Freitag, 9. März 2001

Volk, Gott und Erkenntnistheorie aus der Sicht von Naturwissenschaft und Philosophie

Absteckung eines Argumentations-Rahmens


Die vorliegende Abhandlung ist die Zusammenfassung eines Seminars, das auf einer Akademie der bündischen Jugend gehalten wurde. Als eine Zusammenfassung gibt sie nur eine einführende Auswahl von Schrifttums-Nachweisen. Detaillierteres findet sich an anderer Stelle (1).

In einem grundlegenderen Artikel der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (2) wurde vor nunmehr zwei Jahren von einem einheitlichen Gesichtspunkt aus die Lebenssituation und -einstellung jener Generation recht flott erläutert, die derzeit in die verantwortlichen Positionen von Staat, Gesellschaft und Familie einrückt. „Auf ein ‚Höheres‘,“ so gipfeln die Ausführungen hier, „heiße es Gott, Vaterland oder zukünftige Gesellschaft, ... lassen sich die Leute nicht mehr ein.“ (3) Es gehe, so wird anschaulich erläutert, nur noch um Geld, Geld und nochmals Geld und um die entsprechenden, damit verbundenen Probleme im Wirtschaftsleben.

Die (ehemalige) Kultur-Redakteurin der genannten Zeitung war es, die eine solch krude Bilanz zog, Angelika Willig, promovierte Philosophin, Jahrgang 1963. Man könne, so erläutert sie anhand leidvoller persönlicher Erfahrung, „trotz Philosophiestudium“ nichts „Brauchbares zur politischen Theorie der Rechten“ mehr zu Papier bringen. Deshalb sei es an der Zeit, so die Autorin, auf den Boden der Wirklichkeit zurückzukehren und den „Abschied von Rechts“ zu feiern. Mit jenen Worten ist denn auch ihr Artikel betitelt.


Titelseite der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule", Folge 72, März 1991
(Holzschnitt "Kant" von Ernst von Dombrowski)
(In der Folge ist der Aufsatz enthalten
"Wie sind die menschlichen Denk- und Erlebnisfähigkeiten zustande gekommen?")

Verständlicherweise riefen derartige Ansichten, geäußert gerade in dieser Zeitung, lebhafte Leserbrief-Reaktionen hervor. Doch schien kaum einem all derjenigen, die sich so engagiert an die Seite Angelika Willigs stellten oder ihr widersprachen, bewußt zu sein, wie präzise ihre Situationsbeschreibung ins Herz unserer Zeit traf und welch eine Bankrott-Erklärung durch eine solche Charakterisierung damit unter anderem auch jene philosophische Traditionslinie zu verzeichnen hat, die grob gesprochen mit dem Ausdruck „Konservativen Revolution“ gekennzeichnet wird. Auf der anderen Seite aber scheint niemandem der sich an dieser Diskussion Beteiligenden bewußt zu sein, wie wenig Berechtigung es für eine Bankrott-Erklärung der Philosophie gerade in unserer heutigen Zeit gibt.

Dieser Umstand soll in den folgenden Ausführungen erläutert werden - jedoch nur umrißhaft. Fast alle angesprochenen Themengebiete können nur angerissen werden, ohne daß sie ausführlicher erläutert sind. In den vorliegenden Ausführungen kommt es lediglich auf einen Gesamtüberblick, auf die Absteckung eines Argumentationsrahmens an: Findet eine Haltung wie diejenige, sich nicht mehr „auf ein ‚Höheres‘“ einzulassen, eine Entsprechung in dem reichen Wissensstand unserer Zeit?


Die Gesamtheit, Totale der menschlichen Erfahrungsmöglichkeit


Vor allem in den USA und Frankreich hat es in den letzten Jahren Auseinandersetzungen im philosophischen Bereich gegeben, die doch so manche Kratzer auch an dem Ansehen so einiger, früher als „bedeutend“ erachteter, „postmoderner“ (oder auch „existentialistischer“) oder auch politisch „links“ ausgerichteter Philosophen und ihnen folgender Literaten zurückgelassen haben (3-5, vgl. auch: 6).

