Donnerstag, 11. Mai 2017

Zur Evolution des menschlichen Verantwortungsbewußtseins

Eine Mitschrift von Vorträgen Gerold Adams aus dem Jahr 1993

In einem früheren Beitrag (1) wurde kurz erwähnt, daß in der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" ab Januar 1994 eine neue Aufsatzreihe begonnen wurde mit dem Titel „Die stammesgeschichtliche Entstehung des Menschen aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie“. Diese Aufsatzreihe wurde eingeleitet mit dem Aufsatz "Der wesentliche Schritt vom Tier zum Menschen - Eine philosophische Psychologie" (2). In diesem Aufsatz heißt es einleitend:
Eine Aufklärung der Vorgänge der evolutionären Entstehung der Menschenseele sollte es uns erlauben, das besondere menschliche bewußte Erleben besser zu verstehen und von daher zu einer vertieften Selbsterkenntnis und über diese zu einer sinnvolleren Lebensgestaltung zu gelangen. Insbesondere könnte eine solche zutreffende Selbsterkenntnis und gültige Lebensauffassung auch die dringenden Fragen nach dem Sinn der Sonderung der Menschen in unterscheidbare Gruppen, wie Stämme und Völker und zugleich nach den Lebensrechten dieser Gruppierungen beantworten. (...)
Wir wollen wie in den beiden bisherigen (...) Aufsatzreihen über die Evolution wiederum die naturwissenschaftlichen Aussagen zur Entstehung des Menschen denen der Philosophie von Mathilde Ludendorff gegenüber stellen. Die naturwissenschaftlichen Befunde zu unserer Fragestellung werden hier aus den Fachgebieten der Verhaltensforschung, der Soziobiologie, der molekularen Stammbaumanalyse, sowie der Vorgeschichtsforschung herstammen.
Es kann an dieser Stelle nicht der gesamte Aufsatz zitiert werden. Er hatte eine einleitende Funktion und sollte auf das Thema der gesamten Aufsatzreihe hinleiten. Es soll aber hier noch auf Ausführungen an seinem Ende hingewiesen werden. Hier wird nämlich gefragt, welche Gegenkräfte es in der Menschenseele gibt gegen den "unweisen Selbsterhaltungswillen", der den Menschen oft im Widerspruch zum Göttlichen handeln lässt:
Wenn es also der Sinn des Menschenlebens ist, sich in freier Entscheidung dem Göttlichen zuzuwenden und sich ihm zu erschließen, muss der Mensch die Möglichkeit haben, es irgendwie zu erfahren, zu spüren.
Wie ist es dann aber möglich, vom Göttlichen zu erfahren und trotzdem die Freiheit des Entscheides für oder wider zu behalten? Dieser wichtigen und schwierigen Frage wollen wir uns nun zuwenden. 
In der Stammesentwicklung wurde schon in den höheren Tieren das Verhalten der Brutfürsorge angelegt. Aus dieser Wurzel erwacht im Menschen das bewußte Erleben der Elternliebe, insbesondere der Mutterliebe. Dieses drängt das selbstsüchtige Streben nach Lusthäufung und Unlustvermeidung durch den unvollkommenen Selbsterhaltungswillen zugunsten der häufig schmerzhaften und aufopferungsvollen selbstlosen Hingabe an das Wohl des Kindes zurück und schwächt damit die Wahrscheinlichkeit, daß das Ich dem unweisen Selbsterhaltungswillen die Zügel des Handelns überläßt. Im bewußten Erleben der Elternliebe wird diese gegenüber der tierlichen Brutpflege vergeistigt und kann zum seelischen Aufstieg des Ichs und zur Erfüllung des Lebenssinnes führen.
Ein weiteres sehr starkes Band zur Erfüllung des göttlichen Sinns des Menschenlebens wird von der Philosophie mit dem Begriff Gottesstolz umrissen, der eigentlich genauer mit dem Begriff Gottverantwortung, d. h. dem Erleben der Würde und Verantwortung des Menschen zur Erfüllung seines göttlichen Lebenssinnes beschrieben werden kann (3, S. 36):
"Der Mensch erlebt in seiner Seele die Ahnung seines hohen Menschenamtes. Es ist dies ein Erleben der Würde, gepaart mit Verantwortung und der Forderung innerseelische Freiheit als der notwendigen Voraussetzung würdigen Lebens. Ich habe dieses Erleben Gottesstolz genannt."
In einem späteren Beitrag soll dieser oft mißverstandene Begriff Gottesstolz, oder besser Gottverantwortung, näher erläutert werden. Dabei soll gezeigt werden, daß dieses Erleben ebenfalls eine starke stammesgeschichtlich entstandene Wurzel hat, die im bewußten Erleben des Menschen vergeistigt vorliegt und zum seelischen Aufstieg führen kann.
Es wird dann noch der Wille zur Schönheit, zur Wahrheit und zum Guten in der Menschenseele behandelt. Darauf soll jetzt nicht weiter eingegangen werden. Der im gebrachten Zitat angekündigte "spätere Beitrag" ist nie erschienen. Gerold Adam (1933-1996), ein Konstanzer Biologe und der Verfasser dieser Zeilen, ist schon drei Jahre später, im Herbst 1996 mit 63 Jahren gestorben. 

