Mittwoch, 11. Juni 2008

Die Evolution weist Zielgerichtetheit auf - Die Vielfalt der evolutionären Konvergenzen drängt uns diesen Gedanken auf

Rezension des Buches "Life's Solution" von Simon Conway Morris (2003)

Vielen Biologen und Geisteswissenschaftlern fällt noch heute nur Teilhard de Chardin ein, wenn es darum geht, Autoren zu nennen, die die Zielgerichtetheit der Evolution vertreten haben oder vertreten. Sie sollten ihr Wissen möglichst bald aktualisieren und sich mit dem neuen Buch von Simon Conway Morris (1) gründlich auseinandersetzen. Die deutsche Übersetzung erleichtert das dankenswerterweise inzwischen sehr. Denn Teilhard de Chardin hat seine These nicht besonders "fachwissenschaftlich" und anhand von fachwissenschaftlicher Forschungsliteratur vertreten. Ganz im Gegensatz zu: Simon Conway Morris!

Abb. 1: Afrikanischer Strauß (links), Eogruidae (rechts) - Zwei konvergent evoluierte Laufvögel
(Erläuterung siehe unten*))
Grafik von: Falconfly (Wiki)
Die Kernthese des neuen Buches von Simon Conway Morris kommt im originalen englischen Untertitel am deutlichsten zum Ausdruck: "Inevitable humans in a lonely universe" - "Unvermeidlich Menschen in einem einsamen Universum". Warum wurde es für die deutsche Ausgabe nicht wörtlich übersetzt? Dann wüsste auch der deutsche Leser gleich besser, worum es eigentlich geht. Das Überraschende schon an diesem kurzen Untertitel ist, dass in ihm - ohne dass sich Simon Conway Morris dessen bewusst gewesen sein wird - die Grundthese der philosophischen Deutung der Evolution durch die Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) in knappster Form zusammen gefasst wird.

Es gibt viele Menschen, die alles, was über Naturwissenschaft hinausgeht, leicht zu Kreationismus erklären. Ihnen gegenüber muss betont werden, dass es sich bei dem Buch von Conway Morris zunächst einmal mehr um das Erschließen philosophischer denn um das Erschließen rein naturwissenschaftlicher Erkenntnispotentiale handelt. 

Das Buch kann aber auch aus rein naturwissenschaftlicher Sicht auf viele neu zu erschließende, rein naturwissenschaftliche Erkenntnispotentiale aufmerksam machen. Beiderlei Arten von Erkenntnispotentialen liegen in der Fülle der evolutionärer Konvergenzen, die Simon Conway Morris erstmals auf allen Ebenen des biologischen Seins - von den Molekülen bis zu arbeitsteiligen Tier- und Menschen-Gesellschaften - vor dem Leser ausbreitet. Und zwar in jener Fülle, in der sie bis zum Jahr 2003 erforscht worden sind. Das ist ein ganz anderer Stand als - etwa - der Stand von 1960.

Das Buch ist darum zweierlei. Es ist zum einen ein philosophisches Buch nur allein mit naturwissenschaftlichen Tatsachen geschrieben. Möglicherweise ein Novum in der menschlichen Geistesgeschichte. Denn es geschah dies entlang einer unglaublich reichhaltigen, aktuellen naturwissenschaftlichen Forschungsliteratur (siehe allein hundert Seiten Literatur-Angaben). Zum anderen kann es aber auch als ein rein naturwissenschaftliches Buch gelesen werden. Weil es erstmals den Blick umfassender auf die schlichte biologische Tatsache des vielfältigen Vorkommens evolutionärer Konvergenzen lenkt, und damit auf die Frage nach ihren biologischen Ursachen und nach ihren Erkenntnispotentialen bezüglich der evolutionären Entstehungsbedingungen, bzw. -ursachen der jeweils hier konvergent evoluierten Eigenschaften.


Statt "getrennter Magisteria" - Naturwissenschaft und Philosophie vom Feinsten


Conway Morris zählt allerdings die evolutionäre Konvergenzen nur auf. Er wirft sie dem Leser fast "ungeordnet" vor die Füße. Das heißt, er gibt selbst noch keinen umfassenden Vorschlag zu einer naturwissenschaftlichen Theorie evolutionärer Konvergenzen. Das dürfte sich als einer der berechtigten Haupteinwände gegen dieses Buch herausstellen. Aber das Verdienst von Conway Morris bleibt dennoch ein riesiges. Denn mit diesem Buch hat er ein ganz neues Forschungsgebiet erschlossen. Es handelt sich - allein aufgrund der umfassenden Sichtung der Forschungsliteratur - um ein sehr anspruchsvoll zu lesendes Buch, das nicht schnell "durchflogen" werden kann. Es liest sich nicht "obenhin" (wie etwa ein Teilhard des Chardin). Der Leser muß es sich erarbeiten. Er muß mit hoher Konzentration lesen. Aber angesichts des Revolutionären der vertretenen (philosophischen) These dürfte sich der Aufwand lohnen. 

Die deutsche Übersetzung scheint zwar hervorragend zu sein. Leider sind aber einige vordere, grundlegendere Kapitel nicht übersetzt worden. Dadurch kann beim deutschen Leser ein falscher Eindruck entstehen. Davor also sei gewarnt. Denn diese vorderen Kapitel sind grundlegend für die Überzeugungskraft der in diesem Buch insgesamt vertretenen philosophischen und naturwissenschaftlichen These.

Im weiteren seien noch einige, vielleicht weniger wichtige Zusatzbemerkungen getätigt:

1. Richard Dawkins hat dieses Buch sehr positiv besprochen. Das sei insbesondere deshalb betont, weil Conway Morris von atheistischen Biologen oft angegriffen wird (bspw. von PZ Myers). Es geschah dies in Dawkins' ebenfalls sehr lesenswertem Buch "Ancestor's Tale" (2, 5), das im Jahr 2008 ebenfalls auf Deutsch erschienen ist (unter dem Titel "Geschichten vom Ursprung des Lebens"). Dort im letzten Kapitel.

