Samstag, 25. März 2017

"Du seiest so allein in der schönen Welt ...."

Einiges zu Friedrich Hölderlin's Altersjahren

An den deutschen Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843), an sein Streben und sein Lebensschicksal kann nicht oft genug erinnert werden. Die Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule" hat mit einer intensiven Auseinandersetzung mit dem geistigen Erbe Hölderlins im Jahr 1990 begonnen (s. 9-12). Es kann als von großer Dringlichkeit empfunden werden, dass diese Auseinandersetzung weiter geführt wird, dass man nicht nachlässt in dem Bemühen, sich mit einem der größten deutschen Dichter und Denker ins Benehmen zu setzen. Im vorliegenden Beitrag sollen einmal zwei Lebenszeugnisse aus den Altersjahren Hölderlins, in denen Hölderlin - angeblich - geisteskrank gewesen ist, gebracht werden.

Ein Gedicht Hölderlins


Als erstes Lebenszeugnis aus Hölderlins Altersjahren in Tübingen soll hier auf ein Gedicht hingewiesen sein, das mit den berühmten, betroffen machenden Worten endet:
Du seiest so allein in der schönen Welt,
Behauptest du mir immer, Geliebter! das
Weist aber du nicht - - -
So lauten die letzten - abgebrochenen - Zeilen eines Gedichtes, das Friedrich Hölderlin in den ersten Jahren seines Lebens im Hause des Tübinger Tischlers Zimmer (ab Mai 1807) - neben unzähligen anderen Dichtungen - geschaffen hat, das aber als eine der wenigen von diesen vielen anderen für uns erhalten geblieben ist.

Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind,

Ich dir noch kennbar bin, die Vergangenheit

O du Theilhaber meiner Leiden!

Einiges Gute bezeichnen dir kann,


So sage, wie erwartet die Freundin dich?

In jenen Gärten, da nach entsezlicher

Und dunkler Zeit wir uns gefunden?

Hier an den Strömen der heiligen Urwelt.


Das muß ich sagen, einiges Gutes war

In deinen Bliken, als in den Fernen du

Dich einmal fröhlich umgesehen

Immer verschlossener Mensch, mit finstrem


Aussehn. Wie flossen Stunden dahin, wie still

War meine Seele über der Wahrheit, daß

Ich so getrennt gewesen wäre?

Ja! ich gestand es, ich war die deine.


Wahrhafftig! wie du alles Bekannte mir

In mein Gedächtniß bringen und schreiben willst,

Mit Briefen, so ergeht es mir auch

Daß ich Vergangenes alles sage.


Wars Frühling? war es Sommer? die Nachtigall

Mit süßem Liede lebte mit Vögeln, die

Nicht ferne waren im Gebüsche

Und mit Gerüchen umgaben Bäum' uns.


Die klaren Gänge, niedres Gesträuch und Sand

Auf dem wir traten, machten erfreulicher

Und lieblicher die Hyacinthe

Oder die Tulpe, Viole, Nelke.


Um Wänd und Mauern grünte der Epheu, grünt'

Ein seelig Dunkel hoher Alleeen. Offt

Des Abends, Morgens waren dort wir

Redeten manches und sahn uns froh an.


In meinen Armen lebte der Jüngling auf,

Der, noch verlassen, aus den Gefilden kam,

Die er mir wies, mit einer Schwermuth,

Aber die Nahmen der seltnen Orte


Und alles Schöne hatt' er behalten, das

An seeligen Gestaden, auch mir sehr werth

Im heimatlichen Lande blühet

Oder verborgen, aus hoher Aussicht,


Allwo das Meer auch einer beschauen kann,

Doch keiner seyn will. Nehme vorlieb, und denk

An die, die noch vergnügt ist, darum,

Weil der entzükende Tag uns anschien,


Der mit Geständniß oder der Hände Druck

Anhub, der uns vereinet. Ach! wehe mir!

Es waren schöne Tage. Aber

Traurige Dämmerung folgte nachher.


Du seiest so allein in der schönen Welt,

Behauptest du mir immer, Geliebter! das

Weist aber du nicht,

. . . . . . . . . . . . . . . . . .


Dieses Gedicht wurde erstmals 1921 in "Zwei Vorträgen" von Norbert von Hellingrath und dann in einer Hölderlin-Gesamtausgabe desselben Jahres veröffentlicht. (Digital zugänglich z. B. auch hier: U. Harsch.)

