Sonntag, 15. November 1987

1987 - "Die Deutsche Volkshochschule" erfährt eine weitere Vertiefung ihres Gehaltes

Wie schon in einem früheren Beitrag ausgeführt (1), wurde die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" im Jahr 1979 von Werner Preisinger (1905-1986) gegründet, der ihre Inhalte bis zu seinem Lebensende Anfang 1986 als Schriftleiter bestimmte. Sein vormaliger enger Mitarbeiter und Nachfolger Kurt von Zydowitz (gest. 1986) starb noch im Herbst desselben Jahres (2).

Nach einer Übergangszeit von etwa einem Jahr hat dann Gerold Adam (1933-1996) bis zu seinem Lebensende die inhaltliche Gestaltung dieser Zeitschrift übernommen. Er schrieb in ihr unter den Namen Hermin Leupold, Wilhelm Schäfler und Gustav Eilers.

Sein unmittelbarer Einfluß auf die inhaltliche Gestaltung der Zeitschrift wird erstmals spürbar in der Folge 52 vom November 1987. In dieser kommt ein erstes Märchen von Gustav G. Engelkes zum Abdruck, "Das Märchen von Ebbe und Flut" (3). Es sollten während Gerolds Mitarbeit in der Folgezeit noch viele der Nordsee-Märchen von Gustav G. Engelkes in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangen. Schon in Folge 54 vom März 1988 folgte "Das Märchen vom schönsten Bild". (Zu Engelkes siehe auch: 4.)

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857) - 200. Todestag


Abb.: Schloß Lubowitz
In derselben Folge vom März 1988 hat Gerold dann auch den ersten seiner Aufsätze in dieser Zeitschrift veröffentlicht. Er galt dem Gedenken des 200. Geburtstages von Joseph Freiherr von Eichendorff (5). In diesem Aufsatz klingt schon ein Thema an, das bis 1996 ein wesentliches Thema der Zeitschrift bleiben sollte. Es wird an an viele Gedichte Eichendorffs erinnert und abschließend festgehalten (5, S. 24):
Es rührt uns Deutsche tief an, wenn wir heute seinen Gruß "An meinen Bruder" lesen. In ihm erinnert er wehmütig an das großelterliche Schloß Trost und an das geliebte Haus seiner Kindheit, Schloß Lubowitz, das aus wirtschaftlichen Gründen seiner Familie verloren ging. Uns klingt seine bittere Klage so, als habe er schon damals die furchtbare Tragik von 1945 vorausgeahnt.
Die Heimat
An meinen Bruder
Denkst du des Schlosses noch auf stiller Höh?
Das Horn lockt nächtlich dort, als obs dich riefe,
Am Abgrund grast das Reh,
Es rauscht der Wald verwirrend aus der Tiefe -
O stille, wecke nicht, es war als schliefe
Da drunten ein unnennbar Weh.
Kennst du den Garten? - Wenn sich Lenz erneut,
Geht dort ein Mädchen auf den kühlen Gängen
Still durch die Einsamkeit,
Und weckt den leisen Strom von Zauberklängen,
Als ob die Blumen und die Bäume sängen
Rings von der alten schönen Zeit.
Ihr Wipfel und ihr Bronnen rauscht nur zu!
Wohin du auch in wilder Lust magst dringen,
Du findest nirgends Ruh,
Erreichen wird dich das geheime Singen, -
Ach, dieses Bannes zauberischen Ringen
Entfliehn wir nimmer, ich und du!
                                         Joseph von Eichendorff

Themenkreis "Geschichte und Kultur der deutschen Länder jenseits der Oder"


Der Themenkreis Geschichte und Kultur der deutschen Länder jenseits von Oder, Neiße und Bayerischem Wald ist dann ab Folge 65 vom Januar 1990 wieder aufgenommen worden mit einer fünfteiligen Aufsatzreihe über "Die Deutsche Ostgrenze auf der Pariser Konferenz des Jahres 1919" (6). Für sie hatte Gerold die Mitarbeit eines Geschichtsstudenten gewonnen. Danach wurde derselbe Themenkreis immer wieder mit weiteren Beiträgen fortgeführt (z.B. 7). Eine Grundlage für mehrere dieser Beiträge waren auch die "Ostdeutschen Gedenktage", eine Reihe, die bis 2014 unter der Mitarbeit vieler deutscher Hochschullehrer von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen herausgegeben worden ist.