Eine Vortragsmitschrift aus dem Jahr 1993


Doch gibt es die stichwortartige Mitschrift eines Vortrages, den Gerold damals nur vier Monate zuvor, also im September 1993, über genau diese Thematik gehalten hatte. Diese Mitschrift soll im vorliegenden Beitrag dokumentiert werden. Mit dieser Mitschrift besteht die Möglichkeit, wenigstens in groben Umrissen zu verstehen, was dieser Aufsatz hätte enthalten können, zumindest von seiner naturwissenschaftlichen Seite her.

Wie kam die Mitschrift zustande? Die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" hielt damals alljährlich einwöchige Herbsttagungen im Salzburger Land ab. In einem kurzen Bericht über diejenige Tagung des Jahres 1993 heißt es (DVHS, Folge 87, Sept. 1993, 3. Umschlagseite):
Seit 1988 findet nun jährlich einmal unsere Herbsttagung im schönen Salzburgerland statt. Veranstaltungsvorträge, kleine Wanderungen, gemeinsames Singen, Musizieren und Gespräche machen diese kurze Zeit zu einem gehaltvollen, schönen Erlebnis. Im Mittelpunkt der Tagung stand das Thema „Das Werden der Menschenseele“. In insgesamt 10 Vorträgen wurden die modernen Ergebnisse der Verhaltensphysiologie und der Soziobiologie dargestellt und weiterhin herausgearbeitet, ob und inwieweit sich hier Übereinstimmungen mit den Erkenntnissen der Philosophie von M. Ludendorff ergeben. Für die Teilnehmer war es eine faszinierende Erfahrung, anhand von detaillierten Beispielen zu sehen, daß sich die naturwissenschaftlichen und die philosophischen Erkenntnisse zu einer Gesamtaussage ergänzen und in einem Übergangsbereich miteinander übereinstimmen.
Auf dieser Tagung war also offensichtlich ein erster mündlich vorgetragener Einstieg in jene Thematik gegeben worden, der dann ab Januar 1994 die genannte neue Aufsatzreihe gewidmet wurde. In dieser Aufsatzreihe kam es zu Lebzeiten von Gerold Adam (also bis 1996) zur Veröffentlichung von insgesamt fünf Aufsätzen, außerdem zählte er noch einen vorausgegangenen Aufsatz hinzu, also: sechs. Diese sechs Aufsätze können als sehr inhaltsreich bezeichnet werden, schon allein ablesbar an der reichhaltig ausgewerteten aktuellen Forschungsliteratur bis zum Jahr 1994.

Es dürfte manche Anhaltspunkte dafür geben, daß sie eine bleibende Geltung in der Geschichte der Philosophie der Biologie des ausgehenden 20. Jahrhunderts behalten werden. In diesen sechs Aufsätzen kam nun zwar vieles zur Veröffentlichung, worüber Gerold Adam mündlich nicht vorgetragen hat. Es kam andererseits aber zu seinen Lebzeiten noch längst nicht alles das zur Veröffentlichung, worüber er zu unterschiedlichen Gelegenheiten mündlich vorgetragen hatte.