Was wissen wir über die Entstehung dieses Gedichtes? In der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe heißt es 1983 unter anderem (5), dass Hölderlin - gut bezeugt durch seinen Hausherren Zimmer - in den ersten Jahren seines Aufenthaltes im Tübinger Turm außerordentlich viele Gedichte geschrieben habe. Es wird vermutet, dass zu dem wenigen, was sich von diesen vielen Gedichten erhalten hat, dieses eine gehört. Und es wird weiter geschrieben:
Vermutlich spiegeln diese Ansätze den von Sinclair erwähnten Plan zu einem dritten Band des "Hyperion".
Friedrich Hölderlin wollte also zu seinem Briefroman "Hyperion" noch einen dritten Band schreiben, in dem also offenbar Diotima aus der Schattenwelt an Hyperion einen solchen Brief schreibt. Übrigens ist ja auch sein Drama "Agis" verloren. Es sollte doch einmal überprüft werden, ob die vielen Verluste hinsichtlich des Werkes von Friedrich Hölderlin nicht etwa nur "fahrlässig" wie bisher zumeist angenommen, sondern womöglich sogar mehr oder weniger bewusst zustande gekommen sind.*) 2010 war dieses Gedicht der Ausgangspunkt für eine neue Hölderlin-Studie von Seiten eines italienischen Germanisten (6). Der Inhalt und die These dieser Studie wird in einer Amazon-Rezension folgendermaßen wiedergegeben:
Bevilacqua nimmt die Schizophrenie Hölderlins sehr ernst und dies ist für ihn einer der Gründe, die 51 Verse des Gedichtes "Wenn aus der Ferne" aus der Turmzeit nicht Hölderlin zu zuschreiben. Neben rein medizinischen Gründen führt der italienische Germanist aber auch eine Reihe stilistischer Gründe an, dieses Gedicht für etwas zu halten, was man heute Fälschung nennt. Dem steht die Schwierigkeit gegenüber, daß dieses Gedicht in der Handschrift Hölderlins überliefert ist. Mit kriminalistischem Spürsinn versucht Bevilacqua, diesen gewichtigen Grund als Gegenargument aus dem Weg zu räumen. Das Buch liest sich sehr spannend und da Argumente und Gegenargumente offen liegen, kann sich der Leser selbst ein gutes Bild machen, ob er der Argumentation Bevilacquas folgen will.
Man fragt sich, welchen Drang solche Germanisten beseelt, dieses Gedicht Hölderlins zu einer Fälschung zu erklären. Nun, dieser hält sich dabei womöglich an das Hölderlin-Wort "Alles prüfe der Mensch, damit er die Freiheit lern, aufzubrechen, wohin er will". In einer anderen Amazon-Rezension zu dieser Studie (aus dem September 2011) liest man die beruhigenderen Worte:
Die Überbewertung biografischer Daten führt zu Fehlinterpretationen, die dann als Beleg dafür benutzt werden, Hölderlin geistige Verwirrung zu unterstellen. Demnächst erscheint im ATHENA Vg. als 23. Band der "Beiträge zur Kulturwissenschaft" eine Gegendarstellung zum traditionellen Hölderlinbild, die vom Biografischen Abstand nimmt, das Wort des Dichters wieder in den Mittelpunkt stellt und Hölderlins Schaffen in allen Lebensphasen rehabilitiert.
Es scheint das also immer noch nötig zu sein (7). Hölderlin mag also auch heute noch - - - sehr "allein" sein "in der schönen Welt". Dabei sind ja viele Hölderlin-Forscher - mit und seit Pierre Bertaux (4) - zu der Einsicht gekommen, dass Friedrich Hölderlin gar nicht geisteskrank war, sondern dies nur - nach den Worten des Hölderlin-Freundes Sinclair - eine “angenommene Äußerungsart” war, um sich der politischen Verfolgung, sowie den Zudringlichkeiten und Verständnislosigkeiten sogar seiner engsten Freunde und überhaupt seiner Zeitgenossen zu entziehen. (Siehe dazu auch seine Tragödie "Empedokles".) Der einzige Mensch, der ihn voll verstanden hatte - Susette Gontard - war im übrigen schon 1803 sehr plötzlich gestorben. (Sie war kurz vor ihrem Tod noch sehr gesund gewesen, war in Gesellschaft bewundert worden. Sie hatte sich dann bei den Röteln ihrer Kinder angesteckt und ist daran dann überraschend schnell gestorben. "Dahingewelkt", würde man wohl im Sprachduktus der damaligen Zeit sagen.)

"Der Mann steht erstaunlich da"


Abb. 1: Stahlstich von Xaver Steifensand nach einer Zeichnung von Wilhelm Kaulbach
zu "Wallenstein’s Tod" von Friedrich Schiller, erster Aufzug, erster Auftritt 

