Montag, 17. April 2017

"Größeres wolltest auch du ..."

Bruno Ganz liest Hölderlin 

Soweit man sieht, gehört der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz (geb. 1941) (Wiki) zu den ganz wenigen Vortragenden, von denen man sich Dichtungen von Friedrich Hölderlin gerne vortragen läßt. 


In diesem Video (Yt) liest Bruno Ganz zwei Gedichte Hölderlins, zuerst "Lebenslauf" ("Größeres wolltest auch du ...") (auch Yt) und - ab 1'11 - "Hälfte des Lebens" (auch Yt).

Diese Zufallsentdeckung läßt danach fragen, was überhaupt an gesprochenem Wort oder an Schauspielleistungen zu Leben und Werk von Friedrich Hölderlin im Internet zugänglich ist. Eine Durchsicht des dort frei Verfügbaren zeigt, daß viele Künstler, Dichter und Denker, sowie solche, die sich dafür halten - auch mancherlei Esoteriker - sich zu Hölderlin äußert haben, schauspielerische Umsetzungen seines Lebens bieten oder aus seinen Werken vortragen. Es mag nun wirklich Geschmackssache sein, ob darunter allzu viel Genießbares oder echt Überzeugendes gefunden werden kann. Also etwas, das dem inneren Gehalt des Lebens und Werkes von Friedrich Hölderlin gerecht wird. So finden sich etwa Aufnahmen der Philosophen Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer. Diese äußern sie sich zu Hölderlin und lesen auch aus seinen Dichtungen. Diese Aufnahmen werden als Dokumente der Philosophie-Geschichte ihre Bedeutung sicher behalten. Insbesondere ja auch deshalb, weil Gadamer der akademische Lehrer des Hölderlin-Forschers Dieter Henrich (geb. 1927) (Wiki) gewesen ist (3). Ob sie den Geschmack für heute Lebende treffen und ob man sich über diese dem Hölderlin'schen Werk annähern möchte, wird jeder für sich selbst entscheiden müssen.

Es finden sich auch Ausschnitte aus zwei Spielfilmen, die zu dem Leben von Friedrich Hölderlin gestaltet worden sind, nämlich von "Hälfte des Lebens" (DDR, 1985) und "Der Feuerreiter" (1998). Aber beide Spielfilme scheinen ganz und gar unmöglich zu sein. Schon wenige Ausschnitte aus ihnen lassen einem das sofort deutlich werden. Ein schreiendes Miß- und Unverständnis vieler Lebensinhalte und -anliegen gleichzeitig, auch der persönlichen Eigenart von Hölderlin.

Man kehrt deshalb, nachdem man in vieles hinein gehört hat oder sich angesehen hat, doch wieder gerne zu den Lesungen von Bruno Ganz zurück. Von Bruno Ganz gibt es auch gelesen die Gedichte Diotima (frühe Fassung) (Yt) und Der Neckar (Yt). Es muß allerdings bemerkt werden, daß er leider den Namen Diotima falsch ausspricht. In der Literatur erhält man bestätigt, was dem häufigen Hölderlin-Kenner eigentlich doch schon längst klar geworden sein muß (2, S. 71):
"Diotima" (...). Hölderlin betont, wie die Gedichte erweisen, auf dem zweiten i.
Außerdem gibt es von ihm gelesen den letzten Gedicht-Entwurf, an dem Hölderlin in seiner Zeit in Bad Homburg gearbeitet hat: Mnemosyne (2. Fassung) (Yt).

"Mnemosyne" und das "Homburger Folienheft"


Dieser Gedicht-Entwurf findet sich auf den letzten Blättern des sogenannten "Homburger Folienheftes", dessen Gedicht-Abfolge womöglich in einem sinnvollen Zusammenhang miteinander stehen, die Hölderlin nämlich womöglich in genau dieser Reihenfolge auch veröffentlichen wollte (Wiki). Hölderlin lebte zuletzt von 1804 bis zum 11. September 1806 in Bad Homburg. In diesem Folioheft ist "Mnemosyne" von allen Gedicht-Entwürfen der unfertigste.

Die Lesung von Bruno Ganz wird vielleicht den einen oder anderen anregen, nach dem Sinn zu fragen, auf den Hölderlin in diesem Gedicht hingearbeitet haben mag. Er wird aus den bislang bekannten Fragmenten nicht deutlich, auch nicht aus dem, was Bruno Ganz vorliest. Aber auch nur aus den scheinbar zusammenhanglosen Fragmenten heraus merkt man, daß es sich wie bei allen späten Dichtungen Hölderlins um sehr Tiefsinniges handelt. Mnemosyne ist die Göttin des Erinnerungsvermögens. Um deutlich zu machen, vor welchen Schwierigkeiten hier die Bearbeiter stehen, sei die erste Seite der Edition des handschriftlichen Entwurfs dieses Gedichtes mit eingestellt (Abb. 1).

