsche Allgemeine Zeitung, 11. April 1933; abgedruckt in Paul Meier Benneckenstein (Hg.): Dokumente der deutschen Politik, Band 1: Die Nationalsozialistische Revolution 1933, bearbeitet von Axel Friedrichs. Berlin, 1935, S. 255-58; http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/deu/German84.pdf
  11. Geissmar, Berta: The Baton and the Jackboot: Recollections of Musical Life. London and Edinburgh: Morrison and Gibb ltd. 1944; Deutsche Übersetzungen: Musik im Schatten der Politik. Atlantis, Zürich, 1951; Taktstock und Schaftstiefel. Erinnerungen an Wilhelm Furtwängler. Vorwort und Anmerkungen von Fred K. Prieberg. Dittrich, Berlin 1996
  12. Riess, Curt: Furtwängler, Musik und Politik. Scherz, Bern 1953
  13. Höcker, Karla: Begegnung mit Furtwängler. Bertelsmann 1956; Wilhelm Furtwängler: Begegnungen und Gespräche. Rembrandt, 1961; Die nie vergessenen Klänge. Erinnerungen an Wilhelm Furtwängler. Arani, 1979, 1999
  14. Furtwängler, Wilhelm: Briefe. Mit vier Bildnissen und einem Handschrift-Faksimile. Hrsg. von Frank Thiess, F. A. Brockhaus, Wiesbaden 1965 (GB)
  15. Furtwängler, Elisabeth: Über Wilhelm Furtwängler. Brockhaus, Wiesbaden 1979; 4. Auflage, Atlantis-Musikbuch-Verlag, Zürich/Mainz 2006
  16. Prieberg, Fred K.: Kraftprobe. Wilhelm Furtwängler im Dritten Reich. Brockhaus, Wiesbaden 1986
  17. Schönzeler, Hans-Hubert: Furtwängler. Portland, Oregon: Timber Press 1990
  18. Kraus, Gottfried (Hg.): Ein Maß, das heute fehlt. Wilhelm Furtwängler im Echo der Nachwelt. 1991
  19. Shirakawa, Sam H.: The devil’s music master - the controversial life and career of Wilhelm Furtwängler. Oxford Univ. Press, New York 1992 (GB)
  20. Ardoin, John: The Furtwängler Record. Portland, Oregon: Amadeus Press 1994
  21. Schmidt-Garre, Jan: Furtwänglers Liebe, Filmessay. Auf DVD bei Arthaus
  22. Haffner, Herbert: Furtwängler. Parthas, Berlin 2003 (GB)
  23. Straub, Eberhard: Die Furtwänglers. Geschichte einer deutschen Familie. Siedler Verlag, München 2007 (In der Hauptsache handelt das Buch von Wilhelm Furtwängler)
  24. Lang, Klaus: Elisabeth Furtwängler - Mädchen mit 95 Jahren? Novum Publishing, 2007 (Amaz)
  25. Misha Aster: Das Reichsorchester. 2007
  26. Furtwängler, Wilhelm: Aufzeichnungen 1924-1954. Hrsg. v. Elisabeth Furtwängler und Günter Birkner. Schott Music, Mainz 2009‎ 
  27. Dietrich Fischer-Dieskau: Jupiter und ich. 2009
  28. Roncigli, Audrey: Le cas Furtwängler. Paris: Imago 2009
  29. Lang, Klaus: Wilhelm Furtwängler und seine Entnazifizierung. Shaker Media Verlag, Aachen 2012 (Rez.: Udo Badelt)
  30. Kanzog, Klaus: Offene Wunden. Wilhelm Furtwängler und Thomas Mann. Vortrag in der Furtwängler-Gesellschaft, Berlin, 12. Mai 2013 http://www.furtwaengler-gesellschaft.de/download/Kanzog_Vortrag1.pdf
  31. Wilhelm Furtwängler In Diskussion / Werkverzeichnis Wilhelm Furtwängler. Amadeus Verlag (Bernhard Päuler), Winterthur, Schweiz
  32. Götz Teutsch: Wilhelm Furtwängler in den Fängen der Nazis. Der philharmonische Salon, 6. und 13. Mai 2018https://www.berliner-philharmoniker.de/konzerte/kalender/details/51195/
  33. Pollems, Katrin: “Ganz München ist eben so mit Künstlertum durchtränkt…” - Walter Braunfels: Kindheit und Jugend. o.J. [nach 1980], http://www.walter-braunfels.de/wb-html/deutsch/kindheitjugend
  34. Walter Braunfels (1882-1954). Eine Ausstellung der Walter-Braunfels-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper Berlin. http://www.walter-braunfels.de/wb-html/wp-content/uploads/2015/05/broschuere-Walter-Braunfels-ger3.pdf
  35. Rietzler, Walter: Beethoven. Atlantis, Berlin 1936; E.P. Dutton, New York 1938 (mit einem Vorwort von Wilhelm Furtwängler) (Archiv)
  36. zum Teil nach korrigierender Auskunft von Edwin Kunz, einem Enkelsohn Wilhelm Furtwänglers, vom 28.4.2019 auf unserem Parallelblog, https://studgenpol.blogspot.com/2018/03/wilhelm-furtwangler-der-grote-dirigent.html

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