Nun noch ein zweites Lebenszeugnis. Der Hölderlin-Biograph Christoph Theodor Schwab (1821–1883) besuchte im Jahr 1841 - also zwanzig bis dreißig Jahre später Hölderlin mehrfach, der immer noch im selben Haus lebte - nun bei der Tochter des Tischlers Zimmer, deren Vater verstorben war. Schwab berichtet unter anderem (zit. n. 1, S. 18):
25. Febr. (...) Heute ging ich wieder hin. (...) Er war freundlich und sprach ziemlich viel und deutlich. (...) Zimmers Tochter erzählte mir, dass er an den neu herausgekommenen Stahlstichen von Kaulbach zu Schillers Werken in Einem Band, die man ihm zeigte, eine große Freude gehabt habe, besonders habe ihm die Scene aus Wallenstein (nach meiner Ansicht auch die beste) gefallen, er habe gesagt: "Der Mann steht erstaunlich da". Überhaupt hat er für Kunst noch viel Sinn und Urteil.
Die hier erwähnte Ausgabe von Stahlstichen war 1840 herausgekommen (2; s.a. 3). (Dieser Bericht Schwabs ist auch behandelt in der Frankfurter Ausgabe der Gesammelten Werke Hölderlins, Bd. 9, 1983, S. 336f.) Schauen wir noch, zu welchem Geschehen dieses Bild die Erläuterung geben sollte. Es handelt sich um Wallensteins Entschluß zu handeln. Wallenstein sagt über die ihm angeblich günstige Konstellation der Planeten (Wallensteins Tod):
Nicht Zeit ists mehr zu brüten und zu sinnen,
Denn Jupiter, der glänzende, regiert
Und zieht das dunkel zubereitete Werk
Gewaltig in das Reich des Lichts - Jetzt muß
Gehandelt werden, schleunig, eh die Glücks-
Gestalt mir wieder wegflieht überm Haupt,
Denn stets in Wandlung ist der Himmelsbogen.
Der Betrachter des Bildes sieht natürlich zugleich, dass dieser Entschluss Wallensteins zum Handeln zugleich sein Ende ist. Auch dieses Kunsturteil Hölderlins aus dem Jahr 1841 zeigt, dass er noch in seinen letzten Lebensjahren seelischer Anteilnahme sehr wohl fähig war, dass er seelische Aufgeschlossenheit zeigte.

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*) Friedrich Hölderlin war der Anreger und Jugendfreund Georg Friedrich Wilhelm Hegels, jenes Philosophen, der seit 1804 von Goethe und Niethammer weiter empfohlen wurde und im geistigen - und damit auch politischen Leben - von Jahr zu Jahr einflussreicher werden sollte. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch von Bedeutung, dass Hölderlins Freund Sinclair schon 1815 "überraschend" mit 39 Jahren auf dem Wiener Kongreß starb, ebenso Hegel 1830 mit 61 Jahren. Über die Ursachen des Todes von Hegel ist sich die Forschung - wieder einmal - keineswegs einig.
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  1. Beck, Adolf: Aus den letzten Lebensjahren Hölderlins. Neue Dokumente. S. 15ff, http://www.hoelderlin-gesellschaft.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Jahrbuch_194849/194849_15.pdf 
  2. Stahlstiche zu Schiller’s Werken in Einem Bande nach Zeichnungen von W. Kaulbach. Stuttgart, Tübingen: Cotta, 1840. Bl. 7-8
  3. Schiller in Detmold Eine Ausstellung zum 200. Todestag des Klassikers. Auf: http://www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus-unserer-arbeit/ausstellungen/ausstellung-2005-1/3-teil.html
  4. Bertaux, Pierre: Friedrich Hölderlin. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/M. 1978
  5. Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. von D. E. Sattler. 20 Bde. und 3 Supplemente. Stroemfeld Verlag, Frankfurt a. M. 1975–2008 („Frankfurter Ausgabe“). Bd. 9: Dichtungen nach 1806, Mündliches. Verlag Roter Stern, Frankfurt am Main 1983, S. 37 (lesbar auf Google Bücher)
  6. Bevilacqua, Giuseppe: Eine Hölderlin-Frage. Wahnsinn und Poesie beim späten Hölderlin (Germanistische Texte und Studien) 2010 (Amaz.)
  7. Horowski, Reinhard: Hölderlin war nicht verrückt. Eine Streitschrift. Klöpfer & Meyer, (lesbar auf Google Bücher)
  8. Kreuzer, Johann (Hrsg.): Hölderlin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Springer-Verlag, Stuttgart 2016 (lesbar auf Google Bücher)
  9. Leupold, Hermin: Gedenken an Friedrich Hölderlin. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 68, Juli 1990, S. 1-3, http://fuerkultur.blogspot.com/1990/07/gedenken-friedrich-holderlin.html
  10. Schäfler, Wilhelm: Friedrich Hölderlin. Versuch zur Erfassung seines Werkes. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 69, September 1990, S. 21-24, http://fuerkultur.blogspot.de/1990/09/friedrich-holderlin.html
  11. Leupold, Hermin: Antworten auf Grundfragen zur menschlichen und kosmischen Existenz. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 71, Januar 1991, S. 1-4
  12. Leupold, Hermin (posthum): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution des Weltalls und des Bewußtseins. Die Deutsche Volkshochschule, 23845 Bühnsdorf, 2001

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