Abb. 1: Gedicht-Entwurf "Mnemosyne" in editierter Form (erster Teil)

Hier sind mindestens drei Textschichten zu erkennen, drei Stadien der Erarbeitung und Überarbeitung, bzw. Ergänzung. Jede Textschicht scheint - wenn dann ihren eigenen gedanklichen Zusammenhang zu haben. Ein gedanklicher Zusammenhang mit späteren Textschichten muß aber keineswegs als gar so dicht gegeben sein. Auch dürfte die hier vorgenommene Zuordnung in frühes, mittleres und spätes Stadium schon für sich selbst nicht durchgängig unstrittig sein in der Forschung. Fettdruck jedenfalls zeigt wohl die am spätesten hinzugefügten Zeilen, mittlere Druckstärke ein mittleres Stadium und dünner Druck den angenommenen ersten Entwurf. - Aber dies hier nur, um einen Eindruck zu geben, nicht um zu diesem Thema irgend etwas Erschöpfendes sagen zu wollen.

Es dürfte hier sinnvoll sein, sich einmal in die Hölderlin-Forschung zu vertiefen und zu fragen, was diesbezüglich die bisherigen Früchte der Forschung darstellen. (Leider gibt es auch noch keinen eigenen Wikipedia-Artikel zu "Mnemosyne".)

Hölderlin war ein eigenständiger Philosoph


Abschließend sei noch auf zwei, bzw. drei weitere Funde zum Thema Hölderlin aufmerksam gemacht. Zum einen mag es vielleicht bedenkenswert sein wie Christian Reiner die Turmgedichte Hölderlins liest (Yt). (Dazu werden leider mehrmals zu nervöse Filmsequenzen gespielt, diese lenken ab. Es ist zu empfehlen, sich nur auf das Hören zu konzentrieren.)

Und zum zweiten noch, was etwas einseitiger die Ratio, die Vernunft anspricht im Vergleich zu der bisher behandelten Dichtung: Sicher mit Gewinn hört sich der der englischen Sprache Mächtige eine Vorlesung von Edward Kanterian an über "Hölderlins Metaphysik" (1). Der Vorstellungstext macht deutlich, daß hier tatsächlich der aktuelle Forschungsstand referiert wird. Es heißt da über Hölderlin:
More recent research, as undertaken by Dieter Henrich, Michael Franz and others, has shown that he was a genuine philosopher as well, who had an original conception of the relation between art, poetry and metaphysics, and who was a major influence on the young Schelling and especially Hegel. This talk explores Hölderlin's metaphysical ideas in relation to those of thinkers like Kant and Fichte, as formulated in various fragments and letters.
In diese Vorlesung kann man sich übrigens auch über ein Transkript (1) einarbeiten. Leider gibt es von dem hier erwähnten Hölderlin-Forscher Dieter Henrich selbst bislang offenbar keine ausführlicheren Hörproben zu Hölderlin selbst. Allerdings gibt es ein immerhin auch sonst hörenswertes Gespräch mit Henrich über sein Leben und Philosophieren, indem Henrich auch kurz auf Hölderlin zu sprechen kommt. Er sagt (3, 13'20, 14'05):
Zu Hölderlin bin ich viel später gekommen, nicht in der Frühzeit. (...) Der Philosoph Hölderlin war in der Zeit meines Studiums noch weitgehend unbekannt. Das gehört zu meinen wissenschaftlichen Leistungen, denke ich, den Philosophen Hölderlin in der ganzen Dimensionalität, die seine ja nur in wenigen Fragmenten überlieferten Gedanken hatten, erschlossen zu haben.
Leider wird er zum Thema Hölderlin in diesem Gespräch dann nicht weiter befragt. Aber auch sonst ist in diesem Gespräch manches Aufschlußreiche enthalten. Henrich war Schüler von Hans-Georg Gadamer. Dazu sagt er (24'15):
Gadamer war für mich die lebende Inkarnation des philosophischen Daseins.
Die erwähnte Auseinandersetzung Dieter Henrich's mit Hölderlin beginnt 1976, also mit 49 Jahren (4).

___________________________________________________
  1. Kanterian, Kdward: Hölderlins Metaphysic. Lecture given in the Aesthetics Research Group Seminar, School of Arts, University of Kent, 23 November 2012, https://www.youtube.com/watch?v=Ox727wSlcgY&t=2443s; Transcript: https://docs.google.com/document/d/1TELF81vGqam91vlgpnL6mY-7y5OIT-YHQXj-g9pBOMk/edit
  2. Viëtor, Karl: Nachwort und Anmerkungen. In: ders. (Hrsg.): Die Briefe der Diotima. Insel-Verlag, Leipzig o.J. [1921], S. 69-80 (vollständig einsehbar auf Google Bücher und Google Play Bücher)
  3. Dieter Henrich, Philosoph, im Gespräch mit Reinold Hermanns. SWR2 Zeitgenossen, Lust auf Kultur. 7.3.2009, http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/zeitgenossen/henrich-dieter-philosoph/-/id=660664/did=4433718/nid=660664/1g0go33/index.html
  4. Henrich, Dieter: Aufklärung der Herkunft des Manuskripts "Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus", in: Zeitschrift für Philosophische Forschung, Bd. 20, Heft 4, Meisenheim 1976, S. 510-528, https://www.jstor.org/stable/20482291?seq=1#page_scan_tab_contents

Donnerstag, 13. April 2017

Die "heiligen Narren" Rußlands

Das russische Volk zog sie oft den Angestellten der etablierten Amtskirche vor

Viele Menschen werden heute psychiatrisch behandelt, die womöglich in früheren Jahrhunderten auf ganz andere Weise ihr Leben hingebracht hätten. Hier sind insbesondere aus dem russischen Kulturraum Lebensformen überliefert, die vielleicht manchen Anhaltspunkt geben könnten dazu, dass sogar verhaltensauffällige Menschen und Menschen, die auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind, da sie keine regelmäßige Berufsarbeit mehr leisten können, dennoch als Segen von ihrer Mitwelt empfunden werden können.