Diese Eröterungen nahmen ihren Ausgangspunkt unter anderem von Gefühlen, von Gefühlen einer etwas tieferen Erregtheit, einer etwas tieferen Unruhe, die nicht ganz unberechtigt zu sein scheinen, wenn man sie in Sätzen wie dem folgenden formuliert hört: „Während um uns herum eine überbevölkerte Welt aus den Nähten platzt, blutige Kriege toben, fanatischer Terrorismus sich breit macht, wachsende Arbeitslosigkeit und soziale Gegensätze unerträglich werden, lebenswichtige Ressourcen verschmutzen oder versiegen, behaupten nicht wenige Philosophen, daß es diese uns so sehr bedrängende Wirklichkeit, recht besehen, gar nicht gebe.“ (3) - Doch: Beginnen wir anders.

In der klassischen griechischen Antike ist Philosophie einmal definiert worden als „logo di donai“, das heißt, als „sich Rechenschaft geben über“, sich Rechenschaft geben über die allgemeinsten Fragen unseres Seins, unseres Lebens, unserer persönlichen, individuellen Situation und der Situation der Menschheit insgesamt in diesem Weltall und auf dieser Erde.

Von vielen Philosophen - besonders betont aber von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) - ist die These vertreten worden: Die Wahrheit ist das Ganze, kann nur das Ganze sein. Wenn ich nur Teilbereiche all dessen betrachte, worüber ich mir überhaupt Rechenschaft ablegen kann, gerate ich in die Gefahr einseitiger Beurteilung, verzerrter Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Aus diesen beiden Gedanken kann die Schlußfolgerung gezogen oder Forderung aufgestellt werden, daß die Untersuchung der Herkunft, Qualität und Reichweite des menschlichen Erkenntnisvermögens immer und jederzeit parallel gehen muß zu dem, was von diesem Erkenntnisvermögen erkannt werden kann, was Gegenstand dieses Erkenntnisvermögens sein soll, also parallel gehen muß mit der Untersuchung der Gesamtheit, Totale der menschlichen Erfahrungsmöglichkeit.

Verschiedene Arten menschlicher Erkenntnis


In der Regel werden zwei verschiedene Arten der Erkenntnisgewinnung unterschieden, die Erkenntnisgewinnung in den Naturwissenschaften und diejenige in den Geisteswissenschaften. In den Naturwissenschaften steht vor allem die Logik, das Einordnen des Forschungsgegenstandes in die menschlichen Denkformen Raum, Zeit und Ursächlichkeit im Vordergrund des Forschens, der Erkenntnisgewinnung. In den Geisteswissenschaften steht die Methode des „Erlebens“, des „Nacherlebens“, des „Verstehens“ im Vordergrund der Erkenntnisgewinnung. Diesen Unterschied hat vor allem der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833-1911) ausführlich umsonnen, um zu einer eigenständigen Begründung der Geisteswissenschaften als Wissenschaften zu gelangen. Tatsächlich reicht ja für die Erforschung der „Ursachen“ von Kunstwerken, politischen Handlungen, von Dichtung und so weiter ein einfaches Einordnen des jeweils erforschten Gegenstandes in Zeit und Raum (wie dies in den Naturwissenschaften geschieht) keineswegs aus.

Erkenntnisgewinnung über die Methode des Erlebens, des Nacherlebens enthält wesentlich mehr subjektive Elemente, als dies für die Erkenntnisgewinnung im Bereich der Naturwissenschaften gesagt werden kann. Als eine Folgerung aus dieser Tatsache hat sich unter Geisteswissenschaftlern auch die Einsicht in die Notwendigkeit von persönlichen Reifungsprozessen für eine adäquate Art des Verstehens (des Nacherlebens) und der Beurteilung von Geisteswerken (Kunstwerken und vieles andere) herausgestellt. Mit dieser Einsicht wird Selbstbescheidung, der Wille zu wissenschaftlicher und persönlich-subjektiver Redlichkeit, auch methodischer Sauberkeit wesentlicher Bestandteil des „Ethos“ des Geisteswissenschaftlers.