Aus jener Vortragsmitschrift, um die es im vorliegenden Beitrag geht, und die am Ende dieses Beitrages dokumentiert werden soll, kann recht gut rekonstruiert werden, über was Gerold Adam auf der genannten Tagung in zentralen Teilen vorgetragen hat. Diese Mitschrift hat über weite Strecken so gut das Wesentliche festgehalten, daß jemand, der Gerold Adam und sein Denken recht gut kannte, aus ihr sofort alles nachvollziehen konnte, was in diesem Vortrag an Neuem gegeben worden war und zum Ausdruck gekommen war. Schon diese Mitschrift konnte solche Leser, die den Vortrag selbst nicht gehört hatten, ähnlich ins Herz treffen, als wären sie selbst bei dem Vortrag anwesend gewesen.

Im folgenden soll versucht werden, den wesentlichsten Teil dieser Mitschrift - nämlich ihren Anfangsteil - in einen für jeden Leser nachvollziehbaren Fließtext umzusetzen. Der weitgehend unkommentierte Originaltext der Mitschrift wird dann am Schluß gebracht und soll dort für sich stehen und sprechen. Aber die stichwortartige Mitschrift kann natürlich zunächst jemandem, der entweder die Philosophie von Mathilde Ludendorff nicht gut kennt oder sich mit den grundlegenden Konzepten der modernen Soziobiologie und Evolutionären Anthropologie noch nicht bekannt gemacht hat, nicht leicht in ihrem Sinn erschließen. Und so kann auch diese Mitschrift nur eine Anregung sein, sich die genannten Themenbereiche anderweitig zu erschließen.

Die Evolution der menschlichen Seelenfähigkeiten


Für die mündliche Vortragsreihe auf der Tagung wurde in der Mitschrift keine Überschrift festgehalten. Sie könnte benannt gewesen sein „Die Evolution des menschlichen Verantwortungsbewußtseins“ oder "der Gruppenverantwortung". Zwar wird in den Vorträgen auch wieder die Elternliebe erwähnt. Und der mit ihr verbundene Altruismus wird natürlich auch quasi ständig mit behandelt. Aber die Überschneidungen zwischen philosophischer und naturwissenschaftlicher Aussage, bzw. gegenseitige Ergänzungen und Erläuterungen sind ja hinsichtlich der Brutfürsorge und Elternliebe bei Menschen, Tieren (- und übrigens auch Pflanzen!) vergleichsweise leichter zueinander in Bezug zu setzen. Das wird einer der Gründe sein, weshalb Gerold auf den elterlichen Altruismus in seinem Vortrag nicht den Schwerpunkt seiner Ausführungen gelegt hat. Übrigens gibt es in der Evolution ja weite Übergangsbereiche was die Evolution von der Brutfürsorge hin zur Gruppenverantwortung betrifft. Jedenfalls kreisten seine Ausführungen rund um jenen Altruismus, der eben von Gerold auch „Gruppenverantwortung“ benannt worden ist.

Gerold erinnert in seinem Vortrag zunächst an die Aussage der Philosophie von Mathilde Ludendorff, daß das Göttliche in der Menschenseele Eingang fände über die „göttlichen Wünsche“. Es sind damit angesprochen - kann aber an dieser Stelle nicht ausführlicher erläutert werden - die vier göttlichen Wünsche zum Wahren, Guten und Schönen, sowie zum göttlich gerichteten Fühlen von Liebe und Haß.

