Montag, 1. Januar 1979

Eine neue digitale Zeitschrift

Das Anliegen

Die digitale Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" wurde im März 2016 gegründet.

Abb. 1: Hermin Leupold - Die Evolution
aus der Sicht der Naturwissenschaft
und der Philosophie (1989-1996)
Ihr Selbstverständnis ist sehr stark orientiert an den Inhalten und Anliegen der gleichnamigen Zeitschrift, die im Jahr 1979 von Werner Preisinger (1905-1986) gegründet worden ist (s. FuerKultur), von der grundlegende Beiträge schon 2001 in einem Sammelband (1) (Abb. 1), und von der seit 1979 bis heute insgesamt über 150 Folgen erschienen sind (Abb. 2), die aber bislang noch keine eigene Internetpräsenz hat.

In der vorliegenden digitalen Zeitschrift, die in völliger Unabhängigkeit und Selbständigkeit gegenüber der Papier-Ausgabe der Zeitschrift gestaltet wird, sollen einerseits neue Aufsätze und Beiträge erscheinen. Es soll andererseits aber auch die bisherige Geschichte dieser Zeitschrift in wichtigeren Auszügen dokumentiert werden.

Auch werden ältere Aufsätze, die verstreut in anderen Zeitschriften und Blogs erschienen sind, aber gut zu den Anliegen der "Deutschen Volkhochschule" passen, hier noch einmal zugänglich gemacht, um an diesem Ort eine Bündelung wesentlich erscheinender Themen zu erreichen. Diese älteren Aufsätze werden -  ebenso wie die auszughafte Dokumentation der Geschichte der Papier-Zeitschrift - mit dem Datum eingestellt, mit dem sie erstmals erschienen sind. So spiegelt sich in dieser digitalen Zeitschrift gewissermaßen auch die Chronologie früherer Aktivitäten. Man kann in ihr dementsprechend "zurück" "blättern".

Warum in Frakturschrift?


Nun aber soll noch etwas zu dem Umstand gesagt werden, daß diese digitale Zeitschrift - so wie auch die genannte Papier-Zeitschrift - in Frakturschrift erscheinen. //Die Frakturschrift dieser digitalen Zeitschrift übrigens kann derzeit nur in normalen PC-Browsern gelesen werden, Tablets und Mobiltelefone bilden sie noch nicht ab.//

Zur technischen Seite der Verwendung der Frakturschrift läßt sich sagen, daß das in einem ersten Schritt vergleichsweise leicht umgesetzt werden kann. Denn dazu muß man nur die Anweisungen auf dem "Fraktur-Forum" (2) befolgen. Allen Fachleuten, "Schriftgelehrten" und Schriftsetzern ist aber klar, daß eine automatische Eins-zu-Eins-Umwandlung von Antiqua-Schrift zu Frakturschrift dem Charakter der überlieferten deutschen gebrochenen Schriften, bzw. Frakturschriften nicht gerecht wird. Denn die deutschen Frakturschriften kennen viele Typen, die es in der Antiquaschrift gar nicht gibt. So vor allem das lange s, jeweils eine einzelne Drucktype für sch, ch, ck und so weiter. Und diese Typen kommen bei der derzeit stattfindenden Eins-zu-Ein-Umwandlung gar nicht in Verwendung. Dieses Problem muß einstweilen hier in der digitalen Zeitschrift als ungelöst erachtet werden (s.a. 8).

Wir müssen hier abwarten, was die technische Weiterentwicklung in der Zukunft bringt. Irgendeinen Anfang wollten wir aber doch endlich einmal machen. Außerdem: Es macht ja dennoch Freude, auch moderne, aktuelle Texte in einer solchen Frakturschrift zu lesen. Ob es Ihnen, lieber Leser, nicht genauso geht? Das Einlesen ist doch gar nicht so schwer. Und es ist für denjenigen schon gar nicht schwer, der sowieso - auch sonst - einmal "alte Bücher" liest. Also deutschsprachige Bücher aus der Zeit vor 1941, in der die große Mehrheit aller Bücher in Fraktur und in gebrochenen Schriften gesetzt worden sind. Mag er diese nun in Papierform lesen oder - wie neuerdings überraschenderweise möglich - auch auf dem Tablet (über Google Play Bücher) (s. GA-j!, 24.10.16).

Aber warum überhaupt noch heute einen Internetblog, eine digitale Zeitschrift in Frakturschrift erscheinen lassen?

Abb. 2: Die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" ist seit 1979 in über 150 Folgen erschienen 

Seit dem 17. Juli 2017 ist diese Frage leichter zu beantworten als zuvor, da erschien nämlich in der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" ein Artikel mit der Überschrift "Wie Schrift unsere Art zu denken ändert" (7). Und dieser Artikel wurde sinnigerweise auf Google Plus unter Psychologie-Interessierten gleich weiter geteilt mit einer Abbildung zur deutschen Schreibschrift (Privatpraxis im Park). Hirnforscher untersuchen nach diesem Artikel derzeit die Gehirnaktivitäten beim Lesen von Schriften und ob unterschiedliche Schriften vom Gehirn unterschiedlich verarbeitet werden (7):
"Anders als bisher angenommen werden beim Lesenlernen auch Hirnstrukturen verändert, die evolutionär gesehen uralt sind, fanden Falk Huettig und sein Leipziger Kollege Michael Skeide heraus: Zentren im Thalamus und sogar im Hirnstamm organisieren sich neu. In einer aktuellen Studie untersuchten sie in Indien aufgewachsene Probandinnen, während sie sich die heimische Schrift Devanagari aneigneten. Diese lasen umso besser, je mehr die evolutionsgeschichtlich alten Hirnareale ihre Signale synchronisierten."
Und weiter:
"Auch der Einfluß der verschiedenen Alphabete ist noch weitgehend ungeklärt. Das Devanagari-System mit dem lateinischen Alphabet gleichzusetzen, könnte in die Irre führen. Einen Hinweis, wie die verschiedenen Kodes das Gehirn verändern, fand das Team um Huettig in verstärkter Aktivität der Areale V3 und V4 der visuellen Hirnrinde. Unterschiedliche Schrift - unterschiedliche Gedanken?  So etwas war bisher eher von Lesekundigen, die Chinesisch beherrschen, bekannt. Während nämlich das lateinische Alphabet auf Lauten, so genannten Phonemen, basiert, baut die chinesische Sprache auf Silben und ganzen Wörtern auf - Devanagari befindet sich als silbenbasierte Schrift dazwischen.