Intuition


Der Erlebnischarakter der Erkenntnisgewinnung im Bereich der Geisteswissenschaften wird auf die Spitze getrieben im Bereich der Erkenntnisgewinnung durch Intuition, der plötzlichen und spontanen intuitiven Erfassung von Zusammenhängen, nachdem sich der Forscher lange Zeit intensiv mit einem bestimmten Gegenstand oder Gegenständen der Erkenntnis beschäftigt hat.

Es ist allerdings eine mehr oder weniger vorhandene Selbstverständlichkeit in den Wissenschaften, deren Bedeutung sich die meisten Menschen nur selten wirklich ausreichend klar machen, daß auch in den Naturwissenschaften dem intuitiven Erfassen von Erkenntnis-Zusammenhängen eine sehr wesentliche Bedeutung zuzusprechen ist. Auch in den Naturwissenschaften hat „Erlebnishaftes“ und über das rein Logische Hinausgehendes Anteil an den meisten Erkenntnisprozessen und an der Begeisterung der Forscher für ihren Forschungsgegenstand (vgl. etwa: 7, S. 177).

Dieser Umstand ist ablesbar an der Erfahrung der (natur)wissenschaftlichen Praxis und an vielerlei Erlebnisberichten vor allem der genialeren, bedeutenderen Naturwissenschaftler im 20. Jahrhundert. Viele, vielleicht sogar die Mehrheit der heutigen Nobelpreisträger und Sachbuchautoren geben hierüber Auskunft (zur Einführung sehr geeignet etwa: 8, 9). Umgekehrt ist natürlich darauf hinzuweisen, daß in den Geisteswissenschaften das streng logische Einordnen der Gegenstände der Erkenntnis - wie etwa Kunstwerke - in Raum und Zeit natürlich eine ebenso notwendige Voraussetzung für Erkenntnis ist. Auch wenn dies hier im Forschungsalltag meist nicht so stark vorherrschend ist wie in den Naturwissenschaften.

Das Kernargument der vorliegenden Ausführungen


Es folgt nun das Kernargument der vorliegenden Ausführungen. 150 Jahre lang ist Naturwissenschaft als der strengste „Beweis“ oder doch Hinweis auf das Nichtvorhandensein Gottes in der Welt seitens der breiteren Öffentlichkeit und vieler Naturwissenschaftler aufgefaßt worden. Genau diese Haltung bestimmt auch - als kaum hinterfragte Selbstverständlichkeit - etwa die Ausführungen Angelika Willigs (2). Naturwissenschaft wurde als genauso lebenskalt und lebensfern angesehen wie die Technik. Nicht zuletzt hat sich ja auch die Naturwissenschaft in sehr engem Wechselspiel mit der Entwicklung der Technik emanzipiert.

Doch dieser bisherigen Einschätzung ist nun das folgende entgegen zu halten: Gerade seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vollzieht sich auf fast allen Gebieten der Naturwissenschaften ein kumulativer Prozeß der Wissenserweiterung, der schlußendlich gerade und ausgerechnet die besonders „kalt-mathematisch“, „abstrakt-gefühllos“ denkenden Physiker zu der Einsicht zurückbringt, daß es in der uns umgebenden und naturwissenschaftlich erforschbaren Wirklichkeit Bereiche gibt, die prinzipiell nicht vollständig in die menschlichen Denkformen von Raum, Zeit und Ursächlichkeit einzuordnen sind, daß hier prinzipielle Grenzen des naturwissenschaftlichen Denkens und Forschens erreicht sind.

Hier hat eine Revolution im Bereich der Naturwissenschaften stattgefunden, die das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften bisher nur in flüchtigstem Maße angehaucht, doch kaum tiefergehender erfaßt hat. Zunächst hat dieser Umstand viele Wissenschaftler und auch das „Laien-Publikum“ zutiefst „geärgert“ und ärgert sie auch heute immer noch: daß da plötzlich ganz fremdartige, dem Alltagsverstand so gänzlich unzugängliche, „unanschauliche“ Bereiche der Wirklichkeit vorhanden sein sollen, die sich einer vollständig raum-zeitlichen Erfassung der uns umgebenden Wirklichkeit sperren.