Gerold trifft hierbei eine (ihm auch sonst) wichtige Unterscheidung. Auf sie ist er auch bei anderen Gelegenheiten zu sprechen gekommen. Er sagt nämlich, daß das Erleben des Göttlichen im Menschen auf zweierlei Arten stattfinden könne. Einmal über eine starke seelische Erschütterung (hier als „tiefstes Erlebnis“ notiert). Diese kann ausgelöst werden durch große Freude oder großes Leid (bzw. eben solches Erleben von Lust oder Unlust). Gerold bezeichnete die Musik Beethovens als typisch für diese Art des Erlebens. (Das kann auch gekennzeichnet sein durch starke Hormonausschüttungen - Streßhormone, Glückshormone etc..) Und diesem Erleben stellt Gerold ein andersartiges Gotterleben gegenüber. Hierbei handele es sich um ein „stilles, ruhiges Besinnen“. Nämlich auf diese göttlichen Wünsche (gegebenenfalls auch auf die Gewissens-Wertungen, die sich für den einzelnen aus diesen ergeben, und die dabei immer wieder neu "geeicht" und überprüft werden könnten). Die Musik von J. S. Bach könne als typisch für ein solches "stilles, ruhiges Besinnen" angesehen werden. - Laut Mitschrift fragt Gerold dann:
„Wie sind die Ausstrahlungen des Göttlichen entstanden?“
Natürlich ist die Frage in der hier festgehaltenen Kurzform mißverständlich. Aus dem Gesamtzusammenhang wird klar, gemeint ist: Wie ist (evolutiv) die Möglichkeit entstanden, daß sich die Ausstrahlungen des Göttlichen bis in die menschliche Seele hinein auswirken können, bzw. dort wahrgenommen und bewußt erlebt werden können? Und Gerold antwortet nun, daß die „Wurzeln (hierfür) bereits im Tierreich“ angelegt gewesen seien. Und um diesen Umstand zu erläutern, werden dann die weiteren Ausführungen gegeben.

Neben die eben genannten vier göttlichen Wünsche, die von der erwachsenen Menschenseele zunächst eher unklar und diffus erlebt würden (und zu denen es von Seiten der soziobiologischen Forschung zahlreiche, auch von Gerold in der genannten Aufsatzreihe erläuterte Erklärungsansätze gibt), setzt, bzw. postuliert die philosophische Psychologie Mathilde Ludendorffs zusätzlich noch das Erleben von „Gottesstolz“ und „Mutterliebe“ als starke, nun sogar sehr direkt und unverfälscht erlebte „Strahlen des Göttlichen“ in die Menschenseele hinein.



Abb. 1: Titelseite der Zeitschrift DVHS vom Januar 1994
Darauf: Republikanische Büste um 30 v. Ztr.
Terrakotta, Höhe 33,5 cm
Boston Museum of Fine Arts

Mutterliebe und Gottesstolz


Und Gerold formuliert nun zunächst diese beiden zentralen Begriffe der Ludendorff'schen Philosophie um in die heute leichter nachvollziehbaren Begriffe „Elternliebe“ und „Gottverantwortung“. (Es geschieht das ganz zwanglos im Einklang und im Sinne dieser Philosophie.) Er sagt zu diesen Erlebnis- und Handlungsbereichen, daß es - aus der Sicht der Philosophie von Mathilde Ludendorff - eine „freie Entscheidung“ auf Seiten des Menschen gibt, wie diese Ausstrahlungen des Göttlichen in die menschliche Seele hinein er- und damit gelebt werden („ausgeübt“ werden), das heißt: ob sie entfaltet werden oder ob der einzelne Mensch sie unentfaltet läßt oder gar verkümmern läßt im Laufe seines Lebens.

Mit all dem referiert Gerold zunächst einmal im wesentlichen nur Aussagen der Philosophie von Mathilde Ludendorff. Er sagt dann aber Worte über die Gottverantwortung, die - zumindest im Jahr 1993 - auch bei Menschen, die sich mit der Philosophie Mathilde Ludendorffs schon beschäftigt hatten, ein ganz neues Verständnis dieses Ludendorff'schen Konzeptes erschließen konnten. Es wird deutlich, dass dieses neue Verständnis auch in Auseinandersetzung mit der neuesten Naturwissenschaft gewonnen worden war. Dieses neue Verständnis ist hier enthalten in der folgenden, aufzählenden Kurzform der Mitschrift:
... Wie sind die Ausstrahlungen des „Göttlichen“ entstanden?
Wurzeln bereits im Tierreich.
Elternliebe:
Freie Entscheidung, wie es ausgeübt wird. Gottesstolz (besser Gottverantwortung). Kern: Verantwortung. Selbstverantwortung Grund zum Handeln
Wurzel: Abwehr von Feinden und Gefahren
Verantwortung höherer Wert als Verpflichtung
ist verbunden mit Altruismus
z. B. Herdenboß, Patriarch
Naturwissenschaftliche Befunde zu bisher o.g. ....
Die Begriffe Herdenboß und Patriarch können zum Beispiel anspielen auf Alpha-Männchen in einer Gruppe von Schimpansen oder Gorillas oder anderer in Gruppen lebender Affen. Diese müssen ja ihre Stellung oft über Rangkämpfe und über Koalitionen innerhalb der Gruppe absichern. Man muß sich bei der hier zitierten Mitschrift immer bewußt machen, daß es sich ja nur um das stichworttartige Mitschreiben von Kerngedanken der mündlichen Ausführungen handelt. Aber schon in diesen wenigen Worten mag viel enthalten sein, wenn man den Gedanken hinterher geht. Deshalb wäre dazu manche Erläuterung zu geben für Leser, die sich mit solchen Themen noch nicht sehr intensiv beschäftigt haben. Zunächst: Natürlich ist der Gedanke sofort einleuchtend, daß Verantwortung noch einen höheren Wert darstellt als eine Verpflichtung. Das kann einer der Gedanken sein, über die es sich hier womöglich lohnt, selbständig weiter zu denken.