Da die Sichtweise auf solche Menschen im russischen Kulturraum traditioneller Weise eine etwas andere war, könnte ein Blick in die Verhältnisse dort auch auf größere Spielräume in der Sichtweise auf solche Menschen hier bei uns hinweisen.

Der französische Schriftsteller Pierre Pascal (1890-1980) (Wiki) (a) gilt als ein Spezialist für die russische Geschichte, Literatur und Kultur. Er lebte lange Jahre in Russland (von 1916 bis 1933). Sein Aufsatz "Russische Volksfrömmigkeit" ("La Religion du peuple russe") (1) erschien erstmals 1962 (sowie 1966, 1969 und 1973). Er ist auch ganz gut im Internet zugänglich. Im folgenden sollen aus diesem Aufsatz einige Auszüge zitiert werden über ein volkskundliches Phänomen, für das es - außer vielleicht in Indien - in keinem Land der Erde so viele und vielfältige Beispiele gibt wie im traditionellen Rußland. Nämlich die "heiligen Narren", die Wanderasketen. Das sind Menschen, die mitunter einen märchenhaften Wahnsinn mit der einfältigen Herzenreinheit eines Kindes vereinbaren, und die um dessentwillen vom russischen Volk so geliebt worden sind und nicht nur von diesem, sondern auch von einem so bedeutenden Schriftsteller wie Leo Tolstoi.

Ganz selten einmal trifft man auf solche Menschen womöglich auch in Deutschland. Vielleicht häufiger in der Psychiatrie und unter an Schizophrenie Erkrankten als in anderen Gruppen. Um gegebenenfalls solche Menschen etwas genauer "einordnen" und verstehen zu können, mögen auch die Schilderungen von Pierre Pascal eine Hilfe sein.

Dabei sei gleich vorbeugend und einschränkend gesagt, dass es hier nicht darum gehen soll, das Phänomen jener "barfüßigen Propheten" der deutschen frühen 1920er Jahre aufzuklären (Wiki). Auf dem Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" ist schon dargestellt worden, dass ihr Wirken vor allem verstehbar wird vor dem Hintergrund von Okkultlogen, und dass sie zumeist geheime Agenden verfolgt haben, die elitärer Natur waren (etwa Gusto Gräser, Friedrich Hielscher und das ganze Umfeld dieser Leute). Natürlich hat es solche auch im traditionellen Rußland gegeben. Und auch diese sind zum Verständnis politischer Zusammenhänge oft auf keinen Fall zu vernachlässigen. Aber sie allein würden die Volkstümlichkeit des Phänomens gewiß nicht erklären. Und die deutschen sogenannten "barfüßigen Propheten" mögen sich zumeist auch nur äußerlich die russischen als Vorbild genommen haben.

Bettler, Pilger, Wanderasketen, Wahrheitssuchende, Narren


Abb. 1: Heiliger Narr - aus einem Gemälde von W.I. Surikov
Der Schriftsteller Pascal schreibt also in seiner Schrift "Russische Volksfrömmigkeit" von 1962 (1, S. 69f), das russische Volk
"hörte mit Vergnügen von den frommen Abenteuern der Bettelmönche, Wanderasketen und Pilger erzählen."
Und weiter (1, S. 74f):
"Der Pilger, der einmal in das ununterbrochene Gebet eingetreten ist, sieht alles, was ihn umgibt, in einem neuen und wunderbaren Licht: Bäume, Gräser, Vögel, Erde, Luft und Licht, alles verkündet die Liebe Gottes zum Menschen, alles betet und singt zur Ehre Gottes. Auch der Missionar empfängt in seiner kindlichen Reinheit die ersten Aufforderungen zum Gebet von der Natur. Makar Ivanovitsch, der im "Jüngling" von Dostojevskij die Volksfrömmigkeit auf ihrer höheren Stufe symbolisiert, erkennt in jedem Grashalm, im singenden Vogel und in den leuchtenden Sternen das Mysterium Gottes, die unsagbare Schönheit."
Es handelt sich also gerne auch um religiös Erleuchtete oder um solche, denen eine solche Erleuchtung zugeschrieben wird (1, S. 90f):
"Aus diesem Grunde gibt es in diesem Volk die zahlreichen Wahrheitssuchenden (pravdoiskateli), die den modernen Westen in Erstaunen versetzen; jene, die sich einfach ihrer Aufgabe widmen, solche, die Ungerechtigkeit kränkt, solche, die diese Welt des Antichristen verlassen und umherirren; jene, die einer vollkommenen Kirche auf der Spur sind, bis zum geheimnisvollen und unauffindbaren Land der Weißen Gewässer hin; solche, die Gesetzen und Polizei Trotz bieten, um der Menschheit zu dienen; die, die aus der Revolution ein modernes Christentum gemacht haben."
Und weiter (1, S. 91f):
"Die Kirche ist an den Staat gebunden, nur zu oft bemerkt man dies. Sowohl von moralischer als auch von dogmatischer Seite entstehen jetzt Ärgernis, Zweifel, Nachforschungen, Sekten. Von daher erklärt sich z. B. der Erfolg der Duchoborzen ("Geisteskämpfer"), der Anhänger Tolstojs, der Evangeliumschristen, der Stranniki, der Abstinenzler und vieler anderer, die Pässe, Steuern und Militärdienst ablehnten."
Und weiter:
"Der Bauer bricht auf, mit seinem Stock und seinem Brotbeutel, natürlich zu Fuß und begibt sich zu den ihm bekannten heiligen Stätten. Vielleicht ist dies eine benachbarte Einsiedelei, wo ein verehrter Asket wohnt, der in den Herzen liest, Trost und Rat spendet: ein Starez, wie man ihn nennt. Unser Pilger hält sich eine Weile dort auf und kehrt dann, geistig erneuert, zurück; oder er setzt auch seine Wanderung fort und macht eine Rundreise zu den Einsiedeleien der Gegend. Manchmal ziehen sich diese Pilgerfahrten zur Befreiung der Seele über Monate hin."
Pilgerfahrten zur Befreiung der Seele.