Gott würfelt nicht!“


Als ein berühmtes Beispiel kann etwa Albert Einstein mit seiner heute längst als überholt erkannten Kritik an den quantenphysikalischen Erkenntnissen Werner Heisenbergs angeführt werden. Einstein sagte in einer frühen Reaktion auf diese: „Gott würfelt nicht.“ Heute dagegen ist die Physik über solch „einfache“ Schwierigkeiten beim Verständnis der Natur schon längst hinweg gegangen! Den Stand des heutigen Forschens versuchte der Physiker und Nobelpreisträger Stephen Hawking einmal - im Anschluß an seinen Vorgänger Einstein - mit dem „Bonmont“ gerecht zu werden: „Manchmal wirft Gott die Würfel so, daß man sie nicht einmal sehen kann!“

Zu diesen beiden Aussprüchen ist sicherheitshalber zweierlei anzumerken: Erstens hat man auch schon die - nicht vollständig vorausberechenbaren - Quantensprünge Heisenbergs nicht im trivialen Sinne „sehen“ können. Zweitens sind mit solchen Formulierungen - sowohl Einsteins wie Hawking’s - natürlich keinerlei Vorstellungen von einem persönlichen Schöpfergott mehr verbunden (10, 8).

Dennoch erscheint es interessant, daß viele Physiker in diesem Bereich immer wieder auf jenen naheliegenden „Vorstellungsbereich“, der insgesamt mit dem Wort „Gott“ verbunden ist, zurückgreifen. Und sei es auch nur in halb scherzhafter, halb ernsthafter, aber nie nur ironischer Weise.


Prinzipielle Schwierigkeiten für menschliches Erkennen in den Grenz- und Neugestaltungs-Bereichen von Raum, Zeit und Materie


Diese Zusammenhänge, die an dieser Stelle nur kurz angedeutet werden können, sind vor allem deutlich geworden in dem räumlich allerkleinsten erforschbaren Bereich (Mikrokosmos, Atomtheorie, Quantenphysik) wie auch in dem räumlich allergrößten erforschbaren Bereich (Makrokosmos, Universum, Relativitätstheorie). Und ebenso in dem zeitlich entferntesten Bereich (nämlich dem Urknall vor ungefähr 15 Milliarden Jahren, als das Weltall, der Raum, die Zeit und alle Materie, die Naturkonstanten und Naturgesetze - aus dem Nichts - entstanden!).

In all diesen Forschungsbereichen ist deutlich geworden, daß das naturwissenschaftliche Denken grundsätzlich an - vor allem genau und präzise zu definierende - Grenzen gestoßen ist und daß das Weltall und alles Sein tatsächlich von naturwissenschaftlich Nichterkennbarem überall und fundamental durchdrungen ist. Wer an dieser Stelle sagt, das hätte man immer schon wissen können, beachtet nicht, welche Folgen die Auswirkungen des „Laplace’schen Dämons“ auf die gesamte Kulturentwicklung der beiden letzten Jahrhunderte hatte.

Der französische Naturforscher Pierre Simon Laplace (1749-1827) war der Meinung, alles Wirkliche würde früher oder später auch von der menschlichen Logik durchdrungen werden können. „Sire, der Hypothese ‚Gott‘,“ antwortete er stolz und hochfahrend auf eine ausnahmsweise einmal bescheidenere Anfrage Napoleons hin, „der Hypothese ‚Gott‘ bedürfen meine Theorien nicht.“ Dieser kaltschnäuzigen Haltung ist sicherlich ein Großteil der eindrucksvollen Erfolge der Naturwissenschaften bis in unsere Zeit hinein zu verdanken. Heutige Naturforscher und Sachbuchautoren weisen aber gern auf diese überholten „Selbstverständlichkeiten“ aus dem 19. Jahrhundert hin, um aufzuzeigen, welche Veränderungen sich gegenwärtig in unserem Naturverständnis vollziehen.

Denn inzwischen hat sich auch schon für viele Erkenntnisobjekte unseres „Alltagsverstandes“, also des „Mesokosmos“, die derzeit vor allem von der sogenannten „Chaosforschung“ und ähnlichen Richtungen untersucht werden, der Laplace’sche Übermut als durchaus zu weit gehender Hochmut erwiesen. So können zum Beispiel für den räumlichen und zeitlichen Beginn eines so einfachen Kristallisationsprozesses wie den von Wasser zu Eis Zeit und Ort nicht exakt und präzise vorhergesagt werden - und zwar, was hier wichtig ist: prinzipiell nicht (Physik von „Nicht-Gleichgewichtssystemen“) (1).

