Donnerstag, 13. April 2017

Die "heiligen Narren" Rußlands

Das russische Volk zog sie oft den Angestellten der etablierten Amtskirche vor

Viele Menschen werden heute psychiatrisch behandelt, die womöglich in früheren Jahrhunderten auf ganz andere Weise ihr Leben hingebracht hätten. Hier sind insbesondere aus dem russischen Kulturraum Lebensformen überliefert, die vielleicht manchen Anhaltspunkt geben könnten dazu, dass sogar verhaltensauffällige Menschen und Menschen, die auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind, da sie keine regelmäßige Berufsarbeit mehr leisten können, dennoch als Segen von ihrer Mitwelt empfunden werden können.

Da die Sichtweise auf solche Menschen im russischen Kulturraum traditioneller Weise eine etwas andere war, könnte ein Blick in die Verhältnisse dort auch auf größere Spielräume in der Sichtweise auf solche Menschen hier bei uns hinweisen.

Der französische Schriftsteller Pierre Pascal (1890-1980) (Wiki) (a) gilt als ein Spezialist für die russische Geschichte, Literatur und Kultur. Er lebte lange Jahre in Russland (von 1916 bis 1933). Sein Aufsatz "Russische Volksfrömmigkeit" ("La Religion du peuple russe") (1) erschien erstmals 1962 (sowie 1966, 1969 und 1973). Er ist auch ganz gut im Internet zugänglich. Im folgenden sollen aus diesem Aufsatz einige Auszüge zitiert werden über ein volkskundliches Phänomen, für das es - außer vielleicht in Indien - in keinem Land der Erde so viele und vielfältige Beispiele gibt wie im traditionellen Rußland. Nämlich die "heiligen Narren", die Wanderasketen. Das sind Menschen, die mitunter einen märchenhaften Wahnsinn mit der einfältigen Herzenreinheit eines Kindes vereinbaren, und die um dessentwillen vom russischen Volk so geliebt worden sind und nicht nur von diesem, sondern auch von einem so bedeutenden Schriftsteller wie Leo Tolstoi.

Ganz selten einmal trifft man auf solche Menschen womöglich auch in Deutschland. Vielleicht häufiger in der Psychiatrie und unter an Schizophrenie Erkrankten als in anderen Gruppen. Um gegebenenfalls solche Menschen etwas genauer "einordnen" und verstehen zu können, mögen auch die Schilderungen von Pierre Pascal eine Hilfe sein.

Dabei sei gleich vorbeugend und einschränkend gesagt, dass es hier nicht darum gehen soll, das Phänomen jener "barfüßigen Propheten" der deutschen frühen 1920er Jahre aufzuklären (Wiki). Auf dem Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" ist schon dargestellt worden, dass ihr Wirken vor allem verstehbar wird vor dem Hintergrund von Okkultlogen, und dass sie zumeist geheime Agenden verfolgt haben, die elitärer Natur waren (etwa Gusto Gräser, Friedrich Hielscher und das ganze Umfeld dieser Leute). Natürlich hat es solche auch im traditionellen Rußland gegeben. Und auch diese sind zum Verständnis politischer Zusammenhänge oft auf keinen Fall zu vernachlässigen. Aber sie allein würden die Volkstümlichkeit des Phänomens gewiß nicht erklären. Und die deutschen sogenannten "barfüßigen Propheten" mögen sich zumeist auch nur äußerlich die russischen als Vorbild genommen haben.