Leo Tolstoi hat sie geliebt - die russischen Wanderasketen (Strannik)


Und (1, S. 94f)(Hervorhebungen nicht im Original):
"So gibt es einen höheren Typ der Frömmigkeit, den Stand des Wanderasketen oder Strannik. Wir haben davon eine sehr anschauliche Darstellung in den "Erzählungen eines Pilgers". Der Wanderasket wurde oft durch besondere Umstände zu dieser Lebensform geführt. Ein angeborenes oder erworbenes Gebrechen hat ihn für schwere Arbeiten untauglich gemacht; ein Ereignis, wie der Tod seiner Frau, eine Feuersbrunst oder eine Vision, die ihm den Auftrag gab, haben ihn von seinem Besitz getrennt. Mehr bedarf es nicht, und sein meditativer Geist, seine fromme Seele reißen ihn mit. Als seinen einzigen Besitz nimmt er ein langes Gewand, eine Kappe, einen Bettelsack mit Brotrinden mit sich und geht fort. Er wandert, wie die Pilger, von denen wir schon gesprochen haben, von Kloster zu Kloster, aber unbestimmt und ohne den Gedanken an eine Rückkehr. Überall trifft er auf Gastfreundschaft. Als Gegendienst verrichtet er kleine Arbeiten oder er spricht auch nur. Er berichtet erbauliche Erinnerungen, beschreibt die Wunder der heiligen Stätten, das Tun der Asketen, er bringt die Menschen zum Nachdenken und reißt seine Gastgeber aus ihrem täglichen, irdischen Leben. Wenn er lesen kann und sie nicht, liest er ihnen das Evangelium, die Wüstenväter oder die Heiligenleben vor. Sein Besuch ist ein Fest, ein Wunder und später eine belebende Erinnerung. Rußland wurde von Nord nach Süd und von Ost nach West von Tausenden dieser Pilger durchstreift."
Und:
"In Ržev empfing Vater Matfej jeden Tag einige von ihnen, manchmal bis zu vierzig. Tolstoj hat sie gekannt und geliebt. Bunin hat sie beschrieben, Schaljapin hat sie häufig besucht. Der Bauerndichter Jessenin berichtet, dass das Haus seiner Großmutter immer voll von diesen Pilgern, Pilgerinnen und Krüppeln gewesen sei, die in den Ortschaften Legenden und Klagelieder gesungen hätten. Eine solch ungeheuer wichtige und fromme Rolle spielten also die Wanderasketen."

Die "heiligen Narren" Rußlands (Jurodivyj)