Philosophische Weiterentwicklungen seit Kant, die sich weitgehend nahtlos in das moderne naturwissenschaftliche Weltbild einfügen


Diese Erkenntnislage könnte reichste Gelegenheit für die Geisteswissenschaften und die Philosophie (einführend etwa: 11) bieten, ihre uralten Fragen anhand des neu aufgeklärten Tatsachenmaterials völlig neu – und sozusagen „gereift“, in einer zeitgemäßen Weise - und zudem vor allem: konsensbildend zu überprüfen und zu klären.

Alle neuere Philosophie nimmt in der am wenigsten umstrittenen Weise ihren Ausgangspunkt von Immanuel Kant (1724-1804). Von der Grundlage des heutigen naturwissenschaftlichen Weltbildes her können die Erkenntnisfortschritte in der Philosophie seit Kant ungefähr wie folgt erläutert werden.

Zunächst ist festzustellen, daß das Erkennen der grundsätzlichen Grenzen des physikalischen Forschens als eine klare Bestätigung der großen philosophischen Intuition Immanuel Kants angesprochen werden kann, deren Leistung es ist, gerade diese Grenzen der menschlichen Vernunft herausgearbeitet zu haben. Dies leistete Kant noch ganz ohne unser heutiges Wissen um die evolutionäre Herkunft unseres Erkenntnisvermögens und ohne unser heutiges physikalisches Wissen. Hierbei handelt es sich aber um eine Bestätigung, die gerade von vielen eingefleischten „Kantianern“ lange Zeit keineswegs so recht verstanden worden war - wohl im Grunde, weil sie zu einfach und zu schlicht die Kantischen Erkenntnisse bestätigte. Sie war also, dies bleibt festzuhalten, nicht im mindesten vorausgesehen worden und ist auch von niemandem in dieser Weise erwartet worden.

Es haben nun Philosophen wie Nicolai Hartmann (1882-1950), Mathilde Ludendorff (1877-1966) und Konrad Lorenz (1903-1989), sowie Verhaltensbiologen wie Irenäus Eibl-Eibesfeldt (geb. 1928) die genannte grundlegende Wende in der Entwicklung der Naturwissenschaft, die sich nach 1900 angebahnt und nach 1945 allmählich zur vollen Blüte entfaltet hat, aufgenommen. Sie haben die sich daraus ergebenden Erkenntnisverhältnisse zu dem übrigen menschlichen Wissen und Erleben und den kulturellen Erfahrungen in ein, wie deutlich werden könnte, hinreichend adäquates Verhältnis gesetzt.

Heute gültige Zugänge zum „meta-physischen“ Bereich


Jene Welt, die jenseits der menschlichen, naturwissenschaftlichen Vernunft liegt, ist von Immanuel Kant mit dem Ausdruck „Ding an sich“ benannt worden. Dieser Bereich wird von der Philosophie seit dem griechischen Philosophen Aristoteles auch als der „metaphysische“ Bereich angesprochen. Immanuel Kant siedelte in diesem Bereich die Lösungen über die Fragen nach „Gott, Freiheit und Unsterblichkeit“ an, die die Menschheit immer schon umsonnen hat. Kant selbst hat den Zugang zu dieser metaphysischen Welt (die er, wie angedeutet, klar von all dem abgrenzte, was von der Vernunft erkennbar ist) vor allem im Bereich des Moralischen gesucht. Dabei hat Kant unter anderem seinen berühmten „kategorischen Imperativ“ entwickelt.

Der Philosoph Friedrich Schiller (1759-1805) hatte die Philosophie Immanuel Kants begeistert aufgenommen und einige in ihr liegenden „Verrenkungen“ im Bereich der Moral, besonders aber im Bereich der Ästhetik gerade gerückt und vom Standpunkt des selbst schaffenden Künstlers aus nun gültiger geklärt. Schiller, dessen Einfluß auf die deutsche und abendländische Kulturentwicklung ja auch heute noch gar nicht vollständig übersehbar ist (denn das Einflußreichste ist oftmals das Verborgenste), hat vor allem das Schönheitserleben des Menschen (die Ästhetik) als den wesentlichsten Zugang des Menschen zum sogenannten „Ding an sich“, zum „metaphysichen“ Bereich herausgestellt.