'Die Aktivität in den Hirnregionen hat wahrscheinlich damit zu tun, daß die Schriftzeichen viel komplexer sind und eher wie Objekte betrachtet werden', erklärt Huettig.  Daß Deutsche deswegen direkter und Chinesen abstrakter denken, läßt sich daraus aber nicht ableiten. Ein Team um Jay G. Rueckl von den Haskins Laboratories in New Haven untersuchte jüngst Sprachen mit hebräischer, lateinischer und chinesischer Schrift. Sein Ergebnis: Die neuronale Aktivität ist bei Lesern aller Systeme sehr ähnlich. Allerdings mangelt es noch an aussagekräftigen Studien, die einen derartigen Vergleich wagen.  Es gibt also noch eine Menge zu erforschen (...). Falk Huettig blickt jedoch optimistisch in die Zukunft: 'Die Wissenschaft interessiert sich heute mehr und mehr dafür, wie unterschiedliche Alphabete und andere Kulturgüter das Gehirn und das menschliche Verhalten beeinflussen.'"
Schon 2010 war der Sinn der Verwendung der deutschen Frakturschrift erörtert worden von dem israelischen "Deutschland-Philosophen" Yoav Sapir auf den Scilogs (Wissenschaftsblogs) von "Spektrum der Wissenschaft" (3,4). Er erörterte das auch vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen im Umgang mit dem hebräischen Alphabet in Israel.

In der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" ist zu diesem Gegenstand zuletzt im Jahr 1990 ein sehr inhaltsreicher Aufsatz erschienen (5). Damit in Zusammenhang kam auch einmal erneut ein Aufsatz des deutschen Verlegers Eugen Diederichs zu dieser Frage aus dem Jahr 1912 zum Abdruck (6). In diesen beiden Aufsätzen sind viele gute Argumente zusammen getragen, auf die wir uns auch hier in der digitalen Zeitschrift beziehen, und die - in Kurzform - darauf hinauslaufen, daß die deutsche Frakturschrift, die in der Dürer-Zeit in Deutschland geschaffen worden ist und bis zum Verbot durch Adolf Hitler im Jahr 1941 immer benutzt worden ist, ein Ausdruck deutschen seelischen Erlebens ist. Und daß sie als solcher Ausdruck seelisches Erleben auch immer wieder neu weckt und wecken kann, wenn wir Worte in dieser deutschen Schrift lesen.

Wir wollen dieses wichtige Kulturgut deutsche Schrift - zumal wenn es wie hier in der Zeitschrift in zentraler Weise um Seele und um seelische Ansprechbarkeit geht - nicht der Vergessenheit anheim fallen lassen. Wir wollen der Frage nicht gleichgültig gegenüber stehen, über welche Schrift wir uns den Schätzen der Kultur zuwenden.

Soweit sei dies zunächst hier in Kurzform festgehalten. Ein ausführlicher Gedankengang und ausführlichere Begründungen, die auch die angedeuteten aktuellen Forschungen mit berücksichtigen, sollte dringend nachgereicht werden. Und wir bitten Leser, uns dabei zu unterstützen!

/Zuerst veröffentlicht 13.3.16, 
letzte Überarbeitungen:
25.3., 4.4., 25.7.17/
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  1. Leupold, Hermin (posthum): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution des Weltalls und des Bewußtseins. Die Deutsche Volkshochschule, 23845 Bühnsdorf, 2001
  2. http://unifraktur.blogspot.de/2010/09/unifraktur-blog-in-frakturchrift.html, http://unifraktur.sourceforge.net/unifraktur-forum/viewtopic.php?p=258#p258 [14.9.2010]
  3. Sapir, Yoav: Sprache und Schrift - nicht zu überschätzen. Auf: Internetblog "Un/zugehörig - ein israelischer Blick auf Deutschland", 10. August 2010, http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/sprache-und-schrift-nicht-zu-untersch-tzen/
  4. Sapir, Yoav: “Korrektes” Deutsch mit Antiquaschrift? Auf: Internetblog "Un/zugehörig - ein israelischer Blick auf Deutschland", 12. August 2010, http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/korrektes-deutsch-mit-antiquaschrift/
  5. Schäfler, Wilhelm: Schrift und Sprache. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 65, Januar 1990, S. 1-10
  6. Diederichs, Eugen: Sollen wir die Fraktur abschaffen? In: Jahrbuch des deutschen Werkbundes, 1912, http://www.digitalis.uni-koeln.de/Werkbund/werkbund65-75.pdf; erneut abgedruckt u.a. in: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 65, Januar 1990, S. 12-15
  7. Landwehr, Tobias: Wie Schrift unsere Art zu denken ändert. In: Spektrum der Wissenschaft, 17. Juli 2017, http://www.spektrum.de/news/wie-schrift-unsere-art-zu-denken-aendert/1479833
  8. Zeidler, Ulrich: Ligafraktur.de; erläuternder Film: http://www.ligafaktur.de/Video.html

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