Und:
"Der "podvig" geht jedoch noch weiter. In Syrien, der Heimat aller religiösen Exzesse, hatten die Christen der ersten Jahrhunderte die Worte des Apostels: "Die Torheit Gottes ist weiser als die Weisheit der Menschen... [1 Kor 1,25] Wir sind töricht um Christi willen... [1 Kor 4,10]" wörtlich genommen, und es kam zur Erscheinung der "Saloi". Welch’ eine Tat könnte verdienstvoller sein als die, auf das, was das Besondere und Eigene des Menschen und seines Hochmutes ist, nämlich den Verstand, zu verzichten und als Narr zu gelten, um den höchsten Schimpf zu ernten, in die abgrundtiefste Erniedrigung zu fallen, freiwillig, um Christi willen? Sobald sie bekehrt sind, ergreift das Verlangen der Nachfolge die Russen: In Kiev gab es freiwillige Narren, die "Jurodivye", und dieses Phänomen verschwand nie mehr; die Narren verbreiteten sich darauf in Moskau, sie hielten den Verfolgungen der Zivilbehörden, den Verdammungen der aufgeklärten Prälaten des 18. Jahrhunderts, der entrüsteten Verachtung der intellektuellen Gesellschaft und der "Kulturpropaganda" der Sowjets stand. Sie sind noch heute vorhanden.
Sie irren, ebenfalls mit "verigi'" und Eisenmützen, in lächerliche Lumpen gekleidet oder beinahe nackt, umher, betteln, wälzen sich im Schlamm, erregen Spott und bekommen verletzende Worte zu hören, reizen zu grotesken und gehässigen Handlungen. Sie haben Empfindlichkeit und Eigenliebe in sich getötet. Sie erregen Skandal und haben vor nichts Respekt. Sie scheinen aus einer anderen Welt zu kommen. Man verachtet und bewundert sie, und man erkennt ihnen außergewöhnliche Fähigkeiten zu: sie lesen in den Herzen, sie sehen in die Zukunft. Ihre unbedeutendsten Äußerungen versucht man auszulegen. Einst spielten sie auf diese Weise eine Rolle in der Politik: sie geißelten die Mächtigen. Iwan der Schreckliche ließ einen Metropoliten hinrichten, aber er nahm die Schmähung eines Jurodivyj hin. Heute sind sie die Beichtväter des Volkes.
Der Jurodivyj befindet sich überall. Ein Jurodivyj von Kursk bildete den späteren Serafim von Sarov aus. Ein Jurodivyj, ein ehemaliger Pilger aus Palästina, der Mönch geworden war, gründete neben dem Sergij-Kloster die Einsiedelei Gethsemane. Ein Priester aus Uglič namens Peter, den man für einen Jurodivyj hielt (man behandelte ihn als Narren, man schnitt ihn, man legte ihn in seinem Hause an die Kette), wurde 40 Jahre lang, bis zu seinem Tode im Jahre 1866, von Scharen aufgesucht, die begierig nach seinen Ratschlägen waren, und er wurde von den Weisen und Philosophen als geistlicher Lehrer hochgeschätzt: so z.B. von dem Archimandriten und Lehrer Fedor (Bucharev).
Die Schriftsteller haben es nicht versäumt, den Jurodivyj mit mehr oder weniger Verständnis und Sympathie zu beschreiben: Tolstoj in seiner "Kindheit" und Dostoievskij in den "Besessenen", ebenso der Satiriker Saltykov-Schtschedrin und die populären Schriftsteller Gleb Uspenskij und Naumov; Pryjov und Korolenko haben ihm auch Studien gewidmet. Auf jeden Fall bestreitet niemand, dass er ein hervorstehend repräsentativer Typ der russischen Volksfrömmigkeit auf ihrer heroischen Stufe ist."
Diese Ausführungen können aufzeigen, dass das menschliche Seelenleben ein sehr vielfältiges sein kann, und dass Menschen mitunter in der tiefsten Erniedrigung, die Menschen nur möglich ist, womöglich dennoch ein reiches Gotterleben haben können oder doch zumindest Menschen mit warmem, guten Herzen sein können, deren Anwesenheit für andere Menschen ein Segen sein kann.

Kann dem Menschen etwas Wesentlicheres eingeflößt werden als Ehrfurcht vor der Reinheit des Herzens?

/Verfasst: 1.8.2014/

_____________________________________________________
  1. Pascal, Pierre: Russische Volksfrömmigkeit. In: Kyrios. Zeitschrift für Kirchen- und Geistesgeschichte Osteuropas. 1962, S. 69 - 102. Ergänzende Bemerkungen in [...] von K. Bambauer. Auf: BorisOGleb.de. Offenbar auch als Einzelschrift: Oekumenischer Verl. Edel 1966 (40 S.)

Sonntag, 9. April 2017

Gedanken sammeln

Wir sind ein verkommenes, degeneriertes, verhunztes Volk. Jeder von uns hat daran teil. Wir sind seelische Krüppel. Seelisches Elend vereinsamt oder schafft "Gemeinsamkeit" auf seelisch niedrigem Niveau. Was uns fehlt, sind Ideale. Wer von uns würde sich noch als einen in tieferem Sinne idealistischen Menschen bezeichnen? Wir sind nicht nur verdummt worden, nein, schlimmer noch, dieses Volk hat sich seine Ideale nehmen lassen, seine Visionen, seine Verheißungen. Mit lächerlich kaltem, jämmerlichen Zeug hat es sich anstelle dessen abspeisen lassen.

Ein entscheidender Umbruch kam im Jahr 1945. Andere Umbrüche sind die bekannten Einschnitte (1914, 1918 und 1933).

Auch der Umbruch von der Antike zum Mittelalter ist benennbar, die Ausbreitung von Religionen, die erst die Grundlage geschaffen haben, um vormals offene Gesellschaften in geschlossene umzuwandeln.

Das Schlimmste heute ist: wir können nicht mehr an Zukunft glauben, daran, daß unser Volk ein Wiederauferstehen hat. Das liegt daran, daß keine Verankerung erkennbar ist oder wird, bzw. womöglich ständig neu zersetzt und zerstört wird, wo immer sie nur erkennbar wird, eine Verankerung, an die angekettet eine Wiederauferstehung möglich wird. Diese Wiederauferstehung muss ohne satanistische Eliten, Geheimdienste und verborgene Thinktanks vonstatten gehen, sie erst muss die echt-offene Gesellschaft schaffen, anstelle all der bisherigen angeblich offenen Gesellschaften, die aber tatsächlich nur eine Simulation derselben waren, ein schöner Schein.

***

Distanziert sein - und doch nicht ohne großes, sehr, sehr großes Wohlwollen dem Leben gegenüber:
Paul Cézanne - Die Kartenspieler - 1895 

Es erfordert viel Entsagung, viel Trauer, viel Insich-Gekehrtheit, viel Aufopferungsbereitschaft - kein seelischer Krüppel zu sein. Es erfordert, auch im physischen Erschöpfungszustand, im Zustand der Müdigkeit, des Alles-egal-Seins "besonnen" zu bleiben, in sich zu bleiben. Es erfordert, sich nicht den Kräften der Seichtheit, der Oberflächlichkeit anheim zu geben, sich nicht fallen zu lassen.