Bettler, Pilger, Wanderasketen, Wahrheitssuchende, Narren


Abb. 1: Heiliger Narr - aus einem Gemälde von W.I. Surikov
Der Schriftsteller Pascal schreibt also in seiner Schrift "Russische Volksfrömmigkeit" von 1962 (1, S. 69f), das russische Volk
"hörte mit Vergnügen von den frommen Abenteuern der Bettelmönche, Wanderasketen und Pilger erzählen."
Und weiter (1, S. 74f):
"Der Pilger, der einmal in das ununterbrochene Gebet eingetreten ist, sieht alles, was ihn umgibt, in einem neuen und wunderbaren Licht: Bäume, Gräser, Vögel, Erde, Luft und Licht, alles verkündet die Liebe Gottes zum Menschen, alles betet und singt zur Ehre Gottes. Auch der Missionar empfängt in seiner kindlichen Reinheit die ersten Aufforderungen zum Gebet von der Natur. Makar Ivanovitsch, der im "Jüngling" von Dostojevskij die Volksfrömmigkeit auf ihrer höheren Stufe symbolisiert, erkennt in jedem Grashalm, im singenden Vogel und in den leuchtenden Sternen das Mysterium Gottes, die unsagbare Schönheit."
Es handelt sich also gerne auch um religiös Erleuchtete oder um solche, denen eine solche Erleuchtung zugeschrieben wird (1, S. 90f):
"Aus diesem Grunde gibt es in diesem Volk die zahlreichen Wahrheitssuchenden (pravdoiskateli), die den modernen Westen in Erstaunen versetzen; jene, die sich einfach ihrer Aufgabe widmen, solche, die Ungerechtigkeit kränkt, solche, die diese Welt des Antichristen verlassen und umherirren; jene, die einer vollkommenen Kirche auf der Spur sind, bis zum geheimnisvollen und unauffindbaren Land der Weißen Gewässer hin; solche, die Gesetzen und Polizei Trotz bieten, um der Menschheit zu dienen; die, die aus der Revolution ein modernes Christentum gemacht haben."
Und weiter (1, S. 91f):
"Die Kirche ist an den Staat gebunden, nur zu oft bemerkt man dies. Sowohl von moralischer als auch von dogmatischer Seite entstehen jetzt Ärgernis, Zweifel, Nachforschungen, Sekten. Von daher erklärt sich z. B. der Erfolg der Duchoborzen ("Geisteskämpfer"), der Anhänger Tolstojs, der Evangeliumschristen, der Stranniki, der Abstinenzler und vieler anderer, die Pässe, Steuern und Militärdienst ablehnten."
Und weiter:
"Der Bauer bricht auf, mit seinem Stock und seinem Brotbeutel, natürlich zu Fuß und begibt sich zu den ihm bekannten heiligen Stätten. Vielleicht ist dies eine benachbarte Einsiedelei, wo ein verehrter Asket wohnt, der in den Herzen liest, Trost und Rat spendet: ein Starez, wie man ihn nennt. Unser Pilger hält sich eine Weile dort auf und kehrt dann, geistig erneuert, zurück; oder er setzt auch seine Wanderung fort und macht eine Rundreise zu den Einsiedeleien der Gegend. Manchmal ziehen sich diese Pilgerfahrten zur Befreiung der Seele über Monate hin."
Pilgerfahrten zur Befreiung der Seele.

Leo Tolstoi hat sie geliebt - die russischen Wanderasketen (Strannik)


Und (1, S. 94f)(Hervorhebungen nicht im Original):
"So gibt es einen höheren Typ der Frömmigkeit, den Stand des Wanderasketen oder Strannik. Wir haben davon eine sehr anschauliche Darstellung in den "Erzählungen eines Pilgers". Der Wanderasket wurde oft durch besondere Umstände zu dieser Lebensform geführt. Ein angeborenes oder erworbenes Gebrechen hat ihn für schwere Arbeiten untauglich gemacht; ein Ereignis, wie der Tod seiner Frau, eine Feuersbrunst oder eine Vision, die ihm den Auftrag gab, haben ihn von seinem Besitz getrennt. Mehr bedarf es nicht, und sein meditativer Geist, seine fromme Seele reißen ihn mit. Als seinen einzigen Besitz nimmt er ein langes Gewand, eine Kappe, einen Bettelsack mit Brotrinden mit sich und geht fort. Er wandert, wie die Pilger, von denen wir schon gesprochen haben, von Kloster zu Kloster, aber unbestimmt und ohne den Gedanken an eine Rückkehr. Überall trifft er auf Gastfreundschaft. Als Gegendienst verrichtet er kleine Arbeiten oder er spricht auch nur. Er berichtet erbauliche Erinnerungen, beschreibt die Wunder der heiligen Stätten, das Tun der Asketen, er bringt die Menschen zum Nachdenken und reißt seine Gastgeber aus ihrem täglichen, irdischen Leben. Wenn er lesen kann und sie nicht, liest er ihnen das Evangelium, die Wüstenväter oder die Heiligenleben vor. Sein Besuch ist ein Fest, ein Wunder und später eine belebende Erinnerung. Rußland wurde von Nord nach Süd und von Ost nach West von Tausenden dieser Pilger durchstreift."
Und:
"In Ržev empfing Vater Matfej jeden Tag einige von ihnen, manchmal bis zu vierzig. Tolstoj hat sie gekannt und geliebt. Bunin hat sie beschrieben, Schaljapin hat sie häufig besucht. Der Bauerndichter Jessenin berichtet, dass das Haus seiner Großmutter immer voll von diesen Pilgern, Pilgerinnen und Krüppeln gewesen sei, die in den Ortschaften Legenden und Klagelieder gesungen hätten. Eine solch ungeheuer wichtige und fromme Rolle spielten also die Wanderasketen."