Als Deutscher gerät man leicht zu der Meinung und in die Haltung, die Entscheidung stünde einem frei, ob man sich an die Kultur und Geschichte der deutschen Länder östlich von Oder, Neiße und Bayerischem Wald erinnern wolle oder nicht. Zielrichtung und Absicht der Beiträge des eben genannten Themenkreises in der Zeitschrift waren aber eine andere. Ein Volk, das mit Gleichgültigkeit über den Verlust eines Drittels seines Landes hinweg geht, in dem 800 Jahre lang ein Viertel seiner Angehörigen gelebt haben, gibt damit ein vorweggenommenes Zeichen seines biologischen Todes, der auf solche seelische Anteilnahmslosigkeit mehr oder weniger zwangsläufig folgen muß, und dessen Vorhersehbarkeit heute - 2017 - schon mehr Menschen bereit sind, zur Kenntnis zu nehmen, als das im Jahr 1987 der Fall gewesen ist. Das heißt aber immer noch nicht, daß die Kenntnisnahme nun auch zu einer grundlegenderen Besinnung und Umorientierung führen würde, an der der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" aber alles gelegen ist.

Jedenfalls: Die Erinnerung an diesen Teil der Geschichte unseres Volkes kann nur schmerzhaft sein - wie auch mit dem Abdruck des oben stehenden Gedichtes zum Ausdruck gebracht wurde. Eine solche Erinnerung paßt damit sichtbar nicht in eine Gesellschaft, deren Grundhaltung die existentialistische und hedonistische ist, beides Grundhaltungen, die das Vorhandene als gegebenes Faktum nehmen und mit oder ohne Anteilnahme "erdulden" wollen. Aber eben dieser Umstand, daß diese Erinnerung mit einer vornehmlich hedonistischen Lebenshaltung in letzter Instanz ganz unvereinbar ist, enthält schon für sich selbst eine Antwort auf die Frage, ob einem die innere Entscheidung darüber frei stünde, sich in die Kultur und Geschichte der deutschen Länder östlich der Oder zu vertiefen oder nicht.

Es ist das schmerzhaft. Aber es ist Ausdruck des Selbsterhaltungswillens eines Volkes und - zugleich - Ausdruck jenes Gotterhaltungswillens, von dem so viele seiner wesentlichsten Beiträge zur Weltkultur getragen gewesen sind.

/veröffentlicht 
2.4.2017/
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  1. Bading, Ingo: 1979 - Die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" wird gegründet. Auf: Die Deutsche Volkshochschule (Digitale Zeitschrift), veröffentlicht 25.3.2017, http://fuerkultur.blogspot.de/1979/05/1979-die-zeitschrift-die-deutsche.html
  2. Dirks, Hans: Kurt von Zydowitz zum Gedenken. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 46, November 1986, S. 2f
  3. Engelkes, Gustav G.: Tidebuch. Parus-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1947
  4. Bading, Ingo: Er warb um Vertrauen zur Philosophie Mathilde Ludendorffs (1938) Gustav G. Engelkes - Ein Schriftsteller aus Ostfriesland. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 27. März 2016, http://studiengruppe.blogspot.de/2016/03/gustav-g-engelkes-ein-schriftsteller.html 
  5. o.N. (Gerold Adam): Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857). In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 54, März 1988, S. 23-25
  6. Rösner, Heinrich: Die Ostgrenze des Deutschen Reiches auf der Pariser "Friedenskonferenz des Jahres 1919". In: Die Deutsche Volkshochschule, Folgen 65-69, Januar bis September 1990
  7. Eilers, Gustav (Gerold Adam): Das Deutschtum der nach 1919 abgetrennten preußisch-deutschen Ostgebiete in den Jahren 1910 bis 1939. Erster Beitrag zum Rahmenthema "Die drei großen Bevölkerungsverschiebungen in Ostdeutschland/Westpolen in den Jahren 1919-1949". In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 73, Mai 1991, S. 17-20

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