Hier soll aber zunächst einmal festgehalten werden, daß über eine sich hier andeutende Art des Verständnisses eines zentralen Konzeptes der Philosophie von Mathilde Ludendorff, nämlich des sogenannten "Gottesstolzes", so zuvor - also vor 1993 - noch nirgendwo gesprochen worden war. Das war etwas Neues, also von Gerold selbständig Erlebtes zum einen einfach durch eigenes selbst gestaltetes, gelebtes Leben. Zum anderen aber eben auch in Auseinandersetzung mit der Philosophie Mathilde Ludendorffs in Gegenüberstellung zu dem damals neuesten naturwissenschaftlichen Forschungsstand.

"Die Aufwärtsentwicklung des Menschen ist durch konkurrierende Gruppen zu Stande gekommen"


Und in den weiteren - stichwortartig mit geschriebenen - Ausführungen wurde das dann auf der Tagung von Gerold eben sehr genau und detailliert erläutert, was in diesen wenigen Worten enthalten sein konnte. Diese dürfte von ihrem Sinngehalt jeder sofort verstehen, der sich mit den grundlegenden Konzepten der Soziobiologie und der Evolutionären Anthropologie schon vertraut gemacht hat (etwa über Bücher von Eckard Voland, Wolfgang Wickler oder zahlreicher anderer). Das soll an dieser Stelle zunächst erst einmal noch nicht alles ausführlich erläutert werden. Deutlich wird aber schon, wie eng Gerold die Bezugnahme von Philosophie und Naturwissenschaft hier überall sieht und behandelt. Und diesen Umstand mag man schon einmal für sich als sehr begeisternd empfinden.

Gerold behandelte zum Beispiel sehr ausführlich die Forschungen rund um die Nacktmulle und war begeistert von dem von ihm genannten Forscher Richard D. Alexander, der damals mehrere sehr wegweisende Gedanken innerhalb der Soziobiologie aufgeworfen hatte, auf die sich Gerold dann auch bezieht.

Es sei hier erst einmal nur abschließend noch auf den Satz hingewiesen, der in der Mitschrift festgehalten ist als eine Art Zusammenfassung:
Die Aufwärtsentwicklung des Menschen ist durch konkurrierende Gruppen entstanden.
Diese Aussage - eine zentrale These von Richard D. Alexander (8) - dürfte innerhalb der Soziobiologie des Jahres 1993 noch eine deutliche Minderheiten-Meinung dargestellt haben. Inzwischen hat sich diesbezüglich in der Forschung unglaublich viel getan. Es kam zu einer Wiederbelebung des zuvor verdammten Konzeptes der "Gruppenselektion", es kam in diesem Zusammenhang zu Konzepten der sogenannten "Mehrere-Ebenen-Selektion" (multi-level-selection). Und es kam zur Superorganismus-Theorie. Keine derselben hat bis heute vollständige Anerkennung gefunden, aber jede ist ein wichtiger Bestandteil der Debatte. Auf diesem Forschungsgebiet ist weiterhin viel in Bewegung.