2. Es empfiehlt sich, das Buch von Conway Morris zusammen zu lesen mit den Büchern "Einsame Erde" ("Rare Earth") von Peter Ward und Donald Brownlee, sowie mit "The Priviledged Planet" von dem amerikanischen Astrophysiker Guillermo Gonzalez (3). Beide Bücher führen die im Untertitel des Buches von Conway Morris genannte These auf anderen Gebieten in zum Teil ganz erstaunlicher Weise weiter.

3. Auch empfiehlt es sich, "The Crucible of Creation" von Conway Morris zu lesen. Es ist das Buch, das dem hier besprochenen Buch vorauf ging. Und in ihm kann man die Entstehung der neuen These von Conway Morris verfolgen.

4. Es geschah dies in Auseinandersetzung mit dem bekannten Werk von Stephen Jay Gould "Zufall Mensch" (4), das wiederum zuvor in Auseinandersetzung mit den neuen Forschungen des Paläontologen Conway Morris über die Tierwelt des Präkambrium entstanden war.

Die neue These entstand also, das kann damit aufgezeigt werden, nicht im "luftleeren Raum" oder ist in einem solchen angesiedelt. Sondern sie entstand - vielleicht ebenfalls früher oder später "unvermeidlich", mit "Notwendigkeit" - aus tief in der Sache gegründeten fachwissenschaftlichen Forschungen und Diskussionen heraus.

Viele, vielleicht sogar die meisten Natur- und Geisteswissenschaftler haben noch gar nicht verstanden, daß man grundlegendste philosophische Themen, die das menschliche Selbstverständnis, die Stellung des Menschen in der Welt  betreffen, allein anhand von naturwissenschaftlichen Tatsachen behandeln kann, ohne damit in unseriösen Theologie-geleiteten "Kreationismus" zu verfallen. Man wird künftig demgegenüber vielleicht das gewohnte, rein geisteswissenschaftliche Behandeln von philosophischen Themen als ebenso unseriös erachten wie heute schon den Theologie-geleiteten Kreationismus. Die heute vielen Menschen jedenfalls immer noch so liebenswert erscheinende Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften (in zwei separate "Magisteria") wird einmal weniger künftig aufrechtzuerhalten sein. Hierin liegt ein weiterer Teil des Revolutionären auch dieses neuen Buches.

Eine noch weitergehende Einordnung des Buches von Conway Morris ist schon andernorts gegeben worden (5). Hier sei noch darauf hingewiesen, dass die Inhalte dieses Buches von Conway Morris auch zu einer präziseren Fassung von zuvor getätigten Annahmen von Naturforschern über die "Freiheitsgrade der Evolution" (siehe 6; 7, S. 205f) führen. Darüber ist an anderer Stelle noch einmal zu referieren.

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*) Abbildung 1 zeigt in der oberen Reihe einen Strauß (links) und einen "Eogruidae" (rechts). Eogruidae sind eine Familie von großen Laufvögeln, die in der Zeit zwischen 40 bis 2,5 Millionen Jahren vor heute über den gesamten eurasischen Kontinent verbreitet waren (Wiki). Trotz vieler anatomischer Ähnlichkeiten mit dem Strauß sind sie genetisch viel näher verwandt gewesen mit modernen Kranichen, Rallenkranichen und Trompetervögeln. Von diesen finden sich in der zweiten Reihe jeweils ein Vertreter, um mit dieser Grafik aufzuzeigen, von was für unterschiedlichen evolutionären Ausgangspunkten aus bei den Eogruidae die gleichen Eigenschaften wie beim Strauß erreicht worden sind. Die "Eogruidae" haben sogar - wie die Straußen - ihre Zehen auf zwei reduziert. Die Liste solcher erforschter evolutionärer Konvergenzen wächst derzeit in großem Tempo (s. Wiki). Ständig tauchen in der Forschung neue Beispiele auf.


(Zuerst 2008 als Leser-Rezension auf Amazon erschienen, 
hier - in überarbeiteter und ergänzter Form - neu eingestellt
am 10.4.2017.)

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  1. Conway Morris, Simon: Life's Solution. Inevitable Humans in a Lonely Universe. Cambridge University Press, Cambridge 2003, 2005; deutsche Übersetzung: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, Berlin 2008
  2. Dawkins, Richard: The Ancestor's Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Life. Phoenix Paperback, London 2004
  3. Gonzales, G.; Richards, J.W.: The Privileged Planet. How our Place in Cosmos is designed for Discovery. Regenery Publishing, Washington D.C. 2004
  4. Gould, Stephen Jay: Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur. Deutscher Taschenbuch-Verlag (engl: Wonderful Life: The Burgess Shale and the Nature of History, 1989)
  5. Meinecke, Erich: „Ultra-Darwinist“ Richard Dawkins beginnt, über Zielstrebigkeit in der Evolution nachzudenken - Richard Dawkins behandelt den britischen Paläontologen Simon Conway Morris vorurteilsfrei. Zuerst erschienen am 9. März 2006, erneut veröffentlicht auf: Die Deutsche Volkshochschule, http://fuerkultur.blogspot.de/2006/03/ultra-darwinist-richard-dawkins-beginnt.html  
  6. Lorenz, Konrad: Der Abbau des Menschlichen. 1983
  7. Leupold, Hermin (Gerold Adam; posthum): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution des Weltalls und des Bewußtseins. Die Deutsche Volkshochschule, 23845 Bühnsdorf, 2001

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