Viele Ansätze sind erkennbar, viel gutes Wollen. Im dumpfen Innern ist ein Wollen, ein Wollen des Meidens der Seichtheit, der Oberflächlichkeit, der bisherigen erkennbar. Es ist nicht "Dummheit", das Wollen, es ist ein Sehnen, das zur Höhe führt. Und auch im Aufschwung, im ersten Erstarken darf nicht gleich wieder dem "Frieden-Wollen", dem Glücksstreben Platz gegeben werden. Dann lieber das Gefühl der Leere aushalten.

Reichtum ergibt sich nicht durch voreiliges Hinüberschwenken, Hinübertaumeln zum Glück. Man bestärke sich darin, Entbehrungen auszuhalten. Irgendwann muss man doch alt genug dafür sein. So besonders lang ist ein menschliches Leben ja nun wirklich nicht.

***

Es gibt Menschen, denen fallen schon von ihrer Natur her moralische Anstrengungen schwer. Eine angeborene ausgeprägtere Neigung zum sich Gehenlassen in Trägheit und Gemütlichkeit gibt es bei manchem Menschentypus geradezu angeborenermaßen. Sie tritt um so deutlicher hervor, um so älter diese Menschen werden. Wird diese Schwäche zusätzlich noch ergänzt durch eine Erziehung in der Kindheit, in der Verwöhnung des Kindes sehr im Vordergrund stand, kann dies sehr leicht dazu führen, daß solche Menschen - insbesondere im Alter - nur noch in Ruhe gelassen werden wollen von Menschen, die energischer, stärker im Wollen und in der Tatkraft, im Durchsetzen des von ihnen erkannten Guten sind. Tritt dann noch als dritte Eigenschaft großer Beharrungswille, mangelnde Veränderungsbereitschaft hinzu, dann fühlen sich diese am wohlsten, wenn sie von solchen eben genannten veränderungswilligen Tat-Menschen ganz in Ruhe gelassen werden und wenn diese nicht ihre eigenen Tat- und Veränderungs-Normen auf sie selbst anwenden. Sind zwei Menschen von so unterschiedlichem Typus miteinander verheiratet, kann das auf die Dauer zu schweren Spannungen führen. Denn der eine strebt nach Tatkraft und Unabhängigkeit, Klarheit im Urteil über alle Dinge, auch im Bereich des Menschlichen. Der andere möchte gerne nicht gar zu viel über sich selbst und andere wissen, möchte gerne das meiste eher im Verborgenen lassen.

***

Wer bereit ist, sich auf menschliche Stärke einzulassen, der ist auch bereit, sich auf menschliche Schwäche einzulassen, sie zumindest zu tolerieren. Wer aber die Stärke nicht sehen möchte, dem ist es auch schwer möglich, Schwäche zu ertragen.

***     ***     ***

An das Göttliche muss man sich gewöhnen, so wie man sich vom Göttlichen entwöhnen kann. Das nimmt Zeit in Anspruch.

Es gilt, ein gottwacher Mensch zu werden. Das wird man nicht über Nacht. Reifeprozesse erfordern ihre Zeit, dürfen aber auch nicht unterbrochen und gestört werden.

Ein ernster Wille ist schon Voraussetzung. Mit Leichtsinn und Leichtfertigkeit sind solche Reifeprozesse allein nicht in Gang zu bringen oder zu halten.

Wenn auch der Frohsinn und der Humor große, oftmals sogar wesentliche bis wesentlichste Helfer sein können. Alles kommt darauf an, daß sie echt, nicht erkünstelt sind.

Es ist eine schwere Bergtour. Die Erinnerung daran, daß wahrhaftig nicht viel Zeit bleibt in diesem Leben, solche Reifeprozesse Wirklichkeit werden zu lassen, kann ein Helfer sein. Und sie ist es sehr oft.

Solche Reifeprozesse bedeuten sehr oft Vereinsamung. Denn allzu oft erkennt man, daß sie nicht vereinbar sind damit, sich allzu eng und intensiv mit Mitmenschen einzulassen.

Enttäuschungen sind unausweichlich. Enttäuschungen über sich selbst, tiefe, ebenso wie Enttäuschungen über die Mitwelt. Denn der Mensch ist ja andererseits keineswegs darauf ausgelegt, als Einsiedler zu leben.

In heutiger Zeit sich einerseits für Kulturerhaltung einzusetzen, zum anderen zu wissen, daß das Überleben von Kultur bedroht ist durch mangelnde Zahl an Nachkommen, bedeutet, daß einem das Gründen einer Familie ein heiliges Anliegen sein muss, heiliger noch als zu anderen Zeiten, als ein solches Gründen eigentlich selbstverständlich war.

Die Erfahrung zeigt, daß dies die gefährlichste Klippe im Leben ist für die seelische Weiterentwicklung - oder doch sein kann.

Wünschenswert und enorm hilfreich ist es, einen gottwachen Menschen als Ehepartner zu finden. Aber selbst wenn man einen solchen findet, ja, um so gottwacher und begabter er ist, um so mehr, um so mehr können sich zugleich auch die Klippen mehren. Gegenseitige Beeinflussungen, Verletzungen wie gemeinsame seelische Aufflüge wirken sich unter gottwachen Menschen viel einschneidender aus als sonst unter Menschen.