Und deshalb ließe sich die zitierte Aussage von Gerold Adam gut und differenziert in Beziehung setzen zu dem heutigen Kenntnis- und Diskussionsstand. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, aber sicherlich eines der anschaulichsten: Man wird von der Intelligenz-Evolution des aschkenasischen Judentums in den letzten tausend Jahren (Wiki) sagen können, daß sie in einer Konkurrenzsituation erfolgt ist innerhalb eines Minderheitenvolkes, das bestrebt war, gegenüber einer Mehrheitsbevölkerung seine kulturellen und genetischen Eigenschaften zu erhalten und damit zugleich seine religiösen Ziele zu erreichen.

Ein anderer Bereich, der hier her gehört, sind soziobiologische Forschungen rund um das Konzept des "commitment" (4), also des Verantwortungsgefühls innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft und für das Weiterbestehen derselben, sei es eine Ehe, eine Familie, eine ehrenamtliche Gruppierung, eine Firma oder auch eine Partei oder ein Volk. Und natürlich kann all dies auch in Bezug gesetzt werden zu den von Peter Sloterdijk thematisierten "thymotischen Energien" (5-7). Auch diese Energien können ja - nach der Philosophie Mathilde Ludendorffs - als ein Ausfluß des Gottesstolzes, der Gottverantwortung, sowie der Gruppenverantwortung erachtet und behandelt werden. Damit sei zunächst einmal genug der einleitenden Erläuterung gesagt.

Die Vortragsmitschrift


(Vortrag von Gerold Adam, September 1993)


göttliche Wünsche …
… Einmal tiefstes Erlebnis
Einmal stilles, ruhiges Besinnen.
Wie sind die Ausstrahlungen des „Göttlichen“ entstanden?
Wurzeln bereits im Tierreich.
Elternliebe:
Freie Entscheidung, wie es ausgeübt wird. Gottesstolz (besser Gottverantwortung). Kern: Verantwortung. Selbstverantwortung Grund zum Handeln
Wurzel: Abwehr von Feinden und Gefahren
Verantwortung höherer Wert als Verpflichtung
ist verbunden mit Altruismus
z.B. Herdenboß, Patriarch

Naturwissenschaftliche Befunde zu bisher o.g.
quantitative Beschreibung der Mutation und Selektion → Neodarwinismus

wie bildet sich altruistisches Verhalten in der Evolution? (z.B. Verzicht auf Nachkommen?)
Ab 1964 erste Erklärungen dafür durch Hamilton.
Darwin: fitness spielt Hauptrolle bei Evolution des Einzelnen, bestimmt Selektion der Gene
Fitneß: Evolutionserfolg, Zahl der Nachkommen
Hamilton: Fortpflanzung der Gene durch Vermehrung der Verwandten möglich → „inklusive Fitneß“ = eigene + Verwandte bestimmt die Selektion der Gene
Soziobiologie:
„Inklusive Fitneß“ bestimmt die Selektion der Gene. Sie enthält zusätzliche ...
Einschließlicher Evolutionserfolg (Zahl der Nachkommen) = inklusive Fitneß

Abb. 2: Aus der handschriftlichen Mitschrift die an dieser Stelle von Gerold
an die Tafel geschriebene mathematische Gleichung
Alle Gene müssen zu ihrer eigenen Vervielfältigung, Vermehrung im Genbestand wirken (in Nachkommen) (im Erbbestand) ==> auch Altruismusgene müssen sich halten.

Altruismus z. B. bei Bienen (Arbeiterbienen zu 75 % identisch, zu 50 % mit Königin) z. B. bei Honigameisen: Honigtöpfe

[Bis hier ist also das grundlegende Konzept der Verwandtenselektion nach William D. Hamilton erläutert worden und seine Anwendung zur Erklärung von Eusozialität im Tierreich, also insbesondere von Staatenbildung mit Klassen, die sich selbst nicht fortpflanzen. Nun folgt der große Schritt, daß eben Richard D. Alexander sich fragte: Das gibt es bei wirbellosen Tieren recht oft, sollte es das dann nicht auch bei Wirbeltieren geben? Und er sagte dann genau voraus, unter welchen Bedingungen es das bei Wirbeltieren geben sollte. Und erst danach wurde die Tierart der Nacktmulle entdeckt, und daß sie genau das erfüllt, was Alexander vorausgesagt hat. Das hat Gerold sicher genauer erläutert, ist aber hier nicht mitgeschrieben worden. IB] 

Mittwoch, 15.9.93

Staatenbildung bei Wirbeltieren: nach Prinzip wie bei Termiten: Nahrung weit verstreut, pflegebedürftige Jungtiere, mehrere Generationen …
Nacktmulle in Afrika 1 Königin, 60 - 200 Tiere, 5 normale Tiere a 30 Gramm
Nur die Königin pflanzt sich fort.
Untersuchungen an verwandten Mullen ergaben, daß die Staatenbildung des Heterocephalus glaber (Nacktmull) nicht zwingend ist.