Der „hypothetische Realismus“ von Nicolai Hartmann, Konrad Lorenz und Mathilde Ludendorff (7, 12, 13) hat dann auch für den Bereich der Erkenntnis des „Wahren“ anerkannt, daß das „absolut Wahre“ über diese Welt gerade nicht in den Grenzen der rein logisch-naturwissenschaftlich denkenden Vernunft gefunden werden kann. Nach ihm können wir unsere Welt - letztlich - nur „hypothetisch“ als „real“, „wirklich“, „wahr“ erkennen. Jedoch kann - entsprechend eines weiterführenden Gedankenganges - dem hypothetischen Charakter aller Wahrheits- und Wirklichkeitserkenntnis aufgrund aller Begleitumstände eine sehr große Wahrscheinlichkeit zugesprochen werden, tatsächlich „wahr“, „real“ und so weiter zu sein.

Neue Gesamtdeutung der alten platonischen Trias


Die Naturwissenschaft, unter anderem die Soziobiologie, die Evolutionäre Anthropologie und Evolutionäre Psychologie liefern gegenwärtig fortlaufend Neuerkenntnisse über die evolutionären Ursprünge der drei soeben genannten menschlichen Denk- und Erlebnisbereiche, die seit dem griechischen Philosophen Platon mit den Worten „das Wahre, das Gute und das Schöne“ umschrieben werden (Erkenntnistheorie, Moral und Ästhetik).

Damit sind an dieser Stelle nur äußerst knapp die philosophischen Fortschritte nach Immanuel Kant angerissen worden. Sie werden verdeckt durch zahlreiche, heute gut aufzeigbare fehlerhafte Grenzüberschreitungen der Kantischen Vernunftgrenzen durch die philosophische Richtung des „Deutschen Idealismus, die in erster Linie für die tiefe Zerklüftung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften seit mehr als 150 Jahren verantwortlich zu machen sind (13, S. 26-33; 1). Mit den genannten Fortschritten jedoch gelangt man gerade von der Naturwissenschaft her zurück zu einer modern-gereiften, philosophisch überzeugenden, ja fast als allgemein verbindlich anzusprechenden Gesamtdeutung dieser alten (platonischen) Trias vom Wahren, Guten und Schönen als den Urgrundprinzipien allen Seins und aller Wirklichkeit.

In diesem Zusammenhang werden dann auch die aufzeigbaren Wechselbeziehungen, die Einheit zwischen den Bereichen des Wahren, Guten und Schönen wichtig: Ein „schönes“ Kunstwerk, das nicht im vollgültigen Sinne als „wahr“ bezeichnet werden kann, wird allgemein als „Kitsch“ betrachtet. (Intuitiv erfaßte) Schönheit gilt auch für viele Naturwissenschaftler inzwischen in selbstverständlicherer Weise als „Wahrheitskriterium“ (14, S. 68ff). Ihnen ist etwa die „Schönheit“ einer mathematischen Gleichung zugleich auch ein erster Hinweis darauf, ob sie stimmen könnte oder nicht. Und weiterhin: Eine gute Handlung hat auch ästhetische Aspekte. In dem Wort „edel“ schwingen diese zum Beispiel mit. Hierüber hat sich wiederum der Philosoph Friedrich Schiller ausführlich geäußert.

Die Philosophin Mathilde Ludendorff hat das freiwillige Erleben des Wahren, Guten und Schönen - und das Handeln aus diesem Erleben heraus - als den Sinn allen Lebens in den Mittelpunkt der menschlichen Lebensgestaltung gestellt. Sie hat es zudem (scheinbar in überraschendem Einklang mit dem „Anthropischen Prinzip“ der modernen Kosmologie) als Ursprung und Ziel der Weltentstehung gedeutet. Dieses Erleben hat sie zusammen gefaßt mit dem Begriff „Gotterleben“ benannt.