Und dann erst beginnt die große Kunst der Lebensgestaltung. Das Segeln auf dem offenen, freien Meer. Nur frische Seeluft um einen, ziehende Möwen, Sonne. Oh, weise Wahl wird dann - geradezu von Tag zu Tag - notwendiger denn je. Jeder Sturm, jeder Orkan kann das Schiff auf die Klippen werfen.

Und hiermit ist der schnelle seelische Wandel gemeint - der Absturz ins Bodenlose, der Aufflug in Höhen und Weiten, unbegrenzt.

Auch eine ernste, verantwortungsvolle Aufgabe, die das Überleben der Gruppe sichert, kann Helfer sein im Aufstieg. Das Hinwenden zu den göttlichen Wünschen, das ernste Leben und Erleben von Elternliebe und Gottesstolz, unbekümmert um die Art, wie solche wesentlichen Eigenschaften von der Mitwelt erlebt und gelebt werden, unbekümmert um das eigene Sehnen nach Glück, Lust und Zufriedenheit.

Helfer im Aufstieg.

Musik kann hilfreich sein, Gemeinschaftserleben, Jahresfeste, der Not sich ausliefern, in der sich unsere Kultur, unser Volk heute befinden, dem Wahrheitswillen gerecht werden, der in uns lebt.

Dem Wahrheitswillen gerecht werden, der in uns lebt - - -

Ein reicher seelischer Aufschwung ist möglich.

Es sei noch daran erinnert, daß einige Menschen eine bessere Voraussetzung für seelischen Aufstieg mit bringen als andere.

Eine ausgeglichene, von Extremen möglichst fern gehaltene Kindheit kann sehr hilfreich sein. Hilfreich kann sein, in der Jugend nicht unter zu negative Einflüsse zu geraten.

Sehr hilfreich kann sein, unter günstigen menschlichen Einflüssen zu stehen oder diese aufzusuchen.

Heute ist der Dreck turmhoch über uns geschichtet, daß er schon wieder eine Hilfe ist. Denn man muss sich bei ihm nicht mehr viele Gedanken machen, ob man ihn richtig einschätzt oder nicht. Denn Dreck bleibt immer Dreck.

Zwar ist es nicht schön, nur von Unrat umgeben zu sein. Aber zu erkennen, daß es so ist, kann ja auch eine Art Erleuchtung sein. Zumindest eine Art.

Friedrich Hölderlin: "Wer auf sein Elend tritt, steht höher."

Freitag, 7. April 2017

"Hört auf zu gebären, das Leben ist voller Leid"

Picassos "Blaue Periode"

"Hört auf zu gebären, das Leben ist voller Leid," scheint auf Picasso's Gemälde "Das Leben" aus dem Jahr 1903 der darauf abgebildete Freund Picasso's zu der gleichfalls darauf abgebildeten Mutter von Picasso (der Frau mit dem Kind im Arm) zu sagen.  

Abb. 1: Pablo Picasso - Das Leben - 1903

Wie kam es zu diesem Bild? Bis 1900 lebte Pablo Picasso (1881-1973) in Barcelona und besuchte 1901 - auf Anregung des eben genannten Freundes, Carlos Casagemas (1881-1901) (Wiki) - und mit diesem zusammen das erste mal Paris. Auch Casagemas war Maler. In Paris lernten sie die ebenfalls auf dem Gemälde abgebildete Tänzerin des Moulin Rouge, Germaine Pichot, kennen. In dem Wikipedia-Artikel zu ihr findet sich etwas wieder von dem im Grunde recht komplizierten und dramatischen Geschehen, das den Hintergrund zu diesem Gemälde gibt (Wiki):
Germaine Pichot (...) heiratete einen Mann namens Florentin. Unter diesem Namen lernte sie Picasso in Paris kennen, als er im Jahr 1900 mit seinem Freund Carles Casagemas dort eintraf. Während Picasso eine Affäre mit Germaines Freundin oder Verwandter Louise Lenoir, die unter dem Namen Odette bekannt war, begann, verliebte sich Casagemas in Germaine, musste aber feststellen, dass er impotent war. Nach einer Reise nach Spanien, die er zusammen mit Picasso angetreten hatte, kehrte Casagemas 1901 ohne diesen nach Paris zurück. Bei einer Feier im Restaurant L'Hippodrome am 17. Februar 1901 gab Casagemas einen Schuss auf Germaine ab, der diese aber nicht, wie wohl beabsichtigt, tötete.
In der Annahme, dass er sie getötet habe, richtete er dann seine Waffe auf sich selbst und rief "So, und jetzt ich". Auf Wikipedia heißt es:
Danach richtete Casagemas die Waffe auf sich selbst und brachte sich eine Kopfverletzung bei, an der er wenig später starb.
Auf den Bildern von Picasso ist nach dem Tod seines Freundes viel Trauer zu sehen. 