Grundformel der Soziobiologie (Wickler/Seibt, Prinzip Eigennutz, S. 176) r > E/Z nur in diesem Rahmen kann sich die soziale Hilfeleistung in der Evolution erhalten.
r = Verwandtschaftsgrad von Wohltäter zu Empfänger
E = „Einbuße“, d. h. verminderter Fortpflanzungserfolg bei Wohltäter durch „Wohltat“
Z = „Zuwachs“, d. h. zusätzlicher Fortpflanzungserfolg beim Empfänger der Wohltat.

Mensch hat die Neigung, sich in Gruppen abzugrenzen durch ähnliche Kleidung in der Gruppe entgegen der Kleidung anderer Gruppen, Dialekt … usw.
Vorteil: Verwandtschaftsgrad kann besser erkannt werden!

Prinzip Eigennutz passt nicht, da Gene kein Ich besitzen
                
Inwieweit lässt sich Schönheit auch oft als nützlich beschreiben? Sechseck = stabil + raumsparend …


[An dieser Stelle erörterte Gerold offenbar den Gedanken, daß sich in der Evolution Eigenschaften evolutionsstabil halten können, ohne daß sie dafür immer ausgesprochenermaßen "nützlich" sein müssen. Warum das an dieser Stelle erörtert wird, bleibt allerdings in der Mitschrift unklar. Es folgt dann ein ganz neuer Gedankengang, beruhend auf [8].]

Anlage erhöht die Wahrscheinlichkeit, in eine bestimmte Richtung zu handeln (altruistisch)

Alexander, Richard D. in Englisch (8), Quelle von Eckart Voland, Funkkolleg (Psychobiologie - Verhalten bei Mensch und Tier, 1986)
An der Wurzel der Evolution stand als Einheit eine Menschengruppe / Stamm, die zu anderen in Konkurrenz stand.
→ enge Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern einer Gruppe und Bekämpfung der Mitglieder fremder Gruppen
Voraussetzung:
Erkennung der eigenen Verwandten
→ Höherentwicklung durch Kennzeichnung wie Kleider, Haartracht usw.
→ Höherentwicklung des Gehirns!
→ zunächst diente auch die Sprache dazu. z. B. Heute noch üblich, viel Gemeinschaftskontakt durch Gespräche: wie geht’s?
Nachbar Huber ist doof, du bist gut usw. siehe auch polit. Reden!
Grenze bei ca. 160 Menschen abhängig vom Zeitaufwand
nimmt ständig zu: Schimpansen ca. 30%   ihrer Zeit
Menschen ca. 40 % der wachen Zeit!!!

[Das sind Ausführungen aus dem Zusammenhang der Social brain-Theory, wie sie Robin Dunbar nachmals - 1996/98 - in seinem Buch „Klatsch und Tratsch“ erläutert hat, und wie sie bis 1993 nur in Einzelaufsätzen vorgelegen hatten, die Gerold also auch alle schon zur Kenntnis genommen hatte. Es handelt sich um Dunbar's Theorie, daß aus der sozialen Fellpflege (Grooming), der Menschenaffen 30 % ihrer wachen Lebenszeit widmen, mit sozial ähnlicher Bedeutung die menschliche Sprache hervorgegangen sei, nämlich vornehmlich für den „Klatsch und Tratsch“ innerhalb von menschlichen Gruppen mit bis zu 150 Angehörigen - „Dunbars Number“, jenen Gesprächen, denen Menschen ca. 40 % ihrer wachen Lebenszeit widmen. I.B.]

beachte auch Bestreben, sich anzupassen! (an Sprache, Kultur und politische und geschichtl. Ansichten …)
Es werden auch Zwänge eingesetzt
z. B. Verbannung, Verstellung (um zu parasitieren)

Summe: die Aufwärtsentwicklung des Menschen ist durch konkurrierende Gruppen entstanden.

