Mittwoch, 1. Januar 1992

Gedanken zu einer zeitlosen Frage

Michelangelo, Sixtinische Kapelle, Das erste Menschenpaar (Wiki)

Über die Jahrhunderte ist es ein wichtiges Anliegen geblieben, über die seelisch tiefe und auf Dauer gegründete Gemeinschaft zwischen Mann und Frau den Bestand an heilen Familien als Grundlage aller größeren Gemeinschaften wie Volk und Staat zu sichern. Wir geben daher im folgenden Gedanken von Christoph Martin Wieland wieder, die er vor etwa 125 Jahren niedergelegt hat, und die trotz einer etwas zeitgebundenen Ausdrucksweise auch heute noch zum Nachdenken und verantwortlichen Handeln in diesem Bereich anregen können.

Auszug aus dem Erziehungsroman "Die Geschichte des Agathon":

... aus wahrer Wohlmeinenheit gegen das Beste der Menschheit wünschen wir nichts weniger als daß es jemals gelingen möchte, den Amor völlig zu entgöttern, seiner Schwingen und seiner Pfeile zu berauben, und aus der Liebe eine bloße regelmäßige Stillung eines physischen Bedürfnisses zu machen. (...)
Hier also unser Rat! "Meine jungen Freunde, Aegisthus macht sich bloß deswegen ein Geschäfte daraus, die schöne Klytämnestra zu verführen, weil er weder Verstand noch Mut genug hatte, etwas Löbliches zu tun. Beschäftigt euch, meine Freunde! Müßiggang ist euer gefährlichster Feind. Beschäftigt euch mit den Vorbereitungen zu eurer Bestimmung - oder mit ihrer würklichen Erfüllung. Bewerbet euch um die Verdienste, von denen die Hochachtung der Vernünftigen und der Nachwelt die Belohnung ist, und um die Tugend, welche allein den innerlichen Wohlstand unsers Wesens ausmacht. (...) Mittel gegen die Liebe? dafür behüte uns der Himmel! – oder wenn ihr dergleichen wollt, so findet ihr sie bei allen moralischen Quacksalbern, und – in allen Apotheken. Unser Rat geht gerade auf das Gegenteil. Wenn ihr ja lieben wollt oder müßt – nun, so kommt alles, glaubet mir, auf den Gegenstand an. Findet ihr eine Aspasia, eine Leontium, eine Ninon – so bewerbet euch, wenn ihr könnt, um ihre Freundschaft. Die Vorteile, die ihr daraus für euern Kopf, für euern Geschmack, für eure Sitten – ja, meine Herren, für eure Sitten, und selbst für die Pflichten eurer Bestimmung, von einer solchen Verbindung ziehen werdet, werden euch für die Mühe belohnen." - "Gut! Aspasien! Ninons! wo sollen wir diese aufsuchen" – "Auch rat ich euch nicht, sie zu suchen; die Rede ist nur von dem Falle, wenn ihr sie fändet." - "Aber, wenn wir keine finden?" – "So suchet die vernünftigste, tugendhafteste und liebenswürdigste Frau auf, die ihr finden könnet. Hier erlauben wir euch zu suchen, nur nicht (um euch einen Umweg zu ersparen) unter den Schönsten. Ist sie liebenswürdig, so wird sie euch desto stärker einnehmen; ist sie tugendhaft, so wird sie euch nicht verführen; ist sie klug, so wird sie sich von euch nicht verführen lassen. Ihr könnet sie also ohne Gefahr lieben." – "Aber dabei finden wir unsre Rechnung nicht; die Frage ist, wie wir es anstellen sollen, um von ihr wieder geliebt zu werden." – "Allerdings; dies wird eben die Kunst sein! Ich wehre euch nicht, den Versuch zu machen; und ich stehe euch dafür, wenn sie und ihr jedes das Seinige tut, so werdet ihr euern Roman zehn Jahre durch ohne sonderlichen Schaden fortführen, und, wofern ihr euch nicht etwann einfallen laßt, ihn in eben so viel Bänden heraus zu geben, so wird die Welt wenig dagegen zu erinnern haben."



(entnommen: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 77, Januar 1992, S. 8f; (s.a. Kapitel 66 auf: Gutenberg)

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