Die "heiligen Narren" Rußlands (Jurodivyj)



Und:
"Der "podvig" geht jedoch noch weiter. In Syrien, der Heimat aller religiösen Exzesse, hatten die Christen der ersten Jahrhunderte die Worte des Apostels: "Die Torheit Gottes ist weiser als die Weisheit der Menschen... [1 Kor 1,25] Wir sind töricht um Christi willen... [1 Kor 4,10]" wörtlich genommen, und es kam zur Erscheinung der "Saloi". Welch’ eine Tat könnte verdienstvoller sein als die, auf das, was das Besondere und Eigene des Menschen und seines Hochmutes ist, nämlich den Verstand, zu verzichten und als Narr zu gelten, um den höchsten Schimpf zu ernten, in die abgrundtiefste Erniedrigung zu fallen, freiwillig, um Christi willen? Sobald sie bekehrt sind, ergreift das Verlangen der Nachfolge die Russen: In Kiev gab es freiwillige Narren, die "Jurodivye", und dieses Phänomen verschwand nie mehr; die Narren verbreiteten sich darauf in Moskau, sie hielten den Verfolgungen der Zivilbehörden, den Verdammungen der aufgeklärten Prälaten des 18. Jahrhunderts, der entrüsteten Verachtung der intellektuellen Gesellschaft und der "Kulturpropaganda" der Sowjets stand. Sie sind noch heute vorhanden.
Sie irren, ebenfalls mit "verigi'" und Eisenmützen, in lächerliche Lumpen gekleidet oder beinahe nackt, umher, betteln, wälzen sich im Schlamm, erregen Spott und bekommen verletzende Worte zu hören, reizen zu grotesken und gehässigen Handlungen. Sie haben Empfindlichkeit und Eigenliebe in sich getötet. Sie erregen Skandal und haben vor nichts Respekt. Sie scheinen aus einer anderen Welt zu kommen. Man verachtet und bewundert sie, und man erkennt ihnen außergewöhnliche Fähigkeiten zu: sie lesen in den Herzen, sie sehen in die Zukunft. Ihre unbedeutendsten Äußerungen versucht man auszulegen. Einst spielten sie auf diese Weise eine Rolle in der Politik: sie geißelten die Mächtigen. Iwan der Schreckliche ließ einen Metropoliten hinrichten, aber er nahm die Schmähung eines Jurodivyj hin. Heute sind sie die Beichtväter des Volkes.
Der Jurodivyj befindet sich überall. Ein Jurodivyj von Kursk bildete den späteren Serafim von Sarov aus. Ein Jurodivyj, ein ehemaliger Pilger aus Palästina, der Mönch geworden war, gründete neben dem Sergij-Kloster die Einsiedelei Gethsemane. Ein Priester aus Uglič namens Peter, den man für einen Jurodivyj hielt (man behandelte ihn als Narren, man schnitt ihn, man legte ihn in seinem Hause an die Kette), wurde 40 Jahre lang, bis zu seinem Tode im Jahre 1866, von Scharen aufgesucht, die begierig nach seinen Ratschlägen waren, und er wurde von den Weisen und Philosophen als geistlicher Lehrer hochgeschätzt: so z.B. von dem Archimandriten und Lehrer Fedor (Bucharev).
Die Schriftsteller haben es nicht versäumt, den Jurodivyj mit mehr oder weniger Verständnis und Sympathie zu beschreiben: Tolstoj in seiner "Kindheit" und Dostoievskij in den "Besessenen", ebenso der Satiriker Saltykov-Schtschedrin und die populären Schriftsteller Gleb Uspenskij und Naumov; Pryjov und Korolenko haben ihm auch Studien gewidmet. Auf jeden Fall bestreitet niemand, dass er ein hervorstehend repräsentativer Typ der russischen Volksfrömmigkeit auf ihrer heroischen Stufe ist."
Diese Ausführungen können aufzeigen, dass das menschliche Seelenleben ein sehr vielfältiges sein kann, und dass Menschen mitunter in der tiefsten Erniedrigung, die Menschen nur möglich ist, womöglich dennoch ein reiches Gotterleben haben können oder doch zumindest Menschen mit warmem, guten Herzen sein können, deren Anwesenheit für andere Menschen ein Segen sein kann.

Kann dem Menschen etwas Wesentlicheres eingeflößt werden als Ehrfurcht vor der Reinheit des Herzens?

/Verfasst: 1.8.2014/

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  1. Pascal, Pierre: Russische Volksfrömmigkeit. In: Kyrios. Zeitschrift für Kirchen- und Geistesgeschichte Osteuropas. 1962, S. 69 - 102. Ergänzende Bemerkungen in [...] von K. Bambauer. Auf: BorisOGleb.de. Offenbar auch als Einzelschrift: Oekumenischer Verl. Edel 1966 (40 S.)

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