Eine solche philosophische Deutung soll(te) letztlich nur eine nüchterne, zusammenfassende, gültige Deutung all dessen sein, was - sowieso - schon da ist, was sowieso schon - überall - geschieht oder was geschehen ist und von Menschen immer schon so oder in ähnlicher Weise erlebt und als das Wesentliche des Lebens herausgestellt worden ist.

Wie ordnet sich in diesen Argumentationsrahmen das Phänomen „Volk“ ein?


Es sind nun noch zwei Bemerkungen als Ergänzung des Ausgeführten anzufügen:

Erstens: Inwieweit es bei den Menschen und Völkern naturwissenschaftlich nachweisbare, genetisch verankerte, also angeborene, unterschiedliche Haltungen, „Neigungen“ und Herangehensweisen gegenüber „dem Göttlichen“ (dem metaphysischen Bereich) gibt, die dann kulturell durchgestaltet werden; inwieweit weiterhin Verantwortungs-Übernahme für das genetische Überleben der einander (genetisch) ähnlichen (verwandten) Menschen ein Weg zum moralisch „Guten“, zur „Gottverantwortung“ werden kann - von der dann letztlich auch der Philosoph Hans Jonas spricht („Prinzip Verantwortung“) -, all dies ist für die vorliegende Argumentationskette von besonderer Bedeutung, muß jedoch weiteren Beiträgen vorbehalten bleiben.

Zweitens: Der in diesem Aufsatz erläuterte Gedankengang kann abschließend noch einmal gut in Abgrenzung zu den Grundanliegen des auf der Akademie ebenfalls abgehaltenen Seminars „Kunst und anschauliches Denken“ erläutert werden. In dem zuletzt genannten Seminar ist in redlichem Bemühen versucht worden, Beurteilungskriterien für Kunst jenseits des „vernünftig-logischen Denkens“ zu finden. Sie sind hier in einem sogenannten „anschaulichen Denken“ gesucht worden. In dem Verlauf der Ausführungen konnte den Teilnehmern klar werden, daß dieses anschauliche Denken, bei dem vor allem (Ausdruck von) „Bewegung“ im Kunstwerk gesucht wird, sich vornehmlich durch die Einordnung des Gesehenen in raum-zeitliche Begründungszusammenhänge (in denen ja auch „Bewegung“ verläuft) vollzieht.

Prinzipielle Grenzen auch im Bereich der Kunst


Bei dem Diskurs dieses Themas wurde - zumindest im Seminar - eine prinzipielle Grenze hin zu Beurteilungskriterien, die jenseits auch des „anschaulichen“ Denkens liegen könnten, nicht überschritten, bzw. nicht als Ausgangspunkt der Bewertung vorausgesetzt. Ein metaphysischer Bereich als Urgrund und Quelle allen Seins und aller Kunst wurde hier nicht in Rechnung gestellt. - Fehlt ohne tiefer gehende physikalische Kenntnisse heute dazu einfach der Mut?

Andererseits wurden aber dann auch die biologischen Wurzeln des menschlichen Schönheitserlebens, die, wie heute immer deutlicher wird, sehr viel auch mit dem Willlen zur Fortpflanzung und überhaupt zum genetischen Überleben zu tun haben, nicht in Rechnung gestellt.

Man kann zu der Ansicht gelangen, daß erst von diesen beiden genannten Ausgangspunkten her Bewertungskriterien für künstlerisches Schaffen erhältlich sind, die so in allgemeine Argumentationszusammenhänge eingeordnet sind und dann nicht mehr so willkürlich, isoliert und zusammenhanglos zu den übrigen Bereichen menschlichen Wissens und menschlicher Erfahrung stehen, daß schon allein von dieser Positionierung innerhalb des Gesamtbaues des menschlichen Wissens her ihnen auch größere Allgemeingültigkeit zugesprochen werden kann.