Abb. 2: Pablo Picasso - Die Tragödie - 1903

Im äußeren Leben ging es bei Picasso - bei großer materieller Armut - folgendermaßen weiter (Wiki):
Nach seiner Rückkehr nach Paris im Mai 1901 brach Picasso mit Odette und fing eine Beziehung mit Germaine an.
Und weiter:
"La Vie" war ursprünglich anders angelegt als es sich heute präsentiert: Der junge Mann auf dem Gemälde war zunächst ein Selbstporträt Picassos, ehe dieser das Bild änderte und dem Mann die Züge Casagemas' und der zunächststehenden jungen Frau die Germaines gab.
Die Entstehungsgeschichte dieses Gemäldes ist also von einem dramatischeren Geschehen bestimmt, als man es ihm auf den ersten Blick ansehen würde. Die sich hier andeutenden wechselnden Liebesverhältnisse, die man auch in manchen Biographien der etwa zeitgleich lebenden expressionistischen Maler des deutschen Sprachraumes findet - etwa in Dresden rund um die "Brücke", mündeten in jener Zeit bei Picasso auch in verschiedene, erhalten gebliebene kleinere Werke. So soll Picasso in dieser Zeit auch das Gemälde "La Doleur" (1902) gemalt haben.

Abb. 3: Pablo Picasso - Der alte Gitarrenspieler - 1903/04

In den kleineren Werken spiegelt sich aber natürlich weniger jener Gehalt wieder, der in seinen bedeutendsten Werken enthalten ist, nämlich der Umstand, dass der Tod seines Freundes - und sicherlich auch die eigenen Liebeserfahrungen - bei Picasso eine mehrere Jahre anhaltende Traurigkeit auslösten. Sie werden zusammenfassend als die Bilder der "Blauen Periode" bezeichnet (Wiki):
Diese Arbeiten (...) gehören heute zu seinen bekanntesten, obwohl er in der Zeit ihrer Entstehung Schwierigkeiten hatte, sie zu verkaufen.
Zu dem Gemälde "Das Leben" aus dem Jahr 1903 hat Picasso selbst nie eine Deutung gegeben. Die Ansichten in der Kunstwissenschaft über seine Deutung gehen weit auseinander. Es heißt, dass es dem Betrachter - womöglich mehr oder weniger bewusst - weite Deutungsspielräume offen gelassen hätte. Dass ja auch für Picasso selbst die Aussage des Gemäldes nicht von Anfang an feststand, ist ja schon seiner angedeuteten Entstehungsgeschichte zu entnehmen: Er wollte eigentlich sich selbst malen. Aber der Gedanke an den Freund drängte sich in den Vordergrund und musste verarbeitet werden.

Auffallend scheint vor allem die abwehrende Geste des Mannes gegenüber der Frau mit dem Kind zu sein. Es ist nahe liegend, dass sie aussagen soll: Ach, hättest du mich nie geboren.

Es gibt eine Liste der Arbeiten von Picasso zwischen 1901 und 1910 (Wiki), sie bietet einen Überblick. Die Blaue Periode wird auf die Jahre 1901 bis 1904 datiert. Ab 1904 begann sich sein Mal-Stil zu ändern. Und ab 1907 wurde er zunehmend abstrakter.

Abb. 3: Pablo Picasso - Frau mit Krähe - 1904

In der Blauen Periode entstanden etwa "Melancholische Frau", "Sitzende Frau", "Die Suppe", "Mutterschaft", "Die Tragödie", "Der alte Gitarrenspieler" (Wiki).

1904 entstand auch das Gemälde "Frau mit einer Krähe" (Femme à la corneille), das vielleicht den tiefsten Punkt der Depression von Picasso bezeichnet: Eine sehr, sehr blasse Frau, ihre Gesichtsfarbe ist im Grunde kahl-weiß. Und sie streichelt eine Krähe. Man wird eine Krähe von ihrem Wesen her eher als das Gegenteil eines zugewandten, lebensnahen "Streicheltieres" empfinden. Diese Geste mag die tiefe Entfremdung gegenüber allem Leben zum Ausdruck bringen.

Man ist auch geneigt, im Gesicht der Frau Haß zu lesen. Sieht man dieses Gemälde aber im Zusammenhang mit allen anderen Gemälden aus der Blauen Periode, tritt der Eindruck wieder zurück, dass auf diesem Gesicht Haß oder gar Bosheit die dominanten Anteile sein könnten (3). In dem vielleicht vorausgegangenen Gemälde "Frau mit Helmfrisur" ("Femme au chignon", 1904) findet sich ein ähnlich kaltes, ausdrucksloses, desillusioniertes Frauengesicht (Wiki).

Abb. 4: Pablo Picasso  
Frau mit Helmfrisur
1904
Auf die Blaue Periode folgte die Rosa Periode (1904 bis 1906) (Wiki). In dieser nimmt die Melancholie des Künstlers - wie die Farbe Rosa schon für sich selbst aussagt - etwas unbeschwertere Züge an. Aber es wird sicher gesagt werden dürfen: Ohne die Blaue Periode wäre Picasso nicht jener Picasso geworden, als der er in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Sie ist sicherlich ein grundlegendes Lebens- und Kunststadium gewesen, sonst würden die in dieser Lebensphase entstandenen Werke nicht heute noch als so bedeutend empfunden werden.

_________________________________________
  1. Reyes Jiménez de Garnica, Malén Gual (Hrsg.): Journey through the Blue. La Vie. (Catalogue of the exhibition celebrated at Museu Picasso, Barcelona, october 10th 2013 to january 19th 2014). Institut de Cultura de Barcelona: Museu Picasso, Barcelona 2013
  2. Museu Picasso zur Ausstellung, bcn.cat, abgerufen am 05. April 2017
  3. Mit diesem Gemälde befasste sich 1982 auch das französische Fernsehen anlässlich seiner Versteigerung (Yt).