Mensch sucht sich aus dem vorhandenen Kulturangebot (Eltern, Schule …) seinen Neigungen, Anlagen entsprechende Dinge heraus und lebt sie.

Kulturelle Ideale führen z. B. zur Veränderung von Genhäufigkeiten (z. B. schlanke Menschen schöner, besser als dicke …)
Grundthese: Erbgut = Resonanzboden
Gene machen den Menschen dazu geneigt, derjenigen Kulturform Unterbau zu schaffen, die/der das Überleben der Gene fördert.
Äußert sich vor allem in/bei Fortpflanzung.
Statistik: Partner in der Ehe: gleich zu gleich gesellt sich gern

Gene müssen gleiche Gene erkennen

→ Kultur ist eingespannt zur vermehrten Fortpflanzung (in sehr vielen Bereichen)
religiöse Inhalte sehr stark wirksam, da sie hohe Ansprüche stellen und tief erlebt werden, bzw. auch wichtig für das Überleben sind (Maiskochen)


[Gerold hatte einmal irgendwo etwas davon gelesen, dass das Kochen von Mais bei bestimmten nordamerikanischen Indianern mit starken religiösen Gefühlen belegt war, wodurch - so Gerold - die Beibehaltung dieser Überlebenstechnik bestens gesichert war. Ungefähr so ist hier der Sinn. Vielleicht hatte er damit die "Green Corn Ceremony" [Wiki] gemeint oder etwas Vergleichbares. Siehe auch Ausführungen über die große religiöse Bedeutung des Mais bei den Navajo: Gladys Amanda Reichard: Navaho Religion - A Study of Symbolism [1950 und viele Folgeauflagen] [GB]. I.B.]

Soziobiologie nicht ausreichend, um Kultur vollständig zu erklären, es darf jedoch auch kein Widerspruch zwischen Kultur und Evolutionsgesetzen geben.

Frau Ludendorff beschreibt die Volksseele:
Gottlied der Völker allerhöchstes Ziel

[Am Ende wird also wieder ein Ausblick auf die philosophische Deutung der Evolution menschlicher Gruppen und Völker durch Mathilde Ludendorff gegeben, insbesondere die von ihr gegebene Wertung, daß die Vielfalt der menschlichen Kulturen auf der Erde der höchste Wert in diesem Weltall darstellt. IB]

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  1. Bading, Ingo: 1979 - Die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" wird gegründet. Auf: Die Deutsche Volkshochschule, Digitale Zeitschrift, 25.3.2017, http://fuerkultur.blogspot.de/1979/05/1979-die-zeitschrift-die-deutsche.html
  2. Leupold, Hermin (d.i. Gerold Adam): Der wesentliche Schritt vom Tier zum Menschen. Eine philosophische Psychologie. Erster Aufsatz um Rahmenthema „Die stammesgeschichtliche Entstehung des Menschen aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie“. In: Die Deutsche Volkshochschule (Ratekau), Folge 89, Januar 1994, S. 1-11
  3. Ludendorff, Mathilde: Aus der Gotterkenntnis meiner Werke. Ludendorffs Verlag, München 1935
  4. Boyd, Robert; Richerson, Peter J.: The Evolution of Subjective Commitment to Groups: A Tribal Instincts Hypothesis. Randolph M. Nesse (ed.): Evolution and the Capacity for Commitment. New York 2001, 186-220
  5. Sloterdijk, Peter: Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006
  6. Bading, Ingo: "Müssen wir zur eigenen Verteidigung selbst zorniger werden?" Auf: Studium generale, 11. April 2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/04/mssen-wir-zur-eigenen-verteidigung.html
  7. Bading, Ingo: Peter Sloterdijk - "thymotische Energien" zu Ende denken. Auf: Studium generale, 4. Juli 2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/07/peter-sloterdijk-thymotische-energien.html
  8. Alexander, Richard D.: Evolution of the Human Psyche. In: Paul Mellars, C. Stringer (Ed.): The Human Revolution. Behavioral and Biological Perspecitves on the Origins of Modern Humans. Edinburgh 1989, S. 455-514

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