Die heutige Erkenntnislage sollte also zu einer Neu- und Aufwertung solcher Kunstphilosophien wie etwa Friedrich Schillers und Mathilde Ludendorffs führen, die die genannte Grenze des raum-zeitlichen Denkens klar anerkannten aber nicht an ihr inne hielten oder umkehrten, sondern sie deutlich herausgestellt als Ausgangspunkt ihrer Kunstphilosophie (und dann natürlich auch politischen Theorie!) wählten. So dichtete Friedrich Schiller zum Beispiel den in diesem Zusammenhang scheinbar widersinnigen („paradoxen“) Satz (aus dem Gedicht „Worte des Wahns“):
Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,
ist dennoch das Schöne, das Wahre!

Ergebnis: Angelika Willig liegt falsch!


Aus dem in dem vorliegenden Aufsatz erläuterten Argumentationsrahmen sollte deutlich werden können, daß die eingangs ausgeführte pessimistische Sicht Angelika Willigs (2) nur solange Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen kann, solang ein großer Teil der Bevölkerung und der „aufgewachter“ Denkenden einen der wesentlichsten Erkenntnisbereiche unserer modernen Zeit der Nichtbeachtung anheim fallen lassen.

Von jedem Zeitgenossen kann es anhand der naturwissenschaftlichen Sachbücher einer durchschnittlich bestückten Buchhandlung oder in Gesprächen mit Physikern, bzw. Physikstudenten leicht überprüft werden: Wer sich mit der modernen Physik redlich und mit einem recht ernsthaft-persönlichen Anliegen auseinandersetzt, ist förmlich mehr oder weniger dazu gezwungen, sich (endlich wieder) auf ein „Höheres“ einzulassen.

Um so früher und kenntnisreicher sich diese Ansicht in unserem und in allen anderen Völkern der Welt durchsetzt, um so zuverlässiger sollte dann auch wieder das Überleben der Völker - unseres eigenen wie das vieler anderer - in weite Zukunft hinein gesichert sein. Die Generation Angelika Willigs, zu der sich auch der Autor zählt, sollte dabei als Vorbild vorangehen.

Erich Meinecke



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/zuerst in MuM, 9.3.2001;
hier eingestellt: 27.6.17/


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  1. Leupold, Hermin: Naturwissenschaftlich-philosophische Aufsatzreihen in: Die Deutsche Volkshochschule 1989-1996
  2. Willig, Angelika: Forum-Artikel: Abschied von Rechts. In: Junge Freiheit, 16. Oktober 1998, S. 16
  3. Sokal, Alan: Experimente eines Physikers mit den Kulturwissenschaften. (Mit Einleitung des Übersetzers Hans-Joachim Niemann: Die verleugnete Wirklichkeit. Ein Bericht über die Sokal-Affäre) Auf: www.sicetnon.cogito.de (Erlangen 1997)
  4. Weinberg, Steven: Sokals Experiment. In: Merkur, Jan. 1997, S. 30-40
  5. Sokal, Alan; Bricmont, Jean: Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen. Verlag C.H. Beck, München 1999
  6. Ulmschneider, Peter: Ewige Wahrheiten?, Harte unumstößliche Gesetze. Zwei Leserbriefe in Wissenschafts-Zeitschriften. Wiederabdruck in: Mensch und Maß, Folge 10, 23.5.2000, S. 478-480
  7. Hartmann, Max: Die philosophischen Grundlangen der Naturwissenschaften. Erkenntnistheorie und Methodologie. Gustav Fischer-Verlag (2. Aufl.) Stuttgart 1959
  8. Fritzsch, Harald: Vom Urknall zum Zerfall. Die Welt zwischen Anfang und Ende. Piper-Verlag (4. Aufl.) München 1987
  9. Lorenz, Konrad: Der Abbau des Menschlichen. Piper-Verlag, München 1983
  10. Hawking, Stephen: „Wir alle wollen wissen, woher wir kommen.“ Spiegel-Gespräch mit dem Astrophysiker Stephen Hawking über Gott und das Weltall. In: Der Spiegel (Titel) Nr. 42/1988, S. 246-270
  11. Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen in Alltag und Denken. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1994
  12. Ludendorff, Mathilde: Des Menschen Seele. Ludendorffs Verlag, München 1941 (Erstauflage 1923)
  13. Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1977
  14. Davies, Paul: Die Urkraft. Auf der Suche nach der einheitlichen Theorie der Natur. dtv-Sachbuch, München 1990

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